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Nr. 69
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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Wetter
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1 Vorstand.
am 20.—21.
„ 20.-21.
Giessen, den 21. Miliz 1908.
Frossin. PoiizeJassii, Reinhart.
hinein schauen in die Nedaktionsstuben der Zeitungen und sehen, wie die Geistesprodukte beschaffen sind, die den Redakteuren von ihren alles besser wissenden Kritikern tagtäglich zugehen. Da ist unter hundert Zuschriften noch keine einzige, die allen Anforderungen dec Logik und dec Grammatik entspräche. Wie viel Neichstagsabgeordnete mag e§ wohl geben, die in drängender Hast einen nur halbwegs guten Reichs- tagsber'icht zu schreiben vermöchten? Kritisieren und schimpfen ist freilich leichter. Wann wird das delitsche Publikum endlich einmal einsehen, daß der deutsche Journalist in seinem Berufe geistig mindestens ebenso rege sein muß, wie der Jurist, dec Arzt, dec Lehrer, der Geistliche und im Vergleich zu diesen Berufen nicht schlinimere Fehler macht, als sie. Unfehlbar ist er allerdings ebensowenig wie dec Jurist, der Arzt, der Lehrer, der Parlamentarier. An universeller Bildung übertrifft er sie wohl in den meisten Fällen. Das verlangt schon sein Beruf von ihm. Und trotzdem — Sau- bengel! Der in diesem Falle den Journalisten ein Erzieher zum guten Ton in allen Lebenslagen sein sollte, sein sollte, war ein Landgerichtsrat, ein Vertreter jener Partei, die sich für die alleinseligmachende Vertreterin von Christentum und christlicher Moral hält. Was mag da wohl das Ausland von den Bilduiigszusiänden im Deutschen Reiche denken ?
Wie im Reichstage, so hat man sich in der verflossenen Woche auch in der hessischen Zweiten Kammer genötigt gesehen, zu Abendsihungen seine Zuflucht zu nehmen, und man hat es mit dem Erfolge getan, daß die Etatsberatung am Donnerstag wirklich zu Ende kam. Sind) das preußische Abgeordnetenhaus, das fast die ganze Woche hindurch mit der dritten Lesung des Etats beschäftigt war, hofft, die Beratungen noch in dieser Woche zu beendigen.
In der ausivärtigen Politik war es eigentlich nur die Mulattenrepublik Haiti, die in der verflossenen Woche die Aufmerksamkeit der politischen Welt auf sich gezogen hat. Revolutionen und Unruhen sind zwar in Mittel- und Südamerika nichts Ungewohntes, trotzdem muß man sid; in diesem Falle doch über die unerhörte Dreistigkeit wundern, mit der die Machthaber Haitis selbst den Vertretern der fremden Mächte zu trotzen geivagt haben. Da hat es erst der Entsendung einiger Kriegsschiffe Deutschlands, Englands und der Vereinigten Staaten bedurft, um diese farbigen Herrschaften zur Vernunft zu bringen. Belästigungen von Europäern, wie sie in den letzten Tagen vorgekommen sind, werben sid) nun wohl nicht mehr wiederholen.
Meteorologische Beobachtungen
________ der Station Greffen.
neue Beunruhigung in der Auflösung des bisherigen Abkonunens der beiden führenden Diamantgesellschasten, wodurch auf dem Diamantmarkt möglicherweise eine neue Erschütterung her- vorgenilen werden kamt, die and) auf die deutsche Industrie nid)t ohne Einstuß bliebe. So sind also die ungünstigen Faktoren ent- schieden un Nebergewicht und lassen eine zuversichtliche Stimmung vorerst nicht aufkommen. Der Mißmut äußert sich indes mehr in der Enthaltsamkeit vom Geschäft als in Kursrückgängen, denn gegen das vorwöck)ige Niveau sind kaum nennenswerte Bcränber- ungen emgetreten. Banken zogen sogar etwas an, auch Fonds lagen teilweise fester, sowohl deutsche als and; ausländische; von letzteren waren namentlich Silbermexikaner und Russen gebessert. Transportwerte teilweise matter, Ac o n 1 a n p a p i e r e ohne nennenswerte Blenderung. Bon anderen I n d u st r i e v a p i e r e n waren die Aktien chemischer Fabriken zum Teil neuerdings höher. Höchster Farbwerke pro fine den in Erwartung eines günstigen 'Jlb- schlusses etwa 20 °/0, Albert 7 °/6 und Scheideanstall ö %. Auch Waghäusler Zuckerfabrik waren gefragt und höher.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Test-Adr.: AnzeigerGießen.
Die nach- A ahtoU sind Soumtatf den 22. März nur .••lebenden ßv* i v von 12 Lin- luittags bis 12 ehr nachts kill' dringende Fade sicher anzutrelleu. [D21/a
Dr. tieyer, Seltersweg 64. — I5r. Klein. Ost-Anlage 37. — Ata*. Zinsser, Gocthestrasse 10.
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politifdie LVochenschau.
a. Gießen, den 21. März.
Die Abstimmung über das Vereinsgesetz in der Reichstagskommission ist anders ausgefallen, als die Feinde des Blocks gehofft und gewünscht hatten. Leicht ist es den Freisinnigen, wie der Abg. v. Payer ausführte, nicht geworden, in der Sprachenfrage ein Kompromiß zu schließen, aber sic sind von der vernünftigen Erwägung ausgegangen, daß das Vereinsgesetz um des Sprachenparagraphen willen nicht gefährdet werden dürfe und daß das Vercinsgesetz auch mit dem Kompcomißantrage entschiedene Vorteile bringe. Man sieht, der Blockgcdankc hat heute doch schon tiefer Wurzel gefaßt, als die Blockgegner c5 wahr haben möchten. Daß Schwierigkeiten der verschiedensten Art an den Block heran- treten würden, das hat man freilich von Anfang an gewußt, und man kann nur hoffen und münsd)en, daß die Blockparteien nud) in Zukunft ebenso wie bisher ernstlich bestrebt sein möchten, durch allseitiges Entgegenkommen auftauchende Schwierigkeiten zu beseitigen. Die schwierigste Prüfung wird ja demnächst das Börsengesetz liefern. Mögen dann die Konservativen sich ein Beispiel an dec Opferwilligkeit der Liberalen nehmen, um allen parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz den Weg der Einigung und Verständigung zu finden.
Im Plenum des Reichstages beschäftigte man sich in der verflossenen Woche in der Hauptsache mit dem Kolonialetat, und es war ein eigenartiges und doch aud) betrübendes Zusammentreffen, daß während dieser Beratungen die Kunde von neuen blutigen Kämpfen in Südwestafrika kam. An die Möglichkeit, daß die zerstreuten Ueberreste der schwarzen Rebellen noch so viel Widerstandskraft entwickeln und unseren Truppen solche Verluste bei» bringen könnten, hat wohl keiner gedacht. Allerdings haben unsere Truppen in Südwestafrika schon seit mehr als einem Jahre vergeblich versucht, den Hottentottenhäuptling Simon Köpper unschädlich zu machen. Mehr als einmal glaubte man ihn so weit zu haben, daß er die Waffen strecken würde, aber im letzten Augenblick verstand es dieser versd)lagene Hottentott, den Deutschen immer wieder zu entwischen. Es ist ihm auch diesesmal leider wieder gelungen, nachdem er in dec wasserlosen Kalahari zwei unserer tapfersten Offiziere und 12 Mann getötet hatte. Hoffentlich gelingt es den deutschen Truppen, nun wenigstens zu verhindern, daß die zersprengte Schar Simon. Köppers sid) von neuem sammelt. Jedenfalls lehrt dieses neueste blutige Gefecht, daß wir in Südwestafcika vor unangenehmen Ueberraschungen nie sicher sein können.
Ein eigenartiger Zwischenfall ereignete sich übrigens noch in derselben ReichstagSsitzung, in der das Gefecht mit Simon Köpper bekannt wurde: die Journalisten streikten. Sie verließen allesamt die Joucnalistentribüne und stellten die Berichterstattung ein infolge der Beschimpfung, die ihnen von einem Mltgliede dec Zentrumspartei des Reichstages zu teil geworden war. Korrekt mar es ja allerdings nicht, daß einer der Journalisten gelacht hatte, gelacht bei einer Bemerkung des Zentcumsabg. Eczberger, aber doch menschlich begreiflid) und jedenfalls kein Vorgang, der besonderen Aufhebens wert gewesen wäre. Ein Zeichen guter Erziehung war es aber auch nicht, daß der über die Journalisten erboste Zentrnmsabg. Gröber nun das schöne Wort Saubengel auf sämtliche Journalisten anwandte, deren schwerer und undankbarer Beruf es ist, Tag für Tag die endlosen Reden deß hohen Hauses dem großen Publikum draußen mitzuteilen. Der Fall ist typisch. Es gibt im Deutschen Reiche wohl keinen Beruf, der mehr angefeindet ivürde als dec deS Journalisten. Roch immer ist die große kritiklose Masse der Meinung, daß ein Journalist ein Mensch ist, der nichts gelernt und im bürgerlichen Leben irgend Schiffbruch gelitten haben müsse. Dem Journalisten gegenüber dünkt sich jeder fadeste Schwätzer und dümmste Kopf noch ein Geisteslicht. Dem Journalisten gegenüber herrscht in deutschen Landen noch immer Schimpsfreiheit. Den Journalisten glaubt Jedermann ziirechtweisen zu dürfen. Ihr Verächter des Journalistenstandes, könntet ihr doch nur einmal
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Auszug o. d. ZtandesaintrreMem der Stadt Eiche».
Aufgebote.
März. 14. Johannes Bauenield, Weichensteller, mit Marie Josephine Georgette Stoltz, beide in Lang-Göns. 14. Wilhelm Panz, Dachdecker, mit Karolme Feußer, beide dahier. 19. Heinrich Becker, Manier in Bersrod, mit Ettsabethe Damm in Reiskirchen.
LhesHttetzuiigen.
März. 14. Reinhard Knapp, Zuschneider, mit Lina Lindenstruth, beide dahier. 14. Ludwig Engel, Bnreangehilke, mit Maria Sann, beide dabier. 14. Heinrich Panz, Tcglöhncr, mit Helene Schultheis, beide dahier. 14. Alired Thormami, Schutzmann, mit Eliriede George, berde dahier. 14. Ludwig Hartmann, Bahnarbeiter, mit Katharine Wagner, beide dahier.
Geborene.
~ März. 3. Dem Bureangehitten Otto Friedrich Schneider ein Sohu, Erwin. 10. Dem Monteur Ludwig Ferdinand Göbel ein Sohn, Karl Hans. 10. Tein Fuhrmann Heinrich Reuet eine Tochter. 12. Dem Großh. Staatsanwalt Tr. Ernst Brill eine Tochter, Lotte. 17. Dem Svenglermeisler Heinrich Appel ein Sohn, Johann Wilhelm Ehristian. 13. Dem Kurturtechniker Mathias Willems eins Tochter, Heleiie.
Gestorbene.
März. 12. Kurt Heinz Friedrich Kaufmann, 3 Jahre alt, Landgrafenstraße 8. 13. Karl Lenbard, Landroirt, 54 Jahre alt, Keplerstraße 1. 14. Kalharme Höfler, 1 Jahr all, Neuenweg 8. 14. Wilhelm Erb, Schneider, 37 Jahre alt, Steinstraße 76. 16. Wilhelm Berger, Bäcker, 55 Jahre alt, Wolkcngasje 14. 19. Elisabeth Mosbach, 15 Jahre alt, Sellersweg 32. 19.' Anna Bolz, geb. Reeb, 25 Jahre all, Buddestraße 11.
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* I n Jena l ä ßr s i ch ' s leb c ü. AnZ Jena wird uns geschrieben: Int hiesigen Gasthof „zur Wolfsschlucht" wilrde kürzlich mährend der Nacht ein Fenster eingeworien. Was tut daraus der Wirt? Er benft nid)t barnn, Stralantrag zu stellen. Vielmehr verspricht er dem Slemwerser ieierlid) einen „unbeschränkteil Frei- mmt", wenn er sid) ihm persönlich vorznstellen Öen Atm findet. Ja, in Jena lebt sich's bene:
Höchste Temperatur Niedrigste
Börsen-Wochenöericht.
— F r a n k s u r t a. M., 20. März.
Der Verkehr an der Börse bleibt nack) wie vor aitßerordsntlid) schleppend. Es ichlt an zugkräftigen Anregungen. Nachdem New-Hork kurze Zeit hindurch ie|ie Notierungen sandte, ist and; dort wieder ein Rückschlag eingetreten unb dadnrck) kann iiatürllch kern Vertraucn in der Standha'tigkeit der Bewegung aufkommen. Der emzige Lick)tblick ist die Erleichterung des i n t c r n a 11 o u a I e n Geld- m a r f t e §; in London ist Privatdiskomo aui 2s/4 °/0 zurückgegangen, die Bankrate wurde dort bereits aus 3 °/6 herabgesetzt. In Paris, woselbst nrnn die gleiche Bankrate hat, steht Privatdiskonlo sogar nur 2‘/, °/0, aber bei uns hält er sid) noch aus 4% % bei einer ojfiziellett Rate von 5V2 °/s. Der deutsche Geldmarkt befindet sich also in der weitaus tu,günstigsten Verfassung und lucim die Erleichterung an deir übrigen Atärkten schließlid) aud) auf den deutschen Geldmarkt zuiüdwiiken wird, so ist dod; die augenblickliche Lage deprimierend und läßt keine Unternehmungslust anstommen; auch die Indnstrte und das ganze kommerzielle Leben haben barunter zu leiden. Es ivird stark über Absatzschwierigkeiten in Koks geklagt, ein Beweis, daß es in der Industrie schlechter geht. Die Börse speziell schwebt in Hangen und Bangen über das Schicksal der Börsengesetz Novelle, sie hofft immer noch, daß ein Kompromiß geschlossen, die Regierungsvorlage wieder hergestellt und un Reichstage dnrchgebracht werden wirb, ob diese Hoffnungen aber in Erfüllung gehen, ist noch recht ungewiß. Der Pariser B ö r f e , die an Diamantwerteu großes Interesse hat, droht eine
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Drittes Blatt 138. Jahrgang Samstag 2 L. März LK08
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„Anzeiger" viermal wochentlick) beigelegt, das 'i&r *A>* XA tg, CT 'foy
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Marz 1908
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