Nr. 17
Erscheint täglich mtt Ausnahme bei Sonntags.
Die ^Gießener Famiüenblätter^ werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich betgelegt, das „Kretsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchenUtch. Der ^Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
158. Jahrgang
Dienstag, 81. Januar 1008
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhchen
Rotationsdruck und Vertag bet Brsihl'lchen Unurersikäts - Brich- and etetnOrudctcL ÖL Bangt, Gießen.
Redaktion, Expedition an» Druckerei: ®cf)ut* stratze 7. Expedition and Verlag - fcgs) 6L Redaktion: 113. Tel.-3ldi^ AnzetgerG'eßen.
Deutscher Reichstag.
84. Sitzung, Montag, 20. Januar.
Am Tische des Bundesrats: v. Bethmann-Hollweg, Dr. v. Jonquiöres.
Das Haus ist schwach beseht.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten. Er erhält die Ermächtigung, dem Kaiser die Geburtstags.Glück wünsche des Hauses zu überbringen.
Die Diehseuchennovelle.
Die erste Lesung der Novelle zu dem Gesetz, betr. die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen wird fortgesetzt.
Abg. Scheidcmann (©03.): Die Vorlage hat gewiß wertvolle Bestimmungen, aber zum großen Teil erfüllt sie die Wünsche der Herren von der Rechten, die der Zolltarif, die Grenzsperre und die Fleischbeschau noch übrig gelassen haben; ja sie bringt eine geradezu gemeingefährliche Ergänzung des Vereinsgesetzes. Die außerordentliche Verbreitung der Rindertubcrkulose — bis zu 35 Prozent unseres Rindviehs — wird zugegeben; aber für die Stallkontrolle fehlt cs ja an Tierärzten, für sie ist ja kein Geld da; statt dessen überläßt man cS den Großgrundbesitzern, die ihren Befähigungsnachweis für die Landwirtschaft als Offiziere in den Kavallerieregimentern erbracht haben, und sucht die Bauern mit unglaublichen Belästigungen und Scherereien heim. Der Redner übt in dieser Beziehung, u. a. in bezug auf die Anmeldepflicht bei Seuchen verdacht, eine ähnliche Kritik wie die Vorredner v. Pfetten, Siebenbürgen und Lehmann. Der Redner kommt dann zu dem Teil seiner Kritik des Gesetzes, in der er von diesen Vor- rednern abwcicht. Jede unbequeme Versammlung wird man mit den Bestimmungen über die Maul, und Klauenseuche verbieten können. (Gelächter rechts.) Das ist eine Erweiterung des Ver» einSgesehes. Die Bestimmungen über die Einfuhr von seuchen- verdächtigem Fleischmatcrial usw. ist ein reiner Kautschukparagraph, eine Wünschelrute, die niemals versagen wird. Wie beim groben Ilnfugparagraphen wird es hier heißen: WaS man sonst von der Einfuhr nicht absperren kann, das spricht man als gift^angenden Gegenstand anl (Heiterkeit.) Scheidemann erzählt unter der Heiterkeit des Hauses eine Geschichte von einer Kuh und einem Tierarzt. Die Kuh bekam haarlose Stellen und der Tierarzt doktorte an ihr herum. Aber sie blieb trotzdem ganz «esund, nur die haarlosen Stellen vergrößerten sich. Da legte sich «.et Bauer einm tI eine Nacht im Stall auf die Lauer und stellte fest, daß der Esel der Kuh die braunen Haare abfraß. Scheide- mann erhält einen Ordnungsruf, weil er das preußische Abgeordnetenhaus eine verrückte Karikatur einer Volksvertretung nennt und schließt mit der Forderung, statt diesesGesetzes ein Gesetz gegen die verheerenden Wirkungen des preußischen Junkertums einzubringen mit dem Inhalt: Allgemeines usw. Wahlrecht für den preußischen Landtag. (Heiterkeit.)
Abg. £ äffet (Np.): Herr Scheidemann hat vergessen, daß wir uns tmi dem Vichseuchengeseh beschäftigen. Wir erkennen die Vorzüge des Entwurfs gern an und werden einzelne Abänderun. gen in der Kommission beantragen. Wünschenswert ist ein Merk, blatt zur Erkennung der Tuberkulose. Herr Scheidemann ist an eine falsche Adresse gegangen, wenn er behauptet, daß der Entwurf den Großgrundbesitzern zu gute komme. Gerade die Viehzucht liegt in den Händen kleiner und mittlerer Besitzer. Herr Scheidemann will, wie ich auf den Anschlagsäulen gelesen haben, morgen in einer Versammlung von Arbeitslosen sprechen. Ich möchte ihn bitten, den Leuten zu sagen, daß es äußerst unflug ist, immer nach den Großst".dten zu strömen, und daß sie besser tun für ihr leibliches und geistiges Wohl, wenn- sie nach der heimatlichen Scholle zurück, kehren. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Mugdan (freif. Vp.): Wir haben verschiedene Ve. denlen gea- \ das Gesetz, weil es uns in einzelnen Punkten zu weit ge'.L _ Agrarisch ist der Entwurf nicht. Eine solche Behauptung ist mindestens übertrieben. Man hätte den Entwurf nicht Vieh, seuchen-, sondern besser Tier seuchengesetz neunen sollen. Die Bestrebungen, unseren Viehstand zu sichern, sind in erster Linie für die kleineren und mittleren Besitzer von Vorteil. Es ist möglich, daß die scharfe Grenzkontrolle auch agrarische Vorteile schasst; aber das kann mich nicht hindern, sie zu fordern. Bei der
Konflitte iu Asien.
Nach längerer Panse scheinen jetzt wieder die Dinge 111 Asien die Aufmerksamkeit der politischen Welt in Anspruch »ehmen zu wollen, und zwar handelt cs sich diesmal nicht itur um Ostasien, sondern aucy in Vvrderasien spielen ßich Dinge ab, die leicht zu werteren Verwicklungen führen lönnten. Wie kürzlich gemeldet, haben türkische Truppen einen Einfall aus persisches Gebiet unter* »0mmen und sich nicht gescheut, den Gouverneur der Gwenzprovinz, den Prinzen Ferman, in seiner Residenz zu zernicren. ES hanoelt sich um einen krassen Bruch des Völkerrechtes, da keinerlei Grund zu irgendwelchem agressi- wen Vorgehen mit Waffengewalt vorlag, so daß die Sache in einem etwas eigentümlichen Lichte erscheint. Grenzsircitig- leiten zwischen Persien.und der Türkei gab es zwar schon seit Jahren, aber c5 ist dabei höchstens zu ganz unbedeuten* Len Plänkeleien zwischen den Grenzposten gekommen, ohne Laß weitere Folgen sich einstellten. Daß aber ein größerer Truppenteil im tiefsten Frieden die Grerrze in kriegerischer Wsicht überschreitet, daS i'liugt schier unglaublich, selbst wenn man die in Frage kommende Gegend berücksichtigt. Aller- Lings besteht zwischen Türken und Persern von jeher eine siefgehende Abneigung, die hauptsächlich auf religiösen Mo- Siven basiert, weil die einen der Richtung der Schiiten, die «nderen der Richtung der Sunditen angehören, die beide einander schroff gegenüberstehen. Die Dinge scheinen sick) inzwischen weiter zugespitzt zu haben, denn angeblich soll bic «llerdings wenig glaubwürdig klingende Nachricht bei der türkischen Gesandtschaft in Teheran eingelaufen sein, daß Lie Pforte die Mobilmachung der Truppen befohlen und die Reservisten zur Fahne einberufen habe. Me dem auch sei, jedenfalls ist die Situatwn in Vorderasien Derwickelt, und es wäre doch nicht so von der Hand zu weiseu, Laß die Türkei im Hinblick auf die inneren persischen Wirren Len Augenblick für gekommen erachtet, einige Grenzgebiete für sich mit Beschlag zu belegen.
Ebenso scheint sich auch jetzt tn Ostasien dre Lage Mzufpitzen, und zwar handelt es sich dabei nicht bloß um Die Beziehungen zwischen Japan u n d Amerika, sondern auch das Verhältnis zwischen Japan und China scheint sich wieder zu verschlechtern. Ursprünglich hatte man geglaubt, daß unter dem Losungswort „Asien den Asiaten" beioe Völker zusammenstehen wurden, um den Em- sluß der Westmächte, sowie Amerika, pruckzudarnmen. uieuerdinas toninicu wieder Meldungen, die zeigen, daß der alte Gegensatz zwischen beiden gelben Mächten wieder auszubrechen droht. Die Festsetzung Japans auf dem asiatischen Kontinent kann China nicht ganz gleichgültig sein.
Tuberkulinimpfung kann man nicht mehr beharren; sie verteuert das Vieh und eine Vorimpfung hebt ihre Wirkung auf. Sie läßt sich nicht mehr wissenschaftlich begründen. Geändert müssen jetzt endlich die Bestimmungen über das oberschlesiscbe Ein- fuhrkontingcnt werden. Weshalb soll das. was nach Oberschlesien hincindars, über eine andere Grenze schädlich wirken? Ein Beweis dafür, daß durch tierische Erzeugnisse Seuchen verbreitet werden, ist bisher nicht erbracht. Daraufhin erfordert der zweite Teil des Entwurfs eine Aenderung. Tie Stallkontrolle ist unwirksam, weil wir zu wenig Tierärzte haben. Wir werden daher in der Kommission die Bevorzugung der beamteten Tierärzte zu beseitigen suchen. Große Frestde wird das Gesetz dem Land, wirt nicht bereiten. Ich habe mir die Mühe genommen, die Poli- zei.Verordnungen eines einzigen Jahres zu zahlen — es sind 1495, bei deren Nichtbefolgung der arme Landmann Strafe zahlen muß. Bei dem Kampf meiner L'ebe zur Hygiene und meiner Un. tust zu Polizeiverordnungcn siegt die letztere, wir haben in Deutsch, land schon Polizei und Polizeiverordnungen genug! Nach den bis. herigen Prinzipien sollte man sich lieber mit einem ganz kurzen Gesetze begnügen: § 1. Bei Viehseuchen darf sich die Polizei alles erlauben; S 2. Bei Viehseuchen hat jeder -er Polizei zu folgen; allerdings Dann § 3: Der Staat bezahlt all den Schaden, den je, mand durch Anordnungen der Polizei erleidetI Wir werden in der Kommission Mitarbeiten, daß die Tierhygiene auf dem Lande gefördert, der Kampf gegen Die Seuchen geführt wird, aber auch daran, daß nickst unter dem Vorgeben der hygienischen Maßregeln ein Polizeigesetz erlassen wird, unter dem schließlich datz ganze Land seufzt.
Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg: In der vorigen Sitzung wurde mein Geleitwort vermißt. Es ist nicht mangelndes Interesse, sondern ich hielt die gedruckte Begründung für ausreichend. Dann wandelt aber auch das neue Gesek in seinen Grundsätzen in den Bahnen des alten. Schließlich handelt eS sich um eine Fülle von Einzelbestimmungen, die am besten in der Kommission erörtert werden. AuS der Debatte scheint mir hervorzugehen, daß alle Parteien bereit sind, an der Schaffung dieses Gesetzes mitzuarbeiten. Sogar der Abg. Scheidemann hat sich die Grundsätze des Gesetzes, daS jede Seuche zuerst konstatiert und dann lokalisiert werden muffe, zu eigen gemacht. Wenn er im übrigen gegen d i e Junker und das preußische Landtagswahlrecht polemisiert hat, und auf der andern Seite die bäuerlichen Besitzer seines Wohlwollens versicherte, so waren daS nur Ranken, die seine grundsätzliche Zustimmung verdecken sollten. Die wesentlichsten Bedenken waren die, daß die Bestimmungen deS Entwurfs z u scharf gefunden wurden. Man befurchtet, daß nicht nur die Tierhalter, sondern auch die unbeteiligte Bevölkerung dadurch übermäßig belästigt werden würde. Was sollte aber die Regierung hin? DaS bestehende Gesetz hat unzweifelhaft Gutes gewirkt. Die Viehseuchen haben abgenommen. Nun hat sich aber gezeigt, daß das geltende Gesetz mit dem gegenwärtigen Stande der biologischen und sanitären Forschung und mit den praktischen Erfahrungen nicht mehr im Einklang stand. Größere Organisationen und Körperschaften regten zu einer Revision an. Bei dieser Revision sind nun die Gesetzesbestimmungen mit dem Standpunkt der Forschungen und den Erfahrungen der Praxis in Einklang gebracht worden. Herr Mugdan bemängelte, daß das Gesetz auf Theorien a u f g e 6 a u t sei, deren absolute Rickitigkeit noch nicht bewiesen wäre. Aber auch bei der Bekämpfung vieler menschlicher Krankheiten stützt man sich auf Theorien, deren Richtigkeit noch nicht festgestellt ist. Wir mußte unsere Maßregeln zur Bekämpfung der Seuchen nach dem gegenwärtigen Stande der Wissen- schäft einrichten, ohne Rücksicht daraus, ob dieser Standpunkt nun Theorie ober vollkommene Wahrheit ist. Auch ich beklage es, wenn durch da? Gesetz eine weitgehende Belästigung des Tierhalters stattfinden sollte. Sicherlich sind aber nickst- energische, schwache Bestimmungen viel unangenehmer für die Bevölkerung als scharfe. Denn bei schwachen erfolglosen Maßregeln muß zum Beispiel die Quarantäne viel länger dauern, als bet scharfen, wirkungsvollen.
WaS die Entschädigungsfrage anlangt, so ist ihre Voraussetzung und Höhe Sache des Reichsgesetzes, dagegen Ausbringung und Art der Feststellung von der Landesgesetzgebung zu regeln. In der T i e r a r z t f r a g e hat Herr Mugdan in gewisser Beziehung ja recht, aber dem Tierarzt wird doch eine Reihe sehr eingreifender und für den Tierhalter lästiger Funktionen
zugewiesen, die, wenn sie Erfolg haben sollen, schnell durchgeführt werden müsien; liegt es da für Die Regierung nickst nahe, das dem Vertrauenstierarzt zu überweisen, auch vom Gesichtspunkt der Bevölkerung? In bezug auf das Abdeckereiwesen ist, wie der Staatsletretär mitteilt, ein Gesetzentwurf ausgearbei« t e t und dem Reicksgesundheitsamt zur Begutachtung zugestellt, der Bestimmungen über die Beseitigung der Kadaver enthalt und eine Bezirksabgrenzung, nach Art der bei den Schornsteinfegern und Schlachthausbetrieben, für die Gemeinden, die in sanitätSpoli. zeilich einwandfreier Weise die Abdeckerei in ihre Hand genommen haben.
Abg Bindewald (Nfp.): Trotz Scheidemann haben neuerding- auch die Arbeiter ein größeres Verständnis für diese Frage. Von Liebesgaben ist natürlich feine Rede, im Gegenteil, der Landwirt har vom Gesetz nur höhere Kosten. Das Vorgehen an der Grenze kann nicht sckxrrf genug sein. Der Redner fordert auch die Aufnahme der Faulbrut der Biene in bas Gesetz; die Biene sei kem wilder Wurm, sondern ein nützliches Haustier. Die Tierimpfung müsse billiger werden, höchsten? 50 Pfennig pro Impfung. Die Entschädigung müsse von der Gesamtheit getragen werden, nicht bloß von der Landwirtschaft. Tas Gesetz möge man mehr auf da" Interesse der Landwirte als daS der Viehhändler einrichten.
Abg. v. Sah-JaworSki (Pole) und Abg. Bogt (Crailsheim, wirtsch. Vgg.) äußern sich in derselben Weise, wie die anderen der Landwirtschaft angehörigen Redner. Sie sind im allgemeinen mit dem Entwurf einverstanden, wünschen aber eine Milderung der Polizeibefugnisse.
Abg. Gothein (freif. Vgg.) tritt wie Mugdan für Abschaffung der Tuberkulinprobe ein, die ein ganz ungeeignetes Mittel zur Erkennung der Tubcrh'losc sei, und gegen die sich auch Professor Behring ausgesprochen hat. Sie sei ein Attentat gegen die deutsche Rinderzucht.
Die Anzeigepklicht, die nicht nur dem Besitzer cmferieqt ist, sond m allen möglichen Personen, die mit dem Vieh irgendwie in Berührung kommen, muß sicherlich drückend wirken. Es ist niemand da, dem nachgewiesen werden kann, daß er eine Seuchengekahr erkennen mußte, es sind aber viele da, von denen man da? erwartet. Die Sperrverbote, besonders nach der Grenze hin, sollten durch daS Reich erlassen werden. In dieser Beziehung sollte die Zuständigkeit des Reiches festgestellt werden und nicht der Mackt- befugnt? der Einzelstaaten Überlasten werden. D«r Rei i skanster hat sich mich schon in dieser Beziehung ausgesprochen, trotzdem ist nichts geschehen. Da muß schließlich Mißtrauen die erste B ur aerpf licht werden. Herr Siebenbürger ist ein großer Optimist, wenn er glaubt, daß die Landwirtschaft unsere Bevölkerung ernähren kann. Wir haben allein im letzten Jahre für 1050 Millionen Mark mehr eingeführt als ausgeführt, und nach der Statistik ergibt sich, daß wir in jedem Jahre ein großes Manko an Großvieh haben. Bezeichnend und unhaltbar ist es, daß Preußen seine sämtlichen Sperren, die eS einmal einqeführt hat, aufrecht erhäst, auch wenn kein Scuchenverdacht mehr besteht. Hiergegen muß in das Gesetz eine Vorschrift ausgenommen werden. Ebenso muß die Blanketlvollmacht heraus, die das Gesetz für die Minister und Regierungspräsidenten enthält, einfach nichts vom Auslande mehr hereinzulassen. Die Kommission wird ja die uexmoriscken Bestimmungen beseitigen, seien Sie aber auch gerecht gegen das Ausland.
Abg. Dr. Ricklin (Centr. Els) bespricht die Vorlage eingehend etwa im Sinne des Standpunktes der Abgg. v. Pfetten und Siebenbürger.
Al>g. Wehl (natL) erhebt vom Standpunkt der Gerbereiindustrie Bedenken gegen den § 7 der Vorlage.
Die Diskussion schließt. Die Vorlage geht nach einigen persönlichen Bemerkungen der Abgg. Siebenbürger (kons.) und Gothein (frs. Vgg.) an eine Kommission von 28 Mitgliedern.
Morgen 1 Uhr: Telegraphengesetz, Majestätsbeleidigungsgesetz und Scheckgesetz.
Schluß Uhr.
und darum ist es auch begreiflich, wenn man in Peting daraus drängt, daß Japan die Mandschurei, die nominell China gehört, sobald als möglich räumen solle. Daran denkt man in Japan keineswegs, vielmehr spielt man sich als die Herren auf und erhebt sogar Protest gegen den Bau einer chinesischen Bahn von Sinminting bis Ankumen, inbe.rt man vorschiebt, daß dieser Bahnbau dem Inhalte des Pekinger Vertrages widerspräche. Daß Japan sich darauf einrichtet, seine Position in Ostasien in jeder Weise zu stärken, geht daraus hervor, daß es nach Newyorker Meldungen in der Mandschurei selbst, sowie auf den PeS- kadoresinseln starke Befestigungen angelegt habe. Nach alledem steht cs außer Frage, daß ernste Ereignisse im fernen Osten fichvorbereiten, die eine wesentliche Veränderung der Machtverhältnisse an den Gestaden des Stillen Ozeans zur Folge haben könnten, zumal auch der Gegensatz zwischen Amerika und Japan mithineinspielen würde. Den Yankees tonnte ein Konflikt zwischen Japan und China nur gelegen kommen, und die Pekinger Negierung würde sicherlich in Washington eifrige Unterstützung finden.
Was wollen die Deutschsozialen?
n.
Aus der Tiskusfion.
Herr Rechtsanwalt Kaufmann stellte zunächst die Behauptung des Redners, daß er in Kassel in einer Versammlung der Nationalliberalcn nicht habe spreck)en dürfen, richtig. Im übrigen erklärte Herr Kaufmann sich mit den politischen Ausführungen des Vorredners einverstanden. Die Belastung der stärkeren Schultern und Entlastung der schwäclieren seien indessen Thenicn, die die nationalliberale Partei schon 20 Jahre eher auf ihre Fahne geschrieben habe. Abg. Lattmann habe gesagt, daß seine Partei auf nationalem Boden stehe. Dem widerspreche jedoch die Unterstützung, die die deutichsoziale Partei dem Zentrum, der deutschfeindlichen Partei, habe angedeihen lasten. In Mcseritz habe sic sogar einen Polen unterstützt. Im Gießener Wahlkreise sei die politische Ausfassung Lattmanns vom dcutschsozialen Parteivorstande nicht in die Tat umgesetzt worden. (Zwischenrufe: „Ist nichr wahr!") Was Lattmann gegen den Hausierhandel sage, sei anzucrkcnncn, p verliehen fei es icdoa> nicht, daß die deutschsoziale Partei bei den letzten Wahlen in den Wahlkreis Wetzlar 60 Hausierer warf und mit ihrer Hilfe Wahlagitation trieb. Es stimme auch nicht, daß dem Abg. Schack die Priorität in der Frage der Pcnsionsveriichcrung zukommc, die nationalliberale Partei, die Konservativen und bic Freisinnigen hatten scl>on vorher diesbezügliche Anträge cmgebracht. Zum Schluß spricht der Redner seine Verwunderung darüber aus, daß die deutschsozialcn Zeitungen in ihrer Kampseswcsie recht wenig die Grundsätze der Sachlichkeit beobachteten, von denen Lattmann gesprochen habe. Die PartcUeitung des hiesigen Wahl
kreises möge sich ein Muster an Herrn Lattmann nehmen wegen seiner sachlichen Kanipsesweise. t „
Abg. Lattmann widerspricht der Darstellung des Vorredners über die Vorgänge in Kassel. Der Vorwurf, daß die Deutschsozialen das Zentrum und einen Polen unterstützt haben, sei nicht zutreffend. Redner stellt die Anfrage an den Vorriwner, ob cs richtig sei, daß Herr Kaufmann bei dem sozialdemokratiichen Ulrich gewesen sei und gebeten habe, die Sozialdemokraten! möchten in Gießen den Nationalliberalen gegen Köhler unterstützen und dafür die Unterstützung der Sozialdemokratie m Aussicht gestellt habe. DaS sei Verrat!
Als nächster Diskussionsredner hatte sich Herr Krumm (Soz.) zum Wort gemelder. Er führte etwa folgend^ aus: In den Familienftreit zwischen Nationalliberalen und Deutfch- sozialen wolle er sich nicht cinnnjchen; sie hätten in manchen Punkten dieselbe Coulcur. Wenn die Herren auf den logen. Stimmenfang gegangen seien, so wolle er daran erinnern, daß auch im hiesigen Kreise der Bund der Landwirte sich an die sozialdemokratischen Wähler gewandt habe. „Ein echter zeutjajer mag feinen Sozen leiden, aber seine Stimme nimmt er gern. In einem will Redner dem Abg. Lattmann Recht geben, daß nämlich die Liberalen im Punkte Diskussionsfreiheit nicht gerade die allerbesten seien. Was den Vorwurf des Terrorismus der Sozialdemokraten angehe, so stünden 90 Proz. diel er rplle als Schwindel fest und 10 Proz. seien entstellt, aufgebauicht und verallgemeinert. „Was würden Sie sagen, wenn ich ansuhren wollte, in Grünberg, Dettenhausen Haven sich Fälle ereignet, wo der größte Terrorismus gegen Sozialdemokraten vorgckommen ist. Wenn so etwas vorkommt, was für Beweise haben Sie, daß die Partei damit einverstanden ist. Es gibt in, leder Partei. Elemente, die man am liebsten los sein möchte. Die haben auch Sie. Herr Lattmann hat gesagt, wir wären die größten H-einde deS Arbeiterstandes, aber selbst BiSmarck hat gesagt, daß ohne Sozialdemokratie auch keine Sozialrcsorm acEommen wäre/ Redner berührt dann die Frage des Besähigungsnachwecies und geht im weiteren Verlaufe seiner Rede auch auf die Erbschaftssteuer ein und hebt hervor, daß die Sozialdemokraten bei 2000 Mk. 1 Proz. (?) zu erheben beantragt hätten. Wir nehmen es nicht tragisch, wenn Sic uns Feinde der Arbeiter nennen! Die Landwirtschaftskammer der Provinz Brandenburg hat vorge- schlagen, die Ermäßigung der Arbcitcrfahrkarten aufzuyebcn und beit kleinen Leuten damit die Gelegenheit zu nehmen, nach einer Station zu fahren, um Einkäufe zu machen. Theorie und Praxis. Tie Arbeiterschaft, soweit sie politisch denkt, kommt zur Sozialdemokratie. Die anderen bedauern wir, daß sie sich vor den Wagen der Kapitalisten spannen lassen.
Der folgende Diskussionsredner, Herr Rupp au" Nieder^ Walgern widerspricht als Handwerker einzelnen Ausführungen^ des Vorredners, insbesondere den über den Vefähigungsnachivei^ und erinnert daran, baß die Sozialdemokraten gegen alle sozialpolitischen Gesetze gestimmt hätten. (Zwischenrufe: Altes 3cug!‘ Weils nicht genug war. Große Unruhe.) Herr Singer hat einmal gesagt: Es fällt mir nicht ein, den Arbeitern eine E)ftra-, wurst zu braten. (Zurufe: Schwindler! Lügner!) Das- !Daiw»J


