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24.4.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 96 Zweites Blatt

158. Jahrgang

Freitag 24. April 1908

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieWeßtner §amilienblätter" werden dem ,Snytgere viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatl für den Ureis Siehrn" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesien

RotattonSdruck und Verlag der Brühlfch« Universitäts - Buch- und Stetndruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 5L

RedaktiomS^ 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

parlamentarisches ans Hessen.

B.B. Darmstadt, 23. April. Der 4. Ausschuß der Zweiten Kammer beschäftigte sich in seiner heutigen Sitzung nochmals mit den Anträgen Müller- Dr. Glässing in betreff der Abänderung der allgemeinen Bauordnung. Der Ausschuß sprach sich dahin au§, daß die in den Anträgen behandelte Materie (besonders die Abänderung des Art. 21) möglichst noch vor der geplanten Revision der allgemeinen Bauordnung eine besondere Regelung erfahren sollte. Der - soziale Ausschuß des Privatbeamtenvereins in Mainz hat an die Zweite Kammer eine Vorstellung gerichtet, in welcher um die Erichtung von Ha n d l u ngsg e h ilf en kam m e rn ersucht wird. Der Ausschuß ist der Einsicht, daß eine gesetzliche Vertretung der Handlungsgehilfen notwendig sei. Da aber die Reichsregiernng ihren Motiven zum Arbeitskammergesetz, in Aussicht stellte, daß auch demnächst die Frage einer ge­setzlichen Vertretung der Handelsangestellten eine reichsgesetzliche Regelung erfahren solle, so ist der Ausschuß der Ansicht, daß man zunächst die reichsgesetzliche Vorlage in dieser Sache ab- roarten müsse. Weiter beschäftigte sich der Ausschuß in Gegenwart des Ministerialrats Süffert und des Ober­baurat Kilian mit der Vorstellung der Ortsvorstände von Großen-Buseck und Trohe um Anlegung eines Fußpfades nach dem Haltepunkt Rödgen und der Vorstellung des Arbeiterwahlverems zu Weisenau um Errichtung einer Haltestelle daselbst, ohne jedoch einen Beschluß darüber zu fassen.

5. Grdenilicher vertretertag des Wahlvereins der Liberalen.

S. u.H. Frankfurt, 22. April. 2. Tag. Nachmittags sitzung.

In der Nackpnittagssitzung wird zunächst eine Resolution an- aenommcn, welche die Uebertragung des Reichstagslvahlrechts gus Preußen verlangt.

Darauf ergriff das Wort der Vorsitzende Abg. Schrader. Tas Resultat unserer bisherigen Verhandlungen ist im großen und ganzen befriedigend. Das Ausscheiden verschiedener Mit­glieder ist ja zu bedauern und ich glaube, daß dieses Bedauern von se hr V i elen g et c i l t wirb. (Zustimmung.) Wir haben uns Mühe gegeben, einen solchen Bruch zu vermeiden. Wenn bet Bruch dennoch cingetreten ist, so ist es die Schuld der Ausgetretenen, die uns nicht entgegen kommen wollten. (Sehr richtig.) Wir haben den festen Entschluß, weiter zusammen zu arbeiten für einen kräftigen Liberalismus. Das dürfen wir als Ergebnis der bisherigen Verhandlungen betrachten. Wenn der Wunsch austauchte, die Fraktiousgemeinschaft aufrecht zu erhalten, io ist damit der Wunsch verbunden, den entschiedenen Liberalismus hochzuhalten. (Zustimmung.) Das ist aber vor allem Sache derer, die draußen im Lande stehen. Reden allein tut es nicht, sondern wir müssen auch handeln und arbeiten; arbeiten namentlich im Interesse der arbeiteirden Bevölkerung. Da fehlt noch viel. Gehen Sie also heraus und arbeiten Sie. Sie schaffen damit einen neuen Liberalismus, denn unser Liberalismusbedarfdringend einer Erneuerung. Ich hoffe, daß unsere ausgetretenen ßveundc wieder den Anschluß finden werden. Wir werden ihnen I in dieser Beziehung jedenfalls nichts in den Weg legen. (Bravo.) Ter Vorstand ergänzt sich sodann durch die Abgg. Brömel und hoff, durch Frl. Zietz, Frl. Lüders nni> drei Arbeitervertreter.

Es referiert sodann über das ThemaLiberalismus und die Arbeiterfrage" der Arüeitersekrctür Fischer- Reutlingen.

Äbg. Naumann (Frs. Vgg.). Ter Liberalismus braucht die Arbeiter nicht nur zur Vermehrung seiner Wähler, sondern

weil der Liberalismus nicht nur aus Leuten zusammengesetzt sein soll, die bereits im Besitz ihrer Freiheit sind. Auf Anregung des Abg. Goldschmidt ist bereits von der Partei ein Ausschuß zum Studium von Arbeiterfragen eingesetzt worden, der zumteil auch aus Arbeitern besteht. Er wird dazu helfen, daß Fehler vermieden werden und die Entwürfe der Regierung sachverständig geprüft werden. Es wird zuerst in Wirksamkeit treten können bei der Beratung der Novelle der Gewerbeordnung und bei den Versuchen über die Heimarbeit eine Gesetzgebung zustande zu bringen. Also der Arbeiter selbst soll herangczogen werden, und wir hoffen und wünschen, daß die Arbeiter auch in die Parlamente kommen. Wenn cs in einigen Wahlkreisen Schwierigkeiten macht, dann liegt die Möglichkeit jedenfalls in anderen Wahlkreisen vor. Schon ein früherer Parteitag hat be­schlossen, ein Arbeiterprogramm auf die Tagesordnung einer Generalversammlung zu setzen. In diesem Sinne stellen wir einen Antrag, der bezweckt, daß eine Kommission gebildet werden soll, die dem nächsten Parteitag ein Arbeiterprogramm vorlegen soll. Ich weiß es, daß viele unserer Freunde nicht große Lust an Programmen haben. Aber in Bezug auf Arbeiter­sragen liegt ein Bedürfnis vor, daß der Liberalismus endlich einmal mit Bestimmtheit formuliert, was er in Arbeiterfragen eigentlich will. (Sehr richtig.) Das sind wir auch schuldig schließ­lich denjenigen, die im Kampfe gegen die Sozialdemokratie die liberalen Interessen vertreten. Gewiß weist man uns den einen oder anderen Arbeitgeber der rückschrittlich gesinnt ist. Hier wird die Kommission an die Aroeit gehen können. Ein Anhaltspunkt, wie sie arbeiten soll, liegt im Gewerkoereinsprogramm, das sich auf die Organisation der Gewerkvereine bezieht. Unsere Stellungnahme zur Arbeiterfrage darf nicht sein eine bloße Deko­ration, sondern ein konstruktives Element. Trotz der Fehler gegen­über der Lafallc'schen Beiveguug bleick es doch bestehen, daß der Liberalismus von dem Grundsätze der Gewerbesreiheit aus auck) für die Arbeiter die Unabhängigkeit von alten Fesseln forderte. Das Untertänig keitsverhällnis ist von deem Liberalismus durch die Gewerbeordnung von 18C9 gebrochen worden. Aus dieser Grund­lage baut sich die ganze moderne Arbeiterbewegung auf. Das Kvalitionsrccht, das wir ja jetzt verbessern wollen, ist weder von den Konservativen, noch vom Zentrum, sondern nur vom Liberalismus geschaffen worden. Ich gedenke da der Verdienste des Prof. Brentano und der Hirsch-Dunckerschen, die oft unter Protest ihrer Partei für die Organisation der Arbeiter eingetreten sind. Die Schwierigkeiten zwischen Liberalismus und Arbeitern entstanden erst Mitte der 70 er Jahre, als man zur Frage der Arbeitcrversicherung und des Arbeiterschutzes überging. Ter Li­beralismus war damals nicht geeignet, seine Grundsätze, die wir heute als Manchestertum kennzeichnen, preiszugeben. Damals hieß cs, cs sei unmöglich, jemand zu hindern, am Sonntag zu arbeiten, iccnn er nur wolle. Aber der Vierzehnstundentag beruht ja auf keinem freien Willen und praktisch ist das Vergnügen, den Sonntag an der Hobelbank zuzuoringen, kein Stück freier, individualistischer Betätigung. (Sehr gut.) Es hat eine große Zeit gedauert, bis der Liberalismus sich damit abfand, daß es Zwangsgesetze geben könne, welche die individualistische Freiheit bezweckten. Gegen­über der Fülle von gesetzlichen Bestimmungen ist die Frage be­rechtigt:Brauchen wir denn eigentlich so viel Rechte?" Ja­wohl. Wir brauchen sie, weil wir eine so geringe gewerkschaftliche Entwicklung haben. Die Versprechungen der Sozialdemokratie fin­den natürlich beim Liberalismus kein Verständnis. Für den Li­beralismus bleibt das Ideal: der Heine, wirtschaftliche Unter­nehmer. Die Gewerkschaften sind andere geworden und die Unternehmer sind andere geworden. Die Gewerkschaften sind in der Hauptsache für die sr^ialdemokratische Partei vorhanden und die Unternehmer haben Kartelle gebildet. Die Regelung der Pro­duktion kommt jetzt von oben. Wir müssen vor allen Dingen das Hauptgewicht darauf legen, daß praktische Arbeit getrieben wird, und zwar in erster Linie in der Richtung, daß Tarif­verträge geschaffen werden. Die erste Periode der Sozial­politik war die soziale Versicherung, die zweite betrifft den Arbeiter­schutz, die dritte muß sein: Die Organisation des gesamten Ge- wcrbewesens. Ter Arbeitskammer-Entwurf ist der erste Schritt auf diesem Wege, den man nicht ablehnen soll, weil er ein

unbrauchbares Wahlrecht geschaffen hat. Die Hauptsache ist und muß bleiben, daß das Koalitionsrecht der Arbeiter unangetastet bleibt. (Großer Beifall.)

In der Diskussion sprachen Saucr-Hamburg, der sich nament­lich gegen Frauen- und Kinderarbeit wandte, Reichstagsabg. Heck- scher, der die Verquickung von Gewerkschaften und Politik be- daneitt.

Es gelangt schließlich folgende Resolution zur Annahme!

Ter Parteitag begrüßt es mit Befriedigung, daß die frei­sinnige Fraitionsgemeinschaft einen Ausschuß für Arbeiterfragen gebildet hat und beschließt, daß im Anschluß an den geschäfts- fühvenden Ausschuß unserer Partei eine Kommission gebildet wird, die für die Telegiertenversammlung des nächsten Jahres einen Programm-Entwurf vorzulegen hat, der mit Entschieden­heit für Kvalitionsrechi, Arbeiterschutz und Selbstverwaltung des Gewerbes eintritt."

Werter gelangte hierzu ein Zusatzantrag zur Annahme, der wünscht, daß zur Förderung der Interessen der Landarbeiter die innere Kvlonsiation nach Möglichkeit unterstützt wird.

Tie Wettcrverhandlungen wurden auf morgen Donnerstag, vormittag 8 y« Uhr, vertagt. Mommsen wird zunächst über bte Börsenreform Bericht erstatten.

Am Mittwoch abend wurde noch der Punkt betr. die B v rsen- refvrm erledigt. Abg. Mommsen, der als Referent für diesen Punkt ausersehen war, erklärt, daß er seinen ursprünglichen Resolutionsentwurf zurückgezogen und statt dessen folgende Re­solution ausgearbeitet habe:

Die trotz mehrfach wiederholter Finanzreform ungünstige Finanzlage des Reichs hat ihre Ursache vorwiegend in der alles verteuernden Schutzzoll- und Absperrungspolitik. Solange Deutsch­land an dieser Politik festhält, ist eine dauernde Gesundung unserer Finanzen nicht zu erhoffen. Indessen ist die baldige Deckung der finanziellen Bedürfnisse des Reichs notwendig im Interesse der Aufrechterhaltung unseres politischen und wirtschaftlichen An­sehens im Inland und Ausland. Zur Deckung des Bedarfs ist in erster Linie die ausreick)ende Heranziehung der leistungsfähigen Klassen erforderlich. Daher verlangen wir die Schaffung einer Reichseinkommen- und Vermögenssteuer und eine Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Deszendenten und Ehegatten. Dazu muß eine Reform der Matrikularbciträge unter Schaffung eines besseren Verteilungsmodus auf die Einzelstaaten treten. Hand in Hand damit muß eine Umgestaltung der Branntweinsteuer gehen, die dem Reich den vollen Ertrag sichert. Mit der Schaffung aus­reichender Mehreinnahmen muß aber auch die Herabsetzung der Ausgaben verbunden sein, nicht nur durch allgemeine Sparsam­keit, sondern auch durch eine Vereinfachung und Verbesserung der gesamten Verwaltung und insbesondere durch eine Herab­setzung der finanziellen Lasten der deutschen Wehrmacht, unter voller Aufrechterhaltung der Machtstellung des Deutschen Reichs."

Ohne Widerspruch wird die Resolution einstimmig ange­nommen.

Donnerstagssitzung.

Dritter Tag.

Frankfurt a. M., 23. April.

In der heutigen Vormittagssitzung steht zur Verhandlung das Thema Frauenfrage und Liberalismus.

Reichstagsabg. Naumann: Im preußischen Kultusmini­sterium hat feine Frau Einfluß gehabt, bei der Beratung der Mädchenschulreform. Das scheint aber doch Har zu fein, daß gerade bei einer so speziell weiblichen Llngelegenheit man ebte weibliche Mitwirkung nötig gehabt hätte. (Sehr richtig.) # Wian hat als Sachverständige die Seminardirektoren der Lehrerinnen­seminare hinzugezogen. Gewiß verstehen diese etwas von der Sache, aber sie sind doch immer Vertreter der bisherigen alten Methode, gegen die sich eben die Frauen auflehnen. Wenn wir int Reichstag bei der Beratung der Gewerbenovelle Frauen als Sachverständige hätten, so würde das ein sehr großer Vorteil für die Praxis fein. Die Frauenbewegung wird an dem Tag siegen, wo die Regierung mit den Männern allein nicht mehr fertig wird, oder wenn sie sich der unruhigen Agitation der Frauen nicht mehr erwehren kann. (Heiterkeit.) Ob das eine oder das andere dieser

Zwei mal zwei gleich fünf.*)

Auck) eine Rezension.

2 mal 2 5, sagt Gustav Wied.

Wer's nicht glaubt, der hör' sein lustig Lied:

Ihr lieben Leute, ihr glaubt an Wahrheit?

EureWahrheit", ich sags, ist in Wachheit Narrheit.

Was ich tut und denkt, ist fürchterlich komisch, denn ich studierte euch physiogtwrnisch.

Was ihr da glaubt, sowohl dies wie das, das macht mir immer horrenden Spaß, Alles ist anders, wie ihr es euch denkt, denn ein Spaßvogel ists, der das Leben lenkt. Und rechnet ich heute auch noch so Präzis, ist morgen doch falsch ein jedes Ergebnis. Ich haltet den Schaft für die Spitze vom Spieß und nützet verkehrt jedwedes Erlebnis.

Von Güte und Größe macht ich viel Phrasen, doch sind eure Taten meist Seifenblasen. Ich tut, liebe Leute, stets äußerst korrekt, jlls ob ich im Panzer der Geradheit steckt, leid ängstlich besorgt um Ruf und Rang und drängt euch katzbuckelnd in Frohn und Zwang. Vorsichtig horcht chr auf anderer Schwatzen und schneidet die echbarsten Tugendfcachn. Ich tut so, als gab es nur einen Pfad, der gerade läuft und ganz akkurat.

Ich spiegell euch selber und anderen vor, daß ich den wandelt zum Hiinmel empor, daß alles nach starrem Gesetz sich regelt. Wer mutwillig einmal daneben kegett auf der Lebensbahn, gilt euch für immer verloren; dem laufen das Haus ein die Exekutoren, und wagt er gar frei ein mutig Wort, dann schleppt man ihn fluas ins Gefängnis fort. Tort ist er besorgt und aufgehoben

Sund tot für euch alle wenn nicht von oben plötzlich ein anderes Lüftchen weht, und ein artderer Geist durch die Lande geht, der aber wieder alle gar bald zwingt in die nämliche Allgewalt und nun alles verlästert und alles verreißt und foltert und tötet, was von anderem Geist.

*)2 mal 2 ---- 5" ist der Titel einesSatyrspiels" des Tönen Gustav Wied, das dieser Tage im Frankfurter Schau- vickhause zum erftenmale gegeben wurde und bei dem berech- igten außerordentlich starken Beifall ost wiederholt werden dürste.

ist eine köstliche Veraltung des Philistertums und oute <HUle Mi Geist ist namentlich über die beiden ersten Akte gestreut, »achend die beiden folgenden im Parodistischen etwas zu weit ie6en_ uni) überhaupt die hübsche Idee allzu breit ausspinnen.

Franks. Darstellung ist im mesentlichen sehr geschmackvoll, Denn auch dem geistreichen Bolz als dem Darsteller der Haupt- dl doch zu inel ätzende S>cy,.rse eigen ist, als daß er die

Darum nimm, o Freund, das Leben nicht ernst! Unendlich viel klüger ist es, du lernst es anzuschaun von der heiteren Seite.

Tu fürchtest, dann gingest du wohl bald pleite. Falsch, Freund, sag ich brr, dann steigst du auf! Tenn von Aerger frei ist dann dein Lebenslauf, du schaffst dann noch einmal so groß und so gut und der Einsichtsvolle zieht vor dir den Hut.

Doch mußt du verstehn, fünf gerad sein zu lassen, sonst wirst du doch deinen Vorteil verpassen.

Lache und spotte und freue dich, denn die Menschen sind gar so absunderlich und über die Maßen verwunderlich

Wenn dich dann andere freundlich besuchen, bann werden sie stets dir willkommen sein, wenn sie wie du die Welt nicht verfluchen, sondern der Narrenerde sich sreun, und alles hassen, was konsequent;

Konsequenz ist der Einfältigkeit Fundament.

Und siehst du auch überall Lug und Trug, nimms heiter! Denn jeder Atemzug iei Genuß,! Dann wirst du auch nichts entbehren, nicht mehr als du hast tronr Leben begehren.

Genieße froh, was du nicht hast, entbehre gern, was dir bejchieden, bann spürst du niemals eine Last und bist der Glücklichste hinieden.**) Dies sind die Lehren von Gustav Wied, Nimm ernst sie und scherzhaft, mit Unterschied

P. W.

Frank Wedekinds ErstlingsdramaDie junge Welt" fand im Münchener Schauspielhause seine späte Ur­aufführung. Die Wirkung, die schon nach den einzelnen Akten zwischen Klatschen und Zischen geteilt war, war am Ende die einer regelrechten Premierenschlacht zwischen begeisterten Anhängern und wütenden Zischern und Pfeifern. Tie Schauspieler wurden immer wieder gerufen, aber Wedekind erschien nicht. Im übrigen halt« sich das Publikum an dem Stück, das in all seiner Verschrobenheit und Ungeschicklichkeit doch Wedekiiids Witz und Geist schlagend offenbart, trefflich amüsiert und namentlich die ganz köstliche Karri-

wundervoll glückliche Leichtigkeit des Humors der dichterischen Gestalt vollkommen zu troffen vermöchte. In kleineren Rollen von vorzüglichster Wirkung sind die Damen Jrmen (alsHe­täre Othella Lustig"), Klinkhammer (als keifende Gattin und verständige Mutter) und König (als Chambregarniwir- tin) und die Herren Bauer, Meyer und Pfeil.

**) Gellert sagt:

Genieße, was dir Gott bef(hieben, Entbehre gern, was du nicht hast! Ein jeder Stand hat seinen Frieden, Ein jeder Stand auch seine Last.

fatur eines Dichters herzlich belacht. Der Skandal artete aber nach Theaterschluß in eine solenne Prügelei zwischen Anhängern und Gegnern Wedekinds aus.

Kaiser Wilhelm und der Haeckelianismus. DieKreuz-Zeitungs regt sich darüber auf, daß sich der Kaiser neuerdings für Entwickelungsgeschichte zu inter­essieren scheint. Er hat sich vor kurzem tm Kaiserin Friedrich- Haus für ärztliches Forlblldungswesen einen Vortrag des Anatomen und Embryologen Oskar Hertwig, eines ehemaligen Schülers Ernst Haeckels, halten lasten. Hertwig trug überProbleme der Entwickelungsgeschichte" vor. Tie genannte Zeitung schreibt hierzu:Es ist gewiß bemerkenswert, daß der Kaiser, der sich stets als Chef der Landeskirche fühlt und auf Reifen priesterliche Funktionen au§übt, einem solchen Vortrag beiwohnt, dessen Autor natürlich auf einem dem Bibelglauben ganz entgegengesetzten Standpiliikt steht". Soweit das kouserv. Blatt. Wir möchten im Anschluß daran erinnern, daß zur selben Zeit unter Teilnahme der Kaiserin und des preuß. Hofes ein apologetlscher"Vortrags- zyklus des bekannten Kieler Haeckelgegners Professor Reinke ver­anstaltet worden ist. Im übrigen muß es natürlich auch dem deutschen Kaiser unbenommen bleiben, seine wissenschaftlichen Kenntniste und kritischen Fähigkeiten über wistenscha'tliche Forschungen in jeder ihm beliebigen Weise zu erweitern.

Ein Enkel Goethes. Aus Stützerbach bei Ilmenau wird geschrieben: Nicht sehr bekannt biirrte es sein, daß noch heute in Stützerbach ein Enkel Goethes lebt. Als in unserem anmutigen Tale Karl August und Goethe noch luftige Tage ver­lebten, begaben sie sich von dem herzoglichen Jagdschloß uichi selten in das Städtchen und mischten sich unter die tanzende Jugend. In jener Zeit war es, wo der Dichter mit einer hiesigen Schönen em Liebesverhältnis anknüpfte, dem ein Söhnlein entsproß. Der jetzt noch lebende Enkel des Dichters, der oft erzählt, daß feine Groß­mutter ihn selbst über seine Abstammung aufflärte, ist ein statt­licher Mann, von Beruf Glasbläser und unter dein Namen Ter wilde Betz" bekannt. Der verstorbene Großherzog Karl Alexander, der die Abstammung des ManneS mit dem'charakte­ristischen Gocthekops genau kannte, unterhielt sich mit ihm während seiner Anwesenheit in Stützerbach wiederholt und ergötzte sich an seinen klugen, schlagfertigen Reden.

Die Heimatschutzbewegung ist derart gewachsen, daß die Satzungen des Bundes Heimatsmutz einer Neugestaltung bedürfen. Zur Vorberatung fand jetzt in Berlin eine erweiterte Vorstandssitzung statt. Die neue Organisation sieht einen Bund von landschaftlichen H e i m a t s ch u tz v e r e l n e n unter Beibehaltung einer festen Zentralstelle vor. Tie Gebiete der Landes- vereine fallen mit den Gebieten der Bundesstaaten, für Preußen mit denen der Provinzen zusammenfallen. Eine Reihe dieser Einzel- oereine bestehen bereits ober sind in Vorbereitung.

Ach der gegenwärtigen Tagung des Z e u t r a l v e r b a ii d e s zur Bekämpfung des Alkohol Ismus zu Berlin fprachen u. a. über das Trinken in der deiitschen Gejmichle Pastor

®r Q & e au$ Marburg über Alkoholismus und Deutschtum in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und Gewerbeinspektor Dr. Bender über die Bedeutung der Alkoholfrage für die Arbeiterschaft. 1 u