Nr. 120 Zweites Blatt
158. Jahrgang
Freitag 2A. Mai 1808
Erscheint tügNch mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Stetzener KamtliendlStter- werden dem „An-eiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen* erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
Seneral-Mzeiger für Gberheßen
RotattonZdruck und Verlag der Brü hl'schen UnioersitälS - Buch- und Steiirdnickerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag.- 5L Redaktion ^Ll,-Dldr.:AnzeigerGießen«
Die Einigung öcs Liberaiirmus.
Gießen, den 22. Mai.
Die beiden liitksliberalen Vereine Gießens veranstalteten gestern abend im großen Saale von Steins Garten eine öffentliche politische Versammlung, in der Herr Pfarrer Morell aus Königstädten über „Die Einigung des Liberalismus" sprach. Im Namen des Freisinnigen Vereins und des Nationalsozialen Vereins hieß Herr Justizrat Metz die überaus zahlreiche Versammlung will- konlmen und erteilte sodann SDcrrn Pfarrer Kvrell das Wort, der bei seinem Erscheinen am Rednerpult mit langanhaltendenr Händeklatschen begrüßt wurde. Die Einigung des Liberalismus ist, so führte der Redner einleitend aus, schon lange als Aufgabe in vielen Köpfen der Liberalen gewesen, aber zur Wirklichkeit wurde sie in Süddeutschland. Besonders der Abg. Oeser ist es gewesen, der die Einigung des Liberalismus uni einen großen Schritt vorwärts gebracht hat, und als dann in Frankfurt die Einigungsversammlung stattfand, ist der Einigungsgedanke auch nach Norddeutschland gedrungen. Im Liberalismus findet man heute auf der einen Seite solche, die politisch nicht sonderlich interessiert sind und den Grundsatz vertreten, der in Darmstädter Mundart lautet: „Loß ma mei Ruh!" Auf der anderen Seite steht Barth, der sagt: Diese Einigung hat zu einer Demoralisation des Liberalismus geführt. Und wir bekennen uns dazu. Ich habe mit Naumann und einer Anzahl anderer Liberaler erkannt, daß es keinen Sinn hat, die Augen vor der Einigung des Liberalismus zuzumachcn. Die Einigung des Liberalismus hat uns gefangen und wir können nicht heraus. Stellen wir uns einen Augenblick die Zeit der 60 er und 70 er Jahre des vorigen Jahrhunderts vor: Die 48 er Revolution und alles, was damit zusammenhängt, hatte den Standpunkt des beschränkten Untertanenverstandes gebrochen und hatte prinzipiell den Gedanken der Einigung des Vaterlandes hervorgebracht. Die Reaktion wurde aber übermächtig, bis Bismarck endlich durchführte, was früher im Prinzip schon erkannt worden war. Er hat das Reichslagswahlrecht gebracht und die Einigung des Vaterlandes. Bismarck konnte das durchsetzen, weil vor 1870 eine gesamte liberale Strömung in Deutschland vorhanden war. Nicht eine Partei wars. Auch damals waren die Liberalen in viele Fraktionen gespalten. Auf der einen Seite war noch keine starke Sozialdemokratie, auf der anderen kein Zentrum da. Waß ausschlaggebend war, das war der Geist des Liberalismus, und der kann sich auch heute noch sehen lassen. Wenn die Sozialdemokratie uns deshalb angreist, weil in Preußen kein besseres Wahlrecht ist, und der Bund der Landwirte, weil das Wahlrecht ihnen nicht noch mehr gewährt, so sollten sie beide bedenken, daß sie alle ihre Füße unter den Tisch stellen, den der Vater Liberalismus geschaffen hat. Das was jetzt vor der Türe steht, was draußen vor der Stadt steht, greift schon jetzt hinein in unser Parteileben.
Bei allen den Fragen kommt es darauf an, zu zeigen, daß es sich bei großen Fragen um eine direkte Fortsetzung der alten liberalen Strömung handelt. Zunächst steht vor uns das gewaltige Gebiet der Fr au en frage. Trotz aller altmodischen Abneigungen und Bedenken bleibt dem Liberalismus nichts übrig, als die Frauenwelt wieder aktiv werden zu lassen. Er kann sich gegen die Tätigwerdung der Frauen nicht sträuben. Im Prinzip muß der Liberalismus diese Frage enZcheiden: Darf die Frau at'li bewerben im Staate und in der Kommune? Eine zweite Frage des Liberalismus ist die der Koalitionsfreiheit, damit der ewige Kriegszustand zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft aufhöre. Eine weitere Frage ist die der Wirtschaftspolitik in Deutschland, die vom Liberalismus eingeleitet worden ist. Auch der Bauernstand wird nur gedeihen, wenn er sich an den übrigen Bolkskörper anschließt. Weitere Aufgaben des Liberalismus sind die Abkehr von der Hochschutzpolitik und die Kulturpolitik, die die eigentliche Ruhmeshalle des Liberalismus bildet. Er hat die Grundlage zur modernen Hoch- und VolksschulbUdung gelegt. Er hat zuerst den Gedanken aufgebracht, daß die Schule ^ache des Staates ist und nicht der Kirche, und daß kein Unterschied des Standes und der Konfession sein dürfe. Und nun sehen wir, wie immer mehr Standes- und Konfessionsschulen auskommen. Die Simultanschule ist mehr auf Süddeutschland beschränkt geblieben. Und soll die Schule in Preußen befreit und entklerikalniert werden, so muß der Liberalismus dafür eintreten. Man sieht heute
das Bestreben, die Hochschulen in ihren Richtungen zu kontingentieren, speziell in der theologischen Fakultät. Dem muß der Liberalismus entgegenwirken. Der Regelung bedarf ferner das Verhältnis des Staates zur Kirche. Der Weg der Trennung von Staat und Kirche ist nicht nur langsam, foudern auch gefährlich. Aengstliche und zarte Gemüter müssen überzeugt werden, daß wir in der Kirche des Staates nicht bedürfen, sondern nur der Treue und Wahrhaftigkeit in unserem Beruf. Auf dem Gebiete des reinen Staatswesens hat der Liberalismus wichtige und schwierige Aufgaben. Ich bin der letzte, der einen temperamentlosen Kaiser haben möchte, aber was wir in den letzten Wochen schmerzlich empfanden, war, daß in Fragen der Diplomatie ein wenig über den Kopf des verantwortlichen Staatsmannes hinwegregiert worden ist. In der amerikanischen Botjchaftsfrage sind Mißverständnisse vorgekommen, die nicht vorgekommen wären, wenn der verantwortliche Staatsmann aus dem Posten gewesen wäre. Aus dem Gebiete des Militärs hat der Liberalismus die Grundforderung aufgestellt, daß wir ein Heer und eine Flotte haben müssen. Indem der Liberalismus den Gedanken eines einigen Reiches aufbrachte, war die Frage des Schutzes des Reiches gegeben. Was ihm dagegen nicht gefällt, ist der Geist, der sich dort breit macht. Er verlangt, daß die Persönlichkeit im Heere so gewertet werde, wie es der Würde des Bürgers des nengeschassenen Reiches entspricht. Nun ist aber die Disziplin sehr streng nach unten, sehr schwach nach oben. Redner wandte sich hier insbesondere gegen die Maßregelung von Neserveosfi- zieren, die in der Stichwahl einmal cLtoa für einen Sozialdemokraten gestimmt haben. Auch die Schaffung eines Veamteurechts, das unsere Staatsbürgerrechte sichert, ist eine Ausgabe des Liberalismus.
Was ist nun das Gemeinsame im Liberalismus?
Es ist das Grundprinzip der Entfaltung aller Kräste des Menschen, und dieses Prinzip hat er nun auf verschiedenen Gebieten, in Kirche, Schule und Staat durchzusühren. Die Einigung des Liberalismus ist unumgänglich. Dann wird sichs zeigen, ob die Sozialdemokraten wirklich so sehr die Persönlichkeit achtet, wie sie sagt und häufig in der Praxis nicht tut. Dann wird sichs auch zeigen, welche Idee stärker ist, die konstruktive oder die Ideen der Geschichte und Entwicklung. Nun sagen die Sozialdemokraten zum Liberalismus: Du greifst in unser Gebiet. Wie stehen ^vir zur Sozialdemokratie? Ich muß da zunächst vorausschicken, daß die Verwirklichung der liberalen Ideen ohne Sozialdemokratie nicht möglich ist. Ich weiß, daß die kühle und ruhige Beurteilung der Sozialdemokratie durch zwei Methoden gefährdet wird: Zunächst durch den Reichsverband gegen die Sozialdemokratie. Ich schäme mich der Agitation des Reichsver- bandes vom Standpunkte des ^Bürgertums. Die Methode des Reichsverbandes hat auch in der politischen Haltung von Regierung und Stadtverwaltungen Aendernngen herbeigeführt. Man will die Sozialdemokraten nicht tätig werden lassen. Man will, daß die Sozialdemokratie sich auf den Boden der gegebenen Verhältnisse stelle. Man will die Sozialdemokratie national haben und freut sich doch, wenn auf sozialdemokratischen Parteitagen das blutrote revolutionäre Programm entwickelt wird. Die zweite Methode in der Behandlung der Sozialdemokratie ist die von Barth, Gerlach rind Breiticheidt. Diese Männer sagen: Wir können keinen wesentlichen Fortschritt ohne die Sozialdemokratie erreichen und müssen uns daher mit ihr verbinden. Was mich aber der Sozialdemokratie gegenüber ernüchtert, das ist, daß cs ihr bei ihrer Arbeit viel mehr auf iljre Parteiinteressen als auf die Interessen der Gesamtheit ankommt, aber am letzten Ende werden die Aufgaben des Liberalismus nicht gelöst werden^können ohne die Sozialdemokratie. Ich weise es ab, daß die Sozialdemokratie die Aufgaben erfüllen könnte, die der Liberalismus erfüllen muß. Können diese Aufgaben in der Blockpolitik erreicht werden? Die Begeisterung der Nationalliberalen für die Blockpolitik vermag ich nicht zu teilen. Wir haben durch die Blockpolitik bis dato — und damit möchte ich ihre Bedeutungslosigkeit kennzeichnen — nichts für den Liberalismus erreicht. Durch das Vereinsgesetz haben wir nicht eigentliche Nachteile, sondern nur Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten bekommen. Ich würde sie gern auf mich nehmen, wenn nicht ein Satz darin enthalten wäre, der Sprachenparagraph. In dieser Frage halte ich eine Verletzung der Grundsätze des Liberalismus für vorliegend. Bülow hätte sagen sollen: Wenn Sie den § 7 nicht annehmen können, so
Der Dank des Gastes.
Man schreibt der Voss. Ztg. ans Paris: Von dem Straf- und Racheartikel des Lothringers nu§ der Auvergne, Maurice Barrss, sittlich geweckt, ist einer der Hochschuler, die sich in Berlin deutscher Gastfreundfchaft zu erfreuen hatten — es waren ihrer, wie nachträglich festgestellr wird, nicht 30, sondern 21 — in sich gegangen und hat dem strengen Rüger brieflich ein reumütiges Bekenntnis über sein Berlinreise abgelegt, das dieser im ,.Echo de Paris", von eigenen Bemerkungen eingerahmt und durchflochten, veröffentlicht. Im Sludentenverein, schreibt der dankbare Gast, sagten wir uns: die Göttinger haben uns einen Besuch gemacht, wir werden ihn erwidern. Eine Spritzfahrt, schönes Programm, günstige Preisbedingungen — weiter dachten wir nicht. „Ich nehme mit Vergnügen den Ausdruck Tolpatsch an, den ich in Ihrem Aufsatz finde." Herr Andler kam mit, um Trinksprüche deutsch zu beantworten. Er war der Dolmetscher. „Tolpatsche waren wir, weil wir nicht wußten, welchen Eharakter die Deulfchen unserm Besuch aufpragen würden. Tolpatsche, aber keine schlechten Franzosen I In Berlin angekommen, hören wir die Trinksprüche, die unserm Ausflug eine ganz andere Tragweite geben, als wir beabsichtigten. Em Offizier, der Tischnachbar eines der Unsrigen, spricht ihm von Annäherung. Unmöglich, erwidert unser Freund, so lange die Frage von Elsatz-- Lolhrmgeu nicht geordnet ist . . . Wenn der Ton der-Lrinkspiuche zu ausgesprochen war, berichtigen >vir unter uns den Eindruck, indem wir einander halblaut zutianken: »Auf die Revanche! -ter liebenswürdig offene und großherzige Jüngling SuhU &lc uns' gerichteten Feste, die Ausflüge in Autos und Landauern, die sonstigen Annehmlichkeiten des Berliner Aufenthaltes auf, aber, sährt er gesinnungstüchtig fort, „das alles hat bet uns keute Sympathie für Deutschland ausgelöst. Freilich, die Reden. — Ei, das sind ja blos Worte, die davonfliegen. Wir halten verabredet, sie über unS ergehen zu lassen, diese Trinksprüche, und uns über |tc sehr auffällig lustig zu machen, so daß ihr Ton sich nach etmgen Tagen änderte und man nur noch solche auf bie geistige Einig.eit rusbrachte." Hier schneidet der Musterjüngling unverfemibar am. Wenn er oder seine Kameraden sich über die ihnen gewidmeten Trinksvrüche auffällig lustig gemacht hätten, wäre das.nicht un- beinertt geblieben und man hätte die Reisenden sicher nicht wieder mit Festen, Autos und Reden belästigt, sie überhaupt so behandelt, bog sie sofort das dringende Verlangeit empfunden Hatten, den Aufenthalt in Deutschland schleunigst abzubrechen. Der ^richte örief deS jungen Duckmäusers soll in Berlin befaiml werden. Nicht, um uns Mißtrauen gegen alle französischen Lesucher emzuflößen; im Gegenteil, es steht uns an, sie mit erlesener Höflichkeit und Gast- reundfchaft zu behandeln, wenn sie desten würdig sind; aber uns ils Warnung zu dienen, damit wir uns nicht wieder den Erstbesten an den Kopf werfen, joiibern uns den Fremden genau ansehen, dem wir Freundliches erweisen »vollen. Professor Andler schreibt übrigehö auch dem „Temps" einen Brief, um seine Rolle m der btudenlenkarawane zu erklären. Tie Reise war eine Veranstaltung nnes Privatmannes, des Herrn Louis poubert, Borsitzenden de^ deutschen Sprachklubs in Paris. Dieser Herr wandte sich an die
Universität mit der Bitte, ihm einen Professor mitzugeben, aus dem sehr trivial praktischen Grunde, daß die deutsche Eifenbahnverwal- tung Fahrpreisermäßigung nur für „Schülerreifen unter Führung eines Professors" bewilligt. Also um die Fahrkarten znm halben Preis zu erhallen, wollte man einen Professor mitnehmen. B»ze° reftor Liard rief Professor Andler zu sich und gab ihm dienstlich den Auftrag, die Fouberlsche Karawane nach Berlin zu begleiten, einmal damit sie billiger reife, zweitens weil er als Professor der deutschen Literatur dazu berufen scheine, und drittens um die jungen Leute ein wenig zu überwachen und bei der Stange zu halten. Professor Andler nahm nach einigem Widerstreben den Auftrag an, und um vor Entgleisung sicher zu sein, stellte er sich in Berlin dein Bot, schafter Herrn Earnbon vor, mit dem er die einzunehmende Haltung genau besprach und an dessen Weisungen er sich allerwegen hielt. So verwickelt, untcrgiünbig Jinb vorbehaltlich war aus französischer Seite der Verkehr, in den yfc Berliner Wirte mit so schlichter, offenherziger Freundlichkeit, ohne Hiiitergedanken und lauernbe Nebenabsicht eintraten.
— Hessische Landes-Aus st ellung Darmstadt 19 0 8. Bei der Anbringung und Verteilung der Gemälde und Slulpturen in den Räumen der Unterabteilungen des AuSftclluugs- gebäudes für Freie Kunst ist das Bestreben maßgebend, jedes einzelne bestmöglichst zu seiner besonderen Wirkung zu bringen, eine Arbeit, womit die Hängekommission bereits begonnen Hai, nachdem die Adjustierungsarbeiteii inzwischen soweit sertiggestellr sind. Die einfarbig getönte Stoffbefpannuug der Wände und in den Kojen gibt den ruhigen Hintergrund ab, von dem die Werke sich am günstigsten abheben. Die große Plastik ist eben- falls schon an ihre Plätze gewiesen: so hat die lebensgroße Löwin von Prof. Aug. Gaul und ihr gegenüber der Bronzeadler iin doppelter Lebensgröße) im Ehrensaal des städtischen Ausstellungsgebäudes (erster Oberlichtsaal > bereits Aufstellung gefunden. „Der verlorene Sohn" von G. B u s ch (München) hat im Mitlelraum des langgestreckten Zwischensaales seine Stelle und draußen im offenen Brunnenhose wird der große bronzene Brunnen, der G e o r g s b r u n n e n von Robert Kauer in seinen verschiedenen Teilen vereint zur Aufstellung gelangen, ein außerordentlich günstiger Platz für die Wirkutrg des Brunnens. In dem Zimmer S. Kgl. Hoheit des Großherzogs im „Hochzeitsturm" find die von Kunstmaler Professor Hegenbarth entworfenen und ausgeführten Wandmalereien al fresco, im Gewölbe und an den Wanden ihrer Vollendung nahe. Das Leben des Fürsten allegorisch zu versinnbildlichen war die Idee für diesen Raum, und diese Idee in individueller Deutung auszudrücken die dankenswerte Ausgabe des Künstlers. Indem er sie ihrer Erfüllung entgegenführt, erfindend und verbindend, freiwaltend in der Phantasie und zu einem geschlossenen Ganzen synthetisch stilisierend, sodaß Formen und Farben zu einem Zusammenspielen heinanöergreifen und -klingen, zeigt tue hohe Begabung Hegenbarchs ihre eigenartig bestrickenden Wirkungen. Das Ergebnis und die Würdigung des Werkes bleibt einer späteren Gelegenheit Vorbehalten.,
kann ich mich in Ihren Gedanlengang hineindenken und' verzichte darauf. Redner führte dann weiter aus: Tie Konservativen achte ich in ihrer Ueberzeugung: man kann vor ihnen Bewunderung haben, wie sie das Erbe der Väter fortsetzcn. Diese Konservativen wären nicht gefährlich, wenn fie sich nicht eine leichte Kavallerieschutztruppe im Bunde der Landwirte und in den Antisemiten geschaffen hätten. Der Block wird für den Liberalismus dauernd feinen Nutzen bringen, aber in diesem Augenblicke müssen wir in der Blockpolitik aus- halteu, bis der Block vvn -außen her auseinandersällt. Wir wissen, daß wir die liberalen Aufgaben unter der Herrschaft der' Blockpolitik nicht erfüllen, aber sollen wir nun um des Blockes willen die Fraktionspolitik zertrümmern lassen? Nein. Die Einigung des Liberalismus ist das Interesse, das uns —^wcnn auch widerwillig — beim Blocke ausharrcu läßt. Zum Schluß ging der Redner näher auf das Verhältnis zur nativnalliberalen Partei eilt. Es läßt sich nicht generell entscheiden. Leider siebt in Hessen die Sache nun so, daß der Nationalliberalismus nicht mehr liberal ist, denn von Männern wie Oriola, Haas und Hehl wird in Hessen die uationalliberale Politik eigentlich bestimmt. So entschieden ich meinen Einfluß ausbiete, daß alles Liberale im Nationalliberalismus sreudig anerkannt wird, muß ici) doch dahin wirken, daß die Elemente, die nicht liberal sind/ nicht anerkannt werden. Wir müssen in Hessen wieder selbständig arbeiten, um Macht zu erhalten, aus Grund unserer Organisation. Ich betrachte es als unsere Aufgabe, in langsamer, geduldiger Erziehungsarbeit fortzuschreiten. Diese Arbtic darf nicht so sein, daß man dem Bauer auf dem Lande agrarisch um den Mund schmiert und in der Stadt liberal auftritt. Redner schloß mit dem Wunsche der Darmstädter Freunde an die Gießener, daß sie doch eifrig an die Arbeit gehen möchten in Oberhessen- und daß dabei von Darmstadt aus nach Kräften Hilfe geleistet werden würde. Zu politischer Sctätiginig rief der Redner namentlich auch die Damen und die Jugend zur Mitarbeit auf, damit die Probleme des Liberalismus zur WirÜichkeit würden.
Herr Justizrat Metz sprach hierauf dem Redner unter lebhaftem Applaus der Versammlung den Tank für seinen Vortrag aus.
Lieber die Diskussion werden wir morgen näher berichten.
Zur Bekämpfung der AmmLerkneiM.
In der Sitzung des VerwaltmtgsauSschusseS deS Deutfcheit Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke zu Pofen am 10. Oktober 1007 hat der Kommerzienrat Münsterberg aus Danzig einen Vortrag über die Bekämpfung der Animierkneipen^gehalten. Die Animierkneipen mit ihren schweren Geiahren für Sittlichkeit und Gesundheit müßten, loic Redner ausführt, auf das ernsteste bcfömpu werden. Ter Kampf fönne nur erfolgreich fein, wenn er auf breiter Grundlage geführt werde und zugleich eine Hebung des Kelluerinnenberufes anstrebe. Hierzu wären folgende Maß- nahmen erforderlich:
I. Zum Schutze der ganzen Bevölkern n g.
1. Der § 33 der Gewerbeordnung ist im Sinne der bisherigen Vorschläge des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke dahin 511 ändern, daß der Nachweis des Bedürfnisses für Erteilung der Konzession für alle Schankstellen geistiger Getränke einheitlich vorgeschriebeu und daß die Frage des Bedürfnisses selbst nach beslininiten Regeln geordnet werde.
2. ES ist dahin zu wirken, daß die Polizeiverwaltungcn an allen Orten Bestimmungen über folgende Punkte durchführen: a) Die Räume, in denen der Betrieb mit weiblicher Bedienimq stattsindet, müssen von außen gut sichtbar und im Innern ganz übersehbar fein, die Fenster bür'en nicht verstellt, Vorhänge nichl herabgelassc»» werben. Keine Kellnerin darf am Fenster sitzen ober ein bet Tür stehen und Gäste anlockeii. b) Es ist ben Kellnerinnen verboten, Speisen v.nb Getränke zu erbitten ober, auch nur anzu- nehmeu oder zum Trinken an'zuforbern. Sie sollen sich in Der Nähe bes Schanklischcs aufhallen unb dürfen nur auf besonderen Anruf zur Bedienung an beit Gast herantreten, ohne sich bei ihm anstuhallcn. c) Die Kellnerinnen müssen unauffällig gefleibet fein, d) Frühe Polizeistunden sind ein» unb streng burchzuführen. e) Jebe Kellnerin ist bet Polizei nmcrlmlb 24 Stunben anzumeldeii. Tie Art der Anmeldung unb ihre besonbereu Eriorbernisse iverben Ve- ionbcij geregelt, t) Lokale mit weiblicher Bedienung dürfen feine Bezeichnung besonderer Art zur Anlockung deS Publikums haben, noch durch farbige Laternen oder dergleichen besonders kenntlich gemacht werben, g) Für bie möglichst strenge Beaufsichtigung solcher Lokale sinb gefdjuUe Beamte in genügenber Zahl a»»z»»- ftcllcn.
3. Tie hartnäckige Nichteinhaltung dieser Bestimmungen ist Grund zur Entziehung der Konzession.
II. Z u ui ö ch u tz e der KelIneri n n c n.
a) Der § 41 der Gewerbeordnung ist bezüglich der weiblichen Gehilfen dahin abzuändern, daß Dtädchen unter 21 Jahren nicht Kellnerinnen werben dürfen. — Als Kellnerinnen gelten alle diejenigen HilfSpersonen einer Schankwirtschast, die zur Bedienung OeS Publikums bestimmt sind ober bieje Bebienung tatsächlich ansüben. Die höhere Benvallungsbehörbe ist berechtigt, für einzelne Wirtschaften Ausnahmen zu bewilligen, aber auch Diaßnahmen zu treffen, bie eine Umgehung verhüten können. b)Die Buubesratsverordmmg über Beschäftigung von Gehilfen unb Lehrlingen im Gast- und Schankgeiverbe vom 23. Januar 1902. W. 4 ,st hinsichtlich der 24stünbigen Freizeit für weibliche Personen so zu ändern, baß eS geftatiet sein füll, burch Lerembarnng^eineu mehrtägigen Ihlntib tu längeren Zwischenräumen an bie Stelle öfterer eintägiger Pausen zu setzen, c) Das Wohmmgswesen ber Kellnerinnen ist den Bebürfuiffm eiitsprecheub durch Lmibesgesetze - zu regeln, d) Die Stellenvermittlung für Kellner unb Kellnerinnen muß besonbereu Bestimmungen unterworfen werben.
III.
ES ist zu erwägen, ob nicht als Ziel aller dieser Bestrebungen ins Auge gefaßt werben muß, baß weibliche Bedienung in Schank- ränmen von Gastivirtscha'len und Schankstellen allgemein verboten wird.
Huldigung der Kinder vor Kaiser F r a u z I 0 s e s. Ter gestrige Kinderhillbigungszug im Sckwnbrnimer Schloßpark nahm einen glanzenden Verlauf. Tas Wetter war prächtig, der Kaiser war tief gerührt und dankte perjöulich den Veranstaltern ber Hulbignug sowie ben Kindern. Während ber Huldigung wurden etwa 300 Kinder unwohl und mußten die Hilfe der Rettungs- ftationen in Anspruch nehmen.
D i e Ossiziersgehaltsfrage in Oe st er reich. Ter „Neuen Freien Preffe" zufolge würbe in ber gestrigen gemeinsame»! Mmisterkonferenz eine Einigung über bie Ofsiziers- ge Haltsfrage erzielt. Tie Entscheidung, wo die Delegationen im Juni ober September einberufen werben füllen, würbe bem Kaifer überlassen.
Der franzöfifch-spauifche Zwifch-enfall in Easablanca. In bem gestern in Madrib abgehaltenen Ministerrat machteii ber Staalsminister unb ber Kriegsminister Mitteilungen über Den Zwischenfall in Easablanca. 5)crjlUüüfier- rat gab seine Zustimmung zu ber van ben beiben Ministern vor- geschlagenen, m Marokko'enbailtig zu besolgeubeii Haltimg, unb zu den Maßnahmen, um das Leben und die Interessen der Spanier zu gewährleisten.
Die süddeutschen B ü r g e r »n e i ft e r besichtigten gestern uonnittna die technischen Unterrichtsaustalten von London.


