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Zweites Blatt
Nr. 28
fltodxtm töaNch mit Ausnahme be9 Sonntags.
General-Anzelger für Oberheffen
1»8, Jahrganq
Redaktion, Hxvedinon und Druckerei: Schul- ftraße 7. ErvedMon und Verlag bl. 8ieöaftion:e^ 112. LeU-Adr.: AnzeigerGietzen.
^flcfiener KamtltendlStter" werden dem ,Ännfiaei' otermal roöchcnthcf) beigelegl, das J&reiibian für den Krets Giehcn" zweimal »d^eiiiitdx Die ..Landwirtschaftlichen Zett« erscheinen monatlich zweimal.
Montag 3. Februar 1908
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'lchm Unwersuäls - Buch- und StetnbrudereU 9L Lange, Gießen.
Stimmuiißsbiiö au§ dem Reichstage.
Berlin, 1. Febr.
Eisenbahnschmerzeu.
Durch alle Räume des Reichstägshauses heult die Sirene und ruft die Reichsboten zu nainentlichen Abstimmungen; und obschon es Samstag ist, folgen 82 über die beschlußfähige Zahl den Sirenenrlängen — des Diätengesetzes, das jede Lücke in der Ab st immun gs liste mit den, Wzug einer Doppelkrone bestraft. Es gilt, in der so beliebten Form einer Resolution das Fazit zu ziehen aus den gestrigen Debatten über die Arbeiterverhältnijse; und da die Parteien geschlossen stimmten, konnte das Ergebnis eine Ucberraschung nicht bringen.
Noch blieb das Haus gestillt. Der Zeppelin-Nachtragsetat stand auf der Tagesordnung, und die dichte Besetzung der Bänke aller Parteien während der kurzen Ausführungen des Berichterstatters und oer Reden Zweier- süddeutschen Abgeordneten konnte als stillschweigende Ehrung des Mannes gelten, auf den schließlich nicht nur der Süden des Deutschen Reiches Ursache hat, stolz au sein. So ernteten der Vertreter von Schwäbisch-Hall, Bauern- bündler Vogt, und der engere Landsmann des Grafen Zeppelin, der Konstanzer Zentrumsmann H u g einmütigen Beifall bei ihren begeisterten Schilderungen der Fahrten über den Bodensee; und man nahm es Herrn Vogt nicht weiter übel, daß er sich bemühte, eine Mainlinie sogar in der Luft zu errichten.
Nur kurze Zeit hatte die Fahrt mit dem Luftschiff gedauert. Dann kehrte man zurück zu den gewohnten Gleisen der Eisenbahndeba-tte. 9tur die Konservativen hielten sich zurück, und das Eingreifen des Herrn Rogollav. Bieberstein galt nur einer getegentlichen Beürerkung über das Abströmen landwirtschastlicher Arbeiter zu den Fleischtöpfen der Eijcnbal)üverwaltung. Sonjt aber gab es nicht Unterschiede der Parteien, sondern lediglich der Landesfarbe. All die Eisenbahnschmerzen der mitteldeutschen Kleinstaaten, die Klage über Umleitung des Verkehrs um die Landesgrenzen, die Beschwerde über unzureichende Gleisanlagen und unzulängliche Bahnhöfe, die Entrüstung über den Wagenmangel, die Besorgnis wegen drohender Bahnkatastrophen, der Mißmut über falsche Sparsamkeit gegenüber den Beamten, umd alles in allem eine Anklage gegen die Fiskalität des „starken, aber nicht besten Bruders Preußen". U. a. nahm auch der Abg. Kö y le r-Langsdorf das Wort und führte folgendes aus:
Dieme Sxrrcn, ich will hier nur betonen: Tie Preußen sind doch besser als ihr Ruf. Die Liönigl. Preußhche Eisenbahndirektwn in Main» veröffentlicht in dein Großherzoglich Hessischen Regie- rungsorgan, das ist wohl bü „Frank,ur.er Zeitung", eine Aut- rvort auf die Angriffe, die in der Interpolation im Hessiscl)cn Landtage wegen b:r Angelegenheit der Momback>er Gärtner, die Herr Abg. Jäger vvrhm erwähnte, gegen sie gerichtet worden waren. — Ter Herr Präsident gestattet mir wohl, bieien kleinen Sah vorzulesen. — Sie schreibt:
„Jedenfalls sind w.r angesichts der in der Presse zum Ausdruck gelangten Eemwuhigung der Interessenten seinerzeit soglech wegen versuchsweiser Aushebung der Umlegung mit den beteiligten Verwaltungen in Verbindung getreten, deren Zustimmung uns erst kurz vor der Vchprechung im Landtage zuging. Es werden somit, unter der Vn'ausse^ung, daß Schwierigkeiten hierdurch in Stöln nicht entstehen, die Eilgutladungen von Diombach in diesem Jahre wieder allgemein über den linksrheinischen Weg befördert."
Mit Freude und Dank begrüßen wir diese Veröffentlichung. Dabei will ich benterken, daß tro&bem noch eine kolossale Menge von Wünschen im Hessenlawre von der preußischen Eisenbahn-
venoaltnng zu erfüllen übrig bleibt. Ich selber bin ja seinerzeit im Landtage gegen die Verpreußung der hessischen Eiscmbahnen emgevr.Lii. Ich habe freilich gewußt, oaß die hessische Verwal- tnng inbezug auf die Ei,enoahmn damals nichts taugte, wir infolge oer Umleitung b;§ Verkehrs um Hessen herum gezwungen wurden, den preußcmien Ver.rag anzunehmen.
Wenn aber bie Vahern sagen: wcr wollen gar nichts von einer Eefenbayngemecnschast mit Preußen wissen, so kann ich das nur insoweit verstehen, uno billigen, als durch eine weitere V er g e me cn s ch a f t li chu n g m i t Pre u ße n Reichseisenbahnen in immer weitere Ferne gerückt werden. Wcnn Sie im ganzen deutschen Reich, ohne die Parteien zu befragen, einmal abfrünmen looLten, so ruüroen sich, glaube ich, vier Jünstel oder vielleicht noch mehr aller Mensü-en im Reiche |ür Neichseifenbahnen ausstrechen. Das möchte ich hier im Reichstage gesagt haben: Das ganae deutsche Volk will Reichs eisen bahnen, aber nicht die Verpreußung der vorhandenen Bahnen im Reich. Es ist ja sonst preußisck>es Prinzip, zu sagen: wir sind gute Deutsche; mxm muß aoer darauf immer erwidern: gute Tiutü-e wollt Ihr sein, doch von uns verlangt Jl/r erst, daß wir Preußen werden. Dahin darf ich nicht Eom-men: Bundes,taatlich getrennt wollen wir bielben und einig im großen Deutschland, und als Ausfluß dessen wollen wcr äielchSeisenbahNLN und ieate weiure preußlsa-e V.rgcmeinschaftlichung haben.
T-as alles stürmte auf den armen Präjiventen deS Reichseisenbahnamtes ein, den die Verfassung des Deutschen Reiches zur Aufsichtsbehörde über den preußischen Elseu- bahnntinister gefetzt hat, dessen Ohnmacht aber nur ein Beweis da,ür ist, daß die Reichsverfassüng nach nunmehr 37 Jahren noch immer nicht ausgeführt i,t So mußten die schönen sJieuen auch in diesem Jahre lauter Mvnotvgc bleiben.
Und immer leerer war unterdes das Haus geworden. Auf der Tagesordnung standen noch 28 Petitionsberichte. Da wuroe au den uoA) 'ungeboreuen Reden dec abwefenoen Abgeordneten ein beu-leyemitischer Kinder mord verübt: die Petitionen wurden schleunigst ourch Abstimmung erledigt und die wenigen, zu denen eine Woruueloung von anwesrn- üen Mitgliedern des Hauses ronag, von der Tagesordnung abgesetzt" unter ihnen auch bie üoer den § Im des Stra>- gefetzbuches.
&ia$l ttritd LsnS.
Glegen, 3. Februar 1908.
Ter Großherzog und die Presse.
Auf dem letzten partameutarifchen Abend in Darmstadt äußerte sich der Großherzog in einem längeren Gespräch mit einem Redalteur in sehr bemerkenswerter Weise über sein Verhältnis zur Presse. In der „Pfälz. Pr." finden wir über dieses Gespräch die folgende Schilderung: Ich hatte mein Stimmungsbild über den Abend schon vollendet und in Satz gegeben. Die Druckerei hatte mir einen Bürstenabzug gesandt, den ich in der Wandelhalle schnell überflog. Das sah der zufällig vorbeigehende Großherzog und sofort trttf er auf mich zu mit der Frage: „Sie haben doch nicht etwa schon einen Bürstenabzug des Berichtes über den heutigen Abend?" — „Zu dienen, Kgl. Hoheit, der ist bereits gesetzt und wird in einer Stunve schon gedruckt sein." — „Das ist ja kolossal, zeigen Sie doch einmal her." Mit diesen Worten nahm mir der Großherzog meinen noch feuchten Bürstenabzug aus der Hano, um ihu aufmerksam durchzulesen und selbst mehrere Unrichtigkeiten zu korrigieren, mich in liebenswürdigster Weise darüber aufklärend, daß u. a. der Hofmarschall heute
Gieszener TlonzertvereLn«
VH.
(Dritter Solistenabend).
Liederabend von Dr. Ludwig Wültner.
Der Widerstreit der Meinungen über Ludwig Wüllner als Liedersänger kann heute eigentlich als beendet gelten. In weiteren Kreisen ist man zu der Erkenntnis gekommen, daß seine Kunst uns tatsächlich etlvas neues gebracht hat. Er zeigt uns neue Ausdrucksmöglichkeiten des Gesanges, die man in solcher Weise vorher wohl kaum gekannt hat, und schon darum sollten diejenigen, die sich seiner Kunst gegenüber noch ablehnend vergalten, etwas vorsichtiger sein in ihrem abspreck>endeu Urteil über diesen „Sänger ohne Stimme", wie man ihn so häufig nennen hört. An Stimmmitteln fehlt es diesem Sänger übrigens keineswegs, — oder doch wenigstens nicht in dem Maße, wie seine Gegner behaupten; — er hat Momente, in denen seine Stimme an Glanz und Schönheit und Kraft kaum einem anderen Sänger nachsteht. Worin er sie aber fast alle übertrifft, das ist die hinreißende Macht des Ausdrucks. Weich und biegsam ist sein Organ freilich nicht und es hat seine Grenzen, über die auch alle musikalische Intelligenz und alles iwch so sorgfältige Smdium nicht hinweg helfen kann. Und diese Einsicht mag den Sänger wohl dazu veranlaßt haben, aus der Not eine Tugend zu machen und durch Veriimerlichung seines Gesanges und seiner Ausdrucksmittel das zu ersetzen, was ihm die 27atur an rein stimmlicher Schönheit versagt hat.
Das Größte, was uns der Gesang Wullners bietet, ist die Beseelung und Belebung des Dichterwortes. Ihm ist es kein btoßes Snbstrat, fern Nebenbei, kein Etwas, das neben dem rein Musikalischen in den H^brßrund tritt und etwa lediglich dazu dienen sollte, das Musckalisck)e zu tragen. Das Musikalische ist ihm tm Liede nie Selbstzweck. Ihm kommt es allein darauf an, bem Worte bes Dichters im Liebe ben höchsten und schönsten Ausbruck zu geben, unb darum dient ihm bas Musikalische nur bazu, bie rein sprachliche Schönheit bes Wortes zu steigern uni) zu vervollkommnen. Damm ist auch seine Ai.sjprache so rein unb klar, baß man bei ihm nie den Text mitznleien braucht; man versteht das gesungene Wort. Wo es der Ausbruck verlangt, geht Wültner auch häufig zunt remen Sprechgesang über oder gar zum gesprochenen Wort, wre gestern am Schluß seines „Erlkönigs", bei ben Worten: „In seinen Armen bas Kinb war tot."
Ueber eine solche Freiheit bes Sängers mag sich vielleicht mancher entrüsten, benn man lebt Leiber häufig noch gar zu sehr in bem Wahne, baß bei einem Liebe der Dichter nach bem Komponisten komme und daß bie Komposition höher stehe als bie Dichtung. Wüllners Gejang oflnet
uns er ft bie Augen barüber, baß bie Dichtung — wie es allein richtig unb natürlich ist — bie Hauptsache bleiben muß. Gesang unb Deklamation bienen wohl bazu, bem Zuhörer bas Verständnis e.ner Dichtung zu vermitteln, aber sie dürfen nicht dupch sich selbst wirken wollen. Tun sie es doch, bann hört man eine hohle Deklamation ober eine Musik, zwar nicht ohne Worte, aber mit Worten ohne Sinn. Der Zuhörer hört und versteht bie Worte entiveber überhaupt nicht oder er benkt sich nichts babei, solange ber Sänger nicht imstande ist, dem einzelnen Worte durch seinen Gesang wirkliches Leben zu geben. Nun frage man sich einmal selbst, wie oft man wohl schon Gelegenheit gehabt hat, einen Sänger zu hören, ber, wie Wüllner, bei einem Liebe, wie etwa Eichenborffs Frühlingsnacht in ber Komposition von Robert Sehumann, imftanbe gewesen wäre, bas Interesse für bie Dichtung selbst berart zu wecken unb rege zu halten, baß auch im Gesänge jebes Wort mit Verständnis ausgenommen werben foimte. Aus bem reichen Programm bes gestrigen Konzerts ließen sich noch mehr solcher Beispiele ansühren.
Das oben gekennzeichnete Verhältnis des Sängers zum Dichter kam übrigens-auch im Programm schon zur Geltung, beim bei jebem Liebe war neben dem Komponisten auch ausnahmslos ber Dichter genannt.
Auf bas Publicum wirkte ber Gesang WüllncrS ganz eigenartig. Man begrüßte ben Sänger bei seinem ersten Austreten zwar als alten Bekannten in Gießen mit Applaus, verhielt sich aber nach ben ersten Liedern ziemlich zurückhaltend. Selbst Goethes Prometheus in der Komposition von Schubert vermochte das Eis nicht ganz zum sa)inelzen zu bringen, obgleich gerade in diesem Gesänge bie Kraft unb Eigenart bes Sängers wunberbar burchleuchtete. Dieser herrliche Stolz umb Trotz in ben Worten: „Ich kenne nichts Aermeres unter ber Sonn', als euch, Götter"!
Auch beim zweiten Teil bes Programms bauerte bie Reserviertheit ber Zuhörer im allgemeinen noch an, aber der Bei,all würbe doch allmählich merklich wärmer. Man lauschte immer gespannter bem bramatisch-bewegcen Gesänge; man hing zuletzt wie gebannt an ben Lippen biefes Mannes ba oben neben bem Klavier, ber in seiner so seltsam zu Herzen bringenbcii Weise einem bie Schönheiten der Dichtungen offenbarte. In den beiden letzten Abteilungen des Programms erzielte Dr. Wüllner mit jedem Liede immer länger andauernden Applaus und immer begeistertere Bravorufe, so daß er sich nach bem Gesänge von Fontanes Archibatb Douglas (ökolnp. Loewe) noch zu einer Zugabe entschließen mußte: „Rach Frankreich zogen ztvei Grenadier." Enthustastischer Applaus und laute Bravorufe riefen den Sänger und Herrn Hermann Zilcher, ber bie schwierige Ausgabe ber Klavierbegleitung jo meisterhaft
nicht zu seinem Gefolge zählte, sonbern perjönlich gelaben sei, baß sein Flügelabjutant, wenn er im Dienst ist, immer in Uniform sein müsse usw. Eine Bemerkung bes nun hinzi> tretenben Präjioenten Haas, baß ich bas (er meinte die Korreitur bem Großherzog vorzulegen) nur immer so machen sollte, bann würben meine Berichte sicher immer richtig fein, veranlaßte ben Großherzog, mir seine Stellung gegenüber ber Presse eingehend darzulegen. Er tat das mit dem besonderen Wunsche, e§ „allen meinen Herren Kollegen auch zu sagen", in etwa folgenden Worten: „Den Rat möchte ich Ihnen überhaupt geben: Wenn Sie etwas wi,sen wollen, was mich über Fragen meines Hofes betrifft, gehen Sie immer birekt au bie erste Stelle. Ich habe meinem Hofmarfchall strenge Anweisung gegeben, Ihnen, wenn Sie sich birekt an ihn wenben, auf jebe Frage rückhaltlos richtige und ausführliche Auskunft zu geben. Sie werben stets am besten unb schnellsten unterrichtet sein, wenn Sie sich birekt an bie erste Stelle wenden, bie überhaupt bie beste Quelle für Sie sein sollte. Wenben Sie sich niemals an Lakaien, babei kommt nie etwas Gescheites heraus. Unb wenn ber Diener wirklich einmal ablehnen sollte, Sie bem Hofmarschall ober bem Adjutanten zu melben, so gehen Sie bitte unter Berufung auf mich einfach an ihm vorbei birekt zum Hofmarfchall unb stellen bem bas vor." Mit bezug auf sein Hoftheatev meinte ber Großherzog, er vermiffe völlig die Unterstützung ber Presse in seinem Bestreben, etwas 9teuc5 zu bringen. Da habe seines Erachtens bie Presse boch bie Pflicht, vor ber Ausführung neuer Stücke in orientierenben Arlileln bas Publikum zu belehren barüber, was ber Dichter will mit seinem Stück, unb auf Schönheiten besselben vorher aufmerffam zu machen. Es sei boch sicher nur ber kleinste Teil bes Publikums imftanbe, sich ein zutresfenbes Urteil über ben Wert eines modernen Stückes zu bilden. Die Kritik nach ber Aufführung habe in bie[et Beziehung boch nur bebiiigten Wert, wenngleich ihre unbebingte Not- wenbigkeit zur Bilbung bes Geschmacks nicht verkannt werden solle.
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?. Lang-GönS, 3. Febr. Bei der hiesigen Jagdverpachtung wurden 1915 Mk. gelöst, 200 Mk. weniger als vorher. Im einzelnen war das Ergebnis: Distrikt Heide 700 Mk., Architekt Künzel in Frankfurt; Distrikt Hardt 410 Mk., Philipp Frey in Lang-GönS, Distrikt Wehrholz 8uo Mk., Wilhelm Frey in Lang-GönS. Genehmigung erfolgte.
Dr. St. B a d - N a u h e i m, 2. Febr. Nachdem am 12. Januar ber freisinnige Verein Herrn Elösser aus Darrnstabt in einer feljr gut besuchten öffentlichen Versammlung hatte sprechen taffen, zeigte sich auch ber „Wahlverein ber bürgerlichen Parteien" mit einem Referat bes Grafen O r i o l a auf bem Plan. Da bie Sozialbernokraten von ber Diskussion ausgeschlojfen waren, unb bie wenigen anwesenden Freisinnigen unter diesen Umständen eine Anssprack>e auch nicht für besonders wertvoll hielten, nahm ber Abenb einen mehr intimen Charakter an. Elösser gegenüber vertrat ber Stabtv. Min- b e r ben sozialbemotratischen Standpunkt in sachlich gemäßigter Weise, wobei aber doch oefsen ganz einseitige
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durchgeführt hatte, immer ivieoer von neuem aufs Podium. Es war eine ehrliche und herzliche Begeisterung, die beide vortreffliche Künstler durch ihre Darbietungen entzündet hatten. Es war vor allem ein Erfolg für Ludwig Wüllner, den man diesem vielangefeinbeten unb so viel verkannten Manne von ganzem Herzen gönnen kann. Mancher anbere Sänger wäre burch bas jahrelange Verkennen seiner besten tunftlerifchen Absichten mutlos geworben. Ihn aber hat wohl seine kernige westfälische Art bavor bewahpt. Unbekümmert um bie Viele herbe Kritik, bie ihm so oft zuteil geworben ist, hat er sein Ziel im Auge behalten. Seine kraftvolle Persönlichkeit hac nun endlich dock oen Sieg behalten über den Unverstand der Vielzuvielen und bie Bosheit ber Allzukleinen. Tie Schar seiner Freunde und Verehrer wächst, seine Gemeinbe breitet sich aus, unb man kann nur wünschen, baß wir in unseren Kvnzertsälen mehr Sänger seiner Art hätten, b. h. Künstler, bereu Ehrgeiz sich nicht bamit begnügt, mit äußeren Stimmitteln zu glänzen, foitbcrn bie e§ auch verstehen, uns unsere Dichter tm Gesänge näher zu bringen. Es gibt glänzcnbere Sänger als ihn, aber möchten sie es boch von ihm lernen, wie ein Sänger bie Schönheit der Poesie erfassen muß, um sie anbeten mitzuteilen.
An Ludwig Wüllner.
Nimm aus begeistertem Herzen Begeisterten Dank tür die Spende des Abends entgegen, Der sich gleich jenem ersten für immer ms Herz uns gegraben!
Ja, Du bist dec Berut ne, der es versteht, uns die Schätze des Liedes, Tie schoii Unzählige vor Dir zu heben versuchten, ©rcubar nahe vorS seelische Auge zu rucken.
Ja, bei Dir ist kein Toii, der nicht durchdacht und durchlebt ist, All' Deinen heillgei» Ernst und Dein Lachen, Dem Höhnen unb Zürnen,
Alles vermagst in em kleines Lied Du zu legen.
Und der verwimderten ÜJlenge
Zeigst Tu oft Alivertranleä in herrlich neuem Gewände.
Staimciid vernimmt sie's und horcht au< das Urteil des Nachbarn.
Doch der Beistehende vergistt den öden Konzersaal Uni) die verblüsften Gesichter, Er fühlt sich mn Dir allein und laujcht Deiner Seele,
Möchte die Hand Dir drücken, Dir danken, Daß Tu Dem Bestes, Dein Innerstes
vor ihm enthüllet. Marie Felchner.


