Nr. 277
Zweites Blatt
Dienstag 24. November 1908
Gießener Anzeiger
Erichen» täglich mH Hulnaljme btS Sonntag».
General-Anzeiger für Gderheffen
158. Jahrgang
Rotationsdruck und vertag der Srüdk^che» Unioerfuät8 • Buch- und Steindruckerei. ÖL Lange. Gießen.
Die „Gießener Zamtliendlütter- werden dem .Anzeiger' Biennal wöchentlich beigelegt, das „Kreiiblatl für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..randwirtschastlichen Seit- fragen" erichemen monatlich -wermal.
Redaktion, Exvedttton und Dnlckerei: Schulstrave 7. Expedition und Verlag: 5L
Öieöaftioiue^ 113. TeU-Adru AnzeigerGieben.
Stimmungsbild aus Vern Reichstage.
Berlin, 23. Nov.
Reiki'sfinanzreform.
Die Generaldebatte der Jxcid^iinan^rcforni wird morgen durch die Besprechung der Grirbeninterpellalioir unterbrochen. Heute gelangte man $u einem gewissen Abschluß insofern, als nunmehr fämtlidt Fmklwnen -um Wott gekommen sind. In der Hauptsacyc gehörte der heutige Tag der freisinnigen Linken, die infolge einer cigentianlidy.n Gestaltung der Rednerliste mit der Vertretung ihrer drei Gruppen an den Schluß gestellt war. Sehr wirksam knüpfte Dc. Wiemer an die Ausführungen des preußischen Finanzministers vom SamSiag an. Die kräftige Unterstützung, die dieser seinem Kollegen vom Roichsschatzamt yi teil werden läßt, hat vom Standpunkt der Regierung den Nachteil, daß die Sondcrinteressen der Einzelskaatcn, in erster Linie Preußens, sich etwas gar zu merkbar herausheben, und Dr. Wiemer gelang der 9W)4ikiv, daß bei der vorgeschlagenen Regelung die Einzelstaaten -um Teil sogar noch gewinnbringendes Geschäft für sich l-eraus- schlagen würden. Zwar meinte Frlyr. v. Gamp, das sei unter Brüdern ganz egal, der preußisch Bürger sei ia zugleich auch Angehöriger deö Reiches. Aber hierfür sand er aus der Linken wenig Verständnis u»ch Herr Schrader betonte mit recht, daß tz- B. der Erlaß der gestuirdeten Mafvikularbeiträge in seiner Wirkung darauf l/inauskvmme, daß die kontrahierten Sclutlden statt recl)tmäßig durch direkte Steuern durch indirekte gedeckt werden sollen. Mit großer Genugtuung stellte der Fraktionsrcdner der fieifinnigen Ävlkspartei fest, daß diese Refonnovrläge unb vor allem die Begründung, dir ihr der Reichskanzler gab, indem er die Schuld an der Finanzmisere der Sorglosigkeit der Ver- gangenkeit zuschvb, eine eklatante Reckstfertigung der politischen Tätigkeit Eugen Richters und seiner Parteifreunde darstelle, die leibet -u spät komme.
Mit der Reserve, die die meisten der mtdeven Redner geübt hatten, gab auch Dr. Wiemer seine Erklärungen zu den einzelnen Steuervvrlagen ab. Der Entscheidung muß.erst die Prüfung in der Kommission Vorarbeiten. Aber über einzelne Vorschläge der Liegierung konnte er jetzt i'djon ein abschließendes Urteil fällen. Unannehmbar sind Branntiveinmonopol nno ebenso die Banderolensteuer, die bisher noch Don feinem einzigen Redner befürwortet ist. Und dem Scheusal einer Steuer auf Licht und Kraft will er auch die Jnseratensteuer in die WvlssMucht nachfolyen lassen. Mit kräftigen Strichen charakterisierte er das vvm Zieichskanzler gesungene Lob der Sparsamkeit, yatte sdyon Fürst Bütow bemerkt, daß er niemand augnchure, so erTtu.Ee Dr. Wiemer grade heraus, daß das Aergernis von oben komme, und der Abg. v. Payer gab nicht nur jüddeutschem Ununue Ausdruck, als er unter großer Bewegung deS 5)<mses mitteilte, dem Grafen Zeppelin würden durch das Kriegsministerium bezüglich der Uebcrnahme seines Luftschiffes und der Auszahlung der Kaussumme erneut Schwierigkeiten gemacht.. Am Schlüsse seine» anderthalostündigcn Ausführungen kam Dr. Wiemer auf das Ä und O zurück, die Forderung konstitutioneller Einrichtungen und Bürgschaften als unumgänglick>e Vorbedingung für eine dauernde Ordnung der Finanzen. Da das, was der volksparteiliche Redner »um Vortrag brachte, auf einer Verständigung innerhalb der linMrberalen Fraktionsgemcinschaft beruhte, konnte der Wortführer der freifinnigen Vereinigung, der Aog. Schrader, von einem Eingehen aus die Steuerprojekte absehen und sich in der Hauptsache auf allgemeine Bemerkungen bejclyränken. Wie Sjerr v. Pai-er, der im übrigen als Württemberger eine Lanze gegen die Weinsteuer ritt, verlangte er Umkehr dec Wirtschaftspolitik und ein Einhalten in dem Wettrennen in £)eer und Fl alte n- rüftung. Der «Lntisemitische Reformer Zimmermann sand sich ausnahmsweise einmal in jedem Punkte mit dem Vertreter der wirtsdya-ftlid-en Vereinigung auf einer Linie. Wie dieser hatte er ein anttkapitalisUscknes Steuerbufett gewunden. Daneben wandte er sich recht wacker gegen Gas- und Elektrizitäls- und Jnseratensteuer. Derr v. Gamp, der zweite Sprecher der Reichspartei, wußte von einer günstigen Aufnahme der Negierungs- Vorlage im Volke zu berichteir. Seine Liede ivar nicht grade geeignet, die Position der Herren v. Rheinoaben und Syoow, die sich auch heute an der Debatte beteiligten, roefentlief) zu verstärken.
Stimmungsbild aus dem preuh. Abgeordneteichaus.
Berlin, 23. Nov.
ZweiDeamtenvorlagen geben am Montag dem Abgeordnetenhause Stoss zu ausgiebigen Tcbatten: Auf der Tagesordnung dieser für einige Zeit letzten Sitzung standen die eiftvii Lesungen des Bewutenneuerprivilcg^Gesetzes und de-s Gesetzes über die Haftpflicht des Staates und anderer öffentlicher Verbände für Verfehlungen ihrer Beninten. Sxrr v. Moltke gab dem ersten, Herr Bescher dem -weiten Entwurf das Geleitwort. Ai an kann nicht behaupten, daß das HauS große Be-
Alcines Feuilleton.
— Alexander Dumas in Berlin. Der Dichter der Musketiere und des Grafen von Monte Griffe), so wird in dem Journal des Dübctts erzählt, hatte im Ausland eine Popularität und eine Berühmtheit errungen, die beinahe über die Anerkennung hinausging, die man dem Romancier im engen Vaterlande zollt. Im Jahre 1864 erhielt er aus England ein Anerbieten, in dem ihm für eine Reihe von Vorträgen 100 000 Fvs. geboten wurden, und aus Amerika fern der Vorschlag, für eine Million die Geschichte des amcrilarliichen Sktaoeutr.eges zu schrcioen. Dumas selbst pflegte läck-elnd zu sagen: „Für mich beginnt die Unsterblichkeit im Ausland/' Eines Tages faßte er den Plan, die „Räuber" von Schiller jur ine französische Bühne zu bearbeiten; er wollte sie auf einer deutschen Bühne gespielt sehen und wandte sich an den Direktor dec Königlichen Sä)auspiele in Verl im Als einzige Antwort kam die Anfrage, an welckiem Tage Dumas „Die Stäuber" sehen wolle. „Dienstag, sieben Uhr," telegraphierte Dumas zurück. Am bestimmten Tage und zur bestimmten Zeit trifft Dumas in Berlin ein. „Was spielt man heute abend im Theater?" fragt er den Hoielkellncr. „Die Räuber von Schiller." Als Dumas das Theater betritt, ist das Daus bollfommen ausvcrtanfk. Rach der Vorstellung sammelt sich eine riesige Menge vor dem Ausgang, um den berühmten Schriftsteller zu sehen; nur durch den Künftterausgang gelingt es ihm, sich der Neugier seiner Bewunderer zu entziehem Im ipotel fragt ihn der Ke luter, ob er im Theater gewesen sei. „Jawohl." „Laben Sie £>errn Dumas gesehen ?" „Jaiuohl."^„Ach, müssen Sie glücklich sein." „Und Sie, mein Freu »cd. Sie haben ihn also nicht gesehen?" „Nein, ich konnte keinen Platz mehr benommen, ach, Alexander Dumas einmal zu sehen, ist ocr Traum meines Lebens." „Wirklich?" „Ja, ivirtiid). Also gut, ich werde Ihnen die Gelegenheit verschallen." „Wirklich, mein Satt, Sie versprechen mir daS?" „Ich verspreche es Ihnen." Einige Minuten später bringt der Kellner das Fremdenouch und bittet den Gast, sich einzuschreiben. Dumas schreibt seinen Namen ein. Der Kellner gerät in die lyöchstt Aufregung und sinkt in der Vertvirrung auf einen Stuhl. Aber er weiß sich bald zu fassen und zögert nicht, sein Glück schleunigst zu bip.talliieren: Vor dem Hotel hat sich eine Menschenmenge angesammelt, und gegen eine Vergütung von einem Taler läßt der Kellner nun jeben Einzelnen ein und durch daS Schlüsielloch dürfen die Bcwun-
geifterung sirr die Vorschläge der Regierung bekundet hätte. Mb er auch darüber besteht kein Zweifel, daß beide Gesetze ohne grund- stürzende Aenderungen sck/ietzlich das Placet des hol^n .vmn'ed finden werden. Beim Steuerprivileg war e5 hauptsächlich die unter sdyicbliche Behandlung der schon anttierenden und der künftig ins Amt gehenden Beamten, die lebhaften Widerspruch sand. Daneben begegnete die Begrenzung der Kommunalsteuer der Beamten auf 100 Prozent der Staatssteuer vieliadyen Bedenken. Ter 9lationallibcrale Dr. Schwc d e r-Kassel iwinbtc sich energisch und wirkungsvoll auch gegen die Aufrechterhaltung des Steuer^ Privilegs der Geistlichen und Lehrer uno vor allem gegen die steuerliche Bevorrechtigung der Standes- Herren, und .Herr Schwartz köpf, der Minist.rialdirektor DolleS, deS Urlaubers, schnitt keineswegs glänzend ab, ats er sich um die übliche Frage deS Steuer Pr ivilegs der StandeSherrirn mit ein paar leeren Wendungen berumhrätfte und daS Geistlichcn- und LehrerprivUeg mit einem h.storisrl»en Nimbus zu umgeben versuchte. Von dem Freisinnsspreck)or 8ibeinbaben mußte er sich sagen lassen, daß dieses Privileg nach Vk)der riecht und je clyer, je lieber beseitigt werden sollte. Beim H a ft p s 11 ch t g e sc tz traten die liberalen Redner besondere für die Interessen der Gemeinden ein, während die Konservativen sich vornehmlich der ländlichen Schulgemeinden Annahmen. Daß die Vorlage — bei mannigfachen Bedenken im einzelnen — einen g-ortschritt bedeutet, war die cvrnmuniS opin.o des ganzen Hauses Die Vorlagen gingen schließlich an die zuständig..,, Kommissionen, und das HauS vertagte sich aus unbestimmte Zeit, um für die KommissionSoerattingen der vielen wichtigen Gesetze dieser Tagung die erforbcrlidit Muße zu schaffen.
Alldeutscher Derbanöstcg.
S. u. H. Leipzig, 22. Nov.
Unter ungemein zahlreicher Beteiligung aus allen Teilen deS NeiclitS und Oestcrreidy-Uiigarn fand heute im gwßen Saale des Käusntännischen Vereins hier ein außerordentlicher Urbanos- tag deS Alldeutsckjcn VerbandeS ffeitt, der vorn Vorstände mit Rücksicht auf die durch Verössentlicl/nuH des Kaiser-Jitlervielos im „Daily Telegraph'" geschaffene Eritiid)e politische Lage ein- berufen war.
Der Vorsitzende Rechtsanwalt E l a a S (Mainz) eröffnete die Versammlung und führte sodann au5: In bie eifrige Arbeit des VerbandeS, das deutsche Volk von der Noiwe>tdigkeit berReidys- sinauzreform zu überzeugen, sei plötzlich die schwarze Wod-e gefallen. Die Gefahren drS persönlidjen Regiments, bie Untüchttg- keit deS AuS.värtigen AmteS, die Mängel in der diplomatischen Vertretung seien mit einem Schlage klar geworden. Klar sei and) gcnwrtwn, daß an der Spitze des Reiches ein Mann st. he, der nicht so beraten sei, wie bnd deutsche Volk es ioünidyen müsse. Angesichts dieser Ereignisse und der Skirgänge in Deulfdj-Ocster- reidj habe es der Vorstand für seine Pflicht gehalten, einen außerordentlichen Vcrbandstag einzuberufen. Tie Ansprache Lang in einem breifadyen Heil auf das deulsd-e Volk aus. — Der Vor- itzende Neckstsanwalt ClaaS inadytc sodann die Mitteilung, daß ich die Witwe des Professor Hasse im Saale befinde; zu deren Lhrcn sowie zu Ehren ihres verstorbenen Gatten erhob sich die Versammlung von ihren Platzen. — Sodann nahm Rechtsanwalt ClaaS (Mairtz) das Wort zu seinem Vorträge über: Der Zu - sammenbruchder Reichspolitik und deren Folgen.
Es wurde darauf einstimmig folgende Resolution angenommen: 1. „Der außerordentliche VerbandS.ag erkennt mii Genuaiuung an, baß bas deutsche Volk du cd- seine Vertreter die vorn Verbairbe seit Jahren beklagten Mißstände des perjönlidycn 'Regiments einer ossenen rückhaltlosen Eruierung unterzogen Hal und dankt dem Neickjslage unb der bcutsdyen Presje dafür, daß sie durch diese Erörterung der Schöben uno Gefahren auf dem Gebiete der au8nxirligcn Politik die UnlynUbarfeit des gegenwärtigen Zustandes fcstgeflellt und die Rückkehr zu einer besseren Zeit vorbereitet haben. Er bittet beide Teile, jetzt wad»am zu bleiben und zu verhüten, daß Jlüdfalle in diese Mißstände eintreten. — 2. Er bedauert, daß die fraglichen Erörterungen im Reicl-Stage und in der Presse sich roeientiu^ auf das Gcmet der auötutirtigcn Polittk bcfdyräntt haben und daß bie schweren Schäden mannigfadxr Art, ntcldjc die Nadjgieoigkelt vor dem persönlidjen Regiment aud) im inneren natwualen Leben gezeitigt hat, in der Oesscittlichkeit nod) nidjt sdjarf genug ertannt unb erörtert worden sind. Er bittet Reidjötag und Presse, ven Ersdjelitungen auch auf diesem Gebiete ihre ernste Sorge zuzuwenden. Ter Verband wird diesen Erscheinungen auch tänfiig seine besondere Auftnerksamkeit tmdnten. — 3. Der Verband warnt dabor, die letzten Ereignisse zum Ausgang für eine Aeltdecung ocr Verfassung zu machen. Er ist der Ansidjt, daß ein perfönlichcs Rcaimenl aud) bei der bestcl-cirden Verfassuna unuröglich ist, falls Reia;s^ tag und ReiaBkaitzler pslichlgerwaß von ihren Befugnissen Gebrauch machen. — 4. Der Atldeut)che Verwand crrlurt oielmchr es für die wichtigste Aufgabe aller ernsten Vaterlarrdssreurrde,
derer einige Sekunden zuschen, wie der Didyter Toilette macht.
— Sardous letzte Werke. Sardou ist mitten in air- Qefhxngtcr Arbeit aus dem Leben geschieden. Kurz vor seinem -tobe wollte er die letzte Haird an ein Stück legen, das seine Uraufführung in England erleben sollte. Es ivar ein vieraktiges Drama und behandelte die Zeit der ücevolulron. Saroou arbeitete an diesem Stücke in Gcmeinsdwfl mit dem Schriftsteller Ange Galdamar, der dem Werke fron Titel „L ' I n s a i s i s s a b l e" (Der Unantastbare) gab. Glcid)»eilig mar Saroou mit Emil Moreau dabei, ztvei loeitere Stücke zu erschaffe». Das eine heißt „Madame Tallien"' und ist vollendet, n^.hrend das andere eine drallnatifche Komödie in vier Akten ist, für die bisher nod) kern Tüel gefunden wurde.
— Das „unsittliche" Do r n r ö S ck) e n. In der Schule eines Stüdtclycus in Niederbayern befand sich in dem Lehc- zimmer für die unterste Abteilung unter ben für den Unterricht uiftimmlcn Wa nd b ildern auch eine Al.b.lduirg vom Dornröschen. Meinhold, beifcn Ausd-auungs^ilder allgemein und ruhnrlid) bekannt jiird, hat aus diesem Bi.oe Die wohlvelairnte Szene bargcfkilt, wie daS schlafeirdc Tornri.schen vom Prinzen geuxdl wird. Niemand wird es je eingefallen fein, daß Die jugenblidje Sd-amHastigkeit badurch auch nur im mindesten gesährdcl roiirae. Das zu entdecken, war, itach der „Bayerisdyeil Lehcvrzeitung", einein jungen Herrn aus dem P r i e ft e r ft a u i> e vorucljaltcii. Dieser tarn als Mätedtet der oben ;cjcia>jeicn Schulaoteilung in DaS betreffende Lehrerzimmer und sand das genannte Bild s o s i 111 ich le i t s g c f a h r 11 d), daß er es ebne weiteres aus dem Lokale entfernte. Das gefährliche Bild gehört zu Den amtlich genehmigten Lehrmitteln.
— Eine neuartige Friedhofsanlage. I» der Münchener Bürgerschaft wiro zur Zeit eine neue Fr.eDhvssaillage leblyast diskutiert, deren Pläne von dem Mündyeirer Kunstmaler Bieoer pt..sgchen. ES hanDett ।id? um einen unterirbiidycn Äc- grübnispurtz, .über bem sich ein Blume,tgarterr crlycucn mürbe. Vorgcfel-cii ist ein Platz in Schwaoing im Umfange von zehn Tagwerk. Pwf. August v. Thiersdy, ein Lnrder oricdrrchs v. Thiersch, ist gestern avcnb in einer besonders einberufenen Versammlung entschieden für bas Projekt ein getreten. Die Kvm- munaloehördcn ucrlyaltcn sich biuciiig ablchncird.
— Der Kuß — eine Sünde. Wir berichteten am Donnerstag, daß ui Amen la ein junger Mann mit einer Geldstrafe belegt worden sei, weil er seine Frau in der Elektrischen
daS Kaisertum und Kanzleramt auS bei Not dieser Tage unge- sdprmcht an Macht unb Einsiuß zu erhalten und in bessere Zeiten hinüberjiiretten. Er fordert vielmehr seine Mitglieder aus, in diesem Sinne zu arbeiten."
Daraus sprad) Lairdtagsabgeordneter Reiterer (BudweiS) über die Nöte und Känchfe di-s DeutsdytumS in Oesterreich-Ungarn. — Nack, ihm erörterten noch eine Reihe anbeoer österreichischer Redner die Zust.inde in den einzelnen österreichischen MronlunDern. — C's wurde schließlich eine Resolution angenommen, in der die Hofftrung auSgespr-vchcu wirb, baß sid) alle deutscherr Parteien airgesicylS der schivcrcn Lage einigen mikbten.
Um 4 Uhr wurde Der VcrbairdStag geschlossen. — 9ün VIbcnb sand ein Fcst.iiatzl statt.
Au» StaSr uitO Land.
Gleße >r, 24. Älovcnrber 1908.
— OrbenOangelegcnbeit. Er. Köntgl. Hoh. der Gro ß l) e rz og haben bem Geh. StaatSrat H cu g von Nibba die Erlaubnis zur Annahme unb zum Tragen des ihm vom flönig von Preußen verliehenen Roten Adlcr-lOrbene 2. Klasse mit bem Stern erteilt.
• • Ernannt wurde derMilitäranwürter Dizewachtmeister Ludw. Phil. Ang. Rohde aus Böhl zum £>aupt|leueramtß* diener bei dem Hauptsteucranit WormS.
"Eine AuSschrißsitzung deS landw. Vereins für die Provinz Oberheffcn findet am 2 6. November hier un Holel „Prinz Barl* unter dem Norfit; des OekonomieratS Schlenke aus Frledberg statt.
" Fürsorge-Erziehung. Im Dekanat Gießen befinden sich gegenwärtig 10 Pfleglinge der Fürsorge-Erziehung: 5 schulpflichtige Kinder, 2 Tienitmäbchen, 1 Geselle, 1 Laufbursche und 1 Lehrling. Wahrend sonst durchgängig gute Ergebnisie erzielt worden waren, Haden sich im laufenden Jahre zwei Zöglinge durch Uebcltaten Gefängnisstrafen zu- gfjogen, ein dritlcr hat seine Stelle eigenmächtig verlasse» und ist polizeilicher Fahndung anhcimgesallen. OefterS aber kommt es vor, daß Zöglinge and) nach 'Ablauf der Fürsorge- Erziehung mit ihren früheren Pfleget» in Berbmbung und gutem Verhältnis bleiben. Wen» leider nicht in allen Fällen DaS erivünfchte Ziel erreicht wird, so ist dies fein Grund, von der Tätigkeit der Fürsorge-Erziehung abzuilehen, sondern jederiuannS Pflicht, sie nach Ntöglichkeit zu fördern, da ohne |u gewiß noch mehr Irrwege von manchem jungen 'Menschen betreten würden. Es steht zu hoffen, daß die Fürsorge für die gefährdete Jugend noch lueiter auSgedaut wird, besonders durch veräiibcne Behandlung jugendlicher Ucbcltätev von selten der Gerichte und durch ocilläiUe Zuziehung bet Erziehung^- beträte bei ben richterlichen Maguahlnen in bet Hauptverhandlung ulid, soweit angängig, in den Vorverhandlungen. Tie Vertreter der Erziehungsoeceine finden seither schon bei den Richtern freundliches Entgegenkommen; auch die Ber- wallilngsbehörden, an ihrer Spitze daS Großh. 'lUmiftcruim, arbeiten mit Elfer an der Besserung der Einrichtungen. In nuferem Dekanat wird die Nact)welsung geeigneter Pstegeettern oder 'Arbeltsitellen ziiiiächft am wichtlgltcn fei», deren Adressen uec Geschäftsführer, Pfarrer Weder m Lang-Göns, gern entgegennimnit.
• • Wohin Heuert Indien? lieber dieses Thema hielt pm vorigen Freitag abend Mtisionsinspeftor Frohn- iii e t) er auS Basel einen Vortrag, der leider nicht so defucht ivar, wie es die äußerst intercfiantcn AiiSführungen des Vor- iragenden verdient hätten. Der Vortragende, der gegen 80 Jahre in Indien als Missionar tätig gewesen ist, unb also auß eigner Anschauung über indische Verhälttnisfe Be- icheib weiß, envieS sich als ein gründlicher Kenner des gc- lamten inbiichen Volkslebens, ber inbischen Geschichte, Kultur unb Religion. Bcl bem allgemeinen Interesse, ba6 bie indische Frage in welten Kreisen findet, dürfte em ausführlicher Bericht über den Vortrag am Platze fein. Er roirö in einer ber nächsten Nummern folgen.
• • Die 9regnen) deS städtischen Freibades an der Lahn. Tie 'Anstalt wurde in 1908 von 28048 Per- Balm geküßt hatte. Jetzt kommt ans Petersburg die Nachricht, daß die bekannte russisdye Schauspielerin Frau Tresilofs zu zehn Rubel Sttase verurteilt worden ist, weil sie im Sttaßcn- cahirwagen — ihrer Mutter einen Kuß gegeben hat. ES i die int. jo wirb m Woman ö Life bcridy.ct, baß in Petersburg unb Moskau jede Zärtlid-keit auf der Straße streng geahndet wird; Denn kürzlich ist sogar eine Pvlizeiverfügung erjüyicnen, die es bei Geldstrafe von fünf Rubel vermittel, auf Postkarten Liebcserklärnngeir zu machen. — biußrand ist al jo noch weiter fortgciajrilicn, und es uaaert biel(eid)t nicht mehr lang, ors man, anstatt von Stlyiloa von Rußlairo die oerühmren Airc» toben erzählt.
— Verfrühte Freube. Eine wahre Airctdote aus bent Leben bcs einstigen K ö n i g s G e o r g IV. v o n E n g l a n b bringt ein fvanzvsisdjes Blatt wieder in bie Erinnerung. A1S Napo- lcvrr I. aus St. Helena füro, erschien ber erste Saxttzlanzlcr Lord Liverpool bei seinem König, der durch seine Lebenssuhrung sehr „populär" war. Denn er war ein tüch.iger BranbYttiiiler uno gab un Jahce ‘2l0 uOo .cark für feine Garverooe uno 000 000 Mark sür seine Pferde aus. „Sire," meldete btt Schatzl'anzlcr, „soeben ist x)hr nneroittlidyster Fe.no ge,wroeu." Der o.ckc Georg IV. oadjte, ber Schatzlanzler teile rhai den Too feiner Frau mit. Der Karvline von Brauiifchveig, mit der er |id> nidjr gerade zum Bcst.ii vertrug, uno außer fidy vor Freude begann er au tanzen und warf seine Mütze in b.e Luft. „Sie ist tot, mein Lieoer, mein Lieber, <ul>, ad) . . . meld) cm Glua, welch eine Ecleichterung." UnD der gute König ivar lies betrübt unb sehr enttäuscht, als er erfuhr, daß „nur" Napoleon gestorben war.
— Ter Nobelpreis lür Aledizin wird, wie wir schon mltiditcn, zivischeli dein ^ranzöfiichcii Bakleriotogeu Meilfchul- loli liiiO dein deutschen Biologen Paul E h r l i ch - F ran(> i n v t a M. geteilt. Der Berlrner Univeisiläisprottssor für ibcore- lische Physik Alax Planck erhält den Preis für PYyfik, Belina Uagevlöf den nir Literatur. Die l^ui^.o-nioen i.m nie ocr 'lllübcnue sträubten sid) hartnäckig gegen die Ehrung Selina Lagc.löfs. Ter Atabcniulekrelär Dr. von Wir Slockhotnrer Btätlcru, oag e r den Nobelpreis mal nicht überreicht.
— Kleine U o r o .i i f ans Kunst und Wissenschaft. Die „Wiener Ztg/ meldet die D e r st a a t l i ck) u n g des Wiener H o n i e r o a i o r i ii m 13. Tie neue Anstalt wird den Warnen K. Akademie sür Musik und darstellende Kunst' führen.
iün erklärt in den lür Lileramr biefe-


