Ausgabe 
16.4.1908 Erstes Blatt
 
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GerichtssM«L.

I). Frankfurt a. M., Io. April. Die Strafkammer verurteilte den Kau,mann Wilhelm Kimp el, der Angestellte um Kautionen in Höhe von 80u Ml. geprellt und andere Schivin, beleien verübt hat, wegen fortgesetzten Letruaes und Beoeug^ Versuches zu 5 Jahren Gefängnis. Das Schöffengericht vcrurteilre ocn Larrdtoict AurenS Herr aus Weißtirchen uia) de,1«i Ehefrau Christine Her r, die 20 bis 35 Prozent Wasser ent­haltende Milch verkauft haben, zu 50 bezw. 1UÖ Mart Geldstrafe.

X Hanau, 15. April. Die Strafkammer verurteilte den Bauunternehmer Heinrich August Kümmel aus Bleichen- b a di (Obcrhcssen) wegen Fälschung zweier Wechsel zu 7 Monaten Gefängnis. Vor kurzem hatte l»Mmmcl toegai tzypo- thekenfchwindeleien zum Nachteil einiger Einwohner aus M lieb buchen bei Hanau zwei Jahre Gefängnis eichalten.

Görli tz, 15. April. Die Strafkammer verurteilte den früheren Tafelglashütrenbesitzcr Clecmann aus Rauscha wegen Kvnkursvergehens und Wechsclsälschung, wodurch er die Reichs­bank nm 100000 Mavk geschädigt hatte, zu 2 Jahr ein Monat Gefängnis und drei Jahr Ehrverlust. Der Ange­klagte wurde sofort verhaftet.

Svoct.

Kaiser Wilhelm hat der Daimler Motorengesellschcüt in Marienielde bei Berlin und den A d l er w e rk e n, vorm. Yeimich Kleyer Attieugejellfchast in Frankiurl a. SJ)L, die Staats- Medaille i n Gold mit der Inschriftfür gewerbliche Leistungen' verliehen.

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Vermischtes.

* Kühne Ausbrecher. In Pensa (Rußland) er­dolchten 11 politische Arrestanten 2 Aufseher des Gouvernements- Gefängnisses und verwundeten einen dritten, worauf sie (wie im Gießener Kiuematographentheater die französischen Galaeren- sträflinge) durch eine in die Decke einer Zelle gebrochen« Oeffnung das Dach erstiegen. Von dort warfen sie in den Jnnenhof eine Bombe und begannen sich dann an Tauen, die sie aus Bettbezügen hergestellt hatten, an der Kerkecmaucr herunterzulafsen. Als der erste Arrestant hierbei von der Schutzwache erschossen wurde, warfen sie eine zw eite Bonlbe von bedeutender Sprengkraft und suchten, durch du Rauchivolken gedeckt, zu entkommen. Sie erreichten ein freies Feld; aber während des nun folgenden Zusammen­stoßes mit der Schutzwache und mit Posizeimannschaften wurden wertere 7 erschossen. 3 Arrestanten ist die Flucht gelungen.

* Die bösen Fremdwörter. In unserer alten Stadt, in der der Born der Wissenschaft reichlich fließt, wohnten so erzählt derTgl. Rösch." ein Leser als gute und getreue Nachbarn lange Jahrzehnte zwei Bürger, ein Schuhmacher und ein Klempner ihres Zeichens, einander gegenüber. Lei und Freud, wie das Leben in den Familien es mit pH brachte, trugen sie treulich gemeinsam. Nur in einem verllandeu sich die Männer nicht. Der Schuhmacher war liberal, der Klempner konservativ. Hin und her tauschten sie ihre gegen* teiligcn Meinungen aus über alles, was dem Volke fromm e oder nicht frommte und oft gab es wohl erregte Diskurse. Bei einem solchen meinte schließlich der Konservative zu dem Liberalen:Ja, lieber N., wir sind allezeit gute Nachbarn gewesen und wollens auch bleiben. Aber in der Politik verlie­hen wir uns nicht. Da sind wir nun mal politische Antilopen. Die beiden treuen Nachbarn deckt längst der Rasen, aber dck Wort ist ui dem Gedächtnis der Nachwelt aufbewahrt geb lC# den und hierzulande ein geflügeltes Wort geworden.

Kleine Tageschronik.

Der Erpresser, der den Kommerzienrat Ludowici m M ü n d) c n solange hcimgesucht hat, wurde jetzt von Den\ Knaben, die ex jemeLzsit zu dW* Salzitatrbtattenkll oitftÜW#

" o vm ~ er Wikh erm-Re giment. Heute morgen 10 Uhr fand auf dem Hofe der alten Kaserne die Vereidigung der am 1. April eingetrctenen Einjahrig-Freiwilligen statt. Nachdem unter Führung des Leutnants Holli die Fahnen- scktion eingetrofsen war, erfolgte unter der Anwesenheit des Majors Mohr die Vereidigung. Es lind am 1. April einschließlich der Staatseinjährigen 73 Freiwillige bei dem hiesigen Regiment ein» getreten. Ihre Ausbildung wurde Leutnant Kienitz übertragen.

** Landwirtfchaftskammer. Am Mittwoch fand in Darmstadt eine Sitzung der Kommission II, die sich mit Handel, Verkehr und Versicherungswesen befaßte, statt. Nach Konstituierung der Kommission, zu deren Vorsitzenden Bürger­meister Hahn -Heßloch, Oekonomierat Frits ch-Dilshofen und Landwirt Adolf Hensel- Dortelweil als Mitglieder gewählt wurden, trat man in die Beratung ein. Zunächst wurde der Entwurf der Satzungen für Versicherung von Weide-, Aus- stellungs- und Faseltiercn durchgesprochen und beschlossen, einen Fonds zu gründen, der die Landwirtfchaftskammer in die Lage versetzt, die Selbstversicherung von Weide-, Ausstellungs- und Faseltieren zu ermöglichen. Zum Antrag Lutz-Elpenrod be­treffend Vertrag mit der Norddeutschen Hagelversicherung sprach sich die Kommission dahin aus, daß der Vertrag, den der Hessische Staat mit der Norddeutschen Hagelversicherung abge­schlossen hat, nach Ablauf nicht mehr erneuert werden soll. Weiter lehnte die Kommission einen weiteren Antrag Lutz, daß der Hessische Staat eine eigene Hagelversicherung schaffe, ab. Ein Schreiben der Eisenbahndirektion Mainz betreffen» An ­nahme von getrockneten Acpfeln und Pflaumen in den See- hafeir-Ausnahmetarif beschied die Kommisiion abschlägig. Es liege nicht im Interesse der Landwirtschaft, daß von den Hafenptätzen Obst ?c. importiert werde. Der Antrag des Dr. Dahlinger, daß die Landwirtschaftskammer mit dem Allgemeinen 2)Lut)u)en Versicherungsverein in Stuttgart betreffend einer Haftpflichtversicherung einen Vertrag eingehe, wurde ebenfalls abgelehnt mit der Begründung, daß der Landw. Berufs- gcnossenschast für das Großherzogtum Hessen keine Konkurrenz gemacht werden dürfe. Zum Schluß wurde die Tarifierung von Aeie und Maiskleie nachTarif 3" gutgehcißen.

* Karfreitagsgottesdienst. Aist Karfreitag, abends 6 Uhr, wird in dem liturgischen Gottesdienst in der Stadtkirche das schöne Werk von I. Haydn:Die sieben Worte deS Erlösers am Kreuzt, an dessen Auf­führung sich neulich die Gemeinde so sehr erbaute, noch linmal gesungen werden.

** Zu Demuth8 Tod. Unserer früherer Oberbürger­meister, Finanzminister Gnauth Exz. ließ am Grabe seines langjährigen treuen Mitarbeiters während feiner hiesigen Tätigkeit, Kanzleirat De muth, als letzten Gruß ein pracht­volles Palmenarrangement niederlegen.

** Der Turnverein veranstaltet auch in diesem Jahr wieder am Karfreitag einen Turngang. Es soll ein halbtägiger Gang werden und zwar! über den Jägerpsad nach Kloster Arns­burg und Sich. (Siehe Inserat.)

'* Kun st verein. Die Mitglieder des Kunstvereins werden auf die im Inseratenteil angesagte ordentliche Haupt­versammlung hingcwiefen, die am Donnerstag, 7. Mai, in Darmstadt stattsindet. Ferner können wir den Mitgliedern des Kunstoereins mitteilen, daß vom nächsten Monat ab, in Bad-Nauh eim vom Kunstverein für das Großherzogtuin Hessen einige Ausstellungen veranstaltet werden, zu denen auch die Mitglieder des Gießener Kunslvereins freien Eintritt haben.

** E i n bedauerlicher Unglücksfall, der ein jun­ges Menschenleben forderte, ereignete sich gestern vormittag an der Rodheimer Straße. Das vierjährige Söhnchen des im Gehöfte der Möserschen Mühle wohnenden Straßenwarts Karl Weller war morgens gegen 91/2 Uhr zum Spielen in den Hof gegangen und wurde dann vermißt. Tie Angehörigen suchten vergebens die ganze Stadt ab. Gegen 33A Uhr, als eine Frau mit ihren Kindern nach dem Sand gehen wollte, bemerkte ein Kind im Wasser an der Schleuse am Eingerinn der Lahn zur Stadtbach eine Hand und teilte dies seiner Mutter mit. Diese besah sich auch die Stelle und bemerkte die Hand und den Arm eines Kindes im Wasser. Sie machte den Bewohnern des Gehöftes Mitteilung nnd hier konnte dann der Vater des vermißten Jungen selbst die Leiche seines Kindes bergen. Jedenfalls hatte der Junge auf der Mauer der Schleuse gespielt und war kopf- 'iber in das Wasser gestürzt und ertrunken.

** Diebstahl. In einem Hause der Roonstraße wurden gestern aus dem Treppenbau ein Paar Stiesel gestohlen. Verdächtigt wird ein Handwertsbursche, der zur kritischen Zeit im oberen^ Stock des Hauses bettelte.

Heuchelheim, 15. April. Die stete Zunahme der Bewohnerzahl unseres Dorfes hat die Errichtung einer weiteren 7. Schulklasse zur Folge gehabt. Die neue Klasse wird einst­weilen in einem Mietsraum untergebcacht. Wir haben hier bereits zwei Schulhäuser, dazu befindet sich ein Lehrsaal au, bem Rathause. Wie verlautet, soll ein weiteres SchulhauS mit zwei Lehrsälen im Garten an der neuen Schule im Lause dieses Jahres erbaut werden, zumal auch eine 8. Schulklasse Dohl nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

fc. Butzbach, 15. April. Oekonom Friedrich Fenchel von Griedel, Mitglied der Großh. Landwirtschaftskammer, ist von einer Anzahl angesehener Landwirte als Landtags­kandidat für den hiesigen Bezirk aufgestellt worden. Der Bund der Landwirte wird voraussichtlich diese Kandidatur unterstützen. Ten Butzbacher Bezirk vertrat seither der Abge­ordnete Joutz-Butzbach.

Friedberg, 15. April. Direktor W 0 daegc , Leiter der hiesigen Taubimmmen-Anstalt, ist vergangene nacht plötzlich 0 er- schieden. Obwohl in der letzten Zeit leidend, erwartete doch niemand ein so schnelles Ende, des stets pflichttreuen Anstalts­leiters und Lehrers. Neber 30 Jahre lang versah er sein Amt jum Wohle und stiegen der Anstalt und ihrer Zöglinge. Vor Kurzem war es ihm noch vergönnt mit seiner Frau im Kreise seiner Farnuie oie silberne Hochzeit zu feiern. (Ob. Anz.)

>< Laubach, 15. April. Palmarum-Trararum gilt für ben Schnepf e n ft r c ch. In den hiesigen Waldungen war die Schnepfenjagd ziemlich ergiebig, etwa -10 Stück, wovon 25 aus die grast. Wasungen ö)inmen. Ein richtiger Jäger 1 Hießt schon stach dem 5. April nicht mehr .euch sie, ein alter Jägersmann a- s.an bici11T ailf eine Schnepfe, die ein vollkommen aus- tzedUdetcs Ei bei sich trug und wohl bei uns genistet hätte. JJtaii klagt forcwähvend über die Abnahme des delikaten Sumpf­vogels, dann sollte man auch Die Erfahrung des alten Jägers­mannes sich zu nutzen machen und nicht bis zum Mai aus ihn knallen.

=cn^-d bcm Vogelsberg, 15. April. Die geplante heue Vogelsbergbahn, dieO hmtalbah n", von der man feit ihrer neuen Absteckung kurz vor Weihnachten des vorigen Jahres nicljty gcl'url, iückr wicoer in den Vordergrund des Jnteresies. »orgegem ivurbe^bie projektierte Strecke von den Kreisräten un& Schotten im Verein mir mehreren Ingenieuren besichtigt.

o Höchst ii. d. Nidder, 15. April. Ein zehnjähriger cungc Ijuiete an der Nidder junge Gänschen. An einem floljcn User rutschte der Knabe aus und stürzte kopfüber in ?cn, r eine alte Frau schreiend Hilfe aus dem Dorfe

aerbeigeholt, war Der Knabe schon untergesunken. Nach einer Stunde sano man die Sei ch c.

Worms, 15. April. In Der gestrigen Sitzung der Stadt­verordneten üab Oberbürgermeister h 1 c r auf Du- Interpellation per 10ziatdcm0krati 1 chen Stadtverordneten wegen des Rechts des höchst besteuerten Grundbesitzers aui Sitz und Stimme

DntMr förrb IjSrabst'dÄiN ZM7'. NNseWstÄMg^n Hdimorbeitn Sein Uebcrttnit zur Konfektion wird für ihn zu einer Notwendig Beit, weil der ftÄstische Klcidorhändler, der Hausierer und tz-' Tetaisveisendc ihm einen Kunden nach, beit andern entfremden Derselbe Konfeftivnär aber, der ihm die Kundschaft zerstört, qi-lt ihm wiederum Arbeit. Denn für den Konfektionär empfiehlt e sich, die Arbeit auf die Dörfer hinanszugeben, weil bet Dorf' schneid er billiger arbeiten kann, als der Kleuischneider in der (Stobt wo die Kosten des Lebensunterhalts viel größer sind. Und aus billige Arbeitslräste ist die Kvni'ektion angewiesen, da sie Haupt, sächlich Massenartikel liefert für die breitesten und ärmeren Sclnchn ii der Bevölkerung.

Im fchwffen Gegensatz dazu ist das Gebiet der Leder, induftrie eng begrenzt. Ihre Zentrale und ihr Ausgangs­punkt ist die Stadt O,senvach und sie dehnt sich nicht weit üuer ben Kreis Offenbach aus. Daß die Porteseuillefabrikation gerade in Offenbach Fuß fatzte, könnte merkwürdig erscheinen, wenn nian bedenkt. Daß eine Luxusindustrie wie Die Portefeuilleindufttie ein großstädtisches und zahlungsfähiges. Publilum mit 1 einer cm Ichmack zu ihrem Gcocitzen nötig hat. Offenbach zählte aber zue, zeit der Entstehung dieser Jnd.'.strie in Den /Oer Jahren des 18. Jahrhunderts noch keine 50JU Einwohner. Ncur seine gunftige Sage in der Nachüarschast Frankfurts, der bedeutendsten Handel-, zentrale des damaligen Deutfasiands, machte Die Entwicklung bei Ledrrwcrreninbnstrie möglich. Daß in Frankfurt selbst (em Diauir für die neue Industrie vorljanden war, lag an den erstarrten Ge> wcrbeverhültniffen biei'er Smdt, die noch ganz von zünftigen An. schauungen beherrscht waren. Man ließ hier kein neues Gewerbe auflommen, das irgendwie in das Aroeitsfeld einer bestehenden Zunft eingriif. Anfangs war in der Ofienbacher Lederwarc.i- industrie der Fabrik- bezw. Dianufa.turoeirieo vertzerrschcnd, dem sich I Puter itccij der Handwerisoetrieo zugesellt. Mit dem wach, sendeit Geschäftsgang, insbesondere als mait in den jOer Iah.ai des borlgen Jahrhunderts sich darauf verlegte, neuen der Quatiüü. wäre auch geringere Massenware abzusetzen, sah man sie, infolge des eintretenden Ärbeitermangets genötigt, mehr und mehr die ländliche Bevöllerung der Umgebung zur Heimarbeit heranzu. ziehen. Vorher hirtte man meist nur kränklichen und älteren Arbeitern, die in der Stade oder deren nächsten Umgebung wohnten, erlaubt, zu Hause zu arbeiten. Von da an aber begann sich oie Hausiridlistig? auch auf entferntere Ortschaften auszuDehnen, ein Prozeß, der sich heute noch immer fortsetzt.

Durch die rapide Entivicklung der Leoerwarenindustrie erhielt das gewerbliche Leo en in Oss erwach ein völlig verändertes Äus. sehen. Noch im Anfang deZ vorigen Jahrhultderts war es ganz von der meist lleingewerblichen Textilindustrie veherrscht, die von den srauzösiichen Refugiös nach Offenbach gebracht worden war Die von England ausgehende Umwälzung der Technik der Texlil. induftrie im Verein nut der Zunahme des Großbetriebs, bann aber nicht zuletzt der Umstand, daß das Aufblühen der Leder, induftrie der Textilindustrie den Nachwncl)s an Arbeitslrchten wegnahm, haben Den Niedergang der Steren in Offenbach Der» arilaßt. Die alte hausgewsrbliche Tätigkeit wurde durch eint neue ersetzt, wodurch zugleich größere Violstände verhindert wurden, wie sie anderwärts durch die Verdrängung der l-ausgewerblicl-en Produltwn üt der Textilbranche hervorgeoufen worden find.

nacy Der FM- Zkg. r>te Mrmrung <w, vay vke betreffende Be» stimmung des Gesetzes vom Jahre 1854 zweifellos noch z u Recht bestehe, und daß der HöchsLesteuerte in Worms daher sein Stimmrecht mit Recht ausübe.

a. We tzlar, 14. April. Die Behörden unseres Kreises sind seit Jahren bestrebt, für unsere Vol^fchulen neue Schul­tz äu f e r zu schaffen, die nach jeder Beziehung und besonders in htzgienifcher Hinsicht den Anforderungen unserer Zeit ent­sprechen. So werden int Laufe dieses Sommers vie Schulbauten zu Dorlar, Schmalbach ü. s. f. ihrer Bestimmung übergeben. Andere Gemeinden wie Atzbach, Grotz^Rechtenbach, Lanfdorf u. f. f. haben gleichfalls beschlossen, neue Schulen zu bauen. Erfreulicher­weise macht sich im hiesigen Kreise nur selten ein Stellenwechsel bemerkbar. Es haben jetzt alle Lehrer selbst im kleinsten Dörfchen ein einheitliches Stellengehalt, nämlich 1200 Ml. Grundgehalt.

? Dillenburg, 13. April. Das obere Dilftal und feine Seitentäler stehen z. Zt. im regen Wettbewerb wegen Der Dill-Siegbahn. Sie könnte sowohl im benachbarten Haiger als auch hier in Dillenburg einiuünben. Trotzdem der Güterverkehr in Haiger bedeutender ist als auf hiesiger Station, und die Stadtbehörde von Haiger ihre Wünsche persönlich im Ministerium vorbrachte, scheint sich die Ange­legenheit doch zu Gunsten Dillenburgs zu entscheiden. In ihrer Fortsetzung soll die Sieg-Dillbahn nach dem Lahntal geführt werden und durch das Ulmbachtal in Biskucheu, oder un Kahlenbachtal in Löhnberg in die Lahnbahn (Gießen- Koblenz) einmünden. Auch hierüber ist noch keine bestimmte Entscheidung getroffen.

h. Franksurt a.M., 15. April. Prinz Waldemar von P r eußc n traf heute früh um 8 Uhr mit dem Rwiera- Zuge von seiner egppuschen Reise hier ein und wurde von seinen Eltern, Prinz uni) Prinzessin Heinrich, am Hauptbahnhofe abgeholt. Im Automobil fuhren sie dann nach Schloß Helligenberg bei Jugenheim.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den N a chb ar st a a te n. In Bcienheim wurde der seitherige Bürgermeister Gg. Major I. einstimmig wiedergewählt. In Meriensritz starb Bürgermeister Kdnrad R ii b, der sich um die Entwickelung der Gemeinde große Verdienste erworben hat. Bürgermeister Hensel von Schwalheim wurde, wie die Bad- Nauheimer Zeitung meldet, durch seine vorgesetzte Behörde seines Amtes enthoben. Nach dem Bericht der städtischen Bauaus­schusses erfordert der Umbau des Stadttheaters in Mainz eine Summe von 730 000 Mk. Ein Denkmal für den er­mordeten katholischen Psarrer Thöbes in Heldenbergen würbe am Sonntag dort eingeweiht. Tl-öbes wuide, wie unsere Leser sich erinnern werden, vor ca. 3 Jahren von Hudde ermordet. Am 18. April steigt in Bielefeld ein Luftballon mir. In der Gondel besuchet sich ein Schriftstück. Der Finder des Ballons wird gebeten, diesen mit Schriftstück mit der Post an die Biele- fetotr Maschinen- und Fahrradwerke Aug. Göricke, Bielefeld, zu ichicken und erhält dafür ein Fahrrad.

Univerkitiits-NaehrL ehren.

Berlin e r Bergakademie. Der Privaldozent für praktische Geologie und BergwirtschaftSlehre, Berglnaenieiir INor Kratz in a n 11 ist zum Dozenten an der Berl 1 ne v Vergakadcimc ernannt worden. Krahmalin war von 1899 bis 1905 als Zngenieui der Pudemsschen Eifenwerke in Wetzlar tätig.

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Sur Heimarbeit im Erzherzogtum Hessen, n.

Tie Bedeutung der im Großherzogturn Hessen oorfommenben Hausistdustricn nach der Zahl der Betriebe und der darin tätigen Arbeitskräfte, sowie ihre Entwicklungstendenzen innerhalb der einzelnen Geweröearten lassen die beiden Uebersickftcn mit ei­niger Sicherheit erkennen. Obenan steht das Bcklcidungs- und Reinigungsgewerbe, insbes. die Schneiderei, Näherei und Schuh­macherei ; ihr folgen die Leder und Textilindustrie; bei letzterer ist die Leinenweberei, Häkelei und Stickerei stärker vertreten. Größeren Umfang hat die Heimarbeit auch in der Industrie der Holz- und Schnitzstofse (Tischler, Drechsler, Böttcher, Korb­flechter, Kamm- und Bürstenmacher), ferner in der Tabak- und Papierindustrie. Es sind dies nicht gerade die Industrien, die auf dem Weltmarkt am kräftigsten dastehen, sondern viel­mehr solche, bei denen die ungesunden Konkurrenzverhältnisse den Fabrikanten zwingen, die Fabrikationskosten sehr niedrig zu halten. Wie sehr cs dem Unternehmer darauf ankomml, mög­lichst an Löhnen zu sparen, durch die die Fabrikationskosten eben vorwiegend bedingt werden, zeigt sich auch in der großen Zahl der billigeren weiblichen Arbeitskräfte, die in diesen Be- trieven beschäftigt werden.

Tie Gesamtzahl der hausindustrietlen Betriebe sowohl wie Der darin beschäftigten Personen ist absolut und relativ ge­wachsen, von 2024 Betrieben auf 2435, D. i. von 2,6 auf 3,0 Prozent aller Betriebe und von 2702 Personen auf 4717, d. t. von 1,9 auf 5,9 Prozent sämtlicher gewerbtätigen Personen. Diese Vermehrung zeigt sich so ziemlich bei jeder einzelnen Gewerbegruppe mit Ausnahme der Textilindustrie. Hier verliert die Hausindustrie gegenüber dem Fabrikbetrieb immer mehr an Boden. Tas bestätigen auch die Ziffern für das Reich. Sonst aber ist die Hausindustrie entschieden im Vordringen begriffen. Tie Erwartung, daß die Hausindustrie als eine rückständige Bctricbsorganifation verkümmere und von dem fowohl technisch wie sozial twerlegenen Fabrikbetrieb überwunden werde, erwies sich als Täuschung. Tie Vorteile für den Unternehmer find eben doch so groß, daß er die technischen Mängel der Hausindustrie gern dafür in Kauz nimmt. Der Fabrikant spart nicht nur Arbeits­löhne, Heizung, Beleuchtung und den Arbeitsraum, er ist auch der lästigen Vorschriften über ArbciMaum und Mbcilszeit ledig, er hat keinerlei Verantwortung und ist sicher vor jeder Möglich­keit einer Arbeiterorganisation. Jeder Fortschritt in der sozialen Gesetzgebung, der die Fabriken allein trifft und die Heimarbeit unberührt läßt, bedeutet nur zu oft für den FabrikantenFluch', in die Heimarbeit". Ein Verschwinden der Heimarbeit wäre auch im Jntereffe weiter Beoölterungsfchichtcn keineswegs wün­schenswert. Alle die Schwachen und Kranken, die sich der Fabrik­arbeit nicht unterziehen Wunen, ebenso alle, die noch durch eigne Arbeit ans Haus gefesselt sind und nur mit halber Kraft die gewerbliche Beschäftigung betreiben können, würden durch den Ver­lust dieser Erwerbstätigkeit geschädigt und der Armcnpslege zur Last fallen.

Versucht man, für die wichtigeren Hausindustrien ihren Haupt­fitz nach Kreifen im Großherzegtum aufzuweifen, so ergibt sich ungefähr folgende Uebersicht:

Gürtlerei: Offenbach.

Nagelfchmiede: Dieburg.

Weberei: Alsfeld, Lauterbach, Schotten. Herstellung von Possamentierwaren: Offenbach. Hasenhaarschneiderei: Dieburg.

Anfertigung von Hüten: Friedberg.

Anfertigung von Streichholzschachteln: Tieburg, Erbach. Porte,eullleinduirrie: Osienbach' Dieburg.

Möbclschreinerei: Worms' Stuhlflechterei: Alsfeld. Korbflechterei: Hamm (Worms.). Holzdrehcr: Dieburg.

Tabakverarbeitung: Offenbach, Gießen.' Schneiderei: im ganzen Groß Herzog tum verbreitet, be­sonders in Oppenheim.

Während die meisten Hausindustrien einen mehr oder minder lokalen Charakter tragen, zeigt fia; bei der im Großherzogtum am stärksten vertretenen, bei der Schneiderei, das Gegenteil: l'ie ist über das ganze Großherzogtum verbreitet, besonders stark allerdings un Kreise Oppenheim. Die Urfad:? dieser weitgehend ben Dczenlralisarion i|t vor allem rechnischev Natur. Tie iriui- hg)tc Maschine, die Nähmaschine, läßt iith uequcnr'iu jcocm Zimmer aus)tellen, ihr Preis ist so niedrig, die Zahlungsbedingungen ge­wöhnlich so günstig, daß auch arme Schnccker sie sich beschaffen können, und was das wichtigste ist, Die Vorcennruiffe zu Meier Hausindustrie muffen nicht erst in Die Veeölieiaug tzineingetragen wcrDen, sondern sind bereits in ihr orhanve.'.. <sie laiui in ihrer Technik an Das Bestehende anlnüpfc?,. Ihre Ausbreituna ist groL,,curcii£ nur ein llmwandlungSprozeß: Der fetbstauDige Dors-

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