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27.3.1908 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Freitag 37. März 19081

158. Jahrgang

Nr. 74

Der Siebener Anzeiger erschein» täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich tötcSenctSaminenl'lfltler; zweimal rvöcbentl.Ureks- blattfürdenttreiLSiehen (Dtenstag und Freitag); zweimal monatl. Land- wkrischastlicheSeilftagen Ferniprech - Anschlüffe: für die Redaktion 113, Verlag u. ErveVttion 51 Sldrelie tüt Depeschen:

Unzetger Gießen.

Annahme von Anzeige« tut die Tagesuummer bi6 oormtttags 10 Uhr.

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r^ÜF ua monatlich 75 Pf., viertel»^

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Verantwortlich

General-Anzeiger für Oberheffen W§W

' i f u.Land" undGerichts»

Kotafionsörud und Verlag der vrül>I'jchen Univnvuch- und S7:!ndruckerel. 8. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Lchnlftrade r. !"al": 'S- t>e6; fürj>en

1 ** Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umfatzt 14 Seiten.

So erfüllt die Sanitätskolonne für den Frieden, Aufgaben, die scllschasten als besonderes Ziel tätskolonne erfüllt aber diese und unverfänglicher Weise, so

Kleine K u n st ch r o n i k. Aus Petersburg wird uns gemeldet: Infolge einer Aufforderung von hoher Seite verzichtete der Dichlor-Graf Tolstoi auf die öffentliche b e t e r seines 8 0. Geburtstages. In Worms hält z. Z. der cand. phil. Sllbert tausch aus Gießen bezw. Friedberg Vorträge über den Dichter Stefan George.

Die SanrLätstolouncn.

Ueber die gemcinnüljigen Bestrebungen der Sanitätskolonnen und ihre Segen spendende Wirksamkeit in Stadt und Land (auch wir in Gießen haben eine solche, die sich leider noch nicht der genügenden Unterstützung weiterer Streife er freut) ist man noch vielfach völlig int Unklaren. Es sei daher. folgendes aus einer Ansprache mitgeteilt, die gelegent­lich einer Besichtigung der Kolonnen des Unterwesterwaldkreises der Kreisinspettor Dr. Gerwin hielt.

KoLrtr-che

Eine bedeutsame Wahlrechtserckärung gab gestern mittag der Staatsrninisicr Frhr. v. Gevekot ein­gangs einer leidenschaftlichen Debatte über die Reform des Wahlgesetzes ab. Ueber diese Reform bestand bisher Streit zwischen der liberalen Mehrheit des Landtages einer­seits und der Negierung und den Konservativen andererseits. Tie vereinigten Liberalen drohten mit Obstruktion und Lahm­legung der Landesgeselggcbung, wenn ihren Wünschen nicht entsprochen würde. Darauf erklärte der Minister heute: Die Regierung sei bereit, den politischen Einfluß der breiten Massen des Boltes zu vergrößern unb zwar, weit die dritte Wähler- llasse eine so außerordentlich große Zahl von Angehörigen,

und Erfolg rechnen kann. Mindestens aber bildet die Sani­tätskolonne ein Glied in der Kette Derjenigen. Einrichtungen, die unablässig tätig sind, die Ehre unseres Volkes zu wahren, die Humanitären Bestrebungen zu fördern, unser Volksleben zu reinigen von den verderbenbringenden Ausartungen, den Ge- meinsinn zu beleben und alle nationalen Zwecke zu fördern und indem sie die Ausübung der barmherzigen Nächftenliä>e lehrt,und betätigt, das Verständnis für das Vergnügen zu er­schließen, welches die Förderung des Wohles anderer in uns hervorruft.

Deutsches Resch.

Berlin, 26. März. Infolge einer Einladung der imt Jahre 1907 gegründeten deutsch-französischen Gesell­schaft kommen nach Ostern eine größere Anzahl f ra nzösischer

Die Kolonnen sind dazu bestimmt, in einem zukünftigen Kriege, die Verwundeten zu verbinden, zu transportieren und zu pflegen. Ferner wollen sie bei plützlicheri Unglücksfällen einen Notverband anlegen und Verletzte und plötzlich Erkrankte einem _ Kraukcuhause oder dem Heim zuführen. So

lelbswerständlich es uns erscheint, daß für die Ver­wundeten gesorgt wird, so ist es doch erst kurze Zeit

her, daß man überhaupt von offizieller Seite für sie sorgt.

Von dem Schlachtfelde bei Leipzig 1813 wurden noch am 7. Tage, wie ein Brief des Professors Neil an den Freiherrn v. Stein erzählt, Mannschaften eingebracht,deren unverwüst­liches Leben nicht durch Verwundung, noch durch Nachtfröste Md Hunger zerstörbar war".

Wenn ein Unglück sich ereignet, wenn ein Krieg ausbricht mit all seinem Elend und Jammer, bann, ja dann sind tau- lende Hände bereit, Hilfe zu leisten, Geldmittel zu spenden, bann sind Tausende bereit, selbst hinauszuziehen, um den Ver­wundeten Labung und Pflege zu bringen. Aber was hust alles Ungebot dort, wenn die Organisation fehlt und toenit vor allem bie Ausbildung in der Pflege Verwundeter und Kranker nicht gelernt und nicht geübt worden ist. Der Wille zu helfen, Ichasft dann oft nur das Gegenteil, er bringt den Verwundeten °)t Unheil. Was würde man dazu sagen, z. B. wenn jemand inte Blutung mit Auflegen von Spinngewebe stillen wollte, oder wenn man eine Wunde mit schmutzigem oder ungeeignetem berbandmaterial versorgen wollte, ober wenn man mit nicht icunirei gemachten Fingern eine Wunde berühren würbe, ober wenn man jemand mit einem Knochenbruch in ungeeigneter «Jetje aufheben und transportieren wollte und dabei die ge- orochenen Enden vielleicht durch die Bruchteile sich Hindin ch- dohren ließe. Diejenigen, die Hilfe leisten wollen, müssen sorg;

Berlin, 26. März. Tie K o m m i} j i o n des Reichs» tages für dasReiehsarbeiter-Schutzgesetz begann die Beratung bei dem § 15. Hierzu lag je ein Antrag der Sozial­demokraten, der 9lationa(liberalen und des Zentrums vor. Die zwei ersten Anträge werden abgelebt t. Angenommen wird der Zentrumsantrag, der als § 15 b bestimmen soll: Arbeitslohn und Gehalt ist, tvenn die Kündigungsfrist 14tägig ober kürzer, spätestens wöchentlich, wenn sie langer, monatlich zu zahlen. Bei Akkordarbeit itt, soweit nicht Berechnung für Wochenzeitabschnitte besteht, mindepens ein der vertvendeten Zeit entsprechender Lahn­betrag zu zahlen.

Wie verlautet, wird in Reichstagskreisen enoogen, nach dem Vorbilde Frankreichs und anderer Länder einen offi­ziellen V e r h a n d l u n g s b e r i ch t h e r a u s z u g e b e n und ihn der Presse zugänglich zu niachen. Der Reichskanzler, so glaubt dieKreuzztg.", steht solchen Vorschlägen, die schon früher gemacht worden sind, wohlwollend gegenüber.

Der Gesetzentwurf über den Automobil-Ver­kehr, der die Haftpflicht und auch die Chauffeur-Prüfung regelt, hat das Staatsmintsienum passiert. Von der preußischen Regierung sind Bedenken gegen ihn n t ch t erhoben worden, so baß der Ent­wurf bemnächst an den Bundesrat gelangen wirb. Unter biesen Umständen darf man damit rechnen, daß die Vorlage nach Ostern an den Reichstag geht.

Sürft Bülow über bie preMche Wahlrechtsreform.

(Aus der Reichetagssitzuitg vom 26. März..)

Der Reichstag zeigt wieder seine alte Gestalt. Der Kontakt mit der Oefsenllichkeit, der vier Tage lang unterbrochen war, ist wiederhergestellt unb von neuem strömt das niemals zu defi­nierende uitb doch von jedem gespürte Fluidum vom Haus zur Tribüne und von der Tribüne wieder zum Haus. Das hat derweil zweiGroße Tage" v.rloren; der Aussprache über die aus­wärtige Politik hat mit der Oeffentlichkeit auch der Elau unb der rechte Schwung gefehlt. Run scheint es doch, als ab noch eine Art Nachlese gehauen werden sollte. Zwar, die Erörterung über das Auswärtige ist bereits am Dienstag geschlossen worden. Aber auch über die innerpolitischen Probleme l-a^t sich zum Etat des Reichskanzlers allerlei sagen. Zumal ücriajiebene Resolutionen, die mit der Beratung dieses Etats verbunden sind, die preußische

sagt, auf gesundheitlichem und moralischem Gebiete hat sich schon die Entartung unseres Volkes in einer für manchen Einsich­tigen erschreckenden Weise angebahnt. Ja selbst auf dem Lande, das sonst mit Recht als der Gesundbrunnen des Volkes angesehen wurde, richten Ausschweifungen mehr und mehr unauslöschliches Unheil an. Da gilt es zu warnen und zu mahnen.

Und all diesen Aufgaben vermag der Arzt in den Sani­tätskolonnen gerecht zu werden. So bilden die Äanitätskolonnen gewissermaßen das Sprachrohr, vermittelst dessen sich der Arzt an die Bevölkerung wendet. Denn nicht gar selten wird am Wirtstische, bei der Arbeit und auch im Hanse über das in der Kolonne besprochene Thema verhandelt. Unb nicht bloß einzelne haben daran Nutzen, ja mancher, den Elternhaus nicht mehr in Schranken zu halten vermochte und der seinem Ar­beitgeber manchen Verdruß durch seine Führung gegeben hat, ist durch die Sanitätskolonne zu einem besseren, soliden unb damit zu einem manierlichen und tüchtigen Menschen geworben.

Das Kaiferpaar in Venedig.

Von der Monarchenbcgegnung in Venedig ist die Presse ber Dreibundstaaten hvchbefriebigt. Die Wiener Neue Freie Presse bespricht an leitender Stelle bie M o n a r ch e n b e g e g n n n g in Venedig unb bezeichnet sie als ein wichtiges politisches Ereignis, das insbesondere bett sicheren Beweis liefere, daß der Dreibund, ber in letzter Zeit ben Eindruck großer Schwächlich­keit gemacht habe, auch weiter seine Wirkung ausüben werde. Dem Corriere della Sera wirb aus Rom offiziös g-o- meldet: Die Zusammenkunft in Venebig stellt das Einv-er- nehmcn der deutschen unb ber italienischen Poli­tik in allen politischen Fragen devGegenwart dar. Beide Staaten wollen heute unb für bie Zukunft zusammen stehen. Italien hält am Dreibünde fest. Isolierung Deutschlands unb Auslösung des Dreibundes wäre ber Krieg. Italien unb Deutsch­land aber wollten den Frieden.Popolo Romano" schreibt: Welches auch immer ber Charakter der Zusammenkunft feilt möge, Rom sendet der kaiserliü)ien Familie ehrerbietigsten Gruß unb die iaufrickstgsten Glückwünsche. Rvmwünschtberbeut scheu Nation zunehmende Größe. Die Sympathie und die Bewunderung für Kstiser Wilhelm beim italienischen Volk ist so festgewurzelt, daß es jedes Mal, wenn er ben italienischen Boden betrete, ein Gesühl lebhafter Genugtuung empfindet, wie eine Familie bei Anüinst eines treuen genialen Freundes. Die Zu- sammenkunft in Venedig sei ein neuer Beweis der Festigkeit der zwischen ben beiden Dynastien und den beiden Stationen bestehenden herzlichen Beziehungen, bie feine auch nur vorübergehende Wolke trüben tarnt. Die Zusammen­kunft sei eine neue Bestätigung der vollkommenen Ha rmonie der M ächte des Dreibundes, der heute mehr als je in der ganzen Welt als ein Friedens­bündnis angegeben wird.

Ueber den Aufenthalt des Kaiserpaares in Venedig wird uns heute folgendes gemdbet: Gestern um 10 Uhr vormittags begab sich König Viktor Emanuel in Begleitung, des Ministers des Aeusstrn, Tittoni, an Bord der Hohenzollern, um) Kaiser Wilhelm abzuholen. Die beiden Monarchen besichtigten hieraus mit dem Minister, dem Gesandten von Jenisch unb dem Fürsten Fürstenberg die Eorrer-Samntlung.

Die Kaiserin unternahm eine Gondelfahrt unb besichtigte die Paläste Giovanelli und Martinengv. Auch Prinz August W i l h e l m u n d P r i n z e s s i n V i k t o r i a L u i s e unternahmen am Vormittag Besichtigungen. Mittags folgte der Kaiser einer Einladung der Gräfin ÄLorvsini zur Tafel.

König Vi ftor Eman»uel reiste abends noch Rom zurück.

In Korfu werden inzwischen bie letzten Vorbereitungen für bc;: empfang izt d.n., '... £ , ^..ares gcniadjt. Diejtolniji'gt Zeitung" meldet aus Konstantinopel: Zur Verstärkung des Stcherheitsdienstes der Küste unb im Innern Al­baniens an la tzt ich der Anwesenheit des Kaisers in Korfu wurden außer zwei Jägerbataillonen aus Saloniki zwei Jnfanterie- bataillone nach Janina gesandt. Von hier geht eine Abteilung ber Leibgardeschwadton des Palastes ab. Die Sultans-Jacht Lssedin trifft Vorbereitungen, um Freitag mit drei Torpetw- jägern nach^Murtoi gegenüber Korfu abzudampfen. Außerdem sind einige Transportschiffe mit Infanterie unb Kavallerie dorthin bestimmt. 9Ji.it Turuian Pascha gehen 5 Flügel-Adjutanten des Sultans, darunter wahrscheinlich zwei Söhne Leswik Paschas zur Begrüßung Kaiser Wilhelms ab.

Sowohl die Ausbildung als auch die Organisation findet sich in den Sanitätskolonnen. Es ist deswegen Ehrenpflicht eines jeden vaterlanbSlieb.uden Bürgers, die Sanitätskolonnen zu unterstützen und nicht bloß des vaterlandssreundlichen Bür­gers sondern eines jedes human denkenden Menschen. Am meisten ist es aber die Pflicht des gebildeten, einicchtsvollen und umsichtigen Mannes, weil gerade die besten geistigen Ga­ben für die Sanitätskolonnen gut genug sind, gut genug sind für unsere Lieben, die für das Vaterland ihre Gesundheit eingesetzt und für dieses geblutet haben. Die Ehre der Nation erfordert unsere Fürsorge für das Kriegssanitätswesen. Aber auch der Friede stellt uns unsere Aufgaben, lind diese Frrcdensaufgaben sind durchaus nicht kleinlich unb unbedeu­tend. An die H i l f e l e i st u n g bei p l ö tz l i ch e n Unglücks­fällen, wie sie sich doch auch häufig genug ereignen, sei darum erinnert. Wenn wir hier auch nicht gerade Erd­beben und große Ueberschwemmungen zu fürchten haben, so erfor­dert doch auch, wie die landwirtschaftliche Unfallversicherung beweist, der l a n d w i r t s ch a f t l i ch e B e t r i e b im Laufe eines Jahres manches Opfer, besonders in der Erntezeit. Aber mit der immer mehr auch in unserer Gegend sich ausdehnen­den Industrie mehren sich die Unfälle von Jahr zu Jahr. Ta ist es gewiß nützlich, sich und seinen Mitmenschen Hilfe, leisten zu können unb ohne Schaden für sich einem anderen nützlich sich erweisen und ihn retten zu können, z. B. bei Einbruch ins Eis oder wenn jemand von den elektrischen Stromleitungen ersaßt wird. Sind es auch nur vereinzelte Fälle, die da ein Eingreifen erfordern, aber diese einzelnen Fälle ereignen sich ebendoch auch in den kleinsten Ortsckwften. Unsere Friedensarbeit jedoch umfaßt ein viel weiteres Gebiet und stiftet mehr Segen, als der hundertste sich auch nur träumen läßt. Der Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit, der Kamps gegen die Tuberkulose, der Kampf gegen die Geschlechtskrank­heiten, der Kamps gegen die Trinkunsitten, der Kamps gegen die Infektions-Krankheiten überhaupt ist überall entbrannt und wird hier und dort mit großer Energie geführt. Und aus allen biesen Gebieten mehren sich bie Ersolge von Tag zu Tag. Die Erkenntnis bricht sich mehr und mehr Bahn. Die Ver­gnügungssucht in unserem Volke übersteigt alles Maß mit allen

hohe unb hehre Aufgaben auch sich so viele Vereine und Ge- ausersehen haben. Die Sani- Anfgaben in unaufdringlicher daß sie am ehesten auf Gehör

wie ich glaube, über 22 OOO, zählt, denen gegenüber bie Zahl der Wähler ber ersten unb zweiten Wählerllafse eine sehr viel geringere ist. Die Staatsregierung kann sich der Vorstellung nicht verschließen, daß in der großen Blasse des Volkes ein Gefühl der Zurücksetzung darüber mit Recht besteht, daß die viel kleinere Zahl in der ersten und zweiten Klasse ein so großes politisches Uebergewicht hat. Dieser Zurücksetzung und Kränkung der dritten Klasse glaubt die Staatsregierung durch Entgegenkommen Rechnung tragen zu müssen. Wenn zu Gunsten des Grundbesitzes das Prinzip durchbrochen worden sei:wer viel Steuern zahlt, soll ' auch viel zu sagen haben", so kann es auch gegenüber der breiten Maste des Volkes geschehen." Im Namen der Liberalen drückte darauf der Abg. Neumann - Hofer der Staatsregierung für ihr Entgegenkommen seinen Tank aus. Von konservativer Seite wurde indessen nach wie vor erklärt, daß sie den liberalen Wünschen nicht entgegenkommen und eine Zweidrittelmajorität auf alle Fälle verhindern werde. Damit gilt die Wahlrefonn in Lippe vorderhand als gescheitert.

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Friedliche Verständigung im Baugewerbe.

Nach 23 stündigen Verhandlungen im Sitzungssaale des Gewcrbegerichtcs Berlin wurde unter dem Vorsitze des Gewerbc- gerichtsvorsitzenden Magistratsrates v. Schulz-Berlin, des Gerichts- ratcs Dr. Prenncr-München und des Bcigeorbnctcn Dr. Niedfeld- Essen, heute nacht 12 Uhr zwischen bcm Vorstairde des deutschen Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe unb dem Zcntraworstanbe der fteien Gewerkschaften der Maurer, Zimmerer unb Bauhilfsarbeiter, sowie dem christlichen BauarbeiterverhanÜ über ein allgemeines Schema für die in den einzelnen Orten' ab- zuschließcndcn Tariioerträge eine Vereinbarung erzielt. Damit sind die allgemein strittigen Fragen (tüchtiger Arbeiter, Akkord»-' arbeit, Agitativns- unb Genehmigungsklausel), welche bisher dem Abschluß von Lokaltarisen hinberlich waren, außer Streit gesetzt. Es ist nunmehr AufgabeberLokalverbänbe,btein biesem Schema osfengelassenen speziellen Bestimmungen bes Tarifvertra­ges, insbesondere diejenigen über Arbeitszeit unb Höhe bes Lohnes, burch örtliche Tarifverträge zu regeln. Zu diesem Behuse finden vorwst am 1. April in München, am 6. April in Essen, am 9. April in Berlin unb am 12. Llprck in Fr ankfur t a. M. BerHand-, langen statt. Daburch ist bie Basis zu einer friedlichen Ber». stäubigung im deutschen Baugewerbe gegeben.

Wahlrechtsfrage vor bas Forum bes Reiches gezogen haben unb ber Abg. Naumann am Dienstag sich sehr ausführlich übet diese Dinge verbreitet hat. Und der Herr Reichskanzler scheint nicht die Absicht zu haben, sich heute so nötigen zu lassen wie am Mon­tag. Wie ein Tatendurstiger sitzt er an seinem Ecksitz auf der Bundesratstribüne sogenannterpreußischer Seite". Neben ihm Herr v. Bethmann-Hollweg, der wohlbestallte Dize im Reich und in Preußen, dann Herr von Schön, ber neue Verweser bes Aus­wärtigen unb bann secimdum orbinem Herr Kraetke unb Herr Sybow unb Herr NiebcMng und Herr Dernburg^ bescheibcntlich im Hintergründe unter dem jüngeren Völkchen der Slommifi'arc und Räte hält sich der preußische Hanbelsminister Herr Delbrück. Den Tag erössnct ein kleines Geplänkel zwischen Herrn Kraetke unb Herrn Singer: Herr Kraetke weist ben gegen seine Verwaltung erhobenen Vonvurf einer Verletzung des Briefgel-cirnnisscs mit Energie zurück unb Herr Singer wer hätte anderes von ilpiv ermattet? hält ihn ausrecht. Dann polemisiert ber deutsch- soziale Herr Luttmann mit Pathos und Koketterie gegen den Abg. Naumann. Und dann spricht b-er Kanzler. Zwei kurze Zeilen bes Ueberganges, dann i'st er, mepiis in rebuö: beim preußischen Wahlrecht, das eine sozialdemo-kratische Resolution als ge­heimes, direktes, gleick)eS, allen über 20 jährigen Preußen, Männ­lein so gut wie Weiblein, verliehen sehen mochte. Das gibt dem Kanzler Gelegenheit, das Wahlrcchtspwblcm in seinem ganzen Umfang noch einmal aufzurollen. Natürlich sei die sozialbemo- ktattiche Resolution unannehrnibar. Schon deshalb, weil das Beispiel anderer Föderativstaaten, das Beispiel Nordamerikas und der Schweiz zeigt cs ein Uebergreifen vom Einzelstaat in den übergeordneten Verband unb umgekehrt nirgends geduldet würde. Und sei denn bas Reichstagswahlrecht wirklich das höchste Gut? Ein so unabhängiger fteisinniger Deuker wie Friedrich Dernburg (hier bedeut der Herr (Staate-)etretäu des Neichskoümialamts sein Angesicht und lächelt lang unD herzlich) sei audercer Ansicht. Ist die Freiheit des Landes denn überhaupt abhängig von der Form des Wahlrechts oder der Verfassung? Glaube man denn (hier ist cs das hohe Haus, das lange lacht unb herzlich), baß Mecklenburg so viel schlechter regiert würde als Haiti mit seinem allgemeinen Wahlrecht? Tie verbündeten Negierungen dächten an keine Aen- derii'.ig des ReichstagSwahkrechtS; aber die Aufgaben im Reich und in Preußen seien ebenfalls verschieden. Eine radikale Acu- derung des preußischen Wahlrechts würde zudem über kurz oder lang auch das D r e i k l a s s e n w a h l r e ch t der Kommunen unhaltbar machen. Wolke man.wirtiich die Stobt Berlin einer auf Grund iws Reichstagswahlreasts gewählten StMvewrdneten-Ver- sammlung überantworten? Und das geheime Wahlrecht! Er, Fürst Bülow, fei im Reich gewiß ein Anhänger der geheimen Wahl. Hätte sie in seiner Amtszeit auch noch mit allerlei ^lauteten um­geben. Aber hotten nicht unterschiedlich liberale Männer anno dazumal sich gegen die geheime Wohl ausgesprochen? Freilich, (reiUch, bi: w.'>tschofrlia':er.< Abh'inHi-chchte:. Fi.cn schther größer. Item: die preußische 9iegicruug strebte einegeeignete Wohl- re form" an. Aber sie lehnte jede Resorm ab, die ben preußischen Staat erschüttern müßte, ohne ben es kein Deutsches Reich gäbe . . .

Das ist in ber Hauptsache vielleicht basselbe, was Fürst Bülow am 10. Januar in der preußi,ehen Londstube erklärt hat. Aber es ist in der Form verbindlicher, nick) so wirkt es ungleich ver- söhirlicher. Mit der Känzlerrede ist bas Interesse des Hauses übrigens für eine geraume Weile erschöpft. Herr Wellstein vom Zentrum, d.r Sozickldemokrat Emmel unb Herr Potthofs sprechen vor Icer.n Bänken. Erst am Spätnachmittag füllt sich wieder der Saal, als Herr Storz, der demokratische Kvtonialfreunb, das Wort nimmt . . .

«-v-ni. auirjungen, oxe yuTc m-imr luonui, munvii ivxu ihren materiellen und gesundheitlichen Folgen und ist nicht lam ausgwildet sein, damit sie wirtlich zum Nutzen und Frommen zuletzt schuld an der mehr md mehr sich ausbreiteno:.: Üu- öej Kranken angreijeii pnd nicht liebel onrichtem, 'Lufrichenheit, die zu umstürzlerischen Ideen&rt Ki'.rz ge-