Ausgabe 
25.5.1908 Zweites Blatt
 
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

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Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag,' e^5L RedaktiE^^lLA 4äch-?lbr.:AnzelgerGießen-

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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Siembruckeret. 8t» Lange, Gleßen.

DieSiebener Kamiiienblätter- werden dem ,51nytgete viermal wöchentlich beigelegt, das Ereisblatt fflt den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­sragen" erscheinen monatlich zweimal.

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rlusland.

Krisis in Ungarn. Die Vereinbarung, die in Wien bei dem gemeinsamen Minifterrate über die Offi­ziersgagen getroffen wurde, hat zu einer Krisis ge­führt. Die Unabhnngigkeitspartei und die Volkspartei haben durch einen Putsch die Vertagung des Abgeordnetenhauses bis zum Montag durchgesetzt, um eine Stellungnahme gegen die Wiener Vereinbarung zu veranlassen. Die Erhöhung der Offiziersgagen gilt trotzdem als gesichert.

Das Internationale Institut für Ackerbau in Rom wurde Samstag nachmittag 6 Uhr im Beisein der Königlichen Herrschaften und der Spitzen der Behörden eröffnet. Ansprachen hielten der Minister Tittoni, der ital. Delegierte Graf Eugen Faina und namens der auswärtigen Delegierten der portugiesische Delegierte Earvalko.

Die Lage in Apulien ist unverändert. Die aus­ständigen Landarbeiter drangen bei Foggia in den Weinberg eines Winzers ein und rissen auf einer Fläche von LVs ha sämtliche Reben ab. Andere ziehen mit Gewehren bewaffnet auf großen Wagen in den entlegeneren Ortschaften herum und zwingen die noch beschäftigten Arbeiter zur Einstellung der Arbeit.

Kein fr a nz ösi s ch -r ussisch - e n g li s ch es B ünd- nis.Morning Leader" tritt energisch der Behauptung eines Berliner Blattes entgegen, wonach ein französisch- russisch-englisches Bündnis bevor st ehe. Das radikale Blatt betont, die Abwesenheit des Staatssekretärs der auswärtigen Angelegenheiten Sir Edward Grey stemple den Besuch des Königs zu einem Akt staatlicher Höflichkeit und nehme ihm den Charakter eines diplomatischen Ereig­nisses. Eine andere Auffassung wäre unverträglich mit den: verfassungsmäßigen Gebrauch und könnte nur Ent­täuschung, sogar Gefahr herbeiführcn.

Im französischen Mi nist errat wurde ein Dekret unterzeichnet, wodurch der K o n t r e a d m i r a l P h i- libert zum Vizeadmiral ernannt wird. Er wird in seiner Eigenschaft als Kommandant der französischen Marokkodivision durch den Kontrcadmiral Bcrrye r ersetzt werden.

Nach e i n j ä h r i g e r A b w e s e n h e i t ist der G r o ß - Herzog von Luxemburg mit seiner Gemahlin aus Santa .Margherita bei Genua nach Luxemburg zurückgc- kehrt.

In der p o r t u g i e s i s ch e n A b g e o r d n c t e n k a m - hier brachte der Finanzminister einen Antrag ein, der die Jahresdotation König Manuels auf 335 Eontes Reis, also in der gleichen Höhe wie für den früheren König, festsetzt. Derselbe .Antrag enthält Bestimmungen be­treffend die von dem .Staatsschätze dem königlichen Hause gewährten Vorschüsse.

Monarchenbegegnung in Reval. Von einem Privatkorrespondenten. Aus guter Quelle verlautet, daß beide Kaiserinnen und der Thronfolger und der Minister des Auswärtigen Iswolski den Kaiser aus seiner Reise nach Reval zu einer Zusammenkunft mit dem König und der Königin von England begleiten.

Der Kadetten führ er und Herausgeber des Rjetsch, Professor Miljuckow, wurde in seiner Wohnung wegen einer Preßfehde von zwei Mitarbeitern der radikalen R u s s y überfallen und schwer m i ß h a n d e l t.

Rußland und Persien. Nach Meldungen aus St. Petersburg drohen die ausrührerischen Stämme, falls die russischen Truppen die persische Grenze überschreiten, die Proklamierung des heiligen Krieges an.

Liga der freien Liebe. In Woronesch wurden 40 Schüler und Schülerinnen des dortigen Gymnasiums verhaftet, darunter sieben aus einer Familie. Sämt­liche gehörten dem VerbändeFreie Liebe" an und haben empörende Orgien in verschiedenen geheimen Lokalen ge­feiert.

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Eröffnung der hessischen LanderauLsteiinng.

R. B. D a r m st a d t, 23. Mai.

Die Eröffnung der Hessischen Ausstellung für freie und an­gewandte Kunst vollzog sich h.ule in feierlicher Weise. Ta der leit gestern abend unablässig niederslrömenbe Regen nicht nach- Ittfj, mußte der Festatc in dem in der Mitte dcS Hauptausstellungs- eebäi'.d.s gelegenen gewölbten Ehrensaal erfolgen. Unter den iur Feier Geladenen bemerkte man Staaisminister Dr. Ewald, kinanzminister Dr. Gnauth und Minister des Innern Dr. Äraun, Geh. Staatsrat Krug v. Nidda und die höheren Ninisterialbeamten, den preußischen Gesandten, Frhrn. v. Rücke r- Dänisch, den russischen Gesandten v. D o u b e n s k Y , die Spitzen der Militär- und Zivilbehördeu, fast, sämtliche Mirglieder der Zweiten Kammer mit den beiden Präsidenten, Geh. Rat Haas und Köhler, den Präsidenten der Ersten Kammer, Graf Görtz, cen. v. Schlitz, Geheimerat Provinzialdir»>.wr Dr. Breidcrt, äele Bürgermeister, darunter von Frankfurt, Dr. Grimm u. a.

Nachdem das Großherzogspaar von Minister Dr. Braun 2nd Geh. Oberregierlingsrat Wagner begrüßt und zu den blumen- Leschi?.ückten Plätzen geleitet woröen war, hielt Bürgermeister Dr. ^flässing von Darnistadt in Vertretung des erkrankten Ober- HirgermeisterS folgende Ansprache:

In Vertretung des leider durch Unwohlsein verhinderten Serrn Oberbürgermeisters habe ich die Ehre, mt Namen der södtifchcn Verwaltung die Widmung auszusprechen, für den hier seitens der Stadt errichteten, die Mathildenhöhe bekrönenden Mau. Tie von Künstlerhand in Stein am Portal des Wurmes ausgeführte Inschrift sagt, daß es der Ausdruck der Freude, btt Ausdruck des herzinnigsten Anteils an den Gefcylcken unleres Fürstenhauses war, welcher die Stadtverordnetenversammlung bütete, als sie in der Sitzung vom I. Marz 1906 die Errichtung dieses Baues beschloß. Der Turm ist geweiht dem Gedächtnis dw Vermählung Eurer Königlichen Hoheiten. Er soll in Ieiner d'.e Stadt überragenden, ernsten monumentalen Erschmnung Lugen, welche aufrichtige Freude nicht nur die stabt. Bevol- kaüng, sondern das ganze Land an dieiem Tage erfüllte. Der ^usstelluugsbau bekundet die Tatsache, daß unsere Stadt, die jungst durch das prächtige neue Museum, den Stolz t-nscres Landes, beglückt wurde, dankbaren H.erzenA die Werte

zu schätzen weiß, welche durch die tatkräftige Initiative Eurer Königlichen Hoheit und die große Belebung von Kunst und Ge­werbe entstanden sind. Die Stadt schuldet auch Dank Allen, welche als Künstler oder Ausführende bei dem Bauwerk be­teiligt waren. In erster Linie muß ich als Vertreter der Stadt diesen Dank dem Schöpfer des Bauentwurfes, Herrn Professor Olbrich, aussprcchen. Er hat im Anschluß an die seitens des Stadtbauamts vorgesehene Bebauung deS Hoch- reservoirs ein Projekt ausgearbeitet, das nicht nur künstlerisch bedeutsam ist, in ausgezeichneter Weise sich dem Gelände an- paßte, sondern auch eine Ausstellung ermöglicht, welche durch den kleinen Rahmen wirksam zur Geltung kommt. Die au Licht, Raume und Wände gerichteten Bedürfnisse der Aus- stellung sind praktisch in einer Weise befriedigt worden, daß der Ausstellungsbau klar seine Zweckbestimmung ausdrückt. In gleicher Weise danke ich dem Vorstande unseres Stadtbauamtes, Herrn Bauinspektor Buxbaum, und dem ihm zur Seite stehenden Architekt Mink, welche das Projekt int Einzelnen bearbeitet und zur Ausführung brachten. Ich danke ferner allen bei dem Bau beteiligten städtischen Beamten, Geschäften, Unternehmern und Arbeitern, welche hier in einhelliger Zusammenarbeit ein Werk geschaffen haben, das der Stadt zur Ehre gereicht. Herz­licher und inniger Dank gilt ferner .Herrn Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Esser zu Köln, Herrn Kommerzienrat Ludwig Heyn, dem Großherzoglichen Kammerjunker Majoratsherrn Ritter und Edler August von Oetinger und den Firmen Rast u. (So. und Wilhelm Klein dahier, welche in hochherziger Weise durch wert­volle Stiftungen für die innere künstlerische Ausstattung des Baues die Stadt unterstützt haben. So ist mit der Errichtung dieses die Stadt beherrschenden Bauwerks die Mathildenhöhe, einst ein stiller Garten mit moosigen Wegen und vergessenen kleinen Hänschen, ein träumerischer Fleck unserer so reich von der Natur bedachten Stadt, nunmehr zu einem Brennpunkt idealer Interessen unseres Landes geworden. Möchten die Hoss- nungen, die Eure Königliche Hoheit in unermüdlichem idealem Streben auf eine zielbewußte Förderung aller Prüfte setzen, in Erfüllung gehen, zum Segen unserer Stadt und uitseres ganzen Landes! Möge der mächtige Turm, welcher sich er­hebt aus dem grünen, von dem Laubdache des Platanenhains und den weinumrankten Pergolen gebildeten Untergrund, Zeugnis ablegen von der Treue, Anhänglichkeit und Liebe, welche unsere Stadt von jeher mit den Geschicken des Großherzoglichen Hauses verbunden hat und für alle Zukunft verbinden wird!

Der Großherzog dankte darauf mit folgenden Worten:

Empfangen Sie, geehrter Herr Bürgermeister, meinen Dank für die Worte, die Sie als Vertreter der Stadt Darmstadt so­eben mir und meinem Hause gewidmet haben. Mit freu» 'diger Genugtuung blicke ich auf den stolzen Bau, der nun die Matbildenhöhe krönt. Der Turm, der weit hinausschaut in die Lande, verkündet, welch' innigen Anteil die Bürgerschaft meiner lieben Residenzstadt an meiner Vermählung mit Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin genommen hat. Und der schöne und zweckmäßige Ausstellungsbau gibt Zeugnis davon, daß mein Streben zur Förderung von Kunst und Gewerbe warmes Verständnis hier in Darmstadt findet. Für die treue An­hänglichkeit an mein Haus, für das opferwillige Eingehen auf meine Bestrebungen, daS durch diesen Bau zum Ausdruck kommt, sage ich der Verwaltung, der Vertretung und der Bürgerschaft Darmstadts herzlichen Tank. Auch den Spendern, die zur Verschönerung und künstlerischen Ausgestaltung dieses Bau­werkes in freigebiger Weise betgetragen haben, sei Dank und Anerkennung hierfür dargebracht. Möge dieser Bau bis in ferne Zeiten aufragen als Denkmal der Zusammengehörigkeit von Fürst und Volk, ein ehrendes Zeichen des Bürgersinns der Stadt Darmstadt unb ein kräftiges Mittel zur Förderung von Kultur und Kunst in Hessischen Landen!

Minister des Jpinern Dr. Brann hielt nunmehr folgende Ansprache:

Dem widmenden Wort geselle sich die weihende Tat. In diesem ragenden Bau haben wir uns versammelt, um ihn 5um ersten Male seinen Zwecken dienstbar zu machen. Ten. Dank dafür, daß Ew. Königlichen Hoheit Opfersreude und zielöewnßtes Wollen die Landeshauptstadt als jüngste unter ihren deutschen Schwestern an dem Wettbewerb zur Pflege von Kunst und Kunstgewerbe beteiligt haben, kündet das Werk der Stadt. Es zierend, folgt ihr das ganze Land und bringt zum Schmucke das Beste dar, ivas es in beiden Schaffenszweigen zu bieten ver­mag, feine von jungem Können getragene Arbeit. Acht Jahre sind verflossen, seit Ew. Königliche Hoheit die Hammerschläge vollzogen, mit denen der Grundstein zu dem benachbarten Ernst- Ludwigs-Haus gelegt wurde. Es geschah mit dem Wunsche: Mein Hessenlaud blühe, und in ihm die Kunst." Mit diesen Worten war den damals berufenen Künstlern die Ausgabe ge­stellt, für das blühende Leben die Formen des Schönen im Älltagsdasein zu finden, Leben und Kunst harmonisch zu ver­schmelzen. Günstig waren die Vvrzeic-ien, insofern auch unser engeres Vaterland in nicht geringem Grade an dem wirtschaft­lichen Aufschwung teilgenommen hatte, der dem Ausgang des vorigen und dem Beginn des neuen Jahrhunderts sein Ge­präge verliehen hat. Trotzdem stieß die Erreichbarkeit des gesteckten Zieles auf Zweifel, zumal angesichts mancher Wege, die bei der Ausstellung des Jahres 1901 gezeigt wurden. Ge­wiß mochte einzelnes verfehlt worden sein. Aber die Be­deutsamkeit des ausgesprochenen Gedankens an sich blieb hier­von unberührt und mußte jeden erfüllen, der die wirkenden Kräfte in der Kultur wie der Volkswirtschaft unserer Zeit richtig einzuschätzen vermag. Es kann in dieser Stunde nicht erörtert werden, warum sich seitdem Vieles nach der persvu- lichen wie sachlichen Seite hin geändert hat und ändern mußte. Sicherlich aber darf gesagt werden, wie die von hier aus- gegangene Bewegung in dem Maße an Boden gewann und von der Allgemeinheit verstanden wurde, in welchem sie sich dem in Volt und Land Vorhandenen anpaßte und berechtigten Wider­spruch nicht herausforderte. Erkennbar zügelten in den sol- genden Jahren jugendlich-phantasievollen Ueberschwung strenge Sachlichkeit und gediegene Ehrlichkeit des Denkens und der Ar­beit/ Paris, Turin und St. Louis zeigten im Ausland, was von dem neuen hessischen Kunstgewerbe in ruhigeren Bahnen erwartet werden konnte. Zu Hanse bewies die kleinere, aber abgeklärtere Ausstellung von 1904, welchen Wert es hatte, daß aus dem ersten Versuch die richtigen Lehren gezogen worden waren. Ueberraschend schnell begegneten sich die Künstler mit dem heimischen Handwerkerstand bis in die stillen Täler des Odenwaldes und des Vogelsbergs hinein. Nur wenige der Jndustriefirmen des Landes, die dem hessischen Namen schon seit Langem auf allen kunstgewerblichen Gebieten Ehre ge­macht hatten, hielten ihre Fabriken den wachsenden Ersolgen der in Darmstadt angesiedelten, schöpferischen Kräfte länger verschlossen. Eigene Lehrwerkstätten wurden der Künstlerkvlo- nie angegliedert. Das Schloß beherbergt einen besonderen Zweig der Glastechnik, als Eigentümer der inzwischen gegrün­deten Keramischen Manufaktur trat der Landesherr selbst in die Reihe der Gewerbetreibenden. Wie sehr sich die Verhält­nisse gewandelt haben, ergab vor drei Jahren die Aufnahme des Planes einer allgemeinen Landesausstellung, die einen Ueberblick über unser nunmehriges Können ermöglichen sollte. Gegen früher bot sich ein völlig anderes Bild. Ein immerhin nur kleiner Kreis von Fabrikanten und Handwerkern war 1901 dem. ergangenen, Ruf? flefpjflt, LM-LudnM-HaM Ultz

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die Künstlerhäuser hatten für das Gebotene ausgcreicht. Schwere finanzielle Opfer waren nötig geworden und ließen die Unmög* lichkeit wiederholter größerer Versuche in der Zukunft befürch­ten. Und heute? Auch unser Unternehmen ruht auf der Grund­lage der Freigebigkeit Ew. Königl. Hoheit. Abermals haben sich private Förderer gefunden. Mächtige Stützen aber find ihm durch das helfende Eingreifen von Stadt und Staat erwachsen. Ein würdigeres Heim als in den stolzen, von der Stadt erbauten Hallen konnte der Ausstellung nicht werden. Weitsichtig deren Bedeutung für die Zukunft würdigend, haben beide Kammern der Landstände einmütig die Vorschläge gebilligt, mit denen die Großh. Staatsregierung die finanzielle Durchführbarkeit des Planes glaubt gewährleisten zu können. In den beiden Haupt­gebäuden und den zur Ausstellung neuerdings erstandenen Häusern werden dem Besucher weit über 100 Räume geöff­net, die zu errichten und auszustatten sich bei 50 Architekten! und 300 gewerblichen Ausstellern aus allen Teilen des Groß- Herzogtums vereinigt haben. Ein so geartetes Werk kann mit vollstem Recht den Namen einer Hessischen Landesausstellung! beanspruchen. Dieser ihr besonderer Eharakter wird aber noch durch Anderes bedingt. Das eine ist der Umstand, daß wir neben der angewandten auch die freie hessische Kunst zeigen können. Deutsche Malerei, Plastik und Architektur zählen bereits längst Namen von bestem Klang, die wir mit Stolz die unseren nennen dursten. Für unsere Arbeit dürfen wir nicht ver­gessen, wie eng verwandt Kunst und Kunstgewerbe sind. Nicht immer und überall gleich deutlich zeigt sich ihr unlösbarer Zu­sammenhang, er ist aber darum nicht weniger vorhanden. So ergab es sich von selbst, auch die Meister und Jünger der hohen Kunst zu gemeinsamem Vorgehen aufzurufen. Weit über Er­warten haben sie sich hierzu entschlossen. Diese Säle sind ebenso wie zahlreiche Räume der eigentlichen Ansstellnngsbauten mit den Werken von nahezu 100 Künstlern geziert, deren Tätig­keit der Zeit Großherzog Ernst Ludwigs angehört, und die in ihrer Art Hessen geblieben oder geworden sind oder Hessens Land und Leute uns schildern. Staunt je zuvor wird in einer deutschen Kunstausstellung der heimatliche Einschlag in derselben Stärke und Reinheit zum Ausdruck gekommen sein. Wenn wir in das Freie hinaustreten und lassen das zauberhafte Bild der umgebenden Frühlingslandschast auf uns wirken, dann vergegen­wärtigen wir uns, wie auf den Bergen die Himmelskräfte sich fammeln, die in der Quelle niederfpringen, um in den Tal­gründen Segen und Wohlfahrt zu spenden. Eine solche Quelle läßt unser Empfinden uns in der hohen Kunst sehen, wenn wir aus ihren Hallen hinabsteigend gewahr werden, wie in den gleich­sam unter ihrem Schutze ausgebreiteten Bauten für angewandte Kunst Geist und Fleiß eingesetzt worden ist, unser äußeres Leben geschmackvoll und vornehm zu erfassen. In weitestem Umfange finden wir das Bemühen, die uns umgebenden Gegenstände des Gebrauchs in Zweckmäßigkeit und finniger Schönheit so mannig­faltig zu formen, wie wir sie nach ihren höheren oder niederen Zwecken für unser Dasein werten. Das gilt nickt nur von den tausend Dingen, die der Wohnkunst und dem täglichen Ge­brauch int engeren Wortsinn dienen, von Möbeln und Stossen, von Hausrat unb Schmuck. Das Gesagte gilt vielmehr vor allem von der Baukunst und den Formen, die sie uns für alle Ausgaben und Tätigkeiten der heimischen StuÜnr unserer Tage bietet: für die Pflege heiterer Geselligkeit und ernster Wissen­schaft ebenso, wie für die Pflege des Geistes unb bes Körpers, des Glaubens und des Rechts. Daß bas Recht auf eigene Kunst unserer Zeit mit liebevollem Bewahren bes von den Vätern Ererbten grabe hier wohl vereinbart ist, wirb bie Architektur- Abteilung besonbers beweisen. Unb ebenso bürfen wir rühmen, daß der Drang, Schönes unb Zweckmäßiges in unserem Leben zu bereinigen, nicht borübergegangen ist an den Unterschieden im wirtschaftlich unb sozial Möglichen. Er hat sich nicht bloß bersucht am reichen Prunkraum, fonbern nicht ininber am Heim bes schlichten Arbeiters. Wirb endlich herborgehoben, wie der Staat durch zahlreiche Aufträge für bestimmte Zwecke aus Anlaß der Aus­stellung das Bewußtsein feiner Pflicht bargetan hat, das hei­mische Gewerbe zu unterstützen, so tonnen wir auch unter diesen Gesichtspunkten in Wahrheit bon einer Landesausstellung sprechen. Werden wir nun bedangen, daß das, was wir bringen, als durchweg künstlerisch bollendet gelte? Mit 11 lebten! Dem Zweck jeder ehrlich gemeinten Ausstellung, Rechenschaft abzulegen, ent­spricht bas Recht bet Kritik. In ber Unerbittlichkeit der Wahr­heit liegt ihre sieghafte Stärke. Wem aber auch unser Werk nur weiterer Schritt auf ber Bahn zur Erkenntnis des Kunstschönen ist, ber wirb doch den überall gleich gerichteten Willen hoch anschlagen, ber fast ausnahmslos alle Beteiligten beseelt hat. Es war ber- Wille, dem Ganzen zu dienen und das Beste zu geben, zu Ehr unb Preis des hessischen Namens und zum Wohle unseres geliebten, engeren Vaterlandes. Möge das Bewußtsein, hieran mitgearbeitet zu haben, der schönste Dank sein, den wir nächst Ew. Königlichen Hoheit allen, allen Helfern am Werke schulden. Möge ihren Sorgen, Mühen und Opfern reichster Lohn werden. In duftigen Blüten scheidet der Lenz, ein Sommer ernteverheißen- ber Kraft bricht an, Hessen wir uns freuen wollen brausten unb drinnen. In diesem Sinne bitte ich Ew. Königliche Hoheit, den hohen Protektor ber hessischen Lanbesausstellung 1908, sie Allergnädigst eröffnen zu wollen!

Ter Grvstherzug kam diesem Ersuchen mit folgenden Worten nach: Ich eröffne hiermit die Ausstellung und hoffe, daß sie den Nutzen unterem Vaterland bringen wird, den wir von ihr erwarten können.

Die Festoertammlung brachte dann nach ^(ufforberung durch Minister Dr. Braun ein dreimaliges begeistert s Hoch aus das GrostyerzogSpaar aus, während die im Garten ausgestellte Milimr- lapelle die hessische Hymne intonierte. Dann folgte eine all­gemeine Besichtigung ber Ausstellung.

An.dem Festmahl, das im Aussteltungsrestaurant um 1/22 Uhr einen Anfang nahm, beteiligten sich ciroa 200 Personen. Ter Großherzog nahm in der Mitce einer der langen, mit Maiglöckchen unb anderen Frühlingsötumen reich geschmückten Tafeln Platz, ihm rechts zur Seite oer Prüsident der Ersten Kammer, Gras Görtz, gen. v. Schlitz, Obersthosmarschall a. D. Frhr. v. Westerwe Iler, Präsident Geh. Rat Haas u. a. links der preußische Gesandte. Frhr. v. Rücker -Ja n ij ch, Graf Erbach-Erbach, der russische Gesandte v. 2 0 u b e n s k y u. a_, während dem Landcsherrn gegen­über die drei Minister saßen. Nach dem zweiten Gang nahm Staalsminister Ewald das Wort zu folgender Ansprache:

Euere Königliche Hoheit haben geruht, die Widmung der Stadr Darmstadc entgegenzunehmen als ein würdiges Zeichen der Dankbarkeit ber Residenz für die segensreiche Fürsorge Euerer Königlichen Hoheit für Kunst und Gewerbe. Wir alle, denen es vergönnt ist, an ber heutigen Feier teilzunehmen, bitten Euere Königlich« Hoheit auch uns zu geflohen, ben gleichen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Ter ungeahnte wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands in Folge der Ereignisse des Jahres 1870 hatte neues Leben dem deutschen Künstempsinden und Kunstöedürfnis einge- lößt. Tie schlichten Kunstideale der an materiellen Gütern armen ogenannten Biedermeierzeit wichen dem Bestreben, Haus unö Heim in die reicheren Formen älterer Stilperioden zu kleiden. Bald wurden der künstlerischen Schöpfungskraft die Schranken der Ueberlieferung zu enp. Hm Künstgewerbe setzte die neuzeic- lichc Belvegung ein, die in einer vernünftigen Uebereinftimmung der ästhetischen Form mit der Zweckbestimmung jedes Gegenstandes ihre vornehmlickze Ausgabe erblickt. Diese in ihren Anfängen viel bekrittelte und belächelte Refvrmbestrebung mit ganzer Kraft, be- tr.ächtlicheri Opfern und. dem klaren .Blick des. Kunstverständigen

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Zweites Blatt 158. Jahrgang Montag 35. Mar 1908

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für GÄerheffen

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