Nr. 178
Zweites Blatt
158.1
»latt 158. Jahrgang
Gießener Anzeiger
G^chetnl lSgN- mit Ausnahme des Sonntags.
Eeneral-Anzsiger für Oberhessen
Dt, «•tefitntt ZamMenblStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Krctsblati für den Kreil Siehrn" zweimal wöchentlich. Die ..randwirtschaftlichen Seit- fragen" erschernen monatlich zweimal.
Freitag 31. Juli 1908
Rotationsdruck und Verlag der Biühlfchra UnwersilalS - Buch- und Eteindruckerei.
ÖL Longe. Gießen.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: ^EN-Tel.-Adr^AnzeigerGießen-
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Sitzung der Stadtverordneten.
ch. Gießen, 30. Juli.
Anwesend sind: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Keller, Georgi und Heyligenstaedt; die Stadtverordneten: Dr. Biermer. Brück, Tr. Ebel, Eichenauer, Emmelius, Faber, Dr. Gutfteisch, Habenicht, Dr. Haberkorn, Helm, Huhn, Jann, Jughardt, Löber, Loos, Orbig, Petri, Plank, Simon, Schassstaedt, Troß, Wallenfels, Dr. Wimmenauer und Winn.
Nicht öffentlich
wurde gestern von 31/2 Uhr nachmittags bis gegen 63A Uhr> abends von den Stadwerordneten Versammlung verhandelt.
Tie Rechnungen des Gas-, Waffer- u. Elektrizitätswerkes von 1906, welche der Versammlung bereits früher Vorgelegen, sind nadji Mitteilung des Oberbürgermeisters, von den Stadtverordneten Huhn und Eichenauer geprüft und haben Beanstandungen nicht' erfahren.
Bauliches.
Adolph M ö h l, Bahnhofstraße, hat beim Umbau feines Hauses^ beim Abbruch eines KellerfenstcrS gegen die lokale Bauordnung verstoßen, demselben wird der erforderliche Dispens gegen eine Anerkennungsgebühr von 50 Pfg. erteilt- Anton Geißner will an seinem kaufe Blockstraße, ein Schild anbringen, das 1 Meter 20 Zentimeter in die Straße hineinragt. Die Bau- deputation schlagt vor, das Gesuch Geißners abzulehnen.
Stadtv. Löber meint, cs komme doch so genau nicht darauf! an, man solle doch dem Manne entgegenkommen. Die Bersamm-i lung erhebt jedoch den Kvmmissionsantrag zum Beschluß. -- Dem Verkehrsverein wird gestattet, auf dem städtischen Gelände vor dem Hotel Lenz, in unmittelbarer Näh-e des Bahnhofs, — eine Tafel anfziistellen, welche den Stadtplan zur Anschauung bringt —.1 Für den Ausbau des Wetzlarer Weges war noch Gelände nötig,1 welches angetauft ist. Die Stadtverordneten waren damit ein- verstanden, daß den Eigentümern dafür 10 Mk. für den Quadrat-, meter bezahlt werden soll.
Berkaus von Anlagengelände.
Die Militärverwaltung hat den Antrag gestellt, ihr doch einen! Teil des Schoorgrabengeländcs an der Ost-Anlage, längs Pent Garten des Lazarettgrundstücks, seitens der Stadt käuflich zu überlassen. Es handelt sich uni ca- 350 Quadratmeter. Begründet wird das Gesuch damit, daß die Militärverwaltung das Lazarett nach >der Anlage sicher abschließen will, um das Ein- schmuggeln, besonders des Schnapses zu verhindern. Die Baudeputation schlägt vor, dem Gesuch stattzugeben unb_ für den Quadratmeter 5 Mark zu verlangen. Tie Stadtv- Schaf,st.idt! und Winn sind der Ansicht, daß 5 Mark viel zu billig dafür sei.! Winn verweist darauf, daß anderioeit bis zu 30 Mark für Schoor- grabenland per Meter bezahlt worden ist. Der Oberbürgerntetster1
Die vlsmarckseier in Darmstadt.
R.B. Darmstadt, 30.Juli.
DaS Bismarckdenkmal auf dem Ludwigsplatz Hierselbst toar heDte aus Anlaß des zehnjährigen Todestages Fürst Bismarcks von der Stadt außerordentlich reich mit Blumen, Lorbeeren :unb Palmen geschmückt. Auch die Tiirn des Altreichskanzlers zierte em mächtiger Loroeerlranz mit scl/warz-weiß-roter Schleife. Schon am Vormittag wurden von Vereinen und Korporationen iber 20 prackstvolle Kränze mit Widmungsschleifen niedergelegt, io von der diesigen Studentenschaft, dem Kobürger A. H- L. E., >er Darmstädter Turnerschaft usw.
*
Zu der heute abend von der Nationallibcralen Partei öct> ttnftalteten Bismarck feier im Kaisersaal hatte sich eine so zahlreiche Zuhörerschaft von Damen und Herren eingefunden, daß Luch der nebenanliegende Garten noch dicht besetzt wurde.. Der Vorsitzende, Reickjstagsabg. Dr- Osann, eröffnete die Fcstver- lamm hing mit einer Ansprache, in der er aus die l-ohe Bedeutung ier Aismarcksseier hinwies und bann zum Schluß ein dreimaliges Lock) auf Steifer und Großherzvg ausbrachie. Der dann das Äodium betretende Festredner, General Keim, wurde von stürmischem, minutenlang anhaltendein Beifatl begrüßt. Er gab Lierst eine kurze Kennzeichnung der allen Bismarckschen Politik. Tas deutsche Volk habe eine Art nationales Heimweh nach ihm, man wünsche sich oft die Bismarcksck)en Zeiten wieder zurück. Die ganze beutfd>e Politik fei unter seiner Leitung anders geartet gewesen, man habe damals nicht das Frage- und Anttvort- jpiel gekannt: Kommt König Eduard oder kommt er nicht (Heiterkeit), wird der Block halten oder nicht u. s. f. Man habe den Eindruck, daß die Politik heute etwas auf Lackstiefeln gehe und daraus erkläre sich auch das nationale Heimweh. Zur Beleuchtung der internationalen Lage führt Ränier aus, es sei and) laxier Bismarck viel Weltpolitik gemacht worden, aber früher habe kein Mensch daran gedacht, Weltfriedensreisen zu machen imb durch große Reisen den Weltfrieden sichern zu wollen. Es sei Pflicht, die nationalen Aufgaben wieder in den Vordergrund 311 stellen und von diesen nationalen Pflichten auch zu sprechen, wozu gerade die heutige Bismarckseier Anlaß gebe. Der Flottenverein Labe fich seinerzeit große Ziele gestellt, nid)t parteipolitische, sondern national politische. Er war berufen, große nationale Aufgaben zu lösen. Das werde aber in dem neuen Fahrwasser nicht mehr möglich sein, iuenn er nur noch aufklärend wirken wolle. Für Aufklärung fei genug geschehen. Es müsse dafür gesorgt loerden, daß der nationale Gedanke auch in die Wirklichkeit übersetzt werde. Das könne der neue Kurs nicht, wo er nur aus den inneren Verhältnissen heraus wirken wolle und es tue ihm, fcem Redner leid, daß der Verein in seinem Dauptwert reduziert loerde. Der zweite Hauptpunkt liege auf dem Gebiete der großen "Lvlüik, der Kamps zwischen Deutschtum und Slaventum. Wir imüßten alles aufbieten, uni die slavischen Landcsteile wieder ganz riiir Deutschland zu gewinnen. Bismarck sagte sehr ridjtig, ick) klasse die Polen, nicht als Menschen, sondern als Deutsche, denn jic hassen mich als Deutscher auch. Es sei ein Frevel an der Nation, ihr weismachen zu wollen, daß der Weltfriede gesichert sei. Im Gegenteil, der große Entscheidungsfarnpf zwisdien den r'latwncn wird erst kommen und es ist Pflicht jedes Deutschen, int nationalen Sinne zu wirken. Wir haben leider nock) nicht dm nationalen Stolz der Franzosen und Engländer. Wir müssen dmtsch bis in die Knochen werden. (Lebh Beifall.) In dieser Einsicht erfüllten die Schulen noch nid}t ihre Pflicht. Man sagte, nufere Kinder müßten zu guten Menschen und Christen erzogen 1 oerben, — nein, vor allen Dingen zu guten Deutschen. (Stür- 1 bischer Beifall.) Unsere Krieger von 1870 waren noch ganz mit den Heldentaten der Griechen und Römer gefüttert. In nuferer deutschen Geschichte stecken viel größere und schönere Hclden- taten, die man den Kindern beibringen sollte. Hier sollten auch die deutschen Frauen helfend mit eingreifen. Sie könnten in der nationalen Kindererziehung großes leisten. Es sollte offen aus- gefprodjen werden, daß wir ein Recht haben, die Führung in Europa zu übernehmen. Bismarck habe seine großartigen Gedanken im Reichstage stets mit flammenden Herzen gemackst, und die nationalen Ausgaben müßten audj stets Herzenssache fein; s ie würden niemals mit dem Verstand gemacht werden. Die lLrabinschrift für den großen Toten in Sachsenwalde lautet: ,,Er war ein treuer Diener seines Herrn", aber Bismarck hat das Bort geprägt, daß Fürsten und Volk in Deutschland zusarnmen- zehören. Bismarck dürfe nicht als Abschluß einer großen Periode fiepen, sondern muffe uns als leuchtendes Vorbild uoranleud)tcn. Redner sei erfreut, daß auch der Kaiser jüngst das deutsche Sturmlied freudig anhvrte, wo aud> Bismarck stets für „Deutschland, D«ch'chland über alles" eintrat. Auf Aufforderung des Redners
stimmte die Versammlung mit lauter Begeisterung dieses Dater- landslied an und brachte dann dem Festtedner minutenlange stürmische Ovation bar. Weitere Reden würben nicht gehalten-
Apolitische Lagesscbarr.
Ter landwirtschaftliche Unterricht beim Heere.
Tie Erfahrungen, die bisher mit der Erteilung landwirtschaftlichen Unterrichts beim Militär gemacht worden sind, werden als durchaus zufriedenstellend bezeichnet. Der Schwäbische Merkur berichtet darüber: Dieser Unterricht hat sich vorerst auf die freiwillig sich meldenden Soldaten des dritten Jahrgangs der berittenen Waffengattungen, sowie auf Unteroffiziere beschränkt, und es haben an diesem Unterricht auch Offiziere teilgenommen, worauf großer Wert gelegt wurde. Von einem planmäßigen Unterricht durch Landwirtschaftslehrer usw. wurde abgesehen, weil man sich davon den gewünschten moralisck)en Erfolg nicht versprechen zu können glaubt. Jedes Regiment ist vielmehr bestrebt, möglichst durch eigene Kräfte nnd ohne Einwirkung höherer Behörden diesen Unterricht erteilen zu lassen, wofür namentlich auch Offiziere des Beurlaublenstandes gewonnen werden sollen, die Landwirte, Maschineningenieure usw. sind. Unter Umständen können solche Kräfte auch von anderen Truppenteilen herangezogen werden. Bis jetzt hat sich gezeigt, daß alle, die für die Erteilung dieses Unterrichts in Betracht kommen können, sich dieser Aufgabe gern und ohne jede Entschädigung gewidmet haben. Beispielsweise haben über Pferdezucht aktive Offiziere, die zu Gestüten kommandiert waren, über Seuchenschutz einige Stabsveterinäre gesprochen. Erwähnt sei auä) noch, daß z. B. bei jedem württembergischen Kavallerie-Regiment der Unteroftizier- Bücherei eine Sammlung landwirtschaftlicher Bücher angeschlossen ist, die auch an Mannschaften, die am landwirtschaftlichen Unterricht teilnehmen, ausgeliehen werden.
Ei» deutsches Wahlkuriosum.
Es ist, so lesen wir in den „Hamb. Nachr.", bisher kaum allgemein bekannt geworden, daß in Deutschland bereits für Frauen das Wahlrecht zu einem einzelstaatlichen Parlament besteht. In dem Fürstentum Waldeck ist die Teilnahme für Frauen an den Wahlmännerwahlen für die Landesvertretung gesetzlich folgendermaßen festgesetzt worden: „Wer in einer Gemeinde an direkten Staats- und Gemeindeabgaben so viel entrichtet als einer der drei höchstbesteuerten Gemeindewähler, ist, auch ohne in der Gemeinde zu wohnen oder sich dort aufzuhalten, zur Teilnahme an den Wahlen berechtigt, sofern er nur überhaupt das Gemeinderecht in einer inländischen Gemeinde besitzt. Auch volljährige, im Gemeindebezirk ihren Wohnsitz habende Frauenspersonen nehmen unter gleicher Voraussetzung teil an der Wahl; sie müssen sich jedoch durch einen Bürger der Gemeinde vertreten (affen, in der sie das Wahlrecht ausüben wollen." So das Gesetz. Gebrauck) gemacht hat seit Jahren niemals eine Frau von dieser Bestimmung, obwohl es in Waldeck gar nicht so schwer sein soll, auch für Frauen nicht, zu den höchsten Steuerzahlern zu gehören.
Deutsches Reich.
Der Kaiser unternahm gestern mittag in Swine- münde eine Segelpartie auf der „Iduna", wo auch das Frühstück stattfand. Die Segelfahrt dehnte sich bis zum späten Nachmittag aus. — Der Reichskanzler traf auf Bahnhof Swinemünde um 4.21 Uhr ein und wurde vom Gesandten v. Treutier empfangen. Ter Salonwagen des Fürsten wurde bis zum Zollschuppen geführt. Der Fürst nahm aus der „Hohenzollern" Wohnung. Zur Abendtafel an Bord ist der Oberpräsident geladen.
Wie der „Reichsanzeiger" meldet, wurde dem Kaufmann Leo Hecht in Metz der Charakter als Kommt s s i 0 n s r a t verliehen.
Karlsruhe, 30. Juli. Gegen die Elektrizi- tätssteuer. In der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer wurde der Antrag der Sozialdemokraten, die Regie
rung zu ersuchen, im Bundesrat gegen die Gas und Elek-' trizitätssteuer zu stimmen, mit 24 gegen 19 Stimmen bei, 18 Stimmenthaltungen angenommcn. Die Nationalliberalen und ein Teil des Zentrums stimmten gegen den, Antrag, während die Konservativen sich der Abstimmung enthielten.
Ein neuer Flottenbund. In der gestrigen) Flottenvereins-Versammlung in Mülheim wurde nach einem Vortrage von Hammerstein ein neuer deutscher Flottenbund gegründet, der neben dem jetzigen Flottenverein bestehen soll.
Das d e u t s ch e R i 11 e r g u t S k r 0 n s k a u bei Rosenberg, das vergebens der Hoskammer angeboten war, ist vom Besitzer Fränkel an einen Polen aus Schroda verkauft worden.
Eine Re ichswe in steue r. Die in Mainz er- scheinende „Weinzeitung" veröffentlicht in fetter Schrift: Aus wohlinformierter Quelle vernehmen mir, daß man sich im Reichsschatzamte tatsächlich mit dem Gedanken einer Reichsweinsteuer als „Zierde" der Reichsfinanzresorm vertraut macht.
Reicystagsersatzwahl. Aus München wird dem „Pfäz. Kurier" gemeldet: Der katholische Pfarrer Trom- m e l aus Volkbach wird von liberaler Seite für die Reichs- tagskandidatur im ersten Pfälzischen Wahlkreise Spever und Ludwigshafen ober für den Landtagswahlkreis Kaiserslautem in Vorschlag gebracht. Beide Kandidaturen Jinb bekanntlich durch den Tod des Abgeordneten Erhard (Äoz.) erledigt worden.
Bayreuther zestjpiele.
(Nnchbruck verboten., Bayreuth, 27. Juli.
V. Siegfried.
Nack) dem matten Rheingolb, der ungleichen Walkürenvor- ■ Heilung, erhob fich der Siegfried zu einer gewissen Höhe. Es wird micht leicht, einer Darstellung, die unsere besten Wagnersänger terreinigt, etwas Schlechtes nachzusagen. Es erscheint als eine Undankbarkeit, daß im Großen und Ganzen Wohlgelungene zu jerpflücken. Aber es ist dock) traurig, daß dieses mit größter Sorgfalt Gestaltete einer eingehenderen Kritik nicht standhalten kann. Burgstaller — man pflegte einst zu sagen: „der" Siegfried. Nun ja, prachtvoll in Gestalt und Aussehen ist er. 'lud> natürliche Herzlichkeit ist ihm eigen, und man könnte seine Darstellung poetisck) nennen, wenn er nicht allzu „graziös" märe. Sber wenn dieser starke Prachtkerl zu singen anfängt und nun die fünfte Stimme eines wohlerzogenen Knaben laut bezw. leise wird, bum kann man sich einer Enttäuschung nicht erwehren. Dazu fommt nod) eins: eine höchst verdächtige Abhängigkeit von dem Kapellmeister. Der das Fürchten nicht lernt, starrt angstvoll ton feiner Schmiedearbeit weg auf den Stab des Dirigenten. Zu jiber Note wartet er erst dessen allerhöchste Genehmigung ab, mb feine Aengsttichkeit überträgt fich auf den Hörer. Ist das nod) Bayreuth — jenes Kunstland, in dem das technifch-mufika- Vische das Selbstverständlid)e, das Vorausgesetzte ist? Beginnt ^.icht dann erst BayreMh? Man glaubt es so . . . man glaubte »cs. Freilich hat die Ünsickferheit Bnrgstallers noch einen anderen •frunb, er traut seiner Stimme nicht Zuweilen gehordst fte unb ss^richt auch in ber Höhe frei unb leicht an, dann aber mißlingt ricber anderes ober die Intonation ist Takte hindurch nicht in Lrdnung. Unb doch hob sich Burgstallers Leistung gegen den Schluß zu einiger Bedeutung. ©00mer zeigte auch wieder er- Feulid);* Fortschritte vom Walkürenwotan zum Wanderer. Lagt cud) seine Darstellung heute nod) so wenig individuelle Zuge sthen, daß man nicht weiß, ob er ober ein anderer hinter dem großen Bart steckt, so entfalteten fick) doch die ©tonmittel immer schöner unb freier. Herr Dawif 0 n , der den ersten Alberich w gründlich verdorben hatte, machte heute and) einen befieren Umdruck. Die charakteristischen Alberidstöne hat er nun mal nid).. Breuers berühmter Mime ist eine fein durchgearbeitett Leistung, bie vielleicht nur rein stimmlich nachgelassen hat. Prächtig fang Karl Braun den wehmütigen Wurm Fafner. 5^au (yu 5r a n f f 0 n 5 Brunhilde war die reifste Leistung, wahrlich nicht b;e reizvollste. Dafür gibt i;e aber den mülikal^ch-dramatstchen Gehalt in meisterhafter Weise wieder. ~ . <
Schließlich sei auch des Waldvögleins von lyraulem tfrieba Lempe 1 mit Anerkennung gedacht, lieber den Gesamtemdruck
der diesjährigen Festspiele wird nach der morgigen Götterdämmerung noch einiges zu sagen sein.
Bayreuth, 28. Juli.
VI. Götterdämmerung.
Die Aufführung der Götterdämmerung hat das Niveau der anberen Ringabende nicht sonderlich erhöht. Alois Burgstaller blieb der sympathische, aber allzu ängstliche Siegfried, dessen sttmmliche Qualität durch häufiges Detonieren stark beein- träd)tigt war. Ellen Gulbranssons Brunhilde ist eine groß angelegte Stiftung, die mit Kraft und Temperament durchge- sührt, lebhafte Anerkennung verdient. Ihr Organ hielt den gewaltigen Anstrengungen fast bis zum Schluß Stand. Leider hat die Stimme viel von ihrem einstigen Reiz eingebüßt. Richard M a y r (Wien) gab einen gewaltigen, wenn auch in der Erscheinung nicht sehr glaubhaften Hagen. Max Dawison, der alles verdarb, was er anpackte, fang bie Nachtwachenszene in Grund unb Boden. Nicht die leiseste Erinnerung mehr an Fritz Friederichs, der diese wundervolle Episode aud) stimmlich ganz in Nebel und Gel-eimnis hüllte. Außerordentlich vielseitig betätigte fich Adrienne von Kraus-Osborne, die neben ber ausgezeichnet durchgeführten Waltraute die zweite Norn und die dritte Wnltraute fang. Tie Damen Frieda Hempel unb Hermine Kittel vervollständigten die beiden Dreigestime. Rudolf Berger und Frau Rüsche-Endors repräsentierten mit Erfolg das Geschwisterpaar Gunther unb Guntrune.
So kam denn der erste Zyklus ber biesjährigen Festspiele zu glücklichem Ende, ohne freilich allgemeine Befriedigung geerntet zu haben. So Schönes im Einzelnen wieder geboten wurde, so hoch die Vorstellungen im ganzen standen, das was man von Bayreuth erwartet, erwarten darf, wurde nicht geboten. Einzig bet erste Akt des Parsifal zeigte in seiner Gesamtdarstellung die Höhe des einstigen Bayreuth — eine Größe der Stimmung unb bes Ausbrucks, baß kritische Gedanken nicht auf kamen. Ganz im Gegensatz dazu verließ man bie Ningvorstellung oft mit einer gewissen Verstimmung, währenb man fich doch sagen mußte, baß biefe und feine Leistung ausgezeichnet waren. Es wurde allmählich klar, daß Siegfried Wagner — so respektabel seine Fähigkeiten finj> — nickst, ober noch nicht, der Mann ist, ein künstlerisches Unternehmen zu leiten, das nur bann Existenzberechtigung hat, wenn es Vollendetes leistet. Solange die Auswahl der Sänger von äußeren Wcksicksten aller Art beeinträchtigt wird, dürfte es freilid) kaum anders werden. Diesmal war Ernst Kraus in Ungnade gefallen und an feiner statt ber Newyorker ParfifaU Burgstaller wieder in Gnaden aufgenommen rooroen. lieber bie künstlerischen Qualitäten dieser zwei Heldentenöre wird man sich auä m Wahnfried nicht im Untieren fein. M such aber andere
Gründe maßgebend. Wie unbedenklich man ist, zeigt das Engagement Dawisons. Ließ Siegfried Wagner in ber Auswahl ber Sänger Sachlichkeit unb vielleicht auch höchste Einsicht vermissen, so zeigt er als Regisseur auch nicht bie ganz große „Form", bie: für Bayreuth nötig ist. Es spielte im wesentlichen jeher, wie er es zu Hause gewöhnt ist. Das Arrangement steht ja bei Wagner unveränberlich fest. Tie Aufgabe des Regisseurs ist also nur auf bie Verbeutlichung unb Vertiefung ber bramatischen Akzente beschränkt. Ein Felb, das freilich groß genug ist, um auch hier Bcbeutsames äu leisten. Ganz zweifellos sind bie Opernregisseure in Berlin und München in biesem Punkte, der ja auch sehr uieL technische Erfahrung voraussetzt, Siegfried Wagner überlegen. So ist zu fürchten, daß Bayreuths Bedeutung schwere» Einbuße erleiden wird. Selbst bie Mitwirkung so außerorbentlicher Dirigenten wie Richter und Muck wird baran nicht viel änbern können. Sie schufen mit dem prächtigen Orchester Wundervolles, unb es ist nur zu wünschen, daß diese Freunde Bayreuth treu bleiben, s.
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* Anzengrubers erster T Heatere r so l g. 3m! ersten Auyustheft ber Berliner Neuen Revue veröffentlicht Alsreb Klaar Erinnerungen an Anzengruber, in denen er u. a- mitteilt, wie fich der Dichter einmal in einem Gespräch mit ihm über seinen ersten großen Erfolg, den „Pfarrer von Kirchfeld" äußerte. „Vierzehn Stücke", so ungefähr erzählte er, „hatte ich ohne Erfolg bei größeren Bühnen eingereicht, als ich cs endlich mit dem „Pfarrer" wagte. Ten Namen Anzengruber hielt ich schon für so diskreditiert in den größeren T Hutter kanzle in, baß ich, um nicht von vornherein als Ueberläfhger abgewiesen zu iverden, auf mein altes Pseudonym aus meiner Komöbianten- zeit L. Gruber zurückgriff, zugleich aber war ich diesmal so überzeugt, daß ich endlich durchbringen müsse, und andererseits so ungeduldig, das Ziel enblid zu erreichen, daß ich das Stück gar nicht zu Ende schrieb und die ersten drei Akte ohne den Schluß einreichte. Ich sagte mir: wenn sie die drei Akte lesen, so werben sie mich drängen, den vierten zu schreiben. Und diesmal trog bie Erwartung nicht. Man ries mich in bie Kanzlei und verlangte eifrig den Schluß. Der vierte Akt ist bann in großer Hast mit Zuhilfenahme der Nächte entstanden." Mit dramatischer Lebhafttgkeit erzählte der Dichter von diesem jähen Sck)icksals- wechsel: gestern noch ein gefürchteter Supplikant bei den Bühnenleitern und Dramaturgen, war er heute der gesuchte Autor, den man ungeduldig zum Schaffen antrieb unb der bie Ergänzung seines Manuskrip.s — wie Mozart die Ouvertüre zum „Ton Juan" — nock) naß von Der -Lime, dem Theater liefern mußte. Mer es war feine Glückswendung im Hasardspiel des Lebens,! sondern die Sieg bewußt angespannter Tatkraft.


