lege Stoffe an einem Herzleiden erkrankt und mit dem Krankenkorbe des Hauses nach Hause gefahren worden ist. Danach wird wohl der Kollege Schrader seine den Kollegen Kölle verletzende Acußcrung richtig stellen. Er kann sich bei seinem Kollegen Dr. Mugdan, auf dessen ärztliche Anordnung der Kranke nach Hause gefahren worden ist, erkundigen. Zur Sache habe ich das Wort nicht ergriffen, weil wohl die wenigen Worte des Abg. Kölle genügen dürften.
r ffreif. Vgg.) zur Geschäftsordnung: Ich habe
selbstverständlich nicht gewußt, daß der Abg. Kölle erkrankt war. Sonst wurde ich den leichten Scherz nicht gemacht haben.
..Abg- Liebermann von Sonnenberg (wirtsch. Vgg.) zur Geschäftsordnung.- Ich danke dem Abg. Schrader für die Richtig, stellung. Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses werden wissen, der Abg. Kölle ein sehr gewandter Redner ist und daß ein Steckenbleiben in technischer Hinsicht bei ihm ausgeschloffen ist.
bas höchste Ansehen beim Volk genießt. Ich war erstaunt, als ich die Interpellation zu Gesicht bekam; ich hielt die ganze Angelegenheit für einen v e r f r ü h t e n K a r n eva l s- scherz, sehr ernst konnte man die Sache nicht nehmen. Es ist unerhört, wenn Leute, die unausgesetzt für das Recht eintreten, sich hier in einer solchen Weise aufspielen. Wir stehen genau ans dem Standpunkt des Reichskanzlers, wir werden von dem Rechtsstandpunlt in keiner Weise abweichen. Wir Mitglieder des Reichstags . . . (Der Redner stockt, er verlaßt, begleitet Dom Gelächter der Sozialdemokraten, aber offensichtlich von einem Unwohlsein befallen, die Tribüne.)
Abg. Schrader (frf. Vgg.): Ich halte die Frage der Kompetenz zwischen Reich und Einzelstaaten nicht für so schwer, wie sie offenbar dem Vorredner geworden ist. (Heiterkeit.) Sie ist außerordentlich einfach. Wir fassen hier doch keinen Beschluß, wir besprechen eine Angelegenheit, die zweifellos für das Deutsche Reich von großer Wichtigkeit ist. Es kann für das Reich nicht gleichgültig sein, welches Wahlrecht in Preußen ausgeübt wird. Ich kann in dieser Beziehung denselben Gefühlen Ausdruck geben, die der Abg. Träger hier vorgebracht hat. Die preußische Regierung ist seinerzeit selbst dafür eingetreten, daß das allgemeine gleiche Wahlrecht dein Reiche gegeben würde, meil sie wollte, daß das deutsche Volk vorwärts kommt. Bismarck sagte sich, wenn wir etwas erreichen wollen, dann müssen wir dem deutschen Volke das allgemeine Wahlrecht geben. Seit dem Erlaß des jetzigen preußischen Wahlrechts sind nun lange Jahre vergangen. Das preußische Volk hat eine große Entwicklung genommen. Es gibt beute in den unteren Klassen Männer, die mindestens ebenso viel politisches Verständnis besitzen, wie die der ersten Klasse. Die Beamtenklasse wächst ständig, sie ist aber noch nicht in der Lage, ihre Meinung in geordneter Weise zur Geltung zu bringen. Es liegt im Interesse des Staates, daß wir dazu übergehen, ein Wahlrecht zu beseitigen, das einen großen Teil unserer Vevö'kernng entrechtet. Der preußische Ministerpräsident ist zu gleicher Zeit deutscher Reichskanzler und der Vizepräsident im preußischen Ministerium Staatsekretär. Preußen übt also eine entscheidende Einwirkung auf die Regierung im deutschen Reiche aus. Ein preußisches Ministerium, das aber mit dem Abgeordnetenhause nicht leben Innn, ist unmöglich, wenigstens schon nach kurzer Zeit. Wir im Reiche sind also abhängig von einem Ministerium, das wieder vom preußischen Abgeordnetenhause abhängig ist, das in sehr vielen Fällen auf einem ganz anderen Standpunkte steht als wir, und das die Interessen Preußens verficht und nicht die des Reiches. Als Deutsche und als Preußen haben mir aber ein lebhaftes Interesse daran, daß im preußischen Ministerium nicht zwei Seelen wohnen, von denen die preußische immer die Oberhand hat. (Beifall links.)
r w CZist erfreulich, daß jetzt in Preußen mobil gemacht werden soll. Uber als nicht forderlich kann ich es ansehen, wenn der von °=§gemcmfc4aft eingesetzte Ausschuß zur Leitung des Wahlrechtskampfes von der Sozialdemokratie beschimpft wird, (.sehr richtigI bei den Freisinnigen.) Auch wollen mir die Demonstrationen als den Wahlrechtskampf fördernd nicht erscheinen Sie werden viele Leute, die den guten Willen gehabt haben, an der WZkrechtsfrage mitzuarbeiten, durch die gewaltsamen Mittel ab.
v- F". (Sehr richtigI) In unseren gegenwärtigen 23er. Jaltntffen stnd derartige Straßenaufzüge nicht notwendig. Die Arbeit m den Vereinen und Versammlungen ist ein besseres und nachhaltigeresMittel, um Aufklärung in die Massen zu bringen, als derartige Veranstaltungen, bei denen man doch immer mit einer gewissen Gefahr rechnen muß. So klug und so mächtig ist auch die sozialdemokratische Parteileitung in Berlin nicht, daß sie diele ni g e n Elemente z u r ü ck h a l t e n könnte, die sich be: derartigen Veranstaltungen nicht um idealer politischer Forderungen willen, sondern aus ganz anderen Gründen hervordrängcn. Was geschieht, wenn diese au5 ihren Schlupfwinkeln hervorkommen, oder, wenn andere Zwischenfälle eintreten, z. B. polizeiliche Miß. griffe, mit denen doch gerade Sie, meine Herren Sozialdemokraten, bet Ihrer Auffassung von der Tätigkeit der politischen Polizei rechnen muffen. (Sehr gut!) Ich kann den Eindruck nicht loswerden: Wer derartige Dinge arrangiert, der übernimmt eine ganz außerordentlich große Verantwortlichkeit gegenüber denjenigen, die er aufwiegelt, gegenüber den Beamten, die darunter zu leiden haben, gegenüber vielen Unbeteiligten, die ohne Verschulden in die Sache hi nein kommen und auch dem ganzen Gemeinwesen gegenüber, das Anspruch darauf hat, in feiner Ruhe nicht weiter als notwendig gestört zu werden. Die Sozialdemokratie wünscht von uns einen Tadel -der Konsignierung des Militärs. Man soll nicht mit dem Teufel spielen, oder sich nachher nicht beklagen. (Lebhafte Zustim. mung und Hört! hört!).
Abg. Zimmerniaun (Reformp.): Wir stehen auf dem Boden be5 Reichstagswahlrechls und bedauern den ablehnenden Standpunkt der preußischen Regierung. Die Straßendemonstrationen sind eine Nachahmung her russischen Szenen. Auch in Sachsen haben wir solche gehabt. In Dresden saßen aber während der Demonstration die sozialdemokratischen Führer bei einem fröhlichen Umtrunk. (Lärm der Soz.) Wenn das die berufenen Vertreter der gleichen und geheimen Wahl sind, dann wundert man sich nicht, daß die Regierung dagegen ist. Zwischen der Sozialdemokratie und den Demonstranten besteht der engste Zusammenhang. Im Interesse der Ordnung müssen wir uns aber gegen solche Zwischenfälle schützen. ES bleibt aber immer richtig, daß für den sozialen Fortschritt und für die politische Freiheit die Sozialdemokratie der schlimmste und gefährlichste Feind ist (Beifall).
Abg. Wcttcrlö (Ztr.-Elsässer): Die Sozialdemokraten haben hier wie bei der Knappschastsinterpellation den Fehler gemacht, daß sie sich nicht auf Elsaß-Lothringen bezogen haben. Hätten sie das getan, dann hätte der Re-chskanzler keinen Vorwand gehabt, sich der Beantwortung der Interpellationen zu entziehen. Für Elsaß-Lothringen ist nämlich der Reichstag in allen Sachen zu- ständig. Den Sozialdemokraten gebe ich daher unentgeltlich das Rezept, jedesmal an elsaß-lothringische Angelegenheiten zuerst zu denken. (Heiterkeit.)
Ein Vertagungsantrag wird hierauf angenommen.
Persönlich bestreitet Abg. Fischbeck (fr. Vp.) dem Abg. Fischer gegenüber, daß er materiell etwas Erfreuliches an der Erklärung des Ministerpräsidenten im Landtag gefunden und dafür ihm den Dank abgestattet zu haben. Wenn der Abg. Fischer das behauptet, so muß ich aimehmeii, daß er entweder aus Quellen geschöpft hat, die bewußt in diesen Dingen eine Fälschung begangen haben, oder daß, wenn er meint, er h abe meine Rede gelesen, er etwas unwahres hier vorgebracht hat; ob dos subjektiv ober objektiv unwahr ist, überlasse ich Ihnen. (Beifall.)
Abg. Fischer (Soz.) bezieht sich auf den „Tag"'.
Slbg. Fischbeck (sreis. Vp.) erklärt es für eine grobe Fahrlässigkeit, daß Fischer sich nicht amtliches Material besorgt habe. Er habe an der Erklärung Bülows absolut nichts Erfreuliches gefunden. Erfreulich sei nur gewesen, daß der preußische Ministerpräsident seit 60 Jahren sich endlich einmal materiell mit der Wahlrechtsfrage beschäftigt habe. Wenn Fischer weiter bei feiner Beschuldigung bleibe, so müsse er ihm die Absicht unterschieben, bewußt die Unwahrheit zu sagen.
Präsident Graf Stolberg schlägt für Donnerstag 1 Uhr folgende Tagesordnung vor: Scheckgesetz, Majestätsbeleidigungen, Haftung des Tierhalters, Maß- und Gewichtsordnung.
Abg. Singer (Soz.) bittet, feiner Partei Gelegenheit zu geben, auf die vielen Angriffe zu antworten. Er schlägt vor, die Fortsetzung der Besprechung der Interpellation als ersten Punkt auf die morgige Tagesordnung zu fetzen.
Die Mehrheit des Hauses stimmt für die Tagesordnung des Präsidenten. Für den sozialdemokratischen Antrag stimmen neben ben Sozialdemokraten das Zentrum und von der freisinnigen 23er. emtgung Potthoff, Doorn, Gothein und Neumann-Hofer. •
Schluß 6N Uhr.
Und nun noch zwei Worte zur Situation. Der Reichs- k a n z l e r h a t einen b o s e n T a g g e h a b t, als er die unglückliche Erklärung in ihrem unglücklichen Wortlaut int preußischen Abgeordnetenhause abgab. Gewiß hat er niemals einen Wechsel auf ein liberales preußisches Wahlrecht ausgestellt; aber er hat doch durch seine allgemeinen Erklärungen und seine Stellung gegenüber den liberalen Forderungen überhaupt jedenfalls das bewirkt, daß die Leute wenigstens das erwartet haben, was auch ohne jede Erklärung seinerseits ganz einfach im normalen Gange einer jeden fortschrittlichen Entwicklung in Preußen ohnedies nicht mehr länger hätte auSbleiben können, nämlich die Konzedier ungdergeheimenAb st im mung. Daß er auch das der Bevölkerung vorenthielt, war ein Fehler, der in den weitesten Kreisen, soweit ich die Dinge verfolgen kann, bas, was er an Vertrauen in der letzten Zeit gewonnen hat, vielfach direkt ins Gegenteil verkehrt hat. (Hört, hort!) Wollten wir in der deutschen Volkspartei den Anregungen und Wünschen folgen, die in dieser Richtung an uns in der letzten Zeit h-rangetreten sind (Hört, hört!), so müßten wir mit einem sensationellen A k t uns wieder der rein grundsätzlichen Opposition gut» en ben. HörtI hört!) Das lehnen wir ab; wir wissen, welche Schattenseiten mit einer derartigen oppositionellen Stellung verbunden sind. (Heiterkeit.) Wir lehnen es ab, bas Gegenteil derjenigen Politik von nun an zu treiben, die wir aus guten Gründen ein ganzes Jahr geführt haben. (Gelächter der Soz.) Allerdings, das habe ich zu erklären, daß unser Interesse an der Weiterführung der Politik ein ganz kleines geworden ist. (Hört! Hört!) Wir werden das, was luir aus dieser Erklärung gelernt haben, bei jeder einzelnen Entscheidung der n ä di ft e n Zeit in die Waagschale zu legen haben. (Lebhafter Beifall links.)
Abg. Korfanty (Pole): Diejenigen Parteien, die für da? allgemeine gleiche Wahlrecht kämpfen, werden uns stets an ihrer Seite finden. (Beifall.)
Auch Bismarck hat oft erklärt, daß er als Reichskanzler in Preußen garnichts zu sagen habe. Wir haben ein Jntereffe daran, daß zwischen diesen beiden Richtungen Klarheit geschaffen wird. Wenn das Abgeordnetenhaus, bas auf bas preußische Ministerium cinwirkt, in derselben Weise zusammengesetzt wird, wie der Reichstag, dann ist es möglich, daß beide ungefähr auf demselben Standpunkt stehen, sonst nicht. Es handelt sich bei der ganzen Frage nicht nur um das Wahlrecht, sondern um eine Kulturfrage. Wir sollten nicht nur der Sozialdemokratie die Agitation dafür überlassen. Der Reichskanzler sollte sich ernstlich die Frage überlegen,^ ob es geht, die bisherigen Zustände aufrecht zu erhalten. Es wäre seine Aufgabe gewesen, zu erklären, daß er jetzt von der Notwendigkeit der Einführung des Reichstagswahlrechts noch nicht überzeugt ist, daß er aber in ruhiger Arbeit daran gehen wolle, allmählich bas bestehende^ preußische Wahlrecht zu ändern. Tas wäre ein Fortschritt gewesen, und den Parteien wäre es überlassen geblieben, weiter für die Frage zu agitieren und für weitere 23er. befferung zu sorgen. Es ist Pflicht der Parteien, dafür zu arbeiten, daß die Frage des Wahlrechts in ganz Deutschland erörtert wird, damit wir vorwärts kommen. Die bisherigen Zustände sind auf die Dauer nickst zu halten. Es ist besser, wenn die Negierung freiwillig gibt, was sie auf immer doch nicht verweigern kann. Das Vertrauen zu der Politik des Reichskanzlers ist in weiten Kreisen des Vaterlandes durch fein Verhalten in der Wahlrechtsfrage erschüttert worden. Auch in unserer Vorstandssitzung wurde angeregt, in der schärfsten Weise gegen den Reichskanzler aufzutreten. Es waren ruhige,, verständige Männer, die das verlangt haben. Die große Mehrzahl war gegen ihn, und es wurde erklärt, daß es anders werden müsse, baß wir sonst kein Vertrauen zu ihm haben können. (Hört,, hört!) Was die Straßendemonstrationen anlangt, so glaube ich, daß niemand, auch die Sozialdemokraten nicht, daran glauben, daß sie damit einen Umsturz im Volke herbeiführen' werden. Auch in anderen Ländern soll durch diese Demonstrationen nur gezeigt, werden, daß ein Teil der Bevölkerung für gewisse Tinge ein hohes Interesse hat. Di- Polizei hätte vielleicht auch mit etwas mehr Ruhe den Demonstrationen zusehen sollen. (Sehr richtig! links.) Nützlich sind Demonstrationen nickst, da unsere Polizei leider noch nicht auf dem Standpunkte anderer Länder steht, wo man gegen ruhige Demonstrationen nicht weiter einschreitet. Darum bin ich ganz damit einverstanden, wenn man vor solchen Demonstrationen warnt, namentlich jetzt in der Zeit der großen Zahl der Arbeitslosen. Ich will mit dem Wunsche schließen, daß das Wahlrecht in Preußen, dessen Aenderung auch Die Nationalliberalen, wenn aud) nicht ganz in unserem Sinne, fordern, doch über kurz oder iang eine Verbesserung erfährt. (Lebhafter Beifall links.)
Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. Liebermann von Sonnenberg (Wirtsch. Vgg.): Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß der Kol
Abg. von Payer (Südd. 23p.): Ich schließe mich dem herzlichen Wunsche an, daß Herr Kollege Kölle sich recht bald wieder erholen möge. (Lcbh. allgemeiner Beifall.) Durch die Erklärung des r/terckiskanzlers ist ganz unverkennbar die öffentliche Meinung in Subbeutschland in eine ganz außerordentliche Erregung ge- raten. (Lebhafte Zustimmung links.) Ja, in einen Zustand bireL Empörung verseht worden. (Hörtl Hört! links.) Wir Süddeutschen haben das allgemeine Wahlrecht seit Jahren liebgc. Wonnen und haben die Erfahrung gemacht, daß es sich gut mit ihm regieren läßt. (HörtI Hörtl links.) Es hat überall gut funk- tiomert und hat nirgends auf Abwege geführt. Darum ist es durch- aus begreiflich, daß sich in Suddeutschland eine große Entrüstung über die geradezu despektierliche Behandlung dieses Wahlrechts durch die preußische Regierung erhoben hat. (Stürmischer Bei- soll links.) Wir empfinden das, nachdem wir unser Wahlrecht |o lange haben, als einen bitteren Hohn und fragen uns, ob wir leigtferttgi ober gewissenlos bei Einführung des allgemeinen Wahlrechts gehandelt haben. (Lebhafter Beifall links.) So hatten die preußische Regierung und der Reichskanzler nicht reden sollen, schon deswegen nicht, weil es so klingt, als ob man bcr= steckt ein Verdikt über das Reichstagswahlrecht hat ausspreck'en wollen. (Lebhafte Zustimmung links.) Und erst gar die Ab- bcr geheimen Wahl! Das wird bei uns als ein Stück Politischer Moral betrachtet. (Sehr gut! links.) Die beliebte © in re bc, daß es sich hierbei nur um preußische Fragen handle, verfangt bet uns nicht. Wir müßten doch blind sein, wenn wir nicht den Zustand der Dinge, die Abhängigkeit bcr Reichsvolitik bon der preußischen Politik erkennen würden. (Sehr richtig! links ) Und wir berlangen, auch hierbei unsere Meinung aus- sprechen zu dürfen. Man hätte sich doch biel mehr mit dem Doppelspiel des Ministerpräsidenten und Reichskanzlers befassen ^ußen, das se nach Belieben zum Nutzen der gegenwärtigen Tages- Politik die eine Volksvertretung gegen die andere ausspielt. (Sehr Jntereffe der Süddeutschen für die preußische Wahlrechtssrage wird nickst eher erlöschen, als das preußische Wahlrecht in eine gewisse Gleichmäßigkeit mit den anderen deutschen Einzelstaaten gebracht wirb. Die Erklärung bcr preußffchen Ne- aierung fjat aber ein Gutes gehabt. Sie bat wie ein Blitz die aanße Situation erleuchtet. Wenn ich mir borstelle, daß der Reichs- kanzler gesagt gatte: O ja, ja, ja — das werden wir schon macken (große Heiterkeit), dann hätten sich unsere gutmütigen OTit= burger in Preußen wieder einmal beschwichtigen lasten. (Heiter- keit und sehr richtig!) Die Preußen sind in dieser Frage biel zu pat aufgeftanben unb haben setzt wirklich keine Zeit mehr zu ber- lieren. (Lebh. Beifall links.)
v. Hohenau und Graf Lynar vor Dem Gericht.
H. F. Berlin, 22. Sanitär.
Hohe Militär- und eine große Anzahl Zivilpersonen drangen ttarf) dem Militärgerichtsgebäude, Lehrterstraße 58, woselbst der Prozeß gegen den Generalleutnant z. T. Grafen Wilhelm von Hohenau und den Major a. D. Grafen v. Lynar ftattjinbet. Den Gerichtshof bildet General her Kavallerie v. Pfuel (Bvrsitzen- der), Kriegs-Gerichtsrat Tr. Matschke (VerlMtblungsführer), Generalleutnant v. Hopfner, Generalleutnant Kehrer und Kriegs- Gerichlsra,t Tr. Ullmaun (Beisitzer). — Die Anklage vertritt Kr.egsgenchtsrat Grünwald (Potsdam). Tie Verteidigung führen Juftizrat Tr. Sello für Graf Hohenau, Rechtsanwalt v. Glasenapp für Graf Lyuar. Tic Angeklagten, die in Zivil cr|d)eiiien, machen beide einen schneidigen Eindruck. Tie Verhandlung beginnt mit dem Ausruf der Zeugen. Maximilian Harden ist nicht erschienen. Er hat ein ärztliches Attest eingesandt. Tanaä) leidet er noch immer an den Folgen einer Nippenfellentzündung und tst deshalb nickst in der Lage, an Geridstssbefte zu erscheinen.
Der Verhandlungsfuhrer (teilt fest, daß Graf Wil^lmHohenau ein Lohn Er. Königl. Hoheit des Prinzen Albrecht Vater unb seiner Mutter, einer gefrorenen v. Rauch ist. Er ist am 25. April 1854 geboren, evangelischer Konfession. 1872 wurde er Offizier im 1. Gardc-Tragoner-Regiment, später Oberleutuant bei dem Regiment der Gardes du Korps. 1897 wurde er Flügeladjutant des Kachrs und Führer des Gardc-Kürassier-Regiments, 1899 Kom- mairbcur des Regiments der Gardes du Korps, im März 1900 Oberst. Am 22. April 1902 trat er an die Spitze der 1. Kavallerie- Brigade. Ein Jahr später wurde er General-Major. Am 27. Januar kam er als diensttuender General a la suite wieder in das militärische Gefolge des Kaisers. Bei seiner im vorigen Jahr erfolgten Verabschiedung erhielt er den Rang eines Gencral- leutnants. (Tr ist in zweiter Ehe verheiratet. Vater von fünf Kinder». Seine Ausbildung Hal er zunächst zu Hause erhalten, später hat er fünf Jahre lang in Dresden das Gymnasium besucht. — Graf Johann von Lynar ist am 3. Dez. 1859 geboren, evangelischer Konfession. Er hat seine Ausbildung auf der Realschule in Leipzig erhalten. Er wurde 1881 Fahnenjunker, 1883 wurde er Leutnant int 2. Garbe-Tragoncr-Regiment, 1891 wurde er überzähliger Rittmeister, 1897 Kommandeur der Lcibschwadrou dcs Regiments Gardes du Korps in Potsdam. 1906 wurde ihm mit ge'fetzlicher Pension der Abschied bewilligt. Er hat zwei Söhne im Alter von 17 unb 18 Jahren. — Nachdem die Personalien seftge- stellt waren, verlas der Vertreter der Anklage, Kriegsgerichisrat Dr. Grünwald ben A u l l a g e be s ch l u ß. Danach wird Generalleutnant z. 2. Gras Wilhelm v. Hohenau beschuldigt, Mißbraud) bcr Dienstgewalt begangen unb sich im Sinne des § 175 des Reichs-Strafgesetzbuches schuldig gemadst, Gras Lynar dieselben Straftaten begangen, außerdem einen Burschen in wollüstiger Absicht berührt, einen anderen Burschen in wollüstiger Weise um
armt zu haben. Beide Burschen haben wegen Beleidigung Strafantrag gestellt. Nach Verlesung des Anklagebeschlusses beantragte der Vertreter der Anklage, während der ganzen Tauer der Verhandlung die O essen tlichkeit auszuschließen. Ter Verhandlungsführer fordert das Publikum unb die Vertreter der Presse auf, den Saal zu verlassen, da über diesen Antrag in nichtöffentlicher Sitzung verhandele loerben müsse. — Nach kaum zehn Minuten wurde die Oeffentlichkeit wieder hergestellt. Ter Verhandlungsführer verkündet: Ter Gerichtshof hat besd)lossen, die Oeffentlichkeit während der ganzen Tauer der Verhandlung aus- zufchließen, da durd) die Oeffentlichkeit der Verhandlung eine Gefährdung der militärischen Disziplin und eine Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit zu besorgen ist. Ter Gerichtslwf frat außerdem beschlossen, dem Wirkl. Geh. Kriegsrat Tr. Wolff vom Kviegsministerium, dem Geh. Kriegsrat Dr. Selle von der 1. Ka- valliric-Brigade und den zwei amtlidjen Stenographen den Zutritt zu gestatten. Die Verhandlung wird voraussichtlich drei Tage dauern.
m Friedberg, 21. Jan. In bcr heutigen Schöffengerichts- jiijiing stand ein Fall zur Aburteilung, dem das größte Interesse aller ruheliebenden Bürger Friedbergs eutgegengebracht wurde. Ter Anklage lag folgender Tatbestand zn Grunde. Ain 10. Dez. stand ein gewisser Fr. Mühl von hier vor dem Schöfsengeridst wegen Verübung luhestörenden Lärms. Als Entlastungszeugen waren geladen Georg Noll, Joseph Spahn, Peter Niederhöffer und tfarl Doll. Nach Beweisaufnahme rourbe bet Angeklagte zn 15 Geldstrafe verurteilt. Mit den erhaltenen Zengengebühren, veron- ftalteien die Zeugen, sowie der Verurteilte ein Zechgelage, ivobci sie in stark angeheitertem Zustande mehrere Exzesse verübten. Als sie sich in der Innenstadt ordentlich auögetobt halten, begaben sie sich an die Gerbereien. Hier trafen sie den Gerbermeisier Willy Stern, der int Begriff war, seinen mit einem Pferd bespannten Wagen rückwärts aus feinem Hofe zu stoßen. Die Leute hielten den Wagen zurück, indem sie mit aller Macht fid) dagegen stemmten. Als sich Stern dies verbat, fielen sie nn Komplott über ihn her, schleiften ihn auf eme nahegelegene Wiese, und hieben dermaßen ans ihn ein, daß er es viellcid)t nur den anwesenden Jengen zii verdanken hat, mit dem Leben davon gekommen zu jein. Als Zeugen waren geladen die beiden Gehilfen des Verletzten, die Gerbermeister Allenbörser und Michel, sowie Stadlv. Falt lind Stadlbanmeisler Köhler. Die beiden letztgenannten hallen fid) im Interesse des Ueberfallenen lalkrastig an der Sache beteiligt. Die Anklage lautete auf Körperverletzung der §§ 123 und 123a, sowie Nnhestörnng, grob. Unfugs und Hausfriedensbruchs. Die Angeklagten wurden wie folgt verurteilt: Georg Noll zu 8 Monate 2 Wochen, Friedr. Mühl zu 6 Monate 4 Wochen unb foforttger Verhaftung, Karl
Toll und Joseph Spahn zu je 2 Monate 3 Wochen 3 Tage, Peter Nkederhöfer zu $ Monate Gefängnis
Berlin, 21. Januar. Der „Dorwärls"-Redakteur Hans Weber wurde heilte von der vierten Strafkammer des Landgerichts I iuegeit Beleidigung des Bürgermeisters Tr. Stolle in Königshülte, begangen in einem Artikel mit derUeberschri't: Tie deutsche Schmach! zii sechs Wod)eu Gc'änguis verurteilt. Ter Staatsanwalt hatte vier Alonate beantragt.
Rudolstadt, 21. Jan. Wegen Beleidigung dcS Tent« schon Ossizierkorps, begangen burd) einen Zeitungsartikel im September 1007, wurde von bcr hiesigen Straffanuner der Redakteur Zorn vom sozialbemokratisd)en ^Bolksblatt" zn einem Tlonat Gefängnis verurteilt.
M c tz, 21. Ja». Tas Schwurgericht verhandelte heute gegen den Acker knecht Thouvenin, ber am 11. Dezember vor. Js. den 63 jährigen Ackerer "Tonnet und freien 87 jährige Mutier ermordete und beraubte, Tic Geschworenen sprachen Thouvenin dcs bappelten Raubmordes schuldig und das Geridst verurteilte ihn zweimal z u m T o d e und "sum dauernden Verlust der bürgerlid>en Ehrenrechte. Ter Angeklagte nafrnt den Sprum der Geschworenen in Anwesenheit seiner alten Mutter, die die Aussage veriveigcrt hatte, mit der Aeußerung auf: „Wenn man so gefäbrlidc Ellern gchibt bat, muß man so leben!"
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