Ausgabe 
21.11.1908 Drittes Blatt
 
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Nr. 275 Zweites Blatt

158. Jahrgang

Samstag 21. November 1908

Erlchernl ttzßNch mit Ausnahme de- SonntagL.

DieOtehtner $(imtllenblätter" werden dem ,9ln<etflcre viermal wöchentlich beigelegt, das Krdsblati für den Kreis Sieben" zwermal wöchentlich. Diekandwtrtschastllchea Seit* * tragen** erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für G'oerhejfen

RotnhonSbrud und Verlag der BrüdlAch« Unweri'lläts - Bilch- und 6tcmörudertL 8L Lange. Gießen.

Redaktion, Ervedinon und Drnderei: Schul­straße 7. Ervedrnon und Verlag; fcÄ bL Redaktton:SqA 112. LeU-Adr^AnzergerDießen»

StimmungsdUd aus dem Reichstage.

Berlin, 20. )tovernber. Reichsfinanzreform.

Wenn man nicht wuß.c, oa» die eigentliche Beratung der Steuervorlagen erst in L.er Kommission erfolgen wird, so könnte bad geringe Interesse, mit dem das Haus den Vorträgen seiner ftüuuij retour folgt, Befremden erregen. Da oder diese Sieben nur den schon lauge bekannten, allgemeinen Standpunkt der Par­teien zu den einzelnen Teilen des Ätegierungörntwurss umfdjrcibcn und sich dabei zumeist noch der vorsichtigen Zurückhaltung bc* fleißigen, kann man es verstehen, wenn in der Hauptsache nur die eigenen Parteifreunde sich zur Unierstübung ihrer Vertreter durch Beisallskundgebungen alS Publikum etablieren. Umso auf­merksamer zeigte sich der Schabsekretär. Aull) der Reick-Stonzlcr weilte lv.ihreiu> des größten Teils der Sitzung im Saale, ließ sich aber auch durch die kräftigen Anzapfungen beä Sozialdemokraten Geher in seinem AklensLudium nicht im Geringsten stören. Herr Geyer verlas unter immer stur lerer Unruhe auf der rechten Seite des Hauses ein offenbar im Fraktionsz immer sorgsam ans- gearbeitetcs Manuskript, das den Standpunkt der Sozialdemokraten zum Aus gang der Kaiserkrise enthielt. Sie erblicken in der Gitlärung des Reick/sonzeigers eineztriegserklärung deS Kaisers gegen die konstitutionellen Forde­rungen des Reichstags und kündigen dem persönlichen Regiment stampf bis aufs Messer an, will sagen, bis aus jeden Pjennig neuer Steuern. Da aber der Senioreukoiwent ausdrücklich eine Vereinbarung dahin getroffen hat, daß über diese Angelegen­heit erst nach Abschluß der ersten Lesung der Finanzreform go sprachen werden soll, so war es verständlich, bay die nachsolgen- den Slcbner sich aus dieses Thema nicht einließen und auch von den Vertretern der Negierung eine Erwiderung nicht erfolgte.

Als erster Stcbuer aus dem Hause halte der Wortführer der Konservativen, Freiherr v. Nicht Hofen, die Tribüne be­stiegen, zwei Rwner der Rechten, der Fruklioitsvorftbendc der SierchüPartei, Fürst von Hatzfeld, und der Vertreter der toirt- scho sulchen Vereinigung, Raab, waren die anderen Redner des heutigen Tages. Ihre Sieden waren sämtlich auf den Ton des bitteren Muß gestimmt. Nur der Abg. Raab redete sich zu Zeiten sogar in eine geivisse Steuerfreudigkeit hinein: aber freilich waren es nicht die Vorschläge der Regierung, die ihn begeisterten, sondern das Menu, bas er selbst dem SckZatzaiitt präsentiere: Pe­tro teummoiwpoi und Kohlennwiwpol, Luxus- und Dividenden­steuer, gewissermaßen als das Patrimonium der Enterbten. 3)iil ium unglücklickZeu Seitenverwandten, die nach den Aamberger- schen Vorschlägen im buchstäblichen Sinne des Wortes enterbt werden sollen, hatte er kein Mitleid. Im übrigen aber war er für die Siachlaßsteuer einsttveilen ebenso wenig zu Haven wie die beiden konservativen Srcbner. Daß von der rechten Seile des Hauses gegen die Heranziehung der Genußmitlel, Tabak, Bier und Branntwein, zu der nun einmal unvermeidlichen Deckung des Reichs fehl de träges grundsätzttcl-cr Widerstand nicht geleistet werden wird, ging aus ihren heutigen Ausführungen schon ziemlich deutlich hervor, und für Plakat-, Inseraten- und Lickststeuer bekundeten sie sogar eine ausgesprochene Sympathie. Morgen werden die Vertreter der bürgerlichen Linken zum Wort kommen.

Die freisinnigen Barteten des preußischen Abgeordnetenhauses beantragen, die Ctaatsregiernng zu ersuchen: 1) noch in dieser Session einen Gesetzentwuri zur Ab- änderung des allgemeinen Berggesetzes vorn 24. Inin 186.) einzuvringen, wonach von der Bclegfchau im direkten und geheimen Wahlveriahren gewählte Vertrauensmänner die Revierbeainlen bei der Kontrolle der Betriebs-Verwaltung des Bergiverks zu unterstützen haben; 2) auf eine reichsgesetzliche Regelung des Bergrechts hinzuwirkcn.

Der R eich Stags- Abgeordnete v. Chlapowsk, (Pole) hat lein Mandat ntebergelegt. Tie Wahlprtifuugs-Koin- nuifion des Reichstages hat die Wahl des Abg. Schwabach (natlb.) für giltig erklärt.

politische Tcrgcsscbau.

Die geplante kaiserliche Kundgebung im Reichstage.

Man hatte vielfach erwartet, daß der kaiserlichen Kund­gebung im .Neichsanzeiger" eine Kundgebung im Reichstage in der DonnerstagSsitznng folgen weide. Eine solche Stund» gebung war auch tatsächlich geplant. Der Prä'ident hatte aber nach seiner Besprechung mit dem Fürsten Bülow zur Bedingung gemacht, daß das HauS eine solche Erklärung zur Kenntnis nehme, ohne an dieselbe eine Debatte zu knüpfen. Dieser Bedingung sollen sich die Sozialdemokraten miderschl haben, die anscheinend erklärten, daß sie die Diskussion bean­tragen würden. So unterblieb die Kundgebung.

Ter neue Chef deS MilitarkabinettS.

Der zum Nachfolger des 65vofen Hülsen-Häseler ernannte (Sc- neralleuienant Frbr von Lyncker, der am »0. Januar sein 55. Lebensjahr vollendet, imiibe bei Ct. Privat als bluijungct Oistzier durch einen Brunschuß schwer verivundet. Noch als item- uaut wurde der mit dem Eisernen Kreuz Teforicue in das erste Garde-Regiment zu Fuß veisetzl. Aus jener Potsdamer Zeit der siebziger lind achtziger Jahre stammen des Generals enge persön­liche Beziehungen zu einer großen Zahl von Herren aus der jetzigen und früheren tailerlichen Umgebung, wie den Geueialcu v. Pleffen, v Kessel, v. Hüpfuer, v. VörociOelb tu a., die ferne Duzlre»i>ide sind. ]K94 wurde stihr. v. Lyncker 4 la suite de» GeucrolnabcS der Armee gcficllt und als Alitilärgouverueui mit der Leitung bei Er­ziehung der kaiserlichen Prmzen bemiUragt. Nachdem er 189a zum Obersten befördert und Kommandeur des Eliiaveih - Neguucius in (Sbarloiteiiburg geworden war, wurde er 1901^ zum Nommandeui der 1. Eaide-Jickanleiie-Brigade und zum Ltadikommandanien von PoiSdam ernannt. 1905 kam er nach Hannover, wo er seit­her die 19. Twiüon befehligt Hai.

Deutsches Reich.

Der Groß Herzog von Meulenburg-Schwe- rin hat an die Lanolagskommifsarien ein Rcjtr.pt er la neu, worin die Wiederaufnahme dcr Verhandlungen über die Sie» formen der bestehenden Landcsverjajjung in Aus.icyt gestellt lverden.

DerReichstagsabgeordneteHue erlitt bei dcr Rückkehr aus einer Vcrgarveiterver,amnnung in Bochum einen schweren Blut stürz. Wenn aua) der Zu stand des Er- kraulten nicht lebensgejührlich ist, so ist er doch gehindert an derRadbod"-2ebatte im Reichstage teilzunehmcn.

Ziusiaud.

Die französische e q i c r u n $ will, wie in mili­tärischen Kreisen verlautet, zwei Offiziere ihrer Verkehrs- truppen nach Deutschland zweck» Studiums der Luftschisfahrt entsenden.

Die Anerkennung M u l e y H a f i d s. Dcr belgische Gesandte in Tanger, Docken des diplomatischen Korps, hat die franko-,panische Note durch einen Spezialboten an Muley Hasid abge,andt. In der Note wird Mutet) Sgajib benach­richtigt, daß er von den europäischen Mächten als Sultan von Marokko anerkannt worden ist.

KronprinzundGejandter. Ein Belgrader Blatt meldet: Als Kronprinz Georg gejtern nachmittag zu Fuß von seinem Allais nach dem Konak ging, begegnete ihm der österreichisch-ungarische Gesandte Gras Forgach, ohne ihn zu grüßen. Der Kronprinz rief: Es scheint, daß Sic mich nicht kennen wollen! Darauf zog der G.'jandte seinen Hut und wollte sich bei dem Kronprinzen entschuldigen. Der

Kronprinz kehrte jedoch dem tert,unkten den Rüu.cn und ließ ihn stehen.

Der neue Regent von China. Es tritt immer mehr zutage, daß Prinz Tschun die Regierungsgeschäfte in die eigene Hand nimmt und jede Einmischung der Kaiserin Jehonala oder dcS großen Rates juriicliucijt. Seine Art und Weise, mit dem großen Rat umzugchcn, wird täglich entschiedener. Ter Prinz gibt seine E.ttschlüsse im Rate nur in Form von Befehlen kund.

Lin vckidigungsprozetz in wiffeiijchastiichcn Kreijcn.

(Professor Rnhlano cuntra ipwiefjcc Biernier.) n.

(Unb. Nachdr. Verb.) S. u. §). D e r l i n, 20. Nov.

In bem BelcidignngSprozeß Nuhtond-Biermer wurden am heutigen zwcllen Bcchanvlungstaae zunächst die S a ch o e r st ä n - Digcngutad)tcn ctftattcL Sachverst. Geheimrat Conrad lHalle,' geht den Levensgany dcö Pcivatklugcrs durch unb folgert: Daß in unseren wissenichafilichen Kreacn der Pr.valktoger sehr fdjarf beurteilt wurde, darüber darf er sich nicht nnniDcai. Mit der Annahme eines Lehramtes, das er nicht ansüote, wollte er sich nur ein wissenschaftliches Retief geben. Ich »nutz dies zum Ausdruck bringen, ivenn ick) mir aua) nickst anmaßc, zu sagen, mir fcljen bann eine Chaiaktertoj »g l'c 11. Daß jemand agiiu'rt. Dagegen ist nichts zu sagen, es ist aber ein Unlcrich-ed zwisck-en einem Mann der Wijscnfckfafc, der die Wahrheit erforscht und einem Agi­tator, der nur das heraus.ucht, was seine Ansicht zu stotzcn vermag. Ich bin tont Pcivatkrng^r zuerst mit Respekt und Jreunb- tichkeit enigegengekommen, tonnte aber nicht anoerS, als mente Aufiaisnng andern. Der Artikel, in dein Rußland die Lex Hohler vertrat, ist gan^ unklar und sckstef gehauen. Auch war der Angriff auf Pros. Vierincr durchaus ungerechtfertigt. Pro,. Biermer: Wenn mir an dein Platze meiner Tätigkeit vorgc- morscn wird, daß ich nur durch wissenschaftliche Inzucht in meine Professur gtBoinmcn bin, wenn das Gerede Kohlers von Ruh- land, den viele als den kommenden Mann betiach.eten, unter­stützt iverbe, mußte ich das nicht als Provokation betrachten? Saa-veist: Ja, gewiß. Der Sachverständige bekundet weiter auf Befragen des Pros. Viermcr: Eine acwisfe Charaktertof.g-- leit des Privattrngecs ist in bei fein Verhalten enthüllen, aber reicht Än bem Braße, wie der Beklagte es dargestellt hat. R.-A. Gottschalk: Dcr in-kriminierte Artikel ist geschrieben in zwei Nachten, als bei den Verhandlungen in der heistsäZen Karniner dcr PrivatveklWle sozusagen bei lebendigem Leche oer- brannt werden sollte. Wie wurden Sie da d.e einzelnen Aus­drücke beurteilen? Sack-verst.: Tas liegt wohl außerhalb des Sachperstondigengutachtcns. R.--A. Gottschalk: Ist die Art, wie der Kläger gegen das Großkapital wettert, nickst unwrssen- schastlich unb der So ziald-cnw kralle entnommen? Sachverst: Ja, ick- verstehe es z. B. nickst, wie der Kläger sagen lann, 8öPwz. der Bevölkerung Preußens ständen int Dienste von LjO Personen unb Grvßoanken. Daß Nuhmnd in letzter Zeit viel von Marx unb Sombart aujgenommen hat, unterliegt feinem Zweifel. Sein System läuft schließlich ebenso auf einen Zwangsstaat hinaus wie das dcr Soziatdentokratie. Pwf. Biermer: Ich habe geschrieben, Herr Nuhiand schimmere rosa. 9tot ist übrigens schon lange die Farbe der Dentokralie unb Demagogie, nicht nut die der Sozialdemokratie. Prof. Ruhla nd: Von der Ge­genseite ist zu meiner Stellung zum Anträge Kanitz behauptet worben, baß fein Wissensa>astler biesen Antrag stütze. In bec Getreidetoinmisiion des Bundes der Landwirte erklärte sich aber Prof. Lügner für den Antrag und bemerke: wenn schon, denn schon, aoer sagen Sie es nicht roeiter, sonst steinigen mich meine Stoliegen. Dorf.: Der Antrag Kanitz frit hiermit nicksts zu tun. Pros. Ruhland: Wenn ich Nachweise, daß ich sozusagen bec Vater des Revisionismus in der Sozialdenwlvalie bin, er> ftott sich daraus nickst das öftere Zusammentreffen meiner An- lickst mit der Sozialdemokratie? Ter Bors, lehnt diese Frage ! als nicht hierher gehörig ab. Prof. Ruhland: Sind nicht

Dom Winter, dem hatten Mann.

Von A. F e n d r i ckx

ES ist etwas Gwßes um den Sclmeeschuh, unb das Wort Sport ist für den Lauf auf den mächtigen, schlanken Hölzern über tiefen Schnee fast zu kleinlich

Wir treiben jetzt auch Sport" sagen die jungen Mädchen, wenn sic zum erstenmal mit einem Netz voll Bällen und einem Sckstäger in der Hand zum Lawri-Tennis gehen und in einem gitterumhegten, glatigeivalzten Platz Sckstagball spielen. .Ghc*- spvrt" treibt der Sckstittschuhläuscr, der auf der woblgcpslegten Eisbahn bei Militärnursik feine Streife zieht. UnbWintersport" treibt die Dame, die mit einer roten Mütze und einem Weißen Sweater einen vereisten Waldweg herabrvdelt.

Nicht als ob ich diese Spiele unb Körperübungen in Miß­kredit bringen wollte! Bewahre! Sie haben ihren Wert und ihre Zeit.

Aber der Schneeschuhlauf ist nrehr. Er ist eine großartige Ueberwältiguug der Natur in der herbsten Jahreszeit, em kühnes Messen der menschlichen Kräfte mit den Gefahren und Tucken des Winters, ein Zeitvertreib von großzügiger Wucht und Clo- ganz und eine Höhenkunst des Wanderns, die uns aus der winter­lichen Enge unb Lichtarmut der Städte hinaufhcbt ui em reinere«, freieres und kraftvolleres Dasein.

AllerbingS für diejenigen, die mit auffallenden Kostümen im Winter dreimal beschneite Berge hcrabrutsck)en, weil es jetzt ?Jtobt- ist, unb damit sie in Gesellschaft jagen tonnen: Mir treiben jetzl auch Skisport" find diese Bellen nickst geschrieben, sondern für die, die die Exhmucht nach dem Lchnee, nach größerer physischer Kraft und nach einem reineren Ge­nießen treibt

Wie vicle Menschen wissen etwas von der Sehnsucht nach Schnee, und wie viele werden lächeln ob solcher tleberfpanntheiten. Ach, sie spotten über Gefühle, die sie selbst einst kannten, aber vergessen haben. Als sie noch Kinder waren, mit fri|d)cm Limr und Hellen Augeit für alles Schöne, da fragten fie mcllew auch im Winter:Mutter, fchneits noch nicht bald?" Aber das Leben ist fellher über sie Meister geworden, das Ge,ckvst und die Burcauluft, die vielen Sorgen unb bic vielen gefell- schasllichen Pflichten, besonders die vermcintlickn'n, unb dieAn­forderungen der Neuzeit" überhaupt. So ist, chnen auch der Minter langsam eine Last geworden. Man empfindet ihn immer mehr alS eine Art Lapsus der Natur unb sucht dielen auf alle Arten zu korrigieren. Man geht im Sommer in bie ö«ricn, um den Winter besser überstehen zu können. Aber ber Lapsus liegt nicht un Winterber schlechten Jahreszeit", pnbam irgendwo anders.

Der Winter und der Schnee, sie sind da, wie viele beroe Dinge auf der Well, auf daß wir Meister über fie werden, -starr sollen wir und an ihnen mack-en, bis sie uns anstatr einer Ge­duldsprobe ein Krastmaß geworden sind. Mckst fliehen tollen wir sie, sondern kämpfen mit ihnen, wie der alte Erzvater 3atob, als er mit dem Engel rang und ihn nicht ließ, bis er ihn segnete. Wenn man es aber einmal heraus hat, daß m bem Winter, demharten Mann", ein verkappter guter ftreunb steckt, der eS trotz seines unwirschen Gesichts gerade so gut mit uns

nteint, wie dcr lieblich bccniiajauciu« Sonnner, daun ist man so um den Dezember herum nichr mehr sicher, baß einen nicht die Sehnsuckst nach den reinen, weißen Tagen auf den Wintrrhöhen anfällt

Tas Heimweh nach Schnee und Schneeschuhlaufen ist nichts als eine Sehnluclst nach Bewegungsfreiheit. In den Städten ist uns jeher Weg vorgemeffen, unb wenn einer anders will, als bic Behörden, so wird er rasch eines bessern belehrt. Aber auch draußen vor der Stadt sind uns alle Wege säuberlich vor- geschrieben, unb der Warnungstafeln unb Verbote gibt es überall mehr als genug. Der Schnee aoer ist ein großer Gleichmack)er, der vom Himmel kommt unb fick) weder ortspolizc.lich noch dezirkö- mntlich etwas vorschreiben läßt. Er legt au§ weißem Tiamant- staub eine tiefe Decke über die Bcryeshohen und schneit respekt­los alle Wege unb sogar die Wegweiser zu. Erst da dwben kann der Mensch der Stadt nach seiner Fasson selig werden unb seine Schneeschuho laufen lassen, wohin ihn das Herz treiot. Dort hinaus tonn er sich aus Tramgeläute, Schaufenstorzauber und engen Trottoirs in eine ivciße, schimmernde Welt der Einsamkeit urid Freiheit reiten; unb wenn er babinglcitct über die stillen, weißen Almen, so kann er ein Vorgefühl vom Fliegen bekommen.

Dieser Aussatz fbamnii au5 dem prächtigen WeckeDer Skiläufer". Ä.n Lehr- und Wauderbuch von A. Fciibrich. Mit 8 Tafeln unb zahlreichen Textolldern von Dr. R. Bictzler. (Stuttgart, I-ranckhsck)e Vertogshandlung.)

Autz Darmstadt wirb un5 unterm 19. November ge­schrieben : Im HoNheater kam heule abend bas neue Lust­spiel von Blumenthal u. Kadelburg zur Aufführung, das Mitte vorigen Monats un Berliner Lustspielhaus zum ersten 'JJlole über die Bretter ging. »Die T-ür inS Freie", wie sich das neue Ovus betitelt, gehört zur leichtesten Schwautart unb übertrifft die Dutzendware nicht, die uns tost alljährlich zi,r Wiuterspielzeit von den beiden Autoien geboten iverden. In dem kleinen Crle Buchenau ist ber Bürgermeister gcitorben und ber RegieruugStoininissar macht bic Entdeckung, daß 35 frühere Eheschließungen nicht Öen Be­stimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches gemät; geschlossen worden find. Daraus entwickeln sich nun höchst komische Liluationsbitder, in denen die Vertreter beiderlei Geschlechts die plötzliche Aushebung des Ehejochs benutzen, um für die neue Eheschließung, rcip. Ehe- beftäiigimn sich möglichste Vorteile zu sichern. Nachdem beide Teile nur kurze Zeit ihre Freiheit gcnofien haben, kehren die Gatten reuig uneder in'bic Arme zurück, umsomehr, als ein Regieriuigsdekrel sämtliche Ehen nachträglich für rechtsgiltig erklärt. TaS Publikum nahm die Aufführung nut gutem Himior unb mit Bei'all auf.

Selma Lag erlös beging gestern ihren 50. Geburts­tag. Man hat die ehTmalige Volksfckmllehrerin bereits vor Jahr und Tag im Dorn zu llpsala feierlich zum Ehrendoktor gekrönt. Sie ist auch in Tcutschlanb viel geschätzt und viel gelesen, unb groß ist bic Zahl ihrer persönlichen dcutfchen Verehrer. Davon zeugen die häufigen Besuche, die ihr in ihrem Künstlerh-.im in Ä-olun zuteil werden. Tie Dichterin würbe in Värmland geboren. Sie bereitete sich aus das Lehrerinuen-Examen vor unb bcfuchte während der ^Zahre 1882 bis 1885 das Seminar in Ltockholm. Dann war sie eine Reihe von Jahren als Lehrerin an dcr El.-mentarschitle für Mädchen in Landsttona, einer kleinen Stabt tn Südsc^men, tätig. Dis zum Jahre 1890 w - sie vollständig

unbekannt. Da veranstaltete die Stockhclpier Fraucnzciiung ,,Idun" im Frühling dieses Jahres ein Preisausschreiben für Novellen. Selma Lagerlöf beteiligte sich daran unb erhielt den Preis. Diese in derJdun" zuerst verofsentlichten Novellen bilden den Grundstock zu dem Buche, mit dem Selma Lagerlöf mit einem Schlage berühmt geworden ist, nämlich zuGösta Bcrling". Der Ersolg vonGösta Berling( gab ihr die Mög- lichlcit, den Beruf als Lehrerin aui'Egcbcn., Sie unternahm Reisen im Süden und im Orient. Die Früchte dieser Zieisen sind die WerkeJerusalem",Die Wunder des Antichrist",Legen­den und Erzählungen" undDie ChristuSlegendcn". Außerbem veröffentlichte sie bisherDie Königinnen von Kiingahälia", (Sine Hercenhofsage",Herrn Arnes Schatz",Schwester LlwcS Geschichte" und ihr letztes dreibändiges Werk, SieWunderbare Reise des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgänsen", das in den schwedischen Volkssclstllen als Lesebuch verbrellet ist.

Theatervorstellungen für Arbeiter. Die auf Aller höchsten Befehl un vorigen Winter im Neuen Königlichen Opcrnhause zu Berlin veranstatteteu Tl-catorvorstellungcn für Ar­beiter zu ccbeuicnb ermäßigten EintttttSpveiseu haben in jeder Beziehung einen großen Erfolg gehabt. Tie Nack)frage nach Einkrittstorlen, für die durchgängig dcr Preis auf 50 Pfennig angcsetzt war, tonnte nicht entfernt in bollem Umfange befriedigt weichen. Die sechs Dorsklurngcn waren von je 1582 Personett besucht: das .Haus war rnitlftn bet allen Vorstellungen vollständig ansverkanft. Auf Allerhöchsten Befehl sollen in^igebcffen auch in diesem Winter in angcmeifenen Zwischenräumen zehn volks­tümliche Thcatcroorstcllunocn für ülrueitcr staltsindcn. Zur Auf- sührung find folgende Stücke in Aussicht genommen:Prinz Friedrich von Homburg",Zopf unb Schwert",Minna von Barnhelm",Mas ihr wollt",Die Jäger",Maria Stuart", Jungfrau von Orleans". Die Verteilung dcr Eintrittskarteil ist auch diesmal der Zenttalstelle für Volkswohlfahrt übertragen worden.

Zeppelinitis. Die wenig Verständnis der Ultra- montaniLMis für eine gesunde nationale Bewegung hat, ioie fie sich nach dem Unguid von Eck/tcrdingen in dcr Begeisterung für Zeppelin zeigte, beweist dieSalzburger EatboL 5ttrck)cnzeitung". Tort wird mitgetcilt, daß der bekannte pvvtestantlsck^ Frhr. v. Eramer-Klett in Bayern die Scnebiuineraötei von Ober-Ältcich wiederhol stellen wollte. Der Frhr. v. Cramer-Klctt, heißt es in ber Kirchcnzeitnng, vollbringe gerade eine Kulturtat, eine patriotifckic Tat; wo von zahlreichen, an Zeppelinitis erkrankten T e u t s ch e n Millionen verschwendet würden, da dürfe doch ivohl ein reicher Mann noch fein Geld für wirklich idea.. Zwecke opfern. Das ist dar Ultramonian.smus, wie er leibt uru> leoto fo feindlich allem Großen in Knltur und Teckinik, lixigt cs auch noch, den Patriot.,ck-cn Smn von Millionen Deutschen zu scbmühen. Die sich für das Werk eines Zeppelin eher cacärmen tonnten, als für diewirklich ideale" Tat eines zttostcrneubaus. Diese Fassung zeigt zugleich auch welch un- gcljcuere Kluft diese Leute von jedem deufta-en Empsindeu trennt.

Kleine Chronik ans Kunst und Wissenschaft. Aus Coblenz kommt die reckt unwahrscheinlich klingende Mel­dung, daß das Schloß Stolzenfels aus dem Besitz des Kaisers für 5 M i 11 i o u e n Mark in Privatbcsitz über- g'gongen sei.