Ausgabe 
20.11.1908 Drittes Blatt
 
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Nr. 274

Zweites Blatt

Freitag 20. November 1908

Erscheint täglich mit Vu-nahme deS bonntagä.

158. Jahrgang

Die ..Gtehener Zamiltendiättrr" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich be,gelegt, bo3 Krelsbtott für den Kreis Sietzen" zwennal wöchentlich. DieLandwIrtschastUchen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Unlvsrsitäls Buch- und Stelnbruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Exveditton und Druckerei: Echul« straße 7. Exvedinon und Verlag: 5L

Redaktion:112. LeU-Adr^^lnzeigerGießen.

©iretes Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefjen

E3

(Unb. Re«N>r. Verb.)

Ein Vclcldlgungrprozctz in wisjenichasilichcn Kreijen-

(Professor Ruh 1 ano coui.a ^rvfrssor äd i c r m e r.)

L

S. u. H. Berlin, 19. Nov.

Auslaud.

Di« Luxemburgische Regentschaft. In Schloß Hohendurg in Bayern legte fleftenx inNlaq die 6)rotzlicrzogin von rtuxenidurg vor dem luxemburgischen Staatüinlnistcr Eysüicn, dem Jüianzmmister Mongenast und einer Tepritalioir bev Landtages den Gib al» Regentin ab Hieraui land Hoüaiel stall.

AntikonstitutionelleKundgebungeninPersien. Dellern Hot in Ba geschah wiederum eine anukonstitntionelle Demonstration stnlkgellmden, und zwar |eiten8 eines Teiles bei kau'männischen Bevölkerung der Hauptslabt, die vom Schal) boitbin geladen war. Der Schah selbst mar ainvcsend, machte aber keine Andemungcn über das, was er beabsichtigt. Allgemein herrscht bie Ansicht, daß er durch eine solche Demonilratron in seiner Abneigung gegen die Gewährung einer Konstitution bestärkt weide, zumal er glaube, daß er die Gemilchten hinter sich habe.

Deutscher rleich.

Die P o st s ch e ck o r d n u n g vom 6. November 1908 soll nach einer Veröffentlichung des Reichsanzelgers am L Januar 1909 in straft treten.

Ter BundeSrat hat gestern einen großen Teil des Reichs- Etats iür 1909 genehmigt.

T i e Städte Saarbrücken, Ct. Johann und M a l st t - B u r b a ch werden am 1. Januar 1909 unter dem Namen Saarbrücken vereinigt werden.

Ernennung. Zum Ches des bayerischen GeneralstabeS wurde der General von Tylander ernannt.

AnS Dresden: Sämtliche Vertreter und Arbeiter der Paketsahrt legten die Arbeit wegen L o h n st r e i t i g k e i t e n Nieder.

Die Betriebseinnahmen der preußisch-hessi­schen StaatSeiseiibahnen haben im Oktober d. I. im Personenverkehr rund 0.7 Millionen Mark gleich 1.74 v. H. mehr, im Güterverkehr rund 1.5 Millionen Mark gleich 2.0s v. £). weniger, insgesamt mit Einschluß der sonstigen Einnahmen rund 1.7 Millionen Mark gleich 0 97 v. H. weniger als im gleichen Monat deS Vorjahres betragen.

Aus Stadt uuS Land.

Gießen, 20. ^Zooember 1908.

** e sjische Politik. Einige Abgeordnete der Zweiten Kammer, die seither der Frarcion desHessischen ^auernbundes" angehörten, beabsichtigen mit der von der iyrattion im oerflo) jenen Landtage eingeschlagenen Politik

fdfttt'' angeboten wird. B«ugiup ixr ^rciourger Vorgänge stehe ich auf bau StandMnkt, daß ein nationalgesinnter deutscher Pro­fessor eine Professur an dieser Universität nach dem ExoduS der Dcutsclzen nicht hätte annchmen dürfen, lieber die Herren, die den Exodus nickt milmachien, insgesamt den Stab zu brechen, ist freilich auch nicht angebracht. Prof. Ruhland: Sind über meine Person nicht umfangreiche Personalakten angelegt worden? Geheimrat Elster: Wir führen überhaupt keine Personalakten im Kuliusmin.stcrium, außer ganz besonderen Umständen. Uebaj ben Privairmger sino ein jach eine Reihe von Gutachten eingv- holt worden. 5krt. R-Ä Gottschalk: Ist dem Zeugen PlaScuda bekannt, daß Herr Rul/iano sich an ben Vorstand der Getreidebörse mir der Bitte um Untcrfrüßung bcS GttrcidcmarktcS gewandt habe, unter dem Versprechen, bann die Angriffe auf ben Zwis<.^nl)andcl unterlassen e,u wollen? Zeuge P la S- cubfl : Stein. Prvf. Liuhlano: E2 handelte sich txunaiS lediglich um eine Bitte um Ucuctlaffung statistischen Materials. Prvf. Biermer: Ich) habe aus Zeitungen gegen 130 ^Artikel gegen Nuhland gesammelt. Ist dcm Zeugen nicht bekannt, daß lolche hrfrigr Angriffe tzcgcn Ferrit yhi^lanb erschienen sind? GS steht in meiner Broschüre übrigens auch Fein Wort, daS nicht schTvn fcül-er in einer Zeitung gestanden hätte. Zeuge: Daß Angriffe erfolgten, weiß ich, in welchem Jahre bic5 geschah darauf kann ich mich nickst erinnern. ES werden sodann ver­schiedene Zeugenaussagen verlesen. Der GeschüftSfuhrrr dcrMün­chener Post" Cohn hat bekundet, er habe aus Unterhaltungen mit dLM PrivaMägcr, ort bei ihm. Drochuren kaufte, den Eindruck gewonnen, daß dieser der Auffassung der (sozialdemokratischen) Post" auf natLonaUiEononn)d)<n (Gebiete nahe stände. Einmal l>abe Ruhland ihn ersucht, das ViS.narcksche Wirtscl)aftspvogramm in derPoft" zu unterstützen, und haoe ihm für diesen Fall un- ucgrenjte Geldmittel zur Verfügung gestellt, lstuhland habe an- scheinend foldje Artikel lanzicren wollen, um den Anschem zu enueden, als ob in der Sozialdemokratie eine Unterftüßung zu Gunsten der A'ismarckjck-en Wirtschas.spvlitik vorhanden sei. Er habe aber nicht oen Eindruck gchaot, daß Ruhland die damaligen prekären Verhältnisse derPost" getoint habe. In einer Aus­lage des.RcchtSanwaltS Heinzheimer (München) heißt c3, vaß dieser nicht das Gefühl hatte, Ruhland vertrete in seinen Unterhaltungen fozialdcm..'rrali!chc Anschauungen. Jnbezug auf feine Tätigkeit bei dem Gutsbesitzer Sä/mibttnann in Thüringen ifl dem Privatrlägcr in der Broschüre der Vorwurf eines Güter- schlächterS gemad}! worden. In den diesbezüglichen Aussagen Ä ch m i d t m a n n s rechtfertigt sich dieser gegen den Vorwurf, 1 cmal£ Güterschlächterei gcrrieoen zu haben. Auch Ruhland habe keinesfalls in seinem Auftrage derartige Geschäfte gimad)L Ruh­land Haos sich aber damals als Gegner bet Getreidelte und als Anhänger einer PolilT der kleinen Mittel begannt. Aus den Aussagen des NeichseagSabgeordneten Ocsec geht ebenfalls her­vor, daß Ruhland sich ihm gegenüber ebenfalls als Gegner bar Gtz re idezöllc hinge stellt habe. Er, Loser, hatte den Eindruck, daß Ruhland bamai» eine Bewegung gegen den Bund der Land­wirte inszenieren wollte, die Personen aus den verschiedensten Lagern umfassen sollte. Der Münchener Professor Lujo Bren­tano hat in einer früheren Verhandlung ausführliche schriftlich« Bekundungen über Rußland gemacht. Er wirft Ruhland vor, daß er nach Sinn und Wortlaut falsch zitiere. Seine eigenen Schrif­ten enthielten eine ümtidjtenbc Kritik feiner Tätigkeit. Er habe vehauptel, daß er seit 18<8 für die Agrarzölle eintrete, sei aber nocy in den achtziger Jahren ihr Gegner gewesen. Den fyrei- uurger Pwfessortitel führe er zu Unrecht, da er nicht die venia legendi haoe. Unerhört sei es, daß Nuhland aiS Protestant sich »ach öiCikLrg wandte, w.chrentz alle üverzeugien StatbyHEen dieser Uni- versität den Rücken kehrten. Es werden noch eine Reihe weiterer Aktenstüae verlesen, woraus die Verhandlung auf morgen ver­tagt wird.

Stimmungsbilö aus i>em kieichsrage.

Berlin, 19. Rovcinber.

Die Sanierung der ReichLstaauzen.

Die Wucht der Ereignisse der letzten Wochen unb Tage lastete auf der fcuiigen Sitzung, in der Kanzler und Sckxltzsckrecär den großen ttampf um eine halbe Milliarde neuer chhrlichev Steuern einleileten. Zwar war das Haus recht gut besetzt, und auch die Tribünen zeigten nur wenige leere Plätze. Aber gegen­über der atemraubenden Eltge, die an den beiden großen Tagen der vorigen Wock-e auf den Tribünen herrschte, mackste das Haus einen fast alltäglichen Eindruck. Die Erwartung derer, bic glaubten, einen Nackstlang der Kaiserdebatten, eine Mitteilung über die Besprechung zwischen Kaiser und Kanzler zu Horen, wuide getäusckst. Die Vertrauensleute der Fraktionen hatte der Präsident telegraphisch zu einer Besprechung eine halbe Stunde ror Beginn der Sitzung z-usammenbemfen, und man ivar überein gtCommcn, die Derfassungsanträge unmittelbar nach der ersten Lesung der sZstnanzreform zur Tageordnung eines Schwerinslages 5!i machen: darum Lnnte jetzt eine Erklärung des Jürften Bülow oder eine Bezugnahme des Präsidenten unterbleiben. Aber auch wer bereits SCunbc von ben Abmachungen bes SeniorenkonvenlS hatte, lauschte dvch^gesp.mitt a^f bie cinlciteirbcn Worte des Kanz­lers: aber feine Z-eststcllung, baß wir vor einem schwierigen Provlem stünden, sagte ihnen sofort, daß er das noch schwierigere Problem, das hinter ihm lag, und das er schier unettoartet seiest, nicht mehr zu berühren gedachte, sondern gleich in medias res ging: die Sanierung der Finanzen dcs Reicl)s.

In langer Reihe hatten neben ihm die Staatssekretäre des Neiä-es Platz genommen, unter ihnen als Nachbar des Ver­wesers der Reis-ssinanzen der kundige Herr v. Rheinbaben: am Ende der Bank Herr v. Arnim, der preußisckie Landwirtschafts- Minister, den Branntwein- und Nachlaßsteuer besonders angehen. Auf der anderen Seite, wie immer, die Vertreter der süd- unb mitteldeutschen Staaten. In der Mitte der BundeSrats-ftrade, vor dem Tische des Präsidenten, und auf den Hinteren Bank­recht! die geheimen Räte, nach außen nicht hervortretend, aber in Wirklichkeit bic fleißigen und sachverständigen Autoren der großen Steuervorlagen mit ihren dickbändiaen Tabellentafeln und Begründungen: Unterstaaisretretär von Twele, Direktor Kühn unb Herr Professor Levy von Halle alS HiliSavbeiter un NeichS- maiincamt. Man merkte bem Fürsten Bülow nichts an von den Erregungen dieser Tage. Anstelle der fahlen Blässe bei der Beantn'ortung der K^aiser-Jnterpellationeii zeigte fein Antlitz wieder die gewohnte gesunde fRüte, feine Sttmmc hatte nichts Müdes mehr und feine Haltung war glcidpnütig lässig wie sonst. Die Einzelbeiccn des FinanzPrograunnS überließ er seinem Gehülfen, dem ^Lchatzsekretär: in großen Zügen gab feine Finanzrcdc eine Sckstlderung dec Finanznot des Reiches. Sein -Appell an bie Volksvertretung hatte einen felbstverstänblich sieges­sicheren Klang. Keine Drohung etwa mit einer K-cisis, mit einem Rücktritt. Stein: hic RhoduS hic salta, wie er cs vielleicht vorgestern im Potsdamer Königsschloß gesprochen. Eine fdjarfc, kräftige Betonung dcs unabweisoarcn BedürmiffeS der Sanierung der Finanzen. Ma» hörte ihn mit ruhiger Auf­merksamkeit an, bazwisck?en einigemal ein etwas ironisches Lachen fersend, zumeist aber Zustimmung äußernb. So, als er bavon fbraa), baß uns jetzt nichts so nnrue, als Stetigkeit, als er zur Sparsamkeit um Hute und die Kundgebungen sofort mit den Worten bannte: Ich ncljme1 idavon niemand auS! Unb lauter Bei­fall bei feiner Erklärung, daß er keine nahe Kriegsgefahr sehe, mit dem Nachsatz, bie Hauptgefahr liege in der falschen Auf­fassung des Auslandes von unserer Finan^age unb darum auch unserer Kriegsbereitschaft. Als er bann am Schluß ben ganzen Ernst der Aufgabe noch einmal dem Reichstag und dem Lande vor Augen führte, unb mit erhobener Stimme audrief, baß jetzt keine Zeit fei zu lamentieren unb zu nörgeln, da bewies ber Bei­fall, der das Zischen der Svzialbemokraten erstickte, daß bie große Mehrheit dcs Reichstages gesonnen ist, mit der ReichSregierung jetzt ganze Arbeit zu machen.

Freilich vorbehaltlicl: der Einzelheiten. Fast eine Stunde hatte der Kanzler gesprochen. In vierstündiger Rede begründete der Sachrtzsekretär Dr. Sydow sodann das Steuerprogra.nm in seinen einzelnen Teilen. Sein Vortrag gab einen DorgesckMack von der zchntz-gigcn Verhandlung, bic uns jetzt bevorsteht, wo bas ganze rLichhaltige Sleucroukctt Blume für Blume in jtber Jcebe bel-andclt werden wird und die Interessen aller nur benk baren Bcrufsgruppen ohne jeden leitenden und auSgleidtatben (e-esiditspunkl ildj durcheinander produzieren werden. Als der Mnzttr geendet, strömte ein großer Teil der Avgeordneten auS dem ^aale, und die letzten zwei Stunden hatte Herr Sydow nur wenige Dutzend Zuhörer. Da cs zumeist wohc diejenigen Av- geordneten waren, die sid) für die Beratung der Finanzreform als Redner cingejcidnct haben oder es noch zu tun gedenken unb sid) darum in das ihnen gedruckt vorliegende Material hinein- gearbcitet haben, erfuhren sie aus dem mündlichen Dorrrage des Schatzickretars, wenig Neues. Hierzu gchöne hauptsächlich bie GTtiarung, bau die Nachricht von dcr Ausaroeilnng eines Even- t ua l - t c u e r e n t w u r f s für bie Brennereien neben bcnl ZwisckieukiandclSmonopol nickn zutccfsend sei. Aussallend kurz wurden Wein- unb Eleirrizitälssteuer, desonoerS eingehend und grünblid; dagegen die 'Jiadjlaßfteuer, behandelt. Wenn ein Schluß gestattet ist, so durste es melleicht ber sein, baß der auch m Teilen des Bundesrats ftxirte Widerstand gegen die Besteuerung dcs Meines und der Elettrizität die Sicgesgeivißhett deS Rcick-sschatz- amres bezügliQ) dle,er beiden Steuerpläne sehr stark beeinflußt hat.

Vor der 147. Abteilung des Amtsgericktzs Berlin-Mitte be­gann heute der auf zwei Tage berechnete Prozeß des wisscnschaft- lichen Beirats,des Bundes der Landwirte Prof. Dr. Ruhland gegen den Gießener Professor Dr. Atagnus Diermer wegen Be­leidigung, begangen in dessen BroschüreRuhland, Köhler-LangZ- bors u. Go.", bie schwere 8^>rwürfe gegen die wissensdjaftlich- zvlitrfche Tütigvcit Prvf. RuhiaNds enthält. Dem Privalkläger stehen zur Seite die RedstZanwätte Ulrid) und Meyer, dem Privat- bcriagten Geh. Justizrat Gutfleisch (Gießen) und NechlSanwalt Dr. Gottsd?alk (Berlin). Ms Sachverständige sind geladen Geh- Reg.-Rat Prof. Dr. Eonrad (Dalle) unb Geh. Ober-Neg.-Nat Prof. Dr. LexrS (Göttingen). Ten Vorsitz führt Amtsgerichtsrat Jvckisck). 9ätd) Anlehnung einiger neuer BeweiSanträgc kommt die längere Zeit in Anspruch nehmende Verlesung der Brosck)üre. In dieser wird der Privatklstger als hausierender Geschäftsmann bc3cid;nct, der unlauteren Wettbewerb treibe. Er fei ein wissen­schaftliches Ehamäleon, das egen persönliche Vorteile seine frühere langjährige nationalökonomifche Uebcrzeuguug gewechselt habe. Er habe sich alS Protestant nicht gescheut, eine Professur an ber Dominikaner Universität von Freiburg i. d. Schweiz anzunehmcn, zu einer Zeit, als bie Reichsdeutschen einen EzoduS aus der Universität macksten und kein anständiger katholischer deutscher Prvsessor eine Stelle daselbst angenommen hätte. Er habe ferner Jntriguen gesponnen und mit dem Abgeordneten Köhlcr-Langs- Oorf eine Jntercssengemcinschast gevildet, um Prof. Biermer aus der Gießener Professur zu verdrängen u. a. jtady Verlesung der Broschüre wird in die Zeugenvernehmung eingetreten. Der erste Zeuge, Mitglied der I)-essischcn Kammer, ber Abgeordnete Köhler- Langsdorf, hekundet. daß er einen Antrag auf Be­rufung deS Prvf. Ruhland nauj Gießen in der hessisck-cn Kammer eingebracht habe; bic» fei aber geschehen, ohne jede Veran­lassung seitens anderer Personen, lediglich weil er daS SBirien deS Pwf. Rulstand für die deutsche Landwirlsd)aft für ersprieß­lich hielt. Ob Rulstaird ganz aus seinem, deS Zeugen, Stand­punkt siehe, wisse er heute noch nicht. Prof. Biermer greift wiederholt in die Vernehmung dcS Zeugen ein unb fragt u. tu, ob ber Zeuge ben Antrag in der hessi,ihen Kauimer settst for­muliert, xib er vor Einbringung des Antrages daS Wert Prof. )RulstandS, das ihn zu bem Anträge veranlaßt hchte, aud) ge­lesen habe. Dcr Zeuge bejaht beide Fragen. Der nächste Zeuge, Edmund Klapper, Herausgeber derAgrarlorrespon- benz" hat von bem Antrag Köhlers auf Berufung dcS.Pros. Ruh- lanb nach Gießen erst gehört, als ber Antrag in ber Oeffent- Iwüicii biSTüiiert wurde. Er habe keinerlei Einfluß auf den Antrag auSgcübt. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen ihm und dem Privatklöger würde ihn nicht aohaltcn, ähnliche Zu­mutungen strikte abzulehnen. Prof. Biermer: Ist dcm Zeugen bekannt, baß Herr Kuhlanb auf ber Münchener Parla- mentstribünc mit bem Abgeordneten Ratzinger erschien und daß Mer Derrn Ruhland als den Stadjfotgcr des Prof. Brentano Aorstellte? Zeuge: Nein. Ter Zeuge PlaScuda, Direktor ooS Bundes der Landwirte, soll darüber Ausiunst geben, ob bem Privatklägcr durch daS Erscheinen ber Broschüre materielle Nachteile erwachsen seien. Er bekundet, daß seiner Zeit zur Stab'.licrung der Gelrewe.prm)e derGettechemarkt" gegründet und <m dessen Spitze Prof. Ruhland gestellt wurde. StaaiS- fefretä» v. Betl^,mn»-Dollweg sei bereit gewesen, der neuen Or­ganisation eine Unterstützung au5 Rcid)Zm:Ueln zu geben. Tic dieSbe^glicken Derbandlungen hätten sich aber nach Erscheinen der Brosächre gerfd)lagen. Prof. Ruhland habe auf seine Ac- »üge aud dieser Organisation verzichten müssen. Zeuge Gc- tzeimrat Elfter auS dem Kultusministerium erklärt, daß aus Veranlassung bc5 Freiherrn o. Lüangeuheün Pros. Ruhland in daS Kultusministerium gebeten worden sei. Die in allen übrinen hätten sei Ruhland eröffnet worden, baß einer etwaigen &> rufung an eine preußische Universität em Vorschlag ber be- trefrenben Fakultät vvrauSgchm müsse. Eine Berufung sei jeden­falls nicht ergangen, roeil dieses VvrschlagSrecht der Fakultäteii nicht auSgeübl worden sei. D:c Sache ist gar nicht so wett gc- die he», daß sie dem Minister überhaupt r-orgclragcn worocn wäre. Prvf. Ruhland stellt dagegen die Sache ,'o dar: Er habe bem Dcinifter Stützt über sein natlonalvkonomischos System Vortrag gehalten. Stutzt habe ihm gesagt, ohne Besprechung mit seinen Gcheimräten könne er sick, nicht emschcidcn. Kurz darauf habe ihn Herr v. Wangenhcim ausgefordert, zu Geheim­rar Elster zu fomimrÄ.Sie, Herr Geheimrat Elster, sagten mir: td; habe ben Auftrag vorn DUmstcr, Sie zu sraacn, oo <oie bereit wären, eine Professur an einer preußischen Universi- töt zu übernehmen. Ich enoibcrtc daraus: es tut mir leib, ) tont die Professur nicht gcbraud)en. Die Professoren halten das, was ich lehre,, für falsch. Ich kann cs daher mit meinem Qtauihcn nrcht beremDaren, eine Professur aazunehmen, solang.- mein Lysttm nick>r voltitantzig ausgcoaut ist. Sie, Herr Ge­heimrat, fragten dann noch, wie lange Zeil ich dafür brauchen wurde unb notierten sich btc Zett mu bem Bemerken, Sie mürben aur bie oadie zurückÜ7mmen." Geheimrat Elster - Id) hatte keinen Auftrag, an Herrn Ruhlatttz einen Ruf ergehen zu la.sen, das idjltcst aoer nicht aus, baß der Herr Minister sich mit Herrn MtMjttriaLtrettor Allhosf be)pwchen hat. Es ist aber ausge- schlsijen, datz cutcnt Herrn ganz allgemeineine preußische Pro-

Auch ein Beitrag zur Reichrfinanzrcsorm.

DieSüDuefibeuijaye ^orre^ponoenä schreibt: Vor einiger Zeit hat der NeichSianzler Fur'ft! von Bülow im Reiu-stag erklärt, daß man zur Besserung der Reichssmanzcn an Er,parnifsLn in der Armeeverwaltung denke. Es ist ober leider in die,er Beziehung beim Denken geblieben, wie nach- stehende Mitteilung beweist, die gerade jetzt besondere Be­achtung finden dürste, zumal kaum anzunehmen ist, daß derartige Dinge an anderen Garni.onorten nicht Vorkommen. In Gießen besieht aus,er der großen außerhalb ber Stadt am Trieb liegenden Ka^erlie noch oic sogenannte ZeughauS- Kaserne, die dem Großh. Kameralfiskus gehört, und außer zwei Kompagnien noch militärische Bureaus, sowie Offi- ziers- und Unteroffiziers-Wohnungen und das Offiziers- Kasino enthält. Es ist das schönste alte Gebäude Gießens, daS 1ÜS3 errichtet wurde und jich in vorzüglichem baulichen Zustande bejinoet. Daß das siattliche schloßähnliche HauS für seinen Zwecks mehr als groß genug ist, geht daraus hervor, daß es früher für vier Konrpagmen bequeme Unter* kunst bot. Trotzdem möchte die Militärbehörde das Haus als Kaserne cmfgegeöen wissen und die beiden Kompagnien eben­falls vor der Stadt am Exerzierplatz in einem Neubau unter­gebracht haben. Dies wuroe mit der angeblichen Gesund- ßeitsschädiichkeit dcr Zeughauskaserne begründet, bic nach der An.icht ärztlicher Sachverständiger jedoch nicht vorliegt. Der wirkliche Grund ist wohl, daß man das Regiment zusammen bei seinem Uebungsplatz haben will, der etwa eine Viertelstunde von der Zeughauslaserne entfernt liegt. Da ber Reichstag für einen neuen Kaseenenbau wohl kaum die Mittel bewilligen durste, wird feit längerer Zeit mit der Stadtverwaltung verhandelt, um diese zum Bau oec Kaseine auf ihre Kosten zu bewegen unter Zusicherung einer jähr- lichen Entschädigung von 6 Proz. des ausgewendeten Bau­kapitals. Die Ka,er.ie würde runo eine Million kosten, so daß eine jährliche Aufwendung von 60 000 Mk. erforderlich wäre. Nimmt man an, daß damit für rund 300 Leute ein Unter­kommen geschaffen würde eZ kommen äußer den Mann- )d)üftbräumen noch eine Anzahl Unterofsizierswohnungen in Betracht so ergibt sich, daß für die Unterbringung jedes einzelnen Mannes jährlich 2G0 Mk. aufzuwcnden wären. Das ijt eine Summe, die ausreichen würde, um für bie einzelnen Soldaten möblierte Zimmer mieten zu können. Es ist unbegreiflich, daß bei der jetzigen Lage der Reichsfinanzen Derartige kostspielige Projekte überhaupt erwogen werden rönnen und es wäre sehr am Platze, daß der Reichstag den Militäretat einmal auf solche Posten hin gründlich durch- uchen würde. Jedenfalls könnten dadurch beträchtige Sum­men ge.part werden, ohne daß dadurch die Schlag,ertigkeit un,eres Heeres im geringsten beeinträchtigt wurde.

politische Cagesschan.

Die Waffen nieder!

In einemDie Waffen nieder' betitelten Artikel erörtert btcKölnische Zeitung" die Mitteilung desReick-Sanzciaers" vom 17. November, bic ein Anerkenntnis au» kaiserlichem Munde sei. Das Blatt gibt weiterhin zu, daß ber Artikel 17 der Reichsvcrfassung unklar sei; aber die feit 38 Jahren bestehende Unklarheit gebe den Beweis dafür, daß in Dcutscl)- land nur bei einem Vertrauensverhältnis zwischen Kaiser und Volk, nur in genauer Uebercinstünmung beider, regiert werden könne. Deshalb bedeutet auch, so schließt der Ar- tikcl, jeder nicht vom Kaiser und ben verbündeten Regie- rungcn ausgehende Versuch, diese Ucbereinstimmung im.er den jetzigen Umständen zu beseitigen, nichts anderes, als bie tai,erliche Vertrauenskunbgebung vom 17. November mit einer Mißtrauenskunbgebung zu beantworten. DaS liegt auf ber Hand, und dieser Eindruck wird durch keinerlei Ver­sicherung gegenteiliger Mjicl)t aus der Welt M schaffen fein. 'Diaii darf daher erwarten, daß die Slockmehrbeit diesem Versuä) des Zentrum» und der Sozialtzenwkralie, f>en Kaiser zu demütigen, einmntiy sich widersetzen wird. Das Volk, deß darf die Oppofition versichert sein, folgt ihr aus diesem Wege nicht. Es will Frieden mit seinem Kaiser unb leine Fortfetzung deS Konfliktes über das hinaus, was cS erzielt hat.