Nr. 274
158. Jahrgang
Samstag, 21. November 1908
Erscheint ttgllch mÜ Ausnahme beS Sonntags.
Die ..Siebener ZamlliendlStter" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblati für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefjen
Notationsdruck und Verlag der VrOdNschen UnwersuotS • Buch» und Sieindruckereu 9L Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Trnckerei: Sckiul« straße 7. Expedition und Verlag: esfca) 5L Redaktion:eqA112. Tel.-Adru Anzeiger Gießen-
Deutscher Reichstag.
164. Sitzung, Freitag, den 20. November.
Dm Tische des VundeSratö: Fürst Vülow, Dr. Sydow, v. Veth» mann.Hollweg, Twelc, Frbr. v. Nheinbaben u. a.
Präsident Graf Stolberg eröffnete die Sitzung um 1 Uljr 15 Minuten mit der Verlesung folgenden Schreibens des Präsidenten des un g a r i s ch e n Abgeordnetenhauses: „Das ungarische Abgeordnetenhaus hat mich in seiner Sitzung vom 16. d. Mts. beauftragt, dem deutschen Reichstage anläßlich des Grubenunglücks zu Ham in die Stunbgebung deS tief ft en Beileids im Namen der ungarischen Nation zutommen zu lassen. Mögen auch angesichts eines derartigen üngeheueren Massenunglücks die Völker sich über alle Grenzscheiden vereint fühlen zur Linderung deS Leides, so ehrt sich unser Abgeordnetenhaus doch auch selbst damit, daß eS dem deutschen Volke seine aufrichtige Teilnahme tief erschüttert auS- fpricht. Ich bitte, daS dem deutschen Reichstage mitzuteilen. Der Präsident des ungarischen Abgeordnetenhauses." (Beifall.) Präsident Graf Stolberg fügt hinzu:
Ich habe dem Präsidenten den Dank deS Reichstages für diese hochherzige Tat übermittelt. Sie sind damit einberstanden. (Beifall.)
Der Aba. v. Chlapowo-ChlapowSki, Bonikowo bei Kosten lPole) hat fein Mandat niedergelegt.
Als erster Punkt stehen auf der Tagesordnung die Interpellationen deS Zentrums und bet wirtschaftlichen Der- etnigung über das Grubenunglück.
Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg erklärt, daß die Beantwortung mit Rücksicht auf die heutige Verhandlung deS Abgeordnetenhauses am Dienstag erfolgen wird.
Die erste Lesung der Reichsfinanzreform.
(Zweiter Tag.)
Abg. Freiherr v. Nichthofen (Kons.):
Mit den großen Gesichtspunkten des Reichskanzlers sind wir einverstanden und auch mit den allgemeinen Ausführungen b?6 SchatzselretärS. Leider sind die Denkschriften, die uns die volkswirtschaftliche Prüfung ermöglichen sollen, noch immer nickt fertig« ?cstellt, und wir sind auf privates Material angewiesen. Aber auch ieses gibt uns die Ueberzeugung, daß eine weitere Steuer, belastung des deutschen Volkes möglich ist. Sie ist notwendig aus politischen, wirtschaftlichen und f i-*i a n 3 i e II e n Gründen. Jeden Patrioten muß eS verletzen, wenn er lieft, wie das Ausland mit Hohn über unsere Finanzlage schreibt. Man mißachtet uns in einer Weise, die mit unserer nationalen Würde nickt verträglich ist. Es kann aber noch ernster werden; cs kann leicht kommen, daß es sich nicht mehr nur um unsere Würde, sondern auch um unsere nationale Existenz handelt. Wirtschaftlich sind wir nickt gefechtsbereit bei dem Zustande, wie er jetzt ist. Darum ist die Finanzreform absolut erforderlich. Die finanziellen Vet- hältnisie in Deutschland sind viel ungünstiger als in Frankreich; das Steuerwefen ist in Frankreich viel besser geordnet. Mit den Grundsätzen über die Schuldentilgung und Amortisation neuer Anleihen sind wir einverstanden. Die Steuerreform wird besonders erschwert durch die Verschiedenheit der Steuersysteme im Reich und in den Emzelstaaten; diesen Zustand müssen wir aber unter allen Umstünden aufrecht erhalten. Einheitlichkeit über die einzelnen Steuern wird wohl bei keiner Partei fein. M i t der Erbschaftssteuer ist ein großer Teil meiner Partei nicht einverstanden und wird sich ab. lehnend verhaften.
Immerhin find wir bereit, auch diele Steuer zu diskutieren. Für daS fSrenncreigctoerJbe wünschen wir wie für die anderen Gewerbe, tue mit neuen Steuern belegt werden loUen, vor allem eine endgültige Reaelung für lange Zeit und damit Rübe und Frieden. Irgendwelchem Monopol im Brennerei- getoerbe stehen meine Freunde nach wie vor antipathisch gegenüber. Die Frage ist nur die, ob wir bei diesem Gesetz nach Svm-uthie und Antipathie werden abstimmen können. — Vom Standpunkte des Produzenten habe ich keinerlei Bedenken gcaen eine höhere Besteuerung des Branntweins. Aber sie findet ihre natürliche Grenze in dem Widersireoen deS Alonfumenten. Wird die Besteuerung so hoch getrieben, daß der Konsum von Branntwein sich erheblich verringert, so leidet nicht nur der Startoffelbau, sondern auch die Fleischernähruna deS deutschen Volkes. Die Vnrlaae gebt, wenn nickt über diele Grenze Hinweg, so doch an sie heran. Hingegen scheint mir das B i e r vielleicht eine etwas noch stärkere Belastung zu vertragen.
Bei der Tabaksteuer kommt nicht zunächst die Belastung deS Rauchers in Betracht, sondern vor allem die Gefährdung deS Tabakbaues und der Industrie. Wir behalten unS in dieser Beziehung die endgültige Stellung noch vor. Jedenfalls trifft ber Regicrungsentwurf im großen unb ganzen das richtige. Die Dan- derolensteuer scheint am wenigsten schädlich zu sein.
Dis P l a k a t st e u e r findet bei unS keinen Gegner. Wenn daS Plakatwesen etwas eingeschränkt wird, so ist das nur ein Segen. Andererseits wissen wir, daß jede I n s e r a t e n st e u e r große Bedenken hat. Wir werden erst prüfen müssen, ob die Presse diese Steuer wirklich abwalzen kann. Mit der GaS- und E l e k t r i z i t ä t s st e u e r, die eine Straft- und eine Licktstener darstellt und mir im allgemeinen einverstanden. Wir erziehen damit indirekt die Kommunen zur Sparsamkeit. (Oho! links.)
Im Namen aller meiner politischen Freunde habe ich zu erklären, daß wir uns mit der N achlaßsteuer nicht befreunden können. (Lebhaftes Hört, Bortl)
Aber wenn die Nachlaßstcuer wegfallt, so enhtetjt e, n Loch int Finanzplan der Negierung, unb man könnte mich fragen, wie ich es auszusüllen gedenke. Ta kehre ich zu dem A und O meiner Ausführungen zurück, zu der Tatsache, daß der "ebaif von 600 Millionen Mark überhaupt noch nicht im einzelnen nachgewiesen worden ist. Tie Neichsfinanz- reform soll weiter das finanzielle Verhältnis des Reickics zu den Einzelstaaten ordnen. Eine dauernde Festlegung der Matrikular- beirräge erscheint uns gerade jetzt schwieriger als je. Auch wir wünschen nickt, daß daS Einnahmebewilligüngsrecht des Reichstages geschmälert wird, und sollte die Brücke der Matrikularbeiträge brocken, so müßten wir alsbald eine zweite Brücke bauen. Sollte zu unserem großen Leidwesen es nickst gelingen, den nötigen Bedarf des Reiches durch Steuern zu decken, so bliebe doch nichts anderes übrig als die Erhöhung der Main- hnarbeiträge (Zurufe: Ganz unmöglich!), d. h. die indirekte Heranziehung der Besitzenden zu den Lasten des Reiches. Jedenfalls halten wir es für eine nationale Pflicht, der ReickSf'manznot abzuhelfen. Wir werden bemüht fein, die Interessen aller Stände gerecht abzuwägen zum Wohle des Ganzen. (Lebh. Beifall rechts.)
Abg. Geyer (Soz):
Tie gestrige sogenannte finanzpolitische Rede deS Reichskanzlers forderte Gleichmäßigkeit und Stetigkeit für unsere Gesamtpolitik. Aber der Reichskanzler hat uns keinerlei Mitteilungen über feine jüngste Unterredung mit dem Kaiser gemacht, besonders nicht darüber, ob unb welcke Garantien der Kaiser dafür gegeben hat, daß die Sicker- beit deS Reiches und ferner Finanzen nicht mehr durck das per- fön licke Regime nt gefährdet wird. (Sehr gut! bei den Soz.) Tie persönliche fhiffanung deS Kaisers von der Welt ’olitif hat zu den ungeheuren Ausgaben für den Mililar^muS zu Wasser unb zu Lande geführt, die U n z u v e r l ä s s i g k e i t des per- sönlichen Regiments erzeugt Unruhe im Aeußeren und Inneren und bringt das Reich in Gefahr, («ehr wahr! bei den S03.) Tas Volk, daS Gut und Blut für die Sicherheit beß Reiches opfern soll, verlangt Garantien dafür, daß die Shäfte nicht durch die Politik des persönlichen Regiments vergeudet werden. (Unruhe reckts.) Ter Reichstag darf keinen Pfennig neue Steuern bewilligen, bis er nicht volle Garantie dafür ha:, daß alle politischen Unternehmungen nur mit seiner vorherigen Zustimmung begonnen werden. (Sehr gutI links.) Da der Reickskanzler uns keinerlei Auskunft darüber gegeben hat, werden wir diese Angelegenheit demnächst weiter verfolgen und speziell behandeln. (Lachen und zunehmende Unruhe rechts.) Tie Erklärung im »Reichsanzeiger" bringt uns jedenfalls keinerlei Garantien vom Kaiser, sondern ist als Kriegserklärung des Kaisers an die konstitutionellen ftr-rberungen des Reichstages aufzufassen. (Sehr gut! bei den Soz., stürmische Unterbrechungen rechts. Abg. v. Oldenburg (Kons.) ist aufgesprungen unb, ruft mehrmals sehr laut durch den Saal: Zur Lacke! Zur Lache! Glocke des Präsidenten.) Tie Finanzen des Reiches sind durck die Politik des persönlichen Regiments zerrüttet worden. (Sehr wahr! bei den Soz., Lautes Lacken reckt?.) Darum ist die erste Voraussetzung einer Neicksfinanzreform die Beseitigung des persönlichen Regiments. (Lachen reckts.)
Mit Sparsamkeit allein kann unseren Finanzen nickt geholfen werden. Je weniger auSgegebcn wird, desto geringer fließen auch die Steucrguellen. Die vorliegende sogenannte Finanzr-form ist nur für die Katz, sie soll ja nur das bestehende Defizit decken, in zwei, drei Jahren stehen wir bann wieder auf demselben Fleck. DaS ist keine F i n a n z r e f 0 r m. (Zurufe rechts: Vorschläge!) Als Grundlage für eine vernünftige Reform kann nur ein direktes Steuersystem gelten. Nur wenn unser Finanzwesen völlig geändert wird, werden wir zu einer Schuldentilgung kommen. Der Militarismus verschlingt die Millionen. Da? stehende Heer soll die Herrschenden gegen den inneren Feind schützen, soll unsere auswärtige Politik schützen, die hier letzthin so einmütige schwere Verurteilung erfahren hat. Durch den Machtkitzel und die Erobern ngs suckt werden immer neue Kriegsgefahren hcr- aufbefckworen. Der Sckatzsekretär hat sich gestern die Sache ziemlich leickt gemacht. (Zuruf reckts: Nanu! Vier Stunden! Große Heiterkeit.) Die AusbeutungSpolitik ber herrschenden Klassen bat die Unzufriedenheit in die Massen gepflanzt. Wir wüßten Toren fein, wenn wir uns bei der Agitation die Situation nickt zu nutze macken würden. (Beifall bei den Soz.) Wir verlangen eine Einkommen-, eine Vermögenssteuer. Selbst wenn 20 Prozent Steuern von einem Millionenvermögen genommen werden, so kann bei Besitzer immer noch ein luxuriöses, ein Luderleben führen. (Große Heiterkeit.)
Der Redner erklärt, als Fachmann nur über die Tabaksteuer sprechen zu wollen. Die Banderole scheint die Regierung schon preisgegeben zu haben, febeint mit gewissen Tabakindustriellen sich schon über1 eine andere Besteuerung des Tabaks gceiniat zu haben. Ter Tabak soll wieder bluten. Er kommt aus der Venn- rubtgung nickt heraus. Die Tabakinbustrie ist ?u einem sehr großen Teil eine Industrie von kleiner unb Mittel st ands- inbuftrie. Darum lehnte der Reichstag seinerzeit die Tabak- fabrikatsteuer ab, weil bie’e die Kleinindustrie ruinieren und zur kapitalistischen Kon-entration fuhren wurde. Dann kam 1905 die Regierung mit Gewichtssteuer und Gewicktszoll; deren Wirkung ist eine Progression nach unten. Ter Schatzsekretär wird bei seinem Tabakkonsum durch eine Steuer nickt betroffen; e r wird keine StinkadoreS raueben. Aber ber Arbeiter, ber für feine Vierpfennigzigarre einen Pfennig mehr zahlen soll, muß feinen Verbrauch einfckränken. Um ein Fünftel wird der Verbrauch eingeschränkt werden, damit auch die Pi 'uftion um ein Fünftel und alfo muß auch eine Reduktion der Arbeiterschaft um ein Fünftel eintreten. Zahlreiche T?i ttelftanb6crnteni.cn werden vcrnich'et werden. Man merkt die Absicht. Der AuSkanf der T a b a k i n d u st r 1 e kostet jetzt anderthalb Milliarden; ist aber ein Teil der Industrie ruiniert, dann kommt das Monopol natürlich sehr viel billiger. Und daß erst ein Monopol die Statsfinanzen richtig saniert, ist uns ja oft genug gesagt worden. Run, der Reickstag wird es hoffentlich dazu nickt kommen lassen. Gewiß, die Tabakindustrie ist febr gut organisiert, aber dafür ist auch die Tabaksteuer die allergefährlichste von allen — womit frei» sich keine der anderen Steuern irgenwie annehmbar ist. Solche S'euerncrlagcn dem Volke in fo kurzer Zeit hintereinander vorzu- Irgen, dazu gehört ein Mut, den ich nicht besitze (Heiterkeit) — ein trauriger Mut. Die Finanzmisere beteiligen Sie damit dock nicht; nach einem Jahre wollen wir uns wieder sprechen, wenn erst die neuen Militärvorlagen kommen. Tie Zickzackvolitik, b i c Militärvolitik, bie reaktionäre Politik, sie sind die Ursachen der Finanzmisere. Nieder mit diesem System, dann haben wir die FinanzreformI (Beifall bei den Soz.)
Abg. Fürst Hatzseldt (Rp.):
Auf daS Thema, bas der Vorredner zu Beginn seiner Rede berührt hat, werde ick ihm nicht folgen; die Parteien sind ja übereingekommen, bei dieser Debatte daraus nicht zurückzukommen. In seiner letzten EtatSrede erklärte Eugen Richter, für eine wirklich durchgreifende Finanzreform bedürfe das N^icksschatzamt eines st arten Mannes. Nun, ein verantwortlicher Reicks, sckatzminister, ein Kollegialministerium im Reich ist nickt zu haben und wird auck in absehbarer Zeit nickt zu haben sein. Wir müssen uns damit abfinben. Es ist schon ein Gewinn, daß ber neue Herr, der den Reichs schätz hütet (Heiterkeit — Sie mögen eS eine Aeußerlickkeit nennen — gleichzeitig preußischer Staatsminister geworden ist. Seine Stellung ist dadurch äußerlich gehoben, seine Autorität gestärkt (Sehr richtig!), und ibm dadurch erleichtert, etwaige Meinungsdifferenzen mit anderen Ressorts sckon im Anfang zu heben. Er will diesmal gan-e Arbeit macken. DaS war ja eben der Fehler, daß fein Vorgänger mit ReickSspirituSmonopol und Tabakbanderolensteuer kommen wollte. Es wäre nur etwas Halbes gewesen, und eS wäre gar ni±t_ an eine Annahme durch den Reichstag zu denken gewesen. (Sehr
richtig!) 600 Millionen sind eine gewaltige Summe, unb ber Staatssekretär selbst wird nicht verlangen, daß wir das ganz ohne Prüfung akzeptieren. Rouvier hat gesagt, kein Land der Welt ist reich genug, um sich den LuxuS eines teuren HeereS, einer teuren Marine unb eines teuren Arbeiterschutzes zu leisten. Wir haben die drei Ausgaben übernommen und können nicht mehr zurück. Ader trotzdem ist unsere Vermögensbilanz keine schlechte. Alkoholische Getränke unb Tabak sind bie G r u n d p feiler jeder F i n a n z r e f 0 r m. Ick gebe zu, populär ist daS nicht, aber man muß auch, wenn eö not tut, für unpopuläre eintreten können. Und das Volk ist auch nicht so unverständig. Ich habe nach her letzten RcichstagSauflösung meinen Wählern in Breslau open gejagt, wenn neues Geld gebraucht wirb, müssen in erster Lime die alkoholischen Getränke bluten; denn wenn baS deutsche Volk reich genug ist, sich 2 bis 3 Milliarden jährlich durch die Keble rinnen zu lassen, so schadet eS ihm auch nichts, wenn eS dafür auch einen noch höheren Betrag auSgebcn muß. Ta hat mir em Freund gesagt: Sie sind wohl verrückt geworden. (Heiterkeit.) Ich habe in meinem ganzen Leben immer gesagt, bah man mit Lsicnheit am weitesten lammt (sehr richtig!), unb fo irar es auck diesmal: Meine Wähler haben es mir nicht übel genommen. Für daS Branntweinmonopolist in meiner Partei keine Mehrheit zu finden. Es wurde da? Brennereiwesen fdiäbigen, das eine Lebensfrage für unsere östliche Landwirtschaft ist.' Vielleicht empfiehlt sich eine ft af f eiförmige F a b r i k a t S sl e u e r. Auch der Tabak ist nicht unentbehrlich. Die Danberolenfteuer wird die Industrie nicht schäbigen. Wir sind mit der Tabak st eue re t n ö er* standen. Einer Lickt ft euer stimmen wir zu. Goethe, der kurz vor seinem Tode noch nach mehr Licht rief, würbe freilich nicht damit einverstanden sein. Vorsichtiger müssen wir bei einer Kras 1 steuer fein, weil dabei auch leickt bie Landwirt schatt in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Man sollte gleich alle Kraftstellen besteuern. Gegen eine Inserate n ft e u e r haben wir prinzipielle Bedenken nickst. Auch mit einer Besteuerung des Besitzes werden wir uns abfinben, eS muß dabei^allcrdings sehr sckoncnb tiorgegangen werden. Denn die direkten Steuern in Preußen steigen heute schon bis zu 20 Proz. an und sollen ja in diesen, Jahre noch weiter erhöht werden. Die N a ck l aft e u e t widerstrebt unserem Empfinden und dem weiter Kreise deS Volkes. Aber andererseits besteht sie in allen großen Staaten ber Welt unb hat nirgends den Familiensinn ober den Trieb zur Kapital* anfammlung gemindert. Darauf, daß sie den Grundbesitz mehr trifft, als bas beweglicke Vermögen, ist 'n ber Vorlage gebunrenb Rücksicht genommen. Befreien aber müßte man von der Nachlaß- steuer mindestens K u n st s ch ä tz e unb P r i v a t b i b i 0 * theken, sonst kommt man zu einer Art Steuer aus geistige Arbeit. (Sehr wahr!) JnSummaistunS die Nachlaß st en er unangenehm, und wir waren gern bereit, eine andere Form der Besteuerung deS Besitzes dafür ein. zutauscken. (Zuruf: Reichs,Vermögenssteuer!) Welche Form, werden wir ja in ber Kommission sehen. Die W ehr sie uev halten wir für einen guten Gebanken, aber bie D ? r gu l u n g mit der Nachlaß st euer lehnen wir ab. Ter Ertrag der Wehrsteuer sollte nur den alten Kriegsveteranen zugute kommen. (Sehr gut! reckts.)
Das anerkannte Grunbiibel unserer gegenwärtigen Finan^ver* fanung ist, daß das Reick in den Matrikularbeiträgen einen Einnahmeposten von unbegrenzter Höhe hat. Das hat demoralisierend gewirkt. Wir hallen cs daher für richtig, bie Matrikularbeiträge für eine größere Reibe von Jahren nack oben zu begrenzen. Ter Reichskanzler Hal gestern das hohe Lied der Sparsamkeit gelingen. Aber feine Sparfamfeit wird bas Wachsen unserer Ausgaben für Heer, Flotte und Sozialreform hindern können, wenn auch das neue Programm des Flotten Vereins vielleicht nicht zu guter Stunde zur Welt gekommen ist, und über das Temvo der fo-ialcn Reformen verschiedene Meinungen bestehen. Sparen aber können wir an den Nicsenzahlcn unteres Bcamtenh'eres und an den sehr lururiösen Staat5bauten._ (Sehr wahr.) Mit diesen neuen Steuern geben wir zur äußersten Grenze, mehr werden wir in absehbarer Zeit nicht gebenjennen. Die Regierung muß daher von altpreußi scher Lpar- famfeit nicht nur reden, sondern auck beweisen, daß sie geübt werden wird. Wenn wir nicht die Sicherheit haben, daß nun daS Reick für eine lange Reihe von Jahren auskommen wird, kann der Reichstag überhaupt nichts bewilligen. (Lebhafte Zustimmung.) Verzuckert wirb uns ber saure Apfel der vielen neuen Steuern durch die Beseitigung ber Fahrkarten st euer und bie Herabsetzung ber Zuckersteuer. Jedenfalls ist diese Vorlage das wichtigste Oiefetz nickt nur dieser Lcssion, sondern für ganz Deutschland unb für lange Zeit. Hinter ihm wird alles andere zurückstehen. Die Resultate der Beratungen über bi-feg Gesetz werden entscheidend fein für die Gruppierung der Parteien unb für die Stellung der Parteien zur Regierung. DaS Ansehen ber Parteien wird um fo größer fein, je mehr sie sich dieser großen Aufgabe gewack'en zeigen. Ich bars mich deshalb der Hoffnung hingeben, daß ähnlich wie beim letzten Flottengesetz ober bei der Vorlage über den kleinen Befähigungsnachweis sich auck hier alle bürgerlichen Parteien auf einem Boden zusammen, finden werden, um ein gedeihliches Resultat zustande zu bringen. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Naob (Wirtsch. Vg.):
Die einzelnen Vorschläge der Regierung finden bei im5 herzlich wenig Zustimmung. Wir entziehm uns aber nicht ber Verpflichtung, an den Arbeiten der Kommission teilzunehmcn. Bei der Behandlung der Branntweinsteuer werden wir darauf zu achten haben, baß die ungezählten Existenzen, die auf den Brennereibetrieb angewiesen sind, nickt beeinträchtigt werden. Einer Tabaksteuer können wir nicht zustimmen. Sie würbe schwere soziale Sdiäbcn zur Folge haben. Mit ber B1 e r« steuer sinb wir nur einverstanden, wenn da'ür gesorgt wird, daß sie wirklich bis zu den Konsumenten gelangt. Warum soll nur der Flaschenwein versteuert werden? Der rcicke Mann, der sick seinen Wein abueben lassen kann, hat dadurch einen unberechtigten Vorteil. Mit der Nachlaßsteuer können wir unS nickt reckt befreunden. Unter aü'n Umständen würden wir aber verlangen, baß bie Erbsumme auf 100 000 Mark festgesetzt wird. Mit der Steuer für Elektrizität unb Gas wären wir gern einverstanden, wenn nur die LuruSbeleucktung getroffen würde. Der Inseraten st-mer stimmen wir zu. Die unpolitischen Jnferatenplantagen können ruhig belast-t werden. Zn überlegen wäre ein Petroleummonopol mb ein Staatsmonopol für Kohle, denn Staatsmonopole sind noch immer viel besser, als die gegenwärtigen Truftmonopole in Petroleum unb Kohle. Auch eine Tividendensteuer empfehlen wir, daneben Luxussteuer, gleichsam als VerföhnungSsteuern.
Hierauf Vertagung. Morgen 11 Uhr Fortsetzung. Schlich 6% Uhr.


