Ausgabe 
20.5.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 118 Zweites Blatt

158. Jahrgang

Mittwoch 20. Mai 1808

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag?.

TueGießener Familienblätter" werden dem /Anzeiger' viermal wöchenllich beigelegt, das Krtisblatl für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen seil» fragen erscheinen monatlich zweiinal.

Gießener Anzeiger

Srneral-Anzeiger für GderheMn

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'sche« Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 5L

Stebaftieice^ 1 vi ^-l-^lüruAnzeigerGießen.

Deutschland, England und Frankreich.

Was alle Beftrebungen der sogen. Friedensfreunde, die mit ihren utopistischen Ideen scheitern müssen, nicht zu Wege bringen, und bringen können, das scheint sich allmählich doch infolge der Gewalt der Tatsachen zu vollziehen: in allen maßgebenden Staaten macht sich ein lebhaftes Friedensbedürfnis bemerkbar, weil man eben angesichts der ungeheuren militärischen Rüstung der Moß- mächte den, Ausbruch eines Krieges scheut, der selbst für die Sieger die schwersten Folgen nach sich ziehen müßte. Aus diesen Erwägungen heraus resultiert auch zweifellos der Wunsch ge­wisser Mächte, mit Deutschland in Frieden zu leben, nachdem sich noch vor wenigen Jahren die Dinge so zugespitzt hatten, daß es zum Aeußersten zu kommen schien. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich wurden besser, ganz besonders aber nahm unser Verhältnis mit England eine erfreuliche Wendung. Daß es sehr wohl möglich ist, aus langjährigen Rivalen gute Freunde zu machen, hat ja das Beispiel Frankreich-England gezeigt, denn beide Staaten traten auf kolonialem Gebiete ein­ander seit Jahrzehnten schroff gegenüber und es hatte mehr als einmal nicht viel daran gefehlt, daß es zu einem bewaffneten Konflikt gekommen wäre. .Heute haben beide Länder eine polit. Entente, und jetzt geht man auch daran, die Beziehungen auf wirtschaftlichem Gebiete den jetzigen Verhältnissen anzu­passen. In London findet augenblicklich eine französische Ausstellung statt, die bezweckt, den Engländern die Erzeug­nisse Frankreichs vor Augen zu führen nnd für fic Propaganda ,u madjen. Zur Eröffnung dieser Ausstellung war auchi dev französ. Oandelsministcr herübergekommen, und er hat seinen Aufenthalt dazu benutzt, um dem Abschlüsse eines Handelsvertrags zwischen England und Frankreich die Wege vorzubereiten. Augenblick­lich befinden sich nun eine Anzahl süddeutscher Bürger- m e i st e r in London, wo sie gleich ihren norddeutschen Kol­legen im Vorjahre eine glänzende und herzliche Ausnahme ge­funden haben. Der Kriegsminister Haldane begrüßte sie, wie drahtlich gemeldet, bei ihrem Besuche im Parlament, wo er für die beiderseitigen Beziehungen nur herzliche Ausdrücke fand, die er in die Worte zusammenschloß^Wir haben in der Vergangen­heit zusammengearbcitet, lassen '<oie uns das in der Zukunft noch mehr tun." Solche Worte hört man gern, zumal das jetzige Verhalten Englands durchaus den Eindruck macht, als wenn diese Worte nicht lediglich Phrasen sind, sondern daß man sich jenseits des Kanals aufrichtig bemüht, mit uns auf gutem Fuße zu bleiben. Staatssekretär D e r n b u r g hat bei seinem kurzen Auf­enthalt in London die freundlichste Ausnahme gefunden und ein­gehend auf dem Kolonialamte konferiert, von wo er die Gewißheit mitnehmen konnte, daß man ihm nicht bloß seine Studienreise in Südafrika erleichtern will, sondern daß auch die Besserung in den Beziehungen beider Mächte der Situation in Südafrika zugute kommen wird, wo uns die Engländer zur Zeit der herr­schenden Spannung, namentlich während des Aufstandes in Süd­westafrika, manchen Knüppel zwischen die Beine geworfen haben. Jedenfalls ist es Tatsache, daß von der Themse jetzt ein viel freund­licherer Wind herüberweht als von der Seine, wo sich gewisse Leute emsiglich mühen, im Hinblick auf Marokko die Beziehungen wieder kälter werden zu'lassen. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß die Aufnahme, die eine Anzahl junger französi­scher Studenten in Deutschland gesunden hat, zum Gegenstand einer abfälligen Kritik gemacht worden ist, daß gegen den Leiter dieser Studentenreise Professor Andlcr Demonstrationen veranstaltet worden sind, und wenn sich hieran auch nur ein geringer Bruchteil der Studentenschaft beteiligte, so ist es doch charakteristisch, daß man in der französischen Presse für diese Vorgänge kaum ein Wort des Tadels findet, und tatsächlich kann durch glänzende Empfänge auch keine dauernde Besserung der Beziehungen hergestellt werden, dafür ist der Boden doch noch lange

Dar goldene Zeitalter der Hausfrau durch die Zentralisierung der haurarbeit.

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Wie ein fernes, liebliches Märchen mutet uns an, was wir von dem Zukunftshaushalt_ hören, von dem Zukunsts­staate der armen geplagten Hausfrau, die Gattin und Mutter von heute, die, wenn sie des Abends müde und resigniert ihr Tagewerk überblickt, sich sagen muß, daß wieder ein großer Teil des Tages, sowie des ganzen Lebens, durch nichtige Dinge, lästige Beschäftigungen und quälende Plagereien ausgefüllt war.

Und warum ist es noch immer ein Zukunftsbild, das wir uns in einem erträumten Wunderland erschauen?Warum ist cs nicht schöne, greifbare Gegenwart? Warum bücken wir uns nicht, den Zauberstab aufzuheben, der uns so, vielerlei Herrlichkeiten verheißt und so dicht vor unseren Fützen liegt, daß wir schier darüber stolpern? Die Zentralisation der Arbeit ist es, die ich darunter verstehe und Elektrizität der Name des unermüdlichen Heinzelmännchens, das wir uns mit ihrer Hilfe einfangen. Es ist rastlos tätig, bleibt ewig jung und l)at nicht die Launen der Wichtchen von ehedem, die auf Numnev- wicdcriehen verschwanden, sobald man mit dem Licht nahte, benn auf die Finger ließen sick) die nicht l'cfren. Und welches sind nun alle die verheißenen Herrlichkeiten, die wir von der geplan­ten Arbeitszentralisierung erwarten dürfen?

Vor allem harren der armen Haussrau fortan gure, ruhige Tage, ohne Dienstbotennot, ohne Küchensorgen und Wäfchefeste. Kein Ofen wird mehr rauchen, kein Lieferant kann sie fürder im Stich lassen, in derguten neuen Zeit".

Der Hausherr bekommt anstatt der überbürdeten, oft ab­gehetzten Gattin, eine zufriedene heitere Gefährtin. Dazu bnngt ihm die bevorstehende Umwälzung unzählige weitere Vorteile, z. B. den einer wohlbesetztcn Tafel, die lautlos kommt und geht. Verbannt sind die Scheuer- und Bügeltage, deren Gefolge von Unbehagen und Störungen kaum vorüber ^ur feines "Ar­beitszimmers Halt machte und zu all dem schonen wartet seiner eine Verminderung der täglichen Ausgaben.

Die Kinder last not least gewinnen das Alleroeste: cm frisches Mütterlein, stets bereit, mit Ahnen zu spielen und zu lernen, denn die liebste und höchste Pflicht der Mutter roirö e» sein, den Kleinen einen großen Teil des srei gewordenen ^.agcs zu widmen, ihnen eine rationelle Körper- und Geistespflege an- gedeihen zu lassen.

Vor mir liegt ein Artikel der Umschau.Mr 52 vom 21. De­zember 1907, 'Zeiitralhaushaltnngcn von Rosika Schwimmer .

Vor kurzem brachte die Gartenlaube einen kleinen Aufsatz über denselben Gegenstand und vor Jahren, vor Jahren schon las ich ein Referat über Vorträge des Gründers des ersten Zentralbaushaltes. Unbegreiflich, datz alle biefe flockenden, dringenden Ausrufe zu nachstehend ge,childerter Haushaltung^ vestrm bei uns ungehört verhallten,, dag hier zu ^.ande noch niemand der Sache näher getreten ift, trotz vielfeckiger Hebet» zeugung,daß es so nicht fveiter, gehen kann , datz dw be­stehenden Verhältnisse in vielem auf die ^.auer unhaltbar sind. Wie mancher Familienvater steht mit ernster Sorge vor den rapid steigenden Preisen alles dessen, was zur ^ebemshaltung gehört: an die häufigen peinlichen Situationen der Hausfrau braucht gewiß nicht erinnert zu werden.

Ta ick) selbst in dem, was ich anprei,en will, keine eigene Erfahrung habe, möchte ick) den, wohl jedermann einleuchtenden Ariikl des Fräulein R. Schwimmer hier zum größten Teil

nicht reif, solange das französische Volk sick) durch einige Hetz­blätter sich in seiner Stimmung immer wieder beeinflußen läßt. Nur langsame und gründliche Arbeit vermag hierbei etwas zu ändern, und es sind nicht so sehr die geistigen Beziehungen, die eine Verbindungsbrücke schlagen, als vielmehr das Verhältnis auf wirtfchaftlichem Gebiete, das eine Aenderung herbeizusühren vermag. In dieser Hinsicht scheint es allmählick) besser zu werden, in Frankreich hat sich eine Liga hierfür gebildet, die über das ganze Land hin bereits zahlreiche Anhänger gesunden hat, und im Versolg dieser Bestrebungen ist auch beabsichtigt, die augen­blicklich in London ausgestellten Produkte auch in Berlin in einer Sonderausstellung vorzusühren. Wenn man auf diesem Wege ohne alle überflüssigen Bankettreden und sonstigen Tamtam sortsährt, so wird zweifellos nach und nack) etwas erreicht werden.

Kotttischs Tagesschau.

Tas Vereinsgefetz in der bayrischen Kammer.

Die Debatte über den Vollzug des NeichSvereinsgesetzes wurde gestern fortgesetzt. Casselinann (Liberal) führte aus, die ganze Debatte sei im Grunde überflüssig, da Alle mit den Anordnungen, welche die bayrische Regicruog zum Vollzüge getroffen habe, einverstanden seien. Bei der Bekämpfung des NeichSvereinsgesetzes werde mit maßlosen Uebertreibungcn ge­arbeitet ; tatsächlich bringe das ganze Gesetz für Bayern keine einzige Verschlechterung. Wenn die liberalen Parteien im Reichstage das Gesetz abgelehnt hätten, so wären die zahl­reichen freiheitlichen Bestimmungen niemals in ein preußisches Vereinsgesetz hincingekommen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung erklärte Minister von Brettneich, der Sprachen­paragraph sei lediglich aus nationalen Gründen entstanden, daß eine sonstige Einivirkung stattgefunden habe, erklärte der Staatssekretär des Innern bereits zweimal für unrichtig. Jugendliche unter 18 Jahren seien zur Beurteilung der Fragen des öffentlichen Lebens noch nicht in der Lage. Zur Rege­lung des Plakatwesens sei die bayrische Regierung bereit. Die Erlaubnis zum Anschlägen von Plakaten dürfe nur ver­weigert werden bei Verstößen gegen das Gesetz, die öffentliche Ordnung und die gute Sitte. Bezüglich der Gewerkschaften bleibe Alles beim Alten. Die bayerische Regierung erachte sie als nicht politisch. Ter Gesetzentwurf über den Vollzug des NeichSvereinsgesetzes wurde darauf einstimmig angenommen.

Tie Walhalla bei Regensburg.

Bei der gestrigen Beratung des Kultusetats im Finanz­ausschuß der bayrischen Kammer fragte der Referent Abg. Dr. Schädlcr, wie es mit den Eigentumsverhältnissen der Walhalla stehe. Kultusminister von Wehner antwortete, die Walhalla sei nach den Bestimmungen König Ludwigs I. als Eigentum Deutschlands gedacht, denn für Bayern fei an das Geschenk die Verpflichtung geknüpft gewesen, die Walhalla an das neue Deutsche Reich hinüberzugeben. Tas Deutsche Reich, wie es 1871 gegründet wurde, entspreche allerdings nicht dem, was König Ludwig I. im Auge hatte, weil Oesterreich keine Aufnahme gefunden habe. Ein Gutachten

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des Kronrates zu dieser Sache sei eingefordert worden, aber bis jetzt noch nicht erstattet.

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Tas Ehrengericht der Berliner Börse verhandelte heute unter dem Vorsitz des englischen General­konsuls Tr. von Schwabach gegen den Finanzschriftstetler B u ch w a l d und Genossen, gegen die der Börfenvorstand ein Verfahren aus Entziehung der Börsenkarte eingeleitet hatte, weil sie in den Berliner Börsenberichten Mitteilungen machten, welche die Interessen der Berliner Börse verletzten und die mit ihren Ansprüchen auf kaufmännisches Vertrauen unvereinbar seien. Das Gericht erkannte auf einen 93er» w eis; es nahm an, daß die Angeklagten sich der Tragweite ihrer Handlungen nicht bewußt gewesen seien.

Fürst Eulenburg.

Vorausgesetzt, daß der Gesundheitszustand des Fürsten Eulenburg gut bleibt, soll die Verhandlung gegen den Fürsten Eulenburg in der Meineidsaffäre noch vor Eintritt der Gerichtsserien stattfinden. Wie verlautet, soll das Brief- material, das die Staatsanwaltschaft in Liebenberg beschlag­nahmt hat, Belastendes auch noch für andere Persönlichkeiten ergeben haben. Näheres ist vorläufig aber nicht zu erfahren.

Mißhandlung eines deutschen Schutzbefohlenen.

Bekanntlich war ein deutscher Schutzbefohlener, der dem Kommandeur einer französischen Truppenabteilung ein Schreiben des deutschen Konsuls Lüderitz überbringen sollte, von fran­zösischen Truppen mißhandelt worden, das Schreiben des Kon­suls war von einem französischen Offizier angespieen worden. Konsul Lüderitz hatte deshalb Beschwerde bei der deutschen Gesandschaft in Fes erhoben, die ihrerseits sofort Bericht an das Auswärtige Amt in Berlin erstattete. Dieser Bericht ist, wie diePost" erfährt, zurzeit Gegenstand amtlicher Ver­handlungen.

Verhaftung des polnischen Güterageuten Biedermann.

DieSchles. Ztg." meldet aus Thom: Der Posener Güteragent und Inhaber der Parzellierungsbank von Drwenski n. Langner, Martin Biedermann, ist am Samstag auf der Grenzstation Alcxandrowo von der russischen Behörde ver­haftet worden, weil er einen falschen Paß vorwies. Bieder­mann beabsichtigte, in Geschäftsangelegenheiten nach Warschau zu reifen,

Wien, Innsbruck uub Graz.

Tie Erregung über die Vorgänge an den Universitäten Graz und Innsbruck hat bei Beginn der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses zu heftigen Lärmszenen zwischen Deutsch-Radikalen und Christlich-Sozialen geführt. Die Demonstration ging von den Bänken der Alldeutschen und Deutsch-Radikalen aus und war hauptsächlich gegen den kleri­kalen Abgeordneten Grafen Pagenhoser gerichtet. Der

wörtlich heranziehen, d. h. ich beschränke mich auf daS, was sie über die Reform des Haushaltes sagt; auf andere Gebiete, z. B. das der spezialisierter Kindererziehung, will ich ihr nicht folgen. Wäre uns eine Lebensdauer vergönnt, wie etwa dem Drachen­baum auf Teneriffa oder anderen dauerhaften Vertretern des Pflanzenreiches mit ihren o6000 Jahren, könnten wir ruhig noch ein Weilchen mitzusehen, könnten abwarten, wie weit sich unsere neuen Erfindungen im Laufe der nächsten Jahrhunderte vervollkommnen, denn immer Besseres tritt an die Stelle des Bestehenden. Da dies aber bei unserer Eintagsfliegenexistenz leider unmöglich ist, tut Eile not, wenn unsere jetzige Ge­neration noch ein wenig milprositiercn möchte, wenn die Haus­frau schon heute aufhören will, den größten Teil des Tages Magd zu sein.

Und nun hören wir Frl. R. Schwimmer:

Wenn wir das heutige Heim des legendarischen Zaubers entledigen, mit dem unsere Fantasie es umgibt, ।trenn wir einmal den Mut aufbringen, mit klaren, objektiven Augen zu sehen, wie sehr wir es idealisieren, so werden wir erschüttert vor dcr sich uns darbietenden Trostlosigkeit stehen."

Eine Reform dcr Hauswirtschaft ist ja eigentlich schon lange im Zuge. Präzise: seitdem es eine spezialisierte Industrie gibt. Am Anfang des Familienlebens war der ,häusliche Herd' auch die Zentrale jeglicher Industrie. Aus dem Einzelheim heraus zog Arbeit für Arbeit als Spezialindustrie hinaus in die Werkstätte, in die Fabrik.

Jeder Arbeitszweig, der von der Hausindustrie zur gewerb­lichen Arbeit emporgehoben wurde Seifensieden, Kerzenziehen, Brauen, Backen, Weben :c. re. bedeutete einen Schritt zur Reform der Hauswirtschaft'. Heute haben wir noch das Kochen, das Neinmachen."

An anderer Stelle heißt es:Rein kann ja die Haus­haltung trotz aller Mühe nicht sein, so lange im Interesse des Heimes Petroleum, Ruß und Rauch, Küchengeruch, Kohlen und derartiges haust. Tie moderne Technik hat uns elektrisck>es Licht, Dampfheizung, Ventilation, Staubsauger gegeben, aber die Anwendung solcher technischer Hllfsmittel ist vorläufig nur den Wohlhabendsten Vorbehalten. Eine ständige Reinlichkeit olpie die Gemütlichkeit vertreibende Hetze der Haussrau märe aus hygieni­schen Gründen dringendst zu wünschen, ift .aber im Einzelhaushalt undurchführbar.

Ucber die Unzulänglichkeit unserer häuslichen Kochkünste könnten am besten die Aerzte sprechen. Alle Arbeit wird nach uni> nach spezialisierte Facharbeit, nur beim Kochen klammem wir uns krampfhaft an einen kläglichen Dilettantismus. Es ist geradezu eine Tugend, so zu kochen,wie meine Mutter gekocht hat, die es von ihrer Mutter gelernt hat." . . .

Wir sind im Wahn befangen, die Frau müsse stets das bleiben, was Charlotte Perkins-Gilmar so ausgezeichnet defi­niert:Eine embroonale Kombination von Köchin, Kinderfrau, Wäscherin, Stubenmädchen, Haushälterin, Aufwärterin, Gouver­nante, d. h. Mädchen für alles und Herrin über nichts."

Solange die Frauen ein so unspezialisiertes Arbeitsgebiet haben, können sie keine der ihnen obliegenden Arbeiten gründ- l i ch versehen." ....

Ten allerersten praktischen Versuch (einer durchgreifenden Reform) verdanken wir Direktor Otto Fick, der in Kopenhagen im Jahre 1904 das erste Einkstchenhaus für 25 Familien er­baute.

In diesem Haus werden die Wohnungen je drei bis fünf Zimmer leer vergeben, so daß rede Partei, wie bisher, sich ganz imch eigenem Geschmack einrichtet. Zu jeher Wohnung gehört ein mit Gasherd versehener Wirtschaftsraum und ein Bade-

zimmer, in dem Tag und Nacht heißes Wasser zur Verfügung steht. Daß Zentralheizung und elekirisches Licht ihren reinlichen, arbeitssparenden Dienst tun, ist nur selbstverständlich. Ein für bürgerliche Verhältnisse bedeutender Luxus ist das Haustelefon, das von jeder Wohnung in die Zenttalküche sühn, und auch Ver­bindung mit dem allgemeinen Telefon hat. Tie Erfüllung frommer Wünsche bedeutet die Veniilationsanlage, durch die für ständige Reinhaltung der Luft gesorgt ist, und der Staubsaugapparat, der Möbel und Teppiche ideal reinmacht. Wandschränken und durch Tapetentüren verdeckte elektrische Speiseaufzüge vervollständigen die jeden Komfort bietende Ureinrichtung der Wohnungen.

Jeder kann in feiner Behausung schalten und walten, als wäre er der einzige Mieter. Tas Gemeinsame liegt nur darin, daß jegliche Arbeit für den Haushalt zentralisiert ist, so daß der einzelne der Sorge für Reinigung, Lust, Licht, Wirme und Be­köstigung mit ihrem Trum und 2ran, von Eintaufen, Feuer - anmaefjen, Kochen, Servieren, Abwaschen usw. vollkommen ent­hoben ist.

Wer erinnert sich nicht des köstlichen Behagens, mit dem man als Kind das Märchen vornTischlein deck' dich" hörte! Tie Zentralheizung ist das verwirklichte Tischlein deck' dich. Tie glücklichen Bewohner stehen auf: das Frühstück ift da. Ent­sprechend der Verschiedenheit der Frühstücksstunde der einzelnen, wird jedem nach dem im Küchenraume sorgsam beobachteten Merk­zettel auf die Minute pünktlich nach Wunsch das zierlich servierte, reichliche Frühstück aufs Zimmer befördert. Ein elektrisches Klingel­zeichen ruft zum ispeiseaufzug.

Lehrer, Beamte und auch sonstige außer dem Hause Tätige, wie auch die Schulkinder können das zweite' Frühstück, das im Hause zwischen 10 und 12 Uhr serviert wird, säuberlich ver­packt auf den Weg Mitnehmern Tie Speisen werden nur leicht gewürzt, damit jeder Geschmack auf seine Rechnung kommt. Zum Nachwürzen liefert die Küche Zutaten nach Belieben. Ebenso steht es jedem frei, so viel von jeder Speise zu verlangen, wie er zur vollkommenen Befriedigung seines Hungers braucht.

Tas größte Entgegenkommeit waltet bei der Respektierung her kulinarischen Abneigungen. Mit einer Sorgfalt, die bei der beschränkten Einzelküche durchaus unmöglich ist, wird daraus Rück­sicht genommen, was die einzelnen Personen nicht essen. Tie famose Merktafel in der Küche zeigt an: Familie A. niemals Champignonsuppe, Familie B. niemals Kohl usw.

Im Rahmen der Einzelküche ist es natürlich unvermeidbar, einzelne Speisen an die Reihe kommen zu lassen, gegen die ein oder das andere Familienmitglied eine entschiedene Abneigung hat, und nicht überall kann man sich Ersatzspeisen erlauben. Bei Versorgung von 25 Familien spielt es aber durchaus keine Rolle, eine Speise durch eine andere zu ersetzen. Tas Menü ist so ab­wechslungsreich, daß sich die Speisen inUerhalb 40 Tagen nicht wiederholen.

Tas Geschirr gehört dem Hausbesitzer (oder der Verwaltung^, der es vorsichtigerweise aus dem berühmten unzerbrechlichen Por­zellan verfertigen ließ. Toch stehl es den Parteien frei, ihr eigenes Geschirr zu benutzen, das wohl in der Küche gereinigt wird, aber ohne Garantie der Zentralleitttng.

Welche Last und Unruhe bedeutet in der Großstadt oft ein unvorhergesehener Gast, selbst in besser situierten Familien.' In der Zentralhaushaltung steht das Tischlein deck' dich auch für solche bereit, nur muß die Anmeldung eine stunde vor der Mahlzeit erfolgen. Selbstverständlich zahlen die Gastgeber dafür nach tebellarifd) festgesetzten, sehr niedrigen Preisen. Es ist ein besonderes .Entgegenkommen oes Unternehmers, daß für Mahl. Seiten, an denen Gäste teilnehmen, prächtigeres Geschirr ver­wendet wird.