Ausgabe 
23.1.1908 Erstes Blatt
 
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HehrlingSwesen. Es komme häufiger vor, daß ein Geometer Hier bis fünf Lehrlinge habe. Die Regierung fei schon seit Jahren bemüht gewesen, diesem Unwesen in der Lehrlmgsznch- terei zu steuern, und es würden in nächster Zeit wertere Be­stimmungen behufs Beschränkung der Lehrlingszüchtung erlassen werden. Von den Geometern würden die Lehrlrnge bevorzugt, einmal, weil sic nichts kosten, dann aber auch, weil sie meist noch Lehrgeld zahlen müßten, und demnach auch noch eine Ein­nahmequelle bilden.

Abg. Molthan hält dre vielen hier vorgetragencn Be­schwerden über die Kreisvermessungsämter für übertrieben Es seien durch die Regierung nur wenige Klagen zur Feststellung gelangt. Im übrigen wendet sich der Redner gegen die Anträge Dr. Leidenreich, Korell und Noack und empfiehlt, es dem Er­messen der Regierung zu überlassen, welchem Ministerium die Vermessungsämter unterstellt werden sollten.

Abg. Senß selber schlägt vor, die Vcrmefiungsamter dem Justizministerium zu unterstellen.

Abg. Lauck empfiehlt die Annahme der Anträge Noack und Korell, spricht aber die Erwartung aus, daß Abg. Wolf seinen diesbezüglichen Antrag zurückziehen werde

Abg. Wolf gußert sich nochmals ausführlich zur Sache und wendet sich besonders gegen den Antrag Korell, .der so bedeutungslos sei, daß es schade um den Bogen Papier sei, auf welchen derselbe geschrieben wurde. Dann zieht der Redner dem Wunsch des Abg. Hauck entsprechend seinen Antrag wieder AWÜck. t . , ,

Abg. Noack polemisiert gegen den Vorredner und empfiehlt nochmals die Annahme seines Anttags^

Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Haas, Korell, Noack, Wolf, Adelung und Ulrich hebt

Ministerialrat Dr. Becker noch hervor, daß der Zuschuß zu dem Geometcrinstitut im Kreise Offenbach im Jahre 1900/01 erfolgte. Er habe aber nicht 20 000 Mk. sondern, wie er aus den Akten ersehe, 6000 Mk. betragen bei einem Gesamtaufwand von 21000 Mk., also über ein Viertel der Gesamtsumme. Das sei doch ein sehr erheblicher Zuschuß zu den Kreisvermessungs- koften und wenn man dasselbe Ansinnen an den Staat stellen sollle, also ähnlich wie im Kreise Offenbach ein Viertel dazu zu zahlen, so würde das für den Staat nicht weniger als 75000 Mk. ausmachen.

Nach dem Schlußwort des Ausschußreferenten wird endlich die Debatte geschlossen und zur Abstimmung geschritten.

Es wird zunächst der Ausschußantrag zu Pos. a angenommen, welcher lautet: Großh. Regierung zu ersuchen, an der im Jahre 1902 geschaffenen Institution der Kreisgeometer festzuhalten. Der ebenfalls zu Pos. a gestellte Antrag Dr. Heidenreich wird ab­gelehnt. Angenommen wird dann Pos. b des Ausschußantrags: Die Kammer wolle sich dahin aussprechen, daß die Organisation der Jnittative der Regierung überlassen ist: .aber dabei den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß das Institut nur einem Ministerium für die Folge unterstellt wird, und c: Die Kammer wolle die Regierung ersuchen, von einer Verstaatlichung des gesamten Vermessungswesens Abstand zu nehmen (hierzu wird auch der schon mitgeteilte Antrag Korell angenommen) und Pos. d: Die sämtlichen Vorstellungen, sowie die Anträge der Abgg. Dr. Heidenreich, Hirschel, Wolf und Haas für erledigt zu erklären. Auch der Antrag Noack und die sonstigen Anträge werden abgelehnt. Vizepräsident Schmitt spricht hierbei den ^Wunsch aus, daß nun die Geometersache für längere Zeit zur Ruhe gekommen sein möge. (Zustimmung.)

Zur Beratung gelangt darauf die Regierungsvorlage betr. dre Aenderung des Gesetzes über die Gehalte der Volksschullehrer.

Der Lauptartikel des Gesetzes bestimm:, daß Artikel 11 des Gesetzes über die Gehalte der Volksfchullehrcr durch folgende Vorschrift ersetzt wird: Die definttiv angestellten Lehrerinnen an Volksschulen haben zu beziehen: im 1.3. Dienstjahr 1100 Mk., im 4.-6. 1300 Mk., im 7.-9. 1400 Mk., im 1012. 1500 Mk., ttm 13.-15. 1600 Mk., im 16.18. 1700 Mk., im 19.-21. '1900 Mk. und vom 22. Dienstjahre ab 2100 Mk.

Abg. Dr. David eröffnet die Debatte und führt aus, in Preußen bestehe die Möglichkeit, daß auch solche Lehrerinnen, die sich verheiraten, auf ihren Wunsch im Schuldienst bleiben können. Er Halle diese Bestimmung für empfehlenswert und bitte, auch in Hessen die Möglichkeit zu schaffen, daß Lehrerinnen bei ihrer -Vermählung im Schuldienst verbleiben können.

Minister Braun hebt hervor, es sei nach dieser Richtung ein "Bedürfnis in Hessen noch nicht hervorgetreten. Man habe bisher i'bie Erfahrung gemacht, daß die Lehrerinnen stets sehr rasch ihr Entlassungsgesuch einreichten, wenn sie heiraten wollten.

Geh. Rat Dr. E i s e n h u t h macht in Bestätigung der An­gabe des Ministers noch nähere Mitteilungen und bemerkt, daß gesetzlich auch in Hessen die Möglichkeit bestehe, verheiratete Lehrerinnen weiter zu verwenden. Es sei indessen noch kein einziger Fall vorgekommen, daß um ein Verbleiben im Schuldienst nach der Verheiratung nachgesucht worden wäre.

Abg. Adelung hält das Verbot der Verheiratung bei Lehrerinnen für grausam. Man habe oft die Erfahrung gemacht, daß verheiratete Kräfte brauchbarer seien. Den Lehrerinnen sei jedenfalls die Möglichkeit, auch nach der Verheiratung tut Dienste zu verbleiben, nicht bekannt.

Abg. Dr. Osann betritt, es müsse unterschiedeii werden Mischen Lehrerinnen die Kinder haben und solchen ohne Kinder. Nach seiner Meinung sollten verheiratete Lehrerinnen mit Kin­dern lieber chre eigenen Kinder _ erziehen als fremde in den Schulen. Es sei auch jedenfalls für beide Teile peinlich, wenn eventl. die Behörde den Zeitpunkt feststellen müsse, von dem ab die verheirateten Lehrerinnen ihre Schultätigkeit unterbrechen müßten usw.

Die Debatte wird darauf geschlossen und der Gesetzentwurf einstimmig angenommen.

Es folgt die Beratung der Anträge Ulrich und Gen. betr. die Reform des Schulwesens und die Einführung der nationalen Einheitsschule.

Abg. Dr. David legt als erster Redner in sehr umfang­reicher Weise seinen schon wiederholt geäußerten Standpunkt über Schulreform und Einheitsschule dar, wobei er besonders auf die Bedeutung des einheitlichen Schulunterrichts für das Volksleben hinweist.

Um Vs2 Uhr wird die Sitzung abgebrochen. Nächste Sitzung morgen früh 9 Uhr.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 23. Jan. 1908.

S. K. H. der Großherzog haben dem Großh. Hess. Hofgarteningenieur Phil. Siesmayer zu Frankfurt a. M. das Ritterkreuz 2. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmütigen mit der Krone verliehen.

Lehramtspersonalien. Ucbertragen wurde dem Lehrer Ernst Kabel zu Hammelbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Erzhausen; dem Lehrer Rob. Lack- mann zu Busenborn eine Lehrerstelle an der Geineinde- schule Hahn (Kr. Darmstadt); dem Lehrer Hch. Schaaf zu Herchenham eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Schotten.

* 3ur In st allationS-Angelegenheit. Die hiesigen Installateure haben unS mitgeteilt, daß sie mit der Eingabe des Herrn Wille an die Stadtvcrordneten-Versammlung nichts zu tun haben. Wir kommen dem Wunsch, dies den Lesern des G. A. mitzutellen, gern nach, haben aber dazu zu bemerken, daß unsererseits, als mit den Herren Eccarius und Wille über die Sache verhandelt wurde, dieser Eindruck nicht gewonnen wurde. Im übrigen freut cs uns, daß die betr. Installateure mit der Sache nichts zu tun haben wollen.

* * Vorträge. In der Gesellschast für Erd-und Län­derkunde spricht heute abend Professor Dr. Hans Meyer aus Leipzig über Reisen in den Hochcordilleren von Ecuador

(Vortragslokal: Neue Aula) und in der Freidenker-Ver­einigung Professor Dr. W. Kinkel über die Grundlegung der Moral ohne dogmatische Voraussetzungen (Vorttagslokal: Steins Garten).

** Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. Donnerstag, 30. Jan., abends 8H2 Uhr findet" im Auditorium des physikalischen Instituts die oiesjährige Generalversammlung der Gesell­schaft statt, in der statutengemäß die beiden Abteilungen, die naturwissenschaftliche und die medizinische, gemeinsam tagen. Es ist dem Vorstande auch diesmal gelungen, für die Hauptversammlung einen Vortragenden zu finden, der in der Lage ist, ein Mediziner und Naturwissenschaft­ler in gleicher Weise interessierendes Thema zu behan­deln. Privatdozent Dr. Wc Schmidt hat sich bereit er­klärt, der Gesellschaft in drei Vorträgen das Wichtigste über Radioaktivität an der Hand von Experimen­ten vorzuführen. Der erste dieser Vorträge, der auch für sich ein abgeschlossenes Ganzes bllden wird, ist für den genannten Abend in Aussicht genommen. Die beiden ande­ren werden im Laufe des Februars als Vorträge der naturwissenschaftlichen Abteilung folgen. Herr Dr. Schmidt ist kürzlich von einer längeren Studienreise in England zurückgekehrt, wo er im Laboratorium von Professor Ru­therford in Manchester gearbeitet hat. Professor Ruther­ford gilt als der bedeutendste Radiumforscher der Jetzt­zeit. Er ist, wie sich wohl einige unserer Leser erinnern werden, wegen seiner grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiete der Radioaktivität von der Gießener Philosophi­schen F-akultät gelegentlich der Drittjahrhundertseier ehren­halber zum Dr. Phil, promoviert worden. Zu den Vor­trägen sind Gäste willkommen.

** Wohltätigkeitskonzert des Kronbauer- schen Quartett-Vereins am Sonntag den 9. Februar im großen Klubsaal. Wie alle Jahre, so will auch in diesem der genannte Verein, der wie bekannt unter der Leitung des Profeffor Gustav Trauimann steht, sich der Wohltätigkeit zu Diensten stellen. Auch der Zweck ist derselbe wie bisher, das pekuniäre Ergebnis, welches stets ein hocherfreuliches war, fließt dem Fonds für Speisung notleidender Schulkinder zu. Gerade in diesem harten und langen Winter, der immer ivieder, nach kurzer Pause milderer Temperatur, grimmig einsetzt, ist ein Erschöpfen des Fonds zu befürchten, wenn nicht reichlicher Zuschuß zufließt. Bei dem Wohltätigkeits­sinn unserer Stadt und bei der Beliebtheit des Kranbauer- Quartetts ist ein Erfolg sicher zu hoffen, zumal der Verein darnach strebt, auch nach musikalischer Seite das Beste zu bringen. Neben eigenen Darbietungen sind mit zwei in weiteren Streifen bekannten Künstlerinnen Verhandlungen an­geknüpft, die in aller Kürze zum günstigen Abschluß kommen werden.

** Der Gießener Zitherklub (Wohllätigkeitsverein) veran° stallet, wie man uns schreibt, seinen diesjährigen Maskenball am 2. Februar in der Turnhalle, verbunden mit prächtigen Gruppen» auhührungen, sowie Karussell, Schießbude, Panorama und sonstigen Belustigungen. Es wäre daher sehr empfehlenswert durch einen reichhaltigen Zuspruch. Der erzielte Ueberschuß wird für Weih- nachlsbcs'chcrungen sirr hiesige arine bedürftige Kinder verwendet. Der Gießener Zitherklub, der letzte Weihnachten zum 25. mal be­scherte, dürste nunmehr 1200 Kindern beschert haben.

** Das Fest der silbernen Hochzeit begehen morgen Freitag, 24. Jan., Adam Leismann nebst Ehefrau Marie, geb. Diehl (Schissenberger Weg 63).

* Wem gehört der Ueberzieher? Ein Unbe­kannter, der sich mit- einem Militärpaß auf den Namen Wilh. Geiger aus Pfaffenhausen legitimierte, versetzte hier am 6. l. Mts. einen braunen Ueberzieher mit der Firma H. Strauß, Mainz. In dec Tasche befindet sich ein Taschen­tuch, gezeichnet M. D. Sodann entwendete er in der Real­schule einen anderen Ueberzieher und em EapeS. Dec ver­setzte Ueberzieher ist offenbar auch hier oder in einem benach­barten Orte gestohlen, der Verlust aber bis jetzt nicht angezeigt. Der Eigentümer des Ueberziehers kann sich auf Großherzogl. Polizeiamt melden.

---Allcndorf a. d. Lumda, 22. Jan. Das diesjährige Bezirks krieger fest des Bezirks Gießen dec Kriegerkamc- radschaftHassia" findet am 12. und 13. Juli hier statt. Da­mit verbunderr ist das 25jährige Stiftungsfest des Kriegervereins Allendors a. d. Lda. und die Verleihung dcr Kaiser- schleife an diesen Verein. Die schon jetzt Mit Eifer betriebenen Vorbereitungen lassen für die Veranstaltungen das beste er­warten.

LH Butzbach, 20. Jan. Mit der Erbattung der Wettertalbahn Griedel Bad-Nauheim scheint e5 nun ernst zu werden. Die Butzbach-Licher Elsenbahn-Aktien- gesellschaft hat in ihrer letzten Generalversammlung zum Zweck der Erbauung und des Betriebes der Bahn von Griedel nach Bad-Nauheim ihr Grundkapital um 1 015 000 Mk. erhöht und zwar durch Ausgabe von 1 015 Stück Stammaktien zu je 1000 Mk. Das Baukapital der Gesellschaft beläuft sich auf 4 604 586 Mk. Der Beitrag des hessischen Staates be­trägt 1 273 586 Mk., die Schuldverschreibungen werden 1565 000 Mk. aufbringen. Wa§ das Bahnprojekt betrifft, so soll die neue Linie von der Strecke Bntzbach-Lich bei Griedel ins Wettertal abzweigcn, über Rockenberg, Oppershofen, Steinfurth, Wisselsheim bis Rödgen führen und von hier den Goldberg durchschneiden, um in den Bahnhof Bad-Nauheim einzumünden. Die Gemeinden haben sich bereit erklärt, das Gelände kostenlos zu stellen und Obligationen zu übernehmen. Eine Fortführting nach Norden über Gambach, Holzheim, Grüningen bis ztir Bahn Gießen-Gelnhausen bei Watzenborn-Steinberg wird von diesen Orten angeflrebt,

§ Ruppertenrod, 22. Jan. Schon seit mehreren Tagen herrscht Glatteis, das die Passanten in die Gefahr des Stürzens bringt. Gesterrr glitt eine .L a u s i e r e r f r a u au einer hohen Treppe aus, stürzte samt ihrem Korbe die Stufen hinab und blieb auf dem Pflaster bewußtlos liegen. Mehrere Leute trugen die anscheinend Leblose in die Wohnstube, wo sie aus ihrer Ohnmacht erwachte; sie hatte glücklichenveise keinen weiteren Schaden genommen. In Ober-Ohmen fiel der Schuhmachermeister PH. und brach einen Arm. In Groß- Eichen stürzte ein lOjähriger Knabe so schwer beim Gleiten auf dem Eise auf den Rücken, daß er zu Bette getragen und der Arzt geholt werden mußte.

X Ober-Ohmen, 22. Jan. Bei einem hiesigen Ka­russellbesitzer befand sich seit Herbst ein ftemder Bursche als Ge- hrlse. Dieser Tage gerieten beide in Streit, wobei der letztere mit einem Beil auf den ersteren cinging und auch dessen Wagen zu demolieren suchte. Der Karussellbesitzer machte Anzeige bei der Gendarmerie zu Ruppertenrod und verriet hierbei auch, daß der Bursche ein von der Polizei steckbrieflich verfolater Fahrrad marder sei, der in Gießen ein Fahrrad gestohlen habe. Der Angezeigte wurde festgenommen und in das Unter» luchungsgefängnis gebracht.

X Krofdorf, 22. Jan. Unserem Ortsgerichtsvorsteher Ludw. Leib ist der Kconenordeii vierter Klasse verliehen worden. Die Dekoration wurde dem hochbetagten Alten durch Bürger­

meister Braun in Gegenwart der Gemeindevorsteher unserer Bür­germeisterei überreicht. Schultheis Leib war bis vor kurzem! auch erster Beigeordneter dcr Bürgermeisterei Krofdorf.

)( Frankenbcrg, 22. Jan. In Berndorf wurden gestern Beim Holzfällen Vater und Sohn von einem kürzenden Baum getroffen. Dcr Vater war sofort tot, der Sohn kam mit Verletzungen davon.

Hanau, 22. Jan. Die Untersuchung betreffs der Ursache des gestrigen Eisenbahnunglücks hat nichts Bclast e n- d e s gegen einen der beteiligten Beamten ergeben. Der Unfall ist lediglich durch das herrschende Nebelwetter entstanden.

vermischtes.

* Von einem Morde, der bei Bremen entdeckt wurde, erhielten wir neulich kurz Mitteilung. Jetzt kommt die Meldung, daß der in Pernambuco verhaftete Hesse Haas gestanden hat, den Mord an dcr Auswanderin Krütze in Bremen begangen zu haben. Der Leichnam der Krütze war vor einigen Wochen zer- kückelt aufgesunden worden. Gleichzeitig machte int Orte L Le­he im bei Groß-Gerau die Polizei Entdeckungen in dcr Wohnung dcr Frau des als Raubmörder verfolgten Kolporteurs Heinrich Haas. Ein Bremer Polizeikomnnssar traf Ende der letzten.Woche dort ein und nahm mit dem Oberwachtmeister Weckmann aus Groß-Gerau eine Haussuchung vor, die einen überraschenden Erfolg hatte. Es wurde ein Koffer gefunden und beschlag­nahmt, den Haas an seine Frau gesandt hat. Darrn fand man die Kleidungsstücke der ermordeten Frau Str., bet der Haas einige Zeit gewohnt hat. Haas hat em sehr bewegtes Leben hinter sich. Im Jahre 1855 zu Wersau int Kreise Dieburg ge­boren, erlernte er nach feiner Schulentlassung das Lxchmtedehand- werk. Da er jedoch jede ordnungsmäßige Arbeit scheute, trieb er später bald dies, bald jenes, hausierte uüt Pech und Wagen- schmier unb versuchte sich auch als «Ltallschwcizer, in welcher Eigenschaft ihm zwei Brandstiftungen zugeschricben wurden. Aus b-mBensheimer Hof" lernte er seine jetzige Frau, eine geb. 'Katharina Hahn lernten. Nachdem er das V.rmögen feiner Frau arvistentcils durchgebracht, die erstere auch wiederholt nut ihren Kindern hatte sitzen lassen, versuchte er sich als Kolportagehändler in blutrünstigen Schauerromanen und Schundliteratur. Wegen Betrugs erhielt er in dieser Zeit drei Monate Gefängnis, dem er sich durch die Flucht nach Südamerika entzog. Von dort zurückgekchrt, büßte er seine Strafe ab und versuchte sich von neuem als Kolportagehändler. Eines Tages brannte sein Hans in Leeheim ab und er ließ sich 1500 Mk. für verbrannte Bücher auszahlen. Später kaufte und verkaufte er eine Spezereihandlung in Hofheim, ging wieder mit dem Gelde durch, um abermals zurückznkehren und dann die blutige Tat in Bremen auszu- führen.

Gerichtstzaal.

sd. Gießest, 22. Jan. Tas Krieg s g cr i cht dcr 25. Dl- vision tagte am Montag hier, um in den nachstehcnden Fällen seinen Richterspruch abzugcbcn. Der Sergeant M. R. aus Neu-Berum in Schlesien von der 3. Komp. Jnf.-Negt. 116 hatte auf Großherzogs Geburtstag ein Lokal besucht, in dem eine an­dere Kompagnie das Fest beging. Er war angetrunken und wurde daher Bon einem Leutnant aus dem Lokal gewiesen. Er folgte dieser Aufforderung erst auf wiederholt gegebenen Befehl uito war noch dreist genug, den Offizier nach der Ursache seiner Ausweisung zu fragen. Vm dem Stand.'sgericht zu 41 Tagen Mittelarrest verurteilt, war er damit nicht zufrieden und legte Berufung ein. Auch dcr Gerichtshrrr erhob Einspruch, was zur Folge hatte, daß das Kriegsgericht die Angelegenheit scharfer auffaßte und die Strafe wegen Beharrens im Ungehorsam und zur Rcdestellcn eines Vorgesetzten auf sieben Wochen Gefängnis erhöhte. Ein rücksichtsloser Herr fchcint der Unteroffizier Wilhelm Ochs aus Nicdergrenzenbach im Kreis Ziegenheim von der 3. Kompagnie zu sein. Von dem Dienst tuenden Offizier war nach Beendigung des Exerzierens einer Relrntenabteilung Wegtreten" befohlen. Trotzdem hat er noch einige Zeit weiter siben und auf der Mannschasisstube Präsenticrariffe machen lassen Ms einer der Rekruten einest schlechten Griff machte, erhielt er von! Ochs einen Stoß, so daß er sich mit dem Gewehr die SJiafc verletzte und in das Lazarett ausgenommen werden mußte. Bei dieser Gelegenheit kam auch zur Sprache, daß er denselben Mann in den Arm gepetzt unb auf den Fnß getreten hatte. Auch einen anderen Mann hatte er in den Backen und in den Arm gekniffen. Er erhielt hierfür eine Gesamtstrafe von 14 Tagen Mittelarrest.

Das Urteil im Kölner Petersprozeß.

W. Köln, 22. Jan. Das heute nachmittag gegen 4 Uhr 15 Minuten vom Schöffengericht verkündete U r f c i l in der Privat- klagesache Dr. Peters gegen dieKölnische Zeitung" lautete gegen den Redakteur Brueggemann auf Grund des § 21, Absatz 2 des Preßgesetzcs auf Freisprechung. Ter Angeklagte v. Bennigsen wurde wegen öffentlicher Beleidigung zu 100 Mark Geldstrafe oder 20 Tagen Haft verurteilt.

Die Kosten trägt der Angeklagte v. Bennigsen mit Ausnahme der durch das Verfahren gegen den Redakteur Brueggemann ent» standenen Mehrkosten, die dem Privatkläger zur Last fallen. Alle Exemplare der betr. 9hmnner derKöln. Ztg." find einzu­ziehen und die Platten usw. zu vernichten. Tem Privotiläger wird die Befugnis zugesprochcn, binnen vier Wochen auf Kosten deS Angeklagten v. Bennigsen das Urteil in derKöln. Ztg." bekannt zu machen.

In der Begründung des Urteils heißt es, daß der Wahr­heitsbeweis für die Behauptung, daß Peters m Jcinem Briefe an den Bischof Smithics geschlechtliche Motive für die Hinrichtungen des Mabruk und der Jagodja zugegeben habe, mißlungen sei, Peters habe im Gegenteil in diesem Briefe geschlechtliche .Motive für diese Hinrichtungen nicht nur nicht zugestanden, sondern sogar bestritten. In Würdigung der ein­zelnen Zeugenanssagen und der in den Todesurteilen nicderge- legten Begründungen sei das Gericht zu der Ansicht gekommen, daß geschlechtliche Motive weder ausschlaggebend, noch mitbc- stimmend bei der Fällung der Urteile gewesen seien. Wenn auch in,Ostafrika von solchen Gerüchten die Rede gewesen fei, so beweise das Gerücht doch nicht die Tatsache. Auf die dies­bezüglichen Aussagen Mittelstädts und Bauma'.ms sei nach An­sicht des Gerichts kein ausschlaggebendes Gewicht zu legen, da einzelne Auslassungen Mittelstädts mit feststehenden Tatsachen in Widerspruch ständen und andererseits die Annahme einer miß- verständlichen Auffassung von Mußernngen Peters nicht ansge- schlossen sei. Unter Berücksichtigung dieser Umstände unb im Hinblick auf die beftimmten eidlichen Bekundungen von Pech­manns und Jankcs nähme das Gericht an, daß der Privatkläger gegenüber Baumann und Mittelstadt in etwas bramabasieren- der Weise die Vorgänge auf der Station anders geschildert habe, als sie sich in Wahrheit zugetragen hätten. Bronsart von Schellendors habe durch sein widerspruchsvolles Verhalten in dieser Angelegelcheit Bedenken gegen feine Glaubwürdigkeit her­vorgerufen. Sei somit der Beweis für das Vorliegen sexueller Motive nicht erbracht, so erschienen andererseits die Urteils­gründe für die Hinrichtungmr als wahrscheinlich. Tie Frage, ob Peters durch die Sorge um die Sicherheit der Station sich berechtigt glauben konnte, die Todesurteile auszusprechen, sei zu bejahen. Daß im Falle dcr Jagodja sexuelle Motive Vor­gelegen .hatten, sei nicht nur nicht bewiesen, sondern sogar unwahrscheinlich. Ter Airgeklagte v. Bennigsen sei daher auf Grund der §§ 186 unb 200 des Strafgesetzbuches zu bestrafen. Auf beit Schutz des § 193 könne sich der Angeklagte gemäß der Judikatur des Reichsgerichts nicht berufen. Er fei also wegen übler Nachrede zu bestrafen. Strafmildernd komme in Betracht, daß v. Bennigsen, wie das Gericht annehme, von der Wahrheit seiner Behauptungen überzeugt gewesen fei unb durch die Aufdeckung von Mißständen dem Vaterlande t-.nen Dienst SU leisten geglaubt habe, strafverschärfend aber die Schwere der Defchuldtgung.