Ausgabe 
30.10.1908 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Freitag 30. Oktober 1908

Zweites Blatt

Nr. 256

trldietni lÜgN- mti fluBncbme ves Sonntag».

158. Jahrgang

Die Reichzfinanzresorm.

i.

tfiotahonSbrutf and Verlag bet vrühl^chm UnwerfUätfi - Buch» und 6teinbruderet R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« stratze 7. Expedition und Verlag; 5L Redattwn.e-gAH2. TeU-AdruAnzetgerGleßen.

DieStcßener Zamtltendlätter- werden dem ,9lnjetfltr* otermai wöchentlich beigelegt, das Mreisblati fQr btn Kreit Sietzen" zweimal wöchentlich. D,eLandwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

politifctyc Lchgcsdcl-au.

Die Inseraten- und Reklamesteuer.

Ueber die Hauptpunkte der geplanten Anzeigen- und Reklame- steuer, wie sie sich nach den letzten Beschlüssen deS Bundesrats ge­staltet ljot, teilt der Lokal - Anzeiger mit: Täglich erscheinende Blätter, die eine Auflage bis zu 5000 Exemplaren haben, zahlen 2 Broz. von den Beträgen, die durch Inserate bet ihnen emgeheu, doch bleiben hier wie in allen Fällen die kleinen Anzeigen, die sich auf Stellengesuche und dergleichen beziehen und einen Umfang von 5 Druckzeilen nicht überschreiten, vollständig steuerfrei. Mit der Sähe der Auflage steigt der Anzeigensteueriatz und erreicht bei Leitungen mit über 100 000 Abonnenten 10 Proz. o111' Zcuungs- Beilagen, die gewöhnlich einen sehr hohen Rabatt gemeßen und daher einen verhältnismävig geringen Ertrag lüv die Steuer er­geben, steigt diese bis aui 20 Proz. an. Was die Reklamesteuer anlangt, so werden auch da erhebliche Unterschiede gemacht. In ganz besonderem Blaße iverben die Reklamen in Gestalt von An» 'chlägen an Blauern, Giebeln, Theater-Vorhängen rc. besteuert. Hier richten sich die Steuersätze nach dem Platze, den die Reklame beansprucht, sowie nach der Größe der Stadt. Ob diese Angaben zutreffen, wird man ja nun bald aus den ossiziösen Berössent- lichungeu erfahren.

TaS gegenwärtige Verhältnis zwischen dem Reiche und den E i n z e l fta a t e n ist hinsichtlich der Fi­nanzen für beide Teile schädlich. Da Letztere verfassungswatzig verpflichtet sind, die AuSgaven des Reiches aufzubringen, soweit ihre Deckung nicht aus dessen eigenen Mitteln erfolgen kann, so t/iben die Ginzelstaaten mit denselben schwankenden l-ohen Auf­gaben zu rechnen, die nicht nur in den kleineren Staaten eine ge­regelte Finaiizgebahrung aufs Aeußerste erschweren. Nachdem die neuen Steuerguellen sich zumeist als wenig ergiebig erwiesen Ijaben, muß der gegemoärtige Zustand entweder eine wertere Er­höhung der Reickjssckmld oder eine Belastung der einzelnen Bun­desstaaten mit Ausgaben zur Folge Haven, zu deren Tragung sie niemals imstande sind.

Angesichts der im Vvrausgehenden dargelegten Mißstände und Gefahren würde eine Regelung, die sich auf eine ©teuer» erlfabung zur Deckung des Mehrbedarfs iin nächsten Elalsjahr beschränkte, als durchaus unzulänglich erscheinen. Vielmehr ist eine Reform deö gesamten Finanzwesens in ma­terieller und formeller Hinsicht, und zwar unter Berücksichtigung eines größeren Zeitraumes, unbedingt notwendig. Es ist politisch und volkswirtschaftlich uiimöglich, alljährlich mit neuen Steuer­st) rderun gen hervorzutreten. Drei Ziele hat eine derartige Reform vor allem ins Auge zu fassen: 1. die Verhinderung einer weiteren Schuldenvermehrung, sowie eine re­gelmäßige und ausveicl^nde Tilgung der vorhandenen und der zukünftig aufzunehmenden Anleihen: 2. die Herstellung des

deukung. Durch eine solche Erhöhung werden alle anleihe- und betriebs^rcditbenötigenden Produzenten, Landwirtschaft, Industrie und Handel, ferner auch die Gemeinden und sämtliche in wirt­schaftlicher Entwicklung begriffenen öffentlichen Korporationen in Mitleidenschaft gezogen. ES unterliegt feinem Zweifel, daß ein derartig holfer Zinsfuß die Konkurrenzfähigkeit des heimisckien Gerverbes dem Auslaiide gegenüber bceintuidnigt. Ein Maß­halten in der BeansMrchung des Kapitalmarktes ist unyomehr geboten, als der Kursstand der deutschen Anleihen wegen des fehlens einer gesetzlich gewährleisteten Wjfrage den Schwan­kungen der Marktlage in besonderem Maße unterworfen ist. Da es bisher vermieden wurde, durch gesetzliche Vorschriften, wie sie in England und insbesondere in Frankreich gegenuoer den Sparkassen bestehen, eine obliaadorische Nachfrage nach Reichs- und StaatZanleihepapieren herbeizuführen, so bereiten nicht nur die Kommunalobliaationen, sondern vor allem auch bte Pfand­briefe der HypotlMubanken den Reichs- und Staatsanleihen ge. genüber dc»i anlagesuchenden Publikum eine scljr erhebliche Kon­kurrenz. Ein Verzicht auf gesetzliche Zwangsmittel der ango dcudctrn Art wiÄ> sich jedenfalls in Zukunft und überhaupt nur bei einer intensiven Vesclftänkung in der Ausgabe von Staats­papieren durchführen lassen. Endlich darf Nicht außer Acht ge­tan en werden, daß der niedrige Kursstand der Anleih.n Die LeistungSfälstgkeit der deutschen V-olcSwirtsckjast dem AuStande in einem ganz falsck?en, äußerst ungünstigen Lichte ersthcineii laßt. Kursstand und Realzins der dentscljen Anleihe neunen bei einer internationalen Vergleichung durchaus nicht den Rang ein, der den Unterlagen des deutschen Kredites entspricht ,

Die niedrige Einschätzung der finanziellen Kräfte Deutschlands verhindert einmal die zutrefsende in* tcrnaiionale Bewertung der deutschen Schuldverschreibungen, sckflvächt sodann aber auch bin geschäftlicl>en Kredit, der im Aus­lände arbeitenden deutschen Industriellen unb Kaufleute. Mau darf sich nickst verhehlen, daß diese falsckst! Einschätzung der ftncui- xicllcn Leistungsfuhigkeit Deutschlands unter Umstanden auch tue politische Stcllung Deutschlands« im Rate der Völker ungün­stig zu beeinflussen uermag. Hat man es hierbei nur nut einem Verkennen der Verhältnisse zu tun, so können doch aus einem Derartig schlechten Stande der Anleihen in ernsten Zeiten tot» fachlich Gefahren entstehen. Zu der Rüstung, bte Deutsch­land sich durch den opseroollen Ausbau seines Heeres, und feiner Flotte geschaffen hat, gehört nicht zum wenigsten auch die finan­zielle Bereitschaft. Es unterliegt aber keinem Zweifel, Daß die Möglichkeit der Auftiahme von Anleihen umso schwieriger wird, je mehr schwer verüäuftiche und niedrig bewertete L>taats- papiere sich bereits im Besitze des inländisck-en Publikums, be­finden. Diese Schioierigkeiten und Gefahren müft-n ftch,,falls nickst Einhalt geboten wird, in der Zukunft immer mehr öerfajarfen. Wachsen Ausgaben und Einnahmen in demselben Verl>iltnis wie bisher, so würde das Mißverhältnis bereits 1910 mehr als 500, 1913 mehr als 700 Millionen Mark betragen und dement,preck)end nach Ablauf des darauf folgenden Jahrfünfts mit einer Wei­ler en Vermehrung des Sck>ulbenbcstandes um fast 4 Milliarden, also auf mehr als 8 Milliarden, der jährlichen Zinszahlungen um mehr als 150 Millionen Mark, allo auf mehr als 310 Millionen Mark zu rechnen sein.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung"" hat jetzt mit der Ver­öffentlichung der Begründung zu dem Entwürfe eines Gesetzes betr Aciidernngen im Finanzwesen begonnen. Es heißt im eisten allgemeinen Teil u. a.: Durch das bauernbe Mißoerlstiltnis -wischen Bedarf und Deckung ist dem deutschen Reiche eine schlvere Schuldenlast aufgebürdet worden. Die immer erneute Ausgabe von Sckw-ldvcrschreibungen und Schatzanweisungen ohne die Aus- sick)t einer Tilgung Hut den Kursstand der Anleihen m einer Mise b;tabgebr;idt, daß dem Kredit des Reiches bereits in Friedens- eiten eine Einbuße zu leiden droht. Dieser Zustands hat fick, währe,id einer beispiellosen Entwickelung der deutschen Volkswirt­schaft und einer gewaltigen Vermehrung des allgemeinen Wohl- standes herausgebildet. Er kann daher nur auf schwere Mängel in (b er finanziellen Organisation des Reiches zurückgeführt werden. Die Beseitigung dieser Mängel ist eine unbedingte Notwendigkeit für die Macht und daS Anseljen des Reick'cs und zugleich eine unerläßliche Voraussetzung für die gedeihliche Meilerentwickelung der deutschen Volkswirtschaft. Nur durch das einmütige und opferwillige Zusammenwirken aller Greife des Reiches können die Finanzen des Reiches wieder ans eine dauernd gesicherte Grundlage gestellt werden.

Bei ständig steigendem Bedürfe haben die dem Reiche er­schlossenen Einnahmen nur eine geringe Ent­wicklungsfähigkeit gezeigt und das Gleichgewicht zwischen Ausgaben unb Deckung erlitt im wachsenden Maße Stö­rung. In der Begründung wird dann die Summe der Mehraus­gaben für 1900 bis 1908 zusamrnengesdellt, wonach die Gcsanft- disserenz zwiscl^en Bedarf und Deckung für die letzten nenn Jahre sich auf rund 2 Milliarden Marl beläuft. Hiervon dürfen in Abrechnung gebracht werden 276 Aiillioneu Mark, die die ostasiatische Expedition, und 430 Millionen Mark, die der ftid- nustaftikanisckn! Ausstand gekostet haben, da Kriegsausgaben nicht cruS oideiltlichen Einnahmen gedeckt werden können. In Abreck)- ming gebracht werden können feiner von jener Summe 329 Millionen Mark, die in den Jahren seit 1900 für werbende An­lagen, sowie für den st, ee-Kanal und für Arbeiterwvh- nungen aus dec Anleihe ausgebracht worden sind, wenngleich auch diese einer größeren Mschceioung und Tilgung bedurft batten. Immerhin verbleibt selbst nach Aussonderung dieser Posten noch annäheciid eine Milliarde SDiart, für die es seit 1900 an Deckung gefehlt hat. Die Folge dieses Mißverhältnisses ist die ständige und starke Steigerung her Schuld, die im Verlauf von nur 30 Jahren auf mehr als 4y* Milliarde Mark auf gelaufen ist. r. . ,

Für den gegenwärtigen Stand der Derichuidung sind ferner die schon jetzt beEaimtcn Zukunslsbelastungen der Anleihe in Bc- rvactjt zu ziehen, die für die Verwaltung des Reichsheeres, der Marine, des Neichsaintes des Innern, der RcichSeisenbahn und der vstasiatisckjen Expedition zusammen 741944 Mark betragen. Für spätere Jahre Vorbehalten siiid außerdem sck>on jetzt iwch 142 470 000 Mk. Den angegebenen Summen tritt jährlich zwecks Vermehrung der Anlagen für Fernsprechzwecke usw. ein, Kösten- ausivand hinzu, der in den Jahren 1902 bis 1908 zwischen 20 biß 60 Millionen gescljaoankt hat. Ferner sind bei äußerster Beschränkung in allen Einrichtungen die Neubauten und die aus Anleihe zu nehmenden anderiveiten Anlagen des nächsten Jahr­fünfts auf miiidestens 100 Millionen Mark ober auf durchschnitt- lia> 20 Millionen Mark jährlich anzusetzen. Sonach steht be­reits jetzt die Vermehrung Der Rcichsschuld nm eine Piilliardc Mark bis zum Jahre 1913 in sicherer Llnssicht.

Diese Eckzuldeniast beeinträchtigt zunächst die Finanzen des Reiches in empfindlicl)er Weise. Allein der Zinsendien,t erfordert zurzeii jährlich bis iu 160 Millionen Mark. Einen weiteren finanziellen Nachteil bringt das ständige Sin Len des Kursstandes der Anleihen mit sich, zu Dem die jährliche SckMldveruiehrung wesentlich beiträgt. Während die 3prozentige Anleihe im Jahre 1895 auf 99,60 Prozent stand, steht fie fttzt auf 84,20 Prozent. Die 3V.> prozcntige Anleilze ist im gleichen Zeiträume von 105,80 aus 92,50 Prozent gesunken. Selbst bic 4prozentige Anleihe des Jahres 190.8 mußte unter Pari begeben werden. Zu diesen finanziellen Nacksteilen für das Reich gc|eilen sich schwere, wirtschaftliche Schädigungen für die Allgemeinheit. Zunäckcht ist es eine eiiipfindlichc Beeinträchtigung des sparenden Publikums, insbesondere auch des nicht kapitalkräftigen Mittcl- staiides und aller derer, die ihr Vermögen in mündelslcheren Pa­pieren anzulegcn verpsiickitet sind, wenn der Stand der Anleihen in der angegebenen Weise sinkt. Sodann ist das Hmaufgehcir des Zinssatzes für die Reichs-- und Staatsanleihen unter Umstanden auch für die Erhöhung des allgemeinen Zinssatzes nicht ohne Be-

ICUlnes LeuiLLeto».

D i e deutsche PI a r l i» e - E x p e D i t i on in der 8 ü d s e e , die am 25. Mai d. I. durch Den Tod des Marine­stabsarztes in Namalancn ihren Organisator unb Führer verlor, wird m kurzem einen neuen Leiter erhallen. Ter wissenschaitliche Leiter der Planet-Expedition 1906 Pro«. Dr. Krämer, Der im Spätsommer Kiel verließ und Die Südsce erreicht hat, übernimmt die Weitersührung Der Arbeiten. Pro'. Krämer hat einmal als Schifssarzt und ziveimal mit längerem Urlaub Die Südsee wissen- fchaitlich bereift. Plan darf aljo erwarten, daß Das von Tr. Stephan begonnene deutsche Kulturwerk au* Ren-Mecklenburg un Sinne seiiies Urhebers Diirchgeiührt werden wird.

G e r h a r t H a u p t ni a n n sollte nach von uns bisher nicht erwähnten PtelDnngen verschiedener Blätter sein neues Weck .Griseldis" von Der schon m Die Wege geleiteten Aiiflührung zurückgezogen und das Alanuskript vernichtet haben. Aus Grund persönlicher?luSkiinfl des Dichters teilt DerBote ans Dem Riesengebirge" mit, Daß es sich hier um eine völlig aus der Liist gegriffene ©enjaiiou§mclDung handelt. Gerhart Hanplinann wird sich in etwa acht Tagen von Agnetendorf nach Berlin begeben, um die näheren Besprechungen über bte Aus­führung im Lessing-Theater zu pflegen. m

Tschndi und Werner. Zu dem Tementt derRsrdd. Allgem. Zrg." (Rr. 505) bemerft daß .Beil. Tagebl.": .dieses Deinenti sagt nichts gegen Die Nachricht, die es leugnen soll. Wie immer. Es beweist höchstens, daß bas Knltustnunsteiimn rwch nicht amtlich mit Der Sache befaßt luorDeu ist. Das ist aber mich nicht behauptet worden, jonDein nur, baß Der Kaiser Anton v. Werner an dieser Stelle sehen tvill Tas Piintsterinm eitahrt solche Tinge, wenigstens aimlicl), ost erheblich später als andere Leine. Wir sprechen deshalb auch dem Temeiiti den gnteii Glauben nicht ab, wenii vielleicht and.) lern Verlass er in Wirklichkeit mehr weiß als oifiziell. Eines hat er jeDenialls verraten, iveim wohl auch nur unabsichtlich: nämlich, Daß Tjchnbi tiicht zurnckkehren, sonderii einen 9lad)iolacr erhallen soll. Tas steht ganz klar m dem ziveiten Satze, wenn Teiitsd) Dciujd) ist. Und Das genügt, um den aUerschärsslen WiDerjprud) neu zu erwecken.

Ueber die letzten F o r t s ch r i 11 e de r E r db eben­so rschung veröffentlicht Pros. Dr. ,J. B. Messerschmitt im incueften Hest der UmsckMu (Frankfurt a. M.) einen Aufsatz, der angesichts Der Nachrichten üver die. Ecostöße im Bogtlanoe ein bqonoered Interesse erhält. Die Erdbeoenfvischung steht zivar erst in ihren Anfängen, aucr durch die K-onstruttwn geeigneter Erdbebenmesser (Seismometer) ist sie in ein neues treten und lj.it ' ucreil» wichtige Resultate gezeitigt: die EcD- bebenwellen selbst können nun studiert werden, und ihr -leg unb

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

ihre Evsck-einungssorni liefern Aufschlüsse über das Erdinnere selbst Dabei wird die Erforsck>ung der Erdbeben, wie eS nicht anders möglich ist, von Den Gelehrten der verschiedenen Kultur­völker gemeinsam betrieben, deren seit 1901 bestehende lose Ber­einigung seit 1905 zu einer festeninternationalen seismologischen Association"" geworden ist, die bereits für k>ie Jahre 1903 und 1904 Erdbebenkataloge ljorgestellt hat. Dabei ergab sich, daß jährlich 40005000 Erdbeben direkt gefühlt werden, und eine nähere Untersuchung der Beobachtungen von 1903 erwies, daß in diesem Jahre fast alle bcTannten Erbebenherde tätig gewesen sind Für das Erdbeben von Valparaiso vom 16. August 1906 l>at das Internationale Zentialbureau einen Atlas mit 120 Seis- mogranrmen von 78 Erdbebenstativne>i herausgegeben. Aus diesen Auszeick'nungen ergab sich das merNoürdige Resultat, daß dem Erdbeben von Valparaiso etwa eine halbe Stunde früher ein ebenso starkes Beben voranging, dessen Herd im nördlichen Stillen OzeMi in der Räche der Aleuten lag, von dem aber keine direkte Nackrickrt zu erhalten war. DaS Beben von Valparaiso begann gerade zu der Zeit, als die ersten Wellen jenes bojiiiidjcn Bebens m Chile anlangten, so daß also diese erst die vorhandenen Syan- liungen in dec Erorinde auslvsten und zur Katastrophe führten. Gerade solck-e auslösenden Wirkungen kann man öfter wahr nehmen, und die Erdbebeiuoellen können so für ein Schüttergebict eine ganze Reihe von Beben verursachen. In siebzehn Minuten durckj- taufen die Wellen den Erddurchmesser; keinen sie dann nach 34 Minuten zu dem Ausgangspunkt zurück, so Binnen sie hier ein neues Beben Hervorrufen. Die Reflexe kehren auer Nicht nur oom Gegenpunkt, sondern auch von anveren Teilen der Erde zurück, unb sie sind gerade mul) Ansicht Professor Messerschmitts rür das sächsisch-vogtländischeBedengebiet von Ae>- deutung. Damit ist auch ein Weg für die Vorhersage der sog. Nack>- veben gegeben. Da die Eiwbebeuwellen auch Das Ewinnere durcheilen und hieroei von einer gewissen Tiefe an eine plötzlich AenDecung in dec Wellenfortpflanzung eintritt, so ergeben sich aus diesen Beobackftungen auch wichtige Aufschlüsse üver die Besckjafseuheit des ErDimieren. E. Wiä-crt wurde Durch das nähere Studium der Erobebcnaufzeichnungeri zu der Ansicht geführt, daß die Erde zweiteilig jei unD znrar aus einem festen eisernen Kern bestes, 1 Der von einem Gcsteinsmantel bedeckt sei, welche Annahme auch durch ander.- Untersuamngen, besonders astronomische, gestutzt wird.

Kleine 6 b r o, n i r aus St um. u n o Wissenschaft. : Am Dienstag starb der Projefsor der Theologie an der Umoer- ; spät Jena, Geheimer Kirchenrat D. Bruno Baenlsch, im 50. Lebensiahre. Sa r do ns Zu st and hat ftd) in den letzten ' Tageii roieDer bedeutend verschlechtert.

Die Krisis im Orient.

DemTemps" wird aus Sofia gemeldet, daß zwischen der Türkei und Bulgarien eine Präliminar­vereinbarung abgeschlossen worden sei, wonach die Türkei die Unabhängigkeit Bulgariens anerkennen und Bulgarien seinerseits dafür eine Gesamtentschädigung für die Orientbahnen und den ostrumelischen Tribut bezahlen würde, doch würde zur Sck)onung der Eigenliebe Bulgariens der AusdruckTribut" vermieden werden. Im Gegensatz, zu dieser friedlichen Verständigung hat Serbien nach einer Havasmeldung, durch Montenegro ermutigt, die gewaltsame Lösung der schwebenden Fragen ins Auge gefaßt, falls die Konferenz den Erwartungen nicht entsprechen sollte. In offiziellen Kreisen Belgrads scheine man die Autonomie Bosniens und ocr Herzegowina unter einem ausländischen Fürsten zu wünschen, sowie eine Grenzbesehung an der Küste der Herzegowina. In Konstantinopel sind mehrfach Pla­kate gesunden worden, die zur M ass a krierung aller C h r r st e n a u f f o r b c r n. Ein türkischer Militärarzt sah, daß zwei Leute, die sich unkenntlich gemacht hatten, diese Proklamationen anklebten. Rach^ Meldungen aus Kunea ü6erreid)ten die Konsuln der vier Schutzmächte der kretischen^ Regierung folgende)te: Die diplomatischen Agenten Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Rußlands be­ehren sich auf Weisung ihrer Regierungen der kretischen Negierung folgendes mitzuteilen: Die Schutzmächte halten, dafür, daß die Vereinigung Kretas mit Griechenland von der Zustimmung der Nkächte abhängt, die gegenüber den Türkei Verbindlichkeiten einaegangen sind. Nichtsdesto­weniger sind sie abgeneigt, Die Erörterung dieser Frage mit der Türkei mic Wohlwollen in Betracht zu ziehen, wenn die Ordnung auf der Insel aufrechterhalten und die Sicher­heit der mufelmanischen Bevölkerung gewährleistet werden. Der Eindruck dieser Mitteilungen ist auf Kreta unb Griechenland ein vorzüglicher. ____

Aus Stadt und Land.

Gießen, 30. Oktober 1908.

Volksbildung auf dem Land.

Eine Bezircsöerfamm.ung des Rhein-Pcainischen Ver­bands für Voltsbildiiug (Sitz in Frankfurt a. M., Stist- straße 32) fand am letzten Sonntag imLamm"" inIdstern statt und war aus dem Taunus- und Lahngebiet gut besucht. Pfarrer Gros aus Esch referierte überAusgaben und Zielq der Volksbildungsarbeit in kleinen Städten und aus dem Lande". In einer sehr angelegten Debatte wurden die bisher cingeschlagenen Bahnen des Berbandeä als zweckmäßig anerkannt. Insbesondere wurde die Ab­sicht, Vortragsveranstaltungen und Kunstdarbietunaen auf dem Lande möglichst mit Den bestehenden Geselligkeits- fvrmen der Dorfbewohuer in Zusammenhaiig zu bringen, anerkannt und empfohlen, bei der Bolksbildungsarbeit be-

Gleichgewichtes zwischen V e da r f u n d De ck u n g ; 3. die Regelung des finanziellen Bcr haltni) see, zwischen dem Reich und den E i n z e l sta a t e n. Die Durchfühnnig dieser 9icfvrmcn wird zugleich oas Reich von der Notwendigkeit entlasten, auch fernerhin erhebliaje idjiocbenbc Schulden aufznnchmen und Damit die Schatzanwcisungen un we- entlichen auf ihren ursprünglichen Zweck die zeitweise Ver- karkung der Betriebsmiticl der ReichS-lljauptkape zur Deckung voru^ vergehender Ausgaben zu beschränken.

)ie Lehrer- und Geistlichen-Besoldung in Preußen.

(Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vorn 29. Oktober.)

Zwei Tage für Die erste Lesung derLehreibesoldimg, DaS kann man nicht übermäßig nennen. TaS AbgeorDneteuhauS begnügte sich mit Dem bescheidenen Zeilmaße und flieg dann nod) m die GeisllichenbesolDimg hinein. Tie Redner deS zweiten Tages zur Lehreibesoldiing waren Die Abgg. Borgmann (Loz.), Hofs (|r|. Vaa.), Frhr. v. Richkhoftn (kous.), D. Hackeuberg (natU, JDcrhosf («teifoni.), Easfel (srs. Vp.), Zicscvü (Ztr.) und PtimslerialDireklor Schwartzlopff. Tie ersten beiden Redner waren Vtenimgc Des ParlameniS Hoff freilich schon November 1907 gewählt, was man namentlich Dem Vertreter Der Soz,atDemokrane aumertte, Dey über Das Schulpalronat in Schlesien klagte, ohne zu wissen, dav DaS Pairouat für Diese Provinz, wie für Die meisten anderen, durch Das SchuliinterhaltungSgesctz aufgehoben ist. Abg. Hackenberg nahm sich auf Grund seiner eigenen Erfahrungen warm Der Landlehrer an. ES ist, so meinte er, ein unnaiur- licher Zustand, wenn heute ein junger, zwanzigjähriger eben abgegangener Seminarist zum alleiniiehenden Lehrer gemadjt oder neben gleichalterige Lehrer, an Denen er keinen Hall Hal, ge­hellt wird. 2ic einklassige Schule verlangt einen Lehrer mit mehr- fahriger Erfahrung. Einem solchen aber stellt sie besonders lockende unb lohnende Aufaaben. Es gilt, diese Tatsache bet Den Bemüh­ungen zu berücksichtigen, bem Lande einen lebhaften Lehrerstand zu gewinnen. Tie Geistlich en-Ausbesserung wird in $roei uöllfa getrennten Ge|et;ent>vürlen geregelt. Ter eine bestimmt über die Pfaivbelotdiing, daS Ruhegehaltswesen und die Hinterbliebenen- tzürsorge für die Geistlichen der evangelischen Landeskirche, der anbere über bas Diensleinkommen ber katholischen P'arrer. Beide Entwürfe werben gemeinsam beraten. 9lm Tonnerstag tarnen bic Abgg. Winckler von ben Konservativen unb Dr. Porsck) vom Zentrum zum Wort. He'tiae Kämpfe werden um bic Vorlage nicht ent- brennen, wem, auch ber Zenlrumssprecher bie untcrlchiebliche Be­handlung der evangelischen unb der kalholisdjen Geisllidjcn zu tabcln hatte. Durch Vertagung ivurbc bem briltcn Redner, Agd. Dippe (nail.) bas Wort bis Freitag früh vorenthaltcn.