Ausgabe 
28.2.1908 Zweites Blatt
 
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Freitag, 28. Februar LN68

Zweites ME

158. Jahrgang

Nr. 50

Erscheint mV ffi-enä&nte bei VonnkagS.

3372

Gelächter.)

Abg. Carstens (frs. Dp.):

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eigenen söhnen. Erinnert sich das Handwerk dieser seiner alten guten Art, dann wird es auch wieder aufblühen. (Lebhafter Bei. fall rechts.).

Roteftongbrutf and versag bei NrühNchea Untrerjltätl - Bud)- and Srerndruckerri.

8t Bange, Stetzeu.

Di; wüte.,enet SamiUenblätter* werden dem .Anzeiger* viermal wSchrnNtch beigelegt. daS wlM3t>l(rtl fßr den Kreis Sietzrn" zweimal '^SchenUtch. D« ^hessische Landwirt'' erscheint monatlich einmal.

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zeiner Beamtengruppen durchzuführen. Er beantragt einen Zu- ^u Art. 12 des Gesetzes, daß auch die Vordienstzeit der Beamten bei den Rechtsvorgängerinnen der Bahn in Anrechnung gebracht werde.

Ministerialrat S ü f f e r t erklärt dem Vorredner gegenüber, daß das vorliegende Gesetz mit den von ihm vorgebrachten Wün­schen der Beamten nicht in Verbindung gebracht werden könne. Die Regierung sei bezüglich dieser Wünsche mit dem preußischen Eisenbahnminister in Verbindung getreten und sehe dessen Rück­äußerung entgegen. Bezüglich der Gewähr von Wohltaten für die Beamten müsse sich die Eisenbahngemeinschaft genau an die Bestimmungen halten, die auch für die preußischen Beamten be­stehen. Das, was Abg. Osann in seinem Antrag verlange, bestehe aber in Preußen nicht, und deshalb könne es auch unmöglich für die hessischen Beamten verlangt werden.

ALg. Molt Han verwahrt sich gegen den Vorwurf, daß der Ton in der Debatte am 21. Januar ein ungehöriger gewesen sei. Er erkenne mit seinen Freunden rückhaltlos an, datz der Gemeinschaftsvertrag dem Lande außerordentliche wirtschaftliche und besonders finanzielle Erfolge gebracht habe. Er sei aber trotzdem der VLeinung, daß bei einem festeren Auftreten noch mehr zu erreichen gewesen wäre. Als Ausschußreferent ersucht Redner, den Antrag Dr. Osann abzulehnen.

Abg. Adelung meint, man brauche den Vorwurf des un- fteundlichen Tones nicht so traftsch zu nehmen. Die Erregung über die Mombacher Güterzrigasfäre sei durchaus berechtigt ge­wesen. Die Eisetchahndirektion brüskiere die Landbevölkerung fort­gesetzt durch ihre Maßnahmen, und die Mainzer Handelskammer hcche erst jüngst einen ganzen Strauß von Eisenbahnschmerzen der Mainzer Bevölkerung der Regierung überreicht. Durch die Maßnahmen der Äsenbahn und besonders die Ableitung der Eisenbahnzüge würden die.Bewohner aufs schwerste geschädigt.

Finanzminifter Gnauth bedauert, daß er in jener Sitzung am 21. Januar nicht zugegen sein tonnte, er hätte sonst wohl gleich prompt die Angriffe beantwortet.

Abg. Köhler erklärt, er verkenne dre großen Vorteüe der Eisenbahngemeinschaft nicht, müsse aber bedauern, daß Preußen so wenig Rücksicht auf Hessen nehme. Das zeige sich auch m Kleinigkeiten. So habe z. B. der Finanzminifter bei der Fahrt zur Einweihung der Wasserwerke im Vogelsberg seine Fahrt in einem Wagenabteil mit zerbrochenen Fensterscheiben machen müssen, man hätte ihm doch mindestens einen Galawagen stellen können. (Heiterkeit.) Wenn wir kein Recht zum Mitsprechen hätten, dann sollte man uns doch wenigstens das Recht zum Schimpfen lassen. (Heiterkeit.) Der Gesetzentwurf wird darauf nach dem Ausschußantrag einstimmig angenommen.

Die Besprechung der Anfrage Dr. Schmitt und Gen., bett, wird auf Antrag des 9Übg. Molthan von der Tagesordnung ab- gefetz^, trvtzdenv Öser Finanzminister mit Rüchick^ auf die aus- gefttzl, troßdenv der Finanzminister mit fttzücksrcht auf die Mis Mainz erschienenen Eisenbahndirektionsmitglieder um sofortige Be­ratung ersucht hatte. Ter Antrag der Wg. Kühler unh Gen. bett, die Fahrpreisermäßigung auf den Eisenbahnen bei gemeinsamen Ausflügen von Volksschulen wurdo

dem Ausschußanttag entsprechend für erledigt erklärt. Eine langd Beratung entspann sich über die Vorstellung des Gemeiudevvo- standes von Seligenstadt, bett, die Beseitigung der

Konfessionsschule daselbst. Es handelt sich bekanntlich um die, im vorig«! Jahre erfolgte Aufhebung der Konfcssionsschulen unb Einführung einer gemeinsamen Schule in Seligenstadts nachdem der Gustav-Adols-Verein die seitherige Unterstützung für die evangelische Schule zurückgezogen hatte. Tie Ausschußmehrheil hat diese Maßregel der Regierung als korrekt anerkannt und be­antragt, die dagegen gerichtete Vorstellung der Gemeinde für er­ledigt zu erklären.

Abg. Tr. Frenay führt in einer längeren Rede aus, dis Regierung ljabe mit ihrem Beschluß auf Beseitigung der Kmr- sefftonssthulen, die Bestimmungen des Schulgesetzes verhetzt, und den Artikel 10 desselben eine falsche Deutung gegeben. Mienn auch das Schulgesetz die gemeinsame Schule zum Ziele habe, so gewähre es trotzdem im ArL 5 und 8 den bestehenden Kdnsessions- schulen, Beistand. Nach dem Vorgehen der Negierung habe der Art. 5 überhaupt keine praktische Aüwendungsmöglichkeit mehr. Es hätte doch der Regierung gleichgültig sein rönnen, ob der Zuschuß für die ev. Konfessionsschule ovm Gustav-Adolf-Verech oder von der politischen Gemeinde Seligenstadt getragen werde.

Minister Braun legt eingehend den Standpunkt der Re­gierung dar. Mit Kündigung der Zahlung des Gustav-Adolf- Vereins war die Vorbedingung für den Weiterbestand der Schute weggefallen und Art. 10 des Gesetzes gab der obersten Schul-, behörde das Recht, auf Verweigerung der weiteren Genehmigung. Tie Negierung hielt diese Genehmigung nicht für angezeigt. Tie 'Schule hatte aufgehört zu bestehen und eine neue Konfessions- schule auf Kosten der politischen Gemeinde konnte zwar, mußte aber nicht die Genehmigung der Regierung finden. Er weise den Vorwurf einer üwhalen Handlungsweise zurück und führe als Entgegnung nur den einen Satz des Ausschußberichtes an: Tie Regierung hätte dem Geist des Schulgesetzes zuwider gehandelt, wenn sie der Errichtung einer neuen Konfessionsschule die Ge­nehmigung erteilt hätte.

Wg. Tr. Osann betont, daß der Regierung zweifellos das Recht zuftehe, die erteilte Konzession wieder zurückzuziehen. Tie Regierung hätte sich nach den Bestimmungen des Gesetzes ge- ridjtct. Redner wendet sich dann gegen einzelne Ausführungen der Abgg. Tr. Frenay und U c b e l und betont die Notwendigkeit, daß beide Konfessionen fick) verttagen und miteinander in Frieden leben.

Abg. Adelung verteidigt den Beschluß des Ausschusses, derselbe habe durchaus korrekt gehandelt und konnte gar nicht anders handeln.

Abg. Horn erklärt, daß nach der Entziehung des Beitrags des Guitav-Adolf-Ver-eins, der Gemeinderat sich sofort zur Her­gabe der erforderlichen Mittel bereit erklärte und ersucht, den Antrag auf Wiederherstellung der Kvnfessionsschulen an zu nehmen.

Tie Abgg. Hauck und Kühler führten aus: Die Mehr­heit ihrer Parteifreunde stehe auf dem Standpunkt der Simultan­schule. Trotzdem hätten sie aber gewünscht, daß dem Verlange^

hejsisch: Zweite Kammer.

R. B. Darmftadt, 27. Febr.

Am Minister tisch: Staatsminister Ewald, Finanzminister Wnauth, Minister des Innern Braun, Geh. Staatsrat Krug v- N i d d a , Ministerialräte Dr. U s i n g e r und S ü f f e r t.

. Präsident Haas eröffnet die Sitzung um IO1/? Uhr und gedenkt At ehrenden Worten des Ablebens des Fürsten zu Erbach- Schönberg. Der Präsident hat namens der Kammer der Ältlichen Familie sein Beileid ausgedrückt, wofür der junge «nst in einem Schreiben an die Kammer herzlich dankte. Das E'ws verweist zunächst eine Anzahl zur vorläufigen Beratung Wllter Anträge und Vorstellungen an den zuständigen Aus­guß, darunter die Vorstellung des Wormser Vereins für Frauen- etimmredjt, den Antrag des Abg. Molthan bett, die Äbünde- N'lödes Gesetzes über die Handelskammern und die Vorstellung

A^ins hessischer Kulturtechniker. Bei dieser Vorstellung l-gt Minister Braun den ungewöhnlichen Ton, in welchem die- °sbe gehalten sei. Es werde feinem hessischen Beamten ein- 'Een, sich solcher Ueberhebungen schuldig zu machen, er bedauere c-ücrordentlich die ganze ^lusdrucksweise der Vorstellung und ^rde auch den Absendern darüber keinen Zweifel lassen. Das Ows werde darin hoffentlich keine Beschränkung des Petitions- 1H» der Beamten erblicken.

Eisenbahn-Ruhegehalte.

Zur Beratung gelangt darauf die Regierungsvorlage, bett. , . Hb ünderung des Gesetzes über die Nu hege halte Md dre,Versorgung der Hinterbliebenen der im hessisch-preußischenr demernschastsdienst angestellten Staatseisenbahnbeamten.

Finanzminister Gnauth verliest eine längere Regierungs- i-llarung und kommt dabei auf die Kammerdebatte vom 21. Jan. ^uck, in welcher von verschiedenen Rednern ein sehr unfreund- ^,e.r Ton gegen eine befreundete Bundesregierung angeschlagen °wrden war. Das könne nur eine beklagenswerte Mißstrmmung stoonuien, und die Großh. Regierung müsse jede Verantwortung V "waige weitere Konsequenzen ablehnen. Einer sachlichen Er- ^lerung über Eisenbalmnrißstände werde die Regierung nrcht n, Weg treten, aber die verletzenden Angriffe gegen dre ctoatdrcgierung und den befreundeten Bundesstaat weise er hrer- nt energisch zurück. (Bravo!) Der Minister betont des inerteren, -? "le dem Hause jüngst zugegangene Denkschrift über die Wienbahngemeinschast nähere Aufklärungen bieten werde.

rJUfl-, Dr. Osann erklärt, er könne mit seinen Parteifreunden der Debatte am 21. Januar zustimmen. Es CP1!, doch gar kein Zsveifel mehr darüber möglich fern, datz "5 Vertrag von 1896 für Hessen von großem Nutzen gewesen 7^ Die ganzen Verhältnisse Hütten eine günstige Entwickelung 'Mn, namentlich aber die wirtschaftlichen, die Verkehrs- und ^.vetterverhaltmfse. Er erinnert an die Eisenbahuverhältnrsse in ussen bot dem Verttag und konstatiert, das; Hessen durch denselben hX «k Vohütsrechren bezüglich der Bahnen nichts emgebützt Keiner bespricht dann die zu vorliegender Sache eingegan- und führt aus, es sei bei dem jetzigen Gesetz- -Eurj die beste Gelegenheit, die noch unerfüllten Wünsche ein»

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Deutscher Neichstag.

110. Sitzung, Donerstag, den 27. Februar.

Am Tische des Bundesrats: v. B eth m ann- H o llw e gh Caspar.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 16 Minuten.

Der kleine Befähigungsnachweis.

Die erste Lesung der diesen Gegenstand behandelnden Ge- loeckenovelle leitet

Staatssekretär von Bethmann-Hollweg

ein: Die Vorlage trägt einem besonderen Wunsche des Handwerks Rechnung. Es läge ja nahe, daß die Interessenten noch weitere Wünsche bei dieser Gelegenheit erfüllt sehen mochten. Ich möchte aber ooch bitten, diese Vorlage nicht noch anderweitig zu belasten. Die Freunde des Handwerks werden diesem den besten Dienst er­weisen, wenn fie der Verabschiedung dieser Vorlage, die spruchreif -st, leine weiteren Hemmnisse in den Weg legen. Die Vorlage spricht aus, daß nur derjenige lehren darf, der selber gelernt bat An abweichenden Bestimmungen bringt die Vor- tage nur das Notwendige, aber wohl auch genügende. Mit zünft- lerischen Besttcbungen hat diese Vorlage nichts zu tun. Wie der Grundsatz völliger Lehrfreiheit eine Verschlechterung mit sich brin­gen kann, das haben die Zeiten gelehrt, wo man dem laisser faire, laisser aller huldigte. Ich glaube, daß ich nach der gesamten Vor. g-schichte im gegentoärligen Momente eines Eingehens auf Einzel­heiten der Vorlage überhoben bin. Möge die Vorlage, bei der poüti'che Momente nicht milsprechen, eine wohlwollende Aufnahme im Hause finden. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Malkcwih (kons.):

Meine Freunde werden sich in der Kommission auf die Ma- terie de- Berlage beschranken, da auch wir meinen, daß jede Be- lastung nnt anderen Wünschen die Vorlage in Gefahr bringen könnte. Wir können auch jedes Wort unter schreiben, das der Star ßfefretör grundsätzlich gesprochen Wir bedauern aller- bi.iyö, daß hier nur ein Punkt geregelt ist, und hoffen, daß in Zu- äwft eine umfassende Siegelung noch nachfolgt. Ebenso wie wir auch auf eine umfaßende Neuregelung des sozialen Ver- licherungSwesenS hoffen. Einer heutigen Meldung der Mittelstandskonferenz zufolge die nicht die Interessen des Mittelstarrdes zu dertteten pflegt soll eine Vorlage in Aus- atLeihnig sein, betreffend Abgrenzung von Fabrik und Handwerk. Ist diese erfreuliche Nachricht zutreffend? Der l7.ed.cer wendet sich insbesondere gegen die Sozialdemokraten; diese quittieren mit Widerspruch und Unruhe. Tippen Sie nicht an meinen Zitaiensack, ich habe ihn hier. TasBerliner Tage­blatt" brachte neulich anläßlich des Friedberg-KrachS »inen Artikel, der für daL Vankiergewerbe einen Be­fähigungsnachweis forderte. Böse Zungen behaupten ja, Friedberg habe einen Befähigungsnachweis erbracht; er habe es ausgezeichnet verstanden, Schaum zu schlagen, die Kundschaft ein­zuseifen und über den Löffel zu balbieren. (Heiterkeit.) Jeden­falls zeigt dieser Artikel, daß es mehr und mehr verständige Leute m allen Lagern gibt, die einsehen, daß der Befähigungsnachweis lange nicht das Schreckenskind und Schreckgespenst ist, für das man ihn früher hielt. Freilich stand dieser Vorschlag im Handels- und nicht im politischen Teil.

Wir werden alles daran setzen, das Gesetz möglichst bald und möglichst gut zustandezubringen, und beantragen daher eine 28gliedrige Kommission. Diese wird sich die Anträge des deutschen Handwerks, und Gewerbekammertages ansehen müssen. (Beifall r-ch.s ur o im Zentrum). einmal insbesondere bezüglich der Ein. fiHn-ung der obligatorischen Gesellenprüfung, mindestens als Vor- bttingu cg für die Ablegung der Meisterprüfung und Lehrlings­haltung (Beifall rechts und im Zenttum), und dann die Erweitc. rung der Autorität der -,'andwerkskammern. (Lebhafter Beifall.) Wir danken der Regieru j, daß sie jetzt insbesondere den überflus. sigen Formelkram beseii g-, der sich zwischen Vater und Sohn im Handwerksbetriebe^geschrden und manchen Meister abgehalten hat, feinen Sohn Handwerker mcrden zu lasten. Ich richte den dringen, den Appell an das Handwerk, seine Söhne nun mehr als bisher dem eigenen Stande zu erhal­ten. (Beifall.) Jeder iölacrd rekrutiert sic^am besten aus seinen

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Abg. Euler (Ztr.)' betont gegenüber Aeußerungen des Vorredners, die sich gegen die Linke, auch gegen die Nationalliberalen gerichtet hattecc, die V e r. dienste des Abg. B a s s e r m a n n um das Handwerk als Vorsitzender der Handwerksorgcmisationskommtssion von 1905. Das Handwerk ist ihm zu Dank verpfli^et. (Beifall.) Euler spricht zur Vorlage in ähnlichem Sinne wie fern Vorredner und empfiehlt den Handwerksorganffationen, alles zu tun für die Fort, bildung seines Nachwuchses und der Dreister selbst nach dem vor. zuglichen Beispiele der jtölner Handwerkskammer. Er spricht die Erwartung aus, daß von mm an das Handwerk sich auch aug höheren Schichten rekrutieren werde. Es ist grundfalsch, daß das Handwerk nickst mehr seinengoldenen Boden hat. Bisher haben aber Unberufene davon profitiert.

Abg. Link (natl.)^

Seit Jahren ist die nationalliberale Partei für den kleinen Befähigungsnachweis emgetteten. Wir danken Herrn Euler, daß er gegenüber dem Versuch des Abg. Malkewitz, meine Partei etwas anzuschwärzen, der Wahrheit die Ehre gegeben hat. Es ist richtig, daß die nationalliberale Partei in früheren Jahxen nicht dafür war; das war aber zu einer Zeit, in der auch das Handwerk selbst keineswegs auch nur annähernd einig war. Noch bei der Beratung des Handwerksorganisattons-Gesetzes war z. B. der Verband der deutschen Gewerbevereine gegen den kleinen Befähigungsnachweis.

Ein Allheilmittel ist er freilich nicht. Wie der Rück­gang der Lage des Handwerks auf einer Reihe von Ursachen be- ruht, bedarf es auch einer Reihe von Mitte ln ; wenn die Sozialdemokraten behaupten, daS Handwerk habe keine Zukunft mehr, so ist der Wrmsch der Vater des Gedankens. (Sehr wahrl) Wir haben die Ueberzeugung, daß das selbständige Handwerk eine wichtige Betriebsart darstellt und neben dem Großbetrieb sich lebensfähig erhalten kann, wenn e8 nur nicht s i ch selbst a u s g i b t und die richtige verständige Unterstützung durch Ge- setzgebung und Verwaltung sindet. Die allgemeine Erkenrrtms seiner Bedürfnisse imb der Ursache seine- Rückgänge- wirkt dafür, daß die schwerste Zeit deS HmcdwerkS hinter ihm hegt (Beifall.) So segensreich die Gewerbefreiheit auch für daS Handwerk gewirkt hat, und so notwendig die Bewegungsfteiheit ihm gerade hn Kampf mit dem Großbettieb war, so sicher hat die Ueberspannur^^des Prirczips ihm schweren Schaden zugefugt Einer der Hauptschäden ist b<:§ Pfuschertum, die Devise: Billig und schleckst, Schund- Ware statt Meisterware! Alles muß getan werden, um dem Handwerk eine gründliche und allseitige Aus­bildung zu geben. Es ist ja darin schon viel geschehen, vor allem auch durch Selb st Hilfe des Handwerks und Unter­stützung der Kommunen. Es wäre unrichtig, den Lehrling zur Ablegung der Gesellenprüfung zu zwingen, weil es bedenklich wäre, dem die in Handwerkerkreisen gewünschte Folge zu geben, den Lehrling event. um ein Jahr zurückzustellen und ihn dann gar ganz vom Erwerb des Meistertitels auszufchließen. Die Forde­rung, die Befugnis der höheren Verwaltungsbehörde zur Erteilung des Rechts der Lehrlingshaltung an die Zustimmung der Hcrnd- wcrkskammer zu binden, halten wir nicht für berechtigt; es könnte da der mehr ober weniger zunftlerische Charakter der Handwerks­kammer entscheiden.

Den vorliegenden Gesetzentwurf betrachten wir aber nicht als einen ersten Schritt zur Wiedereinführung des allgemeinen Befähigungsnachweises. Wir halten diesen für schädlich für Handwerk und Allgemeinheit. Eigene Tüchtigkeit unb Kenntnisse sind ber beste Schutz für bas Hanbwerk; grünbliche Aus­bildung, gründliche allseitige fachmännische, technische unb kaufmännische Fortbildung ist das beste Rüstzeug gegen die Kon­kurrenz, und ein gut Teil davon hoffen wir vom kleinen Be­fähigungsnachweis. (Beifall.)

Abg. Albrecht (Soz.)'k

Wir lehnen die Vorlage ab, nicht weil wir Feinde des Hand­werks wären und darauf warten, daß eL zu Grunde geht und die Handwerker dann zu uns kommen, sondern weil der kleine Be­fähigungsnachweis das nicht bringt, waS die Herren erwarten.

Wir wollen das Handwerk nicht zu Grunde richten. Wir sind ja elbst zum großen Teil Handwerker. (Widerspruch.) Drei Viertel meiner Fraktionsgenosien finb Handwerker. (Lebhafter Wider- pruch rechts. Zuruf: E i n m a l g e w e s e n I) Ich will Ihnen agen, warum wir es nicht mehr sind. Der kleine Handmerker muß heute drei Grundforderungen erfüllen, einem patriotischen Klimbimverein angehören (Heiterkeit), einen schmiegsamen Rücken haben und auf Kommando Hurra schreien. (Heiterkeit.) Das ist der beste Befähigungsnachweis für den kleinen Handwerker in der heutigen Gesellschaft. Bei einem Sozialdemokraten läßt kein Angehöriger einer bürgerlichen Partei arbeiten, die meisten elbst bei einem Freisinnigen nicht. Heute in der Blockzeit !ann ein Handwerker allenfalls noch riskieren, liberal zu sein; reilich, in den Gefilden Ostelbiens, wo Herr Malkewitz wohnt, auch nicht. (Malkewitz ruft: Da wohne ich ja gar nicht! Große Heiterkeit.) Der Großbetrieb macht den Klein­betrieb existcnzunfähig. Aber heute leistet der Hand­

werker diel mehr als früher in der Zunftzeit. Als ich noch auf Wandenmg war, war ich bei manchem Meister, von dem ich nichts lernen konnte, der aber von mir ein Stück gelernt hat. (Großes

Die große Mehrzahl meiner politischen Freunde wird für die Vorlage stimmen, aber au8 anderen Gründen als die Rechte unb das Zentrum. Unser Leitmotiv hierbei ist lediglich bessere Lehrlings­ausbildung; würden wir in der Vorlage einen ersten Schritt zum allgemeinen Befähigungsnachweis sehen, würden wir sagen: principiis obsta! Die Handwerker selbst wünschen den allgemeinen Befähigungsnachweis nicht. Für die Volkstvirtschaft ist er erledigt. Fortbildung, Kredit- unb Genossenschaftswesen, Meisterkurse nsw. bad dient und frommt dem Handwerk. (Beifall links.)

Abg. Linz (Rp.):

Wir freuen tmd über die Wandlung auf ber Linken unb be­sonders bei den Freisinnigen. Wenn bet Block diese Wirkung hat, so ist daS dankbar zu begrüßen. Sozialdemo­kratie und Handwerk das ist wie Feuer unb Wasser. Wir sehen in der Vorlage eine erste Stufe zur Erlangung weiterer Rechte für baS Hanbwerk. Wir haben uns für ben allgemeinen Befähigungsnachweis nicht festgelegt, aber diskutabel ist er zum mindesten. Wer dauernd helfen will, darf nicht mit halben Maßregeln kommen. (Beifall rechts.)

Abg. Rieseberg (wirtsch. Dgg.):

DaS Hurra-Rufen tont den Sozialdemokraten nicht angenehm in die Ohren. Achtmal haben fie mir meinen Laden gestürmt, das ist Ihre (zu den Soz.) Freiheit 1 (Hört, hört I) Der Redner spricht im Sinne v. Malkewitz und Euler.

Direktor im Reichsamt deS Innern CaSpar beantwortet die Anfrage des Abg. Malkewitz, ob ein Gesetzentwrirf in Vorbereitung sei zur Schaffung einer einheitlichen Instanz für Entscheidung von Streitigkeiten über die Frage der Zugehörigkeit Au Fabrik oder Handwerk. Ein solcher Entwurf ift nicht in Vorbereitung.

Abg. Kulerski (Pole) behandelt auch diese Vorlage aus dem Gesichtspunkte der Polen­frage. Er befürchtet Schikanierung des polnischen Handwerks.

Abg. Wieland (dtsch. Vp.):

In Baben soll ber Gewerbeunterricht am Tage eingerichtet werben. Dabei könnte leicht bie praktische Ausbiloung Schaben leiben unb mancher Handwerksmeister auf die Lehrlingshaltung verzichten. Der Redner spricht für den kleinen Befähigungsnachweis, lehnt aber a l s Handwerker den allgemeinen ent­schieden ab (Lebhafter Beifall links), da er die Tatkraft unb AuSbehnungsfähigkeit lahme. Der beste Schutz bes Handwerlers sei seine persönliche Tüchtigkeit

Abg. Druhn (Ref.-P.)

nimmt den kleinen Befähigungsnachweis als Abschlagszahlung.

Nach weiteren Ausführungen von Lehmann (Soz.) und Ahlhorn (fts. Vp.) vertagt sich das Haus auf Freitag 1 Uhr.

Schluß Uhr.

toiu. FchchrkA, 'war 1908-

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