Ausgabe 
30.4.1908 Zweites Blatt
 
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N-. 101 «W-U-S Blatt iss. Jahrgang

Donnerstag, 30. April 1908

Erschein! tLgNch tnti ffutnä6ntt de» Sonntag».

Die ^Siegener Lomtttenblätter- werden dem ,9ln8etger* viermal wSchenlüch beigelegt, das Kretsblatt fflt den Kreis Glesien" zweimal wöchentlich. Derfieffifdft Canbrotrt" erscheint aumatlid) etnmaL

Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhejjen

NataftonSdnrck and Verlag btt Brüh Ischen Unteerfwiti < 0u<t> anfc Cfetnbtudcirt» 8t dangt, Lietzen.

RebaTHon, Txpedttioa and Druckerei r Schul- pratzi 1. TrvedMon and Verlag i ey® 6L Redaktionen 112. Tet-Adra AnzetgerGußen.

Deutscher Reichstag.

145. Sitzung, Mittwoch, 28. April.

Am Tische des Bundesrats: b. B e th m a n n - H o llw e a, Dr. b. Joncquieres, Robolsky.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15. Minuten.

Das HauS ist mäßig stark besetzt.

Das Provisorium in der Organisation bc3 Patentamtes.

Zunächst steht zur dritten Beratung der Gesetzentwurf über die Beschäftigung von Hilfsmitgliedern im Kaiserlichen Patent, amte. Danach können innerhalb dreier Jahre, bis zum 31. März 191 lz be§ Bedürfnisses Personen, welche die Befähigung

zum Richteramte oder zum höheren Verwaltungsdienste besitzen, oder in einem Zweige der Technik sachverständig sind, mit den Verrichtungen eines Mitglieds des Patentamts beauftragt werden. Die dreijährige Befristung ist in der zweiten Lesung eingefügt worden. Eine Kommiffionsberatung hat über diesen Gesetz- entwurf nicht stattgefunden.

. , . Abg. Guno (freis. vp.)

äußert die bekannten Bedenken über die Stellung der Hilfsarbeiter zu den Mitgliedern des Patentamts. Sei es denn wirklich ange- bracht, für ein dreijähriges Provisorium diese Aenderung in der Organisation zu treffen, die eine Anzahl neuer Stellen erfordere? Auf seine Anregung erklärt

Geheimrat Nobolöky daß die Hilfsarbeiter nur in der Nnmeldeabteilung beschäftigt werden sollen. Es würde sich um etwa 20 Hilfsarbeiter handeln.

Der Gesetzentwurf wird in dritter Lesung verabschiedet.

Die Novelle znm vnterstütznngSwohnfitz.

Zur Novelle über den NnterstützungSwohnsitz, die nunmehr in zweiter Lesung beraten wird, liegen drei R e s o l u . t i o n e n vor.

Die Kommission beantragt in einer Resolution, den k C a o 3^er 3U ersuchen, nach Möglichkeit dahin zu wirken, daß durch Landesgesetze die Zusammenlegung von mehreren Gemein­den und Gutsbezirken zu OrtSarmenverbänden geregelt wird, um hierdurch möglichst große verbände zu schaffen. Eine zweite Resolution der Kommission betrifft die Grenzarmen, verbände, die durch die Uebernahme von auS dem Ausland ab- geichobenen Deutschen überlastet sind. Der Reichskanzler Wir­ersucht, dahin zu wirken, daß diesen verbänden die Kosten durch den Staat ersetzt werden. Die wirtschaftliche vereini- g u n g bat eine ResolutionKölle-BehrenS eingebracht, die den Reichskanzler ersucht,

1. Ermittelungen dahin anzustellen, welche Mängel dem öffentlichen Armen- und Fürsorgewesen, insbesondere den Ar- beitshäusern, den Asylen für Obdachlose, Der- pflegungsstationen usw. anhaften, und das Ergebnis darüber dem Reichstag baldigst vorzulegen;

2. eventuell ira Wege der Gesetzgebung schleunigst Abhilfe zu schaffen, insbesondere auch in der Richtung, daß die jetzigen schweren Mißstände, die sich bezüglich der hilfsbedürftigen arbeitsbereiten Wanderarmen vornehmlich aus § 28 des Unterstützungswohnsitz-.-s ergeben, beseitigt werden.

Im übrigen sind Anträge zu dem Gesetz nur von den So­zialdemokraten eingegangen, deren wesentlichster ein. heitliche Provinzialarmenverbände bezw. einheit. liche Staatsarmenverbände bei den kleineren Bundesstaaten ver. langt. Ein weiterer Antrag setzt die Hälfte des ortsüblichen TagelohnS als Mindestgrenze der Unterstützung fest.

Berichterstatter der Kommission ist der Abg. Horn- Neuß (natlib.).

Abg. Dr. Belzer (Zentr.)' spricht die Zustimmung und Genugtuung seiner Freunde aus und erläutert die übrigens nicht sehr erheblichen Aenderungen, die die Kommission am Gesetzentwurf vorgenommen hat.

Abg. Stolle (Soz.) klagt über den agrarischen Eharakter des Gesetzes und spricht im Sinne des sozialdemokratischen Antrags.

Abg. Krcth (kons.):

Wir haben auf Erfüllung von Wünschen verzichten muffen, wir wollten das Gesetz nicht gefährden. Wir haben aber den großen !

Vorteil erreicht, daß die Betriebsgemeinden, soweit e§ berechtigt ist, zu den Lasten herangezogen werden. Wir nehmen Abstand davon, unsere Anträge aus der Kommission wieder einzubringen. *'eil wir glauben, daß die Herabsetzung der Armenmündigkeit die wesentlich, sten Schäden beseitigen wird; sollte sich das nicht als zutreffend Herausstellen, so wird später Zeit fein, eine weitere Novelle zu fordern. Der Redner wendet sich gegen Stolle, der von schlechter Behandlung der Landarbeiter gesprochen hatte. Es können doch nur ausnahmsweise vielleicht krankhafte Naturen ihren eigenen Vorteil so weit verkennen; diese Leute geben wir gern preis. Es gibt ja auch Rechtsmittel, und aus eigener Erfahrung weiß ich, daß ; die Gerichte das verständige Bestreben haben, etwaige übertriebene

Schärfen der Arbeitgeber herabzumildern. Neues kann zu dem Gesetz hier nicht mehr gesagt werden. Wir werden für die Kom­missionsresolutionen stimmen, dageg'n die Resolution der wirt, schaftlichen Vereinigung ablehnen weil wir es nicht für richtig halten, eine fo wichtige Materie kur,erhand ohne KominissionSbera, tung zu erledigen. Wir sind aber iem bereit, sie in einem veson. deren Gesetze im Sinne der Resolu.-ion zu regeln.

Abg. Horn (Reuß, natl.):

Wir halten das Gesetz durchaus nicht für ein agrarisches, wie es die Sozialdemokraten tun. Ihrer Nesolutton können wir nicht zustimmen, da sie weit über den Rahmen dieser Gesetzesnovelle hin. ausgeht, nämlich einer Entlastung der kleinen ländlichen und der Vorortsgemeinden auß Kosten der Industrie, und Zentralgemein- den. Wir können die sinanziellen Wirkungen dieser sozialdemckra. tischen Resolution nicht übersehen; ihre Tendenz ist uns ober durch. miS sympathisch. Der Redner'äußert sich über die bekannten Gründe für die Herabsetzung des Mundigkeitsalters und der Aufent- hallsftist für Erwerb und Verlust des Unterstützungwohnsitzes.

Abg. KSlle (wirtsch. Vgg.):

Wir werden für die Vorlage stimmen. Die Behauptung des Abg. Stolle, daß sie von einseitigen agrarischen Jntereffen dittiert sei, ist durchaus unrichttg. Wenn die jungen Leute auf dem Lande, sobald sie erwerbsfähig werden, in die großen Städte gehen, so ist es auch recht und billig, daß diese die Armenlasten tragen. Der Redner weist auf die großen Verdienste hin, die Pastor Vodel. schwingh auf dem Gebiet der Armenfürsorge sich erworben hat. Die sozialdemokratische Resoliition lehne seine Partei ab.

Abg. Törksen (Rpt.):

Wir halten eine gerechtere Verteilung der Armenlasten für er­forderlich und werden dem Gesetz in der Fassung der Kommissions. beschlüsse zustimmen. Die Resolution Kölle, deren Tragweite wir nicht übersehen können, werden wir ablehnen.

Abg. Cuno (freis. Vp.):

Die Verteilung der Armenlasten ist nicht die Hauptsache, das Wichtigste ist, den Armen Hilfe zu bringen. Wir werden dem Ge. setz, wie es aus der Kommission gekommen ist, zustimmen, weil es uns einen Schritt vorwärts bringt. Es bringt uns die Rechtsein- heit auf dem Gebiete des Armenwesens. Von einem agrarischen Gesetz kann man hier nicht reden. Man glaubt eben, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse sich so entwickelt haben, daß heute schon beim 16. Lebensjahre eine wirtschaftliche Selbständigkeit vor­handen ist. Gewisse Mängel waren auf dem Lande vörbanden. Wenn die Armenverbände ihre Pflichten erfüllen sollen, müssen sie möglichst groß gestaltet werden.

Abg. Hug sZtr.)

empfiehlt die Resolution über die Grenzarmenverbände.

Nach einer Erwiderung des Abg. Kaden (Soz.) auf Kreth wurde der Antrag der Sozialdemokraten abge- lehnt, der Gesetzentwurf in der Fassung der Kommissions« beschlüsse nach kurzer Erörterung seiner Einzelbestimmungen an« genommen, ebenso die beiden Resolutionen der Koni« Mission und die Resolution der wirtschaftlichen Vereinigung.

Der Vogelschutz.

Zur zweiten Lesung des Vogelschutzgesetzes liegen mehrere An- ttäge vor. Die Kommission, für die der Abg. Fuhrmann (nl.) den Bericht erstattet, hat die Regierungsvorlage u. a. auch in einem wesentlichen Punkte geändert, indem sie das Verbot d e ö KrammetSvogelfangs im Dohnen stieg ausspricht, den der Entwurf der Regierung wie bisher für oie Zeit vom 21. September bis 31. Dezember zuläßt. Der Abg. Feldmann

, (kons.) beantragt mit einigen Abgeordneten des Zentrums und der , Rechten in dieser Beziehung die Wiederherstellung der Regierungs­vorlage, ebenso der Abg. Engelen (Ztr.). Das Gesetz verbietet im t übrigen den Vogelfang nicht durchaus, sondern führt nur eine 1 Schutzfrist ein, die vom 1. März bis zum 15. Seplember reicht.

Abg. Dr. Varenhorst (Rp.) beantragt mit Mitgliedern sämt­licher Parteien, eine Hinausschiebung deS Herbst- termins auf den 1. Oktober mit Rücksicht darauf, daß die Zeit nach dem 15. September die eigentliche Zugzeit der Vögel ist in der sie den Vogelstellern massenhaft inS Netz gehen.

Dieser Antrag wird angenommen. Die Kommission hat innerhalb der Schutzfrist in Erweiterung der Regierungsvorlage die Ein-, Aus- und Durchfuhr nicht nur von lebenden, sondern audr von toten Vögeln der in Europa einheimischen Arten, sowie dev T^a ns Port solcher Vögel zu Handelszwecken unter­sagt. Für Meisen, Kleiber und Baunüänfer erstreckt sich das Verbot auf das ganze Jahr. Ein Antrag der Abgg. B i n d e w a l d und Werner (Ref.-P.), den Handel und Transport von in der Ge­fangenschaft gezüchteten Gimpeln (Dompfaffen) auch inner­halb der Schutzftist zu gestatten, wird abgelehnt.

Die Haupterörterui"> dreht sich um den KrammetS- vogelfang.

Abgg. Dr. Engelen (Ztr.), Feldmann (kons.) und Frhr. v. Wolff-Metternich <Ztr.) sprechen für die Wiederherstellung der Regierungsvorlage.

Abg. Dr. Darenhorfl (Rp.) erklärt den Fang für eine mittelalterliche Roheit. 90 Prozent der im Dohnenstieg gefangenen Vögel feien Singvögel. Frhr. von Metternich werde wohl, wenn er in seinen Wahlkreis znrück- kehre, mit einer dampfenden Schüssel Krammetsvögel empfangen werden.

Abg. Dr. Pfeiffer (Ztr.) empfiehlt die von der Kommission beantragte Resolution, die den Reichskanzler um Anregung der Einzelstaaten dahin ersucht, daß regelmäßig Merkblätter über den Vogelschutz, besonders durch Sckongehege, Nistkästen und Winterfütterung in den Schulen uni durch die Presse verbreitet werden.

Abg. Schultz (Bromberg, Rp.) beantragt in einer Resolution: die verbündeten Regienmgen zu ersuchen, mit den Regierungen anderer Staaten, in denen der Krammetsvögel gefangen wird, in Verhandlungen über den Schutz dieser Vögel zu treten, zwecks Abschlusses internationaler Verträge, durch die das Fangen solcher Vögel in den vertrag­schließenden Ländern untersagt wird.

Der Redner verweist zur Begründung dieser Resolution darauf, daß man mit dem Verbot deS KrammetSvogelfangs, wenn es sich auf Deutschland beschränke, lediglich den anderen Ländern die Möglichkeit gebe, mehr Krammetsvögel zu fangen und sie gebraten 3U teueren Preisen nach Deutschland zu verkaufen. Deutschland geht auf allen Gebieten voran, lvirst alles fort, in der Hoffnung, daß die anderen Staaten nachfolgen, so z. B. bei den Export­prämien für Zucker, aber den anderen Staaten fällt das gar nicht ein.

Abg. Ahlhorn (frl Vp.) üußert sein Befremden Darüber, daß sich im Reichstag eine erheb­liche Stimmung für die weitere Duldung des KraminetsvogelfangeS -,eige. 80 Prozent der Bevölkerung werden sich freuen, wenn er verboten wird.

Sämtliche Anträge zu §8 werden abgelehnt, der Kommissionsbeschluß wird unverändert be­stätigt, der Kraminetsvogelfang ist also ver­boten. Das Ge setz tritt am 1. Juli 1908 in Kraft.

Abg. Fuhrmann (nl.) begründet diesen Zeitpunkt unter großer Heiterkeit de- Hauses damit, daß er Herrn v. Wolff-Melternich die Möglichkeit lassen wolle, wenigstens in diesem Jahre noch seine Krammetsvögel zu essen.

Mit diesem Dogelschutzgeseh wird zugleich der von der Kom- misswn in daS Gesetz eingearbeitete Artikel angenommen, der als Novelle zur Gewerbeordnung in die Verbotsbestim- mungen über den Trödelhandel auch den Handel mit lebenden Vögeln einfügt.

Donnerstag 1 Uhr: Postdampfersubvention, Stempelabgabe aufKraftfahrzeuge, Teuerungszulagen, Münzgejetz und Postscheckgesctz.

Schluß 6?, Uhr.

politische Sagessch^u.

Die Mörder von Bjalostok begnadigt.

Man schreibt der Nussischen Korrespondenz ans Petersburg: Von den Begnadigungen der Pwgromhetden, an die man sich allmählich gewöhnt, ist die der Raubmörder von Bjalostok die haarsträubendste, sowohl der Persönlichkeit der Verbrechet als des Zeitpnnktes wegen, an dem die Begnadigung erfolgt. Von den Hooligans, die der Teilnahme am Bjalostoker Progrom be­schuldigt werden, sind bis jetzt nur diejenigen gerichtet worden, welche den Progrom an der Eisenbahnstation Bjalostok veranstaltet Men. Tie Untaten an der Eisenbahnstation sind bekanntlich die grausamste Episode des ganzen Progroms. Auf der Station wurden Inden, die mit den Zügen ankamen und nichts ahnend sich ans den Perron hinauswagten, von Hooligans überfallen und nach schrecklichen Quälereien ermordet, im Beilern und unter Zuziehung der ganzen Stationsverwaltung und des Mili­tärs. Ter Stationsches selbst und einige Stations-Bedienstete heben an dem Morden teilgenommen. Die erste Gerrchts-Un- tersuchung ergab solche Resultate, daß das Gericht nach den ersten Sitzungen sich genötigt sah, Vertagung eintreten zu lassen, um die ganze Sache einer neuen Untersuchung »u unterziehen. Das zweite Gericht verurteilte die Schuldigen zu Zwangsarbeit und zum Verluste der bürgerlichen Rechte. Run sind alle diese Helden begnadigt worden. Einem, Demianit- schenko, sind acht Jahre Zwangsarbeit in em Jahr Gefangms- hoft verwandelt worden. Demjanitschenko hat folgeirdes getan: As einige verwundete Juden auf dein Platze vor dem -oalpu- Hof liegen blieben, eilte er herbei und zerschmetterte ihnen die Schädel mit seinem Fuße unb mit einem Stein. Nach dieser Hel­dentat trat er ruhig ziir Seite und reinigte feine blutbefleckten Stiefel im Grase. Die Nachricht von die,er Begnadigung wird von den Organen des Verbandes des runlschen Volkes unter der fett gedruckten UeberschriftKaiserliche Gnade' im Volke verbreitet.

Airchlich-sozialer Kongreß m

S. u. H. Bielefeld, 28. April.

Unter zahlreicher Beteiligung findet freute im votelVereins­baus" der kirchlich-soziale Kongreß Jtatt. xen -Vorsitz führte Chefredakteur Dietrich von Oertzen. Die Konferenz wolle nichs anderes, als was Wichern gewollt habe: "lAt Cfrrifkntum nnr bei Lehre, der Worte, der Empfindungen, fondern efrriftentum btt Tcck! (Lebh. Beifall.) - In die ^rhan^ungen emttttend referierte Prof. D. Lütgert-Halle über das Thema. .IBas heißt christliche Arbeiterbewegung? Eme christliche '.'lrbeiterbewegimg ist'schon darum nötig, weck wir in der L-ozml- bemotraue eine antichristliche und antisirchliche Bewegung vor uns haben. Die deiitsche ^ozialdenwlralu ist.und batet materialistisch, und von ^efer inale^lifttfchen Mltaw- Ifiauung gilt es, die Arbeiter zu befreien. Das ist nur.möglich durch eine christliche Arbeiterbewegung. Das Christentum soll

aber nicht nur als Hemmschuh der Arbeiterbewegung wirken. Eine christliche Arbeiterbewegung ist nicht nur als Gegengift gegen die Sozialdemokratie notwendig, sondern sie hat ihr ei­genes positives Ziel. Die christliche Arbeiter schäft kann nicht nach einer Zerstörung des Klassenstaates streben, das Ideal der Gleichheit ist fein- christliches. Aber auch durch Wohltätigkeit und durch ein patriarchalisches Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeiterschaft kann die Tendenz der Arbeiterschaft zu re­volutionären Bewegungen nicht übertounben werden. Wir er­kennen vielmehr an, daß die Gliederung des Volkes i n verschiedene Stände eine Notwendigkeit ist und das Ziel der Arbeiterbewegung ist die Eingliederung der Arbeiterschaft als eines selbständigen mitwirkenden Gliedes in das Ganze der Gefellsäsaft. Nicht ein Zerstören, aber auch nicht ein Festhalten, sondern ein Fvrtenttvickeln der sozialen Ver­hältnisse ist unsere Aufgabe. Eine christliche Arbeiterbewegung ist auch national, weil sie die Nation ebenso toie die Stände als von Gott gegebene Realitäten anerkennt. Endlich sieht sie als höchste Aufgabe der Politik nicht mir die Volksernährung, son­dern die Volkscrziehung an. Tie Aufgabe der Volkserziehung ist ivtber burch die Familie iwch durch die Schule vollstänbig zu lösen, noch weniger nrirb sie durch die Polizei gelöst, denn diese kann erst eintreten, wenn es sich um Abwehr handelt. Auch die Arbeiter können zu mitarbeitenben Gliedern ber Gesellschaft nur erzogen werben burch eine christliche Arbeiter­organisation. Tavvn, baß eine solche sich bildet, hängt die äußere unb innere Ueberwmdung der Sozialdemokratie ab. Die Ausführungen des Rebners wurden wiederholt durch Bei.-' fall unterbrochen.

NachmckiagS werden die Verhandlungen fortgesetzt.

lieber Religion in der Schule sprach Pros, ^anber- Güterslofr. Er führte aus: Tas Festlmlten am Religionsun­terricht ist geschichtlich bcgrüitbci; alle evangelischen Sckul- orbnungen stellen diesen als den wiclstigsten Unterricht der Sdjulc hin. Ferner nrirb ohne Religionsunterricht die frarnwnische Aus­bildung aller Anlagen, welche auch dessen Gegner auf der Schule wollen, beschränkt; es fehlt gerade bas Zentrum des Unterrichts und die Gruiidlage des Willcnslebens, und ohne die biblische und Kirchengeschichte ist aiich die Weltgeschichte nicht zu verstehen. Auch der Rat, statt biblischer Geschichte und cfrriftlidjer Glaubenslehre Moral zu lehren, ist nicht annehmbar. In Frankreich ist zu sehen, welche Frucht religionslose Schulen schaffen. Eine liberale französische Zeitung klagt:Alle Ideale schwinden mit dem religiösen Ideale". Aehnliche Klagen werben in Nordamerika laut.

Ter ftbrreferent, Rektor Adams aus Bremen, führte einleitend aus, baß er mit dem Referencen darin völlig einig sei, daß ber Religionsunterricht der Volksschule erhalten bleiben müsse. Die Nöte und Kämpfe unserer Zeit verleihen dem Re­ligionsunterricht eine erhöhte Bedeutung. Der Kampf der ma- terialistisch-nwnistischen Weltanschauung auf der einen und der christlichen Wrttanfchauuns auf der anderen Sette drängt uns.

bas Evangelium als bie Lcbensmacht unseres Volkes den jugenb- lichen Herzen tief einzuprägen. Tie sozialen Nöte treiben zur Bilbung christlicher Persönlichkeiten; letztere allein können eine Gesunbung unseres Volkslebens frerbeifüfrren.

Ter Parteitag setzte am 28. April in Leipzig feine Verfranb-- lungen fort. Im Anschluß an ben Bericht des Abg. Bindewald über bie Tätigkeit ber Fraktion im Reichstage nnd bie Stellung zum Börse ngesetz und zur Blockpolittk kam auch derFallBruhn zur Erörterung. Tie Reichstagsabgg. Bruhn und Gäbel haben s. Zt. im Reichstage mit den Blockparteien f ür das Börsen- 6 esetz gestimmt, während die übrigen Mitglieder der Reform­partei dagegen stimmten. Ter Parteitag frat die Haltung dieser beiden Avgeowneten bereits gcmißbilligt, indem er den Abg. Bruhn, den bisherigen zweiten Vorsitzenden, nicht wieder in den Parteivorftand geivählt frat. Der Reichstagsadg. Bruhn ver­teidigte sein Verhalten damit, daß ihn Vlockrücksichten zu biefein Entschlüsse veranlaßten. Demgegenüber betonte der Vorsitzende Abg. Zimmermann, daß bie mangelnde Einheitlichkeit ün Auftreten der Fraktion eine schlimme Schädigung der Partei barst.ckle. Tie Rücksicht auf den Block' dürfe nicht da^u führen, dec Ueberzcugung Opfer zu bringen, zumal die Blockpolitik kaum zu einer Vertiesiing des nationalen Gedankens führen würde. Von einer Beschlußfassung wurde abgesehen. Es folgte dann die Besprechung über die Stellung der Reform Partei zu den Deutschsozialen. Ter Abg. Zimmermann führte hierzu aus, baß bindende Abniachungen mit den Teutschsozialen nicht bestäuben, doch solle eine gegenseitige Bekämpfung ver- ntieben und der beiderseitige Besitzstand nicht gestört werben. Ter Parteitag beschäftigte sich sobann mit ber Wa hlrechts- frage und nahm folgende Resolution an:Der Parcei- tag möge beschließen: in allen Bundesstaaten ist gruudsäp-ttch eine Verfassung anzustreben, die für Landtagswafrlen alle Klassen- und Standesvorrechte beseitigt und die direkte, geheime Wahl mit Wahlzwang forderc. Alle Einzelheiten (wie Zusatzstimme mtt 40 Jahren, Proportionalwahlen, Reichstags- wahl^Ystem il bergt) sind der Parteiorganisation in den Eiuzel- staaten zu überlassen." Zur Privatbeamtenbeweaung wurde auf Antrag des Leipziger Reformvereins folgende Reso­lution angenommen:Ter Parteitag der deutichen Reform­partei wolle beschließen, baß bie berufenen Vertreter der Partei - nach tote vor die Bestrebungen unb Forderungen der einen wesentlichen Teck des deutschen Mittelstandes bildenden Prioat- beamten in der entschiedensten Weise fördern und besonders eintreten möchten 1. für eine reichsgesetzlich geregelte beson­dere Pensions- und Hinterbliebenen-Bersicherung ber Privatbeam­ten, 2. für eine Beseitigung ber bas Forckominen der Privat- beamten (der Kaufleute, Techiiiker, Werkineister usw.) beschränken­den Kvnknrrenzllausel, 3. für eine Gleichstellung der Privat-^ beamten mit den Staats- und Gemeindevcamten in Hinsicht auf gerichtliche Gehalcspsänbuugen. Mir einem Ausflug nach dem Völkerschlachtdenkmal fand der Parteitag dann sein Ende