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21.5.1908 Erstes Blatt
 
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NV. LIS

Ter Gießener Anzeia. erfcheiut täglich, auß.

158. Jahrgang Donnerstag ZS. Mai 1908

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WS General-Anzeiger für Oberhessen WGZ A.iiiahrilr von Anzeigen 9f -e»v V 6 f V u. Land'" undGcrichls-

bia oo^mags'i"ouh^ Notationsdruck und Verlag Ser VrW'fchen Unlv.-Vuch- und SLeindruSerei. H. Lange. Nedaktion, Expedition und Druckerei: Zchulsüatze 7. Auzeigcmell^H.^'Äck!

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

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irarsn

keine Schuld an unseren verworrenen Finanzvcrhältnissen, seht ihr ?u, die ihr die neueste Wirtschailspolilik, die ungesunde Slaalsknnst der letzten Finanzresorm zu veraiitworten habt, wie ihr das Reich auS der Bedrängnis bei»eit. Aber die sieche Finanzwirlschasl des Reiches, nicht seine wirtschaftliche Lage, wie man so oit und jo gern im Ausland zu glauben scheint, bedroht bei ihrer Fortdauer die Grundpsciler unseres CtaalLbaues. Bon dieser Erkenntnis durchdrungen, ,misten die Konservativen und Liberalen aller Schattierungen sich mit Hintansetzung ihrer heiligen Prinzipien auf h a t b e m W e g e begegnen. Tie Rot w i r d z it r g c - b i e t c ri s ch c n (3 c s c tz g e b e ri ti.

Ist diese Frühlingsstinnntmg nicht doch noch ein wenig verfrüht?

Neurasthenie ist ein Leiden, das zum großen Teil objektiv überhaupt nicht feststellbar ist, sondern bei bcnt der Arzt nur die subjektiven Beschwerden des Kranken mitteilcn kann. Schon dadurch verliert ein solches Zeugnis an Wert. Aber auch die geschilderten Beschwerden sind derart, daß sie als ernstliches Hinder­nis vielfach nicht betrachtet werden können. In einem Falle bc> scheinigt der ArztEerebrasthenie (ex labore)" (Gehirnschwäche von wegen zn vielen Arbeitens), und zwar zweifellos unrichtig, da bei der einstimmig als ungenügend beurteilten Arbeit Cere- brasthenie jam ante laborem (schon vor der Arbeit- vorhanden war.' Ein anderer Kandidat konnte nicht erscheinen wegen .Herz­klopfens und Stotterns infolge von Nervosität, Symptome, die sich besonders bei mangelhaften Kenntnissen auch sonst unter Prii- sungSkandidaten nicht selten finden. Ein dritter klagt über Kopf­schmerzen und Magenverstimmung; und der Arzt bescheinigt, daß ihm diese Beschwerden glaubhaft erscheinen. ES soll keines­wegs behauptet werden, daß diese Beschwerden durchweg erdichtet sind. Kam cS doch bei einem Kandidaten einmal vor, daß er sofort daS Zimmer verlassen und sich übergeben mußte, sobald der Romanist ansing, römisches Recht zu prüfen; d.e anderen Examinatoren übten diese Wirkung nicht ans, doch sobald der gtomanift wieder anfing, ging es wieder kos.

So heiter das klingt: der Ironie folgt der bittere Ernst. Professor Bornhak sagt weiter:

Wvnn aus den Prüfungsakten Neurasthenie in einem solchen Grade festgestellt ist, daß deshalb ein Prüfungstermin versäumt lverden mußte, so ist der Betreffende auch nicht zum Beamten tauglich, dem viel schwerere Pflichten obliegen. Wir haben an jungem Nachwuchs Juristen genug, als daß wir uns noch mit ber Unmasse leistungsunfähige^ Neurastheniker zu belaßen brauchten. Es muß daher nach bestandener Prüfung die Ernennung jedes Kändidaten zum Reserenbax. aögelehnt werden, der wegen einer

nicht akuten Krankheit, zum Beispiel Neurasthenie, einen Prüsnngs- termin versäumt hat. Er mag auf Grund seines Prüsungszeug- nisses in einem Buttergeschäft oder anderweitig seine Rechts- kenntnisse verwerten, aber für den Staatsdienst ist er untauglich.

Sicherlich würbe die Examenneurasthenie als Epidemie sehr- rasch verschwinden, wenn sie nicht erwüchse auf dem für die Krankheit besonders günstigen Nährboden verbummelter Semester.

*

Der .Königsberger Prinz". Prinz Friedrich Wil­helm, der dritte Sohn des Prinzen Albrecht, der nun feit per Jahren in Königsberg residiert, um sich bei den verschiedenen Ver­waltungsbehörden nlforinatorijch zu beschäsligen, wird demBert. Taget'!.'" zufolge nichl lange mehr in Königsberg bleiben, da er auf Wunsch des Kaisers als unkündbarer Generalbevollrnächligier des Prinzen Friedrich Heinrich die Verwalinng der schlesischen Herrschaften übernehmen und in Kamenz residieren soll. Ein vicl- fach verbreitetes Gerücht, Prinz Friedrich Wilhelm werde ans Be­seht deä Kaisers Besitzer bc5 Fideikommisses werden, trug ja sur jeden einigermaßen Kundigen den Stempel der Nnglanbwürdigkeit, da der Kaiser selbstverständlich über das Fidelkonnniß, das kein preiißifcheS ist, sondern von der Großmutter des Prinzen Friedrich Heinrich, der Prinzeß Marianne der Niederlande gesnstel iviirbc, absolut kein Recht der Berjügung hat. Alan nimmt an, das: Prinz Friedrich Wilhelm während seines Aufenthaltes m Kamenz auch beim LandratSamt Frankenstein arbeiten wird, da es jein besonderer Wunsch gewesen ist, em LandratSamt zu verwalten. UebrigenS verläßt Prinz Friedrich Wilhelm Königsberg nicht, ohne daß eilt kleiner Herzrnsroman für ihn sich dort abgespielt hat. Er verlor sein Herz an die sehr reizende, neunzehnjährige Gräfin Paula Lehndorsf, die einzige Tochter deS unvergeßlichen Graten Heinrich Lehndorsf auf Preist, des Generaladjutanten Kaiser Wil­helms I. und seiner Gemahlin Margarete geborenen Gräfin Kanitz. Ter Prinz Halle die ernste Absicht, die Gräfin zu heiraten, da aber der Kaiser seine Zustimmung verweigerte, hat auch die Mutter der jungen Gräfin ihrerseits die Werbung abgelehnt.

Liberale ZrWmgrstimnmng.

Ter Reichstagsabg. Dr. Heckscber veröstentlicht in der »Neuen Revue" einen bemerkenswerten Artikel über Neue Ziele und Aufgaben d e S Liberalismus. Es heißt dorr u. a.:

Auf den ersten Blick könnte man fürchten, daß die beiden zer­setzenden Elemente in unserem Staate, das Konfessionelle und das Sozial-Revolutionäre, durch gegenseitige Annäherung an Stärke gewönnen und sich schlechthin srnmnierlen. Weit gefehlt. Die aus- löseiiden Kräfte, die in beiden Parteien lebendig sind, werden sieh aiich in den Wechselbeziehungen destriiktiv geltend machen und nach und nach die Nerven ihrer Macht zerschneiden. Insoweit haben wir wahrhaftig keinen Griind, den neuen Buiid ju beklagen. Allein eine wahrhafte Gesundiing aus unserer inneren politischen Z e r i s f e n h e i r kann mir angebahnt und gesichert werden, wenn neben jener Verbrüderung eine machtvolle A u s w ä r t s b e w e g u n g des Liberalismus einher- geht. In dieser Richtung nun zeigt die Parteigeschichte der letzten Zeil hochersrenliche Ansätze.

Welch ein beschämendes Bild bot nicht der Liberalismus noch im verflossenen Reichstagei Welch eine Zerfahrenheit, welch eine verblendete gegenseitige Befehdung, bald VolkSpartei gegen Frei» finnige Vereinigung, bald diese gegen die Nationalliberalen, niemals ein einheitliches Ziel, niemals ein einheitlicher, klarer Wille! . . . . Wie elementar Hal sich aber der Umschwung der Stimmung voll- zogeu, welch eine feste Zuversicht haben wir geschöpft, seidem nach einer Zeit vorsichtigen Tastens und Experimentierens immer deut­licher wirb, wie die zersetzenden Elemente innerhalb des Liberalis­mus mühsam aber endlich überwuiidcn werden, nnd wie der Liberalismus unverkennbar frisches Leben und beherzte Tatkraft gewinnt. Ter Liberalismus hört auf, sein eigener Feind zu sein. Nichts ist natürlicher, als daß gerade wir Jüngeren gewünscht hätten, daß daS Teiupo der Einigung ein schnelleres wäre. Wir haben jedoch bald gelernt, daß jede Ueberslürznng leicht auf Kosten des inneren Zusammenhaltes erfolgen könnte nnd wir erlebten nun ohne Ungeduld, mit wachsendem Optimismus und Vertrauen, wie Glied sich an Glied reiht, nnd wie die Gründung einer großen um­fassenden liberalen Partei der Verwirklichung stetig naher rückt. Auf dieser Bahn bedeutet die Gründung der freisinnigen Fraktions­gemeinschaft die erste wichtige Etappe, die zivei:e war der Partei­tag der sreisinnigen Vereinigung in Frankfurt am Main. Keiner unter nns hat ohne schmerzliches Bedauern einen Mann von der Bedeutung eines Theodor Barth aus deut politischen Leben scheiden sehen. Aber wichtiger als diese mehr persönliche Stimmung war die klare Erkenntnis der erdrückenden Mehrheit, daß der Weg, den

Deutsches Reich.

Die Kaiserin ist gestern abend 8.35 Uhr über Köln a. Nh. nach Berlin abgereist; zur Verabschiedung aus dem Bahnhöfe hatte sich auch Prinz Oskar von Preußen eingefunden.

3 u in Fall Eulenburg. DemBerl. Lok.-Anz." zu­folge reifte der Untersuchungsrichter Schmidt in der Eulenburg- Angelegenheit nach München, um dort eine Reihe von Zeugen zu vernehmen und am Starenberger See eine Lokalbejichtigung vorzunehmen. Eine große Anzahl Zeugen erhielten bereits zu diesem Zwecke Vorladungen.

Widerruf Hermann Schells? Vor etwa drei Mo­naten veröffentlichte der Würzburger Strafanstaltspfarrer ^Dr. Hennemann eine BroschüreWiderruf Hermann Schells?" Jetzt erst,, nachdem die Broschüre bereit-S ausvcrkaust ist, erhielt der Autor, wie dieFranks. Ztg." erführt, die Ausfordcrung zur öffentlichen Abbitte und Zurückziehung der Broschüre auS dem Buchhandel. Wie verlautet, gedenkt Dr. Hennemann nicht, dieser Aufforderung Folge zu leisten.

Das sächsische Wassergesetz wird wahrscheinlich schei­tern, nachdem gestern die Konservativen in der Gesetzgebiings- deputotion einen Antrag bezüglich der Emeignungssrage durch­gesetzt haben, beit sowohl die Regierung wie die Nationalliberalen jür sie als gänzlich unannehmbar erklärten.

A e n b e r u n g b e s K a t h o l i k e n g c s e tz e s in Brann - s ch w e i g. Der braunschweigische Landtag beschloß eine Aenberung beS Katholikengesetzes, wonach auswärtige Geistliche ohne vorherige VerpsliÄtung Amtshandlungen im Herzogtum vornehmen dürfen. Ferner beschloß ber Lanbtag eine, Aenberung bes Wahlgesetzes zu Gunsten ber briticit Wählerklasse.

Prinz Friebrich Wilhelm v o n P r eu ß e n wirb vom 1. Juni ab in ber Staatsverwaltung in Schlesien beschäftigt. Der Prinz wirb bei bem in ber Nachbarschaft von Camenz be- iegenen Lanbratsamt bes Kreises Grafschaft Glatz tätig sein.

Der im Juni neu zu wühlenbe preußische Land­tag wirb Enbe Juni ober Anfang Juli cinberusen werden. Es trifft jedoch nicht zu, daß daS Abgeordnetenhaus in irgendwelche materielle Verhandlur.g eintreten wird. Vielmehr wirb bas Haus auf Grund einer königlichen Order vertagt werden unb erst im Spätherbst feine Arbeiten ausuehmen.

Der sozialdemokratische K r e i s v o r s i tz e n d e für Erfurt, Schleusingen unb Ziegenrück Karl Kiesewetter würbe wegen Unterschlagungen zum Schaben ber Gewerk- schaftskasse seines Amtes entsetzt unb auS ber Partei ausgeschlossen.

beicr Bedeutung. Gießen ist ja schon wiederholt sowohl von Nationalliberalen wie von Freisinnigen vertreten gewesen, und im Jahre 1903 haben bekanntlich die Nationalliberalen auf bas bringenbste bem freisinnigen Landtagsabgeoibnetcn Dr. Gulfleisch bas Manbat angeboten, unb erst als cc es ablehnte, haben auf den Vorschlag ber Freisinnigen hin die Nationalliberalen an Heyligenstaebt ben geiuemsamen Sian» bibaten nominiert, lieber bie Wahl von 1907 wurden be­reits Bedenken geäußert, ob cS unter den neuen Verhältnissen nicht wichtiger sei, einen weiter links stehenden Kandidaten zu wählen. Aber es war begreiflich, daß nicht nur bie National- liberalen an bem siegreichen Führer des vorangehenden Wahl­ganges festhieltcu, sondern baß auch bie Freisinnigen in chrn einen bcsonbers aussichtsreichen genieinsamen Kanbibaleii er­blickten. Das Ergebnis hat bann gezeigt, baß bie erwähnten Aebcnken gerechtfertigt geivesen waren. Das Referat eines ber anerkannten Führer ber hessischen Linksliberalen unb bie daraus folgende Diskussion werben vielleicht Gelegenheit bieten, sestzustellen, wie weit bie Gemeinsamkeit ui ben Anschauungen der maßgebenden Freisinnigen unb Nationalliberalen in unserer Stabt auf bem Gebiete ber Wirtschaftspolitik unb ber all­gemeinen politischen 9lussassung reicht. Es sei noch daraus Hingeiviesen, baß ber Saal erst um 8 Uhr geöffnet wird.

Queckborn, 19. Mai. Am Sonntag nachmittag sand hier int Görnertschen Lokale eine von mehr als 60 Personen be­suchte nationalliberale Versammlung statt, in der ber Wahlkreisvorjitzenbe Rechtsanwalt Stauf mann sprach. Zu­nächst schilberte er, oft von Beifall unterbrochen, unsere innere, Politik unb ging bqmt zu ben Forderungen für ben hessischen Lanbtag über, sich bebei über bie Kanbibatur Lang bes näheren üußenib. Seine Ausführungen ernteten reichen Beifall. Da sich zur Diskussion nicmanb melbete, nahm er bie Gelegenheit wahr, den von gegnerischer Seite immer gemachten Vorwurf der persönlichen Kampfesweise der Nationalliberalen zu widerlegen. An Hand der letzten Nummer des Gießener Antiiemitenblättchens, worin jener Vorwurf wiederholt wird, bewies Redner, baß er getabe ans die Gegner zuträfe. Er verlas die betr. Stellen wie Kanbibatur Levy" (gemeint ist Bürgermeister Lang',Verletzung bes Postgeheimnisses seitens ber Nationalliberalen",schmutzige Kampfesweise ber gebilbeten Nationalliberalen" ufw. Namentlich) wirb Herr O. Niebel mitgenommen mit seinerjugendlichen Un- kenncnis", derjugendliche Retter, der sein Sprüchlein aufsagt", berorientalische Preßvirat", bieZeit, wo ber nationalliberale Wahlkreiserobcrer unb Bureauvorsteher noch nicht geboren war" unb bergt mehr. Gesprochen wirb auch von bennationalliberalen Mannesseelen von Dr. WernerS Kollegen". Herr Kaufmann geißelte biefe Kampsesart unter bem Beifall der Zuhörer aufs schärfste unb scmb aller Zustimmung mit der Erklärung, baß seine Partei so nicht kämpfen werbe.

Lauterb ctch, 20. Mai. In Ober-Al 006, weiter im Gebirge oben, wurde ber nlte Hevchenrüber, ein etwa 70 jähriger kräftiger Mann, beim Kartoffelstöcken von einem Gewitter überrascht, baß uom Oberwalb her ziemlich schnell herangezogen war. Tcv Mann wollte mit seinen Leuten auch sein Schwiegersohn war babei Schutz suchen. Ein Blitz schlug nieber unb traf ihn 5u Tobe. Seine beiben Kühe würben ebenso niedergestreckt, ber Schwiegersohn aber wurde an einem Arm gelähmt. Irr dem Dorfe unb ber Umgegend herrscht eine begreifliche Auf­regung. Solche Fälle sind selten, gerade in unserem Ge- birgsteil.

Q Ulrich stein, 20. Mai. Von hier aus wurde eine zweite Fernsprechlcitung nach Helpershain gelegt, weil der letzte Winter mit seinem starken Schneefall bei einem Draht störende Geräusche verursachte. Eine neue Telegraphen­leitung geht von dem benadjtbnvten Bobcnhausen nach Wohn- selb, Altenhain unb Freiensem.

fc. Aus Knrhessen, 20. Mai. Nach achtjähriger Pause hielt in ©untcrS l) auf en gestern bie hessische Ne cht sp atte i unter dem Vorsitz des Nechtsamvalts Martin- Kassel ihren Parteitag ab. Folgende Resolution wurde angenommen:Die hessische Rechtspartei beharrt nach wie

Barlh nnL führen wollte, zur allen Zerfpliltcrung des Liberalismus und damit zur hilflosen Unbedeutendheit zurücküihren mußte . . . . Obivohl keine politische Neuentivicklung ohne Rückschläge denkbar ist, so ist doch im Liberalismus heute so viel irische Begeisterung, ein so starker Wille zur Tat und zur Alacht lebendig geivorden, so viel Standhaftigkeit und Eintracht vorhanden, das; keine^poliliiche Gewalt stark genug ist, um den Fortschritt der neuen Bewegung dauernd zu hemmen. E i >t I n e i n a n d e r-A u f g e h e n der Freisinnigen Vereinigung, der Süddeutschen V 0 l k s p a r t e i b i l d e i n n r n 0 ch e i n e F r a g e d e r Z e i t, mögen sich Cozialdeniokralie, Sozialliberaldeinokrale:'. und Zentrmn noch so 1)61(3 bemühen, Mißtrauen und kleine Eliersüchteleren zivischen die freisinnigen Parteien zil pflanzen. Aber nnjere Gegner follen nur nicht glauben, daß mit diesem Ergebnis die Elingnngsbe- strebungen des Liberalismus ihren Abfchliiß gesunden hallen. Unser Weg geht weiter. Wir wollen stufenweise auch eine An­näherung nnd ein B ü ndnl 5 mit d c r n a l i 0 na ll 1 be r a l e n Partei und aus diesem Bündnis soll schließlich die große l i b e r a l e P a r t e i sich h e r a n S b i l d e n, ine Die verschiedenen Teile in einen einzigen Körper verbindet......

WaS aber wird daS Schicksal und die Bcstiminnng der kon­servativen Partei nnd ihrer Geiolgschast^ für die Zuknnit unseres politischen Vaterlandes nnd unserer geistigen Kultur sein? fcic, gleichsam ine unentbehrliche Vreuise an der iorlschreiienden Slaals- maschine, muß durch die Dtimokralisierimg des Zentrums dauernd dahin gedrängt werden, bei der liberalen Partei Anschluß zu siudeu. Daß aber Sk 0 u j e r v a t i v e und Liberale trotz aller Gegen­sätze gemeinsam eine gesunde, praktijche Politik treiben können, davon hat der neue Reichstag beredtes Zeugins aogelegt. Die Zerfahrenheit des dentfchen Parteiwesens läßt eme andere Aiöglichkeit als konservalio-liberale Politik nicht mehr offen. Vor diesem Zivange nnd zugleich vordem lebendigen Geuhl si-.r die gemeinsame Woalsahrt wird auch der schrankenloje Parlei-Lrganis- mus bei Lösung der dringenden Finanzreiorin, dieses wahren Aieien- iverkes, bescheiden znrückslehcn müssen. Es ist ja stur die irelsinnige Fraklionsgemeinschait ungemein verführerisch, zu jagen: wlr lrageii

r-ttL Stadt rrttd Land.

Gießen, 21. Mai 1908.

** Von ber Obstbaurnblüte. In ungewöhnlich raschem Zeiträume blühen unsere Obstbäume ab. Kaum drei volle Tage bauert bie Blütezeit eines Obslbaumes. Eine schöne Blütezeit ist bas nicht, aber ein nützlicher; beim bie Fruchtansätze erfolgen äußerst reichlich. Dazu ist berBlüten- ansatz ein überreicher, insonderheit bei den gegenwärtig in der Blüte stehenden Apfelbäumen. Ein solcher Blütenflor ber Apfelbäume gehört zu ben Seltenheiten. Aiich die Objibau- feinbe, wie Raupen, Käfer u. dgl. lassen sich nur selten beobachten. Tie Maikäser sind gänzlich ausgeblieben, schon jetzt fliegt ber kleinere Junikäfer, der nach den Maikäfern kommt. Die Aussichten für die diesjährige Obsternte gehören 51t den denkbar besten.

" Ooffentlief)e p0litsche Versammlnng. Man schreibt uns: Das ThemaEinigung bc5 Liberalismus", über bas Pfarrer K 2 rell heute abend in SteinS Garten sprechen wirb, ist gerade für unseren Wahlkreis von befon-

Auch eine Epidemie!

lieberErkrankungen vor Prüsungstermincn" veröffentlicht Professor Konrad Bornhak in denBerliner Akademischen Nach­richten" einen sehr interessanten Artikel aus ben Erfahrungen heraus, bie er offenbar als Examinator bei den Referenbarmts- PrüsungeN gewonnen hat. Er schreibt unter anberent:

1 Menn jemanb kurz vor der Prüfung erkramt und zum ange­setzten Termine isicht erscheinen kann, so ist daS an >ich jchon ljochj. bedauerlich. Wenn diese Erkrankungen aber einen Ilmjang an- nehmen, wie bei einer Epidemie, so muß der 'Seuck^ nach vor­heriger Feststellung des.entfprechend.'n Bazillus natürlich mit auc-t Mitteln ber mvdemen Hygiene entgegengetreten werden. Dieser epidemische Zusümb ist bei ber ersten juristischen Prüfung wenig­stens in'Berlin zweifellos vorhanden. Daß von den vier ge­ladenen Kandidaten alle vier erfcheinen, rann gerabezii als Aus- nahme betrachtet werben, meist kommen nur drei, nicht selten zloei, bisweilen sogar nur einer, währenb bie übrigen lief) erst ganz kurz vor bem Termine, ost telegraphisch, entjchulbigen, so baß kein Ersatzmanii nachgcläven werben kann. DaS ist einmal eine grobe Rücksichtslosigkeit gegen die anderen Kanbibcuen, va wenigstciis für brei die Prüfung nicht abgekürzt Wirb, aber auch Segen bie Mitglieder ber Prüfungskommission, welche bie Ar­beiten ber Ausgebliebenen zwecklos durchgesehon haben unb bte- selbe Zeit wie für brei verwenden müssen.

Daß junge Männer im kräftigsten Lebensalter von burch-- schnittlich 21 biS 25 Jahren so zahlreich erkrankten, wäre be­trübend, wenn eS sich in der Tat um ernstliche Krankheiten handelte. Aber bie Erkrankunge'.i treten immer erst tnrz vor­dem Prüsungsiermiiie ein, unb bie ärztlichen Zeugnme belunben durchweg Neurasthenie, vielfach derart, daß man sich wundern Muß, baß die Kanbibaten nicht Anstanb nehmen, em solches -Zeugnis vorzulegen.