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04/03/1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 54

158. Jahrgang

Zweites Blatt

Mittwoch 4. Marz 1908

ci&tn? kügllch mtt Ausnahme de» Sonntag».

®te6leßenei KamtltenvläNef werden dem ,Bnaet«<r* viermal wöchentlich beigelegt, das ^errtibum ffli oen Krets Stehen" zweimal WAchsitlich. Dre ..Landwirtschaftlichen Seit» twtee* erscheinen monatlich zweimal.

Gichener An; eiger

Seneral-Anzeiger für Sderheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UnwersitätS - Buch, und ©tembrutfereu R. Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße ?. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion: 112. Tel.-Adrg AnzeigerGteßen.

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rechts.)

Abg. Dr. Stresemann (natl.):

Deuifcher Reichstag.

114. Sitzung vom 3. März.

Studium der Medizin noch für geraume Zeit sehr geringe Aussigen für die Zukunst bietet

Der Kamps im Baugewerbe

nimmt immer mehr und mehr das öffentliche Interesse für sich ht Airspruch. Denn es drvht htrr ein Niesen kämpf auszubrechen, der sich über einen großen Teil von Teutschland erstrecken würde. Wie wir demB. T." entnehmen, tagte gestern in Berlin die Gaukon- fevenz für den Gau Berlin des Zentralverbandcs der Maurer. Hier nahmen die Zentralvorsitzende des Berbaudes, Reich'stags-' abgcordncter Bomelburg und der Gauleiter SilbersckMidt Gelegen­heit, die gegenwärtige Situation im deutschen Baugewerbe zu be­leuchten. Beide Redner stthrten aus, daß die bausewerblia>en Ar­beiter Berlins und ganz Deutschlands am 1. April vor einem Kämpfe ilanden, wie er bisher in der Geschichte her deutschen Ar­beiterbewegung noch nicht zu verzeichnen war. BSmolburg erfüllte, der Maurerverband stehe nach wie vor aus deuv Standpunkt, daß Tarifverträge notwendig seien. Ter Mustervertrag, den ter Av- beitgeberoerband aber jetzt den Arbeitern durch die geplant Aus­sperrung auf zwingen »volle, werde nie die Zustimmung des Ver­bandes sinden, da er von den Arbeitgebern als ein Mittel zip;

Eine wirtschaftliche Krisis stehe bevor, wenn auch die In­dustrie dafür gesorgt habe, daß der Krach nicht allzu groß werde. Mu jeder Krisis tauche aber auch das Gespenst der Arbeitslosigkeit auf. Es sei Pflicht der Regierung, dagegen Maßregeln zu treffen. (Beifall.)

Abg. Panli.PotSdam (kons.):

Wir bringen dem neuen Staatssekretär volles Vertrauen entgegen. Hoffentlich bringt er das sozialpolitische Schifflein, das von Jahr zu Jahr an Tonnengehalt zunimmt, richtig in den Hafen. Er darf aber auch des Mittelstandes nicht vergesien. Wie steht es mit dem Schuh der Arbeitswilligen? Sind gesctz. liche Maßnahmen in dieser Richtung vorgesehen? Wir müssen den Arbeiter vor dem Terrorismus der Sozialdemokratie schützen. Wie der Arbeiter sich das Recht aus den Streik anmaßt, so muh auch der Arbeitswillige daS Recht auf Weiterarbeit haben. (Sehr richtig! rechts.) Die Arbeitgeberverbände find zu einem festen Wall gegen übertriebene Forderungen geworLcn. Derech.igle Wünsche sind ohne weiteres erfüllt worden.

Wie denkt der Staatssekretär über eine Verstaatlichung der Krankenkassen? Dem Mißbrauch, sic zu politischen Zwecken zu benutzen, muh endlich em Ende gemacht werden. An eine Arbeitslos enversicherun g ist nicht zu denken. ES ist ein idealer Gedanke ohne praktischen Wert Die Freizügigkeit würde dadurch beschränkt werden, da man doch die überflüssigen Arbeitskräfte nach Orten, wo sie gebraucht werden, abschieben mühte. Und wer sollte die Kosten dafür tragen? Gewiß wieder der Mittelstand, der dadurch völlig ruiniert würde. Schlecht ge­nug gehts ihm schon. Alles soll recht billig sein. (Sogar die Kom. munen drücken die Preise, wenn sie nur können. Selbst Gefan­gene beschäftigt mau aus falscher Sparsamkeit an öu'enlllchen Orten. Der Redner bespricht die Resolutionen. Don Arbeitern fehle c9 an den nötigen Kenntnisien, um als B a u k o n t r o l. I e u r tätig zu sein. Tie entsprechende Resolution fet daher un, annehmbar, ebenso die für generelle Regelung der Arbeirs. und Dienstverhältnisie für alle Angestellten. Man könne nickst alles über einen Kamm scheren. Der Redner spricht sich gegen eine weitere Ausdehnung der Sonntagsruhe aus. Auch eine aßgememe Sonntagsruhe in der Btuneufchrffahrt jei nicht möglich. Gerade am Sonntag fei z. B. der Personenverkehr am stärksten. Der Red. ner empfiehlt bie Unfallfürsorge für Arbeiten zur Rettung von Personen und Bergung von Gegenständen. Er schließt: Wir wer. den jode durchführbare Sozialpolitik unterstützen. Unmögliches werden wir aber dem deutschen Volke nicht zumuten. (Beifall

nehmungen steht der Konsument machtlos gegenüber, und wie das Empfinden in den Kreisen derjenigen Industriellen ist, bie auf den Bezug von Kohle und Elfen angewiesen sind, lehrt jeder Blick in die Tagespreise. Wenn der Generalsekretär des Zentralvcr- bandes der Industriellen das nicht anerkennt, so beweist er, daß er den Interessen weiter Jndustriekreise immer ferner steht. Die Syndikatsfrage ist nicht mehr eine Auseinandersetzung zwischen Lieferant und Verbraucher. Man hat aber meinen politischen Freunden den Vorlvurf gemacht, daß wir uns leiten ließen durch eme Animosität gegen die rhcinisck-wcstsälischc Jndusiric.-tiefe ist doch nicht gleichbedeutend mit dem Syndikat in Kohlen und Eisen. Selbst die Düsseldorfer Handelskammer hat eine Resolu­tion üegen das Kohlensyndckat gefaßt Aber wer hat uns den Weltmarkt erobert? Die persönliche Initiative und Tätigkeit deS Betriebsleiters und Kaufmannes, die das eigene Risiko tragen und die weit wertvoller sind als Der Generaldirektor eines großen unpersönlichen AktienunternebmenS. Muß nicht Der Ucbergang auS Der individualistischen in die vergesellschaftete Vetriebssorm unseren ohnehin schwierig geworbenen Kampf auf dem Weltmarkt schwächen? Daher sollte man nicht eingreifen in Bestrebungen, die auf die Dezentralisation der Industrie hinausgehen, daS Be­stehen der kleinen und mittleren Unternehmungen ermöglichen. In diesem Zusammenhang kommt der Redner auf die ftrage ber Heimarbeit zurück. Hier entsteht ein neuer hausgewerblicher Mittelstand und in diese Entwicklung soll man nicht mit täppischer Hand eingreifen. Die Berliner Heimarbeiterausstellung hat ein falsches Bild gegeben. Wenn der Katalog den Akkordlohn ber 81 jährigen Witwe als normal aufführt, welche Waffe gibt man den Tarifreformern in England und Amerika in die Hand, die die Zölle alS Kompensation für die angeblich, in Wirklichkeit nicht vorhandene, Differenz in den Löhnen hinftellen! Der Redner be­schäftigt sich mit dem bekannten Angriff des Generalsekretärs Bueck auf ber letzten Generalversammlung des ZentralverbandcS be'.itscher Industrieller gegen die Nationalliberalen und Die an. deren bürgerlichen Parteien mit Ausnahme ber Konservativen. Die konstitutionelle Fabrik, sagte Bueck, ist jetzt im Reichstag Trumpf, und ber sozialistische llcbereifer läßt bte Parteien gar nicht merken, daß sie mit ber Untergrabung, ber Autorität beä Arbeitgebers im Betriebe lediglich die Geschäfte, nicht nur bei Sozialdemokratie, sondern auch deS Anarchismus betreiben. (Hort hörtl und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) An einer an. deren Stelle feiner Rede fagtc er, daß in diesem Hause jeder gegen Unternehmer und Arbeitgeber gerichtete Kraftwort mit brausendem Jubel aufgenommen werde. Ich glaube, meine poli- tischen Freunde haben es nicht nötig, sich gegen einen derartigen Vorwurf zu verteidigen. Die Worte de§ Herrn Bueck richten sich ^^Der Redner empfiehlt die Eingabe des Verbandes bet Klein- eifenfabritantcu dem Wohlwollen des Staatssekretärs, gibt dem Dank weiter Jnbustriekreise an bie Präsidenten des R.ichsver- sicherungsamts und des Aufsichtsamts für Privatversichecung Aus. druck für ihr Bemühen, durch zahlreiche Dienstreisen und Kon- ferenzen stets im praktischen Zusammenhang mit i er Industrie -u bleiben, und spricht bann über den neuen Mittelstand der Privatbeamten. Er unterstützt die Anregung des Tr. Potthcff, eine Konferenz von Versicherungstechnikern, Parlamentariern und Handlungsgehilfen einzuberufen für die Versicherungssragen. (Beifall.)

Abg. Schmidt-Berlin (Soz.)

spricht über den Rückgang der Konjunktur und dir zuneh- wende Beschäftigungslosigkeit. Er bezieht sich auf die Arbeitslosenstatistik der freien Gewerkschaften. Diese haben 1906 2% Millionen an Arbeitslosenunterstützung und 8% Mil­lionen Rentenzuschuß zur Krankenversicherung gezahlt. Sie haben damit ein gut Stück Armenpflege übernommen, eine Aufgabe, die dem Staate zufallen müßte. Die Arbeitgeber werfen Die 'Ar­beiter bei der jetzigen Teuerung auf die Straße, und da sagt Herr v. Dirksen, dieKanbc" sei ja selbst schuld an der Arbeits- losigkcit. man hätte auf sie schießen sollen! (Hort! Hört! bei den Soz.) Von welchem Mangel an sozialem und jedem menschlichen Empfinden zeugen solche Aeußerungen, und wie stechen sie ab von den Artikeln Heyermans im »Berliner Tageblatt" über das Asyl für Obdachlose l Der Redner wendet sich gegen die Politik des Zentralverbandes der Industriellen, der dem neuen Staatssekretär die Weisung gegeben habe, nicht in den Spuren seines Vorgängers zu wandeln. Graf PosadowSty hat, so bemerkt der Redner, sein Amtsfeld übersehen, aber es muß nach dem gut unterrichteten Staatssekretär ein besser unterrichteter kommen, damit endlich Den Ar- beitem ihr Recht wird und der unheilvolle Einfluß des Zentral- Verbandes gebrochen wird. Schmidt begründet die von seiner Partei eingebrachten Resolutionen. Die reichsgesetzliche Regelung der Arbeits- und Dienstverhältnisse für alle Angestellten und Ar­beiter, auch für die in der Landwirtschaft, ist unumgänglich not- wendig. Die preußische Verordnung über das Legitima­tionspapier wird sicherlich auch auf die Industriearbeiter ausgedehnt werden. Sie schränkt die Freizügigkeit in schädlichster Weise ein. DaS gerade Gegenteil von Sozialpolitik ist ferner, daß die Eisenbahnbehörden die Anwendung ber Ruhezeitverord- nung für bas gast, und schankwirtschaftliche Gewerbe sistiert haben, soweit es sich um Bahnhofswirtschaften handelt. Nach wie vor wird trotz der bekannten Gegenerklärung des Grafen Posa- dowsky aus dem Jahre 1902 gegen die Arbeitersekretäre wegen Betriebes eineskonzessionspflichtigen Gewcroes" eingc- schritten. Von dem was Herr Rocren in seiner letzten Rede sagte, trifft manches zu, aber viel gefährlicher als die schmutzige Literatur sind die Wohnungsverhältnisie in manchen Fabrik- zentren und auf dem Lande, hier insbesondere für die russischen Arbeiter, wo eine Trennung der Geschlechter in den Scblaf- räumen vielfach nicht statt findet. Der Redner bespricht die Ver- hältnisie in verschiedenen gesundheitsgefährlichen Betrieben. Für die Sozialpolitik dürfen nur die Interessen von 2eben und Ge­sundheit maßgebend fein.

Präsident Gras Stolberg:

Herr Abgeordneter, ich habe Sie nicht unterbrechen wollen, aber Sie haben von Ihren Aufzeichnungen ftellenweife einen zu ausgedehnten Gebrauch gemacht. (Heiterkeit.)^ *

Weiterberatung Mittwoch 1 Uhr. v y

Schluß nach 6 Uhr. .

waren, eine unbezahlte Volontärarztstelle zu erhalten, war jetzt der ärztliche Pachwuchs in der Lage, Stellen, die ungenügend besoldet waren und bei denen vor allem das Verhältnis des Arztes zur Verwaltung beanstandenswert war, zurückzuweisen. Die Erfahrungen des Bureaus für unentgeltliche Stellenver- mittlung des Leipziger Verbandes haben aber erwiesen, daß überall, wo die Bedingungen ausreichend sind, die Stellen be­setzt n>erben können, da immer noch ein Ueberschuß von Aerzten vorhanden ist. Begreiflicherweise sehnen viele Anstalten den alten Zustand zurück, bestürmen die Regierungen und erreichen dadurch, daß den Abiturienten von schulw.gm das Studium der Medizin empfohlen w-iro. Die Folge i|t_ in der letzten Zeit schon wieder ein erhebliches Anwachsen der Zahl der Medizinstudierenden. Diesen stehen aber herbe Enttäuschungen bevor. Nach Beendigung des Studiums wird es ihnen verhältnismäßig leicht lverden, tn leidlich bezahlte Assistentenstellen zu kommen. Sobald sie aber bteje Stellen, in denen sie ja immer nur toenige Jahre verbleiben können, aufgeben, um sich selbständig zu machen, finden sic überall die Praxis schon reichlich mit Kollegen besetzt. Deshall müssen sich die SCbiturienten und deren Eltern klar fein, das

politische Tagesschau

Die Aussichten der Studenten der Medizin.

Heber den angeblichen Mangel an ärztlichem Nachwuchs wur- oen aus der letzten Generalversammlung der Ortsgruppe Berlin o^nnrtschaftliä)en Verbandes der Aerzte Deutschlands bemerk, ns- werte Mitteilungen von dem Generalsekretär Kuhns- Leipzig ^viacht. Er verwies, so lesen wir in der Voss. Ztg, auf den erheblich gesteigerten Andrang zum Studium der Medizin in den Wer unb 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, der vor- nehmlia) eine Folge der Arbeiterverficherungsgescbgebung und r£r tr 1 fte bedingten monopolisierenden Arztstellen wir. Als Ichtießlich der sich daraus ergebende Notstand, offenkundig wurde und die ärztlichen Organisationen ihn besonders den Abi- runenteii llarlegten, ging die Zahl der Medizinstudierendeii zu- 1- der Einführung des praktischen Jahres trat überdns , plötzlich ein unverhältnismäßig großer Rückgang der Approbationen ein. Tie Folgen wurden zunächst den Kranken- yachern bet der Deckung ihres Bedarfs an jungen Assistenten Wbat. Während sie früher vielfach von jungen Aerzten DtUurmt wurden, die nach teurem fünfjährigem Studium froh

Alle bürgerlichen Parteien sind in ber Würdigung der hohen Verdienste des Grafen PosadowZky einig. Sein Name würde in den weitesten Kreisen der Arbeiterschaft mit Ver- trauen genannt. Wir würden es begrüßen, wenn seine reiche Arbeitskraft dem Hause erhalten bleiben würde. (Beifall.)

Das Wort des Staatssekretärs, daß wir vor einer wirtschaftlichen Krisis stehen, geht zu weit. Aber die mageren Jahre find da, und da gewinnen dir inter­nationalen Beziehungen um so größere Bedeutung. Die dcutscke Industrie und der deutsche Handel sind dem Reichsamt des Innern äußerst dankbar für die vielerlei Einrichtungen zur Stärkung des Außenhandels: die viel zu wenig verbreiteten Nach, richten für Handel und Industrie, die vertraulichen Mitteilungen, die Handelsattaches. Daneben ruhten die privaten Bestrebungen nicht; ich erinnere an den thüringisch-sächsischen Exportverein, das Exportmusterlager in Stuttgart usw. Wir bitten um das Wohl, wollen des Staatssekretärs für eine Zentralauskunft s. stelle, wenn der Zusammenschluß der beteiligten Exportindu. strien und des Exporthandels die Voraussetzungen hierfür gibt. Der Arbeitsbetrieb des NeickMamts des Innern soll dadurch nicht expropriiert werden, aber wir wünschen von der deutschen Negie­rung ein ebenso rücksichtsloses Vorgehen wie zum Beispiel bei dem von der Negierung subventionierten österreichischen Handels- museum. (Beifall.) Das amerikanische Handels- provisorium hat uns nur wenig Zollerleichterungen ge. bracht, aber bie Zollabfertigungsschikanen haben aufgehört. Der Redner erwähnt einen Fall von Behandlung einer deutschen Firma durch die russische Regierung, die die ganzen Grundlagen des internationalen Warenaustausches erschüttern muß. Emer Plauener Gardinentüllfirma war auf di rette Anfrage beim russischen Finanzministerium bestimmt zu. gesichert worden, daß eine gewisse ihr in Auftrag gegebene Ware unter einen bestimmren russischen Zollsatz falle. Und als darauf, hin die Fabrikation erfolgt war, har die nissische Regierung einfach chrc Verfügung toi ober aufgehoben. Das Auswärtige Amt und das Neichsamt des Innern haben sich der Sache außerordent. lich angenommen, aber nichts erreicht und die girma hat einen Verlust von Zehntausonden erlitten. Kam die russische Regie, nmg zu cWr anderen Auffassung, so mutzte sie aus Billigkeitsrück. sichten wenigstens in diesem Falle bei der alten Entscheidung bleiben. (Sehr wahr!) Der Redner empfiehlt für die Ber. tragsverhandlungen mit Kanada die Berücksichti- gintg der Interessen der Plauener Sttckerei- und Sbi^eninbuftrie.

Je mehr die Konjunktur in Handel und Industrie nachläht, nm so wichtiger wird die Frage der Kartelle und Syndikate. Bei ber Sohlenintervellation habe ich unter Zustimmung meiner Freunde festgestellt, daß wir jedenfalls einem Syndikat, daS über die unvermehrbaren Bodenschätze des deutschen Landes verfügt, nicht das Recht vindizieren können, lediglich nach Privatwirtschaft, lieben Prinzipien zu verfahren, sondern sich den Jnteresien der Allgemeinheit unterzuordnen. (Sehr wahr!) Der vreutzische Han­delsminister hat damals erklärt, man werde das rbeinisch-west- fälische Syndikat beurteilen können nach seiner Haltung beim Niedergang der Konjunktur. Nun, dieser ist da, aber die Preise sind dieselben geblieben. (Hört, hört!) Daher wird auch oaS Urteil des Reichstages, das mit seltener Einmütigkeit von Kanitz bis Albrecht gefällt ist, dasselbe bleiben. Der Redner geht bei dieser Gelegenheit auf die neulichen Verhandlungen im preußi­schen Abgeordnetenhause ein und gibt dem Abg. Dr. Beumer, dessen Namen er aber nicht nennt, den Vorwurf, über Dinge zu reden, über die er sich nicht informiert habe, zurück. Die Kartell- frage wird im Deutschen Reich mit den Jahren sicher so brennend werden, wie es jetzt schon in Amerika ist. Den großen Unter-

Am Tische des Bundesrats: v. Bethmann-Hollweg, Wermuth, Caspar.

Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten und teilt mit, daß der Reichskanzler die Beantwortung der Inter­pellation überdieSchiffabrtSabgabenzugesagt hat. und zwar unmittelbar nach der Beratung des Etats des NeichSamts des Inneren.

Der Etat bc8 ReichSamtS des Inneren.

(Erster Tag.)

Zum Gehalt des Staatssekretärs liegen 25 fünfundzwanzig Resolutionen vor. E i n e da­von, die vom Grafen Kanitz gestellt ist und Munzftagen betrifft (Wiederinkurssetzung der Taler, Erhöhung des Silberumlaufs und Zwattgszahlkrast deS Silbers), wird zu Beginn der Beratung zurückgezogen.

Von den anderen 24 Resoluttonen gehen zehn vom Zen- tr u m aus. Acht, die unter dem Namen Hompesch gehen, be­treffen die Regelung des K v a l i ti o n s r e ch t S (§ 152 G.-O.), das Recht der Berufsvereine, Arbeitskammern, Tarifgemein, schäft; ferner die gewerbliche Sonntagsruhe, die Rechts- verhältnisie von P r i v a t b e a m t e n und technischen Angestellten, die Forderung des Reichsbergrechts und der reichsgesetz- lichen Regelung des Knappschaftswesens, insbesondere der ge­heimen Wahl der Knappschastsältesten und -Vorstände; einer Denkschrift über Stand, Leistungen usw. der Knappschaftsvereine; einer Enquete und eines Gesetzes über die Arbeitsverhältnisie in Walz- und Hüttenwerken; sodann Bauarbeiterschutz und Arbeiterkontrolleure; schließlich Uebernahme der Kosten der F l e, s ch b e s ch a u aus den Staat. Eine Zentrums- refolutum Nacken verlangt Unfallfürsorge bei Arbeiten zur Rettung von Personen und Bergung von Sachen, und eine Resolutton Spahn erhebt die Forderung emeS Kartell- u n b TrustgeseyeS sowie eines Reichskartellamte S.

Die Konservativen haben nur eine Resolution von Brockhansen eingebracht betreffend Bestrafung der aktiven und passiven Bestechung Angestellter.

Von der nationalliberalen Fraktion gehen vier Refolutionen aus. Resolutionen Bassermann ver­langen ein Gesetz zur Regelung der Arbeitszeit und S tags- ruhe in Kontoren und sonstigen faufmänni|cben Lvirieben ohne Laden und ein Gesetz, betreffend Arbeitszeit, Sonntagsruhe, Kündigungsfrist, berufliche Aus- und Fortbildung für G e - Hilfen von Rechtsanwälten, Notaren, Gerichtsvoll­ziehern und Angestellten von Krankenkassen und Versick>erungs- anstalten usw. Eine Resolution Findel will die Ausdehnung des Unfallversicherungsgesetzes auf alle mit Ladungs- und Beförderungsbetrieben verbunde­nen Handelsgeschäfte, gleichviel ob sie eingetragen sind oder nicht, und eine Resolution Neuner deckt sich mit der Zentrumsreso­lution Nacken. Die wirtschaftliche Vereinigung ist mit drei Resolutionen erschienen. Eine Resolution Rieseberg wünscht eine Berechnung der Wirkung einer Herabsetzung der Altersgrenze für den Altersrcntenbezug a u f 65 Jahre. Resolutionen Schack fordern das Proportio­nal-Wahlrecht für alle Wahlen auf Grund der Arbei - terversicherungs - und Arbeiterrechtsgesetze, ferner Ver- tretungskorper für Handelsange stellte und für Werkmeister und Techniker. Fünf Resolutionen der Sozialdemokraten betreffen: Bauarbeiterschutz, Glashütten- Arbeiterschutz; desgleichen in Walz- und Hüttenwerken; Reichsberggesetz und Regelung des Knappschaftswesens; endlich generelle Regelung der ArbenS- und Dienstverhältnisse für alle geistig ober körperlich tätigen Ange­stelltenin häuslichen Gemeinschaften, wirtschaft­lichen oder gewerblichen Unternehmungen".

Schließlich wünscht eine Resolution Speihmann (freif. Dp.) die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung des Planes einer aus privaten Mitteln zu schaffenden Kanalverbindung der Eckernförder Bucht und eventl. der Schlei mit dem Nordostfeekanal.

Abg. GiedbertS (Zentr.):

Bei der heutigen allgenunnen sozialpolittschen Revue können wir feststellen, daß unsere Sozialpolitik nicht unfruchtbar gewesen ist. Das Zentrum Hai kein geringes Verdienst daran. Aber auch Gras Posadowsky hat mit seinem ernsthaften Willen und seinem unermüdlichen Fleiß segensreich gewirkt. Hoffentlich wird der neue Staatssekretär die Sozialpolitik in seinem Geiste fort» fuhren. (Beifall.) Neben dem Arbeiterstand muß auch der Mittel­stand fräftig gefordert werden. Arbeiterinteressen und Mittel- standsinteressen lassen sich wohl bereinigen. Der Redner emp­fiehlt, die Privatbeamtenversicherung an die allgemeine Versiche­rung anzuschließen und erkundigt sich beim Staatssekretär, ob tatsächlich oas HilfSkasiengesetz zurückgezogen sei. Das wäre be­dauerlich. Wie steht es mit den Erhebungen über die Verhält- niste in den Walz- und Hüttenwerken? Bei allen diesen Frügen über das Los der Schwachen darf es keinen Block, keinen Antiblock geben, die Menschlichkeit allein muß hier den Ton angeben. (Bei­fall.) Der Redner fordert die Zulaffung von Arbeitern zu den Asiistentenstellen bei der Gewerbeinspektion. Er greift heftig die lothringische Gewerbeinspektion an, die in ihrem offiziellen Be­richt angegeben hat, daß hinter den christlichen Gewerkschaften das Zentrum stehe, und daß die christlichen von den sozialdemokrati­schen Gewerkschaften sich nur dadurch unterscheiden, daß bie ersteren das Wortchristlich- unausgesetzt im Munde führen. Dieser schwere Vorwurf muffe energisch ßurücfgeroiefen werden. (Beifall im Zentrum.) Der llledner empfiehlt weiter eine Reihe bon Resolutionen seiner Partei.

GieSberts wendet sich gegen die Verquickung von Sozialdemo- kratie und Arbeiterschaft. Die christliche Arbeiterbewegung habe freilich diesem Köhlerglauben schon viel Abbruch getan. Erfreu- sei, daß die Regierimg endlich sich entschlossen habe, Arbeiter- umgreife zu besuchen. An der Novelle über die Arbeitskammern werde das Zentrum gern Mitarbeiten, um sie brauchbar zu machen.