Ausgabe 
18.12.1908 Zweites Blatt
 
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Freitag 18. Dezember 1908

Nr. 398

Zweites Blatt

Ettchelnl täglich mit Au-nahme deS Sonntag».

158. Jahrgang

Rotationsdruck und Verlag der Vrüblich« Unwersuäls Buch- und StemDrudetcL 5L Lange. Gießen.

Redaktion, ErvedMon und Druckerei: Schul­straße 7. Exvedinon und Verlag: 5L

Redaktion:112. TsU-AdruAnzeigerDießen.

Dielßteßener §amiltendlStler** werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsbiati für den Krtts Gießen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit» tragen" erscheinen monatlich zweimal.

A-oIße teilte and) Oesterrcich-Ungaru ber hohen Pforte und den Mächten mit, c_> habe sich entschlossen, Bosnien zu annektieren, dessen vorläufige Besetzung ihm i>urd> den Berliner Vertrag an- vertraut nun. Diese beiden wichtigen Ereigmsse, die das Recht und bic Beziehungen zu uns verletzen, riefen unser lebhaftes ' coauent hervor. Infolge dieser Verletzungen überließest mir v^> unserem Ministerrat, daß er für die nötigen Anordnungen zur Verteidigung des Staatsrechtes sorge. In diesen Fragen sowohl, wie überfallet in der ganzen Angelegenheit wünschen mir die Unterstützung und den Beistand des 'Ifariümcnte. Bei den guten

Vor 100 Zabren.

DieNordd. Mlg. Ztg." schreibt: Im Ministerium der Oeffenllichen Arbeiten zu Berlin hat gestern vormittag eine Fest­sitzung zur Erinnerung an die vor 100 Jahren durch Publikanoum Dom 16. Dezember 1808 ins Leben gerufene Neuregelung der obersten Verwaltungsbehörden des preußischen Staates stattge­funden. Minister Breitenbach eröffnete sie mit einer Ansprache und gab die an Beamte des Ministeriums aus diesem Anlaß Der-

kleines Feuilleton.

Die Errichtung einer Professur für Luft­schi f f a h r t w i s s e n j ch a f t an der Technischen Hoch­schule zu Charlottenburg. Wie die Internationale Prcß- Eorrespondence aus bester Quelle erfährt, hat die Technische .\)^ schule Charlottenburg beim Ministerium den Antrag gestellt, einen Stuhl für Luchdnfsahrtswissenschast errichten zu bürten. Das Ministerium hat bis dato seine biesbezügliche Entscheidung noch nicht lundgegeben. Die Errichtung der Professur kommt auf jeden null für daS nächste Jahr noch nicht in Betracht, da in den Etat für das kommende Etatsjahr, welches Dom 1. April 1909 bis zum i. April 1910 läuft, die erforderlichen kosten noch nicht eingestellt worden sind. Da man sich aber an der Technischen Hochschule 'N' Charlottenburg die Verbesserungen und Erfahrungen auf dem bCbiete der Luftschissahrt, welche bis 1910 gemacht werden können, zu Nutze machen will, besteht bie Absicht, vorläufig eine Dozentur für Lustschifsahrt zu errichten, um dauernde Fühlung mit der Praxis zu behalten. Späterhin durfte bann bic ordentliche Pro­fessur der Abteilung für Schiff- und Schiffsmaschinenbau an» gegliedert werden.

Dokto rpromvtion eines Blinden. In der vhftosophisd^n Fakultät der Universität Würzburg erwarb sich der seit einigen Jahren erblindete frühere Offizier Eugen G reuen die Dokwrrnürde. Dies ist die erste Toktorprüsui g, die ein Blinoer an der Würzburger Hochschule seit ihrem Bestehen abgelegt hat. Greven studierte zuerst in Piarburg.

Heber ein Telemach-Drama Gerhart Haupt­manns berichtet eine Berliner Korrespondenz: Während das Berliner Lessingtheater sich rüstet, Gerhart HauptmannsG r i - selda" auszuführen, ist der Dichter mit der Abfassung eines neuen Dramas, dessen Plan ihm auf seiner griechischen Reise ge­reift ist, beschäftigt. Es stammt aus der fcomerifdjen Welt und trägt den NamenTel e mach". Der ^ohn des Odysseus bat bekanntlich schon den alten Fsnelon zu seinem vielgerühmten Erzielmngsroman begeistert. Gerhart Hauptmann will das große Motiv von einer neuen Seite erfassen. Er will die Gestalt mit modernem Empfinden sättigen und ihr doch nichts von der Hoheit und den klaren Konturen der Antike nehmen. Da es also gilt, den großen Stil zu wahren, schreibt Hauptmann sein neues Drama tn Versen. Es ist interessant zu beobachten, wie sehr auch unsere modernen Dichter sich von der Antike angezogen fühlen. Nach-

liehenen Auszeichnungen bekannt. In der Festrede gab bann einer der Räte des Ministeriums ein Bild der Organisation der obersten preußischen Verwaltungsbehörden vor Erlaß des Pubtt- kanbums vom 16. Dezember 1808, sowie des Wesens und der Entwicllung der durch dieses geschast'enen neuen Zentralbehörden, besonders des erst im Laufe dieser Entwicklung entstandenen Mr- nifteriumd der Oeffentlichen Arbeiten.

Ter neue deutsche Botschafter in Rom.

lieber Herrn v. Jaqows (Smcnnung zum Botschafter in Rom zeigt sich die italienische Presse andauernd sehr befriedigt. Plan ei wähnt, daß Jagow Jahie hindurch zu Herrn v. Büloipß ver­trautesten Mitarbeitern zählte, als der Reichskanzler Botschafter in Rom war, und weift auf die Kenntnisse der italienischen Verhält­nisse hin, die er m Rom zweifelsohne gewonnen. Bemerkenswert ist, was die einflußreiche Turiner ,-5tampa* schreibt:Tret Jahre trennen uns noch votn Veiiallsterniin des Dreibundes. In dieser Zett wird Rom die Stätte einer regen diplomatischen Aktion sein, aus der einen Seite mit dem Endziel, Italien im Dreibünde zu halten, ach der attbercu Seite, c8 zum Ausscheiden aus dem Drei» hnnve zu bestimmen. Und die An'gabe des neuen deutschen Bot­schafters ist um so schwieriger, als er gegen einen so furchtbaren Ge.mer wie den iranzüsiichen Botschafter Barrsre wird ankamo'en müssen . . . Will Deutschland die schlechte itage des Dreibundes verbessern, so muß es ertiftlich darauf bedacht fein, zwischen Italien und Lesterreich eine am der Anerkennung des italienischen Rechts und Der italienischen Gleichberechtigung beruhende gute ©mente herzustellen." DieStampa" schließt mit der Hoffnung, daß Herr v. Jagow für die Wünsche Italiens volles und herzliche» Bev- flöndnis empftnden werde.

dem HofmannsthalsElektra" und sein DramaOedipus" und dieSphinx" den Reigen eröffnet hatten, kamen Stephan Zweib mit dem jüngst in Dresden ausgcführtenThersites", und Schmidt- Bonn mit dem stofflich nah verwandten VersdramaDer Zorn des Achilles". Nunmehr gesellt sich ihnen auch noch Gerhart Hauptmann mit feinemTelemach" hinzu.

Großstadtkultur. In Berlin werden jetzt folgende Prospekte versandt: Ohtübige Frau! Nicht selten geschieht es, daß bei Privm stlichkeiten der eine oder andere gelaoene Herr ausbleibt, ober uch unerwartet ein Plus an Damen ergibt, ober aber, Sie möchten Ihrem Feste durch gesangliche oder deklama- wrische Darbietungen besonderen Reiz verleihen, ohne indessen berufliche Künstler hinzuzuziehen, fo genügt ein telephonischer Anruf unseres seit Jahren bestehenden InstitutesGastsreund", um Ihnen au5 der Verlegenheit zu helfen. Wir stellen zu jeder Gelegenheit Herren, die sich sonst in durchaus gesicherten Positionen befinden, unb denen ei. nur an genügend r Gelegenheit fehlt, sich gesellschaftlich zu betätigen. Daß es sich um nur hochgebildete Herren her besten Gesellschaft handelt, erweist der Umstand, daß sich unter den Herren, bie durch uns Anschluß fudten, in der lieber* zahl Akademiker, Reserveoffiziere, Baumeister, elegante Kaufleute befinden. Gnädige Frau dürfen versichert sein, daß es keine Gelegenheit gibt, bei der wir Ihnen nicht auf bic diskreteste Weise aushclsen. Ter pekuniäre Teil wird nur mit unserer Repräsen­tantin erledigt: die Höhe desselben hängt von den besonderen Wün­schen der gnädigen Frau ab. Auch für andere Verlegenheiten schafft unser Institut Abhilfe, so gibt es alleinstehende Tarnen, welche daran Anstoß nehmen, nach dem Besuch eines Theaters ein Re­staurant allein auszusuchen oder sich sehr gern einmal Berlin bei Nackst an sähen. Für diesen Zweck stellen wir Führer, die eben­falls nur der besten Gesellsdraft angehören, und sich ihrer Auf­gabe mit dem größten Takt entledigen. Ebenso sind stets Zeugen zu amtlichen Handlungen, wie Taufen, Trauungen usw. zur Stelle. Es ist in einer Großstadt wie Berlin keine Seltenheit, daß ein vielleicht schon in gereiftem Alter befindliches Paar heiraten möchte, ohne indes aus begreiflichen Gründen aus dem Bekannten- und Äerwandlenkreise Trauzeugen zu wählen. Dadurch, daß mir diese stellen, ist es den Herrschaften in die Hand gegeben, sich eventuell peinliche Situationen zu ersparen, und es ihren ge­tonnten zu überlassen, sich mit den Tatsachen abzufinden. Wir bitten Sie also, gegebenenfalls sich an unser Institut zu wenden und begrüßen Sie in dieser Erwartung mit vorzügli^er Hochachtung

4?oUtijche Ca^estdian.

Immunität der Regierur.gSverlreter im Parlamente.

Wie derii.-'H.* von maßgebender «teile erfährt, ist die Nach- eicht eljäififcber Blätter, daß das ReichSgencht die Immunität der Regieiungoverlreter in den Parlamenten als zu rectu bestehend ancilannt habe, burdian» unzutreffend. Rach dem in Preußen und arich im Elsau gellenden Rechte muß vor Einleitung eines Strat- verfahiens gegen einen Beainlen zunächst die Borirage entfelueden weiden, ob der Beamte m dem gegebenen Faste feine Amts- befngntfse übeifchrilien habe. In diefem Falle bandelte es fiel) um eine SUage gegen den Siaatsfekreiär Zorn von Bulach icegeu an­geblicher beleidigender Aciißerungen im Landesausfckuiß. Der Statthalter von Elfaß-Ldthrmgen unicrbteiieie diefe Boiiiage dem Reirtisgericht, und dieses hat lediglich emfchieden, daß der «taats- ietretär feine Anstsbemgmste nicht nberfchritteii habe. Jn'olge diefer Entfcheidnng darf der Klage gegen den Ltaatsfekietär keine Folge gegeben werden.

, Znvalideuversicherung.

Zur Beratung von Berwaltungsfragen der Jnvalidenver-- sicheruna trat vorgestern im Reidssversicherungsarnte unter dem Bor fitz deS Präfidenten Tr. Kaufmann eine Konferenz von Ver­tretern der Landesversicherungsämter, der Jnvalidenversicherungs- anstalten unb ber m gelassenen Llasseneinrichtungen zusammen. Die Konferenz beschäftigte sich zunächst mit dem Mißstand des Ein­tritts älterer Personen in die Versicherung, die alsbald um eine Rente einfommen. Es bestand Einverständnis darüber, daß die Versicherungsträger der Angelegenheit ernste Aufmerksamkeit zu­wenden müßten. Alsdann wurde eine Kommission mit der Fest­stellung von Mustern zur ärztlichen Begutachtung und zu Anttägen auf Berücksichtigung einer Invalidenrente beauftragt. Die Ver­sammlung verwarf die Aufstellung einheitlicher Grundsätze für die Bewilligung von Heilverfahren. Mit Bezug auf den Alkohol­mißbrauch wurde eine sorgfältige Auswahl der in Fürsorge zu nehmenden Personen empfohlen. Ferner wurde die Nutzbarmad)ung der Fortschritte der medizinischen Wissenschaft für die Feststellung des Zustandes der Lungenkranken befprodjen und eine lebhaftere Beteiligung der Versicherungsanstalten an der Bekämpfung des Lupus empfohlen. Dagegen wurde eine Beteiligung an den aus ärztliclien Kreisen angeregten Bestrebungen, leicht lungenkranke Arbeiter in Deutsch-Südivestafrila anzusiedeln, nicht für an ge­zeigt erachtet. Nordd. A. Ztg.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gbcrheffen

Gastfreund". (Folgen Namen und Adresse der Inhaber.) Die Tägl. Ndsch." bemerkt dazu: TieAkademiker, Reserveoffiziere, Baumeister und elegante Kaufleute", die derGastfreund" anbietet, müssen weit gekommen sein. Leider istdem Anerbieten kein Preislurcmt beigefügt, so daß man nicht weiß, wieviel der Inhaber eines Ordens Vierter ober britter Klasse kostet. Besonders scheint es auf alleinstehende Tarnen abgesehen zu sein. Aus dem Auslande haben wir schon mehrsad; von derartigen menschenfreundlichen Geschäften gehört. Bei uns zu Lande dürfte diesesSnftitut" aber doch wohl das erste seiner Art sein und wird hoffentlich auch das letzte bleiben.

Der kneifende Serben Prinz. Eine heitere (Sfe* schichte vom serbischen Kronprinzen Georg macht in den diploma­tischen Kreisen Belgrads die Runde Tie Gemahlin eines Ge­sandten erzählte jüngst, sie langweile sich bei den Festessen im könig­lichen Konak, es könne da zu keiner angeregten Unterhaltung kommen, weil die Gaste des Königs so weit voreinander ent­fernt sitzen, daß man, um sich mit dem Nachbar zu unter batten viel lauter sprechen müßte, als e» in der guten Gesellschaft üblich ist. Bald erfuhr bie erwähnte Dame von der Gemahlin eines Kollegen ihres Mannes, so erzählen bie M. N. N., den Grund dieser seltsamen Tiscßorbnung. Kronprinz Georg, der tatendursttge Tauerredner des serbischen Hoses, ist für Damen ein sonderbarer Tischnachbar. Er liebt es, ihnen seine Bewunderung allzu deutlich, allzu fühlbar zum Ausdruck zu bringen. Er kneift sie. Um nun bic Tarnen ben viel zu feurigen Huldigungen des jungen Mannes zu entziehen, setzt man sie so weit von ihm, baß er sie nicht fassen kann, uno bie einfachsten Grundsätze der Symmetrie gebieten cs nun, baß auch die übrigen Gaste bes Königs nxiter voneinander gesetzt werden, als es in der Gesellschaft gut erzogen« Leute der Fall zu sein pflegt.

Kleine Ehromk aus Kunst und Wissenschaft. Tie Sch'.netter iingsammlung (Lepidopteren) des verstorbenen Wür-- burcer Zoologen Earl Semver ging durch Kauf in den Besitz des Museums der Semtenoergischen Natur pirschenden Gesellschaft in Frankfurt a. M. üver. Tic österreichische Postver­walt u n g bcaosichrigt im näa.ften Jahre den Bau einer dritten Telephonverbindung Wien-Berlin und den Bau einer i-ireiten Linie Wien-Frankfurt a. M. jum Nachfolger des in den Ruhestand tretenden Steotbaurates Ge. ui ratPledbe- mann in Berlin wurde Stadtoaumspektor BLTg-Frank» surr tu M. gewählt.

Beziehungen, wie sie zwischen unserem Reich unb allen Mächten bestehen, hoffen toir fe|t, daß unter dem Beistand bet befreundeten Großmächte bie schwcbenben politischen Fragen eine gute Lösung inben werde. Es ist unser lebhafter Wunsch, daß bie Finanzen in Drbnung gcbradst unb bas Gleichgewicht bes Budgets her- gestellt, die Wohlfahrt unseres Reiches gefördert und die Zahl >er Schulen vermehrt wird und daß diese selbst reorganisiert werden zum Zwecke der Verbreitung der Literatur, der Künste und der landwirtschaftlichen Kenntnisse. Ferner wünschen wir, Daß unser Landheer und unsere Flotte vergrößert und vervoll­kommnet weiden und wir hoffen auch, daß die Abgeordneten id, der Mühe unterziehen werden, die bicsoezüglichen, von den verschiedenen ftaatlid>en Departements ausgearbei^eten Gesetz-Ent­würfe zu prüfen, um Gesetze zu schaffen, die der Genehmigung des Senats unterbreitet weroen können. Indem wir unferm Land Glück und Segen wünschen, wollen mir heute me Kammer eröffnen. Wir wünsdcm der Nalion ein glückliches Gedeihen. Unser Ver­langen, das Gleich her Verfassung gemäß regiert zu sel-en, ist fest uiid unabänderlich. (Langanl>iltender Beifall und Hochrufe auf oen Sultan.) Gott möge gcven, daß die Arbeit der deputierten» [ammer dem Lande zum Segen gereichen. Möge das Reich jeg- licher Mohlsahrt teilhaftig werden. Der Allerhöck-stL verleihe uns allen Erfolg. (Beifall.) , w

Nach der Bencsuiig der Thwnrede begab sich Galib Pascha m Die Diplomatenboge und überreichte dem diplomatisd-eu Kürps die Grüße des Suitans, der auf uic Unterstützung der Großmächte oei der Neugestaltung der Türt.'i hoffe. Der deutsche Bolfchoster bautte im fJtar.ien des diplomatisd)en övorpö und sagte den Beistand der Gwßmächte zu.

Dcm neu eruiineten türfifdicn Parlament sind inzwischen aus aller Welt Begrößungs- und GlüdwunsdZteiegramme zugegangen, so u. a. vom itaiienifdpen Senate und der Dcputierienkanimcr, des­gleichen aus Frankreich und Gried>enland, von der üulgarifd)cn Sobrattje und der serbisäzen Skapschtina.

Die Eröffnung öes türlijchen Parlaments.

In der Türtei hat sich gestern ein Ereignis von geschicht- 1 kicher Bedeutung vollzogen, die Eröfftrung, richtiger die Wieder­eröffnung des Parlaments Das erste türkische Parlament, d..s auch in der g.stern verlesenen Thronrede ernxchnt wurde, ist allerdings gar nicht in Funktion getreten. Die Anwendung der Verfassung war jahrzehntelang susp.tidiert. Daß das neue Parlament lebens- fähiger sein wird als das erste türLid.e Parlament, das am 19. März 1877 eröffnet mürbe, scheint ber ganzen heutigen Zeit­lage nach gewiß.

Tie fltikigc Eröffnung des neuen otlomanisd-en Parlaments verlies ohsre Zwischcrrfall. Eine tausendköpsigc Menge füllte alle Zufahrtsstraßen. Um 12 Uhr versammelten sich die Abgeord­neten rm Sitzuirgsiaale. Vor der Präsidententribünc nahmen die Minister, die staatlichen und gciitlichen Würdenträger, zur Rechten das diplomarisdst MDrp», zur Linien bic Senatoren Platz. Tie Uni formen unb bunten Talare bildeten ein farbiges, eindruck- volles Bild, aus dem sich die in ein weißes Gcwand gekreidete Gestalt des Scheich-ul-Jslam avhob. Tas diplomatisd)e Korps hatte sich in ber englischen Botschaft versammelt und fuhr in corpore vor, Botschafter Frhr. v. Marsclfall als Doyen an der Spitze. Kurz nach 1 Uhr erschien der Sultan, geleitet von mehreren kaiserlidstN Prinzen, von der Versammlung stehend in lautloser Stelle begrüßt. Der erste Sekretär des Sultans verlad die Thron­rede, bie i.hm der Großwesir äoerrcidjie. 'Nach der Verlesung wurde ein Gebet gesp.-od)en, wiihrend die Kriegsichisfe im .Hasen Salut schossen; Mutik setzte ein; die Menge brach in Jubelrufe aus. Nach Beeendigung des Gebetes sprach der Sultan mit kaum hör­barer Stimme folgende Worte an die Abgeordneten: Ich freue jivd*. Sie als xk-tUeter meiwS Voltes versammelt zu sehen und puffe, daß Sic zum Hcil und Segen für die Entwickelung und den Fvctschritt t> Guides arbeiten loerbcn und wünsche dazu reichen Elfolg. Hieraus verließ der Sulurn den Saal. Die ganze 3ercDu?nie tz^ite kaum eine Giene.stunde gedauert. Der Sulian, der deu Weg zu Wagen zurücklegte, wurde auf ba Hut- und sJlüdfabrt von ber Bcoölkeruiig stürmisch begrüßt.

'Jiadbem der Sutmn das Partauicnt vectassen hatte, nahm der Großwcsir bie Vereidigung de r A b g e o r d n e t e n vor. Jeder eulzctne der erschienenen Avgeordneten trat vor und leistete folgenden Eid: Ich schnnire, so lauge der Sultan, der geschworen bat, die Verfassung zu rcfpeMeren, an der Versassungüurkunde teitjuijülten, von der Treue nicht zu roeid>en, treu zu fein den Voisch-riften der Verfassung, mein mir aufgetragenes Amt unb mich vor allem Gegenteiligen fern zu hatten. Nad) dem Schwur der Abgevroneten nahm ber Atterspräsibent und ine poov'.forisd,en Sekretäre chre Plätze ein. Der Alterspräsident, tin Abgeordneter aus Trapezunt, vertas seine Antrittsrede. Daraus übergab jeber Abgeordnete das Protokoll seiner Wahl unb bas .Haus trat zur BilbunF der notwendigsten Komm.ssionest zusammen.

Die Thronrede I)atle folgenden Wortlaut:

Senatoren! deputierte! Infolge der Schwierigkeiten, denen die Anwendung der Verfassung begegnete, die wir bei unserer Thionbesteigung in taft setzten, unb da die hohen Staatswürven- itäger es als ^Notwendigkeit bezeid;neten, wurde die Kammer da­mals provisorifd) geschlOisen uni) die Anwendung der Verfassung suspendiert, bis die Bevölkerung zu bem Grade des Fortschritts gelangt wäre, bic man von der Förderung des öfsentlid>en Unter­richts erhoffte. Und bie Zujammenberufung der Kammer werbe bis zu diefer erwünsdsten Zeit hinausgcsd)obcn. Wir widmeten unfere Bemühungen der Sdjaffung von >L>chulen in allen Teilen unseres Reiches. Tank der Gnade Gottes wurde dieses Ziel erreicht. Infolge der Förderung des öffentlichen Unterridfts hob sich die kulturelle Höhe aller Klassen der Bevölkerung. Aber infolge des in der Oeffentlichkeit hervvrgettetenen 2Junsd)es und im Hinblick darauf, bau dieser Wunsch gegenwärtig unö zukünftig das Wohl­ergehen unferes LanbeS zu sichern geeignet ist, zögerten wir nicht, trotz berjenigen, »veldze gegenteiliger Ansicht waren, von neuem die Verfassung zu proklamieren. Wir ordneten neue Wahlen tut. und beriefen von neuem bie Kammer zusammen. Infolge ber Veränderung im Verwaltungswcsen vertrauten wir die Würde des Großwcsirats Küimil Pasckm an; aber während dec unter seinem Präsidium ^isammengetretcnc Ministerrat mit der Or­ganisation ber neuen konstitutionellen Regierung beschäftigt war, erhärte bei Fürst von Bulgarien und der Mali tun Ostrumclien aus irgend einem, mit der -treue gegen unser Reich nicht zu ver­einbarenden Grunde die Unabhängigkeit Bulgariens. In der

Ministerpräsident Bienerth nnd Annexion Boraten»-

Miuijierpra,ii,ent xx«run löicnecip hielt gestern bef Beratung der Annexions-Vorlage int Reichsrat eilte längere Rede, in der er besonders warme Ausdrücke fand, um die Sympathien Oesterreich-Ungarns für daS Conftitutixmelle Re­gime tn der Türkei zu kennzeichnen. Er sagte, Oesterreich- Ungarn sei bereit, diese großen Sympathien durch jedes mög­liche Entgegenkommen zu erhärten. Auch sur die Konseren^- Joee trat der Minister sehr lebhaft ein unb bezeichnete den Zusammentritt der Konferenz als höchst wünschenswert. Er wies darauf hin, daß Oesterreich-Ungarn außer der Türkei der einzige Staat gewesen ist, der zu den 9 Konferenzpunkt« sofort nach ihrer Mitteilung Stellung genommen habe. Der Minister teilte mit, daß sich die Vorlage über die Provinziul- Verfafsung Bosniens und der Herzegowina bereits in der Ausarbeitung befinde. Die Rede fano im Reichsrat großen Beifall. Ueber die Erklärung, die ber Ministerialpräsident nachmittags im Reichsrat übereinstimmend mit Baron Aehrenthal ab gab, sagt dieNeue Freie Presse": Die Er­klärung bestärke in der Hoffnung, daß die Verhandlungen mit der Türkei zu einem friedlichen Ergebnisse führen wer­den. Die türkischen Staatsmänner müßten zu der Ueber- zeugung gelangen, daß die türkischen Balkan-Interessen durch ein Einvernehmen mit Oesterreich-Nngarn am besten gewahrt werden. Schon auf der bevorstehenden Konferenz der Stg- natarmäebte werde Oesterreich-Ungarn der Türkei sehr nüH- lich sein können.

Venezuela hat den Krieg erklärt.

Während Eastro in Berlin lueiit und den Ausfragern! erklärt, von dem Vorgehen der Holländer gegen Venezuela nichts zu wissen, hat Die venezolanische Regierung, wie aus Newyort gemeldet wird, den Niederlanden den Krieg erklärt und zwar wegen der Wegnahme venezolanischer Kriegsschiffe. Eastro selbst hatte noch vorgestern einem Berichterstatter des BerlinerLokalanz." gejagt, daß er gar nicht an bie Wegnahme venezolanischer Ähiffe burch bie Holländer glaube. Nach einer aus Maracaibo über Willemstad eutge* gangenen Meldung wurde dort am 14. Dezember eine Kund­gebung gegen Holland veranstaltet, an deren Spitze Mit­glieder des Staatsrates standen und an der eine großes Menschenmenge teilnahm. Eine Londoner Depesche der Sun" sagt, Castro suche Deutschlands Vermitt­lung mit Holland. Er gebe in Berlin 2 Millionen" aus, womit er die regierenden Kreise und die öffenlliche Meinung zu gewinnen hoffe. (!) Castro macht sich, tote man sieht, recht amerikanische Vorstellungen von den Zu-, ständen im Deutschen Reiche. Präsident Castro empfing übrigens gestern ferne konsularischen Vertreter in Deutsch­land und dann den Professor Israel, der eine Untersuchung