Nr. 72 Zweites Blatt
158, Jahrgang
Mittwoch 25. März 1908
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Eichener ZamiNenblStter" werden dem .Anzeiger' tncrmal wöchentlich beigelegt, das „Krctsblatt für den Kreis Eichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oderheßen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitälS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
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politifcfyc Tagesschatt.
Tie Monarchenbegegnung in Venedig.
Am heritigen Mittwoch trifft daS deutsche Kaiserpaar in Venedig mit dein Könige von Italien zusammen. Eine Bekanntmachung des Bürgermeisters von Venedig erklärt, der König werde zurBegegnungmitdemdeut- schen Kaiser und der Kaiserin Mittwoch früh um 7i/y Uhr eintreffen. Venedig begrüße die erlauchten Gäste, die es mit ihrer Anwesenheit beehren, bei dieser glücklichen Gelegenheit von neuem mit aller Ehrfurcht. Mehrere italienische Hofwürdenträger haben sich schon gestern nach Venedig begeben, um dort die letzte Hand an die Vorbereitungen zu legen zum Empfange Kaiser Wilhelms. Die Monarchcn-Zusammenkunft wird einen ausgesprochen offiziellen Charakter tragen. Beim Frühstück im Palast werden Trinksprüche gewechselt werden. König Viktor Emanuel teilte Kaiser Wilhelm mit, ct sei glücklich, ihn im Palast zu begrüßen. König Viktor Emanuel wird nach den neuesten Dispositionen zwei Tage in Venedig verbleiben. Anläßlich oer bevorstehenden Einkunft des deutschen Kaisers und der Kaiserin treffen viele Fremde in Venedig ein. In der Staot herrscht ein lebhafter Verkehr. Viele Häuser tragen Festschmuck, der Bahnhof ist mit Fahnen und Blumen glänzend dekoriert; das Bassin San Marco, wo viele deutsche und italienische Schisse liegen, bietet einen herrlichen Anblick. Der Militärattaasö und der Marineattache von der deutschen Botschaft in Rom sind in Venedig eingetroffen. Minister Tittoni wird als Gast des Königs in dem Königlichen Palais wohnen.
Die italienischen Blätter halten einstlveilen mit ausführlichen Kommentaren über die politische Bedeutung der Entrevue zurück, ytn Ganzen kann man sagen, daß man ihr hier ohne sonderliche Erregung entgegensieht, aber von Ser Tatsache, daß die verbündeten Monarchen sich begrüßen, befriedigt ist. Nur die V i t a betont heute schon, die Zusammenkunft sei diesmal mehr als nur ein gewöhnlicherHöflichkeitsakt. Sie habe politische Bedeutung und loerde wohl auch politische Folgen haben. Es seien viel zu schwierige internationale Fragen auch hinsichtlich des Dreibundes heute von der Diplomatie zu erledigen, als daß es anders sein könnte. Zn einem Leitartikel über die Zusammenkunft in Venedig lveist die „Tribun,a" auf die Bedeutung desDrerbundesfürdieEnt Wicklung Italiens hin und begrüßt den deutschen Kaiser als treuen Bundesgenossen und aufrichtigen Freund Italiens, den das italienische Volk liebe und bewundere.
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Deutsch-französische Annäherung.
In einer am Sonntag im Lauoeshause der Provinz Brandenburg stattgehabten, zahlreich besuchten Versammlung hervorragender Persönlichkeiten von allen Gebieten des öffentlichen Lebens wurde die definitive Konstituierung eines bereits im vorigen Jahre vorbereiteten deutsch-französischen Annäherungskomitees vollzogen. Es wird eine den allgemeinen Interessen beider Stationen dienende Entente angeftrebt, die insbesondere nähere Beziehungen auf wissenschaftlichem, künstlerischem, kolonialem und sportlichem, überhaupt auf kulturellen» Gebiet herbeiführen soll. Zu diesem Zgieck ist der Austausch von Vorträgen hervorragender Parlamentarier, Kolonialmänner, Gelehrten, Künstler, Techniker 2C» in Deutschland und Frankreich in Aussicht genommen. Auch solle»» Zusammenkünfte unb Studienreisen von Parlamentariern, Journalisten, Ge.lehrten, Körperschaften ufro. arrangiert und -unterstützt werden, um so die Staatskräfte beider Nationen einander näher 311 bringen.
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Der Herzog von Tevonshire f.
In Cannes ist gestern der Herzog von Devonshire im Alter von 75 Jahren gestorben. Er hat in der politischen Geschichte Englands eine hervorragende Rolle gespielt. Unter Palmerston wurde er 1863 Unterstaatssekretär und dann im Ministerium Russell-Gladstone bis 1866 Staatssekretär des Krieges. Als Gladstone 1868 wieder an die Regierung kam, wurde er General - Postmeister und 1871 Staatssekretär für Irland. Als Gladstone nach seiner Wahlniederlage 1874 von der Regierung und im folgenden Jahre auch von der Führerschaft der Liberalen zurücktrat, wurde er ZU seinem Nachfolger als Führer der Liberalen geivöhlt. Zwei Jahre später wurde er im Ministerium Gladstone Kriegsminister. Mil Gladsipne trat- er 1885 zurück. Er wurde der Urheber unb Führer der Sezession. Nach dem Tode seines Vaters trat er 1891 als Herzog von Devonshire in das Oberhaus. Erst im Jahre 1895 trat er als Vorsitzender des Geh. Rats in das dritte Kabinett Saltsbury ein. Besonders beschäftigten ihn. Unterrichtsfragen.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. März. Reichskanzler Fürst Bülow wird dem Vernehmen nach während der Osterzeit dem österreichischen Minister *Baron Aehrenthal einen Gegenbesuch in Wien machen unb sodann nach Rom reisen, um dort einige Tage der Erholung zu widmen.
— Die Nachricht, daß die Verhandlungen über die Mahrung des status quo in der Nordsee abgeschlossen feien und die Unterzeichnung einer entsprechenden Erklärung von Seiten der beteiligten Mächte demnächst zu erwarten stehe, wird heute von zuständiger Stelle be (tätigt
— Den Morgenblättern zufolge beschloß die Berliner S t a d t v er o r d n et en - V e rs a mm l u n g einstimmig, den Magistrat zu ersuchen, wegen Einführung der fakultativen Feuerbestattung bei Regierung und Parlament zu petitionieren.
Hambürg,,24. März. Der präsidierende Bürgermeister Dr. Mönkeberg »vurde gestern nachmittag von einem Schlaganfall betroffen. TaS Bewußtsein »st noch
nicht wieder zurückgekehrt, doch hoffen die Aerzte ihn am Leben zu erhalten.
Stuttgart, 24. Marz. Die Handelskammer hat einstimmig den Entwurf zur Errichtung von Arbeitskammern als ungeeignet abgelehnt.
Hessische LanSwirtschastrkammer.
Darmstadt, 24.
Die heute vormittag O1/! Uhr vom Vorsitzenden Geh. Rai Haas eröffnete zweite Sitzung genehmigte nodj einige gestern unerledigt gebliebene Restiapitel des Hauptvoranschlags für 1908. Bei dem Schlußkapitel, Reste aus früheren Jahren macht Ministerialrat Dr. Ufinger daraus austnerlsam, daß mast wohl auch die Restsumme des im v. I. übrig gebliebenen Betriebskapitals mit unter die Einnahmen hätte stellen müssen. Geh. Rat Haas erwiderte, ein Ueberschuß vom v. I. könne erst im nächstjährigen Etat gebucht werden. Im übrigen würden sich die in Ansatz gebrachte^ Gebühren wohl noch wesentlich erhöhen. Rach Erledigung des Voranschlags für 1908 stellt Oekonoimerat Walter beit Antrag, die Regierung zu ersuchen, daß der Staatszuschuß für die Landwirtschastskammer in Zukunft in einer Summe erfolge und die Landwirtschaftskammer die Verteilung auf die einzelnen Zweige selber besorge.
Ministerialrat Dr. Usinner antwortet: Die Entscheidung darüber könne nicht vom Ministerium des Innern allein, sondern nur vom ganzen Ministerium getroffen werden.
Abg. Bähr erklärt sich gegen die Zahlung des Staats-Zuschusses als Pauschalsumme, wenn damit nicht zugleich die Prozentsätze für die Provinzen festgesetzt würden.
Geh. Rat -Haas empfiehlt, dem An.rag Walter zuzustimmen, well auf diese Weise eine Uebertragbarfeit der Zuschüsse ermöglicht werde, lieber diese Verteilungsmöglichkeit und die. Wohlhabenheit der einzelnen Provinzen finbet noch eine längere Debatte statt, an der sich die Mitglieder Römer,Fritsch, Hensel,Schmitt- Oppenheim, Breidenbach, Hahn, Keller, Spießheirn, Höhn, M o g k und Walter beteiligen. Ter Antrag Walter wird darauf einstimmig angenommen, ebenso ein Antrag des Vorstandes über die Bestimmung der Wahkkommissäre bei Wahlen der Landwirtschaftskammer.
In die P serdezucht kv mm issio n wurden gewählt für Starkenburg Oekonomierat Fritsch-Tillshosen, für Rheinhessen Stauffer- Wachenheim und für Oberhessen M o g k -Gau- Schwalheim. Für bie Beschickung der Wanderausstellungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft wurde aus Befürwortung des Generalsekretärs Dr. Müller eine besondere Ordnung angenommen.
Es folgt darauf die Beratung des
Grundplans zur Förderung der Tierzucht.
Prof. Dr. G i se v in s-Gießen legt als geborener Ostpreuße eingehend seine Anschauungen darüber dar und empfiehlt verschiedene Aenderungen. Nach seiner Meinung müßten Kreuzungen entschieden vermieden und der Reinzucht die größte Aufmerksamkeit zugewendet toerben. Tie Kreuzung fei das Hauptübel, das der hessischen Landwirtschaft im Wege stehe. Jedenfalls sollten die Kreuzungen von der Prämiierung ausgeschlossen werben.
Oekonomierat Walter empfiehlt, ben vorgelegten Grund- plan anzunehmen, denn er entspreche ben gegebenen Verhältnissen. Beim Rindvieh gehe die Erneuerung einer reinen Rasse nur langsam vor sich und deshalb seien viele Landwirte nicht in der Sage, reine Rassen, sondern nur Kreuzungen zu züchten, wollte man bie letzteren nicht prämiieren, so würden viele Teile des Odenwaldes ganz von der Prämiierung ausgeschlossen werben.
Abg. Bauer schließt sich biefen Ausführungen an und macht auf den tiefgehenden Einfluß aufmerksam, den Boden und Klima auf die Rindviehzucht ausübten. Es müsse bei der Feldbereinigung mehr Wcrt auf bie Anlegung von GemerndeweÄ>en gelegt werden, was auch im Interesse der Rassezucht geboten sei.
Ministerialrat Tr. U s i n g e r ist dankbar für die letzteren Anregungen uNd erklärt, daß namentlich für die Anlegung von Viehweiden Sorge getragen würde. Leider sei oft schon der gute Wille am Widerstand der Gemeindevorsdände gescheitert.
Lb.r»andstallmeiskr v. Wittich erklärt, auch für bie Pferdezucht fei eine gute Weide die Hauptsache; es sollte bei Anlegung von Jungviehweiden auch auf die Fohlen Rücksicht genommen werden.
Nach einigen weiteren Reben wird ein Antrag Weil-Laug- Göns, bete, die Errichtung von Zuchteberstationen, ein Antrag Brauer, betr. bie Schaffung von Jungviehweiden und ein Antrag Trautmann, betr. bie Beschaffung von Tummelplätzen angenommen. Darnach gelangt auch ber Grundplan mit verschiedenen unwesentlichen Abänderungen zur Annahme.
Der Grundplan zu Förderung des
Obst-, Wern-, Garten- und Gemüsebaues erfordert ebenfalls eine sehr ausgedehnte Beratung. General- fefretar Dr. Ai ü U e r befürwortet die vorn Vorstand vorgesthlagene Fassung und betont besonders bie Notwendigkeit der Arbeitseinteilung auf diesem Gebiete unb bie Notwendigkeit der Mitarbeit ber Fachschulen an der Förderung des Obstbaues. In der Debatte werden namentlich die mit zur Beratung stehenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Gelbsucht der Weinberge unb der Bekämpüing der Rebschädlinge mit Ausnahme der Reblaus, sehr eingehend erörtert. Ter Grundplan wird schließlich genehmigt. Die hierzu gestellten Anträge werden angenommen, darunter ein solcher betreffend die Errichtung von Rebschulen.
Ein Antrag des Bezirksausschusses L i l b e I betr. die Abhaltung von P f e r b e m u st e r u n g e n geht dahin, baß die Pierbe-- mufterungen geht dahin, paß die Pserdernusterungen nur in ber Zeit vom 10. November bis 1. März (in den höheren Lagen bes Odemoaldes unb des Vogelsbevges vom 1. November bis 15. März) trorgenonnnen toerben sollen. Tie Musterungen sind in jeder Ge- mernbe unb bei solchen Pferdebesitzern, bie 10 unb mehr Pferde besitzen, an £rt und Stelle vorzunehmen. Einzelne Besitzer, die bis 1 Kilometer von der Ortsgemeinde wohnen, sind gezwungen, ihre Pferde zur nächstgelegenen Pferdenmsterung zu bringen. Für mehrere einzelne im Umkreise bis zu zivdi Kilometer liegende Gehöfte ist eine besondere Musterung vorzunehmen, wenn diese zusammen 10 oder mehr Pferde besitzet:. Für Unfälle und Schäden, die infolge ber Abhaltung ber Pserde- musterungcn entstehen, soll die Militärbel-örde haftbar gemacht werden. Oberregierungscat T-r. Heinrichs hält die Wünsche ber Landwirte zwar für berechtigt, aber auf Grund ber Bestim- mungen über Pserdemustcrung unb Aushebung vom Jahre 1902 für schwer annehmbar. — Oekonoinierat Fritsch tritt für Haftbar machung des Staates bei Unfällen auf der Musterung ein. Ter Antrag wird schließlich angenommen. Ein Antrag Dr. Deh- linger-Weilerhof auf Ermäßigung ber Kohleneinsuhr- tarifc und Erhöhung ber Ausfuhrtarife lautet: Die Regierung ist zu ersuchen, mit Nachdruck an geeigneter Stelle dafür einzutreten, daß Maßnahmen gegen die Kohlenteuerung ergriffen werden. Ter Antrag wird nach langer Debatte angenommen.
Ohne Debatte bewilligt sodann die Kammer 2000 Mark zur Errichtung eines L i e b i g d e n k m a l s in T a r m st a d t. (Beifall.)
Ten letzten Punkt der Tagesoronung bilden Entscheidungen über die Wahlen zur Lanbwiitfchastslämmer. Es haben sich im ganzen 9 Beanstandungen zu Wahlen der Vertrauensmänner er
geben, die sämtlich nach den Anträgen des Ausschusses erledigt wurden. .
Tie Wahlen ber Kammermitglieder Höhn-HeppenherM, Mogk-Gau-Schwalhcim unb Valentin Lösch- Wald-UclverSheim werden für ungültig erklärt.
Am Schluß bet Hauptversammlung widmet der Präsidettt Haas dem fdjeibenben Generalsekretär Müller roarmc Worte ehreirden Nachrufes und der Anerkennung seiner Verdienste. , Tie Mitglieder erbeben sich zum Einverständnisse damit von den Sitzen. Herr Dr. Müller bittet, ihm ein freundliches Andenken zu bewahren. Daraus wird die Hauptversammlung geschlossen.
Ans sraöt itttO
Gießen, 25. Marz 1908.
• * Tageskalenber für Mittwoch, 25. März. Stadt- lheater: Die Wildente. Anfang 8 Uhr.
* • Der heutige Tag ist „Mariä Verkündigung"'» An diesem Tage treffen nach dem Volksglauben die Schwalben aus ihren Winterguartieren im sonnigen Süden wieder bei uns ein, um sich wieder in der Helmat bequem zu machen. Diesmal lächelt sie den graziösen Vögeln einen recht gastlichen Wlllkommengruß entgegen; eine malenwarme Sonne lächelt über den Auen, an den Sträuchern tritt das erste Grün hervor und das Orchester der Amseln, Stare und Fmken musiziert schon munter darauf los und harrt auf den zwitschernden Einsatz der schwalbenschwänzigen Kameraden. Am Sonntag sahen wir auch das erste Storchenpaar dieses Lenzes. Die Ankunft der Störche beweist uns die Dauer des Frühlings.
* * Eine neue Gebührenordnung für Hebammen tritt am 1. April d. I. m Kraft.
* * Ein neues Anschlußbahngeleis. Dem Fabrikanten Karl Bänninger in Gießen wurde vom Mi- niflerium der Finanzen die jederzeit widerrufliche Erlaubnis erteilt, von seiner Fabrikanlage ein Anschlußgleis an das Hauptgleis der Strecke Gießen—Gelnhausen in km 1,830 anzulegen und durch die Eisenbahndlrektion Frankfurt a. M. mit Lokomotiven betreiben zu lassen, lieber den Betrieb werden noch besondere Bestimmungen erlassen werden.
* * Eine 3»bienreife. In der Sektion Gießen des deutschen und österreichischen ÄlpenvereinS sswach am letzten Vereinsabend Chemiler Tr. Renning Über seine im Vorjahr aus- ge führte Reise nach Indien. Der Vortragende, der sich etwa 1 Monate im fernen Wunderland des Ostens auf hielt, hatte während dieser Zeit Gelegenheit, einen tiefen Einblick in das dortige Leben unb Treiben zu gewinnen, ben er nunmehr in Wort und Bild den zahlreich erscknenen.m Sektionsangehörigen vermittelte. T^er auf dem österreichischen Lloyddampser „Vohemia" von Triest aus ausgeführten Seereiie nach Bombay folgte eine Besichtigung ber Stadt, während bie Vorbereitungen zur Landreise getroffen wurden. Tie Stadt ist in die Europäerstadt und die Eingeborenenstadt gefchieden, die bell): eingehend geschildert mürben. Besonderes Jntereße erregte die Schilderung der Begräbnisstätte der Parsen auf Malabar Hill, wo die Leichen in den Türmen des Schweigens Aasgeiern zum Fressen vorgeworfen luerben. Ein weiterer Besuch galt Elepanta mit )einem alten Felsentempel, der ein gigantisches Werk dar stellt. Inzwischen war die Ausrüstung zur Landreis.' fertig geivorden. Auf einem kleinen Küftendainpfer schiffte die Reffe- geiellschaft sich ein, um ch herrlicher Fahrt Goa zu erreichen, in dessen Umgebung unser Reisender nach Erzschätzen forschen sollte. Nach kurzem Aufettthalt in einem sehr schlechten Hotel fuhr man ben Fluß Creek hinauf, welche Fahre Ijerrliebe Landfchaftsbilder bot. Tann folgte ein längeres Zeltleben, das bei anstrengender beruflicher Tätiakeit sehr beschwerlich war, aber auch schöne Einblicke! in die landschaftlichen Reize und das Volksleben Portugiesisch--- Indiens bot, das nicht viel ton Europäern besucht wird. Ten Schftlß des Vortrags bildete die anschauliche Schilderung eines Hindufestes bei den Tcmpelanlagen zat Shroda. Tie Hindube- völkerung ist durch das Nama in die Konfessionen ber Shiwaanbeter lShiwa-Zerstörer) und Vishnuanbeter (Vishnll gleich der gütige Welterhalter) getrennt. Diese beiden Gottheiten treten ebenso wie ihre (Sternafytinnen in vielfältigen Verkörperungen und unter ebenso vielen Namen auf. Um jede bevorzugte Lieblingsgöttin hcriim, ber besonders kräftiger Beistand in allen Lebenslagen zwi geschrieben wird, bilden sich die vielen einzelnen Sekten. Tas Narna- zeickMi der Vishnuiten hat die Gestalt einer römischen V, auf der Stirn angebracht, bei den Frauen ein buntfarbener Punkt an der Nasemvurzel. Die ton alterZher stammende Einteilung in Gesett- schaftsklassen od. Küsten: Brahmanen-Priester u. Gelehrte; Latrijas entsprechend unserem Adels-, Militär- und Beamtenstande; WaishyaL oder Ackerbauer und Gewerbetreibende; Shu- dras niederste Kaste, Arbeiter und Kulis. Unterkasten ober Tjatis üben gleichsam eine private Polizeiaufsicht aus über alle ihr« Angehörigen unb regeln alle K astenangelegenhellen. In dieser Kasteneinrichtung, die die Bevölkerung in unzählige kleine Teile mit besonderen Privatinteressen trennt und in dem Haß ber Hindus gegen bie Moslims liegt die Möglichkeit, daß England mit einer Handvoll Leute das große dichtbevölkerte Indien regieren kann. — Tas Fest galt der höchsten Glücksgöttin Camaxcha Säuerte einige Tage. Trommelschlag unb Flötenspiel verkünbeten den Lln- scmg des Tomaschos (des eigentlichen Festes). Magnesiumbeleuck)- tung (das einzig Moderne) verwandelte die Nacht in gespenster- haften Tag. Tie Gottheit in vergoldetem Thron auf einer Bahre, die von Jünglingen getragen wurde, sah den Tanzenden der Bajaderen, Tempeldienerinnen, Nautchgirls zu Tiefe in kostbaren golddurchwirk- ten Gewändern nrtt gvldnen Ohren- und Nasengehängen, mit goldenen Spangen an Armen und Füßen tanzten und sangen. Graziöses Chassirren mit graziösen Körper- und Handbewegungen zeichnete sie aus, dazu schötrer Wuchs und stolze Haltung. Tiese dtautchgirls gehören zu der Untertafte der Naigrns, sie dürfen nicht heiraten. Nach den Tänzen brachte man die Gottheit in ben Tempel auf vergoldetem Thron, theatralische Aufführungen von 3 Braymancn. Mit Morgengrauen folgte das Ende des Festes, alle von nah und fern herbeigeströmte Hindu legten sick) zur Ruhe in den Tempelvorhof. — Tem durch zahlreiche gute Lichtbilder sehr anschaulich ge- machteir Vorwag folgte lebhafter Beifall. Ten Schlutz )einer ru- tere,faulen Reiseschilderung wird Herr Tr. Reuning an einem der nächsten Sektionsabende vortragen, worauf Interessenten jetzt schon aufmerksam gemacht seien.
*• Ration al liberale Versammlungen. Letzten Freitag, 22. l. Mts., sprach O. Riedel an§ Gießen für die nationalliberale Partei in Treis a. d. Lumda über unsere Reichspolllik. Eine Diskussion schloß sich dem Vortrage nicht an. Am Samstag, 23. I. Mts., referierte derselbe Redner m Altendorf a. d. Lumda. Der Bauer'sche Saat war dis auf ben letzten Platz beseht. Lehrer Adam eröffnete und leitete bie Versammlung. Tie Ausführungen des natioualllberalen Redners wurden beifällig aufgenouunen. Rur ab unb zu glaubte einer der Anwesenden Zivischenrufe


