158. Jahrgang Donnerstag 30. Januar 1 OOS
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S£S" Seneral-Anzeiger für Oberheffen WZE ß oarmmags io Uhr^ Notationrdruck und Verlag der vrühl schen Un»v.-Vuch- und §teindruckerei. H. Lange. Redaktion, Erpedition und Druckerei: §chu!straße 7. lanl" E. pebi 'ür den
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UM die Flotte zweifellos dauernde und bleibende Verdienste erworben.
Die technischen Privatangestellten
haben im Jahre 1907 mit großem Fleiße an dem Ausbau ihrer Organisation gearbeitet. Infolgedessen konnte der Bund der technisch-industriellen Beamten Ende Oktober, nach kaum dreijährigem Bestehen, die Aufnahme des 10 000. Mitgliedes verkünden. Wie nun mitgeteilt wird, hat der Bund in den beiden letzten Monaten noch 1000 neue Mitglieder geworben, so daß er das Jahr 1908 mit einem Bestände von 11000 Mitgliedern beginnt. „11 000 Mitglieder in 3y2 Jahren." Zum ersten Male haben sich hier Ingenieure und Techniker mit Chemikern, Architekten und Grubenbeamten zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden, und dabei sind neben den jüngsten An- gestellten Oberingenieure und andere leitende Beamte vertreten. Der Vorbildung nach dürften die Mitglieder des Bundes fast zur Hälfte akademische Lehranstalten besucht haben, während die übrigen aus technischen Mittelschulen oder direkt aus der Werkstatt hervorgegangen sind.
Parlamentarische-.
Berlin, 29. Jan. Die BudgetkomMission deS Reichstages begann heute die Beratung des Etats des Neichsamtes des Innern. Der Nachtragsetat, der 400 000 Mk. zur Förderung von Versuchen aus dem Gebiete der Motorlnftschiffahrt fordert sowie die Position des ordentlichen Etats, die 2 150 000 Mk. zur Gewährung einer Ent-
poletische Cagcsscharr.
Graf Baudifslu, Chef des AdmiralftabeS.
Der Kaiser hat den Grasen Friedrich v. Baudissin, der erst am 27. d. Mts. zum Admiral befördert worden ist, zum Chef des A d m i r a l st a b e s der Marine ernannt. Der bisherige Chef des Marineadmiralstabes, Admiral Büchsel, ist unter Enthebung von dieser Stelle zur Versügung des Kaisers gestellt worden. Der neue Chef des Admiralslabes trat im Frühjahr 1867 in den Marinedienst ein. Er war Kommandant der kaiserlichen Jacht „Hohenzollern" in den Jahren 1899 bis 1903, Flugel- adjutant und Admiral ä la suite im kaiserlichen Gefolge. Zu den obersten Marinebehörden war Graf Baudissin bereits mehrfach kommandiert. Er leitete im Reichsmarine- amt die militärische Abteilung und später die nautische Abteilung. Sein letztes Auslandskommando hatte er beim Kreuzergeschwader in Ostasien als zweiter Admiral. 2ki der Hochseeflotte führte er in den Jahren 1905 und 1906 das erste Geschwader und galt seit dieser Zeit schon als der Nachfolger Büchsels, wenn er auch monatelang ohne besondere Kommaiidostellung blieb. Ein Bruder des Grasen B. gehört gleichfalls dem Seeoffizierkorps als Flaggoffizier an. Admiral Büchsel hat nach dem B. T. gegen fünf Jahre ben jungen Admiralstab der Marine geleitet. Er kann als der eigentliche Organisator dieser Behörde betrachtet werden, da er fte weiter ausbaute und die Admiralstabsoffiziere in der Front in eine direkte Fühlung mit dem Admiralstabe brachte. Büchsel hat sich
daß es der großen dramatischen Mittel und Mätzchen gar nicht bedarf, um im Gesänge Wirkungen zu erzielen und die Zuhörer mit fortzureißen. Mit Einfachheit und Exaktheit der Stimmengebung und aus dem Herzen kommenden Empfinden wurde hier eine köstliche musikalische Wirkung ermöglicht.
Von den Liedern des 18. Jahrhunderts klang besonders schön Joh. Adam Hillers „Er kommt, er kommt", von den des 19. Jahrhunderts Friedrich Aöergners „Christ-Wiegenlied lein".
Aus brm preuhischeu Landtage.
Jnr PreußischenAbge or d netenhause erklärte gestern Jujuzmnuslcr Beseler, es sei eine falsche Auffassung, wenn innn glaube, daß der § 176 des Gerichtsuerfaffungsgefe^cs der p reise irgend eine Ausnahmestellung bezüglich ».r Zulassung zu den NtchwffeiNUcheii Gerichtsverhandlungen cinräume. Cs nvuise dem Gericht die Entscheidung darüber überlassen bleiben, roen es auf Grund dieses Paragraphen zu den niaMsenllichen Verhandlungen zulassen wolle und wen nicht. Weiter eriläcte der Mmijtcr aus Anfrage, daß die Staatsanwaltschaft in allen Fällen gegenüieKrawallebeiStraßen-Demonstrationen irreng Vorgehen werde. Sie habe es auch schon zweifellos im letzten 0,-alle getan und sich mit ‘ixt Polizei ins Einvernehmen gesetzt. Es sei alleroiugs schwer, d.e Räde.sführer zu sangen, denn sie hielten sich bekantlich im Hintergründe. Wenn man sie aber ergre-se, werde man sie energisch bestrafen. Gegen Tage- gelder für Schöffen und Geschworene habe sich die preußiiche vuegierung nicht ausgesprochen. Die Regierung sei auch bereit, ihnen Fahrgelder zu gewähren. ES kommt ein Antrag zur Erörterung, der die Negierung ersucht, beim Bundvsrat auf schleunige Einbringung eines Gesetzentwurfes hinzuwirien, der das Strafrecht, das Strafverfahren und den Strafvollzug bezüglich jugendlicher Personen regelt. Im lueitcren D^r.aus dec Abgeardneceilbaus-Sitzung erklärte dec Justizminister, daß das Strafrecht hinsichtlich der Jugendlichen entschieden einer Besserung bedürfe. Die Strafprozeßresorm werde aber im Reich bald erwlgen, sodaß es niclst ersprießlich sei, in Preußen abge- >ondert vorzugehen. Der nationalliverale Antrag ^chtsfer, der einen solchen Gcie^entwurs verlangt, wurde d:r Justiz-Kommission übcnoie.en und der Tiiel MinistergehaU lmvilligt. Freitag Weiterberatung deS Justizetats.
Tas Herrenhaus hielt heute seine dritte Sitzung ab, die stark beiuci)i war. Vizeprchident Freiherr von Manteuffel widmete dem verstorbenen Prufpenten Fürsten zu In- und Küyphausen einen länger, n warmen Nachruf. Alsoann wurden einige Heinere Vorlagen eciet igt. Morgen steht d.e PräsidentenwaA und die Oiunarken-Vorlage auf der Tagesordnung.
schäft erzählte dieser Tage, wie die „üieuzztg." mitteilt, ein bekannter Komponist und Mufiklehrer: „Ich gebe Gesangunterricht üt einem Privatschulzirkel. Zur Wechnachts- feier übte ich mit den kleinen Aiädchen den Choral „Vom Himmel hoch da komm ich der". Die 12jähr. Hilde kannte lein Wort des Textes, und es stellte sich heraus, daß ihr die ganze Weihnachtsgeschichte unbekannt war. Ich mußte sie ihr von einer Mitschülerin erzählen lassen und wollte dann auf den göttlichen Ursprung des Heilandes hindcuten, indem ich Hilde fragte: „Woher wußte denn der Engel, daß der Heiland geboren Jei?" Nach einigem Besinnen erwiderte das Mädchen: „(rr wird es wohl in der Zeitung gelesen haben." Die Gesellschaft lachte laut auf — aber schnell verstummte das Lachen. „Arme Hilde!" sagte die Hausfrau, und alle stimmten mit nachdenklichen Mienen zu. Ein Pfarrer erzählte darauf: „In meiner Gemeinde in Berlin NO. erfahren die Kinder auch wenig von Bibel und Christentum, ehe sie zum Konfirmandenunlerricht kommen. Als ich Minna fragte: „Weshalb wurden Adam und Eva aus dem Paradiese vertrieben?" erhielt ich die Antwort: „Sie konnten wohl die Miete nicht bezahlen." Auch diese Antwort leuchtet wie ein Blitz in traurige soziale Zustände.
C. K. Ein Murillo für 100 M k. Aus Madrid wird uns berichtet: Ein Maler in Bilbao hat soeben ein Bild von Murillo für 100 Mk. von dem Besitzer eines Hauses erstanden, das früher einer alten spanischen Adelssamiiie gehörte. Photographien des Gemäldes sind bereits nach London, Paris und Berlin gefanbt worden.
— Kleine Kunftchr»uik. SladNheater ,u Dlainz wurde am 27. Januar Oie Feswper .Figaros Hochzeit« zu Au'nug des dritten Aktes dadurch unterbrochen, daß luiotge eines Roh r» b r u ch e s der Wasserleitung der eiserne Vorhang heradglns und nicht mehr autgezogen werden konnte. — Eine Humperdinck - P r e m i s r e wird wohl im nächsten Wuuer im könial. Opernhaufe zu Berlin stallftnden. Es handelt sich um die gänzliche Neugestaltung der Märchentomödie ,S)ie Kömatzlmder', zu der Adelheid Wette den unlängst in b. Auflage bei S. Fischer in Bcrlm erjchienenen Text schrieb. Tiefes Werk hat Hunu inet jetzt ganz durch jutompomeren sich entschlossen, so daß das . rochene Wort von nun an gänzlich fortiäüt und aus dem eh? ualigen Schauspiel eine wirkliche Oper wird.
— DasneueBerlinerHebbel-Theater wurde am 28. Januar eröffnet Die Hauptfront, unweit des Anhalter Bahnhofes nach der Königgrätzer Straße zu, zeigt ein unsicheres Stilgemisch in der Figurenausführung fast plump. Ueberrafchend wirkt dagegen der Jnnenraum des Hauses in der braunen Mahagonitäfelung und Vergoldung der Wände, die von blassem Ebenholz umrahmt sind, mit seinen weichen, kostbaren Teppichen und lang herab fließenden stilistischen Vorhängen. Man gab Hevbels „Maria Magdalena". Das schauspielerische Ensemble des neuen Theaters machte einen vortrefflichen Eindruck, ohne daß die Aufführung sonderlich gelungen gewesen wäre. Der Eindruck der Gesamtaufführung wurde durch allzu große Retardierung beeinträchtigt, doch wirkte der künstlerische Ernst, der überall hervortrat, sympathisch und verhetßungs- volt
C.K. Ein neues Prachttheater in London. Wie uns aus London berichtet wird, plant der Theaterunternehmer Lyons die Errichtung eines neuen großen Theaters in Haymarket, das zu den großartigsten und vmnkvollsten in ganz Europa gehören soll. Das Gebäude, das in einer Breite von SO Fuß und einer Liese von 110 Fuß nach den Zeichnungen von Runtz und Ford, den Erbauern des neuen Gaiety-Lheaters, aufgeführt werden oll, wird in seiner Fassade und im Innern mit karrari- chem Diarmor bekleidet und in imposanten Formen gehalten ein. Auch der Zuschauerraum des Theaters, das zwei Ränge erhalten wird, soll eine prächtige Ausstat.iing erhalten.
— Berliner Kinder. In einer Berliner Gesell-
Cvangclischer Kirchengesangvcrein Gießen.
Die Geistliche Mu s t kau f s ü hr u n g des Leipziger Quartetts für Kirchenmusik in unserer Stadtkirche bot einen gaiu einzigartigen musikalischen Genuß, ja mehr noch als das, es war Andacht, es war Gottesdienst. „Lasset uns fingen von der Gnade des Herrn!" So lautete das Motto auf dem Programm, und es waren auch gottbegnadete Sänger und Sängerinnen, die uns die Meisterfänger deutsch-evangelisck)er Kirchenmusik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert zu Gehör brachten. Nach einem von Herrn Organisten O. Gör lach, Gießen, gespielten Präludium trat das Solo-Quartett vor ben Altar und sang zunächst drei Lieder aus dem 16. Jahrhundert, als erstes ein Lied von Martin Luther „Ich lag in tiefer Todesnacht", dann ein Lied von Praetorius und eine Melodie aus dem 12. Jahrhundert. Wie hier die Führung der Stimme wechfelte, welche feine Nuancierung, welche Empfindung das Ganze beherrschten, das läßt sich schwer schil- dem. Man horcht schon bei den ersten Takten erstaunt auf, so fremdartig mutet einen zuerst der Gesang an. Wie, ist das wirklich deutsch-evangelischer Kirchengesang? Aber je länger man zuhört, um so inniger bringen dem Zuhörer diese Töne und Worte zu Herzen und sie versenken ihn in die religiöse Stimmung jener Zeit. Ja, so jauchzte das Christentum jener Tage der Sonne zu, die tiefster Todesnacht Licht, Leben, Freud und Wonne gebracht hat. So jitbelte man über die Geburt des Heilands, so freute man fiel) der Auferstehung des Herrn. Die Melodien sind ein» fad) und ungekünstelt, aber doch von hoher musikalischer Schönheit und aus ihnen spricht die große deutsche Ge- mutstiefe und echte Frömmigkeit dieser Zeit.
Wie so ganz anders wirkten die drei folgenden Lieder <nu> dem 17. Jahrhundert. In ihnen finden wir schori hohe künstlerische Form und Reflexion. Das ,,£) fröhliche Stunden" von Thom. Selle, dem auch heute noch viel zu wenig gewürdigten Hamburger Ntusikdirektor, gehört wohl unzweifelhaft zu dem schönsten, was die deutsch-evangelische Kirchenmusik hervorgebracht hat. Welche Kraft liegt m feiner Komposition, aber wie prachtvoll brachten die Sanger auch das „Trotz Feinden! Trotz Teufel! Trotz Hölle! iLrotz Tod!" zum Ausdruck. Und man lernte wieder einmal.
bte Signatur der ganzen heutigen Aussprache. Es war Herrn Bebel Vorbehalten geblieben, in chauvinistischer Hetze zu machen, wenn er sie auch für sich unb seine Partei ablehnte. Die überzeugenden Nachweisungen ber Marine- Verwaltung in der Kontmission, ja selbst die Erklärungen der englischen Presse und der boriigen verantwortlichen Stellen hielten ihn nicht davon ab, von einer Bedrohung Englands durch die deutsche Flotte n rüst ung zu sprechen. Da war es nicht überflüssig, daß nicht nur der Leiter des Reichsmarineamis scharf Verwahrung einlegte gegendiesesSpiel mit dem Feuer, daß er so deutlich unb eindringlich tote möglich bekundete, daß das deutsche Vorgehen eine Provokation gegen niemand in der Welt bedeute, daß es nirgends in der Welt auch nur einen Punkt gebe, in dem ein Jnteressengegetisatz mit England einen Austrag mit den Waffen erforderte, — sondern daß sämtliche Redner, die nach Bebel das Wort nahmen, mit gleichem Nachdruck die Flottenvorlage als ein P.and des Friedens bezeichnen. Ein Phantasieaebilde nannte Herr v. Tirpitz die Meinung, daß wir im Ausbau der Flotte irgeiiömte mit Englano konkurrieren könnten.
Die Deckungs frage blieb auch heute ungelöst. Dr. Spahn warf die Frage auf, mit einem kurzen Wort, ohne Eifer und ohne sich darüber zu äußern, wie seine Partei sich zu ihrer Lösung verhalten werde. Gcaf O r i o 1 a, Dr. Arendt und Frhr. v. R i ch t h o f e n erklärten, die Vorlage ber Regierung abwarten zu wollen und mit dem Abg. Momrnse n betonte Dr. Wieiner, daß seine Parteifreunde sich ihre Stellung bollfomnien vorbeyielten unb ein Opfer ihrer Ueberzcugang nicht bringen würden. Die Frage bes Dr. Spahn hatte eine Antwort vom Bundesratstische erhalten, aber eine Antwort, die mit freundlicher Heiterkeit quittiert werden konnte. Herr v. Stengel war in der Lage, dem Reichstage die Neuigkeit mitzuteilen, daß Spiritus- und Tabakvanderoleusteuer in Vorbereitung sind. Das Nähere verschwieg des Sängers Höflichkeit.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Stimmungsbild aus dem Reichstage.
Berlin, 29. Januar.
Das Flottengesetz.
Die Tage ber ersten Lesungen und der Jmtervellationen sind vorüber. Heute begann bie langwierigste und wichtigste Arbeit ber gegenwärtigen Tagung, bie zweite Lesung bes Reichshatishaltsetats. Sonst hatte stets ber Etat des Reichsamts des Innern ben Anfang gemacht mit ber bieltägigen sozialpolitischen Aussprache beim Gehalt bes Staatssekretärs, weil biefe einer kommissarischen Zubereitung nicht bebarf; diesmal ist es möglich gewesen, dem Plenum des Hohen Hauses zunächst ein kompakteres Gericht vorzusetzen, bie Bnbgets ber Marine- und He"res- benoaltung, bie mitsamt dem Flottengesetz bie Budget- kommission bereits passiert haben.
Die heutige Sitzung war dem Flottengesetz gewidmet. Ruhig, leidenschaftslos und fachlich war seine Beratung und einmütig hernach die Zustimmung des Hauses. Denn die ablehnende Haltung der beiden Oppositionsparteien saus Phrase, Sozialdemokraten und Polen, war nur dazu angetan, die Einmütigkeit aller übrigen Parteien des Reichstages iwch zu unterstreichen. In ber Kommission hatte sich bas Zentrum unter Führung des Dr. Spahn in den Schmollwinkel gestellt unb unter Berufung auf bie noch ungelöste Deckungsfrage sich der Abstimmung enthalten. Heute hütete ber Zentrums sichrer sich, wie man voraussehen konnte, wohlweislich, bie Verantwortung für den Ausbau der Flotte lediglich ber Blockmehrheit zu überlassen. Daß bie eigentliche Verantwortung beim Reichsmarineamt liegt, darüber herrschte im ganzen Hause keine Meinmigsverschiedenheit. Mit Ausnahme Bebels betonte ein jeder der Diskussionsredner, daß die von der Regierung geforderte Verkürzung ber Lebensbauer ber Linienschiffe einzig unb allein eine Frage ber Diensttechnik ist unb man einfach die Folgerungen aus der technischen Entwickelung zu ziehen Hat-
Wohl keiner ber zurzeit amtierenben Minister hat sich außerhalb bes Parlaments einer so scharfen Gegnerschaft zu erfreuen, wie Herr von Tirpitz; aber von allen Staatssekretären bes beutschen Reiches ist gerabe er es, der feine Vorlagen mit der größten Sicheryeit unb Zuverlässigkeit durch bie parlamentarischen Klippen hinburch- zusteuern weiß. Die Frage des Bautempos wurde ebenso ruhig verhandelt, wie die Vorgänge im Flottenverein. Man hielt sich in erster Linie an die zur Beschlußfassung stehende Forderung. Die Nationalliberalen und Konservativen äußerten ihre weitergehenden Wünsche in Form einer Vertrauenserklärung an die verantwortliche Verwaltung der Kaiserlichen Marine, und auf Seiten des Freisinns und auch des Zentrums behielt man sich alles weitere vor.
Man hatte eigentlich erwartet, daß die stürmischen Verhandlungen ber Kasseler Tagung auch bei ber Flottenberatung bes Reichstages Wellen schlagen würden. Aber die Parteien begnügten sich damit, ihre Auffassung von der Tätigkeit des Flottenvereins in kurzen Sätzen neben» bei zu skizzieren und der Hoffnung auf ruhigere Verhältnisse Ausdruck zu geben. Die Sprecher der Freisinnigen, Dr. Wiemer und Mommsen, äußerten ichre Genugtuung über den Verlauf ber Angelegenheit insofern, als sie in dem Ausgang ber Kasseler Tagung einen Bankrott des deutschen Chauvinismus erblickten, und die Bekämpfung des Chauvinismus hüben und drüben war


