158. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 260
Erscheint tLglich mti flu8nabmt öefl Sonnlags.
General-Anzeiger für Overheffen
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Mittwoch 4. November 1908 / tRotahonSbrnd tml Verlag der vrühl^chea Unu>erhtQt0 - Buch- und Stemdruckeret. R. Longe, titeben.
Redaktion. Exveditron und Druckerei: 6c6u!» strotze 7. Exoedinon und Verlag. bl. Redaklwme^ 112. Tel.-AdruAnzergerGteßen.
Dcutfches Reich.
Kaiser Wilhelm ist gestern aoenb um 9 Uhr 37 Min. doä Station Wildpark nach Laarlsau -um Besuche des Kaisers Franz Joses abgereist. , , _ .,
Eine bevor iteh ende Verlobung un Kaiser- Hause.'' Griechische Blätter wollen von einer Verlobung wissen, die inachfliens zwischen der Prinzessin ViktoriaLuise und vcni griechischen Prinzen Christophorus stattfinden soll. Die Prinzessin, das längste Kind unseres Kaiserpoarcs, steht im 17. Lebens- lahre, der Prürz ist jetzt 2u Jahre att und der sechste Sohn des Königs Georg von Griechenland.
Stemmrich und v. Schoen. Deo „Köln. Ztg." wird aus Berlin telegraphiert, dass, entgegen der Mitteilung der „Internationalen L-wrespondenz" über die plötzliche Erkrankung und Beurlaubung des Untcrstaatssckrctärs Stemmrrch dieser vor etwa 14 Tagen seinen regelmußigcn Urlaub ängetrcten hat. Das Befinden des Staatssekretärs von Schoen ist recht befriedigend. Er empfing bereits einige Besuche.
Aus siaOt und Eaud.
(SicBcn, 4. November 1908.
- Vom Großherz oglichen Hose. Der Großherzog und Prinz Heinrich von Preußen begaben sich gestern vormittag, einer Einladung des Frecherrn Hcyl zu Herrnsheim folgend, im Auto nach Stockstadt a. Rh. auf die Jagd.
" Lan dw irisch a ftSkamm er. Mit Wirkung vom 1. November ist Geh. Oberforslrat Scyd ats Dezernent des J-orstderatrkstgSdiensles der Landwirtschaftskammer für den Prioatwald 2. Klasse in den Dienst der Kammer eingetreten.
AusLauv.
Eine Sympathieluut.>g^ung für die deutsche Universität Prag. Die Leipziger Universität hat der Prager Universität folgende Syrnpachictundgevung zugchen lassen: „Harret aus aus Eurem schweren Posten, unser Herz schlägt für Euch," woraus von der Prager Universität alsbald ein herzliches Dank- Telegramm einging.
Nie österreichische Regierung hat, nach dem Brüsseler „Svir", den Heuigen Stuhl vertraulich informiert, daß Oesterreich demnächst L|ic Aosarafsung der Anordnung verlangen werde, ivonaä) es taiholisä-en Prinzen bei der Durchreise in Rom ver- voten ist, zuerst im Quirinal einen Besuch obzustatten.
Die Verhandlungen des Bw is che n s a l l eS in Casablanca werden, naa) einer Dletdung der Köln. Ztg., fortgesetzt. Die Besprechungen des Reick^tan^erS mit dem frarr- zösstchen Botschafter Camoon bezogen sich aus diesen Gegenstand. | Dcr deutsche Standpunkt wurde dabei klar gelegt. .Es sind den
Einrichtung hat das Darmstädter Bezirkskommando im Interesse der slellesuchendtn Militärpflichtigen getroffen. ES erläßt im Annoncenteil der hiesigen Blätter folgende Bekanntmachung: Der Umstand, daß gerade alle zur Reserve entlassenen Mannschaften verpflichtet sind, sich ans dem Hauptmeldeamt anzumelden, sowie der fortgesetzte Verkehr sich an- und abineldender Mannschaften deS Beurlaubtenstandes bieten Gelegenheit zuin ArbeitSnachiveis. Das Hauptmeldeamt ist bereit, in den Fluren und Treppenaufgängen solche Nachfragen nach Handiverkern rc. jederzeit anzuschlagen und bittet von dieser Einrichtung Gebrauch zu machen. Da gerade stellenlose Leute wandern, um Arbeit zu suchen und sich hier melden müssen, erhofft daS H. Ai. A. aus diesem Arbeitsnachweis erheblichen Nutzen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
** Im Kriegerverein hält heute abend Oberlehrer Prof. Ko ob einen Vortrag über: „Eine Stunde in derGräberstadtPompej i". Da der Vortragende hierbei eine größere Anzahl prachtvoller Lichtbilder über die bis jetzt vorgenommenen Ausgrabungen vorführen wird, so dürfte gewiß ein genußreicher Abend in Aussicht stehen.
•• Innere Mission. Zu unserer gestrigen Notiz betreffs der Jahresversammlung für innere Mission in Fried b erg wird uns mitgelettt, daß anstelle des erkrankten Pfarrers D. Grünbcrg Professor D. Schian von hier daS Referat übernommen hat.
•* Ortsgeuzerbevcin. Es sei besonders darauf aufmerksam gemacht, daß die Hauptversammlung heute (Mittwoch) Abend, 81/., Uhr, un Gewerdehaus stattsindet (s. Anzeige).
•• Kolossenm. Am 13. und 14. November wird nach einem heute früh abgeschlossenen Vertrage der italienische Violinvirtuose Giovanni Darnsso, der kürzlich in Darmstadt vor I. K. H. der Großherzogin von Hessen und I. K. H. der Kronprinzessin von Griechenland gastierte, hier ein Gastspiel geben, sein drittes in Deutschland überhaupt (die ersten beiden in Darmstadt, „Orpheum", und Frankfurt „Albert Schumanns-Theater). Näheres wird später bekannt gegeben.
•• Verbotener Weg. Der idyllische Weg durch den Heßler (vom Bahnwärterhäuschen an der Straße Heuchelheim-Tutenhofen) entlang der Bahnlinie über den Kleebach, nach dem Jagdschlößchen Dutenhofen, ist, soweit er an der Eisenbahn sich hinzieht, durch die Eisenbahnbehörde verboten und der Steg über den Kleebach ist abgebrochen worden. Dieser Weg wurde an schönen Tagen täglich von erholungsbedürftigen Gießenern seit mindestens 10 Jahren benutzt und es ist nicht einzusehcn, welchen Nutzen die Bahn durch das Verbot hat. Zahlreiche Gäste de§ Jagdschlößchens, die häufig von Gießen dorthin wandern, beabsichtigen eine Eingabe an die zuständige Etsenbahnbehörde zu machen, damit das Verbot zurückgezogen wird.
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Die „Stehen« Lamtllenblätter" werden dem »Anzeiger* otermal wöchentlich beigelegt, daS „Kretsblati tüt den Kreis Dietzen" zweimal wöchentlich. Di, .Landwirtschaftlichen Seit» tragen" erscheinen monatlich zweimal.
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----- Lich, 3. vtoo. Heute hat hier das Wintersemester an der landw. Wtnterfchule begonnen. 29 Schüler haben sich eingefunden. Tie obere Klaffe ist mit 22 Schülern gut besucht. Dagegen sind in die untere Klaffe nur 7 Schüler neu eingetreten. Ohne Zweifel hat die Einführung des landivirtschaftlichen Unterrichts in sämtlichen Fortbildungsschulen des Kresies Gießen die prompte Wirkung gehabt, daß dte jungen Landwirte in den Fortbildungsschulen zurückgehalten worden sind. Hoffentlich wird der allerdings wöchentlich nur zweistündige landwirtschaftliche Unterricht in den Fortbildungsschulen daS Interesse der jungen Landivirte für den landwirtschaftlichen Fachunterricht derart wecken, daß diese nach dem Besuch der Fortbildungsschule ihre eigentliche Fachbildung an der landwirtschaftlichen Winterschule sich auch in einem Lebensalter noch erwerben, in dem sie im hcnnlschcn Betriebe sich schon viel nützlicher machen können und weniger leicht entbehrt werden als kurz nach der Entlassung aus der Volksschule.
□ Friedberg, 3. Nov. Gellern Morgen gegen fünf Uhr kam, wie schon gemeldet, auf unsernl Bahnhof der Pedell unseres Technikums Friedrich Tannenberg unter die Räder eines Güterzuges und war sofort tot. Tannenberg, der Vater von sechs Kindern ist, verdiente in seiner Stellung als Pedell in der Woche 15 Mk., was zu wenig war, um seine Familie damit erhalten zu können. Er arbeitete deshalb an den Sonntagen und auch nachts als Hilfsarbeiter bei der Post, die sich von ihm einen Revers
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Die ©ewetiieotbnunßS-fiummih'ion des Reichstags nahm einen LXntrumsamrag an, vucu) oen § 154 der Gewerbe» ordnungsnovelle, der verbietet, in Lergroerttn, Salinen, Aui- bcreirung5anftaiKn und bei unterirdischen Drücken Frauen unter Tag zu besänftigen, wobei Oberschtesicn ausgenommen ist, dahin abgeändert löirj, daß die Vesci>iftignng der Arbeiterinnen in solll)LN Betrieben überhaupt verboten ist, mit der Maßgabe, txtfc dieses Verbot ipmestenS am 1. Januar 1912 durchgctuhrt werde, so daß der Industrie eine dreij.ihrige Frist bleibt, sich em- zuriasten. Ein Antrag der Wirtschaftlichen Bereinigung, auf den hte-Tercien die Frauenarbeit ebenialls -u verbieten, fano auch Amiahme. In der Debatte crtucie ein RegierungSvcrireter, es handle sich in der obersclstksiscken Industrie um eigenartige wirtschaftliche Berhlttni.se. Es seien etwa GO OJO Arbeiterinnen in dem Erh-> und Kohlcnoergbau beschäftigt, und es sei nicht möglich, den jugendlichen Arbeitern in diesem Jndusteiebezirk eine andere Beschäftigung ru bieten; sie würden dann auf die Sachsengängerei angewiclen jein.
Der Senisrenronvent beß Reichstags wird am Donnerstag mittag zusammen tvtten, um über die Gcschiiftslagc mid über die Art der Erledigung des vorliegenden Materials zu beraten. w .
Die ReichSbesoldungS-Vorlagen werden dem Reichstage erst zugehen, wenn der Bundesrat die Wohnungsgcld- zuschuß-Rovelle genchmigt hat. Man nimmt an, daß beide Erlagen dem Reichstage Ende der nächsten Woche vorgelegt werden können. ____________
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In den Interpellationen des Reichstages aber bieje unerquickliche Angelegenheit werden solche Stimmungen wohl in noch weit ocrfolrticrem Maße zum Ausdruck kommen. Wie jetzt die „Rationall. Corresp." mittcilt, hat der Führer der Nationalliberalm, Rcick^lags-Abg. Basserniann, mit Unterstützung der nationalliberalen Fraktion folgende Interpellation eingcbracht: „Ist der Herr ReickMinzler bereit, für die Veröffentlichung einer Zteihe ton Gesprächen meiner Majestät des Kaisers im „Dally Telegraph" und die in denselben mitgeteilten Tatsachen die vcr> fassungsmäßige Verantwortung zu übernehmen?" Wie die „Voss. Ztg." hört, wird auch die freisinnige Fraktions-Gemeinschaft eine Interpellation über die durch die Verüfsent- lichung der Aeußernngen des Kaisers geschaffene politische Lage tm Reichstag einbringen.
Diese Jntervellationen sollen, wie eS heißt, erst am .DomrerZ-- tag Zur Sprache kommen.
Beachtung verdient es, daß in der Z w e i te n Ka m m e r de § sächsischen Landtages in der gestrigen Sitzung toll den Freisinnigen folgende Interpellation eingebrackst ivorden ist Im Hinblick auf die vom Auswärtigen Amt unter verfassungsmäßiger Verantwortlichkeit des Reichskanzlers gebilligte Veröffentlichung der vom Kaiser einem englischen Staatsmanne gemachten Mitteilungen richten wir Unterzcichticte an die rönigliche StaatSre- tziernng die Anfrage, welche ionstittttioncllen Bürgschaften sie den rrcrbuuoeten Regierrmgen in Vorschlag zu bringen und was sie sonst im verfassungsnuchigen Sinne zu tun gedenlt, um im Falle einer Politik der Unlnstmoigkeit und Plötzlichkeit eine in konstitutionellen Formen sich bewegende, den Interessen des deutschen Volkes entsprechende auswärtige Politik durch die oerbünderen Regierungen zu gewährleisten. Die Interpellation wurde der königl. Staalsregierung mit dem Ersuchen um eine Erklärung zugestellt.
Eine neue üble Folge der Veröffentlichung im „Daily Telegraph" zeigt sich nun in folgendem: Der Petersburger Korrespondent der „Times" übermittelt seinem Blatte die neueste Enthüllung aus der Zeit des Buren kr ieges. Er erklari auf Grund von Informationen aus angeblich guter Quelle, daß zurzeit als England in Südafrika Niederlagen erlitt, von DeurMand ein Verbuch unternommen wurde, Rußland gegen das britijdje Weltreich ins Feld zu schicken. Deutschland regte in Petersburg eine räffische Demonstration in Zentral-Nien an, wodurct> die briti)d)e Herrschaft in Indien bedroht werden würde.
Ätan ersieht auch hieraus aufs neue, wie wenig es gelungen ist, die Freundschaft der Engländer zu erringen.
gemacht worden, die jetzt der Prüfung der iwiuzrvinu/v.. Regierung unterliegen. Auch in Paris wird nun vest'tigt, daß trotz der optimistiscklen Ansicksten, die noch am Samstag in fr er deutfck)en Botsck-afr ausgesprochen wurden, die Einigung in der Frage der Deserteure wieder in Frage gestellt ist Hier hieß es zuletzt, die Rechtsgelehr.en Regnault uno Krieger Ivllten in Berlin die Frage cncicheioen. Jetzt gewinnt, der Ein^ druck die Oberhand, daß Deutschland sich auf eine D.skuffion nicht einzulassen wünsckst. Der Tnnps sckwelln die schärfere Tonart bereits dem Einflüsse von Kiderlen-Wückster zu.
China und der Dalai Lama. In einem gestern ver- ösfentiickffen Edikt des Kaisers von China wird dem Dami Lama eine Auszeichnung verliehen und ih.n ein Jahresgehalt von zehru- tausend Taels zugesprock^n. Zugleich befiehlt der Edikt dem Talai Soma, nach Tibet zurück^nlehren und macht ihm Gehor- lam gegen den Thron zur Pflicht.
Reichstag und Maiykrlrifls.
Nach mehrmonatiger Pause nimmt der Deutsche Reichstag am heutigen Alittwoch seine Arbeiten wieder auf. Ein schwieriges i Arbeitspensum harrt der Abgeordneten; es gilt ja die Reichs- - finanzresorm endlich durchzuiul/ren. Im Mittelpunkte der Ae- ; ratungen werden in den ersten Tagen aber sehr unerfreuliche Dinge stel-en: Die Veröffentlichungen des „Daily Telegraph" < über den Kaiser und sein Verhältnis zu England. In der Oejfent- keit hat sich die Erregung über das Verschulden deS Rera'is- kanzlers uno L>es Ausw<.r^gen Amtes bei Die]er Veröffentlichung einiger maßen gelegt. Man beschönigt die Unterlassungssünden unserer regierenden Männer keineswegs und halt auch mit der Meinung nicht zurück, daß daS Lerttauen zum NeichSkanzler in allen Parteilagern gründlich erschüttert ist, aber wesentlicher erscheint so ziemlich allen Parteien ein anderer Punkt. Daß foldye Versehen Vorkommen können, wie sic jetzt bei und zum Gaudium des deutschfeindlichen Auslandes vorgekommen sind, daran ist, so meint man, einzig und allein daS heutige System schuld, das die verantwortlichen Ratgeber des Kaisers in ihrer Tätigkeit hemmt und ihr Verantwortlichkeitsgesühl einschlölert. Jetzt fleht selbst ein Blatt der äußersten Rechten, der „Steide hole", den Kaffer an, seinen Tätigkeitsdrang cinzudänimen. Der Zwischenfall, „wie von Gottes Hand geschickt", habe mit blitzartiger Helligkeit die falschen Wege gezeigt, auf denen die Polttit bisher gewandelt sei: t .
„Deshalb müssen wir in aller Ehrerbietung und Treue unseren vielgeliebten und Ijodtbegabten Kaiser bitten, daß er seine per- jönliche impulsive Gefühls- und Augenblicksvolitik aufgibt und sich zu ruhiger Erwägung aller politischen Maßnahtnen mit seinen Diäten ruiammeuscküießt, um nichts ohne sie, sondern alles mii ihnen zu unternehmen, wie es sein Großvater Kaffer Wilheun der Große in so erfolgreicher Weise getan hat. Richt der perion-' lid)e Freund Englands oder irgendeiner Macht soll der deuttzhc Kaiser sein, sondern der Freund der deutschen Ration; nichts wünscht die deutsche Ration mehr als das, und wenn Kaiser und Ration in treuer, vertrauensvoller Freundsck-ast verbunden sind, dann sind wir groß und stark, und niemand wird es wagen, seine Hand gegen Deutschland zu erheben."
DaS klingt, so Deniertt hierzu Oie Vossische Zeitung, wie em inbrünstiges Gebet. Das leitende Blatt der konservativen Partei, die „Lireuzzeitiing" fdjteibt: „ES muß nicht nur im Jnllmde jckMerzlich berühren, wenn bekannt wird, daß der Kaiser, wenn auch im nertrauten Privatgespräch, seine persönliche polilischc Stellung England gegenüber als im Gegensatz ju der, wette Volksweise, vielleicht die Mehrhett t<3 deutsck)eu Volles behnr- schenden Stimmung bezeichnet. Es kann das auch nach außen hin für die Bewertung der inneren Starke und der Geschlossenheit per deutsck-en Pvlttik keineswegs gleichgültig sein, llioch dazu müssen wir in aller Ehrfurcht bemerken, daß der Kaiser nach unserer festen Ueberzengung über die wirkliche Bolksstinimung England gegenüber nicht richtig unterrichtet ist, Es scheint eine Heberschatzung der Bedeutung und des Einflusses der wenigen Blätter vorzuliegen, die mangelnde Klarheit politischer Ziele und Auffassungen durch Lebhaftigkeit des Tones und gelegentliche Laute Unfreundlich leiten gegen Englartd ju ersetzen suchen. >zn Wirklichkeit handelt es sich dabei um eilte. bcschränkte Gruppe politisch wenig einflußreicher Leute. Das zeigen sowohl die Verhandlungen des Reicksstages über die auswärtige Politik wie die Haltung der ganz überwiegenden Mehrheit der deulscksen Presse und die warme, herzliche Aufnahme, die in den weitesten, der Berufspolitik ferner stehenden intelligenten Schichten unseres Volkes die gegenseitigen öffentlichen Sympathiekundgebungen gelegentlich englffcher Besuckse in Deutschland und umgekehrt gefunden haben. Darin allerdings müssen wir zu unserem tiefen Bedauern dem Kaiser recktt geben, daß, wie sich jetzt zeigt, in der ?luf fas jung des BurenkriegeS eine ernste Meinungsverscknedenhett zwischen dem Führer unseres Volkes und der allgemeinen Volls- stimme beftanben hat. Sicherlich hat sich der Kaiser nicyt sowohl durck, Farnilienrücksicksten als durch Erwägungen der hohen Politik vom deutschen Standpunkt aus damals zu seiner england- fteundlicheil Haltting bestimmen lassen. Aber das deutsche Volk läßt sich Mich in der Politik in erster Linie von dem Gefühl „Recht oder Unrecht" leiten, und deshalb standen seine Sympathien ganz überwiegend auf der Seile des itammvenvairdlen, kleinen, tapferen Bnrenvolkes, das nach einer 100 Jahre langen Bedrückung und Zurückdrangung durch die Engländer den letzten Helden kämpf um feine Selbständigkeit kämpfte. Es itäntre schlimm um England, wenn ein solcher Jdeengaitg auf deutscher Seite dort fein Verständnis fände, mag er auch für Englands eigene Haltung durch die Gründe der Staaisraisou erdrückt lvorden sein. Freilich baubclt es sich um abgetane Dinge. Aber angeftcht-s der vorliegenden Beröfsentlichmng schien uns eine offene Aussprache erforderlich; ist doch daS Verhältnis unseres Volkes -u seinem Shiijcr und die Liebe zu ihm so fest und sicher in den Herzen begründet, um auch mal eine kleine Belaitungsprobe er-
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liegt
Tie Krisis im Orient.
Der Großwesir M?ianul Pascha ijai, dem österreichischen Botschafter mitgeteilt, daß die Türkei neue Verhandlungen mit Oesterrcich zu b eß innen bereit sei, aus Grundlage einer Geldentschädigung. ES heißt, dieser Vorschlag gehe von dem deutschen Botschaster Baron Marjchall auS und habe Aussicht aus Ersolg. Die Veryandluugen der Türkei mit Bulgarien haben inzwischen bereits begonnen. Das lürtische Programm für dtese Unterhandlungen ent» hält nach einer Meldung der „Köln. Ztg." auch die Forderung oer Ablösung der türkischen Rechte auf die 43 Kilometer lange Strecke Belowa-Wakarel, für welche die Türkei bisher von den orienlaliichen Bahnen, denen Bulgarien jährlich 104 000 Francs Pacht zahlt, 1500 Francs für den Kilometer bezog. Ferner stehen die Vabuffraaen auf dem Programm. Tie Verhandlungen wegen der Bahnen sollen in Anwesenheit und unter Teilnahme der Vertreter der orientalischen Bahnen stattfillden. Gegenüber anderslautenden Nachrichten nehmen jetzt auch die Verhandlungen zwischen dem Petersburger und dem Wiener Kabinett ihren völlig normalen Fortgang. Gegeitwürtig wird in St. Petersburg oie Antwort dar österreichisch-ungarischen Regierung an, das ihr müqetcil'te Projekt des bwnserenzprogramms erwartet, das ihr in der in London festyestellten Form übermittelt worden ist. In slawischen Krcrsen Rußlands ist die Stimmung viel weniger friedlich. Die Rowoje Wremja oeröffeulltcht einen längeren Artikel, worin die Gründe angeführt werden, die Rußland zwingen, die Süd- slawen zu -unterstützen. DaS germanische Element stehe im Begriff, von Saloniki nach Konstantinopel vor- zurücken und bedrohe sogar den Kaukasus und die Krim. Rußland wird durch feine Weigerung, Die Annexion Bosniens und der Herzegowina anzuerkenncn, sein Airsehen in üer Levante erhöhen. Die russischen Hetzereien bleiben in Den Batkanländern nicht ohne Wirsirng. Ein Serbe versuchte vorgestern Nacht die vor Semlin ankernden österreichisch-ungarischen Kriegsschiffe mittels Ekrastt-Bombenin dieLuftzu sprengen. Der Attentäter näherte sich schwimmend den Menoriten. Er wurde jedoch non Wachtposten bemerkt. Rach heftigem Kanrpf wurde der Attentäter sestgenommen. Er gab zu, oas Verbrechen aus PatriotiZmlts versucht zu haben. Die Bombe hätte genügt, um sämtliche vor Semlin anfentben Schiffe zu demolieren. Angejichts solcher Vorfälle trifft Oesterreich nun allerhand Sicherheitsmaßnahmen. Oesterreich Lieht längs der bosnischen Grenze Truppen zusammen und läßt Kanonen auf fahren. ES beabsichtigt, auf verschiedenen Bergen Festungen zit errichten. Diese Vorbereitungen rufen große Erregung in Montenegro hervor, die die Bebörden nur schwer zu unterdrücken vermögen. — In jungtstr/ischen Kreisen besteht neuerdings die Absicht, einen Bund aller Balkan st aaten zu bilden und dann eine Allianz der Türkei mit diesem Bu'.tde herbeizuführen.
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