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20.3.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. «8

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für OZerheßen

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Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuld straße 7. Expedition und Verlag: e^61. Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

DieGiehener §amilienb!ätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ttreisdlatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersiläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

issen

Telefon 6U anges, iolflenbe Lage Qitänbiß neue Pro- Ile.

Tas Halts stimmt daraus der Erwerbung und dein ganzen Kap. 121 zu.

Tie Sitzung wird alsdann abgebrochen. Nächste Sitzung nachmittags 3 Uhr.

Nachmittags-Sitzung.

Vizepräsident Köhler eröffnet die Sitzung uin 3*/* Uhr und weist daraus hin, daß die jetzige die hundertste Sitzung der

Die Aoioniaidebatte.

In h.'ii letzten Tagen scheinen sich große Wolken -über die Blockpolitik der Regierung herabzusenken, es hatte fast den An­schein, als ob dem Fürsten Bülow nichts mehr glücken wolle. Bei der Börsennovelle gab es einen scharfen Gegensatz der Konser­vativen gegen dlie Regierung, iitbenü man zusammen mit dem Seirtwn der Vorlage eine Gestalt gab, durch welche die heutigen Zustände bin der Börse anstatt gebessert, noch verschärft werden. Ebenso war man beim Vereinsgesetz in Sacken des Sprachenpara- graphen auf einen toten Stra.lg geraten und eine Einigung schien so gut wie ausgeschlossen. s)hin ist aber doch ein Einlenken seitens der Freisinnigen zu verzeichnen, die mit der gesetzlichen Festlegung der deutschen Versammlungssprache sich einverstanden erklären, so­fern allen Grenzgebieten mit überrviegend nichtdeutscher Bevölkerung eine Uebergangsfrist von 20 Jahren bewilligt werden soll. Ist in dieser schwierigen Frage ein UebereinLunmen erzielt worden, was wohl zweifellos in der Hauptsache auf das Konto des Flirsten Bülow zu setzen ist, so dürfte voraussichtlich auch bei der Börsen­novelle ein Kvmpromiß zustande kommen und der Block hat wieder Ruhe bis zum Herbst, wo allerdings die Finanzreform noch weit größere Schwierigkeiten bereiten diirfte. Jedenfalls ist der parla­mentarische Himmel nicht mehr so bewölkt wie in den letzten Tagen, und die Sonne her friedlichen Stimmung leuchtete auch über der Kvlonialdebattc. Man weiß, zu welch hitzigen Debatten es bei der Beratung des Kvlonialetats in der Kommission gekommen ist und wellig scharfen Angriffe Staatssekretär Ternburg über sich ergehen lassen mußte und zwar gerade von Persönlichkeiten, die bisher auf das Entschiedenste für die Stärkung des llüonialen Gedankens eingetrcten waren. Diese Stimmung stand in einem merkwürdigen Gegensätze zu dem Jubel, mit dem die Berufung Dernburgs seinerzeit.ausgenommen worden war. Aber es handelte sich hierbei nicht um die Person des Staatssekretärs, sondern um die prinzipielle Auffassung bedeutsamer Fragen der kolonialen Betätigung, wie Ansiedlung, Behandlung der Eingeborenen usw. Bon der Kvnftiktsstimmung, wie sie in der Büdgetkommission herrschte, ist n'ber im Plenum kaum etwas wahrzunehmen, man befleißigt sich allseitig größter Rühe und Objektivität und läßt auch dem Staatssekretär trotz manchen entgegengesetzten Stand­punktes volle tz^rechtigkeit widerfahren. Man hat eben das Gefühl, es mit einer Persönlichkeit zu tun zu haben, die genau weiß, was sie will und ein bestimmtes Ziel verfolgt, während man bisher mehr oder minder hin und her lavierte. Ter Kolonial­etat hat Hand und Fuß, und der konservative Wortführer von Richthosen gab wohl nicht blos der Heberzeugung seiner Partei Ausdruck, als er erklärte, daß noch niemals der Etat mit einer so gründlichen Verteilung behandelt worden sei, wie diesmal. In der Tienstagssitzung entwickelte Herr Ternburg nochmals sein Programm in großen Zügen und man muß es im allgemeinen sympathisch aufnehmen, wenn man vielleicht auch tellweise gelinde Zweifel hegt, ob sich alles so wie es der Staatssekretär wünscht, durchführen lassen wird. Jedenfalls ist sein Standpunkt, daß die Reger zur Arbeit erzogen werden müssen, von nicht geringerer Bedeutung für die Entwicklung unserer Kolonien, wie das vom Staatssekretär aufgestellte Bahnprograimu, das hoffentlich die Billi­gung des Pavlannents finden wird. AuckZ wäre es zu wünschen, daß die Erwartungen des Staatssekretärs, daß die Kolonien die für sie notwendigen Ausgaben selber amortisieren werden, in Erfüllung gehen. Atzes in allem aber ist zu erkennen, daß in unsere Kolonialpvlitik eine gewisse Stabilität kommen wird, welche für das Gedeihen unserer Schutzgebiete nur von Vorteil sein kann.

Aus dem Jahresbericht der hessischen Gewerbe- Inspektionen <907.

Dem Jahresbericht der Gewerbcinspektionen für 1907 ent­nehmen wir n. d. *5X Ztg.: Am 1. Okt. 1907 waren im Groß? herzogtum in 5762 Fabriken und diesen gleickMstellten Anlagen 98 272 Arbeiter beschäftigt gegen 5403 Fabriken usw. mit 94 448 Arbeitern im Vorjahre. Die wichtigsten Industriezweige waren der Zahl der beschäftigten Arbeiter nach: die Industrie der Maschinen usw. mit 16474 Arbeitern, die in 313 Betrieben beschäftigt munden, die Lederindustrie mit 10 675 Arbeitern in 199. Betrieben, die Industrie der Steine und Erden mit 8586 .Arbeitern in 513 Betrieben, die Industrie der Holz- und Schnitze

hessische Zweite Kammer.

Darmstadt, 19. März.

Am Regierungstisch.: Staatsminister Ewald, Finanz-Mi­nister Gnauth und mehrere Ministerialräte.

In der um 9Vi Uhr erössncten Sitzung wird die Spezialdebatte über den

gegenwärtigen Tagung ist. Ter Präsidententifch ist deshalb mit einem großen Blumenstrauß gcschiuückt; auch ein poetischer Erguß Feier der Säkularsitzung ivar eingelaufen.

Her

Romantiker.

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tag, den 21. Tlän,

von 11-2 Uhr uni haben. Seflcllimged legen.

U, 1. Platz L7a W ret und 1. Platz ftw präzis 8 Uhr. *96 an großes ftünftlep ivclle tial Vllmoi

Das Haris setzt dre

Etatöberatuug

Kap. 122, Staatseisenbahnen, fort.

Finanzminister Gnauth iveist darauf hin, daß es sich bei dieser

Abg. Orb bringt einige Briese aus dem! Gefängnis zur Verlesung, in denen über den Mangel an Schutzvorrichtungen bei den dortigen Maschinen und einige andere Dinge Beschwerde geführt wird. Redner führt dann aus, der Staat mache den freien Ar­beitern durch die Zuchthausarbeit starke Kvnturrenz. Tas sei besonders der Fall auf dem Gebiet der Bauholzarbeiten und der Schul)- und Stiefelfabrikation.

Justizministcr Ewald führt aus, von Staatswegen könne auf die Arbeit der Gefangenen nicht verzichtet Iverden, denn sie bilde ja mit den Zweck der Strafe. Tie Regierung sei aber stets bestrebt, jede Konkurrenz mit den freien Arbeitern nach Mög­lichkeit zu vermeiden. Wenn eine solche wirklich dorliege, svie der Vorredner behaupte, so werde die Regierung für Remedur sorgen, lieber die Behauptung des Fehlers der nötigen Schutz- vorrichtungen werde er näyere Erl-ebungen veranlassen.

Abg. Köhler führt aus, es müßten häufig Gefangene zum Holzfällen verwendet werden, weil freie Arbeiter dafür oft nicht zu Haden seien.

Abg. Orb erklärt, seine Beschwerden seien durchaus richtig. Tem Ärrredner bemerke er, daß die Landwirtschaft ihre Arbeiter nur ordentlich bezahlen sollte, dann würde sie auch die nötigen Arveitslväfte bekommen.

Gegen diese Behauptung wenden sich die Abg^. Breiden­bach, Köhler und Bähr, wobei u. a. festgestellt wird, daß die Arbeitslöhne in der Landwirtschaft um mehr als ein Drittel gestiegen find.

Die Kap. 9197, LandeSzuchthaus Marienschloß, Wei- ber-Strafanstalt Mainz, Kriminalkassen, Zentralbau­wesen, Stcrbeqriartale, Stellvertretungsfonds und Portowesen werden darauf debattelos angenommen.

Zur Beratung kommt nunmehr die 10. Hauptabteilung Ministerium der Finanzen,

Kap. 98113. Auch hierüber findet zunächst eine Generaldebatte statt.

Abg. Haas bespricht allgemeine ©teuerfragen und bemerkt, der Staat ziehe die Kreditgenossenschaften zur Einkommensteuer heran, sobald die vorgcschriebene Mittzliedergrenze überschritten werde. Man übcrsel-e aber dabei, datz damit auch die Spar­einlagen von Nrchtmitglicdern versteuert würden. Damit gescl)ehc aber ein Unrecht, das um so größer sei, als die Kreditgenossen­schaften doch Mit den Zweck verfolgten, den Sparsinn der Be- völrerung zu pflegen und einen Schutz gegen die Ausbeutung und den Wuchcr zu btlDen. Werde die jetzige Besteuerungspraxis so weitergausgeübt, so bringe man die Genossensststlften allmählich in eine schwierige Situation.

Auf Antrag des Abg. Dr. Gutfleisch wird nun zunächst noch die 9. Hauptabteilung aus dem Bermögensetal, Ministerium der Justiz, Kap. 129 und 130, Zentralbauwesen mitbe­raten und ohne Debatte angenommen. Bei Fortsetzung der Be­ratung über den Finanzetat führt

Abg. Orb Klage darüoer, daß die enteigneten Parzellen- bcsitzer in Lampertheim immer noch nicht ihre Entschädigung er­halten hätten und fragt alsdann, ob Steuern, deren Anforderung von der SteuerbehörLe uirterlajsen wurde, iroch nachgezahlt werden müßten.

Abg. Seelinger entgegnet dem Vorredner, Beschwerden üb-r noch ausstehende Ent| chädigungszahlungen sollten doch bei dem bc treff enden Gemeindevorstand oder dem Kreisamt, nicht aber hier in der Kammer vorgebracht werden.

Ministerialrat Tr. Becker bespricht ausführlich die Frage der Steuererhebungen: der Laie sei nicht der Meinung, daß Steuern erst fällig mürben, wenn sie angefordert würden. Das Landgericht Gießen habe aber entschieden, daß die Steuern schon in dem Äcomcnt fällig sind, in dem die Steuerpflicht beginnt. Tie letzte Entscheioung über diese Frage stehe jedoch noch aus und werde demnächst vom Oberlandesgericht getroffen werden. Gegen die Ausführungen bed Abg. Haas verteidigt Redner die Mtaßnahm-e der Steuerbehörde, i>ie genau nach den gesetzlichen Vorlchristen verfahren sei. Es fei zweifellos, daß eine Besteuerung eintreten müsse, wenn der Kreis der Mitglieder um 162 °/o über­schritten sei.

Rach einigen unwesentlichen Ausführungen des Abg. Bähr schließt die GeneraLebatte und das Haus nimmt die Kap. 98101 ohne Diskussionen an.

Bei Kap. 102 Kataster rügt Abg. Wolf die Geschäfts­praktik der Privatgeometer, die den Landleuten vielfach das Geld aus der Tasche zögen. Er empfiehlt per Regierung, hierauf em wachsames Äuge zu haben.

Bei Kvp. 103, Bauwesen, kritisiert

Abg, B e st die hohen Kosten der Bauleitungen, so hätten für die Um bauten in Bad-Rau heim sich die Kosten der Bauleitung auf über 39 000 Mark gestellt.

Finanzminister Gnauth erwidert, der Vorredner befinde sich im Irrtum, denn er zergliedere die Stiften für die Bauleitung nicht richtig. Ter Minister teilt dann Näheres darüber mit. Nach einigen weiteren AusKhrungen der Aögg. Noack, Molthan, Korell und Dm Gut fleisch erklärt

Finanzmimster Tr. Gnauth auf eine Beschwerde des Abg. Molthan, daß bet der Arbeitsvergebung bei dein Bau der Landes- Hypothekenbank das hessische Gewerbe in jeder Weise berücksichtigt worden sei. Es werde überhaupt in allen Ressorts und im staal- ltchen Bauwesen stets nach Möglichkeit die heimische Arbett berück­sichtigt. Die von einem Vorredner angeregte Neuorganisierung der Baubehörden sei eine schwierige Aufgabe. Die Regierung werde sie aber im Auge behalten.

Bei Kap. 104, Brücken unb Uebersahrten, macht Aba. Dr. David verschiedene Ausführungen zur Aushebung des Brückengeldes au? den Brücken KostheimGustavsburg und Mainz Kastel. Die dort herrschenden Zustande seien einer dringenden Re­vision bedürftig.

Nach einigen Ausführungen der Adgg. Bähr, Bestund Seelinger empfiehlt Abg. Dr. S ch m 111, heute von einer De­batte über die Brückengelder abzusehen, weil gegenwärtig Verhand­lungen darüber zwüchen den beteiligten Gemeinden, der Provinz und dem Staate im Gange seien.

Finanzminister Dr. Gnauth schließt sich diesem Wunsche an und weist dabei aui die Schwierigkeiten bei der Aushebung des Brückengeldes hin. Darnach wird das Kapitel angenommen, ebenso die Kapitel 105, Hydrographisches Bureau, 108, Inter- nationale Erdmesjung, 107, Betriebskrankenkassen, und 108, Privat- und a u ß e r h e s s i s ch c S t a at s b a h n e n. Bei Kap. 109, Al ü nzwesen , wünscht _

Abg. Bähr die AnSprägung von 25-Piennig-Stücken, sowie die Neuausgabe künstlerisch ausgeführter Stempelmarken, woraus auch die Restkapitel dieser Hauplabteilung genehmigt werden.

Welter bewilligt die Karniner die Hauptabteilungen, Aus- leih uti gen und Staatsschuld, Pensionen, Verhältnis zum Reich und Ausgleichsfonds.

Darauf entspinnt sich eine längere Geschästsordnungs' Debatte, nach der auch Kap. 116b, Nachträge, und Kap. 117 bis 120 des V er m ögensteils angenommen werden.

Bei Kap. 121, Bad Nauheim und Bad Salzhaufen, erklärt

Finanzminister Dr. G n a ut h, die Besitzer des Kohlen» f ä u r e w e r k e s Bad Nauheim hätten die Kaufjumme von 300 000 aus 270 000 Alk. herabgesetzt, womit die Erwerbung des Werkes perfekt sei.

Position nur um außerordentliche Ausgaben, hier um den Umbau des Darmstädter Bahnhofs, handle. Bezüglich des Umbaues des Friedberger Bahnhofs werde demnächst eine Vorlage eingebracht werden.

Abg. Raab bespricht eingehend die Arbeitsoerhältnisse beim Darmstädter Bahnhofsbau und bringt eine Anzahl Beschwerden vor, die sich hauptsächlich gegen die Anna Schneider richten. Die Firina nütze die Notlage der Arbeiter aus und versuche, die gegen­wärtige Arbeitslosigkeit zu Lcchndrückereien zu benutzen; sie habe auch 290 kroatische Arbeiter hierherkommen lassen. Dagegen seien erst d'.eser Tage wieder 160 deutsche arbeitsuchende Arbeiter abge- wiesen worden. Unter der Bedürfnislosigkeit der Fremden leibe das ganze wirtschaftliche Leben. Die Eilenbahndirektion Mainz habe aus eine Beschwerde der Arbeiter eine Antwort gegeben, die ivie eine Verhöhnung der Arbeiter klinge und Anlaß zu der An­nahme gebe, daß ein gewisses Einverständnis zwischen der Mainzer Direktion und der Darmstadter Bauleitung bestehe. Die Erbitter­ung, die darüber in der Bevölkerung sich gellend mache, lasse sich gar nicht in parlamentarischen Worten ausdrücken.

Finarlzmillister Gnauth führt au5, die mit der genannten Firma in einem Vertragsverhältnis stehenden Arbeiter sollten doch, wenn sie Anlaß zur Beschwerde 311 haben glaubten, dieselbe der Eifenbahndiretlion in Mainz vorlragen. Soweit er, der Minister, unterrichtet sei, hätten öte heimischen Arbeiter immer dre möglichste Berücksichtigung gefunden. Es befänden sich neben 2-0 Darm­städter Arbeitern nur 20 andere Inländer und 60 Italiener und Polen, und von der Zurückweisung brauchbarer heimischer Arbeiter sei keine Rede. Die denselben gezahlten Löhne (eien ganz den ver­traglichen Vereinbarungen entsprechend.

Abg. Brauer betont, auch die Landwirtschast sei häufig in der Lage, ausländische Arbeitskräfte mit zu Hilfe zu nehmen. Das fontme aber daher, weil auf dem Lande vielfach ein Mangel an brauchbaren Arbeitern herrsche.

Abg. Raab bleibt bei seiner Beschwerde über dieLohn» brüdereien" gegen die Eijenbahnarbeiter und wendet sich gegen die Ausführungen des Vorredners.

9(bg. Adelung fragt, warum »iicht statt der in diesem Kapitel vorgesehenen Auswechselung der eisernen Ueberbauten bei der Eisenbahnbrücke über den Rhein oberhalb Mainz, die doch ea. 3 Mill. Mk. kosten soll, nicht lieber eine neue Rheinbrücke über­haupt erbaut werde.

Abg. M 011ha n wünscht ebenfalls die Errichtung einer neuen Rheinbrücke und fuhrt aus, der Stadt Mainz sei mit der Reno- vlerimg der alten Brücke nicht gedient, dagegen mürbe eine neue Nheinbrücke sür den ganzen Mainzer Verkehr von großem Vorteil fein.

Finanzminister Gnauth bittet, die bei diesem Kapitel ange­forderte erste Rate von 50 000 Mk. zu genehmigen. Würde das nicht geschehen, so könnte mögttcherweije eine Beschränkung des Verkehrs aus dieser Brücke einlreten aus Gründen der Dienstficher'- heit, die zu unerfreulichen Konfequenzen führen mürbe. Wenn auch die Stadt vielleicht den Wunsch nach Errichtung einer neuen Brücke auf ihr gehörigem Terrain haben sollte, so werde sich doch die Eisenbahiiverwaltung nicht darauf einlassen.

Tie Kammer genehmigt daraus die einzelnen Positionen dieses Kapitels: 1. für Umgestaltung der Bahnhofsanlagen zu Darmstadt 4 000 000 Mk., 2. sür Erbauung einer Hauptwerkstätte zu Darmstadt 125 000 Mk., 3. für eine Kreuzungsstelle bei Waberzell (Gießen Fulda) 140 000 Alk., 4. für Erweiterung des Bahnhofs Ribda 400 000 Mk., 5. für Erweiterung des Bahnhofs Stockstadt a. M. 85 000 Alk., 6. für Erweiterung des Bahnhofs Grünberg (Oberh.) 50 000 Aik., 7. für Bahnhof Ehringshanfen (Oberh.) 100 000 Mk^ 8. für Erweiterung des Bahiihofs WiebelsbachHeubach 50 000 Mk., 9. für Erweiterung des Bahnhofs Bensheim 200 000 Mk., 10. für Auswechselung der eisernen Ueberbauten bei der Mainzer Nhein­brücke 50 000 Mk., ferner für Beschaffung von Betriebsmitteln 4 500 000 Mk., für Verbesierungsarbeiten in der Hauptwerkstätte Mainz 242 000 Mk. rc. Auch der Rest des Etats bis Kap. 133 wird dann ohne Debatte genehnngt.

Ucber das zuriickgestellte Kap. 121, Saline, Badeanstalt Bad Nauheim rc. und die tziachtragsforderung von 120000 Mk. für Ernrerb des Kohlenfäurewerts erstattet Abg. Ulrich münd­lichen Bericht und die Kammer beschließt ohne Debatte einstimmig die Genehmigung dieser Forderuiigen.

Dainit ist der ganze Staatshaushalt fertig gestellt.

Aiisfchußreferent Abg. Reinhart erstattet nun noch Bericht über das Finanzgefetz und beantragt dessen Genehmigung, ebenso für den Entwurf des Hauptvoraiischlags der Staatseinnahmen und Ausgaben für 1908.

Abg. Ulrich erklärt hierzu: Wir werden gegen das Finanz» gesetz stimmerl, weil wir uns nicht der Mißdeutung ausfetzen wollen, als ob wir dem Ministerium damit ein Aer- traueiisvotum erteilten, was wir so lange nicht geben wollen, als das M i n 1 ft e r i u m d i e Gleich- bcrechlignng der Sozialdemokratie mit den anderen Staatsbürgern ilicht anerkennt. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) DieAbgg. Dr. David und Adelung waren während dieser Erkläriing nicht im Saale, erschienen aber nach der Abstimmilng wieder.

Tas Finanzgesetz ist darnach mit allen gegen die Stimmen der vier Sozialdemokraten Ulrich, Berthold, Raab und Orb zur Aiinahme gelangt.

Vizepräsident Köhler erklärt: Damit ist die schwere Arbeit der Etatsberalung beendet und wir hoffen, daß dieselbe dem Lande zum Segen gereichen wird!

Schluß der Sitzung nach 5 Uhr.

Nächste Sitzung : Freitag früh 9 Uhr. Tagesordnung: Anträge aus dein Hause.

Stimmungsbild aus dem Reichstage.

Berk in, 19. März.

Es liegt eine Tragik darin, daß die betrübende Meldung Von den idji-jcren Verlusten unserer Schutztruppe in Sndweft, bi: nun, nachdem! man den Frieden schon enb^ültig wieder hcrgcstellt glaubte, mitten in die Kolonialdeöatte hinnnficl, beim Kolonialamt unb dem Reichstage gerade in dem Augenblick eintraf, als der Reichstag in Gem^nschaft mit dem Chef des Kolonialamts den heidenrnnttgen Kämpfern von Südwest "feine Ehrung bereitete durch die in einer Resolution zum Ausdruck gebrackste Absicht, ihnen in der Rcichshanptstadt ein Denkmal ?,u errichten. Tcr anotierende Vizcpräsibent Kämpf gab den Ge­fühlen des Reichstags in würdigen Worten Ausdruck und in schweigender Trauer erhob^ sich das Haus.

Hebet den weiteren sachlichen Inhalt kann nicht berichtet werden. Ter Reichstag tagte heute im letzten Teil seiner Sitzung unter Ausschluß der Oeffentlichkcit. Tie Schuld an diesem unerhörten Vorkommnis trägt das Zentrum. Seit einiger Zeit tragen die Herren dieser Partei sür Wahrheit, Freiheit und Recht und besonders die Herren Gröber und Erz-berger, dieser selbst ein Journalist, eine auffallende Gereiztheit gegenüber den Pressevertretern zur Schau, die in Pflichttreue und schwerer Arbeit oben auf der Journalistenttibüne ihres Amtes walten und an die in der letzten Woche der Tauer- und Nachtsitzungen unerhörte Anforderungen gestelll wurden. Ms neulich in zwölfter Abend­stunde einem der geplagten Journalisten ein nervöser Ausruf entfuhr, spielten die Herren Gröber und Erzberger beim Präsi­denten den Tenunz-ianten, imb setzten heute "dieses angenehme. Geschäft während einer Rede Erzbcrgers fort, weil angeblich der Präsident und auch andere hatten es jedenfalls nicht gehört auf der JvurualistentribÜne gelacht wurde. Und als der Präsi­dent, der sich auf die denunziatorischen Zurufe dieser Herren ver­lassen mußte, eine gtilge an die Journalistentribüne ergehen ließ, bezeugte Herr Gröber, der, wie wir übrigens annehmen dürfen, als F-reund der katholischen Presse, Mitglied des Augnstinusvereins sein dürfte, sein Interesse an den Vertretern der Presse und da­neben seine Bildung durch einen pöbelhaften Zuruf an die Adresse der Journalistentribüne. Als dann der Präsident, an den sich die beleidigten Journalisten um Wahrung ihrer Würde gewandt hatten, eine Erklärung abgab, die sie als genügend keineswegs anerkennen konnten, vevlleßcn sämtliche Berichterstatter die Tribüne, beglsitet Dom höhnischen Gelöstster des Zentrums. Während die Verhand­lungen im Sitzungssaale mecker gingen, traten die Vertreter der Presse und zwar als Angehörige sämtlicher Parteirichtungen, auch die Mckarbeiter des Bureaus der Zentrunvspresse, im Lescsaal der Journalistentribüne zusammen. Sie faßten einmütig den Bc- Muß, durch eine Abordimng dem Präsidenten zu erklären, daß sie ihre BcrichterstattertMgkeit nicht eher Mieder aufnebnien würden, als bis ihnen der Präsident Genugtuung verschafft habe.

Zweites Blatt 168. Jahrgang Freitag 20. März 1908

Gießener Anzeiger

Zustizetat bei Kap. 90 fortgesetzt.