OSS1
Die heutige Nummer umfahr 16 Seiten.
Q 2
2^
<t£
Bczugspretö: monatlich 75Ps., vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- m Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel» jährt. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig.
Verantwortlich für den politischen Teil,
wt. s
~.A.
eerer o « r- - Gt) K
er-7??* " ■-*
<» 2 r! A C9 (/>
Deutsches Nesch.
Reichstagsersatzwahl in Memel. Bei der geftrigen Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Königsberg (Memel-chehdekrug) wurde bis 11 Uhr abends laut „Memeler. Dampfboot" gezählt für Schwabach (natl.) 9723, für Butt- gereit (kons.) 2860, für Hofer (Soz.) 1853 Stimmen. Es' fehlen nur noch einige belanglose Bezirke. Die Wahl Schwabach ist also gesichert. Dieses Ergebnis ist insofern von Interesse, als die Agitation der Konservativen gegen Schwabach ihn veranlaßt hatte, das Mandat niederzulegen. Seine Wiederwahl ist das beste Zeichen dafür, daß es den Konservativen nicht gelungen ist, das Vertrauen der hauptsächlich litauischen Wähler zu ihrem nationalliberalen Kandidatur zu erschüttern. Die Konservativen hatten gegen Schwabach mit ganz gemeinen Lügen und Verdächtigungen agitiert undi ihm unter anderem auch Stimmenkauf vorgeworfen.
Die sächsische Wa h lrechts v orla^ge. In der gestrigen Sitzung der Wahlrechts-Deputation der sächsischen zweiten Kammer teilte der Vorsitzende mit, daß die Bestrebungen, zu einem Einvernehmen zu gelangen, zwischen den Fraktionen fortgesetzt, aber nicht zum Abschluß gelangt seien Namens der Nationalliberalcn gab sodann Abgeordneter Dr. Vogel die Erklärung ab, nach der Ueberzeugung seiner Parteifreunde seien in dem von Geheimrat Heink vorgelegten Entwurf der Wahlkreiseinteilung die in dem Kompromißantrag niedergelegten Gesichtspunkte, insbesondere die Forderung, die Wahltreiseinteilung möglichst gleich zu gestalten, nicht ausreichend berücksichtigt.
politische Wochenschau.
Gießen, den 3. Oktober.
Die hessische Wahlrechtsreform stand auch auf dem Wormser Parteitage der Freisinnigen im Mittelpunkte der Verhandlungen. Wie auf dem nationalliberalen Parteitage in Darmstadt und dem Parteitage des Zentrums in Mainz wurde jetzr auch in Worms die Geschichte dieser Wahlrechtsreform so eingehend wie möglich behandelt. Daß man hierbei zu anderen Ergebnissen kam als seinerzeit in Darmstadt und in Mainz ist selbstverständlich. Man legte mit allem Nachdruck den Standpunkt der Freisinnigen fest, wie er schon aus den letzten Kammer- sitzungen zu genüge bekannt ist. Während die diationallibe- ralen und das Zentrum unter allen Umständen die Ein- fuhrung des direkten Wahlrechts herbeiführen wollen, sehen die Freisinnigen bekanntlich in der Abänderung der Artikel G7 und 75 der hessischen Vcrsassungsurkunde so folgenschwere Zugeständnisse au die Erste Kanimer, daß ihnen darüber die Einführung des direkten Wahlrechts jeglichen Wert verliert. Justizrat Reh fand für den freisinnigen Standpunkt in dieser Frage die Formel: „Mr wollen keine Preisgabe von Volksrechten an die Kammer der Herren; die Zeit wird kommen, wo die direkte Wahl auch ohne das zur Einführung gelangt." Die heftigen Angriffe, die im Laufe dieser Verhandlungen gegen die Nationalliberalen gerichtet wurden, zeigen wieder einmal, wie Undenkbar es in der Politik ist, einen vermittelnden Standpunkt cinzu- nehmen. Man macht es da selten allen recht, und selbst die ehrlichste Absicht kommt in Gefahr verkannt zu werden. Auf dem freisinnigen Parteitage in Worms handelte es sich nun freilich weniger um eine Verkennung der guten oder bösen Absichten der Nationalliberalen, sondern vielmehr um einen Kampf aus Leben und Tod gegen die Nationalliberalen, die angeblich Herrn v. Hehl zuliebe, Vorrat nn den wichtigsten Volksrechten üben. Es kam ein erbitterter Haß gegen die Nationalliberalen zum Vorschein, den man außerhalb Hessens nicht leicht verstehen wird. Meviel heimlicher Groll muß sich bei den hessischen Freisinnigen im Laufe der Zeit gegen den Nationalliberalismus angesammelt haben, damit es jetzt zu solchen Ausbrüchen des Hasses kommen konnte. Was der Wormser National- liberalismus jemals gesündigt hat, läßt man die gesamte nationalliberalc Partei büßen. Es ist kein gutes Haar an ihr, und nach der Verurteilung, die ihr jetzt von freisinniger Seite zuteil geworden ist, möchte wohl kein Hund mehr ein Stück Brot von ihr annehmen. Es ist nicht leicht, in diesem Streite objektiv zu bleiben, aber auch die Freisinnigen sind keine objektiven Beurteiler in diesem Falle; sie haben sich gar zu sehr in Wut hineingedacht, — geschrieben und geredet. Man nennt sie scherzweise die Unentlvegten; ihnen widerstrebt alles Diplomatisieren und Vermitteln. Es widerspricht ihrer treuen Ehrlichkeit, eine Politik der mittleren Linie, wie sie ja die nationalliberale Partei vertreten muß, über darum verstehen sic auch so manches im Gefüge der von ihr jetzt so heftig belämpften nationalliberalen Partei
«<y5o O
r. 2. -2
'.2.^ CD$ ■
Mtzl« "T —?C0 2
— Kleine Chronik aus Kun st und Wissenschaft. Professor Andreas Achenbach, der Altmeister der deutschen Landschaitsmalerei, beging am Dienstag in Düsseldorf in stiller Zurückgezogenheit seinen 93. Geburtstag. Der greise Meister erfreut sich eines verhältnismäßig rüstiaelrWohs- befindens, wenn feine Gestalt auch während der noch selten an dem Eckfensterchen seines Hauses^^sder^-^.^.,^ slraße sichtbar wird. - Am 1. Oktober ist unßeümm Frau v. Cranach m München die ersle/Schule für künstle r r s ch e u n d naturgemäße iyrauc6(e;sltno PrnffL<- worden. - In Berlin ist dieser Tage LKomitee ’ Errichtung eines Fonlane-Denskmals unter Korsch von Paul Schlenther zusammengetrehen. Das Modell von Professor Klein fand emftimmtge 3uftimmuna. Es mnrho h/.. schlossen, die ---ladt Berlin zu bitten, die Aufstellung des Denkmals auf dem Platz- an der Van-d-r-H-ydl-Straß- iu gestatte"
0^2 2 <£2.
Prunk und eine Farbenfülle, die ins märchenhafte ging und den harmlosen Zuschauer fast bezauberte, womit die Meininger auf das breite Volk eigentlich mehr wirkten, als mit ihren schauspielerischen Leistungen. Die geschichtliche Treue wurde bis auf den letzten Hosenknops gewahrt, tvenngleich sie für das Kunstwerk an sich vollständig belanglos war, da die dramatische Kunst doch eigentlich genau so Sprachkunst ist wie das dichterische Werk. Und daran krankten denn auch letzten Endes die Meininger. Sie gingen ;u sehr aufs äußerliche und wirkten dadurch mehr in die Breite als in die Tiefe. Ihre Kunst wurde Künstelei. Ihr Prunkstück aber war, bezeichnend genug, die Jungfrau von Orleans mit dem über die Maßen kostbar und verschwenderisch ausgc- statteten Kcönungszug, der für die ganze Handlung doch nur von bedingter Wichtigkeit ist. So hat denn die neuere Regiekunst diese operuhafte Ausgestaltung glücklicherweise fallen lassen und die Ausstattung auf ihren eigentlichen Zweck, als Umrahmung des dichterischen Werkes, auf das Wichtigste zurückgedrängt. Sie verzichtet jetzt auf Phrasen, die den Kern und das Wesen der poetischen und der dramatischen Leistung mit hohlem Prunk umgaben, und bemüht sich mit stets besserem Erfolg das dichterische Werk anspruchlos und sinnenckprechend aufzuführen und womöglich zu erschöpfen. Der Regisseur bestrebt sich nicht mehr, eine möglichst eigenartige Auffassung zu bekunden, sondern dem Mllen des Dichters zu entsprechen und seinen Absichten bis auf das letzte Komma nachzuspüren. Diese Absicht ist aber nur ein Ideal; erreiche bar ist es nie oder nur bedingungsweise. Aber schon das Streben nach dem Ideal ist ein Ideal, von dem wir uns gern führen Lassen.
Solchermaßen muß auch die gestrige Eröffnungsvorstellung der diesjährigen Spielzeit betrachtet werden, die wohl ausgerundel und stimmungsvoll wie sie war, ein voller über Erwarten ausgezeichneter Erfolg war. Direktor Steingoetter hat es verstanden, mit seinen Kräften gleichen Schritt zu halten und so das Erreichbare zu erreichen und eine durchaus vornehme und ein- hcitliche Vorstellung zuwege und den poetischen Gehalt voll zum Ausdruck zu bringen. Wohl wären einige Kleinigkeiten, wie der Uebersall des englischen Lagers, in der Folge zu ändern, aber jedenfalls ist der große Zug, der die ganze Aufführung beseelte, unumwunden auzucrkennen, wie auch der Mut mit diesem Werk das an alle Beteiligten die höchsten Anforderungen stellt, die neue Spielzeit zu eröffnen, entschieden zu loben ist. Damit ist auch das Urteil über die Darsteller gegeben, die ihre Kräfte in einen guten Einklang zu bringen wußten, was der Regie lobend vermerkt werden muß.
In der führenden Rolle als Jungfrau bemühte sich Jo Hoven nicht vergeblich, diesen Zwittercharakter verständlich und anmutig zu gestalten und einen feinen Uebergang zwischen dem „zarten" Hirtenmädchen und der kriegerischen Seherin zu finden. Daß sie dabei auf das mädchenhafte, scheue, den Nachdruck legte, ohne in den großen Auftritten mit dem König oder mit dem englischen Herold zu verjagen, ist durchaus anzuerkennen. Den größten _(SrfoIg aber hatte sie in dem letzten Aufzuge, wo sie sich zu stolzer Höhe erhob und die seelischen Vorg.mge sehr fein darzustcllen wußte. Eine sehr hübsche Leistung bot Karl Volck als La Hire, der. den jungen Helden, mit Geschick und Gefchmpck
nicht. Sie haben es auch nicht verstanden, warum gerade die wirklich liberalen Elemente in dieser Partei einen engeren Zusammenschluß mit dem Linksliberalismus bisher gesucht haben, bei dem sie ihre Parteiprinzipien nicht aufzugeben brauchten. Die Freisinnigen hätten leicht viel dazu beitragen können, den Liberalismus in der Nationalliberalen Partei zu stärken gegenüber gewissen nun einmal nicht wegzuleugnenden reaktionären Strömungen. Es hatte feiner, geschickter Finger bedurft, um diesen Knoten zu lösen, aber man hat es nun auf der Linken vorgezogen, den Knoten mit plumper Faust zu durchhauen. Man vermeint, die Macht der Reaktion zu bekämpfen, und schwächt doch nur den Liberalismus.
Als Freund einer großen, starken liberalen Partei kann man die neue Wormser Fehde nicht ohne Pein empfinden. Aehnlich muß es auch den Regierenden an der Seine und der Spree zu Mute gewesen sein, als der häßliche Zwischenfall von Casablanca, so jählings manche fein- geknüpfte Fäden der friedlichen Verständigung zerriß oder wenigstens zu zerreißen drohte. Die deutsche Antwort auf die französisch-spanische Marokkonote hatte eine Situation geschaffen, die eine deutsch-französische Verständigung möglich machte, aber die jeglichen diplomatischen Verständnisses baren französischen Militärs mußten in diesem selben Augenblicke einen Konflikt suchen, dessen Folgen vorläufig noch gar nicht abzusehen sind. Die" deutsche Regierung wird trotz aller Mäßigung einen solchen Schimpf nicht ruhig hinnehmen können, wie er ihrer diplomatischen Vertretung vom General d'Amade und seinen Untergebenen in Casablanca zugefügt worden ist. Was der Zwischenfall von Casablanca sonst noch gezeitigt hat, ist die Frage: dürfen wir es noch länger vuhig mit ansehen und dulden, daß Frankreich junge unerfahrene Deutsche durch allerhand Versprechungen für seine berüchtigte Fremdenlegion anwirbt. Dürfen wir es dulden, daß deutsche Militärpflichtige und Deserteure durch französische Werber angelockt, in die fran-' zösische Fremdenlegion gesteckt werden, und sollen wir außerhalb der französischen Landesgrenze noch nicht einmal das Recht haben, die eigenen Landeskinder zu schützen? Wofür geben wir eigentlich die Hunderte von Millionen für Heer und Flotte aus, wenn sic uns im Auslande noch nicht einmal so viel Achtung verschaffen, wie sie billigerweise ein jeder Staat von seinem Nachbar verlangen kann. Ist das civis germanus sum denn noch immer fein Schutz genug für den Deutschen im Auslande? Ohne Zweifel wird ein Nachgeben unserer Regierung in dem neuen Zwischenfall von Casablanca uns als Schwäche ausgelegt werden, und tvenit wir dieses Mal nicht energisch unser gutes Recht vertreten, kann uns in Zukunft leicht noch Schlimmeres widerfahren.
Durch Nachgeben erreicht man im Völkerleben nicht immer den gewünschten Frieden. Das haben auch die Deutschen Oesterreichs zur Genüge erfahren. Ihre Nachgiebigleit gegen die Ansprüche der Slawen hat im Verein mit ihrer unseligen Parteizersplitterung nur dazu beigetragen, die Sperren anmaßender und stärker zu macijen. Auch jetzt wieder scheint Oesterreich vor einer neuen schweren Krisis zu stehen. Nicht einmal im Jubiläumsjahre des greifen Kaisers Franz Josef können seine Völker den Frieden unter-
verkörperte. Unzulänglich war Willi) Geisler als Du Chatet, der an sich schon recht matt ist Den weichrnütigen tatenloses König nahm Rudolf Goll mit gutem Gelingen von feiner ansprechendsten Seite als gefühlvollen, liebeseligen Weichling, der alles dem Himmel anvertraut, während Claire Albrecht die verschwindende Gestalt der Sorel nach Möglichkeit belebte. Die Königin der Grete Höcker muß ich rühmen, ist sie doch eine der wenigen geiswollen Schauspielerinnen, die den Haß aus gekränktem Ehrgefühl und eingeengter Leidenschaft zu erklären suchte und nicht in das gewöhnliche Gekeife verfiel. Rolf Zieglers als Burgund war im Anfang etwas farblos, entwickelte sich aber später sehr angenehm und gab besonders in der Versöhnungsszene eine schöne Charakterzeichnung. Die Maske allerdings hätte etwas treffender, farbiger sein dürfen. Zwei sehr gut durchgearbeitete Darstellungen boten Erich 2$ ein gärtner als 'Tunois, eine der gelungenstell Heldengestalten Schillers, und Hermann Ba- ko f «a»ls Talbot, nur im Schluß der Sterbeszene hätte ich etwas mehr Abdämpfung erwartet. Zu erwähnen sind noch Direktor Steingoetter als Raoul, Clemens Roden als Lionel, Willibald Völcker als Thibant und Paul Kohlmann als Raimund.
Ueber die Regie habe ich schon gesprochen. , Hervorzuheben wäre noch, daß sich die Ausstattung überall einer zweckmäßigen Einfachheit befleißigte. Sehr erfreulich war es, daß der Mö- nungszug derart veranstaltet wurde, daß der größere Teil schon in der Kirche zu denken war und nur der kleinere wesentlich« Teil noch außerhalb. Dadurch wurde der Eindruck erheblich gesteigert, weil eine große Menge vorgetäuscht wurde, ohne daß eine opernhafte Ausführung^ den poetischen Reiz beeinträchtigt hätte. Auch das maßvolle Spiet der Jsabeau bei der wunderbaren Befreiung der Jungfrau, die uns trotz Schiller doch etwas zu wunderbar ist, sei hervorgehoben, weil die Künstlerin dadurch die Szene von dem feie langer Zeit auf ihr ruhenden Fluche der Lächerlichkeit rettete.
Karl Neurath.
- 2 n Z 2
O-= -
Göeszerrer StadLtheater.
Die Jungfrau von Orleans.
Von Schiller.
Tie Meininger haben unsere Klassiker in gewissem Sinne für bic Bühne neu entdeckt, unb die ganze Art ihrer Kunst führte sie dazu, daß Schiller ihr Lieblingsdichter wurde und durch sie recht eigentlich erst in das Volk drang. In die beschaulich-gemütliche Oede des Theaterlebens der 70 er Jahre brachte ihr Auftreten einen neuen frischen Zug, der für die fernere Entwicklung unserer Darstellungskunst von außerordentlicher Bedeutung wurde. Sie brachten Leben auf die Bühne und zeigten, was ein gutes Zusammenspiel unter einem tüchtigen Regisseur leisten konnte, wenn er auch feine Genies zur Verfügung hatte, denn außer Kainz verfügten die Meininger wohl über eine Anzahl hervorragender Schauspieler wie Barnay, Anna Haverland, Krausneck u. a., aber Genies gab es nicht. Man wünschte sich auch keine, denn gerade durch die gewisse Gleichmäßigkeit der Begabung, durch die unbedingte Unterordnung unter die leitende Idee, errangen sie die bewunderten Erfolge, die ihr Auftreten zu einer Tat von nicht zu unterschätzender Tragweite machten, und sie den anderen Bühnen gegenüber als Muster gelten ließen. Die langweilige Oede, mit der man vorher die Klassiker „gegeben" hatte, war plötzlich verschwunden, und anstelle der ärmlichen Nüch- ternhett, die vorher die Klassikervorstellungen ausgezeichnet hatte, trat die berauschende Lebendigkeit einer sinnvollen Kunst, die sich auch des kleinsten und nebensächlichsten Umstandes liebevoll annahm und ihn zur Bedeutung erhob. Es kam eine, freudige, eine beseelte Kunst auf, die mit der prunkvollen Malweise Pilotys wesenverwandt war und wie sie auf einer genialen Schönheits- ftcude beruhte, die in Glanz und Farben schwelgte und voll war von üppigem, glühendem Leben. So kam es, daß man, um ein lebendiges Bühnenbild zu erzielen, auch dem passiven Spiel, das man vorher kaum gekannt hatte, seine Aufmerksamkeit zuwandte, und so kam es, daß auch die Statisten lebenden Menschen ähnlich wurden, wo sie vorder nur wie geputzte Holzpuppen herumspaziert waren. Jetzt war Leben auf der Bühne, Bewegung, Teilnahme. Man sah schon den Statisten an, daß da etwas von Besonderheit borging, etwas, woran sie beteiligt waren, was mit ihrem Leven zusammenhing und verwachsen war. Die Statisten wurden in Wahrheit zum Volk und der Zuschauer brauchte den Blick nicht mehr krampfhaft von ihnen abzuwenden, um nicht aus seiner Illusion gerissen zu werden, um nicht daran zu denken, daß der steifleinene Krieger oder was er sonst gerade war, tagsüber ben Hobel oder ben Knieriemen schwang. Alles war echtes und natürliches Leben, soweit es sich erreichen ließe; ausgeglichen und abgerundet wie eine Kugel. Ein Volts ans lauf, ein Schlachten- dild, es luar geübt und überlegt bis ins kleinste und hatte nicht mehr unter der Lächerlichkeit zu leiden lvie früher. Die Kämpfer fuchtelten mit ihren sorgfältig gestumpften Klingen nicht mehr sinnlos und komisch in der Lust herum, sondern sie fochten wirk- lich und ihre Streiche waren genau so gut unö so lange cingeübt, wie die größte Szene. Und zu all dieser Darstellyngskunit ein
einander bewahren. Es ist zu heftigen Zusammenstößen: zwischen Slawen und Deutschen gekommen, und das Ministerium des Frhrn. v. Beck ist bedenklich ins Wanken geraten. Wird Herr v. Körber wieder einmal der Retter qzis den Nöten sein?
Auch nach außen hin ist die Lage der Donaumonarchie keineswegs friedlich zu nennen. Tie gro tz- serbische Agitation und die Unabhängigkeits- bestrebungen Bulgariens haben neue drohende Wetterwolken auf dem nahen Balkan angesammelt, und es kann dort leicht über nacht zu kriegerischen Verwicklungen; kommen, die Oesterreich-Ungarn in dem einen oder anderen. Sinne in Mitleidenschaft ziehen.
Nicht unbedenklich ist es hierbei, daß der Dreibund nicht mehr die alte Festigkeit zeigt. Das Deutsche Reich steht zwar nach wie vor treu zu Oesterreich-Ungarn, aber Italien verrät Neigung, sich dem französisch-russischen Zweibundc anzu- schließen, und die Zusammenkunft zwischen den verantwortlichen Staatsmännern Rußlands und Italiens, die dieser Tage auf italienischem Boden stattfand, hat bei den Italienern recht seltsame freundschaftliche Regungen hervorgerufen. Möglich, daß das leichtbewegliche südländische Blut die Italiener hierbei nur zu einer kurzen, bedeutungslosen Extratour verleitet, wie schou einmal, aber rechnen müssen die übrigen Dreibundmächte doch mit der Möglichkeit, daß die zukünftiae Konstellation der Mächte sich anders gestalten wird, als in den letzten Jahrzehnten. E- A.
Nr. 233 Erstes Blatt 158. Jahrgang Samstag 3. Oktober 1888
Der Siebener Anzeiger jbrkhw ä ä
erscheint täglich, außer JggmQfcy vj V
WGietzener Anzeiger für die Redaktion 112, «Xfgy - ® «r '8ulZ ** „ ■
MU General-Anzeiger für Oberhessen ,WW für die Tagesnummer Rofafjottsbt'ud unö Derlad öer BrubCfcben unb SteinOrudcrci R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: zchulstrahe 7. Beck.
. bis vormittags 10 Uhr.
Qc» - r. o ‘o'o. -■ ~ CT
P- 5: " 2 2. rt
K " = .»22 LS
2 .. L
28^^
~ 5 2 2 2
= = ~e er" 2,^5 ~ So
5
~ c O 5oCr C er*' 5 r.
5"' r. 2 Jt.
rs 7? Ü ~C3
A-2»- SsSSsÄSh o
2.« s o « s ja o « er" 1 co
o1* cf» aetätf?
> --- e x.Lc,-
üD<. >5G S
- sS* ’Z.» 'P P 5
< 5 5 5 z.
= = 2 w.c.
2,2 2 2 er
2 ' C-. r«
3-2 Ar.
*02^,


