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19.3.1908 Erstes Blatt
 
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Nr. 67 Erstes Blatt 158. Jahrgang Donnerstag 18. März 1908

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für die Redaktion 112, ___ IW _ _ Ä Verantwortlich

General-Anzeiger für Ohecheffen MM

Annahme von Anzeigen V -«V V 6 M u. Land» undGerichts-

»'^Änummee Rotationsdruck und Verlag der VrMschen Univ.-Vuch- und rteindruckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulftraße 7. Sal"; $ Heb; iür den

d® vormuiags iu uyr. '*r 1 1 u Zliijeigentetl: H. Beck,

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten. tPotitiM^e (£age$fd>mu

Der 18. Marz in Berlin.

Anläßlich de? 18. März beteiligten ftd) an dem Besuche des Friedhofes der Märzgefallenen etwa 12 000 Personen. Sie passterten tu ruhiger Ordnung; ein Einschreiten der Polizei wurde nicht not­wendig. Nachmittags fanden in 14 Lokalen sozialdemokratische Versammlungen statt, die von etwa 20 000 Menschen besucht waren. Die Redner forderten allenthalben in ihren Reden die Ein­führung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts in Preußen. Vor den Lokalen war sehr wenig Publikum; nur an einer Stelle hatte die Polizei Anlaß, gegen die Demonstranteir vorzugehen, doch ivurde aiich dort die Ruhe bald wiederhergestellt. (Sui in der Landsberger Allee radfahrender Schutzmann wurde von Demonstranten angegriffen ünb verletzt. Der Beamte kam auf seinem Rade die Landsberger Allee her­unter, als plötzlich ein Schuß fiel, der aus einem Bierlokale zu kommen schien. Der Polizist sprang vom Rade, um den Täter zu ermitteln. Da ertönte eine Stimme:Ter Schutzmann hat selber geschossen!" Der Beamte wurde hieraus von der Menge umzingelt iiiid verletzt, während der Ruser von einem anderen Schutzmanne sistiert wurde. Im Ganzen wurden migesähr 40 Personen sistiert. DemBerl. äwkalanz." zufolge fand abends gegen 9al< Uhr an der Ecke der Dirksen- intb der Kaiser Wilhelmstraße ein ernstlicher Zusammenstoß der Schutzmannschaft mit Exzedenten statt. Eine sehr große Menschenmenge, meift halbwüchsige Burschen, hatte sich in dem Scheunenoierlel zusammengerottet und wollten nach dem Schlosse ziehen. Einige von den jungen Leuten hatten Steine mitgebracht und schleuderten sie gegen die Beamten. Zwei Schutzleute wurden erheblich verletzt. Die Exzedenten wurden dann mit der Waffe zurückgetrieben und zerstreut.

Die Unruhen auf Haiti.

Aus Port au Prince wird depeschiert: Zwischen der deutschen Gesandtschaft und dem Kreuzer Bremen wurde vereinbart, daß im Falle neuer Unruhen auf ein Raketen-Signal der Gesandtschaft 200 Matrosen landen sotten. Tie in der deutschen Gesandtschaft verborgenen Flüchtlinge dürfen im Lause des Tages an Bord der Bremen gebracht werden. Auf dein Wege von der deutschen Gesandtschaft zur Bremen wurden einemdeutsche nGesandl- schafts beamten von einem haitianischen General Vorwürfe gemacht, daß die Bremen überhaupt erschienen sei und obendrein 24 Stunden früher, als sie erwartet wurde. Ter Beamte erwiderte, die l-aitianische Regierung habe durch ihre Uebergriffe die Inter­vention der RLächte nötig gemacht. Ter General begab sich hierauf zum Präsidenten Alexis, der mit den vom Kriegsminister aus Gonaives nad) Port au Prince berufenen Truppen den höchsten Punkt der Umgebung, das Nationaler besetzen ließ. Nach einer Meldung desDaily Expr-ß" aus Newyork ist der Regierung von Haiti mitgeteilt worden, daß die Stadt Port au Prince von den ausländischen, jetzt im Hafen liegenden Kriegsschiffen bom­bardiert würde, falls die Gesandtschaften oder Konsulate bei dein Versuche, die dorthin Geflüchteten zu ergreifen, angegriffen werden sollten. Tas Berliner Tage­blatt meldet aus Pore au Prince: Tic Regierung gab die Er­klärung ab, daß sie der Abreise der Flüchtlinge zustimme, und gab dem Wünsche Ausdruck, daß bei späteren Aufständen die fremden Gesandtschaften nicht wieder zu Asylen für Revolutionäre gemacht würden. Tie französischen Flüchtlinge gingen an Bord des deutschen Kriegsschiffes. Tie Flüchtlinge werden auf einer benachbarten AntiUeninsel abgesetzt. Ein fran­zösisches Schiff überwacht die Ereignisse in Gouaives. Tas ener­gische Einschreiten der europäischen Mächte rettete Ivenigstens einige Menschenleben. Tie Hinrichtung des Majors Laracg sowie ei­niger seiner Gefährten sollte in dem Augenblicke erfolgen, als die Kriegsschiffe auf der Reede erschienen.

GZeszener SLsdttheaSer.

Zapfenstreich.

Drama in 4 Aufzügen von Franz Adam Beyerlein.

Benefiz für Herrn Oberregisfeur Hermann Bakof.

Man mag heute Beyerleins erfolgreichstes Drama be­urteilen wie man will, aber das Eine muß man ihm un­bedingt zugestehen: die einzelnen Personen dieses Stückes sind außerordentlich scharf gezeichnet, es sind feine blutleeren Schemen, keine willkürlich konstruierten Gestalten; es sind alles Menschen von Fleisch und Bllit, und darum interessieren sie. Sie interessieren im Grunde genommen den Schauspieler noch weit mehr als das Publikum, denn sie geben dem Dar­steller so überaus dankbare und wirkungsvolle Nollen, die er innerhalb dec ihm vom Dichter vorgezeichneten Grundlinien je nach seiner Eigenart mit zahllosen interessanten indivi­duellen Zügen ausgestalten kann. Man kann es darum auch verstehen, daß eine Charakterrolle, wie die des Wacht­meisters Volkhardt in BeyerleinsZapfenstreich" Herrn Bakof, den vortrefflichen Obecregisseur und ausgezeichneten Charakter­darsteller unseres Stadttheaters, dermaßen feffeln kann, daß er sich gerade dieses Drama zu seinem gestrigen Benefiz aus­erwählt hat. Dieser Volkhardt gehört unbedingt zu den besten Leistungen Bakofs. Wie fein abgetönt schien gestern sein Spiel in dieser Nolle vom ersten Auftreten an bis zu äem furchtbaren Zusammenbruch in der Gerichtsszene. Er lhielt sich streng an den Dichter und legte doch auch wiederum in Einzelheiten so viel vom Eigenen in sein Spiel hinein, taß man seiner Darstellung im Fortgänge des Stückes mit steigendem Interesse folgen mußte. Das dokumentierte sich euch schon rein äußerlich, durch den von Akt zu Akt immer »värmer werdenden Applaus des Publikums. Nach der GerichtL- fzene, als dem Benefizianten ebenso wie nach dem ersten Akte zahlreiche Blumenspenden überreicht wurden, brach das Publikum in stürmische Bravorufe aus.

Herr Bakof hatte das Stück selbst inszeniert, aber leider konnte auch seine hochanerkennenswerte Negiekunst nicht über einige bedenkliche Fehlgriffe in der Besetzung der Rollen hin- »vegtäuschen. Unter den Darstellern ragte neben Herrn Bakof roc allem Herr Wein gärtner als Sergeant Helbig hcr-

parlamcntari{d?cse

Das Vereinsgeseh.

Dem Vernehmen nach ist über den Sprachenparagraphen des Vereinsgesetzes eine Einigung auf folgender Grundlage erzielt worden: Es soll zwischen alt eingesessener und fluktu- rierender Bevölkerung unterschieden werden. In den Bezirken, in denen nach der letzten Volkszählung mindestens 60 Proz. der Bevölkerung fremdsprachig sind, wird eine sremde Versamm- lungsfprache gestattet, falls die Versammlung 72 Stunden vorher angemeldet ist. E r st n a ch 2 0 I a h r e n soll nach dem Vorbilde des Gerichtssprachengesetzes von 1876 die Landeszentral­behörde ermächtigt sein, auch in diesen Bezirken nur die deutsche Spräche zuzulassen. In Wahlversammlun­gen aller Art sind für das ganze deutsche Reichsgebiet fremde Sprachen zugelassen. Die Vereinsgesetzkommission beschloß aus Antrag der Blockparteien, die Beratung des § 7 des Vereinsgesetzes auf heute zu vertagen. Die Vereinsgesetzkommission des Reichstages nahm ferner den § 1 a betr. Auslösung von den Strafgesetzen zuwiderlaufenden Vereinen und die Ztechts- mittel gegen die Verfügung der Auflösung an. Ferner wurde einstimmig bei Stimmenthaltung der Polen und der Sozial­demokraten der § 2 bett, die Anmeldepflicht politischer Vereine, ebenso die §§ 3 bis 6 ohne erhebliche Debatte angenommen.

Die Morgeublätter melden aus Breslau: Der im 73. Lebensjahre stehende konservative Reichstagsabg. Graf L i m - burg-Stirum ist schwer erkrankt.

AusSorsLH.

Wien, 18. März. Das Befinden des Kaisers ist, ab­gesehen von dem Schnupfen, der übrigens schon in der Lösung begriffen ist, andauernd sehr gut. Bekanntlich hat Kaiser Wilhelm die Absicht, auf der Rückreise von Korfu dem greifen Kaiser Franz Josef zum Regierungsjubiläum feine Glückwünsche darzubringen. Fast alle übrigen deutschen Bundesfürsten wollen ein Gleiches tun. Wie dieN. Fr. Pr." meldet, werden die deutschen Fürsten zur Beglückwünschung des Kaisers Franz Joses fast sämtlich gleichzeitig in Wien anwesend sein. Genannt werden schon jetzt der König von Württemberg, der König von Sachsen, der Prinzregent von Bayern, sowie alle deutschen Großberzöge.

Rom, 18. März.Tribuna" bezeichnet als wahrschein­lichen Nachfolger des verstorbenen Befehlshabers der mazedon. Gendarmerie General de Georgis den General Er i s p o, früheren Kommandanten der Truppen auf Kreta.

London, 18. März. Im Befinden Sir Henry Camp­bell Bannermans ist heute nachmittag eine leichte Besse­rung zu verzeichnen.

Paris, 18.». DieGaulois"-Meldung, daß das Ka­binett Clemenceau den Mächten oj? Npttvc^biakeit nahel^gen molk, Frankreich über Oie Algecirasakte hinaus­reichende Zugeständnisse in Marokko zu machen, wird vomMalin" für unzutreffend erklärt. Demnach beab­sichtige Frankreich weder eine neue Marokko-Konferenz einzu­berufen, noch dem Haager Schiedsgericht die Frage vorzulegen, ob die in Marokko seitens der Republik gebrachten Opfer einen bestimmten Gebietszuwachs für Frankreich rechtfertigen. Das De­menti desMatin" stammt aus dem Ministerium des Aus­wärtigen, wo man feine Neigung empfindet, von den anfangs April beginnenden sechswöchigen Osterferien das Parlament mit einer Angelegenheit von solcher Tragweite zu befassen.

Petersburg 18. März. Heute früh hat zwischen den Generalen Fock und Smirnow ein Duell stattgefunden, in dem General Smirnow sehr schwer verwundet wurde.

C h r i st i a n i a »18. März. Der König genehmigte die Zusammensetzung des neuen Ministeriums Gunnar Knudsen.

Casablanca, 18. März. General d'Amade berichtet, daß die Schau; astämme und die Chiundna sich unterworfen haben, weitere Unterwerfungen werden erwartet. General Liau- tey und Gesandter Regnault sind gestern hier eiugettosfen. Ihr erster Eindruck ist nach ihrer Erklärung ein sehr guter.

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vor. Besonders packend gestaltete er die Schlußszene des zweiten Aktes, in der er Klärchen in der Wohnung des Leut- nants Lauffen entdeckt. Die furchtbare Seelenqual Helbigs in dieser Szene und während der Gerichtsverhandlung im nächsten Akte gab ec wahr und ergreifend wieder. Ein recht schneidiger Leutnant v. Lauffen war Herr Clemens Roden. Den polternden Weiberhasser Queis gab Herr Lotz, und er verstand es recht gut, die Pferdcphilosophie dieses rauhen KriegsmanneZ zur Geltung zu bringen. Den Ulan Michalek stattete Herr Sachs mit der nötigen, nie versagenden Dosis Humor aus. Frl. Sylv a fand als Darstellerin dcß Klärchens viele echte warme HcrzenStöne. Eine recht interessante Leistung bot Herr Direktor Steingoetter als Graf Lehdenburg. Die Kürassieruniform stand ihm recht gut, und in der Dar­stellung verband er das Temperamentvolle im Charakter diesesRittmeisters mit derTreuherzigkeir und der echten Kamerad­schaftlichkeit, die Lehdenburg zu einer der sympathischsten Ge­stalten des Stückes machen. Die übrigen Rollen lagen in den Händen von Schmid-Pauly, v. d. Becke, Ruch, Gareis, Geisler, Hermann, Kreysing, Raden und Waldeck.

Das HauS war leider nicht so gut besucht, wie man es dem Benefizianten, unserem vortrefflichen Oberreglsseur, ge­wünscht hätte.

Aus M ü n st e r i. W. wird vom 17. März gemeldet: Tas Lander -Museum der Provinz Westfalen wurde heute eröffnet. Der Vorsitzende des Provinziallandtages, Frhr. v. Lands- berg-Steiuiurt, übergab das Museum der Provinzialverwaltnng, worauf Landeshauptmann Dr. Haminerschmidl mit einer Ansprache erwiderte. Tre philofophische Fakultät der Wilhelms-Universität l)at anläßlich dieser Eröffnung unter anderen Frhrn. v. Landsberg, Oberbürgermeister Schmieding-Torlmund, die aut dem Gebiete der westiälischen Kunstgeschichte bekannten beiden Forjcher W. Effinann- Bonn und W. Rumann-Aachen, ferner den Bildhauer Max Klinger zu Ehrendoktoren ernannt.

Ein Tiroler Kulturkampf. In Innsbruck lehrt seit Jahrric den Professor des Kirchenrechts Wahr mund. Er hatte zuerst den Haß der Klerikalen aus sich geladen, als er eintrat für Einführung der obttgatocischen Zivilehe ui Oester­reick). Ungleich zorniger auf ihn aber ward nuan, als Wahr­mund einen öffentlichen Vortrag hielt, den er auch als Bro­schüre unter dem TitelKatholische Weltanschauung

Ans Stadt nnd Land.

Gießen, 19. März 1908.

Neue Bahnen in Oberhesieu.

Tie feit -längerer Zeit projektierten Nebenbahnen Alsfeld- LandesgrenzL (Niederaula) mit Abzweigung nach Lich, Griedel Bad-Nauheim und Butzbach Lan- desgrenzc (Ebersgöns) werden noch den jetzigen Landtag: beschäftigen, so lilafe angenommen werden kann, daß die neuen Verkehrswege noch in diesem Jahr begonnen werden können. Die dem Landtag hierüber nunmehr zugegangene Regierungsvorlage lautet in der Hauptsache:

1. Zur Herstellung einer vollspurigcn Nebenbahn Alsfeld Landesgrenze (Niedev-Aula) mit Abzweigung nach Schlitz den Be­trag von 8118 000 M. aus Staatsmitteln zu verwenden und nach Maßgabe des Artikels 20 Mfich, 1 des Staatsvertrags zwischen Hessen und Preußen vvm 23. Juni 1896 der gemeinschaftlichen Eisenbahnverwaltung zur Verfügung zu stellen; 2. dem Unter-, nehmer einer vollspurigen Nebenbahn Dort Griedel nach Bad- Nauheim und dem Untcrneljmer einer vollspurigen Nebenbahn Butzback>Landesgrenze (Ebersgöns) je einen Betrag von 30 Dom) Hundert der tvirklichen Baukosten, bei dec letzteren Nebenbahn, soweit sie auf die hessische Teilstrecke entfallen, ausschließlich der! Kosten des Gcländeerwerbs, aber einschließlich der Kosten der erstmaligen Beschaffung der Betriebsmittel zu gewähren; 3. das für die Nebenbahn AlsfeldLandes grenze (Nieder-Aula) erforder­liche gemarkungsselbständige, zum Familieneigentum des Gcoßh. Hauses gehörige Gelände dem Unternehmer unentgeltlich und lasten-- frei als Eigentum zur Verfügung zu stellen und weiterhin zu den Kvsten des Geländeerwerbs dieser Nebenbahn 100 000 M. beizu­tragen.

Die erforderlichen Geldmittel sind int Wege des Staatskredits flüssig zu machen. Zu diesem Zwecke sind in dem Nennbeträge, der zur Beschaffung der Geldmittel erforderlich fein wird, Staats- schuldverschreibungen zu einem Zinsfuß auszugeben, wie er der jeweiligen Lage des Geldmarktes entspricht. *

Tie Tilgung des Schuldkapitals soll in der Art erfolgen, daß die jeweilig durch den Hauptvvranschtag der Staatseinnahmen und -Ausgaben dazu beftimmten Mittel zum Ankauf einer ent­sprechenden Anzahl von Schuldverschreibungen vertvendet werden. Dem Staate soll das Recht Vorbehalten bleiben, die ausgegebenen; Schuldverschreibungen ober einen beliebigen Teil derselben auch zur Einlösung mittels Barzahlung des Kapitalbetrags zu kündigen. Ten Inhabern ttcr Schuld-Verschveibungen soll ein Kündigung^, recht nicht zsrstehen.

Aus die Begründung der Vorlage, die auch genaueres über die Linienführung und die Finanzierung der neuen Bahnlinien ent-, hält, kommen wir noch zurück.

Tageskalender für Donnerstag, 19. März: Dec deutsch - französische Krieg 1870/71. 80 Kolossal - Kriegs- gemälde und Extra-Militärkonzert im Neuen Saalbau, An­fang 8 Uhr.

Kolo s se u m. Gastspiel Danny Gürtler, Anfang 8 Uhr.

Alpenverein, Sektion Gießen. Lichtbilder-Vor­trag von Dr. E. Neuning über seine Reise nach In­dien im Cafe Metropol, abends 88/4 Uhr.

* * Englischer Besuch in Darmstadt. Der Prinz und die Prinzessin von Wales werden Ende des Ntonats, wie nunmehr in dec Darmst. Ztg. bestätigt wird, zu mehrtägigem Besuch am Großherzoglichen Hofe eintreffen.

* " Pfarrperfonalien. Se. Kgl. Hol), der Groß­herzog haben den evang. Pfarrer Otto Offenbächer zu Mae««mii n 'itwrorawiMPTwiacaBaamng wm .JWfaawuaraMBMiM und freie Wissenschaft" bei I. F. Lehmann in München erscheinen ließ. , Wahrmund spricht in feiner Schrift aus, daß der Kampf zwischen Glauben und Erkenntnis zuungunsten der katholischen Kirche von heute ausgehen werde. Er legt dar, daß der Katholizisnrus in her Praxis polytheistisch (Gott, Christus, Maria, Engel, Heilige und Teufel) fei; ferner anttopomorpy und mit einem kirchlich beschränkten Gottesöegriff behaftet. Tiq Rückständigkeit des katholischen Weltbildes, der.Reliquienkult und andere Schäden und Ausartungen werden erwähnt. Eine Gleich- bereck)tigung dec katholischen Wel1ansc!>auung an unseren Uni­versitäten mit dem -übrigen Wissenschaftsbetriebe kann Wahr­mund nicht zugestehen, denn die Universitäten sind aus Lehr- und Lernfreiheit aufgebaut. Um einen Beweis von der prak­tischen Tuldsamkeit Wahrmunds zu geben, sei erwähnt, daß er die katholisch-theologischen Fakultäten nicht unbedingt be­seitigen will, ohne ihnen allerdings gar zu große Bedeutung: beizumessen. Tiefe Aeußemngen haben die Klerikalen auf das<l)ste erbittert. Umi die österr. Regierung davon zu überzeugen, daß sich das biedere Bauernvolk der Gebirgs­welt in einer furchtbaren Erregung befinde, wurde am letzten Sonntag eineProteftversammlung" in Innsbruck inszeniert. Einer der Redlier, Dr. Lucker, beklagte sich darüber, daß sich Professor WahrMund noch auffreiem Fuß befände"; Reichs- ratsmitglied Medreit versprach, die Bauern würden dafür sorgen, daß in der verseuchten Universität Ordnung geschaffen werde. Natürlich war auch die am Schluß der Versammlung gefaßte Resolution in dem gleichen Sinne gehalten: Tod aller freien Wissenschaft auf der Universität, Beugen der Lehre unter den Willen der Ätrdje und des Papstes. Der atVstvlische Nuntius am Wiener Hofe ließ dnpch Vermittelung des Ministers des Aenhern an den Unterrichtsministzer die Aeußeriing ergehen, Professor Wahr­mund von der Universität iu entfernen, da die Vorgänge in Inns­bruck beim Heiligen Stuhl größtes Aergernis erregt hätten. Offi­ziös wird dagegen behauptet, der j)ttmtiuS habe vorerst fein bestimm­tes Verlangen gestellt. Ter Unterrichts Minister hatte daher noch keine Veranlassung, eine Verfügung zu treffen. Tie Angelegenheit wird, wie offiziös versickiert wird, durch die zur Entscheidung berufenen Organe ihre weitere selbständige Behandlung finden. Tic liberalen Mütter Worms besprechen die Intervention des päpst­lichen Nuntius in leidenschaftlicher Weise und bezeichnen dejfen Vorgehen als ungehörige Einmischung des Papstes in die inneren Angelegenheiten des österreichischen Staates. Das müsse auf das schärfste zurückgewiesen werden.