Ausgabe 
2.12.1908 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 284 Zweites Blatt ' 158. Jahrgang

Mittwoch 2. Dezember 1908

tvgNch mit Nn-nahme deS Soimlagr.

Die ..Gietzener ZamiliendlLtter" werden dem ,91n6eiflei* viermal wöchentlich betgelegt, das Krctsblati für den Kreis ließen" -weunal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit« tragen" erscheinen monatlich zweiinat.

..; '

Eeseral-Anzeiger für Gberheffrn

Rotrthonlbrurf und Verlag der vrübliche» UniverfuüiS « Buch- und 6tembrudeteU tH. Lange. Gießen.

Redaktion, Ervebmon und Druckerei: kchul- ftraße 7. ErveDinon und Verlag: 6L

9ieöa(non:ea5etll2. TeU-AdruAnzergerGießen.

mit Rück-

Unbegmfiiuj ift ange|ia.>i5 oleiex wilden Pöbelausschreitungen die Haltung der Negierung, die noch immer zögert, den Deutschen Prags ausreichenden Schuir zu schielen. Unter diesen Umstanden hat das deutsche 5cvnsulat in Prag die Vertreter dec reichsdeutsä-cn Universitäten gewarnt, nach Prag zur (Jruiioftcmicgiing der neuen deutschen Universität zu Ejiitmeii. Tie Morgcnblätiec melden aus Leipzig: In einem Anschlag am schwarzen Brette teilt Rckwr Muding mit, daß er heule nicht zu der Grundsteinlegung Les neuen Gebäudes der Deutschen Universität nach Prag geht. Gleich-

Ziegler als Alvi^ul Lino fügten sich mit gutem Gelingen in ben Rahmen der ausnehmend gut gelungenen Vorbei- lung ein. Karl Neurath.

Balkan gibt zu schweren Bedenken Anlaß. Ein Krieg mit Serbien erscheint unvermeidlich und gewisse $ itriguen sind im Spiel, um auch die Differenzen mit der Türkei zu ver- schärsen. Tas trifft alles zusammen, um das Jubiläum des Kaisers zu keinem allzu freudigen zu gestalten.

Stimmungsbild aus dem Reichstage.

Berlin, L Dezember.

Arbeiterinnenschutz.

Ein kleine? sozialpoUnjches Honueiuiiel führte heute die Ver- h«nbhingen im Luzimgsiaal und förderte Den Schutz der Arbeue- i timen and Jugendlichen um ein Beträchtliches tönte erweiterte Hmmnuifion, eine Luperkonumssion, die denn auch in weientttchen Xbomfien die Beschlüsse und Vorschläge der eigentlichen tociuerbe- f ülinnilfion grintdlich rcvidietle.. Und bei dielen Ab|liimnungen iunten es nicht nur die vier oder Uini Tilgend Soziulpoliliker, die stich auch tm übrigen an der Beratung als 'Uultagsletler, Redner oder Zuhörer beteiligten, sondern, tote ein zweimaliger Hammel- tVt'.mg erivtcs, ein |iait bejchlllßfähtgcs Haus. Draußen in den BKaudelgängen, in den Wuljchailsräuineii und den Frakuons- fjiilnmcr» ivtitde cm anderer Verhantlungsllosj erörtert, und zeit- lucilig ipiclte er auch ui die Plenarbetatimg Innein, ivenn man leine Blicle nach der Bundevralseitrade richtete, wo Herr von Binhinamt-Holliveg offenbar nicht als Atinifler des Arbeilerschutzes, sondetn als -cielivmieier des Rcichslmulers eine ei'rige Unier- llO.Uung mit dem. Ptäsidenien des 'ÖleichsiagS führte. 'Uhl ge- 'jpnmuer Uluhncifinmfcil nahm man beim Schluß der Sitzung die Bi rlündung der morgigen Tagesordnung entgegen, als ob man schon heule irgend eine Seiijattou, etwa eine Debatte zur Gejchäüs- ot diiiing, crivutlei hatte.

Tie gestrige Aussprache über die Bedürfnisse und praktischen Dtöglichleilen in der Induline, die bei Den Heißsporneu und Theo- reiilern der Kommission m ihr er DifieieiitieUeii Behandlung der oetueuaieien unb unuetheiroleien Ärveiietimien in denselben Be- citeben gar zu wenig rümisichl ge'iiiiden Hane, ging auch heule noch ivc.htend eines guttn Teiles der Sitzung ivetier.

Tiesmal war es Herr Erzberger, der gemeinsam mit den Ei^ifllqcniotioieii der Aibellersarnilie ein Tanaergescheuk bot, wo­ben he aber über Ausmag und Mauve dieses erivelterleilSchutzes^ m den allen Streit gerieten. Tie Abgg. Dr. Strejemann <.$i? bt. v. Heyl, 1)1 a n i und Dr. Pachnicke brachten dagegen ireur von Den Realitäten Der inDufirieUen Technik Quigenötigten Stiandpiinll zum Ausdruck und, unterslützt von Den Verlretern auch emed Teiles der Parteien der Rechten, bei der Abslimmung ziisrn Liege. Weniger umstritten ivareii die wetterei' Bestimmungeit des 9lovelleiistücls, die sich aui die Mitnahme von Arbeit nach Hsiuse, dar Schutzalter für Jtigendliche und dte Ausnahmeiage bc- /.icben. Dem Benteler der Jndustriewünjche, Tr. S t r e i e m a n n, nellang.es mehl. Den Ucbergnng m Die neuen Verhältnisse Durch Dir Jreistellnng von sechzig Alisnahmeiagen im KaienDerjahr flau isnuzlg ditrchzujetzen. Bei den verbündeten Regierungen, die diese Regelung in ihrer Vorlage selber vorgejchlagen Hanen, sand er l'K.ie Unierstützimg, sie überließen heute*die Gestaltung der (Se- t verbeordnung völlig Dein anderen Faktor der Gesetzgebung.

sicht aus die große Gefahr keine Benr^ungen a.zuoronen uni) die bxreitS abgereistn: Gbargicrlen sofort zurückzurufen.

Bekanntlich sind auch von Gießen gestern Vertreter der Stu- irentenschasl nach Prag abgereist.

Prag.

Beatus ille homo, qui sedet in sua domo et sedet post fornacein et huuet bouam pacein. Diese Wocte aus Dem alten Prager Studentenliede haben h.ute eine ganz eigenartige Bedeutung be- Eommeiu Die Aletdungen ilbcc die Haltung des tschechischen Pobcls gegen die Deutschen Studenten in Prag werden immer bebrohlicl-er. Auch gestern vormittag ift es auf dem Graben in Prag zu großen Ausschreitungen gekommen. Die promen.erenoen Sluocmen wur­den von der Menge umzingelt und in das Stalina hmcingeDrängr. Die Passage war gestört. Die elefirifajtn Wagen stocuen, unb andere Wagen waren m die Menge eingekeilt. Rach Räumung des Grabens taten sich zwei tschechische Aogcordnete hervor. Die auf die deutschen Studenten mit Slöclen eiiiörangen, sie an den yivckcn rissen unb fließen uno ihren Rückzug in das deutschr Kafiiw erzwingen wollten. Die antidynnstisch.n Denwnstraiivnen wurden <a.uch gestern von den Tschechen fortgesetzt. Nach einer Bersammiiing tschechisä-er Studenten wurde das Carolincum aus­gesucht und eine dort angebrachte schvarz-gelbe Fahne herunter­gerissen unb bcspuclt, woraus der ganze J:_iXT tschechischen Stu­ben teil üuer bie 'öxibne hinwegging. Die Stadt bot den ganzen 'JladMnitlag über cm ausgeregles Bild. Zahlreiche Menichen-. mengen durchzogen bie St raßem NamenlÜch vor dem Casö Con- tmenuil, dem Savnneipunki oer dcuisi ^n Scut-enten, taubeu großc Denionstcationcn statt. Gegen 5 Uhr war der Grai-cn von Tau- fenben von Menschen dicht gefüllt, die unablässig hm- unb Er­zogen. Das Cajö war anbauernb belagert Gegen die Feilster wurden wiederholt Steine genwrjen, die aocr zuruckvralltcn, woraus die Temonstrüntcn bchauplerrn, daß aus ben F-enslecn Steine ge­schleudert würden, obgleich diese geschloffen waren. Eine große Sä,eibe des (Safe Cominenlal wurde $ertp'inn:ierL Um 6 Uhr erschien am Ausgange des Grabens eine starke Abteilung Dra­goner, die die iHäumuug des Graocns vor na hin. Hinter ben Dragonern sp. rrte ein Genbarmeric-Kvrps oen Graben ab. Kurz vorher hatte sich ein deutscher Coulcuv-Studcitt auf den Graben gnvagt. Gr wurde von der Menge umriugi, die das Ao nehmen der Kappe verlangte. Dec Student desund sich in großer Ge­lahr, da die Polizei zu schwach war, um ihn zu schützen. Schließ­lich gelang cs ihm, sich in das Cafe Continental zu flüchten. Tie Menge wollte ihm naäjbruiigen, woraus die Türen des Casts geschlossen würben. Unter Drohrnfen zog die Menge ab. Auch cn den Abend'stundcn burchtzogen große Mcnfchenmassen die Straßeit.

Zu ben Prager Ausschreitungen wird derNeuen Freien Preße" noch gemeldet: Bei eurer Dragoneraltacke riß die tschechische Äccnge das Straßenpslaster auf, empfing die Dragoner mit einem Steinhagel, fiel den Pferden in die Zügel und suchte die Reiter von den Pferden zu reißen. Die Dragoner waren ge­nötigt, die Säbel zu ziehen unb bcein zu hauen. Auch aus den 3-cnltern der Häuser wurden Steine gcworsen. Es war der Helle Aufruhr unb bie offene Revolte. Zahlreiche Berhajtungen wur­den vvrgcnommen.

Der c n g l i s ch e K o n s n 1 in Prag, Frobel, wurde derNeuen Freien Preße" zufolge, in der Tramway altaquieii mib aus bcm Äugen geworfen.

Das ist ivohl der Dank der Tschechen dafür, daß tags zuvor auch die in Prag roeiienoen Engixmber an ben Demonstrationen gegen die Deutschen teilnahmen.

Der Rhein - Main ifche Verband für Volks­bildung hielt türzlich in Wetzlar eine Versammlung ab, die sehr zahlreich besucht war. Landrat Tr. S a r i o 11 u s sprach über die zahlreichen sozialen Clnrichlnngen des Kreises Wetzlar, rote WcniDcrlurse für Obstbau und Haushaltung, Gemeinde- tranteiipflcgc, Canitälsjchränke, Jugeudfpieltmje und Wander- biblioilicfcn, die über 12 000 Bürhcr unnajieii. Der O)e|chä>is'ütner des iHhein-Äkainischen Verbandes Volk gab eine U ober sicht über die Aufgaben und Die Tätigkeit Der Volksbildungsarbelt für Die ländlichen Gemeuideu. Ter Verband besitzt eine LichibilDersamm- ltmg von 4000 Vildern. Apparale weiDeii zu 3 Alack, Btlder- ser>en zu 1 Mark verliehen. Es ist gelungen, Redner ans allen Kreiset zu erhalten, Proiessoreu, liiaxier mid Lehrer sind bereu, Die Ergebnisse Der Wlsseujchait hiilausznlragen. Tie Bolksiimei- hallungsabende sollen Dein Tmgellanget imö der zweiielhaiten Bnhneitlueratur zu Leibe rücken. Hieizu steht ein WanDer- iljeoter zur Verfügung. Tie Borstellmigeii im verflosseiieii W.ulcr ivaren von insgeiomt 90 000 i;er oucn besucht. Tie Heineren Orte müssen bei einer Vorstellung 125 Mark, größere 140 Marl, Släble 150 Mark garantieren. Plärrer £'ic. Gombet - 9lei£= firdjen sprach über: ^Volkstum und Bolksbrlormg." Er schilDerl als Grund der Landflucht die vielfach ungcnügcuDen Existenz- bebingungen. Tas soziale Verständius zivijchen Stadt und LauD ist noch nicht genügend vorhanden. Tie Arbeit des Rhein- 'Maimschen Verbandes ivill Die Gegensätze milDenu Sie will Stadt und L'nnb, Kultur rmö Volkstum m gleicher Weise bienen, Das (p> jinlc Leben glätten, Die soziale Aiihsohnung förDeru. Direktor Hauser vom Berbuudslhealer gab Dann einige Anleitungen über oie Theaterabende, Geschäftsführer Volk über Voiksrmterhatlimgs. aboide. Air die Berjammtnilg schloß sich eiit Votlsunter- h a 11 u n g s a b e n d.

Anna Freifrau v. Ompteba f. In Dresden ist dieser Tage Anna Freifrau v. Ompl-.oa tauft bciiQiebeit, wenige 2-agc, nachdem sie tiU Jahre all geworden und in ihrem langen niemals krank gewesen war. Ihr sic überlebenber Gatte, Köiiigl. 5)arrnoverschcr Kanrmerhcrr Lßilh. Z-rcihcrr v. Lmpreba, war der letzte Hosmarschntt weilands Königs G-e>rg 1L uuii Han­nover. (Bon biejem soll Bisntarck einmal, als man ihn nach dessen diplomatischer Befähigung fragte, gesagt bauen;Monsieur u Umpteua nest pas komme d euat." Die Duibj Dem in Meran lebenden Sohne, Schriftsteller Georg v. iDmptCcc, ist als SieEuiu valeszeilecn nod; vietmonatlicher schiverer Kranlheit eine Reise an bas Totenbett seiner Mutter ärztlich unterlagt worben.

Hermann Lübers, dec bekannte Malcr, Illustrator und Schriftsteller, ist im 72. Lebensjahre in Lichtcrseloe geuvrocn. Ter Höhepuntt seiner Tätigkeit war unter Wühelm 1., Denen Kriegszuge und Reijesahrtcn in ihm euren stuiioigen Begleiter unb Befu-reiber mit S.nt unb Feder fanden. Zn oen Feldzügen von 06 unb 70 leistete Hermann Lüvers ahmen Dienst im Garde, schützenbatacklon als Unteroffizier und erhtett für ieim- tnnje£e

rsührung dos Giierne Kreuz. Auch den Kronprinzen Friedrich rÄrlheim bcgleiieie er auf dessen spanische Reise. Der früher so t/cästige Nkauit erlag nach langem Leiden einer Arterienverkalkung.

Eine hervorragende Musikkritik findet sich itt der 3eit|tiyriftMorgen". Es heißt darin:3n der Balalaikr iliiielt alles mit, was es an greifuacen Ding-en gibt Dieser ü'wn ist die Melodie menschüchrn dtöchelns hinter roten Samv- oor hangen. W-enn die Balalaika in Europa spielt, werden bie iUinnec rot unb unruhig, unb bie Frauen lehnen sich zurück und vcüdrehen die Äugen. Das Baia.aika-Orche|ter erotisiert einem -.'ner Walzer aus seiner geheimn.sttümer schen Galantrie zu fleischlichen Grimassen. Ein einziger Geigenstreich hinein in das kvtzenhast schleichende BrusGunkel dieses Noturttangcs mußte wirken i oir das iveiße Lächeln eines verkitschen Heiligen." Wenn das Storniert so schön war wie der Stil dieser Kritik, dann kann matt zns rreden sein. *

Wie man d' Annunzio ausfragte. In Italien a musrert man sich köstlich über eine Mystifizierung des göttlichen t kiocicle, bie sich ein iutbiger florentiner Journalist mit voll- l jniimenem Erfolg geleistet hat. Er versuchte über den jüngsten .iiei,Unfall bcs Dülste^s, der sogar zu Selostnwrdgcrüchten aufge- ca-.scht wurde, von d'Annunzw Ausschluß zu erhalten, mußte aber bald erfahren, baß der nationale Heros der italienischen Dich. tly.g für einen ein sacken Journalisten schwer zu sprockstn war. Lle c schlaue Re^rter kam auf einen wunderlichen Ein sali, beit ei svsort in die Tat umjeigie. Er ging ans Telephon, ließ sich mol d'Annunzio verbiubeu unb meldete:Berbinbung mit Rom, ->cj Minister Giolitii wünscht Sie zu sprechen". Und bann, die stimme dcs Staatsmannes nachahmend, fuhr er fort:Hiev, Giovanni Giolitii, ist Herr d'Annunzio feloft da?" Eine Sekunde ipö ter stürzte der Dicheer hastig zum Apparat unb dankte bart ä--mnifter herzlich für die eriöicjcne Anteirnahme. ,chZa, in Nom IINicht men nur von Ihren, und da ich nicht auf das Telegramm des Pväfckten warten luolite, habe ich Sie angerufen um selbst zu Horen, wiL es Ihnen geht." D'Annunzio fühlte sich auss Dvd.jfte g^fchrneid-elt:Taujend Dank, taufend Tank, dec Graf ce-.m w hat nrich vor einer halben Stunde verlassen, so daß Sie wohl oald von ihm hören w-erdcn."Um so besser, um so besser, ich iverde duum in einer haloen Stunde seinen Bericht haben, aber einTtivcilen I,-§-u Sie mir selost. . ." Und nun begann der Journalist bett -Luster nach Herzenslust auszufragen, erfuhr alles, was er wi>sen nio/.lte, unb bereitete zugleiu> dem Dcd-ter eine Slunbe stolzen -r-cl bstbewutztseins, denn chAnnunzics ohnehin nickst gcrabe ver- rüttlinertes SeKstgesühl erstihr burch bie persönlick)e Ansrage des aii(jmim;cn '.'Juiiiiuim eine neue Steigerung. Am nächsten Tage sneuicy mußte der S.chter ersahren, daß b.cier Minister nur ein t.einer Reporter crus Florenz gewesen war, der ihn überlistet l;a;.e und bic Saujec auf feiner Seite faub. Zwar gab daS c Ännunzios Eim.leir euren kleinen faMerzlichen Stich; aber er trug es mit W.icde und war so hug, in das ailgemente Lachet ulx.c b^n gelungenen Scherz wenigitcnsi äußertich einzustiimnen.

- Klein e C h r o n c t a u s K u n st u n o W i s s e n f ch a f t vh) New-York findet eure deutsche Kunst aus st elluna Mait, Die am 4. Januar 1909 eröffnet ivird. 8

Gietzener StaStLyeater.

Liu FallincmcuL.

Schauspiel von k>ju r n |i jer ne Björnson.

Steil unb stolz Ivie bas iveiße Haar von seiner festen, kühnen Stirne aufsteigt, so steht Björnson heute noch im Kamps wie er seit über vierzig Jahren im Kampf gestanden hat. Und seine Worte haben Gewicht unb Wert. Gr ift der aufrechte Recke, zu dem sein Volk wie zu einem Halbgott üu|btiut, und mit dem stürmischen Feuer der Jagend wirst er sein Wort in die Wagschale, wenn es gilt, seinem Vater­land zu nützen. In Reocn und Leitartikeln spricht er zu seinem Volke unb ein Aufsatz, ber mit B B. unterzeichnet ist, findet mehr Beachtung, als die Erlasse der Regierung. Lenker und Leiter ist er seinem Volke, unb als er zu Ende des Sommers seine goldene Hochzeit feierte, da feierte nicht nur fein Volk mit ihm, sondern gam Europa, ja die ganze gebildete Welt. Lange hatte es gedauert, bis er sich zu Ehre unb Ansehen durchgerungen hatte, denn es war nicht leicht für ihn, sich neben Josen durchzusetzen, der ihn bei und heute noch in den Schauen stellt, obgleich Björnson, wenn auch nicht der schärsere Tenter, so doch ber größere Dichter ist.

Das alte SchauspielE in Fast li j ] emen t" aus ben 70er Jahren ist allerdings nicht günz dazu angetan, diese Größe zu beweisen, und doch yinteriieß die gestrige Auf­führung einen bedeutenden Eindruck. Die Regie, die jeden­falls von Hermann Bakof geführt wurde, hatte das ü-tück vorzüglich vorbereitet und brachte es zu wirksamer Geltung, wozu das gut abgestimmte Gesamtspiel nicht Unwesen.Ira) beitrug. Rudolf Goll als Tjälde bot eine sehr anerken- nenswerle Leistung und es gelang ihm, den Gewissenstampf des ringenden Mannes überzeugend darzustellen. Hermann Bakof hatte aus dem Advokaten Berent eine wahre Pracht­gestalt gebildet und erhob sich in dem großen Auftritt mit Tjälde zu bedeutsamer Höhe. Ja letzten Aufzug allerdings schien er etwas ermüdet. Sehr hübsch war auch Grete Höcker als F-rau Tjälde, und ihr bejeel.es Sp.el sttigcr.e die erschütternde Wucht des dritten Auszuges um ein bedeu­tendes. Gleich lobenswert war Anni Röber als liebliche Signe samt ihrem Liebsten, der von Clemens Rode n sehr ge-chickt und schneidig verkörpert wuroe. Claire Albrecht als tampjkühne Wawurg war gleichfalls sehr anerkennend wert. Teic Zwiespalt in der stolzen Mädchenseele tou|jie f.e mit überraschendem Gelingen herauszuvilven uno den Seelenlampj im letzten Auszug gestaltete sie nm großzügiger Kraft, diesen ihr hatte Erich W e i n g ä r t n e r in cer wen g günstigen Rolle acs Sannas einen schweren S.and, doch er öehaupaete seinen Platz m.t Würde und angenehmer Haltung. Auch Willibald l ck e r als Braumeister und Rolf

* Lehrerbejoldung in Preuhen.

Die elfte Kvi!: a.|,coa v.ä -togcvro.wtenhauses beendete CfEftern die erste Lesung des Lehrerbesoldungsgesetzes. Es i-nirbe beschlossen, daß leitenden Rettoren an Schulen mit iLtinbefiens sechs aussteigenden Klassen ein Grundgehalt von »mindestens 2400 Mk. gegeben werocn soll. Die Haupttehrer jwllen ein Grundgehalt von mindestens 200 Mk. mehr, also ininbestens 2600 Mk. bekommen. Ja Bezug auf bie Alters- -julagen nahm die Kommission ben ,reitonseroativen Antrag tnij. nach welchem die Alterszulage für Lehrer in den vier «rfi en Stufen von 2u0 auf 200 Mk. erhöht wird, während | ie für Lehrerinnen in allen Stufen auf 150 Mk. festgesetzt ivird. Beide Beschlüsse wurden gefaßt, obwohl die Staats- L'ediierung mit Rücksicht auf die beträchtlichen Mehrauswen- buingcn Widerspruch erhoben hatte.

ein NaiserjubUSum.

An diesem 2. Dezember begeht Kaiser Franz Josef von Oesterreich den 60jährigen Gedenktag seiner Thronbejteigung und ein Tag der Freuoe hätte der zweite Dezember für die 5zabsburgische Monarchie sein müssen, denn trotz mancher widrigen Geschicke hatte sich in den langen I chrzehnten und unter der gütigen Herrschaft Kaiser Franz Josefs eine Fülle des Segens in das Donaureich ergossen, und immer war es der Kaiser, der den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht gebildet hatte. Auch der greise Monarch kann heute nach seinem langen und arbeitsreichen Leben sagen, daß ihm nichts Menschliches fern geblieben ist. Der hojsnuttgs- bolle Thronerbe starb unter seltsamen Uinftänbcn, bie Gattin fiel durch Die Hand eines ruchlosen Mörders fern von der Heimat, aber was den Monarchen immer wieder aufrichtete, war sein treues Pflichtgefühl, seine Sorge um das Wohl der Völker Oesterreichs. Mancherlei Wandlung hak das Land in diesen Zeitläusen durchgemacht, schwere Stürme sind ost genug hereingebraust, und mehr als einmal hat es den Au- sckeiu gehabt, als ob das Reich auseinanderbersteu würde, aber doch sand man sich» immer wieder zusammen, und es gab kein besseres Band, als die Persönlichteit des milden Herrschers, der wie ft in zweiter geeignet war, die herrschen­den Gegensätze auszugleichen.

Oesterreich ist ein konstitutionell regiertes Land, und so suchte sich der Kaiser möglichst in [einen Maßnahmen nach Der augeiiblicklich herrschenden Tenoeiiz zu teilen, worunter freilich Die deutsche Nationalität mehr als einmal zu leiden gehabt hat, wenngleich man in diesem Lager trotz allem nach uHe vor dem greifen Herrscher die größte Verehrung cut- gegendrachte.

Dies trifft auch für den gegenwärtigen Augenblick zu, wo durch die Vorgänge in Prag ein bitterer Werinittslrvpjctt in den Freudenbecher fällt. Die dortigen Ereignifse sprcchen aller Kultur Hohn, man kann sich des Eindrucks nicht er­wehren, als wenn die Behörden, die berufen siiid, derartigen Zusiäudeii vorzubeugen, im «Stillen mit dem tschechischen Pöbel sympathijieren, andemsalls schon langst schärser hätte zugepackt werden müssen. Aus den Gründen der parlamen­tarischen Taktik mag man ja Anlaß haben, Rücksicht aus die Tschechen zu nehmen, ipier handelt es sich auer nicht um,bie eigentlichen Tschechen, sondern um den Pöbel, bir unbedingt die Jaust ber Aufsichtsbehörde fühlen müßte, denn die Deutschen sind doch auch Menschen und Unter­tanen der österreichischen Monarchie, die dem öffentlichen Schutze unterstellt sind. Ja, die Regierung hätte ein ur­eigenstes Interesse daran, mit aller Energie vorzugeyen, denn die Prager Demonstrationen nehmen iymer mehr einen anttdhnastischen Charakter an, und man entblödet sich nicht, Sympathiekundgebungen für Serbien zu veran­stalten, ein Beweis, wie tief das moralische Niveau jener Horde gesunken ist, die augenblicklich die Straßen Prags büherrscht. Wäre Böhmen ein rein slaoisches Land unb Prag eine rein tschechische Stabt, dann wäre das Ver­hallen der Tschechen einigermaßen erklärlich, wenn auch nicht verzeihlich. So aber haben die Deutschen in Böhmen genau dasselbe Recht, wie die Tschechen, und es ist daher eine Anmaßung sondergleichen, wenn der Pöbel sich an­schickt, gegen langjährige deutsche Gebräuche mit Gewalt vorzugehen. Anscheinend glauven die Tschecheii, daß ihre Zeit bald kommen werde. Sie setzen alle ihre Hoffnung auf den Thronfolger, und der Kämm scheint ihnen immer

mehr zu schwellen. Trübe Aussichten für die Zukunst!

Leider kommt zu dieser mißlichen inneren Lage auch neuen GKmuocs oer -eutzcycn uiuoerutai nacy Prag ( die UngeNärtheit der Außenpolitik, denn die Lage auf dem s zeitig werben die stubenlischcn 23erGin.'niigcn ersucht