Ausgabe 
21.2.1908 Erstes Blatt
 
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tret Von Mitgliedern der Sektion cmfgesührte Tiroler National-Tänze zu 10 Paaren, die vortrefflich eingeübt waren und gleichfalls sehr gefielen. Das folgende allgemeine Tanzvergnügen wechselte ab mit genußreichen Vorträgen (Zupfgeige mit Gesang) eines wohlgeschulten auswärtigen Mitgliedes der Sektion. Außerdem beteiligte^ man sich leb­haft an einer wohlausgcstatteten Tombola. Sämtliche Teil­nehmer waren kostümiert. Man hatte Gelegenheit, die ge­schmackvollsten Trachten in bunter Mannigfaltigkeit zu be­wundern. Tirol und tic Schweiz, wie auch das engere und weitere Vaterland, Wetterau, Schwalm, Schwarzwald usw. waren vertreten. Küche und Keller boten ebenfalls treffliche Leistungen. Hochbefriedigt trennte man sich erst in später Stunde.

** Kolosseum! Tic internationalen Tamen-Ringkämpfe üben eine solche Zugkraft aus, daß das Kolosseum schon vor Beginn der Vorstellung vollständig ausverkauft war. Tie ein­zelnen Kämpfe kommen in technischer LÄllendung zunr Austrag. Resultat des gestrigen Tages war: Frl. Berg (Berlin) besiegte ihre an Kraft weit überlegene Gegnerin v. ix Str aalen (Holland) mit 7,05 Min. durch Halbnelson am Boden. Im Kampfe Irl. Koslows- ky-Ostpreußen gegen Frl- Kiiorr-Rheinland siegte erstere m 1,07 Min. durch Armdurchzug am Boden. Ter gespannte Enpcheidungs- kampf: Frl- S i m so n-- Hannover gegen Frl. Hanlon-Elsatz, konnte erst nach der zweiten Pause zur Entscheidung koinmen, nachdem Frl. Simson einen gut gefaßten Armfallgritf ansetzte, der chr zum Siege verhalf. Gesamtzeit: war 47,20 Mm. Heute findet wieder ein Entfcheidungskampf statt, u. zwar Wischen Frl. RuHter-Schlch. itnb Frl. Kvslowsky-Lslpreußen. Auch am Sonntag nav)mittag findet Vorstellung mit Aufführung von Ringkämpfen statt.

* Konzert-Verein. Auf Wunsch des Vorstandes weisen wir hiermit ausdrücklich darauf hin, daß das Konzert .am Sonntag pünktlichst um 5 Uhr beginnen muß, damit -die Abendvorstellung des Stadttheaters um 8 Uhr ihren !Anfang nehmen kann.

** Hessische Vereinigung für Volkskunde. (Am nächsten Montag abend findet tut Cafe Ebel der fünfte Mitgliederabend der Vereinigung statt. Pfarrer Korell- Königstütten wird reden über das Thema: ,9lu§ dem Gerauer Land.' Wenn auch natürlich der Vortrag nichts )mit der Politik zu tun hat, so wird es doch vielleicht manchen interessieren, den Mann reden zu Horen, dessen Reichstags- kandidatur im Kreise Darmstadt so viel Aufsehen erregt hat.

* Das Hotel Großherzog von Hessen geht durch -Kauf zum 15. März in anderen Besitz über.

* * Erledigt ist eine mit einem evang. Lehrer zu be­setzende Lehr erstelle an der Gemeindeschule zu Sprend­lingen (Kr. Offenbach).

* Tierausfuhr nach Irland. Nach einem Erlaß des irländischen Ackerbau-Departements dürfen nach Irland sowohl aus Großbritannien, der Insel Man und den Kanal­inseln, als auch aus irgend welchen anderen Ländern Pferde, Esel und Maultiere nur mit einem vorher bei genanntem Ackerbau-Departement einzuholenden Erlaubnisschein und unter Einhaltung der in diesem Erlaubnisschein enthaltenen Einfuhr- Bedingungen eingeführt werden.

[tj Wie s eck, 20. Febr. Der Mitteldeutsche an i n = 'schenzüchter-Verbanb wird vom 16.18. Mai hier erne Bnndesansstellung abhalten. Der Verband um- ifaßt zahlreiche Kaninchensüchtervereine im mittleren Lahn­stal und Oberhessen.

st- A t t e n - B u s e ck, 20. Febr. Man schreibt uns von chier: Ihrer Mitteilung in Nr. 42 über die Familie von Bus eck und das Busecker Tal sei noch folgendes ergänzend angefügt: Die beiden Familien von Buseck und von T rohe standen in enger Famitienverbirrdung. Im Jahre 1357 schlossen die drei Linien von Buseck, Buseck-Buseck, ,'Buseck-Mser und Buseck-Münch, mit den Herren von Trohe einen ganerblichen Burgfrieden, ernannten aus ihrer Mitte bier Vorsteher und schrieben sich von da an:Vierer und (Äanerben des Busecker Tales." Daraus geht hervor, daß jTroye ursprünglich zum Busecker Tal gehörte. Die Herren von Trohe, deren Burg auf einem kleinen .Hügel mitten im Dorfe Trohe rechts der Wieseck stand, srnd mit Philipp Heinrich 1641 ausgestorben. Sie besaßen das Patronatsrecht über die Kirchen von Altsn-Buseck und Großen-Buseck. Nach 1641 ging dieses Recht an einen Stamm der Familie von Schutzbar, genannt Milchling, über und nach dessen Aus- stcrben an die .Herren und Grafen von Isenburg und Bü­dingen, die Lehnsherren der Ritter von Trohe waren. Von 1684 an üben die Hessischen Landgrafen das Patronatsrecht über die beiden genannten Pfarreien aus. In der alten Gauverfassung bildeten die 9 Dörfer des Busecker Tales einen eigenen Cent, der sich an Gleiberg angliederte und später mit Gießen an die Landgrafen von .Hessen kam. Von lotalgeschichttichem Interesse dürfte noch die Erzählung fein, die uns Justus Trenmünd, der bekannte Kirchberger Pfarrer, in seiner Schrift:Schloß Friedelhausen" auf- bewahrt hat. Nach ihr mußte in alter Zeit die Stadt Frankfurt alljährlich eine Fubre Wein in die Ritterburg von Trohe schicken. Auch das Fuhrwerk samt den Pferden gehörte den Herren von Trohe und der Fuhrmann, der den trinkfesten Rittern die edle Baechusgabe gebracht, hatte nichts weiter zu tun, als den Geißelsteckcn zu nehmen und nach Frankfurt heimzülvandern.

-t- Friedberg, 20. Febr. Bei der heutigen Ab­gangsprüfung am hiesigen Gymnasium unter dem Vorsitz des Geh. Oberschulrats Nodnagel erhielten sämtliche sechs Prüflinge das Reifezeugnis. Vier davon waren von der mündlichen Prüfung befreit gewesen.

X Angers b ach, 20. F-ebr. Im Hause des Johs. Döll III. hier brach gestern abend gegen^ 9 Uhr Feuer aus, das in einer Stube des oberen Stockes entstand. Der rasch herbeigeeilten Feuerwehr war es nach kurzer Zeit möglich, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Während fast sämtliche Mobilien, Kleider, Weißz-eug usw. ein Raub der Flammen wurden, erlitt das Gebäude selbst keinen bedeutender! Schaden. Ter Brand soll durch Un­vorsichtigkeit beim Gebrauch des Lichtes entstanden sein.

R. B. Darmstadt, 20. Febr. Wegen des U e b e r - falls auf ein bei einem Maurermeister in der Stift­straße beschäftigtes Dienst mäd chen, das von vier Bur­schen geknebelt und seines Sparzinses beraubt worden war, hatte das Schwurgericht im vorigen J-ahr einen dieser Räuber zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Jetzt ist es gelungen, auch die drei anderen Räuber zu ermitteln und fcstzuuehmen. Cs sind dies die Taglöhner Emil Haußner aus Thüringen und Adam Heil und Eugen Berg, beide aus der Pfalz gebüriig. Sie werden schon in der am 9. Mcärz beginnenden Schwurgerichts­pertode für ihr Verbrechen zur VeraittworrUi^g gezogen. In Hast g e uo nimen wurde heule der Fvrstwart Schwalb aus Befsungen, früher m Ober-Dioden, wegen Vergehens gegen § 17.; des bi Str. G. B., bae. der Ver haftete, an >einer eigenen Tochter begangen hat.

R.B. Darmstadt, 20. Februar. (Tel.) Der Gemeinde­rechner Bär von Lampertheim wurde unter dem Verdacht, einen Meineid begangen zu haben, in Untersuchungshaft genommen. Der falsche Eid soll in einer Beleidigungsklage des Bürgermeisters Boxberger gegen mehrere Lampertheimer Bürger, die dem Bürgermeister boswilligerweise und völlig grundlos nachsagien, er habe einen Mord begangen, geleistet worden sein.

h Fran kfurt a. M., 20. Febr. Im Hause Kronprinzen­straße 26 wurde eine 2 3jährige Frau wegen Kuppelei verhaftet. Sie halte ihre Schwester unter 14 Jahren zur Unzucht verleitet. Der Hausbursche einer Friseuse ver­kaufte in Abwesenheit seiner Herrin deren gesamtes Mobiliar im Werte von 2000 Mk. für 100 Mk. Als die Friseuse von der Reise zurückkehrte, fand sie ihre Wohnung leer. Der Mann wurde verhaftet.

X. Hanau, 20. Febr. In der heutigen Stadtverord­netensitzung wurde der mit den hessischen Gemeinden Groß- und Klein-Steinheim hinsichtlich der Weiterführung der elektrischen Straßenbahn von Hanau dorthin abzu­schließende Vertrag genehmigt. Die Kosten der Weiterführung stellen sich auf 300 000 Mark.

(h.) Kassel, 20. Febr. Bei der Stadtverord­netenwahl sind sämtliche bürgerlichen Kandidaten der dritten Wählerklasse unterlegen, sieben sozialdemokra­tische Kandidaten tourben gewählt.

LLnivLrkitcits-Nachrschterr.

Tr. Ludwig v. Schwade, o. Professor der Uassischen Philologie und Archäologie an der Universität Tübingen, ist im 73. Lebensjahre gestorben. Schwabe war am 24. Juni 1835 zu Gießen geboren, als Sohn dcL Gießener Kantors Schwabe. Er promovierte hier 1857 zum Dr. phil., habilitierte sich 1859 und wurde hier 1863 Extraordinarius; 1864 Ordinarius in Dorpat, erhielt den Titel eines russ. SlaatsralS, ging 1872 nach Tübingen und wurde dort geadelt. Er hat Tcuffels Geschichte der römischen Literatur neu bearbeitet.

und wLUen-chast.

Ehrung eines Hessen durch den englischen I o h a n n i t e r o r d e n. Prmz Eitel Friedrich hat im Schloß Bellevue den hiesigen Gelehrten Herrn von L e e o q , Assistenten am Museum für Völkerkunde (einen geborenen Dar in städter) empfangen und in seiner Eigenschail als Großmeister des I o h a n- niterordens ihm die von dem englischen Zweig dieses Ordens verliehene g o l d en e Rettungsmedaille überreicht. Herr von Lecoq hat von den englischen Johannitern diese Auszeichnnng erfahren, weil er bei seiner Rückkehr aus Chinesisch-Turkestan einen schwer erkrankten englischen Hauptmalm, der sich ihm angeschlosscn hatte, auf dem Wege von Tibet nach Indien unter unsäglichen Mühen und eigener Lebensgefahr über den Karakorunipaß gebracht tlnd so zu scilier Rettung beigetragen hatte. Tie Medaille zeigt au der Vorderseite das Malteserkreuz, zwischen dessen Balken die englischen Wappentiere, Löive und Einhorn, sichtbar sind. Um das K^-euz liest man:Für Dienste rm Jmeresse der Menfchlichkeit". Aist der Rückseite gewahrt man einen Bailin, den ein Baiid um« schlingt, und darauf stehl zu lesen:Der Großprior und der Ordc'.i vom Hospital des heiligen Johannes zu Jerusalem in England". In den Rand der Medaille, die etwa die Größe eines Fün'mark- slückes hat, ist der Name des deutschen Forschers eingrainert. Sie ist, ihm zu Ehren, zum ersten Riale aus Gold geprägt, während sie sonst nur in Bronze oder Silber verliehen wird.

GerschtsderLsL.

L. ll. D arm st a d t, 20. Febr. Vor der hiesigen Straf­kammer halte sich heute der 62jährige Gemeindeeinnehmer und Kirchenrechner der Gemeinde Tansberg, Georg Feist, wegen Unterschlagung zu verantivorten. Der in Ai ainz geborene Angeklagte war lange Zeit in Mannheim als Kaufmann tätig. In seiner Stellung in Tansberg kam er bei einem Hausbau ohne eigene Schuld in Geldverlegenheiten und entnahm deshalb inner­halb 3 Jahreii der ihm anvertrauten Kasse ca. 6000 Mk., wofür er Zettet über die entnommenen Beträge in die Kasse legte, so daß es dem revidierenden Beamtendes Kreisamtes ein leichtes war, bic Höhe des unbefugt entwendeten Geldes festzustellen. Nach Feststellung des KäsfemnanLos der Rechner verhaftet. Tank des Umstandes, daß seine Schwester den unterschlagenen Betrag sofort wieder ersetzt hat, wurde der Angeklagte nur zu 6 Mo­ua t e n Ge fängn is verurteilt.

Vermischees»

Allenstein, 20. Febr. Hauptmann v. Gäben wird noch in dieser Woche von d e r I r r e n a n st a l l Kortau iviedcr nach dem Allensteiner M i l i t ä r g e f ä n g n i s ü b e r f ü h r t werden. Offensichtlich ergab sonach die ärztliche Untersuchung keinen Anhalts- piuikt dafür, daß ©oben geistig minderwertig sei. Auf Veranlassung von einer Göben nahestehenden Seite wird dieser auf seinen Geistes­zustand nochmals untersucht iverden und zivar diwch den Münchener Psychiater Dr. Freiherrn von Schrenk-Notzing, der am Montag m Allenstein einzulressen gedenkt. Auch im mititärgerichtlichen Auf­trage wird emc nochmalige Untersuchung Gödens statifinden und zwar durch den Gerichtsarzt Tr. Puppe aus Königsberg. F r a n Major v. S ch ö n e b e ck ist gegenwärtig tatsächlich geisteskrank.

* Essen a. d. Ruhr, 20. Febr. In dein beiiachbarten Borbeck steht ein sechs bis acht Häuser umfassender Häuserkomplex in Brand. Sechs Feuerwehren bemühen sich, die weitere Ausdehnung des Feuers zu verhindern. Der Brand entstand im Warenhaus Löwen­stein beim Anzünden eines Lichtes. Nach stundenlanger Arbeit ge­lang es, den Brand aui das Warenhaus zu beschränken. Die be­reits geräumten Nachbargebäude sind jetzt außer Gefahr. Das Warenhaus brennt noch weiter. Der 18jährige Sohn einer in der Kruppschen Kolonie Friedrichshof wohnenden Arbeiterfamilie verletzte die Tochter und den Sohn einer in demselben Hanse wohnenden Familie durch Messerstiche lebensgefährlich. Eitle andere dort wohnende Frau wurde durch den Auftritt so erregt, daß sie einen Schlaganfall erlitt und starb. Ter Täter wurde verhaftet. Es bestand em gespanntes Verhältnis zwischen den Familien, was als Ursache der Tat angesehen wird.

* Ein vierzehnjähriges Elternpaar. Auf an ihn ergangene Vorladung erschien vor einigen Tagen vor dem Amtsgericht in Polzin i. P. als jüngsterVater" jener Gegend der vierzehnjährige Teputantensohn Pliefaü aus Possentin, um seine Vaterschaft an dem unehelichen Kinde der gleichfalls erst vierzehnjährigen Anna I. aus Possentin gerichtlich anzuerkennen. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich als Vater bekenne, er­widerte der Knabe im Brustton der Ueberzeugung mit einem lautenJa!", und nach Erledigung desFalles" verließ er stolz erhobenen Hauptes das Gerichtsgebäude, zündete sich eine Zigarre an und ging von dannen.

* O alte Burschenh eprlichkeit . - . In Erlangen blüht noch die Blume des Studentenhuuwrs. Ein Mitglied der BurschenschaftGermania" war vom Senat mit 24 Stunden Karzer bedacht uwrden. Nach altem Studentenbrauch gab ihm seine Korporation das feierliche Geleit. An der Spitze des Zuges schritt alsAuge des Gesetzes" ein Polizeidiener mit gezogenem Säbel, hinter ihm ein Mann in Gehrock und Zylinder mit einer großen Tafel, auf der die ominösen Worte:24 Stunden Karzer" weithin sichtbar prangten, dann kamen zwei Trommler in Landsknechtstracht, die einen Trauermarsch wir­belten. Der Senat war durch zwei Pedelle vertreten, die statt der Szepter Kochlöffel trugen. Würdevoll kam dann ein Kapu­ziner dahergeschritten, der denVerurteilten" auf feinemletzten Gang'' begleitete. Hinter ihm der Verurtellte selbst im Büßer- gewand. Gesenkten Hauptes schritt er dahin. Schwere Ketten hielten ihn gefesselt, die 511x1 Henkersknechte in den Händen hielten. Ihnen folgte der Scharfrichter in rotem Gewände und

mit großem, blanken Richtschwert. Auch zwei Richter fehlten nicht, von denen der eine ein großes corpus juris, der andere die Wage der Gerechtigkeit trug. Hinter diesen, ein kleiner Wagen, auf dem ein Wirt edlen Gerstensaft verzapfte. Ten Zug be­schlossen die übrigen Burschen und Füchse, etwa dreißig an der Zahl. Die Füchse in Kneipflausen trugen Utensilien, die der Büßer im Karzer benötigte, Schlafrock, Hausschuhe,, Pfeife usw.. sogar Bücher und Kollegienhefte. So bewegte sich der Zug langsam durch die Straßen der Stadt bis zum Marktplatz, wo vor dem Denkmal des Kurfürsten Aufstellung genommen wurde. Die Richter brachen dort den Stab über dem Verurteilten, und der Kapuziner hielt eine Ansprache, an deren Schluß er auf das Wohl des Karzerkandidaten krank und die akademische Freiheit hochleben ließ. Nach dieser Zeremonie ging es weiter zum Karzer.

* Ein 477 Jahre alter Prozeß. Fast unglaMich scheint die Nachricht über einen aus dem Mittelalter stammen-' den Prozeß zu sein. Danach ist ein zwischen der gothaischen Gemeinde Friemar und den dortigen Mühlenbesitzern seit dem Jahre 1430 schwebender Rechtsstreit wegen einer seinerzeit eigenmächtig vorgenommenen Erhöhung eines Wehrbaumes an dem Nessefluß (!) mit Schluß des Jahres 1907 durch gütliches Uebereinkommen zum Abschluß gebracht worden. Tie Höhe der Prozeßkosten ist noch nicht festgestellt. >

* Zahnarzt und Masseuse. Gegenwärtig beschäftigt die Newyorker Gerichte ein Prozeß, bei dem die bekannte Sän­gerin Emma Calvä eine zwar nebensächliche, aber um so inte­ressantere Rolle spielt. Tie Calvs hatte während ihres letzten Auftretens im Metropolitantheater eine kleine, zierliche Masseuse engagiert, die die Aufgabe hatte, die körperliche Frisck>e und Schönheit der gefeierten Sängerin durch ihre verschwiegenen Künste aufrecht zu erhalten. Was Wunder, wenn sich zwischen beiden rasch ein vertrautes Verhältnis entwickelte, und wenn es der geschickten Masseuse gar bald gelang, auf ihre Herrin in gewissen Dingen einen entscheidenden Einfluß auszuüben. Auf diese Tatsache gründete ein nur wenig bekannter Zahnarzt Newyorks, Dr. Harlan, seinen Plan, die Calvs zu seiner Pa- tientin zu machen. Er wandte sich an die Masseuse und fragte sie unter unzähligen Liebenswürdigkeiten, auf welche Weise er seine prächtige Idee verwirklichen könne.Sehr einfach," er­widerte die kleine Masseuse,wir teilen das Honorar! Ein­verstanden?" Dr. Harlan hatte zwar diese Anllvort nicht er­wartet und war etwas verdutzt, aber er sagte schließlich:Ja!" Nach^ einigen Tagen nahte endlich die Stunde, wo Madame Calvs über Zahnschmerzen klagte. Sie fragte natürlich ihre Vertraute nach einem Zahnarzt, und nichts war selbstverständ­licher, als daß die Heine Masseuseden berühmtesten und besten aller Newyorker Zahnärzte", Tr. Harlan, empfahl. Dieser kam und beseitigte in wenigen Augenblicken die Wurzel des Uebels. Er verlangte zwar eine ganz ungeheure finanzielle Entschädigung für seine Kunst, aber Madame Calvs ist nicht gewohnt, zu handeln, und zahlte. Am nächsten Tage fuhr die kleine Masseuse bei dem Zahnarzt vor und verlangte ihren Antell an der Beute. Tr. Harlan tat jedoch ob dieseseigen­artigen Wunsches" sehr erstaunt, erklärte, daß er an Gedächt­nisschwäche leide, und machte keine Nkiene, auch nur einen Cenk seines Honorars herauszugeben. Tie kleine Masseuse aber lief geschwind zum Kadi und ließ sich auch von einigen amerikan. Reportern interviewen, denen sie ihr tragisches Schicksal von A bis Z erzählte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man auch, daß der Zahnarzt der Calvs nicht weniger als 900 Tollars abge­nommen hatte, und die amerikanischen Zeitungen registrierten mit Vergnügen, daß Emma Calvs damit einen Rekord aus­gestellt habe.

Lehrer:Gut! Und welches Prädikat wird am vorteil­haftesten zur Verstärkung des Begriffes diesen Bezeichnungen vorausgesetzt?"

Kleine Tageschronir.

Der Berliner P e r l e n d 1 e b st a h l gestaltet sich immer rätselhafter. Die Vermutung, daß der Ehemann der Kammerfrau Steger daran beteiligt fei und die in Seilenlappen und Augentücher gewickelten Ketten in Empfang genommen habe, bestätigt sich nicht. Auf Veranlassung der Berliner Kriininalpolizei wurden in Frank­furt a. M. Nachforschungen angestellt, auch der Atann vernommep. Dabei hat er einen unanfechtbaren Alibibeweis angetreten, wonach er am Tage des Diebstahls imb auch an den Tagen vorher Frank­furt nicht verlassen hat.

Der langjähriger Kassierer der Leipziger Jmlnobilierrgesellschast, Schneider, erschoß sich im Bureau der Gesellschaft. Die Nach- iorschungen ergaben, daß ein Kassendesizit nicht vorlregt, und daß die Ursache des Selbstmordes in langjähriger Krankheit zu suchen ist. Vor drei Tagen erschoß sich die Mutter Schneiders.

In Ess eg erschoß sich aus unbekannter Ursache der Direktor der slavonischeir Landessparkasse Friml. Ter Selbstmord erscheint um so rätselhafter, als die Geschäfte des Selbstmörder-s völlig in Ordnung roaren.

Wie aus S 0 g 0 lie 0 (Poleil) gemeldet wird, wurde an der russischen Grenze ein G e n d a r nr e r i 0 f f i z i e r von unbekannter Hand durch drei Revolverschüsse getötet. Der Täter ist ent­kommen.

£ingc$anöt,

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung-)

Wer vorn Bahnhof nach der Stadt Gießen ober in umgekehrter Richtung seine Straße zieht, wnrde seither durch ein originelles Plakat mit der AufschriftFuß-Teig", das m 3 großen Exemplaren dailerhaft auf eisernen Säiileii anr Asphalttrottoir aiigebracht ist, darauf vorbereitet, daß der historische Schlamni immer noch ein Attribut unserer aufblühenden Stadt ist. Nachdem am ver­gangenen Dienstag die städtische Straßenreiniger-Rotle mit ihren langen Beseii hier Wandel geschaffell hat, ivirb es Zeit, diese Tafeln durch andere mit der AufschriftTrottoir", oberBürger­steig" ober auchFußsteig" zu ersetzen, da man sonst Gefahr läuft, die Provinzialhanpt- und Universitätsstadt Gießen in Mißkredit zu bringen. * Dr. Sch.

. Wie. man aus dem Anzeigentell ersehen haben wird, geht der Busche-Wenzels-Steins Garten seiner Parzellierung entge* gen und der herrliche Riesengarten, dessen sich Gießen noch vor wenigen Jahrzehnten erfreuen konnte, ist bis auf einen kümmerlichen Rest verschwunden. Man kann es ja der Kow kursverwaltung nicht verübeln, daß sie im Interesse der Bues- scheu Könkursmasse diesen Weg der Parzellierung betritt. We- rum sollte sie dies Geschäft einem Tritten überlassen, der das ganze Anwesen im Zwangswege ersteht und bann doch selber Jarjelhert. Denn erhalten ließe sich der immer noch recht fdjüne Bestand wohl nur, wenn bic «Ltabt selbst ihn erwirbt, was sie leider vor Jahrzehnten verabsäumt hat. Oder sollte es noch an der Zeit sein? Es ist ja unschwer, die Kal­kulation der Konkursmasse zu burchschauen: sie sagt sich offen- bar, im Zwangswege werde nur das Gesamtobjekt zur Versteigerung gebracht werden können, an dessen Erwerb m erster Linie die letzten Äypvthekargläubiger 2c. interessier! Uitö, so daß die Interessenten für einen schönen Billenbau- Platz, Bauunternehmer und Private n i ch t daraus zu rechnen haben, bei einer etwaigen Zwangs Versteigerung einen Plav zu erwerben, iveil eben bei der evtl. Zwangsoerstcigeruilg ein­zelne Parzellen für Bauplätze überhaupt nicht zum Ausgebot kommen. Wer jetzt die Gelegenheit verabsäumt, preiswert einen Bauplatz in erster Lage Gießens für eine Billa :c. zu erwerben, her hat die günstige Gelegenheit verpaßt: denn wenn erst dos Ganze im Zwangswege ocl anft ist, werd der Erwerber rubm zuwarten, bis er unter der Hand zu höchsten Preisen lo^- schlagen kann. Interessenten an einzelnen ' Baupchtzen geben allo fehl, wenn sie denken, bet einer Zwangsversteigerung gün­stiger taufen zu können. So werben wir uns leider barrüi ergeben müssen, daß Steins Garten vis auf ein letztes Restä-cn zufammenschri'.mpst. Eaveant consules! jXögc die Stadtver­waltung bald darauf besinnen, daß ein wettausvlickertdrr