sich immer mehr. Der Ministerpräsident Franco hat den König eilt Dekret unterzeichnen lassen, durch welches den Gerichtshöfen das Recht eingeräumt wird, alle Agitatoren und Ruhestörer des Landes zu verweisen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 31. Jan. 1908.
Freibahn-MoLorbetrieb.
Auf Grund sicherer Nachrichten aus der Budgetkommission des Reichstags, beabsichtigt das Kriegsministerium, in Uebereinkunft mit solchen Landgemeinden, die niemals Aussicht haben, direkt an ein Eisenbahnnetz, angeschlossen zu werden, Unternehmungen zu unterstützen, welche die Einrichtung eines Motorbetriebs auf der vorhandenen Chaussee für Güter- und Personenverkehr zum Zweck haben. Der Abg. Köhler- Langsdorf, in Voraussicht dessen, daß die Gemeinden vor solchen einen Vorsprung haben werden, die die Lage begreifend, alsbald in zielbewußter Weise vorzugehen sich entschließen können, hat deshalb den Gemeinden Holzheim und Grüningen den Vorschlag gemacht, sich in einer von ihm entworfenen Eingabe einstweilen an das Kriegsministerium zu wenden. Beabsichtigt ist von Letzterer, solche Freibahn-Motor-Linien seitens des Reichs zu unterstützen mit der Absicht, den gesamten Fuhrpark im Falle eines Krieges in den Dienst des Reichs zu stellen. Für die genannten Gemeinden käme die Freibahn Gam- bach—Holzheim-—Grüningen —Gießen in Betracht.
Es wäre sehr zu wünschen, daß die genannten Gemeinden alsbald in Aktion treten und ihnen die tatkräftige Hilfe des Großh. Kreisamts Gießen (und auch hinjicht- lich Gambach!) die Hilfe des Kreisamts Friedberg zuteil werden möchte. — Zielbewußt und schnell handeln «st auch hier die Hauptsache. —
'* Tageskalender für Freitag, 31. Jan. Stadt - theater: „Der Andere^, Slnfnng 8 Uhr.
* *Zur Erinnerung an d i e 3. I a h rh u n d c r t - feierunsererLa ndes Universität ist nunmehr eine 80 Quartseiten umfassende offizielle Schrift erschienen, die anstelle der sonst beim Jahresfest der Landesuniversität vom Rektor gehaltenen Festrede den Bericht über das Studienjahr 1906—07 enthält und insbes. auch das Jubelfest eingehend würdigt. Die von bcm damaligen Rektor, Geh. Hofrat Prof. Dr. B e h a g h e l bearbeitete ErinnerungS- schrift umfaßt einen Bericht über die Vorbereitungen für die Jahrhundertfeier, ein Verzeichnis der Ehrengäsre, die beim ersten Festakt (in der neuen Ilniversitätsaula) gehaltenen Reden und ein Verzeichnis der Stiftungen aus Anlaß des Jubelfestes, ferner eine Chronik über das Studienjahr 1906/07, das Ergebnis der Preisausgaben für 1906/07 und die Preisausgaben für 1907/08, sowie die Promotionen vom 1. Juli 1906 bis 2. August 1907.
* * Die Promotionen a u unserer Landes- Universität im Studienjahr 1906/07. Im ganzen wurden 193 Doktordiplome erteilt, darunter aG honoris causa. Doktoren der Theologie gab es 13 (sämtlich honoris causa), der Rechte 22 (10 honoris causa), der Medizin 39 (7 honoris causa), der Tierheilkunde 50 (5 honoris causa) und der Philosophie 69 (21 honoris causa). — Aus Ober- Hessen wurden folgende Ehrendoktor: Zahnarzt Gg. Will). Koch in Gießen (Med.), Rechnungsrat i. P. Roth in Lich (Phil.) und Dr. jur. Egid Gut fleisch in Gießen. Ferner tvurden promoviert Gerichtsreferendar Leopold Katz, aus Grvßen-Buseck (Jur.); Ludwig Leun aus Großen-Linden, Karl Wimmenauer aus Lich, Adolf Gg. Weckerling aus Friedberg und Ludwig Dieffeubach aus Stockhausen (Med.); Karl Seitz aus Laubach, August Hofmann aus Alsfeld und Kreistierarzt Wilhelm Knell in Gießen (Tierheilk.): Hermann Lehr aus Ruppertsburg, Wassa Klein aus Alsfeld, August Burg aus Kloster Arnsburg, Alfred Schneider aus Schotten, Emil Henninger aus Bad-Nauheim, Friedrich Mette aus Gießen und Konrad Alles aus Unterwegfurth (Phil.). — Das Toktordiplom wurde zum 50 jährigen Dok- rorjubiläum erneuert am 2. Dez. 1906 dem Landgerichtsdirektor Dr. Karl Gg. Bockenheimer in Mainz und dem Oberamtsrichter i. P. Dr. Jos. Maria Struve, am 15. Januar 1907 dem Geheimerat Professor Dr. phil. Ludwig von Schwabe in Tübingen.
* * Ordensangelegenheit. S. K. H. der Großherzog haben dem Kreisrat v. Homberg k zu Vach in Offenbach die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm von dem König von Preußen verliehenen Kronenordens 3. Klasse erteilt.
* * Der landwirtschaftliche Lokalverein Gießen hielt Dienstag, 28. Jan., seine erste diesjährige Versammlung im Lenz'schen Felsenkeller ab. Tcr erste Vorsitzende Oekonomierat Schlenke war verhindert, an der Sitzung teilzunehmen, deshalb eröffnete Herr Keiser die Versammlung, hieß die ziemlich zahlreich erschienenen Mitglieder im neuen Jahr herzlich willkommen und gab dem Wunsche lebhaften Ausdruck, das; die Sitzungen im lausenden Jahre stets sehr zahlreich besucht werden möchten. Alsdann forderte der Vorsitzende die Versammlung aus, das Andenken eines Hingeschiedenen alten treuen Mitgliedes, des Herrn Philipp Schwan, durch Erheben von den Sitzen zu ehren. Nachdem dies geschehen, erteilte der Vorsitzende dem Kreisveterinärarzt Dr. Knell das Wort zu einem Vortrag über das Wäh r s ch a fkS-Ges etz beim Viehhandel. Näher hierauf einzugehen würde zu weit führen, zumal der Vortrag auch jedenfalls im Druck erscheinen wird. Für den ausführlichen und sehr lehrreichen Vortrag dankte die Versammtung dem Redner durch lebhafte Beifallsbezeugung. Herr Bichler dankte dann noch mit Worten der höchsten Anerkennung für dxn für jeden Landwirt so wertvollen Vortrag und gab dem Wunsche Ausdruck, daß er im Druck erscheinen möge, damit die vielen wichtigen Bestimmungen, die wohl kaum jemand int Gedächtnis behalten könne, den Mitgliedern dadurch erhalten bleiben. Das wurde vom Referenten auch zugesagt. Herr Keiser. ging dann zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung über: Beschwerde einiger Landwirte über vorkommende Verwechslung beim Schlachten der Schweine im hiesigen Schlachthaus. Nach lebhafter Debatte wurde beschlossen, diesen Gegenstand in nächster Versammlung zu erledigen.
* * In Norwegens Berge, Fjorde und Schären und an die O s o t e n b a h u führte der 6. öffentliche Vortrag, der von dem Kaufmännischen und dem Ortsgewerbeverein veranstalteten Vortragsreihe. Dec Vortrag war außerordentlich gut besucht, so daß viele Zuhörer sich mit Stehplätzen beanügen mußten. Der Vortragende, Dr. Edward Theodor Walter aus Lund, kennt die besprochenen Gegenoen durch vielfache längere Älusenthalte. Er gab in seinen leider zu sehr ausgedehnten Ausführungen zunächst ein Bild von Der geographischen Gestaltung der
skandinavischen Halbinsel, schilderte dann in höchst lebendiger Darstellung die erhabene Insel- und Gebirgswelt Norwegens, den Charakter und die Lebensweise seiner stolzen freiheitsliebenden und gastfreien Bewohner, denen die Natur des Landes trotziges Selbstbewußtsein und großen Ernst mitgegeben hat. Ganz im Gegensatz zu der düsteren Großartigkeit ddorwegens ist Schweden heiter und fruchtbar, bis auf Lappland, wohin seit mehreren Jahren die Osvten- bahn führt, die hauptsächlich zum Transport des vorzüglichen schwedischen Eisenerzes dient. Das Erz wird dort nicht wie bei uns mühsam unter Tag gewonnen, man prengt es von den Eisenerzbergen, die bis zu 72 Proz. Erzgebalt haben, einfach ab. Nach einer Schilderung des Lebens der Lappen und der erhabenen Einsamkeit eines Winters in Lappland trat eine längere Pause ein, worauf der Redner das, was er vorher in begeisterten Worten geschildert hatte, durch eine Reihe trefflicher farbiger Lichtbilder dem Verstäirdnis der Zuschauer noch näher führte. Trotz der Länge des Vortrags — es war 11 Uhr vorüber, als der Vortragende sein letztes Lichtbild, das Nordkap, zeigte — folgten die Zuhörer seinen Ausführungen mit großem Interesse und spendeten ihm lebhaften Beifall.
** Dle Feuer geweilten des Erdballes behanbeüe das gestrige Gastspiel des Wissenschaftlichen Theaters „Urania" aus Düsseldorf in der neuen Aula dcr Universität. Jin ersten Teile der Vorführungen sah man in großen, sehr schönen, farbigen Lichlbildern Skiilpluren und Laiidschaftsbildcr aus Antwerpen, Genua, Neapel, Capri uiid Sorrent, und mancher Zuschauer mag sich hierbei wohl gefragt haben, in welchem Zusammenhänge diese Bilder und der Vortrag über die Seereise nach Neapel mit dein angekündigken Thema stehen könnten. Tie Antivort auf diese Frage versuchte der zweite Teil des Vortrages zu geben. Es sollte wohl der Kontrast vor Singen geführt werden zwischen der blühenden, paradiesischen Landschaft Italiens und dein feurigen Schrecken seiner Vulkane. An der Hand zahlreicher Lichtbilder voin Vesiiv, Aetna und Monte Pelöe wiirden die bedeutendsten Vulkanaiisbrüche und ihre verheerenden Wirkiingen besprochen. Tie Theorien des Vlilkanisinlis wiirden hierbei nur kurz gestreift. Das nicht gerade sehr zahlreiche Piiblikuin spendete nach Schluß deS Vortrages lebhaften Beifall.
** Jugendlicher Dieb. Am verflossenen Soiintag ivlirden m der Siechenanstalt mehreren Pfleglingen Kleinigkeiten, als Zigarren, Vacfmaifen, Stahlfedern, ein Rosenkranz rc. entwendet. Die Eriiiittlungcn ergaben, daß ein löjähriger Schlofserlehrling unter dem Vorivand, Pfleglinge zu besuchen, in die Anstalt gegangen mar und dann in den unverschlossenen Stilben der Pfleglinge in deren Abwesenheit die Diebstähle ailsgeführt hatte. Die Sachen fanden sich zum Teil noch in fernem Besitz vor.
-s- Wicseck, 30. Jan. Heute fand die Verpachtung unserer Gemeindejagd statt. Die Jagd verblieb den seitherigen Pächtern, Ossizieren des Gießener 9legiment§, zum Preise von 1350 Mk. Auch hier ist wieder eine Steigerung des Pachtpreises 511 verzeichnen. — Am Dienstag morgen fielen in dec Nähe des Philosophcnivaldcs zivei Hunde in eine Schafherde ein, zerrissen vier Schafe und trieben die übrigen Tiere anScmanbcr, bis nach Großen-Buseck hin. Dem Schäfer gelang cs mit vieler Mühe, die Tiere micber zu sammeln, währenb bie beiben Hunde in ber Richtung nach Gießen entkamen.
-s-Alb ach, 29. Jan. Am Montag abenb feierte der Krieger verein den Geburtstag unseres obersten Kriegsherrn, des Kaisers Wilhelm II. .Kurz nach 7 Uhr erklangen, Trommelwirbel durch die Straßen des Dorfes, woraus sich bie Mitglieder vollzählig in ihrem Vereinslokal zu einem fröhlichen Unterhaltuugsabend versammelten. Der Vorsitzende Karl Bähr begrüßte den Verein, er hielt eine kleine Ansprache an die Käme- radcu und brachte zum Schluß ein dreifaches Hoch auf unseren friedliebenden Kaiser aus. Dann führte unser Schriftführer Ä. L. Gerhard einiges von unserer Schutztruppe aus dem fernen afrikanischen Kriege vor und brachte ein Hoch aus auf die deutschen Truppen zu Wasser und zu Land. Die übrigen Stunden verliefen durch schöne Soldatenlieder und andere Gc- sangsvorträge sehr anregend.
x Harbach, 31. Jan. Unser Gesangverein veranstaltet am nächsten Sonntag abend int Scheldschen Saale unter Leitung des Lehrers Fay einen Theaterabend mit Musik- vorcragen und anschließendem Tanz. Der Verein ist schon lange eifrig mit den Vorbereitungen beschäftigt.
O Bä et ter seid, 30. Jan. Nachdem in den letzten Jahren ein Tampfsägebetricb und eine Molkerei hier errichtet worben sind, steht bie Einrichtung eines weiteren größeren inbustriellen Unternehmens bevor. Bürgernieistcr Krauß hat der Hofmann'schen Wirtschaft gegenüber das Haus von Landwirt Blei erworben, nm darin eine Zigarrenfabrik zu eröffnen. Für den 1. März sind bereits eine größere Zahl von teilweise geübten Arbeitern gewonnen.
□ Bleichenbach, 30. Jan. Gestern abend fand ein heimkehrender Einwohner einen M a n n in einem Hohlweg zwischen Bleichenbach und Selters an einem Zwetschen- bäumcheu erhängt. Tie Füße berührten fast den Boden. Der Erhängte war der Maurer Ehr. Theiß aus Bleichen- bach, in seinen jungen Jahren ein tüchtiger Maurer, zuletzt ein Trunkenbold. Tags zuvor hatte er einem Enkelkind die Pfennige aus einer Sparbüchse entwendet, den Betrag vertrunken und sich bann erhängt. Tie Leiche wurde hier beerdigt.
x Lauterbach, 29. Jan. Ein sehr wichtiges Institut hat unser Kreis durch die Errichtung des Kreisfaselstalles geschaffen. Eine hierfür bestimmte Kommission ist bemüht, nur gutes Zuchtmaterial, nicht nur im eigenen Kreise, sondern bei Bedarf auch in den angrenzenden anzukaufen. Die Tiere werden in dem Kreis- saselstall ausgestellt und nach Erreichung des vorgeschriebenen Alters an die Gemeinden zum Selbstkostenpreise abgegeben. Da stets ausgewähltes Material vorhanden ist, wird von der Einrichtung großer Gebrauch gemacht. Auch ist den Bullenzüchtern stets Gelegenheit geboten, falls sie gutes Material besitzeri, dieses preiswert abzusetzen.
X Lauterbach, 30. Jan. Der Kriegerverein wird am 16. k. Mts. den Fünfakter „Krieg im Frieden" zum besten der Unterstützuugskaiic zur musiüyrung gelangen lassen.
X Willofs, 30. Jan. Unser Dorf beabsichtigt dcr Errichtung einer Wasserleitung näher zu treten. Der Gemeinderat wird hierüber demnächst in einer Sitzung beraten, an der Kreisrat v. Bechtold und Kulturtechniker Kunz teilnehmen werden.
Darmstadt. 30. Jan. In der heutigen Sitzung der Stadtverordnetcn-Versammlung teilte Beig. Jäger mit, daß die Bürgermeisterei auf die Anfrage, ob die deutsche Landwirtschaftliche Wanderausstellung 1911 in Darmstadt abgehalten werden könne, wegen unüberwindlicher Schwierigkeiten bezüglich Beschaffung eines geeigneten Gebäudes einen ablehnenden Bescheid erteilt hat..
'--Rodheim a. d. Bieber, 30. Jan. Unsere freiwillige Feuerwehr wurde von der Nassauischen Brandkasse mit einer Beihülfe von 300 Mark bedacht. Auch von anderer Seite sind ihr namhafte Zuwendungen gemacht worden, so daß die junge Wehr bald auf eigene Füße gestellt werden kann. — Der Turnverein hielt am vorigen Sonntag seine Generalversammlung ab. Unter anderem stand auch das diesjährige Bund es fest des Lahn-Düns- berg-Turnerbundes auf der Tagesordnung. Ms Festtag wurde der erste Julisonntag bestimmt, die Bundes- turnsahrt ist nach Fellingshausen zum Fahnenweihfest des dortigen Turnvereins vorgesehen.
** Kleine yji 11 t ; r. . j a v § Hessen und den Nachbarstaaten. In Mainz starb Gymnasiallehrer i. P. Dr. Gg. Diehl im 75. Lebensjahr. — In M arburg feierte Fräulein von Skopnik, die Schwester des vor einigen Jahren verstorbenen Oberstleutnants von Skopnik und Tante des nach Wien übergefiedelten Prosesfors dcr Pharmakologie Hans Meyer, in seltener körperlicher und geistiger Rüstigkeit ihren 9 0. Geburtstag. Die Militärkapelle brachte ihr ein Morgen- ständchen. — Die, Leiche des seit dem 26. 9iob. * üerniißien Landwirts Gg. Stöcker aus Schweinsberg wurde in der Ohm gesunden. Ter Mann hatte sich im trügerischen Ohmtal verirrt und war schließlick) ins Wasser geraten. — Bei Gau^ algesheim stieß gestern abend gegen 8 Uhr ein G ü t e r z u g auf eine Rangierabteilung. Vom Personal wurde niemand verletzt, hingegen ist der Materialschaden bedeutend. Der Unfall verursachte, da der Betrieb nur eingleisig ist, eine größere Verkehrsstörung.
GerLchtssaaL.
fc. Frankfurt a. DL, 30. Jan. Ter beim hiesigen Amtsgericht gebildete I u g e u d g e r l ch t s h 0 f —- der erste ui Deutschland — hielt heule seine erste Sitzung ab. Zur Verhandlung landen 8 Falle. Vorsitzender des Jugendgerichls ist der Vor- muubfchaflsrickuer Ämtsgerichtsrat Dr. Almenröder. Der Sitzung wohnien Oberlandesgerichtsprasident Exzellenz Tr. Hagens, Tbcrflaatsanwalt Tr. Hupertz, Landgerichlspräsidcnt Tr. Colnol, Erster Staatsanwalt v. Reeden, Stadlrat Flesch und andere Personen bei, bie sich für bie Neucinrichlung interessieren. Vor Beginn der Verhandlung hielt Oberlandesgerichtspräsident Dr. Hagens eine Ansprache an den Gerichtshof. Er wies auf die Absonderung der jugendlichen Angeklagten von der übrigen Verbrecherwelt hin und betonte, daß mit besonderer Sorgfalt die Frage, ob der Angeklagte die erforderliche Einsicht bei Begehung der Straftat gehabt hat, zii prüfen ist. Namentlich soll auch nach den Beweggründen z>ir Tat geforscht werden, wobei die Umgebung, die Verhältnisse un Etternhause usw. zu erörtern sind. Daß das Gericht die F ü r s 0 r g e für die jugendlichen Angeklagten ins Auge fassen soll, gehe schon aus der Verbindung des Jugendgerichts mit dem Vormundschaftsgericht hervor. Es gelte, junge L'cute, die noch verbesserungsfähig sind, vor dem Htnabgleiten auf der Bahn des Verbrechens ztt bewahren. Nach dieser Ansprache begann die Verhandliing. Ter Saal des Jugendgerichts unterscheidet fiel) von anderen Gerichtssälen dadurch, daß er „traulicher" eingerichtet ist. Tapezierte Wände, ein Kauerbild, eine Uhr und Vorhänge an beit Fenstern geben dem Zimmer einen freundlichen Anstrich. Vor allem fehlt es an der Armensünderbank. Die An- gcflagten nehmen auf Stühlen vor dem Richtertische Platz.
ff Marburg, 30. Jan. Tas Schöffengericht verurteilte heute den verantwortlichen Redakteur Gustav Wunsch m a n 11 von der „Hess. Landesztg." wegen Beleidigung durch bie Presse zu 1 W 0 ch e Gefängnis. Tie Beleidigung wurde erblickt m einer gegen die „Oberhess. Ztg." gerichteten Brieikastennoliz, m der von Denunziation, Verleumdung und Fälschung die Rede war. Anfang Dezember hatte hier eine Volksversammlung stattgefunden, in der Protessor Schücking und Dr. Brenscheid Ansprachen hielten itnd u. a. auch bie Polenvortage in Erwähnung brachten. Als die „Oberhessische Zeitung" die Ansichten kritisierte, folgte die beleidigende Notiz in der „Landeszeitung".
Dl a g d e b u r g , 30. Jan. Das Kriegsgericht verurteilte einen Sanrtätsfergeanten aus Halberstadt wegen unzüchtiger Handltingen, die er in neun Fällen an Kraulen des Garnison- lazareites vorgenounnen hatte, zu P/4 Jahren Gefängnis, 4 Jahren Ehrverliist und Ausstoßung aus dem Heere.
Breslau, 31. Jan. Tie einstige Wie ner Sängerin Wanda Bl au st ein, die durch ihre in Wien geschlossene Ehe mit dem Grafen Ehamare die Anwartschaft auf dessen. Vermögen erhielt, ist jetzt in ihren Hoffnungen bitter getäuscht worden. Bald nach der Trauung starb der Graf Chamare und seine junge Frau erbte das von ihm hinterlassene, mehrere Millionen betragende Vermögen. Damit waren aber die Geschwister des Grasen nicht einverstanden und strengten einen Prozeß um die Millionen-Erbschast an. Ta mehrere ärztliche Sachverständige erklärten, Graf Chamare habe sich bei der Trauung in einem Zustande geistiger Störung befunden, der die freie Willensbestimmung ausschloß, hat das Breslauer Obcrlandes- gcricht die Erbschaft den Klägern zugesprochen. Gegen dieses Urteil legte die Gräsin Chamare Revision ein, die jedoch geftcrn vom Reichsgericht verworfen wurde.
Hande!.
— •• 91 e u e R e i ch s b a n k ste l l e. Am 17. Februar d. Js. wird in Wilmersdorf bei Berlin eine von der Reichsbankstelle in Eharloltenburg abhängige Reichsbanknebenstelle mit Kassen- einrichlung und beschränktem Giroverkehr eröffnet werden.
Märkte.
Gießen, 30. Jan. Vieh markt. Bei dem am 28. und 29. Januar abgehaltenen Markte waren aufgetrieben 955 Stück Rindvieh rind 166 Schweine. — Der nächste Markt findet am 11. rind 12. Februar statt.
Gießener Wetterdienst.
Vorairsfichtliche Witterung für Hegen am Samstag den I. Februar 1908: Dleift trüb. Geringer Schnee. Temperatur wie heule. Nur in höhereir Lagen Frost. Westliche Winde.
Orrgittal-Drahtttreldungew.
Mannheim, 31. Jan. Vom Oberrhein wird starkes Fallen gemeldet. Bei Höningen ist der Wasser- stand um 40 und bei Kehl um 30 Ztm. zurückgegangen. Beim Mittel- und Unterrhein halt ba£ langsame Steigen noch an.
Baben, 31. Jan. Im hiesigen Jnterimstheater fand gestern bie Uraufführung der Operette „Tu ran bot" von Neumcister statt, bie einen glänzenben Erfolg hatte. Der Komponist, ber selbst birigierte, würbe nach jedem Aktschluß wiederholt gerufen.
Berlin, 31. Jan. Tie Neuwahlen zum preußischen Landtage sollen nach dem Borlvärts bereits im M ai oder Juni stattfinden.
Budapest, 31. Jan. Auf der Promvntorer Schiffswerft sind färntlicfoe Arbeiter wegen Lohndifferenzen in ben Streik getreten.
R 0 m, 31. Jan. §-as neue Panzerschiff Victor Emanuel, das gestern feine erste Probefahrt im Kriegshafen von ^pezzia unternahm, mußte zurück kehren, weil die Dampfleitung sich als völlig unbrauchbar erwies und ausgewechselt werden muß.
Brüssel, 31. Jan. Ein Pariser Schnellzug ist bei Quevy.Aulnois mit einer Rangicrmaschine jufammen- gestoßen, wobei sechs Personen verletzt wurden, darunter vier schiver.
Ncwyork, 31. Jan. Präsident Roosevelt bereitet eine neue Botschaft an den Kongreß vor, in der ec bie Trusts heftig angreift unb sie Spekulationen in Aktien beschuldigt.


