Nr. 249 Zweites Blatt
Donnerstag 22. Oktober 1908
158. Jahrgang
Erlchem, täglich mit Ausnahme VeS Sonntag».
Dre ..Stetzenei $amiltenblätler" werden dem e'21.njciflcr* viermal rpöcbenllidj beigelegl, öaS „Kreisblati Mr den Kreis Sietzen" zweunal wöchentlich. Die ..kandwirtschaftlichen Seit» fragen“ erichemen monatlich zweimal.
Geneml-AnZeiger für GberheMn
RokattonSdruck und Verlag der CrübHdjai UnwerlilälS - Buch- und Skeinöruckeret.
R. Lang«. Gießen.
ERebaftton, ExpedMon und Druckerei: Schulstraße ?. Exvedinon und Verlag. 5L
Redaktion: ^^112. rel.-AbruAnzeigerGießen,
Menschen, die mit ftarren Augen uno stumpfen Blick wie gelähmt ihr Unglück betrachteten. Männer hatten sich selbst an Den Bäumen festzebunden unb waren so angebunden ertrunl'en. Krauen hingen an ihren föaaren in den Acsten anberer Bäume. Auf den Dächern der Däuser, die noch stehen geblieben Warenlagen Dausen von Leichen, die dort hingespült worden waren; jkinderlorver wurden an mein Pserd der angeschwemmt. Auf- geschichtet in dem Wasser lagen Tausende von Leichen, die die Flut nicht hatte mit sortveißen kennen. Die indischen Truppen waren mit Rettungs- und Bergungsarbeiten beschäftigt, aber ganze Deere wären notwendig gelvcsen, um die Trümmer wegzubringen und die Körper darunter hervorzuziehen. Und das Seltsamste in all diesem Elend war, baß, mitten zwischen diesen Massen von Schlamm, Steinen und Ziegeln es doch schon wieder Leute gab, die sich ausrichteten und neuen Mut faßten, daß ein Funken frischen Lebens in die Nacht der grenzenlosen Verzweiflung fiel. Entsetz- lidje Szenen spielten sich ab. Eine alte siebzigjährige Frau aus Der Brahminenlaste saß lebend bei den neun Leichen, die ihre nächsten Verwandten, ihre ganze Familie gewesen waren. Ein alter Mann hatte seinen Verstand verloren; er tanzte auf den Trümmern und fang seine klagenden heimischen Lieder. Eine junge Frau, die ebenfalls bei Dem Verlust all ihrer Lieben vom Wahnsinn ergriffen worden war, schrie in ihren Wahnvorstellungen, daß sie in den Dimmel getragen worden seien, und flehte die Wolken an, sie wieder herabzuschicken. Die heldenhaftesten Beispiele selbstloser Aufopferung chaben die toeiolichen Äerztc und Pflegerinnen des Viktoria Zeruma-Hospitals gegeben. Ohne alle männliche Dilfe trugen sie ihre Kranken auf das hohe Dach des Gebäudes und arbeiteten bann unausgesetzt, die Halo ertrunkenen Menschen zu retten, die durch die Flut in ihre Nähe gespült wurden. 24 Stunden lang taten sie io schweigend ihr Rettungs- werk, durch das sie nicht nur ihre Kranken, sondern auch viele andere dem Tode entrissen."
— Ein paar hübsche Wagner-Anekdot en erzählen die Annales aus Anlaß der Einstudierung der „Götterdämmerung" an der Variier Großen Oper. Der Dichter Baudelaire, einer der ersten Vorkämpfer des Wagnerschen Musrkdramas in Frankreich, hatte den sehnlichen Wunsch, den verehrten Meister lernten zu lernen. Er besuchte ihn in seiner Pariser Wohnung Rue Newton, und Wagner setzte sich auch bald ans Klavier, nm feinent enthusiastischen Bewunderer eine neue llornposition vorzuspielen. Er trug einen dicken blauen Schlafrock. Nach dem ersten Stück! steht Wagner auf, geht in das Nebenzimmer und kehrt in einem gelben Schlafrock zurück. Nun spielt er wohl noch eine gute Stunde weiter; dann verschwindet er plötzlich und erscheint nun
Die neuen preußischen Mcmzvorlagen.
Finanzminister v. Nheinbaben hat dem preußischen Wgeord- Nrtenhause am Dienstag bekanntlich eine Reihe wichtiger Fiitanz- vorlagen unterbreitet. Der Minister hob hierbei hervor, baß, wenn man die 1906 und 1907 vorgenommenen Beamtenaufbesserungen mit berücksichtige, jetzt alle Unterbeamten eine Aufbesserung erfahren Hütten. Sie seien alle nun mindestens 200 Mark auf* gebessert. DaS bisherige Mindestgehalt von 800 Mark sei auS dem Etat vollständig toiidjiDunoen, es betrage jetzt durchweg 1000 Mark. Im einzelnen teilt der Minister mit, daß die Gendarmen, Schutzleute und Förster statt ihrer bisherigen Gehaltssätze von 1200 bis 1600 Marl künftig 1400 bis 2100 Mark erhalten. Die Gerichtsschre-.ber wurden den stkegierungsfelretärcn im Höchstgehalt gleichgestellt, wenn auch ihr Ansangsgehalt etwas niedriger bleibt. Die Oberlehrer werden den Richtern im Höchst- gcbalt gleichgestellt, d. h. ihr Höchstgehalt wird von 6000 auf 7200 Marl erhöht. Das hatte u. a. auch die Folge, daß die Regierung zu bem Entschluß kam, alle höheren Lokalbea.nten mit voller akademischer Bildung und der gleichen Vorbereitungszeit im Gehalt gleich^ u stellen.
Was die Reform tre5 LehrerbefoldnngswefenS anlangt, so hat die Regierung zwar ein gleiches Grundgehalt für alle Orte eingeführt, das für die Lehrer fortan 1350 Mark betragen und mittels Alterszulagen von durchweg je 200 Mark bis auf 31o0 Mark — bisher 1800 Mar!! — steigen soll, während daS Gehalt der Lehrerinnen statt bisher 700 bis 1420 Mark in Zukunft 1050 bts 2400 Mark betragen soll. (Beifall.) Um aber der Verschiedenheit der lokalen Verhältnisse Rechnung zu tragen, sieht die Vorlage pensionsjähige Ortszulagen von 200, 400 und 750 Mark, je nach der Größe und den besonderen Lebensverhält- nijsen der bett. Orte, vor. (Widerspruch rechts.)
Was die Besoldungsreform für die evangelischen Geistlichen anlangt, so schlagt die Regierung vor, die Gehälter der Geistlichen von jetzt 1800 bis 4800 Mark auf 2400 bis 6000 Mark zu erhöhen. (Bravo! rechts.) Das Gehalt der katholischen Geistlichen soll von jetzt 1800 bis 3200 Marl auf 1800 bis 2400 Mark erhöht rverben.
Die BcumtenhesolbungSreionn belastet den Etat mit 111 Millionen, die Besoldungsresorm der Lehrer mit 30 Millionen, die der Geistlichen beider Konfessionen mit 12'/, Millionen Mark. Macht eine Jahresbelastung von 153Vs Millionen. Dazu treten die Mehrausgaben aus der BefoldungSreforrn von 1906 und 1907 mit 33 Millionen unb bie Kosten des Schulunterhaltungsgesetzes: insgesamt haben wir mit einer dauernden Mehrausgabe von 200 Millionen Mark jährlich zu rechnen. Die Bewilligung der Einkommensteuer- und der GefellsäMstsstcuervorlage ist die Bedingung für die Reformen der Besoldung. Das Defizit für 1908 wird den veranschlagten Betrag von 126 Millionen erheblich überschreiten. (Hört, hört!) Bon den 126 Millionen gedenkt die Regierung nur 55 Millionen durch Einnahmeerhöhungen zu decken, 71 Millionen bleiben ungedeckt unb sollen burch äußerste Sparsamkeit allmählich ausgemerzt werben.
Das Grundprinzip unseres Einkommensteuergesetzes, die Nicht- Überschreitung des Prozentsatzes von 5 Proz. des Einkommens, wollen wir festhalten. Wir wollen eine Steuererhöhung erst vornehmen bei den Zensiten von 7000 Mark Einkommen an. Die Zensiten mit 700 Mark sollen in Zukunft 5 Proz. ihres Einkommens zahlen; der Prozentsatz soll bann allmählich steigen, so baß bie Zensiten mit 30 000 Mk. Einkommen euren ©teuer* zuschlag von 25 Proz. ihres bisherigen Steuersatzes zu zahlen hatten. Zugleich wollen wir ein für allemal eine Ermäßigung der Steuer für !inbencid)c Familien mit einem Einkommen bis 3000 Mark einsühren. (Bravo!) Es sollen ermäßigt werden FamUienväter mit 2 Kindern um eine, mit 3—4 Kindern um zwei und mit fünf und mehr Kindern um drei Stufen. (Bravo!) Die Erhöhung der Vermögenssteuer wird nur sehr geringiügig sein; wer z. B. heute bei einem Vermögen von einer Million 500 Mark Vermögenssteuer zahlt, soll in Zukunft 625 Mark zahlen. Eine weitere Vorlage fordert eine Besteuerung des Ertrages der Gesellschastsbctriebe, eine Besteuerung des Verhäll- nißes des Gewinns zum Grundkapital. Und zwar derart, daß die gering rentierenden Gesellschasten mit 2 Proz. herangezogen werden sollen. Je höher der Gewinn, desto höher die Steuer. Im Durchschnitt wird die Steuer 6 Proz. betragen, nur bei hoch- rcnticrenben Gesellschaften (mit 18 Proz. und mehr Gewinn) soll sie höher sein, niemals aber 72/j Proz. übersteigen.
In der Presse, selbst in der linksstehenden, findest diese Vorlagen eine recht freundliche Beurteilung.
politische Tagesschau.
Ter außerordentliche mecklenburgische Landtag wurde gestern nachuutlag durch ein Allerhöchstes Reskript geschlossen. Die Großhcrzoge beklagen dann aufs tiefste, daß auch bie Fortsetzung ber Bcrhanblungen über eine Nesonu Der Landesverfassung zu einer höchsten Genehmigung geeigneten Beschlüssen beider Slände nicht geführt hat, unb lehnen cs ab, die Erklärung der Ritterschaft für eine genügende Erledigung der Regierungsvorlage anzlisehen. Die hiernach weiter zu treffenden Maßnahmen behatten sich die Groß- Herzoge vor. *
Tie Krise im Orient
scheint eine Lösung finden zu wollen, an deren Möglichkeit man wohl kaum gedacht hat: die Konferenz wirb überflüjsig, und den Konferenzmächten wird ein Strich durch die Rech* nung gemacht. Vorgestern hat sich Oesterreich mit der Pforte über bie Einverleibung Bosniens und die Räumung des Sandschaks geeinigt. Tic Türkei hat die Einverleibung anerkannt, die Räumung angenommen. Damit ist dieser Teil des Programms der Konferenz erledigt. Für bie Wahr- scheintichkeit eines günstigen Verlaufs ber im Zuge befinb- lichen österreichisch-türkischen Verhandlungen in Konstantinopel spricht die Tatsache, daß die B oy k ot t be m e gung gegen die österreichischen Dampfer sichtbar abflaut. Lian verhindert die Lloydbampfer nicht mehr, ihre Frachten mit ihren eigenen Leuten zu löschen. Auch in Bulgarien steigen bie Chancen für eine friebliche Verständigung. Die bulgarische Regierung ivics ihren Pariser Vertreter an, ber französischen Regierung mitzuteilen, baß Bulgarien gegenüber ber Türkei bereit sei, einen Ausgleich des Konfliktes im Wege der Kompensationen anzustri-den. Gemeint sein kann hier nur finanzielle Entschädigung. Tie Konslantmopelcr Korrespondenten der italicm- schen Presse fahren fort, den Umschwung der öfsent- lichen Meinung zu Gunsten Deutschlands zu ton- flatteren. Der „Gorricre d'Jtalia- schreibt: Die Jungtürken, die bis zum letzten Augenblick alle ihre Hoffnungen auf Cng- land gefetzt hatten, beginnen sich wieder Deutschland 31131t» wenden. Während England Wasser in den Wem gießt, schickt sich Deutschland an, seine türtenfreundliche Politik immer mehr zu accentuicren. Dec Widerstand Deutjchlaiids und Oesterreich-Ungarns wird genügen, um die Konferenz tm Keime zn ersticken. Da Deutschland obendrein von allen Mächten am uneigcnnütjigi'tcn vorgeht und bie Türkei am meisten ermutigt, so bringen bie Türken Deutschland das meiste Vcr- Lraueii entgegen. Ebenso stellt der v2D?atlino* fest, daß es Deutschland in wenigen Tagen gelungen sei, bie türkischen Sympathien größtenteils zurück zu erobern auf Kosten Englands. Zu dem Abkommen, bas bas türkisch- bulgarische Komitee abgeschlossen hat, wird in einem Telegramm der .Kölnischen Zeitung" gesagt, baß deutscher- seits jenes 9lbfommen auf volle Billigung rechnen könne. Lian tönne mit bem Verhalten der Türkei einverstanden sein unter der Voraussetzung, baß die deutschen finanziellen Interessen, soweit sie bei der Orientbahn in Betracht kommen, eine angemessene Berücksichtigung finden.
Vater und Sohn.
Die Londoner Blätter bringen '.'jutbungen auZ Belgrad über einen sensatio nellen Zwischenfall, der sich am serbischen Hofe ereignete. Am Montag fand eine Beratung zwischen dem König, den Ministern und einigen Offizieren der serbischen Armee statt. Nachdem man über die gefährliche Lättgteit des Kronprinzen gesprochen hatte, wurde dieser hinzugerufen und in Anwesenheit sämtlicher Herren von seinem Vater zurechtgewiesen. Auch die Minister sagten ihm ins Gesicht, daß er das Land ins Ver-
derben stürze. Der Kronprinz, deficn heftiges Temperament zur Genüge bekannt ist, konnte sich nicht bcherrsch.n und stürzte in grenzenloser Wut auf seinen königlichen Vater loS. Einen Augenblick hatte es den Anschein, als ob der Kronprinz sich auf den Wnig Peter stürzen und ihm einen Schlag ins Gesicht versetzen wollte, und wahrscheinlich hätte er feine Absicht ausgesührt, wenn nicht bie anwesenden Offiziere ihm in den Arm gefallen wären unb seine erhobene Faust zurückgehalten hätten. Es entspann sich ein Hand» gemeiigc, unb Kronprinz Georg wurde schließlich aus dem Beratungszimmer buchjiäblich hinausgeworsen.
£anötagsrocl?lbewegung.
Wahlbezirk Gießen-Stad t.
Die gestrige Mi t g l i e b e r o c rJ a m m 1 u n g deß nativ- nalliberalcn Vereins faßte folgenbcn Beschluß:
„D ie Versammlung beschließt. von ber Ausstellung em es eigenen Kandidatur abzusehm und den Mitgliedern des nationalliberalen Vereins die Ausübung des Wahlrechts frei» zustelle n."
Wahlbezirk Darrn st adt-Stadt.
Die dcutsckj-soziale Partei, die den Stadtverordneten Götz, neben Dr. Osann als Kandidaten ausgestellt hatte, hat nunmehr ihre eigene Kandidatur zurückgezogen. Infolgedessen fand die für Mittwoch abend ungefaßte Wahlversammlung nicht statt.
Wahlbezirk Worms-Stadt.
Der Vorstand der Vereinigten Liberalen (Freisinn nigen) hat einstimmig beschlossen, mit einem cigeneN Kan d 1 - baten in dic Landtagswahlbewegung einzutreten. Die Manin* darur hat der Vorsitzende des Vereins Justizrat Klein angenommen.
Wahlbezirk Mainz-Land.
Im Wahlkreise Mainz-Land wird gegebenenfalls an Stelle des für Mainz-Stadt zurücktretenden Justizrats Dr. Schmidt Alt- bürgermeister Lös sei Holz als Abgeordneter in Ausncht genommen.
Mahlen zur Ersten Kammer.
Außer den Wahlen, die in wenigen Tagen zur hälftigen Erneuerung der Zweiten Kammer vvrzunehmen sind, haben auch Die Angehörigen des im Großherzogtum mit Grundeigentum angesessenen Abels demnächst eine Wahl zum 34. Sanbtag vorzu- nefjmen, nämlich die Wahl zweier Mitglieder der Ersten Kammer. Hierbei sind solgenbe 23 Adelige wahlberechtigt:
Ludw. Freiherr von Bouck/enröber II., zu Butzbach,
Will). Freiherr von Dörth, zu Neckarsteinach,
Wilh. Hermann Karl Freiherr von Erlanger, zu Nieder- Jngelheim, _ _ ..
Friedr. von Harnier, Oberleutnant, zu TarmstaR.
Coni. Wilhelm Freiherr Hehl zu Herrnsheim, Geh. Äünti». merjienrat, zu Worms, „ ..
Ma;. Freiherr von Hehl, Oberst ä la luite, zu Darmstadt, Dr. Hugo Freiherr von Lconharoi, Kammerherr, zu Darmstadt, Moritz Z-reiherr von Leonharoi, Kammerl)err, zu Groß-Karben, Erwin Freiherr Löw von und zu Steinfurth, Geh. Rcgie- rungsvat, zu Darmstadt, .
Gildreäft Freiherr Low von und zu Steinfurth, zu Nieber- Florstadt,
Ludw. Freiherr Nordeck zur Rabenau, Dofjunker, zu Danzig,-
Waldemar Graf von Oriola, zu Büdesheim,
Albr. Niedcsel Freiherr zu Eisenoach, zu Sickendorf, August Riedesel Freiherr zu Eisenbach, zu Darmstadt, Joh. Niedcsel Freiherr zu Eisenbach, zu Lauterbach, Ludw. Riedesel Freiherr zu Eisenbach, Dr. jur., Erbmarschall, zu Schloß Eisenbach, _r _ _
Moritz Riede,-, t Freiherr zu Eisenbach, Exzellenz, Oberstall- mcifber, zu Darmstadt, . e
Volprecht yiLCDejci J-reiherr zu Eisenbach, Oberkanrrnerherr, zu Darmstadt,
Muh. Riedesel Fweiherr zu Eisenbach, zu Kassel,
Karl Ludwig Hans Freiherr Schenk zu Schveinsberg-Walders- hausen, zu Wäldershausen,
Ernst Z-reiherr von Scckciidors-Berna, Kammerherr, zu RüsselL- heim,
Phil. Freiherr Wambolt von Umstadt, zu Birkermu,
Fcrd. Willich genannt voii Pöllnitz, Oberlandstallmeister, zu Darmstadt.
Anrgrabungen in der wctterau.
Seit Moiiatcn werden in der Gegeiid von Ostheim bei Helden- bergcn größere Ausgrabungen vorgenomuren, wobei inan zwischen den Orten Ostheim unb Eichen bie fDlauerrcfle eines Römer- lastells fanb. Es gelang, eine großangelegte Römeransiedelung festtzustellen. Bereits vor zwei Jahren war man auf Mauerreste gefloßen uno hatte einen römischen Altar, Bronzemünzen, Urnen, Gewanbnabeln u. a. zu Tage gefördert. Tie umfangreichen Ausgrabungen, bic auf Veranlassung ber Reichslirncstommil^ion von Herrn Bausck)-Winbccken in biesem Sommer vvrgenommen würben, haben mit Gewißheit ergeben, baß es sick) um eine sehr bedeutende, stark befestigte römische Siedclung, ober wohl gar um ein großes Kriegs lager nahe bem bei Marköbel vorbei; lehen* den Pfahlgraben l)anbelt, das bedeutend größer war als z. B die Kastelle Altenstadt oder Saalburg. Die Länge des Lagers wird aus etwa 400 Meter geschätzt. Der größte ^eil der Umfassungsmauern ist ber.its freigelegt, bczw. feftgeitellt. Das Lager kreuzte die Straße Ostheim—Eichen. Die etwa 0,70 bis 1 Meter starken Umfassungsmauern sind fast durck^veg gut erhallen. Schon am Wald ertennt man ihre Richtung, da aus ihr kein oder c»ch nur kümmerlicher Baumwuchs zu sehen ist. In den letzten Wocheii wurden nun wieder zwei große Gebäude festgestellt, die sck-on wegen ihrer Größe eine besondere Bedeutung gehabt haben müssen. Das größte hat eine Länge von 32 Metern unb eine Breite von 14,8 Metern, bas kleinere mißt 11,5 zu 8,5 Meter. Andere größere und kleinere Gebäude wurden ebenfalls fcstgestcllt. Auch einen Brunnen hat man gefunden, ber mit Schutt unb Trümmern ungefüllt war. Alan fanb darin Scherben, Ziegeln, Schindeln, Wassenreste und dergleick-en. Der Brunnen ist 8 Meter tief. In den näck.sten Tagen wirb er eine Aobeckung erhalten. Von Bedeutung ist ferner Die Auffindung zweier Türme, deren Grundmauern aufeinander ruhen. Ter größere Turm toar nau) Befund des Mauerwerks fcdensalcs ein Wartturm römisd-en Ursprungs. Er hatte einen Grundriß von 5,40 Metern im Viereck. Man sand im Schutt römische Falzziegel, Gesäße von terra» sigillala, LehniverMtz und dergleichen. Auf den Trümmern des romildien Turmes wurde vermutlich um 1500 der neue mittelalterliche Turm emdjict, feine Fundamente kreuzen fid) deutlich mit dem alleren Aiauerwerk, sind aber Keiner. Der rvuß- boden ist nod) gut erhalten. Die Grundmauern sind etwa ein Meter stapf. Enttang den auSgcgrafcenen Umfafsungsmauern zieht in breiter Fläche eine Steinschichl, jebeiisallS eine römifdje Heerstraße, die nach Eick-en führte. Welche Beoeutung man den gegenwärtigen Ausgrabungen beilegt, geht daraus hervor, daß fort
gesetzt Alterlumsforschec im Lause des Sommers cintrafen. Gegenwärtig ist in Den Ausgrabungen ein Stillstand eingetreten. Wie man weiß, ist die ganze südlid;e Wetterau bis zum Main und Kinzigtal unb bis heraus nach Altenstaot, Kaichen unb Friedberg einst eine blühende römische Melanie gewesen, und diese scheint ui Ostheim-Windccken-Kaidien ihren Mittelpunkt gehabt zu haben. Mehrere Römerstraßen führten von hier aus nad> der Saalburg, KoperSöurg, Friedberg, Altenstaot unb ber alten Römerstadt Nida, dem heutigen Nied a. M. Aver nicht nur römisd-e, sondern auch vorgesdsichtliche Funde hat man bei Ostheim, Windecken, Mittelbuchen, Büdersheim, Lkilianstädtcn, Manenhof, Hmz- bacher-, Buttersröder- und Baiersröder Hof gemacht. Ber den beiden Höfen sind in diesem Sommer besonders rcidje Funde gemuckt worden. Sie stammen auS den verschiedensten Zeitaltern: Steinzeit, ncoliihisdM Zeit, .Hallstattzeit, La-tvne-Zeit und Bronzezeit Auck> eine große Zahl ton Wohn gruben und Gräbern wurden sreigclegt. Ein ganzes Dorf solcher Wohngruben scheint nordöstlich von Lsthemi gestanden zu haben.
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— Eine im Dasscr begrabene Stadt. Szenen von der furdjtbarcn Ueberschwemmung, die die indische Stadt Hai- berabab vor einigen Wochen völlig vernichtete, werben jetzt eng» lischen Blättern in Briefen gcschilbert. Eine fünfzehn Fuß hohe Wassennuuer wälzte sick) über ben ausgeschwollcnen Fluß, schwemmte zunächst eine ungeheure Aiizahl eng beieinanber liegender Hütten und Häuser von Eingeborenen fort, begrub bie Eingeborenen in ihren Wellen ober unter ben Trümmern ihrer Wohnungen unb wälzte sich weiter über die Afzal Ounj-Brücke, deren nördlicher Teil fortgerinen wurde, nad) dem Zentrum von Haiderabad, wo hohe Paläste, prächtige Häuser, Läden, Schulen, Tempel uno Moscheen wie leidste Kartenhäuser weggeschwemmt wurden. Tas schöne Gebäude des Präsidenten stürzte zusammen und über die Olipl)ant-Brücke hin, die der ungeheuren Wuäst ebenfalls so leid)t wie ein schwankes 8ioljc nad«ab, brachen die Wassermassen über bie Umgebung ber Siavt hin, Tod säend jepen Fuß breit. „Ich ljatte zwei Stunden nachher bereits Kunöe von der Katastrophe," so erzählt ein Korrespoiibent, „unb Ivar balb zu Pserb aus bem Schrupiatz des Sd-rcckens. Das Wasser stieg nod) bis zum sattel herauf; ein crvsttos grausiges Sdxmspiel bot sich dar. Wo ich wenige Tage vorher eine blühende lebenstolle Stadt gesehen hatte. Da waren nun nidjtä als Trümmer und Chaos, tote und sterbende '.Nieiischen, Frauen, Kinder und Vieh in wirrem Knäuel zujammcn- gebattt. Entwurzelte Stämme, zerbrochene und zerschmetterte Möbel, Haufen über Haufen von Schutt und Scherben und da- zwischen zitternde, jammern De Massen olwachloscr tiefbefümmerter


