Ausgabe 
27.4.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 98

Erscheint tSgNch mit Ausnahme be3 Sonntag».

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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Untversitäts - Buch- und Sremdruckeret. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Scbuk- straße 7. Expedition und Verlag: e^S)6L Redaktion:S-ZA112. Tei.-AdruAnzeigerGreßen«

Deutsches Neßch.

Besuch des Königs von Schweden. Wie in chwedischen Hofkreisen oerlöutet, wird König Gustav voraus- sichtlich Ende Mai zum osfiziellen Besuch des deutschen Kaisers eintreffen.

Die Freisinnigen in Breslau lehnten cs ab, Pgen sozialdemokratische Unterstützung des freisinnigen Kan­didaten em Landtagsmandat an die Sozialdemokratie abzu- zntreten. Der Freisinn stellt 3 Beamte als Kandidaten auf.

DreGiehener FamMendlStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsblatl für den Kreis Glehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich aroeunaL

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Ausland.

Kardinal Partanovo ist in Rom am Hirnschlag ver- ltorben.

Beaniteukandidatiiren. Der französische Minister- rot befaßte sich mit der Frage der Beamtenkandida- ruren für die bevorstehenden Wahlen. Es wurde be- Ohlossen, eine Verfügung zu erlassen, daß jeder Beamte, welcher seine Kaiididatur aufstetlen will, von der Regierung hierzu die Erlaubnis einholen müsse.

Aus Portiigal. Die gestrige Totennresse für ^önig Carlos, an der die Königin-Witwe und der junge ftönig teilnahmen, verlief ohne Zwischenfall.

Der König und die Königin von England sowie die Prinzessin Viktoria sind gestern nachmittag in Stock­holm eingetroffen.

Aus Buenos Aires melden die Blätter, daß im 5taot Santiago de Este.ro eine revolutionäre Be- ivegung ausgebrochen sei. Dec Gouverneur und die Minister seien gefangen genommen und ihrer Aemter entsetzt worden, ks habe mehrere Tote und Verivundete gegeben^

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Kationalliberaier Parteitag für preutzen.

S. u. H. Magdeburg, 26. April.

Der nationalliberale Parteitag für Preußen, aus dessen TageZ- orbnung die Stellung nahmezudenLandtagslvah len u b Festsetzung des Wahlaufrufs steht, und dessen ^Handlungen man aus diesem Grunde in polllifchen Kreisen it besonderem Interesse entgegensah, trat heute hier unter außer­ordentlich zahlreicher Beteiligung von Vertretern der national- hlcraleit Parteiorganisationen aus der ganzen Monarchie zusam- «m. Die Verhandlungen wurden am gestrigen Abend durch eine Begrüßungsfeier imFürstenhof" eingeleitet, bei der Ge­neralsekretär B r a u m a n n (Magdeburg) die Delegierten durch nien schwungvollen Prolog und der Vorsitzende des Magdeburger Lttionalliberalen Vereins Fabrikbesitzer Bartels durch eine Slstrede willkommen hieß, in deren Verlauf er u. a. ausführte: -ur wenige Wochen trennen uns von dem Tage, an dem es Vierern Kaiser vergönnt ist, 20 Jahre lang das Zepter des tätigen Deutschen Reiches in Frieden und Segen zu führen. Nit einer gewissen Besorgnis sah man in Deutschland, in der mnzen Welt auf ihn, als er noch jung an Jahren, zu dieser ideiantwortlichcn Stellung emporstieg. Glaubte man doch, der oirhm der Ahnen würde ihn verleiten, den Versuch zu machen, ; 1 e? ihnen gleich zu tun. Manche seiner Reden und Aussprüche ließen !Zdns auch vermuten. Aber wie hat er cs verstanden, alle diese Äliorgnisse zu zerstreuen. Wohl hielt er Deutschlands Wehr wi) Waffen stark, wohl war er in unermüdlicher Tätigkeit be- l^bt, Deutschlands Rüstung zu Lande und zu Wasser lückenlos «u. machen, aber entschlossen wies er jede Versuchung von sich, zu ^vlissszwecken davon Gebrauch zu machen. Rur wo Deutfch- -a^ds.Ehre gefährdet war, durste das Schwert gezogen werden, n durch deutsche Hiebe zu beweisen, daß der Geist der Vater ,>ii den Sühnen nicht erstorben war. So ist denn unter Stauer »"..^Dobcnskaiser gewesen, unter dessen Regierung Land und sich weiter gedeihlich entwickelt haben. Gerade wir hier !lt einem Mittelpunkt der Industrie und des vandels rotiien aca Frieden zu schätzen. Lassen Sic uns auch heute unseres tchabenen Herrschers gedenken, lassen Sie uns ihm danken für

Dar Licht-Luftbad.

Die Zukunft wird schließlich dem Volke gehören, das sich körperlich am widerstandsfähigsten und damit am wehrfähigsten erhält. Wer deshalb dafür kämpft, den Massen Leben und Gesundheit zu erhalten, kämpft für die Stärke und Zukunft unseres Vaterlandes."

Graf Posadoivsky.

In einem Kreise von Männern, deren Absicht es ist, gemein­nützige Bestrebungen zu fördern, wurde in diesem Frühjahre u. a. die Bewegung besprochen, die sich erfreulicherweise nur dem Ge­biete der öffentlichen Gesundheitspflege in unserem Vaterlande Bahn gebrochen hat. Indem man den außerordentlichen Nutzen der Bewegung in freier Luft und die Abhärtung betonte, wurde auch besonders die große Bedeutung regelmäßig genommener Luft­bäder hervorgehoben und darauf hingewiefen, daß die Erkenntnis des Nutzens solcher Bäder sich auch in vielen Schichten der Be­völkerung verbreitet hat. So erklärt cs sich, daß in Deutschland bereits alle größeren und viele Mitielstädte diese Einrichtung getroffen haben: ja sogar eine nicht unbeträchtliche Zahl von Städten, die zum Teil an Einwohnerzahl weit hinter Gießen zurüüstehen, ist zur Einrichtung dieser die Gesundheit so außer­ordentlich fördernden Anstalten geschritten iz. B. Darmstadt, Mainz, Offenbach, Fulda, Marburg). In manchen Städten sind sogar die Führer dieser Bestrebungen von den städtischen Behörden unter­stützt worden. Natürlich blieb auch die Frage nicht aus:Warum besitzen wir in Gießen noch kein öffentliaies Licht-Luftbad? Sollte es sich nicht auch hier verwirklick-en lassen?"

Zwei Mitglieder der Versammlung wurden nun beauftragt, an maßgebender Stelle ein ärztliches Gutachten über den Nutzen des Luftbades einzuholen. Ta es angesichts der Wichtigkeit der Sache jedenfalls interessieren wird, die Ansichten eines hervor­ragenden Fachmannes kennen zu lernen, übergeben wir hiermit das uns von dem Universitätsprofessor Herrn Dr. Jesionek, hier, in dankenswerter Weise zugesandte Schreiben der Ocffentlichkeit.

Wir sind überzeugt, daß alle Leser sich dem Herrn Verfasser der nachfolgenden Ausführungen zum wärmsten Danke verpflichtet fühlen werden.

Meine Herren!

Sic haben an mich die Anfrage gerichtet, wie ich als Arzt über den Wert und Nutzen der Luft- und Sonnenbäder denke.

Als Spezialarzt für Hautkrankheiten habe ich mich seit Jahren mit dem Studium der Lichtwirkungen auf die menschliche Haut beschäftigt, infolgedessen bin ich für alle diejenigen Bestrebungen tioreingeitommen, welche darauf ausgehen, das Licht, die direkten und indirekten Strahlen der Sonne, zum Nutzen des mensck)- lichen Körpers in Verwertung zu ziehen. Daß das Licht auf die gesamte belebte Natur einen gewaltigen Einfluß ausübt, und daß das Leben und die Gesundheit des menschlichen Organismus vom Lichte abhängig ist, ist eine altbekannte Erfahrungstatsache. Tie wissenschaftliche Forschung hat sich erst im Laufe Der letzten Zeit damit beschäftigt, die Lichtbeziehungen der physiologischen und pathologischen Zustände des menschlichen Lebens eingehend zu ergründen. Die verschiedenartigen Untersuchungen auf diesem Ge­biete sind noch keineswegs abgeschlossen. Gleichwohl ergibt sich aus den bisherigen Resultaten derLichtforschung" die Erkennt­nis, daß eine reichliche Zufuhr von Licht, von Sonnenlicht und diffusem Tageslicht, wie sie das Luft- und Sonnenbad für die. ganze Körperoberfläche ermöglicht, dem Menschen zur Erhaltung und zur Förderung der Gesundheit notwendig ist, und daß die im Kampf ums Dasein vielfach darniederliegenden Lebensvorgänge durch ausgiebige Einwirkungen des Lichtes in günstigem Sinne beeinflußt werden können.

Die meisten Pflanzen und Tiere bedürfen zu ihrem Leben nicht nur einer gewissen Wärme der umgebenden Temperatur, sie benötigen, um sich zu entwickeln, um zu wachsen und zu ge­deihen, in nicht geringem Umfange des Lichtes. Dagegen wirkt das Licht auf die schlimmsten Feinde der menschlichen Gesundheit, auf die Bakterien, schädigend und tötend. Die Sonne bet itzt eine desinfizierende Kraft. Das Sonnenlicht ist für den Menschen das wertvollste und dabei das bllligste Mittel, welches ihm in der Bekämpfung der parasitären Krankheitserreger zur Verfügung ficht.

Wer auch abgesehen von der Vernichtung der Bakterien durch das Licht und von dem heilenden Einflüsse der Lichtstrahlen auf beiiimmte Infektionskrankheiten, kommt dem Lichte die Eigen- fu;aft zu, dort wo es häufig und reichlich auf unserer Körperober- stbacye einzuwirken Gelegenheit findet, das im Körper kreisende Blut in etner Weise zu beeinflussen, welche für die Erhaltung unierer Gefundheit und zur Kräftigung unserer Widerstandsfähig- keck zweckmäßig ist. Unter der Einwirkung des Lichtes erweitern jcch ine Blutgefäße der Haut, eine reichlichere Menge Blutes durch-

die Segnungen, die seine Regierung uns vermittelt hat, lassen Sie uns ihm noch eine lange friedliche Regierung wünschen zum Nutzen und Segen unseres geliebten Vaterlandes." In das Hoch auf Kaiser WÜhelm denFriedfertigen" stimmte die Ver­sammlung begeistert ein.

Hierauf nahm, mit großem Beifall begrüßt, Reichstagsabg. B a f s e r m a n n das Wort: Die preußischen Landtagswahlen haben für ganz Deutschland hohe Bedeutung. Die bevorstehenden Neu­wahlen vollziehen sich unter glücklichen politischen Auspizien. War es doch dem Liberalismus vergönnt, in der letzten Tagung dcs Reichstages Erfolge zu erzielen innerhalb der Blockpolitik, unter der heute unser politisches Leben im Reiche steht. Das sind die ersten ©rfotge einer .neuen Aera, eine neue Phase deutscher innerer Politik. Es ist damit eine Periode abgeschlossen, in der Zentrum Trumpf war. (Zustimmung.) Diese Periode hat stei­gendes Mißbehagen erzeugt in den Kreisen aller national den­kenden Männer, und oft haben wir zähneknirschend angekämpft gegen die Verhältnisse, wie sie wurden feit 1893, ohne daß uns bei den Wahlen ein Erfolg beschieden war. Die Tatsache, daß der Eigenwille und der Uebermut des Zentrums immer mehr an­schwoll, dank der Möglichkeit, nach rechts und links Kompromisse zu schließen, auch mit der Sozialdemokratie nach der negativen Seite hin, brachte aber das Faß zum Ueberlausen. Der Kanzler wagte den Kampf, was ihm als historisches Verdienst angerechnet werden wird. (Lebh. Beifall.) Er war optimistischer alö die Führer der Parteien; das Wagnis war nicht gering. Die stärkften Organisationen haben nun einmal Zentrum und Sozialdemokratie. Wir können daher dem Fürsten Bülow nur dankbar fein und ebenso dem deutschen Volke, das, vor die Ent­scheidung gestellt, nicht versagt hat. (Beifall.) Es gelang, auch den radikalen Freisinn und die Konservativen zusammenzuführen zum gemeinsamen Kampf so intensiv, daß die Stoßkraft vor­handen war, um den Sieg zu erringen; das ist eine Mahnung für die Zukunft. Wir haben den Sieg errungen nicht gegenüber dem Zentrum, sondern der Sozialdemokratie. Es lvird einer Reihe von Siegen bedürfen, um den deutschen Arbeiter zurück- zusühren auf den Boden des nationalen Staats und der bürger­lichen Klassen. Aber der Uebermut der Sozialdenwkratie ist gebrochen. Der Glauben an der aussteigenden Linie der Sozial­demokratie ist erschüttert, und damit die Grundlage gegeben für künftige Siege. Ein zweites Verdienst das Reichskanzlers ist, daß der Einfluß des Zentrums gebrochen ist, ohne dessen Stempel kein Gesetz verabschiedet werden konnte. Schließlich ist das Reichs- Politik, aber preußische und Reichspolitik kann nicht getrennt werden. (Lebh. Zustimmung.) Im Reich müssen wir noch das Finanzelend beseitigen. Hoffentlich wächst in allen Schattierungen der Konservativen und Nationalliberalen das Verständnis für die Notwendigkeit, auch hier zu einer Verständigung zu kommen. Auch in Preußen steht man vor wichtigen Ausgaben. Es wird der vollen Pflichttreue der nationalliberalen Partei be­dürfen, um bei den Neuwahlen unsere Fahne zum Siege zu führen. Man schimpft häufig auf Preußens reaktionäre Politik, besonders bei uns im Süden. Wir sehen aber in Bayern, wie in Württemberg und Baden ein ständiges Anwachsen des ultramontanen Einflusses. Der Liberalismus ist überall in der Desensive und es bedarf der energischen Tätigkeit, um uns dort eine einigermaßen in die Wagschale fallende Stellung zu er­halten. $8 aff er mann be'cnt nochmals die Wichtigkeit der preußischen Wahlen über die Grenzen Preußens hinaus und ihre Rückwirkung auf die späteren Reichstagswahlen. Daher , ist c§' nötig, alle Kräfte einzusetzen. Die Reichstagsfraktion sei er­füllt von Anerkennung für die mühsame und konsequente Arbeit der nationalliberalen Fraktion des Abgeordnetenhauses, die unter bewährten Führern in Schul- und Kultursragen eine führende Stellung eingenommen hat. (Lebh. Beifall.) Hoffen wir,, daß bei den Neuwahlen der nationalliberalen Partei Erfolge beschie­den fein mögen. Treten Sie überall mit ganzer Energie in den Wahlkampf, jeder einzelne sei auf dem Posten, dann wird der Er­folg nicht ausblciben. (Lebh. Beifall.) Mit einem begeistert auf genommenen Hoch auf die nationalliberale Partei Preußens schloß der Redner.

Zu der heutigen H a u p t v e r s a m m l u n g , die in denNa- tionalfestfälen" tagte, wurde folgender Wahlaufruf der Na - tion aHiberalen Partei für die preußischen Landtags- Wahlen zur Beschlußfassung vorgelegt:Der Preußische Staat steht an einem Wendepunkte. Ein allmähliches Fortschreiten im freiheitlichen Sinne bahnt sich an. Die nationalliberale Partei hat maßgebenden Anteil an den Errungenschaften im Reiche. Sie ist timnen und gewillt, auch in Preußen im politischen Kampfe die Führung zu übernehmen. Ihre Grundsätze sind hier wie dort die gleichen: Dem nationalen Gesichtspunkt bedingungslos den Vorrang vor allen anderen Rücksichten einzuräumen. In der Wirtschaftspolitik nicht einseitigen Interessen zu dienen, sondern den Ausgleich aller Interessen anzustreben. lieber den wirt- chaftlichen und materiellen Fragen die geistigen und ideellen nicht zu vernachlässigen nicht mit hochtönenden Schlagworten und leeren Demonstrationen einer wohlfeilen Popularität nach­zujagen, sondern durch ausführbare Vorschläge und Maßnahmen greifbare Erfolge zu erzielen. So werden wir wie bisher für alles eintreten, was der großpoluifchen Gefahr gegenüber nottut. Wir wollen Frieden mit unseren polnischen Mitbürgern. Ist der Frieden aber nicht anders als durch Kampf zu erreichen, o werden wir auch weiterhin die Mittel bewilligen, die zur kraftvollen und nachhaltigen Durchführung einer nationalen Po­litik in den Ostmarken erforderlich sind. Daß Landwirtschaft, Gewerbe und Handel, Groß-, Mittel- und Kleinbetriebe, Arbeit­geber und Arbeitnehmer, Beamte und Bevölkerung nicht feind­liche Gegensätze darstellen, sondern aufeinander angewiesen sind, um im Austausch ihrer Leistungen und im Zusammenwirken ihrer Kräfte für sich und für die Gesamtheit das Beste zu erringen an dieser so oft von uns geäußerten und ^betätigten Ucbcricugung halten wir fest. Niemals darf im Wettbewerb der wirtschaftlichen Kräfte außer acht gelassen werden, daß eine Gemeinsamkeit der Interessen die Grundlage des nationalen Wirt- chastslebens bildet. Diese Gemeinsamkeit der Interessen ver­langt indes auch, daß den schwächeren Tellen durch die All­gemeinheit zu Hllfe gekommen wird. Hieraus ergibt sich die Verpflichtung zu einer kraftvollen und tief greifenden Sozial­politik, die sich jedoch nicht auf die Arbeiter beschränken darf, ondern auch den Mittelstand, die öffenllichen und die Privat- bcamten umfassen muß. Doch darf sie nicht die Grenzen über­schreiten, die jeder Sozialpolitik durch die notwendige Erhaltung unserer Leistungssäbigleit im wirtschafllichcn Wettkampf der Völ­ker und durch die Wahrung der berechtigten Interessen auch der Arbeitgeber gezogen sind. Auch in diesem Wettkampf fällt der Sieg schließlich dem geistig am höchsten stehenden Volke zu.

aus diesem Grunde müssen wir für alles eintreten, was die Volksbildung fördert. Das geistige Leben eines Volkes be­darf aber vor allem der Freihell. Darum verlangen wir Freihell im Denken und Glauben, im wissenschaftlichen Forschen und dem künstlerischen Schaffen, Duldsamkeit für jede Richtung, die auf sittlicher Grundlage beruht. Insbesondere fordern wir Den vollen staatlichen Schutz der Lehrtätigkeit für die Mitglieder unserer theologischen Fakultäten beiderlei Konfessionen und die unbeschränkt gleiche Anerkennung aller wissenschaftlichen Richtungen der Theo­logie. Auch die Volksschule bedarf der Freiheit. Wir wollen keineswegs die Zteligion aus der Schule verdrängen, oder die

geistliche Schulaufsicht beseitigen, die weder der Schute noch der Kirche selbst frommt. Wir wollen ferner die Aufsicht des Staates nicht ausschalten, aber ihr feste und t(a;c, unter dem Schutz des Rechts gestellte Grenzen ziehen gegenüber der Selbstverwaltung der Gemeinde. Wir wollen auch unsere Schule und ihre Lehrer befreien von der materiellen Not, unter der sie gegenwärtig leiden, und durch einen gerechten Ausgleich der Schullasten zumal der Bedrängnis der Landschulen und der Landschullehrer steuern und der Landflucht der Lehrer entgegenwirkcn. Die Neuregelung unseres Mädchenschulwesens, das bisher auf unzureichender Grund­lage beruht und große und besonders strebsame Teile unseres Volkes der notwendigen Förderung entbehren läßt, darf nicht länger verzögert werden. Gleich den Lehrern müssen die Geistlichen und Staatsbeamten endlich der dringend notwendigen Gehaltsaufbesserung teilhaftig werden. Die hierzu erforderlichen Mittel müssen beschafft werden. Unnötige und unproduktive Aus­gaben sind zu vermeiden; auf größere Sparsamkeit ist in allen Zweigen der Staatsverwaltung Bedacht zu nehmen. Für ein dringendes Erfordernis erachten wir die Reorganisation der ge­samten staatlichen Verwaltung. Es gilt, das Verfahren unserer Behörden zu vereinfachen und entsprechend den Bedürfnissen ocr Bevölkerung zeitgemäß umzugestalten. Nachdrücklich fordern wir die schleunige Inangriffnahme der Reform des preußischen Landtagswahlrechts. Von der Einführung des Neichstagswahl- rechts ist abgesehen. Die Reform hat den veränderten tatsächlichen Zuständen und dem Rechtsbcwußtseiu unserer Zell zu entsprechen. Deshalb verlangen wir eine Neueinteilung der Wahlkreise, die jedoch nicht einseitig die Bevölkerungszifser berücksichtigen darf, sondern der gefchichtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Be­deutung der verschiedenen Landesteile und Bevülkerungsschichten Rechnung zu tragen hat. Wir verlangen bei der Bemessung des Wahlrechts des einzelnen Bürgers neben der Bewertung der Steuerleistung die Heranziehung ideeller Momente, die den Wert der Einzelpersönlichkeiten für den Staat bestimmen. Wir wollen endlich, um dem Wähler zu ermöglichen, daß ihm anvertraute Wahlrecht frei und uneingeschränkt auszuüben, die indirekte durch direkte und die öffentliche Stimmabgabe durch die geheime er­setzen. Wähler! In bedeutungsvoller Stunde treten wir vor Euch. In Euren Händen liegt Euer Schicksal! Die Verfassung hat Euch das Recht gegeben, durch die Wahlen zur Volksvertretung mitzuwirken an der geschichtlichen Entwickelung unseres Vater­landes. Bei einem politisch mündigen Volke wird dieses Recht auch ohne gesetzlichen Zwang zur Pflicht. Angesichts des Ernstes der Zeit rufen wir Euch zu: Seid Euch Eurer Verant­wortung bewußt! Tut Eure Pflicht!"

Solrtrsche Tagesscharr.

Die innerpolilische Lage m Oesterreich.

Die Frage der Besetzung des St art halterpoftens }.n GallKien fall entschieden sein. Die Regierung hat sich im Einverständnis mit dem Polenklub für die Ernennung des Ge­heimrats Dr Bvbr zy ns ki entschieden. Von allen bisher ge­nannten Kandidaten ist Bvbrzynski der ärgste Gegner der Ruthenen.- Der deutsche Landsinannminister Peschka hat bei dem Ministerpräsidenten Freiherrn von Beck BeMverde erhoben wegen der neuesten tschechischen Vor- stöße in Böhmen und insbesondere wegen der geietzwidrig'm Einführung ber inneren tschechischen Amtssprache bei den Ge­richts- und Postbehörden in Böhmen. Dieser ungewöhnliche Schritt, den Peschka im Namen der deritschcn Parteien unter» iwmnten hat, kennzeichnest mehr a!5 alles andere die kritische mnerpvlitiickie Lage, die das Parlament "bei seinem Zusammen­tritt am 30. April Dvrfinden wird.

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Neber den -erfisch-rusfischen Zwischenfall.

Persische 9chmadenstämme überfielen an der persisch-russ Grenze einige russische Untertanen und mißhandelten sie. Darauf rückte eine Abteilung rilssisches Militär gegen die Ausrnyccr vor, wobei ein Offizier und mehrere Soldaten getötet wurden Die Rufsen über,ck-ritten dann die persische Grenze und ver- irannten das Zollhaus. Dabei sollen angeblich 200Per- sonen getötet worden sein. Auf die Vorstellung des russ Ministers des Aenßern befahl der Sckuah die Entsendung von 400 Reitern.

Die Unruhen an der indischen Grenze.

Die Stamme an der iiidifch-a,ghaiii,a)en Grenze organisieren eme weitreichende Bewegung gegen die Englän- der. Sie besitzen einen guten Transportdienst, durch den ihnen Proviant, Munllion und GeL rcickstich zugeführt iverben. Es ist offenbar, daß ein den Stammeshäuptlingen geistig lveit Überlegener Fül/rer den Feldzug leitet. Die Aiohmands erhalten fortdauernd Zuzug aus dem afghanischen Gebiet. Sie stehen den Streilkräften Sir James Willcocks, die eine 25 Kilometer bmge Linie von Michni am Kabulsluß bis Aöazai am Sw'at entnehmen, unmittelbar gegenüber. Am Tage hält die eng­lische Artillerie den Feind im Schach, doch nachts besteht fort- wähvend die Gefahr eines Durchbruchs durch die engli,chen Lmien Die Ankunft von Verstärkungen wird daher sehiilichst erwartet. Wad? spateren Meldungen sollen die 9Nohmands, deren Dertufte auf 240400 Mann geschätzt werden, ihre bisherigen Stellungen geräumt haben. Die britischen Verluste in dem Gefecht gegen die Aiohmands am 24. April werden amtlich bekannt gegeben. Sieben Mann wurden getötet, vier Offiziere und 28 Mann wurden schwer und 19 Mann leicht verwundet

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Zweites Blatt L38. Jahrgang Montag 27. April W08

Gießener Anzeiger General-Anzeiger für Gberhchen