Ausgabe 
30.1.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 25

Erscheint täglich mit Ausnahme bei Sonntags.

Die ^Stetzener Samiltenblätter* werden dem r9Irtjetger* Dtermal wöchentlich betgelegt, das Krdsbkrtt fflr bev Krtis Liehen" zweimal wüchenUtiL Der ..hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

138. Jahrgang

Donnerstag, 30. Januar 1908

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefjen

AotalionSdruck mfc Verlag bei Br Üblichen UnwersüülS - Buch, unt Siemdructerel.

St Lang,. Dietzen.

Redaktion. Epvebtttsu ant Druckerei: Schul-

(träfet ? Ätpebitton anb Vertag 5L RedakttowS^llL Del -Slb^ LnzetgerG.efeen.

Deutscher Reichstag.

89. Sitzung von Mittwoch, den 29. Januar, 2 Uhr.

Am Tische des Bundesrats v. T i r p i tz, Frhr. v. Stengel.

Das Haus ist schwach besetzt.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 15 Minuten mit der Mitteilung von dem Empfang des Präsidiums durch den Kaiser, der die Geburtstagsglückwünsche des Reichstags huldvoll entgegengenommen habe.

Mari»reetat und Flottengesetz.

E s b e g i n n t d i e z w e i te Lesung des Reichs. Haushaltsetats.

Das Flottengesetz enthalt die Verkürzung der Lebensdauer der Linienschiffe von 25 auf 20 Jahre, das ist dieselbe Lebensdauer wie die der Kreuzer. Die Anlage regelt die Ersatzbauten bis zum Jahre 1917. Für daZ Flottengesetz bat in der Budgetkommission, deren Berichterstatter Abg. Frhr. v. Thunefeld (Ztr.) ist, nur die Block- Mehrheit gestimmt. Die Sozialdemokraten haben cs abgelehnt, das Zentrum unter Berufung darauf, daß es erst die Deckungsfrage gelöst haben wollte, sich der Abstimmung enthalten. Scbatzsekretar Freiherr von Stengel war damals verhindert, an den Beratungen der Dudgetkommission teilzunehmen. Die Kommission beantragt eine Resolution, die den Reichskanzler ersucht, dafür Sorge zu tragen, daß tunlichst bald im Marineetat neben den vollen Kosten Sr Armierungen ein der Verkürzung des Lebensalters der Linien, iffe entsprechender höherer Prozentsatz des Wertes der Flotte (bisher 6 Prozent) auf den ordentlichen Etat übernommen werde.

Abg. Graf Oriola (nl.): Die Stellungnahme meiner Partei sm den Marineforderungen bat bereits Dasiermann bei der ersten Ltatslesung dargelegt. Auch in der Kommission haben wir unS auf denselben zustimmenden Standpunkt gestellt, der ja auch den Beschlüssen unseres Wiesbadener Parteitages entspricht. Beim Bau neuer Schiffe legen wir die größte Bedeutung darauf, daß unsere Neubauten an Wert denjenigen anderer Staaten gleich- kommen. Wir hätten gewünscht, daß in der Vorlage gleich fest- gelegt wird, daß das Bautempo, das für die nächsten vier Jahre vorgesehen ist, auch in den Jahren 1912 bis 1917 innegehalten wird. Erfolglos sind unsere Bemühungen in der Kommission nicht gewesen; wir haben allseitige Uebereinstimmung gefunden für den Fall, daß die politische und die finanzielle Lage ent­sprechend ist. Es ist nickt zu verkennen, daß etn Teil unserer Schiffe veraltet und den Schiffen anderer Nationen nicht absolut gleichwertig ist, und dazu rechnen wir auch die Kaiserklasie und die allerdings besieren Schiffe der Wittelsbachklasie. Wir wün­schen, möglickst bald eine vollwertige Flotte zu erhalten. Würde das Bautempo, wie es die Anlage enthält, beibehalten werden, so würde das letzte Schiff erst 1918 in Bau gegeben und erst 1922 fertiggestellt werden.

Der Staatssekretär konnte mir in der Kommission auf meine Frage antworten, eS ist vollkommen unwahr, daß unsere Schiffe denen anderer Nationen nicht gleichwertig sind, und daß er daS ganz besonders in bezug auf die seit 1900 gebauten Schiffe er­klären Jonne.' Diese Erklärung war für und in der Kommission von größter Wichtigkeit und sie ist es für unser Volk; sie erledigt manche übertriebenen Befürchtungen. Wir erwarten, daß auch nack dem Jahre 1912 die Marineverwaltung dafür sorgt, daß unsere Flotte vollwertig erhalten wird. Neuen Forderungen wird die Mehrheit des Reichstages sicherlich ihre Zustimmung nicht versagen.

Wir verkennen die großen Verdienste der Reichsmarine- verwaltnng und speziell des Staatssekretärs nicht. Der Staats­sekretär hat reiche Arbeit geleistet. Wir sind weit davon ent­fernt, die taktlosen und über das richtige Maß hinausgehenden Preßangriffe zu billigen. Auf der anderen Seite müßen wir aber doch sagen, daß, wenn Sachverständige und national denkende Männer es für ihre Pflicht halten, auf einen rascheren Ausbau unserer Flotte, auf einen beschleunigteren Ersatzbau hinzuwirken, daß dann in diesem Bestreben die Reicksmarineverwaltung nur eine Unterstützung sehen kann, die ihr willkommen sein muß. (Bei­fall rechts und bei den Natlib.) Wir erkennen nach wie vor die Verdienste des deutschen Flottenvereins an. Wir müßen es nach wie vor rühmen, daß der Flottenverein es verstanden hat, die Kenntnis von der Bedeutung einer starken Flotte im Volke zu vermehren. Wer weiß, wie gering die Kenntnis über das, was zum Marinewesen gehört, im Volke war, der wird die Verdienste des deutschen Flottenvereins nickt leugnen. (Beifall.) Weil wir diese Verdienste anerkennen, deshalb bedauern wir es lebhaft, daß das Bestehen des Vereins zeitweilig ernstlich gefährdet schien. Wir hatten gehofft, daß die Kaßeler Tagung eine Verständigung brin­gen wird. Sie ist nicht erfolgt. Es sind schwere Vorwürfe er­hoben . worden, und man geriet hart aneinander. Wir hoffen, daß in dem Verein für die deutsche Flotte bald die Erkenntnis sich Bahn brechen wird, daß man fidj wieder vertragen muß. (Beifall.) Wir hoffen, daß es zu einem Ausgleich der Gegen­sätze kommen wird, und wir wünschen, daß dann der Flotten­verein weiterhin Lickt und Klarheit im Volke verbreiten wird zum Wohle des Vaterlandes. (Beifall.) Auf die einzelnen Zwistigkeiten im Flottenverein einzugehen, lehne ich ab. Es ist nickt Sache des Reichstages, sich in solche Dinge zu mischen. (Beifall.)

Außer der Frage der Verkürzung des Lebensalters der Schiffe ist noch die der Bau-ert von Bedeutung. Wir haben uns davon überzeugt, daß Deutschland nicht langsamer baut als andere große Staaten, ja, daß es in mancher Hinsich anderen Ländern gegen­über noch im Vorteil ist. Immerhin scheint es uns notwendig, die Bauzeit noch zu beschleunigen. Diese Notwendigkeit wird auch in einem gewissen Maße von der Marineverwaltung anerkannt, und wir hoffen, daß wir wirklich zu einer schnelleren Bauzeit kommen werden. Kein ernster Politiker kann denken, (große Heiterkeit) kann denken, die Bauzeit übermäßig zu beschleunigen zum Schaden der Güte des Baues. Aber unsere Forderungen in dieser Beziehung bewegen sich in außerordentlich maßvollen Grenzen. DaS törichte Gerede von Schwindelsargen ist ja nun ctoÜ sei Dank abgetan. Wir dürfen unsere Mannschaft nur mit Schiffen gegen den Feind schicken, die vollwertig sind, die ihr volle Sicherheit gewähren.

Uns kommt es in erster Linie darauf an, eine tüchtige Schlacht, fotte zu haben. Neuere Schriften können uns nicht davon über­zeugen,^ daß an Stelle der Hochseeflotte ein Küstengeschwader zu sehen sei. Unsere vorsichtige Marineverwaltung verdient Aner, kennung, daß sie sich nicht übereilt hat, uns zum Bau von Unter, seeboten viele Millionen abzufordern, ehe wir in dieser Beziehung

klarsehen. Unser Torpedowesen steht schon jetzt auf einem höheren Niveau als das anderer Länder. Auch den Ausbau unserer Werften und Docke müßen wir uns angelegen sein laßen. Zu erwägen wird sein, ob wir uns für Schwimmdocks oder Trockendocks entscheiden müßen. Dankbar erkennen wir auch die Fürsorge an, die die Marineverwaltung ihren Arbeitern angedeihen läßt.

Es ist falsch, wenn man die Zustimmung zu den Forderungen der Marineverwaltung, die durchaus im Jntereße des Landes liegen, von der Lösung der Deckungsfrage abhängig machen will. WaS durchaus erforderlich ist zur Sicherheit und Verteidigung des Landes das muß unter allen Umständen gewährt werden. Und daß wir nicht warten bis die vielleicht recht lange dauernden Verhand­lungen über die Steuernfrage erledigt sind. sBeifall.) So denft man auch in weiten Kreisen des deutschen Volkes. Das deutsche Volk hat, zum großen Teil durch das Wirken des Flottenvereins, erkannt, daß ihm, eine starke Flotte not tut. Ick bin der lieber, zeugung, das deutsche Volk erwartet von seiner Volksvertretung, daß sie möglickst einstimmig die neue Marinevorlage entnimmt (Leb­hafter Beifall.)

Abg. Dr. Wiemer (freis. Vpt.): Bei der ersten Lesung habe ich die Zustimmung meiner Freunde zum Flotiengeseh in Aussicht gestellt, wenn in der Kommission die Notwendigkeit der Herab, sehung der Lebensdauer der Linienschiffe überzeugend nachgewiesen werden sollte. Ick kann anerkennen, daß die Verhandlungen der Kommission diesen Nachweis erbracht hak'en. Der Staatssekretär hat dargetan, daß die Herabsetzung der Dienstzeit der Linienschiffe eine Folge der Diensttecknik »st, und daß wir genötigt sind, der Ent­wicklung der Technik zu folgen. Nach unserer Neberzeugung ist es ein Hauptfehler, daß die Entwicklung der Flotte überhaupt gesetzlich festgelegt ist. (Sehr wahrl bei den Freisinnigen.) Man bat die Fesilegimg al? eine patriotische Tat bezeichnet. Durch solche sibön. klingenden Namen laßen wir unS von unseren grundsätzlichen An- schauungen nickt abbringen.

Auch wir wollen, daß die deuffche Flotte auf der Höhe bleibt und in der Leistungsfähigkeit hinter den anderen Nationen nicht zurücksteht. ES freut mich, daß die Marineverwaltung bestimmt erklärt hat, daß man gar nickt daran denke, den Engländern nachzrckauen, wir wollten nur so stark sein, daß der Kampf mit unS für niemanden eine Kleinigkeit sei. Muß denn auf alle Fälle in einem künftigen Seekriege England unser Gegner fein? Wir wollen Frieden mit England und freuen uns darüber, daß sich die gegenseitigen Beziehungen gebeßert haben. (Lebhafter Beifall.) Jedenfalls kann eS nicht unser Ehrgeiz sein, England im Ausbau der Flotte gleichzukommen. Wir haben das stärkste Landheer und können nicht zu gleicher Zeit auch die stärkste Seemacht be­sitzen. (Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Es kommt uns nur darauf an, nicht als quantite n^gligeable betrachtet, sondern auch in Betracht gezogen zu werden, wenn die Vündnisfähigkeit der Staaten auf dem Gebiete der hohen Politik in Frage kommt. Den Querfr-ibereien des Flottenvereins treten wir entgegen. Der Staatssekretär hat die volle Verantwortung für die Vorlage in miliärischer Beziehung übernommen. Das ist für uns von Be­deutung. Die Aufgabe der Volksvertretung ist es, gegenüber den Fachressorts die notwendige Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Steuerzahler zur Geltung zu bringen. (Beifall bei den Frei­sinnigen.) Von den Marineenthusiasten ist die jetzige Vorlage als belanglos hingestellt. Sie erfordert aber, insbesondere in den späteren Jahren, ganz erhebliche Mehraufwände, die nickt auf die leichte Acksel genommen werden können. (Sehr richtig! bei den Freis.) Der Staatssekretär hat erklärt, daß er sich freuen würde, wenn es gelänge, eine Mehrheit für weitergehende Vor­schläge zu gewinnen. Tas ist von seinem Standpunkte aus zu verstehen, wenn ich auch eine solche Redewendung nicht gerade als glücklich ansehen kann. (Lebhafte Zustimmung bei den Freis.) Ich spreche hier offen aus, daß wir nicht dafür zu haben sind, über die jetzige Vorlage, für welche die verbündeten Regierungen die Verantwortung übernommen haben, hinauszugehen. (Lebhafte Zustimmung bei den Freisinnigen.) Wir behalten uns für etwaige weitere Vorlagen völlig freie Hand vor. Auf die intereffanten Vorgänge im Flottenverein will ich nicht eingehen, sondern nur meine Genugtuung darüber aussprechen, daß die Marineverwaltung diesen Treibereien energisch entgegengetreten ist. Durch seine ein» seitige, manchmal leidenschaftliche Agitation ist mitunter eine Be­unruhigung hervorgerufen worden, während gar kein Grund vorlag. (Lebh. Beifall bei den Freis.) Eine so schwierige Frage, erklärte zutreffend der Staatssekretär in der Kommission, wie die Flotten­frage, kann nicht in einem Verein gelöst werden, sondern nur von den verantwortungsvollen Leitern. (Sehr richtig! bei den Freis.) Ich hoffe, daß sich die Regierung solcher schädlichen (Quertreibereien auch in der Folge zu erwehren weiß. Wir stimmen der Reso­lution der Kommission zu; in diesem Jahre ist es ja bei der Finanzlage nicht angängig, hoffentlich aber im nächsten Jahre. Wir werden abwarten, welche Vorschläge die Regierung für die finanzielle Deckung machen wird. Wir sind bereit, an unserem Teil an der Besserung der Reichsfinanzen mitzuwirken. Aber selbstverständlich dürfen uns dabei nicht Opfer unserer eigenen Neberzeugung zugemutet werden. (Lebh. Beifall bei den Freis.) Mit Flickwerk ist weder dem Reiche noch den Einzelstaaten ge­dient., Wird die Finanzreform in Angriff genommen, muß sie auch so durchgeführt werden, daß nicht sofort wieder die Steuer­schraube angezogen werden muß und dadurch erneute Beunruhigun. gen in die weitesten Volkskreise hineingetragen werden. (Beifall bei den Freis.) In der Voraussetzung, daß die für diese Vor­lage erforderlichen Mittel so aufgebracht werden, wie es der Leistungsfähigkeit der Steuerzahler entspricht, stimmen wir der Vorlage zu. (Lebhafter Beifall bei den Freis.)

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Auch meine politischen Freunde er. kennen die Berechtigung dieser Vorlage an und stehen auf ihrem Boden, wenn sie vielleiclst auch weitere Anträge, die an den Reichs­tag etwa kommen sollten, ablehnen werden. Die Verantwortung für diese Vorlage müssen auch wir dem Reichsmarineamt über­laßen. Die Frage der Verkürzung der Bauzeit hängt mit der Frage der Lebensdauer an sich nicht zusammen; eS ist das mehr eine Frage des Zeitpunktes, wann die Matrosen eingestellt werden sollen. Mit Recht ist in der Kommission darauf hingewiesen worden, daß tatsächlich unsere Bauzeit nicht zurücksteht hinter der irgend eines anderen Staates. Ich habe auch keinen Anlaß, auf den Flottenverein einzugehen. Ich habe seinerzeit betont, daß ßegen eine vernünftige Agitation he5 Flottenvereins nichts zu sagen ist, aber eine exaltierte Agitation ist abzulehnen. Für und ist nun die TeckungSfrage entscheidend. In der Kommission hatten wir eine Erklärung hierüber nickt erhalten, aber unmittelbar vorher erschienen die eingehenden Mitteilungen derFrankfurter Zeitung" über die Branntweinmonopolvorlage. Das ist deS Reichstags nicht würdig. (Lebhafte Zustimniung im Zentrum.) Wir könnten ja die Verteilung der Steuern vertrauensvoll der gegenwärtigen Mehr, heit des Reichstages überlassen. (Heiterkeit im Zentrum.) Aber

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hnr haben stets, 1900 und 1906, das Flottengesetz erst bewilligt, nachdem dte neuen Steuern bewilligt waren. In der Kommission haben wir keine Auskunft erhalten. Ich frage den Staatssekretär, ob er uns jetzt Auskunft geben will.

Sckatzsekretär Frhr v. Stengel: Zu meinem lebhaften Ve. bauern machte es mir mein Befinden damals unmöglich, bet Kom. missionSsitzung beizuwohnen. Bei der Beantwortung der heutigen Anfrage bin ich selbstredend nickt in trr günstigen Lage, in der sich dieFrankfurter Zeitung" befinden würde, die nebenbei von meiner Seite und von feiten des Amtes in keiner Wejfe inspiriert, ermäch. tiat war, solche Mitteilungen in die Deffentlickkeit -w bringen, (Hört! Hört!) im übrigen kann ick nur das eine bemerken: es ist ganz erstaunlich, mit welcher Vorsickt, mit welcher Raffinerie die Arveiten in den obersten Reichsämtern von feiten der Preße überwacht werden. (Heiterkeit.) Wehe dem Staatssekretär, der auf einem einsamen Spaziergang etwa bei der AuSklügelnng eines neuen Steuerprojektes betroffen wird. (Troße Heiterkeit.)

Nun zur Sacke selbst, was den Stand der Steuervorlagen anlangt, die wir für notwendig erachten. Die Ausfcküße des BundeSratS haben ihre Beratungen in den allerletzten Tagen ab- geschloßen, aber ick bin nickt in der Lage, Ihnen heute eine Mit­teilung darüber zu macken, zu welcher Zeit das Plenum deS BundeSratS die Anträge der Ausschüße in Beratung ziehen wird. Ick bin auch nickt in der Lage, Ihnen über den Inhalt dieser Vorlage genauere Mitteilungen zu macken. Ick kann nur im allgemeinen Ihnen das eine sagen, es handelt sich um zwei Steuergesetzentwürfe. Der eine betrifft die Verstaatlichung eines Teils des Zwischenhandels des Branntweins, und der andere Ge­setzentwurf befaßt sich mit der Einführung einer (Zuruf: Bande­rolensteuer auf den Tabak!) Banderolensteuer auf den Tabak lGroße Heiterkeit), und zwar nach dem Vorbild der Banderolen» steuer in Ansehung der Zigaretten. Aber auf daS Detail der Vor. lagen ietzt in diesem Stadium der Beratung einzuaeben, ist mir nickt möglich. Ich erachte mich dazu nickt als berechtigt. Ich möchte aber sckon heute dagegen Verwahrung einlegen, daß man Reaie- rungSt orlagen, die man noch gar nickt kennt, und die man nicht gesehen hat, einfast hier als Flickwerk kritisiert. Die ReickSver- waltung und von der kann vorerst nur die Rede fein ist gemüht, soweit eine Mehrbelastung der Bevölkerung mit neuen Steuern und Abgaben sich nickt vermeiden läßt, wenigstens die- fenigen Lebensbedürfnisse der Bevölkerung zu verschonen, die wir für unbedingt notwendig erachten.

Abg. Frhr. v. Rickthofen (kons.): Vorlagen, die erst die Aus­schüße des Bundesrats vafsiert haben, sind noch kein Gesetz. Sie ftefien. noch nickt zur Diskussion. Wir brauchen uns also nicht mit diesen neuen Plänen zu besaßen. Wir haben uns hier nicht mit Untersee- und Torpedobooten zu beschäftigen, sondern allein mit der ^Herabsetzung der Lebensdauer der Schfffe, die uns nach den Erklärungen des Staatssekretärs durchaus notwendig erscheint. In absehbarer Zeit werden wir ein Doppelgesckwader haben, wie erforderlich ist. Es muß aber auch mit den modernsten Er- 'ordernißen ausgerüstet sein.

Dir wollen keine Augenblickspolitik treiben, wir wollen dauernd dem Vaterland da§ leisten, was das Vaterland von uns ^erlangt. England weiß ganz genau, daß wir mit ihm nicht konkurrieren wollen. Kein vernünftiger Menfch bei uns denkt daran. Aber unsere Marine muß leistungsfähig erhalten wer­den. Die Verantwortung für den weiteren Ausbau unserer Flofte Rinnen mir nickt auf unsere Sckultern nehmen. Wir müßen sie der Marineverwaltung überlaßen. Der Flottenverein hat, obgleich hin und wieder einzelne Mitglieder in anderer Weise aufgetreten sind, als ich es wohl wünschen möchte, aber doch in patriotischer Gesinnung gehandelt. Deshalb wünsche ich dringend, wenn auch einzelne Ertravaganzen vorgekommen sind, daß der Flottenverein die Schwierigkeiten, in denen er sich befindet, über­winden möge. Wir wollen ober nichts, wa? die Marineverwaltung nicht für notwendig hält und was die finanziellen Kräfte des Reiches übersteigt. Wir haben das Vertrauen zur Regierung, daß sie auch die Deckungsfrage in günstigem Sinne lösen wird. (Bei­fall rechts.)

Abg. Bebel (Soz.): Die Herren Freisinnigen waren schon von Anfang an bereit, sich von der Notwendigkeit der neuen Vor­lage überzeugen zu laßen. Ihre Stellung zu den Forderungen für Heer und Marine hat sich gegen früher auffallend verändert. Heute tritt keine einzige bürgerliche Partei mehr gegen bi-? über­triebenen Forderungen auf. Die Nationalliberalen werden es gewiß mit Freuden begrüßen, daß die Freisinnigen mit ihnen nun denselben Weg geben. Der Flottenverein bat die Tendenz verfolgt, die Marineverwaltung zu diskreditieren, indem er er­klärt hat, unsere Schiffe seien die schwächsten in der ganzen Welt. Aber leibst wir haben die Neberzeugung, daß die Marineverwal- tung, wenn sie einmal neue Schiffe baut, nur das beste Material dazu nimmt Bebel macht eine Berechnung auf, die ihn zu dem Schlüße führt, daß die Lebensdauer unterer Schiffe die kürzeste ist.

Die Marinetechnik, sagt der Staatssekretär, erforderte die Vorlage; dabei hat sie aber die Wirkung, unsere Flotte sehr er­heblich zu verstärken. Die Unterscheidung in der Bauzeit in den Jahren bis und nach 1911 hat offenbar den Zweck, auf eine neue Vorlage 1911 vorzrrbereiten. Es ist dock sehr frappierend, daß der Staatssekretär erklärt: sckaffen Sie mir eine Mehrheit, bann werden wir eine Mehrheit machen! Das zeigt mir nur, daß er ganz genau weiß, daß man an der entscheidenden Stelle im Deutschen Reich eine bedeutende Verstärkung der Flotte über die jetzige Vorlage hinaus will. Für den Frofckmäirsekrieg im Flsften- verein haben wir herzlich wenig übrig. Aber die Periode 1895 bis 1908 inbezug auf die Floitenftage wird eines der inter­essantesten Kapffel der künftigen Geschichtsschreibung sein. WaS in dieser Zeit an Umfall von Parteien geleistet ist, steht in der parlamentarischen Geschichte aller Staaten einzig da! Nur eine Partes ist konsequent, sckon seit 48 Jahren, wenn es sich um Militär und Marine handelt (zu den Nationalliberalen) daS sind Sie! (Lebh. Zustimmung der Nationalliberalen.) UebrigenS hat Fürst Bülow den General Keim im vorigen Jahre w'gen seiner Wahlagitation, wogegen Napoleon III. ein Stümper war lGe- lächtcr), hier ausdrücklich belobt, und der Kaiser hat zum Fürsten Salm gesagt: Famose Dahlen! Gegen wen richtet sich denn unsere Flottenrüstung? Frankreich kann schon heute nicht mehr mit, weder zur See, noch zu Lande. (Lacken und Widerspruch.) ES ist an der Grenze des MensckenmaterialS. Amerika rechnet nicht, Japan auch nicht. Alle Verhältnisse, die hierbei in Betracht gezogen werden, können sich nur auf England beziehen. ES war schon bei jeder Vorlage so, und diesen Glauben können wir England nicht nehmen. (Unruhe und Widerspruch.) Wobl aber, das ist meine feste lieber Beugung, kann der Moment kommen, wo England zu Deutschland ähnlich steht, wie 1904 Javan zu Ruß­land, wo Japan sich gesagt hat, wenn ich jetzt nicht losschlage, dann geht es überhaupt nicht. Die Gefahr provozieren wir.