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3.11.1908 Zweites Blatt
 
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Nr. 259

Zweites Blatt

Dienstag 3. November 1908

Erscheint tLgNch mti VuSnahme M Sonntag».

IS

158. Jahrgang

und wis,en auch, daß den seltenen Zuhörern solch seltener Menschen ihr Eingehen auf das Seltene belohnt wird. Etwas Eigenes hat ja säst ein jeder, und gerade dieses Eigene spricht sich, wie W. Sch m id t-Hamburg in dem No­vemberheft des Kunstwort schreibt, nicht gewandt, nichtfluffig" aus. Deshalb werden dem klugen und geduldigen Zuhörer sehr ost dieStockenden" unter den Rednern zum mindesten im Zwiegespräch mehr als die Fließenden" bieten.

{RotattonSbrud and Verlag ber CrflbHdjai UnwersuälS - Buch- und Sremdruckeret. DL Longe, Gießen.

^potttijche Lagesschau.

Neue Schwierigkeiten in der Orientfrage.

Eine recht ernste Wendung lann die Orierlttrisis dadurch nehmen, daß Rußland sich jetzt, wie es scheint, aus die Seite Serbiens stellt. Der serbi,c^ Kronprinz tonnte während seines Aufenthaltes in der russischen Residenz die Aussicht erhalten, daß die russischen Regierungskreise Serbien mit voller Sympathie gegenüber stehen und bereit sind, Serbien eine moralische Unterstützung zu geben, daß diese aber direkt von der Handlungsweise der Seroen und davon abhängt, sie jeden unvorsichtigen und unüberlegten Schritt unter­lassen, der im gewissen Grade den Charakter einer Provo­kation tragen könnte. Das wurde hier dem Kronprinzen und Paschitsch und durch den ritssischen Vertreter in Belgrad klar zum Ausdruck gebracht. Volle Sympathie fanden die Serben auch in den Kreisen der Gesellschaft, die ebenfalls zur Besonnenheit mahnen und sie von der Notwendigkeit der Wahrung der Ruhe zu überzeugen bestrebt sind. Zu Is­wolskys Erklärung, daß Rußland nicht ge­sonnen sei, die Annexion Bosniens an­zuerkennen, schreibt dieDiene Freie Presse": Freiherv von Aehrenchal hat sich stets dagegen verwahrt, daß die

Redaktion, Expedition und Druckerei: Scbuk- straße ?. Expedition und Verlag: e^5L Redaktton:S^112. Tel.-AdruAnzeigerGleben.

DieGießener KamtNendlStter- werden dem Anzeiger" viermal wöchenllich beigelegl, daS Krdsblati für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. D,eLandwirtschaftlichen SeU» Iragcn" «scheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

erstenmal die Verfassung und zugleich die Hofkceise vor totaler Verwirrung gerettet. Tas alles beweist nichts weiter, als daß der Deutsch Kaiser in der auswärtigen Politik das Prinzip des Absolutismus beibchält, und daß der Reichskanzler unter ihm Nicht die Rolle spielt, weläze ihm von der Konstitution vorgo- schrieben ist. Wenn dem Reichsianzter augenblicltich die schwere Aufgabe des Prügelknaben für fremde Fehler zusällt, so ist dadurch der Konst.turion fein ganz ehrenvoller Platz eingeräumt. Bis­marck, der es verstanden hat, Teutschsland auf die Stufe einer Weltmacht eaftlc -Ordnung zu erheben, sah streng darauf, daß and) in der auswärtigen Politik die Prinzipien der Konstitution streng duvchgeführt wurden. Dementsprechend durfte kein politischer Akt ohne Wissen des Kanzlers durch-gefühct werden. Der settsthetr- lichen Natur Kaiser Wilhelms mar dieser Zustand zuwider, unb Bismarck mußte feinen Ao schied nehmen. Von jenem Augenblick an beginnt die sichtbare Aonahme der Ztolle Deutschlands in der Wellpolitik. Taspersönliche Regime" Kaiser Wilhelms erschüt­tert nicht nur die deutschen Berfa ssungszu stände, sondern auch das internationale Prestige Deutschlands."

Die Londoner Blätter versichern, daß sie volles Vertrauen zu den Worten des Kaisers und seinen aufrichtigen Freundsckjaslö- gefühlcn gegen England hegten, doch die Tatsack,c, daß der Herrscher selber die Unfreundlichkeit weiter Kreise des deutsck?en Volkes gegen England zugeoe, vereckstige sie, bei ihrem Mißtrauen gegen oas Wiwachsen der deutschen Flotte zu beharren und mit er­höhter Flottenrüstung darauf zu antworten. Der Mvrning Post wird aus Johannesburg telegraphiert: Einem hervorragen­den Transvaaler zufolge, der unter Präsident Krüger ein ver­antwortliches Amt bekwidete, habe einige Zeit vor dem Buren­kriege -wischen Rußland, Deulfchland und Frankreich eine defi­nitive Verständigung bestauben, die Unabhängigkeit der 'beiden Republiken gegen britische Intervention -u garantieren. Kurze Zeit vor dem Kriege haue sich jedoch Frankreich von dem Ueber- ecnlommen zurückgezogen, und Staats) ekrctäi Leyds haoe Krüger energisch geivamt, da); er sich nicht auf euwpäische Jntcrveniwn verlassen k-une. Trotzdem habe Krüger scm Ultimatum abge- füstckt, in der Erwartung, daß eine Reihe' von Burenerfolgenl m Dtatal ihm eine europäische Intervention sichern würde.

In der bayerischen Presse fordert man die Einberufung des auswärtigen Ausschuists, in dem Bayern den Vorsitz führt, um zu Dec Kanzier-Krijis mu) deren Ursache Stellung zu nehmen. Es wird in der bal)erischen Presse über den peinlichen Zwischenfall eine ungewöhnlich fa.-arse Sprache geführt. Die Aufklärung^ Huben in Bayern absolut nicht befriedigt. Das deulfche Volk ici mündig und verlange Klarheit und Garantien für die Zu­kunft.

Nach einer offiziellen Meldung der Kölnischen Zeitung wird nun auf Wunsch ves Reichskanzlers der Bundesrats-Aus­schuß für auswärtige Angelegenheiten zusammentreteir, da Fürst Bülow ihm über die schfveoenoen Fragen der auswärtigen Politik und besonoers über die Orientfrage streng vertraulich Mitteilung machen wolle. Im Reichstage werde Fürst Bülow einftiveilen zur Orientfrage nickst das Wort nehmen.

und hatte unendlichen Zdcenrciastuin. War weil er ihm immer neu zustcömte, weil ihm das Reichste noch immer nicht reich genug fchien, und dann auch weil ihn sein Gegenstand so lebhaft oeschäftigte, daß er ihn in die höchste Anstrengung versetzte, schien er vielleicht mit Schwierigkeit zu arbeiten. Seine Widersacher haben immer den Vorwurf gegen ihn im Munde, daß er mühsam dichtete, daß er nicht von 'Natur dazu bestimmt war, daß er mit der Sprache und den Gedanken rang u. s. f., und die,e Stell« wird jetzt von ihnen gegen ihn selost auf das unbarmherzigste gebraucht werden." Auch gegen eine Stelle, die aus einem Briefe Schillers über sein Bedürfnis,sich zu verheiraten", abgedruckt ift, wendet sich Humboldt, obwohl seine .Mißbilligung vielleicht nur aus ganz individuellen Gefühlen beruht".Das unbe­stimmte Bedürfnis danach hat, meinest Empfindung nach, immer enoas Widriges, wenigstens Triviales. Auch ist cs in dem Briefe sehr egoistisch ausgedruckt, und könnte, weil es die einzige Stelle ift, in welcher vom Verhältnis -u Frauen die Rede ist, einen: schiefen Begriff von Schillers Empstndungsart darüber geben. Dagegen ist die zweite Stelle nach der Verheiratung äußerst passend, und berührt die Sach: gerade so leise, als sein eheliches Verhältis berührt werden mußte. In der Art Frauen und das Verhältnis zu ihnen anzusehen, zeiamete Schiller sich sonst, wie auch Sie gewiß Sich erinnern, sehr aus. Es war eine seiner schönsten Seiten, und mit Allem in ihm aufs innigste verwebt." Endlich spricht Hunrboldt noch eine Bitte aus, die seine eigene Bescheidenl^it im schönsten Lichte zeigt:Es ist mir überaus lieb gewesen, daß Sic meiner erwähnt haoen. Ich danke Ihnen recht eigentlich dafür, cs hat mir große F-reude gentadji, mit Ihnen und Goethe, als Schillers vertrauteste Freunde genannt zu werden. 5 Allein ich wünschte bestimmt Eine Aenderung darin, und wenn es anginge, auch eine -weite. Erstlich schenken Sie mir den Staats Minister; nennen Sie mich oloß ai» den älteren oder mit meinem Vornamen, und setzen Sie hinzu: Bruder des br- Cattnrcn Reisenden. So werde icp gewöhmicy in Schriften zitiert, und cs ist mir die liebste Art. Auch war in gewisser Rücksicht die Zeit, wo ich mit Schiller lebte, und die unmittelbar vorher- gehmde, mir die liebste Periode meines Lebens, die, in der ich nnä) selbst am liebsten wicdersinde, und wenn man meiner in il;r erwähnt, habe ich es gern, auch den äußeren Beringungen, nach, so frei zu er [deinen, als ich damals noch war." Körner hat sich nach diesem Wunsche Humooldts gerichtet, wie er überhaupt auf Grund dieses Briefes einige Streichungen in seinem Aussatz vornahm, und ihn folgendermatzen in den Freundeskreis Schülers eingeführt.Jena erhielt damals für Schillern einen neuem Reiz, da Wilhllm 'von vumboldt, der ältere Bruder des berühmten Reisenden, sich dahinbegeben hatte und mit Schillern dort in bar, genauesten Veroinoung lebte." ~' >

Ein neuer Dries Humboldts über Schiller. Wohl die großartigste Darstellung, die Schillers Wesen und Cha­rakter je gesunden hat, ist die Vorerinnerunglieber Schiller und den Gang seiner Gcistesentwickelung", dura- die Wtthelm von Humboldt die Veröfftni.ickiung seines Briefwechsels mit dem ver­ewigten Freunde im Jahre 1630 eröffnete. Erst so spät entschloß sich dieser größte Gcistcssreund unserer Klasiiter, die wehmütige Erinnerung an den großen Toten in einem abgeschlossenen und ausgeführten Bilde h^raufzubejchwören, denn ihm schien wie den anderen am engsten mit Schüler Verbundenen nach seinem so schmerzlich frühen Tode eine heilige Scheu zunächst Schweigen zu gebieten, wie wenn durch ailzulautcs Reden und Preisen das Andenken dieses Einzigen enttveiht werde. Goethe hat als erster in seinemEpilog zu Schülers Glocke" dem Freunde ein mwer- g-bngliches Monument errichtet; Christian Gottfried Körner, durch so lange Jahre Schillers treuester Helfer und Ratgeber, widmete sich mit selbstloser Hingabe der Aufgabe, fein Gesamtwerk in wür­diger Form der Oefsentlichkeit vorzulcgen. Körner suchte Goethe und bann Wilhelm von Humooldt zu bewegen, zu dieser Ausgaoc der sämtlichen Schriften eine wütoige Einleitung beizusteuern; als aber beide aölehnten, hat er selbst in seiner einfach schlichten Weise das Leben des Dichters unter reicher Benutzung von Brief- steilen in der Einleitung geschildert. Das Manustcipt dieser ersten v^chüler-Biogwphie, in der er sich selbst bescheiden kaum ernnihnte, laitöte er zur Begutachtung an Schülers Gattin und dann an Goethe, der ihm in einem auss^hrlia-en Briese dasür danke. Auch Wilhelm von Humooldt hatte Körner den Aufsatz nach Wien g esost ul, und der preußisck>e G.sanoce anavorto.e in einem oishet unoekannttn Briefe, der nun unter den handschriftlichen Sck>itzen der Puoiic Liorary os the City of Boston aufgesunden worden ist und den Aioert Leitz.nann im neuesten Hefte der Teut- sck/en Nund.chau veröfscuüicht. Mit dem höchsten Lobe der ganz in ihrem gregen Gegenstand ausgehenorn Arveit verbindet Hum­ooldt Eimreuoungen gegen einige Stellen.Am meisten gegen die, wo Schiller lüer tttangel an Leichbigleü im Arbeiten klagt. Diese Klage tann wir stich nur auf gleiche Weise, als die meisten Sel.stg.st.ndnrsse, genommen werden, die immer in Billigung und Mißoilligung zu weit ge^en. Schiller arbeitete eigentlich leicht.

Dom Reden und Zuhören.

Dttmch einer kommt mit der Sprache nicht recht zu Gange, und manch einem reißt die Geduld beim Zuhören. Bei dem einen ist das nicht immer ein Zeichen von Ge­dankenstille und bei dem anderen handelt es sich nicht immer um die Unfähigkeit, sich mit dem Verarbeiten des Gehörten zu beschäftigen. Es trifft sich eben nicht alle­mal, daß der Erzähler und der einzelne Zuhörer von passen­der Art sind, und es kommt ja auch das Interessengebiet in Frage. Aber in tote vielen Fällen kann man bei Zuhörern die ganz gescheite Menschen sind, Ungeduld mahrnehmen, wenn der Erzähler seinen Stoss nickt gar schlank verar­beitet. Sie lassen sich von dem stockigen Wortlaut reizeu, Helsen nach, oder satten mit unpassenden Fragen ein, wäh- rend der Erzähler den Fortlauf der Gedanken und Worte für sich abwägt. Wo beide einen Genuß haben könnten, erweckt so der ungeduldige Zuhörer Aergernis und gerade das, dem er ab helfen will: wirkliche Stockung.

Es ist merkwürdig, wieviel Gewicht die meisten auf den Fluß" einer Rede legen. Wenn die Redner fließend sprechen, so beweist das nur eins von zweien: entweder, daß sie ihre Sache auswendig gelernt haben, ober aber, daß sie mit Gedanken hantieren, die an der Oberfläche bereit liegen, die nicht erst aus den Tiefen heraufdrängen und gesichtet und verarbeitet sein wollen. Denkende Men­schen mässen doch erst eines zum anderen holen, prüfen, wieder ausscheiden, und während sie dieses aussprechen, schon jenes andere, das da vorausgaloppiert, einzuholen suchen, mit anderm verbinden, und wieder prüfen, in Form kleiden und dabei das schon Gesagte im Kopse behalten.

Vergleiche man mit diesem Vorgang eine Rede, die das Fertige nur herunterrappelt, oder eine andere, die alles durcheinanderhaspelt, was da herangeslogen kommt. Ich meine, bann müßte man erkennen, baß es bie Ver­nunft verlangt, eine bedacht vorgebrachte Rebe, bie Hand unb Fuß hat, nicht burch Ungebuld zu stören. Wer Zuhörer: ist, Hal sich dadurch bem Sprechenben willig zu zeigen, baß er über bas Gehörte nachbenkt, besonbers bort, wo ber ein­zelne zum einzelnen spricht. Phcuttajiestarke Menschen mit sonberartigen Gebanlengängen sinbcn ja selten Zuhörer, die sich so sympathisch zeigen, baß sie zu Vertrauten wer­den, ts braucht, um diesen meist wortkargen Besonderen zu folgen, viel Feinfühligkeit.. .Ader bas. wir bergig

Die jüngste Kanjkrtrifis.

Die amtliche Erklärung derNordd. Allg Ztg.* über die 93er- -ffentlichung der Aeußeiungen des Kaisers und die Kanzlerkrisis habe keine Beunruhigung der öffentlichen Meinung hcrbeigeiührt Viele Blätter wissen mit der amtlichen Erklärung mchts anzu­sangen, weit sic in ihr eine Mystifikation vermuten, roeil ihnen der Zusammenhang des Vorgebrachien zu unglaubliafüg scheint. TasBerliner Tageblatt" glaubt den Hergang authentisch be­richten zu können und wartet mit Namen und Taten aus. Es erzählt:

AIS Fürst Bülow sich noch in Norderney beland in der letzten Zeit seines 9korderneyer AusenthalkS über­brachte ihm ocr Kurier, welcher während der Reiseperioden den Verkehr zwischeii dem Kaiser uiid dem Reichskanzler zu verniineln pflegt, das Nlanuskript derKaiser-Jntervielvs", das von einem Schreiben be5 Gesandten Freiherrn von Jciiisch begleitet war. Freiherr von Jenisch, der bekanntlich den Kaiser aus seinen Reisen begleitet, ersuchte im kaiserlichen Am trage den Reichskanzler, das Älatiuskiipt daraufhin z»i prüfen, ob feiner Veröffentlichung in einem englischen Blatte Bedenken mtgegtnfiäiiben. Aus dem Wortlaut des LegleitschreibenS ging nicht hervor, daß eS sich um em Interview Handelte es war dort vielmehr von einemArtikel" die Rede, iind Fürst Bülow glaubte, sehr bebauethcherroeife, bem Manuskript eine aUzn große Bebeutuny nicht beimefjen zu brauchen. DaS SDlamiitript war sehr umfangreich, e5 war in englischer Sprache abgesaßt, beflaub aus einem Paket kleiner Blätter beS bünncn Durchschlagpapiers, bie mit einer schwer leserlichen Schritt beberft waren, unb Fürst Bülow übergab eS leiber ohne es gelesen zu haben bem beuljchen Gesanbten im Haag, Herrn v. NiüUer, ber um jene Zeit vcrtietnngs- weise ben Dienst bei ihm versah. Herr v. Ptüller janbte bann loieberum ohne vorherige Prüfung bas Aianriskript nach Berlin an baS AnSivärlrge Amt unb ersuchte im Au'lrage bes Reichs­kanzlers um eine eingehenbe Prüfung bes Artikels unb um eine Berichtersiattuirg über biese Angelegenheit. Im Auswärtigen Amt war ber Staatssekretär Herr o. Schoen gleichtall« nicht auivesenb er betäub sich aus Urlaub in Berchtesgaden, unb bas Ptanuskript geriet an einen Beamten, ber sich ber Wichtigkeit bieser Senbung ersichtlich nicht beivußt war. Dieser Herr las zwar bas Piaiiuskriot (so erklärt er tvenigstens), sand aber seinen Inhalt durcl;- ruS nicht welterlchüiiernd. Er berichtete in diesem Sinne nach Norderney, schrieb, daß seiner Ansicht nach eine Veröfsenilichimg iinbedenklich sem würde, und das tblanuskript wanderte, mit einem enisprechenden Begleitschreiben deL Reichskanzlers, zu Herrn v. Jenisch zurück. Als Fürst Bülow dann die geradezu beispiellose Erregimg sah, mit welcher das unDaily Telegraph" veröffentlichte In- tervieiv im Auslände und mehr noch m Teuischland ausgenommeii wiiide, erkannte er die Größe des begangenen Fehlers. Vorgesiern abend sandte er dem vo>i Wernigerode znrückgekelirteii Kaiser einen Bries, in dem er den schlechten Embmck schilderte, den bas Fn- teruieiö tu ber beutjchee Presse gemacht habe, unb in bem er ben Hergang ber Angelegenheit burstellte. Er erklärte m bem Schreiben, daß er sein Ressort bede unb bie Verantwortitng aui sich nehme, unb ersuchte ben Kaiser um seine Entlassnng. Gestern früh erhielt der Reichskanzler dairn ein Annvortjchreiben des Kaisers, ivorm inigelähr gejagt ivar, von einer Entlasinng könne gar feine Rede sein, und um 6 Uhr abends sprach der Karjer beim Fürsten Bülow vor und hatte mit ihm eine zweistündige Unterredung.

Nach bieser Daistülung, für deren dkichligkeit das Berl. Tegebl. die Bürgschaft übernimmt, ist das Vertrauen des Kaisers zum Kanzler trotz bet Bor Kimmnisse ungeschmälert. Wenn man dem­gegenüber die Meinung ber OenenllickLeit, bie Stimmen der Presse hört, so ist festzustellen, daß Blätter von rechts unb links nur einen Ausweg aus ben jetzigen Schwierigkeiten sehen: eine Aenbcrung des Systems, eine Bürgsck-aft gegen ähnliche Dor- ko mmnisfe in ber Zukunft. Die lomeroative Kreuzzeitung fdtreibt in einem längeren Artikel zur Kairzler-Krise: Die Mit­teilung ber RorpbeuIschen Allgemeinen Zeitung läßt nicht genau ersehen, ob bas Versagen des Dienstes auf einen Fehler in bei Ocaanisation oder auf eine Schall) ber beteiligten Personen unb welcher von ihnen >)urückzustihren ist Es ist für die Oeffenp- lidjteit auch durchaus gleichgültig, ob ber Reichskanzler selbst das auf bünnem liebersec-Papier schlecht geschriebene Manuskript hätte durckckcscn sollen, ob ber Geheime Legationsrat L oder Lcgattons- rat P ben Fehler begangen bat, müeressiert nicht im Mindesten. Verlangt muß werden, daß oer Dienst bei den obersten Reichs- behörben uni) namentlich bei bem wichtigen Auswarligen Antt tabcllos funktioniert. Tas ist Sache pes Reichskanzlers. Die

Tägliche Rundschau meint, baß eine Anzahl Anzeichen bafür vorläoen, daß die Krisis noch nickt beendet ist. Insbesondere fällt es auf, daß ber Reichskanzler sich in feinen Empfängen Be­schränkungen auf erlegt Viel besprochen wirb ber Besuch, ben bei Kiwnprinz bem Reichskanzler abgcstattet hat. ES wirb behauptet, daß dieser Besuch mit ber schwebenden Krisis, deren Schwere nirgends geleugnet wird, in Zusammenhang gestanden habe. Ter Kandidat des Karsets für die Nachfolge des Fürsten Bülow soll gegebenen Falles in erster Linie der General von Mackensen sein. Außerdem weiden Freiherr von Marschall, Fürst Hatzfcld-Trachenberg unb Statthalter Graf Wedel ge­nannt. Das Ausscheiden des Staatssekretärs von Schön gilt als sicher. Außerdem bezeichnet man bie Stellung des Unterstaatssckretärs im Auswäitigen Amt, Stemiich, als er­schüttert. Die Frankfurter Zeitung ist ber Ansicht, daß bie alle Welt bewegende Angclegenhell morgen iin Reichstage zur Sprache kommen werde.

Der Reichskanzler wird sich zu verteidigen und zu wehten, vielleicht auch zu entschuldigen haben uno bei vielgewanbtc Meist-r in ber Behanblung von Parteien unb Menschen täuscht sich Wohl nickst barüber, daß er vor ber schwersten Aufgabe seiner ganzen Kanzlersck)aft stcht. Wir möchten annchmcn, daß von bei Art, wie ei vor bem Reick-stase aosck,kreiset, fein Verbleiben ober sein Rücktritt abhängen wirb. Parteien, bie ihm unbedingte Gefolgschaft leisten, hat er nicht. Per,örtliche Fteunbe, ganz abgesehen davon, baß solche Frcunbscltaft in ber Politik keine Rolle spielt, hat er nur wenige. Alles, was er sich im Laufe Der Jahre an Gegnerschaft erworben hat, kann nunmehr mit mehr Aussickst auf Ersolg als je zuvor sich gegen ihn geltend machen. Das wirb auch nicht au§('leiben. Die Sozialdemolrwtcn, beiten seine Person ziemlich gleichgültig ist, können burd) ihre Angriffe das garrzc Syshmr treffen. Für bas Zentrum ist ber Tag ber Revanche für oen 13. Dezemoer 1906 gek'mmen. Ob Die Rechte in ihm noch im Sinne der Agrarier ben besten aller ReiclMrnzler erblickt unb biese Ueberzeugung betätigt, ist min- bcft.7nS ungewiß; bie ^Rachlatzsteuei hat ihm bort Sympathien gcuiubt und noch mehr bie bescheidcuen, rveuig vcrvindlick-cn Versprechungen ber preußischen Thronrede für eine Reform des Wahlrech-ts. Unter den Nativnallioeralen und manchen Leinercn Gruppen kocht der alldeutsche Zorn über das, was ber Artikel besDaily Telegraph ' aus ber Zeit bes Burenkrieges unb über unsere allgemeine Haltung England gegenüber in Erinnerung gebracht hat. Die Freisinnigen haben roenig Lust, wegen ber ichwächlicben Aussichten ber Blockpolitik bem Vater verfetten bei einet Gelegenheit zu Hilfe zu kommen, in ber es sich um lange und oft beklagte, den bescheidensten konstiluttonetten Ansprüchen Widerspveckstnbe Zustände handelt. Wie wirb sich unter solchen Umstünden Bülow mit dem Reichstag auseinanbersetzen? Tas ist bie nächste, für die iueitere Entwicklung höchst wahrscheinlich entscheidenbe Frage. Daß Bülow ihr ausweichen werbe, wie mandje vermuten, glauben wir nicht. Ec wirb reden unb sich Dcrtcibigtn, unb ber Reichstag geht wahrscheinlich einet ber ve- beutenuften Sitzungen entgegen.

Schlimme, seht schlimme Besprechungen bringen bie aus­ländischen Zeitungen über die Angelegenheit. Der Tcmps zieht aus ber Erklärung der Norbb. Allg. Ztg. eine allgemeine Schluß­folgerung, inbem er schreibt:Solche Dinge kommen also in bem gootünelften, emsihaftesten unb gewifsenhaitej'ten Staate Euro­pas vor bie Deutschs.n etii'enuen sich mit Vorliebe selost bieje Lobeserhebungen zu. Es kommt uns in Erinnerung, baß wir oftmals im Laufe unserer Auseinandersetzungen mit Teuischland bie Zeichen ber Anarchie angeoeutet Ijauen, Die uns hinter ber mächtigen Votbevseite der kaiserlichen Politik erschienen. Welchen bessern Beweis konnte man hierfür liefern, als bie Eingeständnisse des amtlichen Blattes. In seiner Art hat der bekannte Haupt- mann von Köpenick nichts Größeres geieistet. Ist der Schauptatz dieser Voröommnisse das Deutsche Reich ooer bas Großherzig tum Gcvoistein?" Im übrigen meint ber Tcmps, daß bie Erklärung der 9a>rbb. Allg. Ztg. jetzt selost bic an ber Veröffentlichung im Dmly Telegraph geübte Kritik rechtfertige.

Die russisckj« ZeitungSlowo" schreibt:Die Mitteilung berNvrdb. Allg. Ztg." konnte hier nur ein lustiaes Lächeln übet baS spaßige Enoe eines unglücklichen Schrittes Hervorrufen, wenn ber ganze Hergang nicht zu benken gäbe. Der Zwischenfall beleuchtet in seinem ganzen Verlauf scharf ben bcujdjen Schein- iönstitutionalismus. Es ist ja kein Geheimnis, baß bassic volo sic jubco" oberSupoema lex tegis votuntaS" in Deutsch­land herrschen. Fürst Bütow hatte nicht zum ersten Male Fehler Kaiser Wilhelms in der äußeren Politik zu bcd'en unb nicht zum