Ausgabe 
18.11.1908 Erstes Blatt
 
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seines Vortrages bei dem Kauer Mitteilung machte. Un-

Die heutige Nummer umsatzt 10 Seiten,

mittelbar hierauf wird der Reichskanzler den Präsidenten tung des Reichstags Grafen zu Stollberg zu einer längeren Be- (all,e

Man kommt zum Herrn, um Befehle zu empfangen, und er hängt in wter Bluse den Kopf nach unten, küunmert mit den rfnien an der Stange und scl-aukell sich. Das Haar hängt herab und flattert, das Blut dringt in sein Gesicht und man mein nicht, soll man auf seine Weisungen hören oder sich über ihn ver­wundern . .

DerZall" Lepsins.

Einen neuenFall" sollen wir wieder einmal in Hessen haben. Das Negierungsorgan, dieDarmstädter Zeitung", brachte am Dienstag nachmittag unter der RubrikAmtliches* folgende Nachricht:

Se. ftönigl. Hoh. der Grogherzog haben Allergnädigst' geruht, am 16. Roo. d. I. den ordentlichen Professor an

Kinder, wie wär'S?"

Tie neueste Nummer derJugend" bringt folgende Verse: Kinder, wie war's, wenn statt schöner Tiraden Endlich geschähe einmal eine Tal?

Taß uns »licht wieder zu Spott bringt und Schaden Irgend em Interview oder Draht I

Ta» ina»» nicht höhnt uns jenseits des Meers! Kinder, »Die wär'S? Kinder, wie wär'S?

Kinder, wie war's, wenn »vir dringend begehren, Tab mail uns Rede und Antwort auch stehl?

Tag die Minister oerantworilich roäreiu Nicht nur sich winden und drehen beredt, Zierliche Puppen des höchsten Verkehrs? Kinder, wie wär'S? Kinder, wie wär'S?

Kinder, wie war's, wenn »Dir reichlich Blamierten äögen die Folgerung, endlich belehn?

nd mehr parlameniariich regicnen. Wie sich's lange schon treulich beivähN In dem Lande der Lords uub der Pairr? ftuiber, wie war's? Kinder, wie war's T*

politiicbe Lagcsicyatt.

Tie Gewerbeaussicht in Deutschland und im AuSlande.

Tas mterualionale Arbeitsaml Hane bet den der Vereuiigung für gesetzlichen Arbeilcrschutz angeschlosjenen Sektionen un letzten- Jahre eine Unurage über die Durchführung der Arbeiterschutz-- gcsetze unternommen, loobei es sich hauptsächlich um die m den Derschiedenen Ländern herrschende Ausgestaltung des (tieiuerbe- auisichlsdienstes handelte. Hierbei schneide!, wie »Dir m derSo­zialen Praxis" lesen, Teutschland auberordenllich günstig ab. Die angegebenen Zahlen beziehen sich aui das Jahr 1906. In Deutsch­land sind der GeiDerbeinspeklion unterstellt 236 043 Betriebe mit 5 884 655 Arbeitern: Hiermr besteht ein Beamlenslab D0N 428 Personen. England mit 263 264 reDisionspflichligen Be­trieben und 4 9U1936 darin beschäftigten Arbeitern, verfügt nur über einen Beamtenslab DvH 163 Personen. Frankreich hat nur 123 Beamte bei 548 225 reDisionspflichligen Be­trieben mit 3 864 007 Arbeitern. Tie übrigen Staaten bleiben mit den Zahlen weit zurück. Oesterreich hat 82 Beamte, Ungarn 49, Belgien 38, Niederlande 28, Tänemark 27, Italien 17, Spanien 16, Schweiz 9, Schweden 8, Luxemburg 2 Lassen sich auch mit den anderen Ländern schwerer Vergleiche ziehen, weil die Verhältnisse zu sehr von den deutsche»t abiveicbcn, so ist doch deri grobe Umerschied in der Beamtenzahl gegenüber den ungefähr auf gleicher Stu'e stehenden Ländern Eitgland und Frankreich sehr aut- lallend. In Deutschland gelangen von 10j revisionspflichtigen Be­trieben 52 Prozent zur Rernlion; für Frankreich und England fehlen leider die entsprechenden Angaben. Tagegen ist für England- »ungeteilt worden, daß ent Beamter im Jahre 2345 Revisionen zu erledigen hat, in Frankreich entfallen aut einen Beamten jährlich 1205 Revisionen. In Preußen »vird die Zahl von nur 400 Re­visionen für einen Beamten jährlich als Norm angesehen.

jenes Problem, dessen Lösung dem 20. Jahrhundert Vorbehalten blieb: um die Möglichkeit des menschlichen Fliegens. Der sieben- iäljrigc Knabe, der die Vögel raschen Fluges über die Stepperi seines Heimatlandes dahingtleften sah, war von dem heißen Wunsche beseelt, ilpten gleich rutun. Sein leidenschaftlicher Sinn machte nicht vor dem Begehren Halt, in Moskau tarn cs zu einem prak­tischen Versuche, der in seiner Primitivität für den kleinen Leo leicht schlimme Folgen hätte haben können. Es war zur Mittags­zeit, alles begab sich zu Tiich, aber in dem Knaben siegte der Wunsch zu fliegen über die Verlockung der Mittagstafel. Er tritt an das Fenster, klettert empor und kurz entschloßen, springt er hinaus. Er mußte freilich erfahren, daß die Nachahmung des Vogelfluges nicht io leicht ist, als tindlicl)ev Sinn es erwartet haben mockste: mehrere Nieter tief ftürjie er hinab und mit einer leichteren Schidelverletzung blieb er am Boden liegen. Zum Glück war die Verwundung nicht schlimmer Art und nach achtzehn Smn- den wachte Der kleine Flugcechniker wieder gesund und frisch aus. Weniger glücklich erging es der kleinen Tochter eines Freundes seines Vaters, mit der der Knabe ein inniges Freundschaftsver­hältnis eingegangen mar. Auch hier reißt ihn sein leid-ensclxift-- iidjed ungcfruince Wesen fort, er kann es nicht ertragen, die kleine Freundin mit anderen ipretijen zu sehen, uns in einer Aufwallung knabenhaften Zornes stößt er die Spielgefährtin vom Valkvii in die Tiefe. Tas Mädchen mußte die ungestüme Neigung des Spielgeführten mit jahretangem tpinLn hezahttn. Ein Vienel- jahrhu'.chert ipchvr heiratete Tolstoi die Toa/ier dieser Jugend­freundin, und lächelnd sonnte die Schwiegermutter zu ihm jagen: Tu hast mich wohl damals vorn Ballon herabgestoßcn, um jpater meine Tochter heiraten zu können?" Als Ossärer ist bei junge

Ein RegünentsLamenü) schildert ihn später als einen allzeit zu-, verlässigen Freund, einen ausgezeichneten Reiter, nnb, als einen Athleten, der auf der Erde liegend auf den ö-mbent durck) Empor strecken der Arme einen schweren Mann emporhebe« konnte." Im Turnen tat es ihm keiner gleich.Sporlsüburtgenl waren damals in Moskau allgemein Mode, und wer Tolstoi zu sprechen wünschte, konnte ihn nachmittags regelmäßig im' Gym­nasium in der großen Dmitrowka Straße finden, wo er, im Turnanzug, über das Pferd sprang, auf das man einen Kegel gestellt hatte, den er niemals berührte." Der Leidenschaft für körperlich^ Hebungen ist Tolstoi auch später treu geblieben, als er auf Jasnaja Poljana die Pflichten des Landwirtes und Guts­besitzers erlernte. Sein Bruder Nikolaus hat dem Tickster JJet eine bezeichnende Schilderung aus jener Zeit gegeben. ,Leo bemüht sich voll Eifer, mit dem Landleben sich vertraut zu machen, von dem er, wie wir ade, bisher nur eine oberflächliche Kenntnis besitzt. Aber ick) weiß nicht, welcher Art Kenntnis bei diesen Bestrebungen heraus ko mim en wird: Leo will alles sofort umfassen und nichts versäumen selbst seine Leibesüoungen nicht. So bat er sich unter seinem Arbeitszimmer ein Turnbarren errichtet. Und abgesehen von der Leidenschaft, mit der er sich diesen Hebungen t-ingiut, hat er recht: das Turnen stört nicht die Landwirtschaft; aber der Diener betrachtet die Tinge doch anders und meint:

des Reichstags Grasen zu Stollberg zu einer lana sprechung empfangen. Gleichzeitig macht der Stellvertreter des Reichskanzlers, Staatsminister von Beihmanu-Hollweg, den stimmführcnden Mitgliedern des Bundesrats im Auf­trage des Reichskanzlers entsprechende Mitteilung.

Leicht geworden wird es dem Reichskanzler auf alle Falle nicht geworden sein, int Amte zu bleiben, selbst wenn der Kaiser, wie jetzt gemeldet wird, sich ganz auf die Seite seines Kanzlers gestellt, sich seiner Auffassung der Lage angeschlossen und seine Vorschläge für die Weiterbehandlung dieser Angelegenheit angenommen hat. Fürst Bülow weijj nur zu gut, daß das Vertrauen zu seiner Amtsführung im Volke nun einmal erschüttert ist und daß es ihm schwer werden wird, sich dieses Vertrauen zurückzuerobern. Das einzige Mittel, sich dieses Vertrauen zurückzugewinnen, wäre nur bann gegeben, wenn Bülow in der Lage wäre, aus­reichende Bürgschaften für die Zukunft zu leisten. Das Verbleiben Bülows im Amte wird in diesem Augenblicke

des Ausschusses teilnahmen, jeitgeiieht wurde, daß die Lei­tung der auswärtigen Politir in den allerbesten Händen ist (allseitiges Bravo), und daß der Reichskanzler, iocnn er, loicwoht schweren Herzens, sich entschloß, in kritischer stunde dch Bürde seines Amtes weiter zu tragen, dies aus reinem Patriotismus, Pflichtgefühl und Anhänglichkeit an den Kaiser getan hat. Was geschehen ist, läßt sich nicht unge­schehen machen; aber statt zu hadern, wollen wir lieber einen ge,ullden Optimismus pflegen. Ich glaube gewiß, daß auch für Deutschland bessere Tage kommen werden. (Beifall.) Der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten wird künftig öfter in regelmäßigen Zwischenräumen zusam- mentreten, daun wird ,eiu Zusammentritt auch nicht, wie es diesmal geschehen ist, als Sensation angesehen werden. ^Lebhafter Bei,all.) Der Abg. Lpitz gab namens der Kvw ,crvativen dem Wunsche Ausdruck, baß die jetzigen Ereig­nisse nicht mit dem Rücktritte des Fürsten Butoiv endeten, londern daß dieser bedeutende Staatsmann dem Reiche auch ,ür die Zutunst erhalten bleibe. Dem pflichteten die Ratio- ualliberalen und die Resormpartei bei. Der Minister Hohen- thal bemerkte noch, er halte eine Aeudcrung der Verfassung im jetzigen Augenblicke nicht für tunlich. Hierauf zog Abg. Gnenther seine Interpellation zurück. Die Sitzung wurde alsdann geschlossen.

kleines KettMetsn.

Tas Geschenk des Kaisers für Pius X, das am 13. November von der außerordentlichen Mission zur Dar­bringung der JubiläumsglückwünsÄe überreicht morden, ist, zeichnet sich vor allen andern (foxben, wie sie bei solchen Gelegenheiten üblich sind, hurd; Eigenart, sinnige Auswahl und eine gewisser­maßen pcriönlici c Bedeutung aus. Der Kaiser wünschte dem Papst ein Andenken an die durch sein früheres Patriarchenamt ihm ans Heiy gewack-sene Lagunenstadt zu geben und damit zu- gleich ihre Uebereinstimmung in der Verehrung Venedigs aus­zudrücken, wo ja der Kaiser immer mit Vorliebe und mit regstem Interesse für die Denkmäler und Geschickte einer glorreichen Ver­gangenheit geweilt Hal. Seine Mahl fiel, der Köln. Ztg. Zufolge, auf eine künstlerische Nachbildung des Kapitals einer der Gäulen, die sich als uralte Wahrzeichen der Königin der Meere auf der Piazzetta nahe den Landungstreppen des Rkolo in Venedig er­heben. Diese Granitsäulen, die ursprünglich einem antiken Tempel angehärten, sind 1172« durch den Dogen Vitale Michiel aus Syrien horübergr brockst und am Anfang des 13. Jahrhunderts an ihrem heutigen Platz ausgestellt worden. Die eine, die das venezianisckic Mappentier, den Löroen von S. Marco trügt, diente als Vorbild für das kosroara kunstgewerbliche .Kleinod, das in Berlin angefertigt ioorben ist. Es ist ein 12 Zentimeter hoh^s Petschaft, das genau dem Kapital n ad; geb übet ist, unten an Stelle der Säule durch eine runde Platte mit dem zierlich eingraoierten Mappen des Papstes abgeschlossen. "Diese zum Siegeln dienende Platte besteht aus Goldtopas. Darüber ist auf dem zylinderförmigen goldenen Teil des Griffes mit Brillanten die Midnrung Pio X. Pont. Max. eingesetzt. Durch einen rund umlaufenden Eickytnkranz aus Email davon getrennt, liest man in dem Ring darüber die Jahres­zahlen 18581908, worauf wieder ein M'rans von Brillanten folgt. Daran setzt die ans einem dunkeln blauen Topas gefertigte Nachbildung des vierkantigen Kapit-äls mit seinen alten orien­talischen Ornamenten und dem auf jeder Seite wiederholten Sinn­bild des Kreuzes «an. Ilm die Platte daS Kapitals läuft wieder ein Kranz von Brillanten; der das Ganze krönende geflügelte Markuslowe ist in gediegenem mattem Gold gearbeitet und hält mit der einen Vordertatze ein ausgeschlagenes Buch, auf dessen Seiten die Inschrift zu lesen ist: Fax tibi Marce Evangelista nieus Das gesn.-mackvolle Kleinod, das seinem Erfinder wie dem Berliner Kunstvewerbe Ehre aiutti't, ruht in einem mit weißem Sammet gefütterten Kasten, auf dessen gelvbraunem Lederdeckel das Sinnoild des Papstmms, die gekreu-.ten Schlüssel mir der dreifachen Krone darüber, in Brillanten eingesetzt ist.

Die Bibel NaPo 1 eons I. Der italienische Schrift­steller R. Tondi, der seine Villegiatur auf Elba verlebte, hat dort eine Bibel vom Jahre 17/0 entdeckt, deren sich Napoleon wahrend seines Exils bebiente. Napoleon hielt sich etwa 14 Tage auf dem Felsgipfel von Santa 'JJtaria bei Monte auf, von wo aus er sich durch Signale mit seinen Freunden in Bastta (Korsika) verständigte. Mährend dieser Zeit war der Gestürzte

trotzdem mit einiger Befriedigung begrüßt werden, denn die politische Situation ist nicht derartig, daß sie gerade jetzt einen Kanzlerwechsel vertrüge. Von einem neuen Reichskanz­ler würde sich in diesem Augenblicke wohl keiner besondere Vorteile versprechen dürfen. Nicht mit Unrecht hebt die agrar-konservative Deutsche Tageszeitung hervor, daß der Rücktritt des Fürsten Bülow jetzt eine weit größere Bedeu­tung bekommen hätte, als unmittelbar nach der Veröffent­lichung des Daily Telegraph.Man würde ihn jetzt nur dadurch er Hären können, daß Fürst Bülow zu der Ueber- zeugung gekommen wäre, daß er die Verantwortung nicht mehr tragen könne, weil die von ihm im Reichstag ange­deuteten Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Unter diesen Umständen muß selbst der tüblfte Politiker, der für den jetzigen Kanzler wenig übrig hat, mit uns den aufrichtigen Wunsch hegen, daß es ihm möglich gemacht werde, die schwere Verantwortung seines Amtes noch länger zu tragen. Eine allmähliche Beruhigung der mit Recht erregten Votks- stimmung ist nur dann möglich, wenn der Kanzler im Amte bleibt. Ein Kanzlerwechsel würde, gleichviel wer der Nach­folger des Fürsten Bülow sein würde, die Beunruhigung vertiefen und dauernd machen." Dieser Eindruck würde sich natürlich im Hinblick auf das Ausland noch weiter ver­tieft und uns unabsehbare Schwierigkeiten bereitet haben.

Nicht ohne weitgehendes Jnteres.c für die Oeffentlich- leit ist eine Erklärung, die der sächsische Staatsminifter Graf Hoheillhal gestern in der Zweiten sächsisck)en Kammer über die Verhandlungen des Bundesratsausschusses abge­geben hat- In dieser Sitzung hatte der Abg. Guenther (frets.) die sächsische Regierung aufgefordert, die Initiative zu ergreifen, damit der Bundesrat Garantieen fordere, die eine Politik, wie sie bisher im Reiche geführt worden sei, nicht mehr möglich machten. Staatsminister Graf Hohen- thal erwiderte u. a.: Es mutz näher überlegt werden, ob jetzt der geeignetste Moment ist, aktiv vorzugehen. In der Sitzung des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten am vorigen Donnerstag hat Fürst v. Bülow in einem vier­stündigen freien Vortrage über alles eingehend Mitteilung gemacht, was sich in den letzten Jahren in Bezug auf die auswärtigen Angelegenheiten begeben hat. Die Mittei­lungen waren streng vertraulich. Ich kamt aber hervor­heben, daß in der Aussprache, an der sämtliche Mitglieder

vülow bleibt im Amte.

Das Ergebnis der gestrigen Besprechung zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler Fürsten Bülow ist, daß letz­terer im Amte bleibt.

Als sicher zu erwarten ist es nun, daß Fürst Bülow im Reichstage demnächst das Wesentliche aus dieser Unterredung mit seinem kaiserlichen Herrn mitteilt und damit seine Er­klärung von neulich ergänzt. Ter Reichskanzler ist es dem deutschen Volke schuldig, endlich Bürgschaften für die Zu­kunft zu geben. Mit Erklärungen wie er und der Vertreter des Auswärtigen Amtes sie in der vorigen Woche im Reichs­tage abgegeben ist keinem gedient. Heber die Zusammen­kunft zwischen Kaiser und Kanzler liegen z. Zt. folgende Meldungen vor: Der Kaiser und die Kaiserin trafen gestern früh 8.5 Uhr auf Station Wildpark ein. Das Kaiserpaar begab sich ins Neue Palais. Ter Reichscanzler Fürst Bülow begab sich kurz nach 10 Uhr von seinem Palais aus zum Potsdamer Bahnhof. Er» 1 c vm seinem Adjutanten, Hauptmann v. Schwartzkoppen, bcalcitet, der eine schwere Aktenmappe trug. Auf dem Bahnsteig sprach er einen Be­kannten an. Der Vertreter der N Fr. Pr. berichtet darüber seinem Blatte: Der Bekannte sagte dem Neichstanzler, daß die herzlichen Wünsche von ganz Deutschland ihn auf seinem schweren Gange begleiteten, worauf Fürst Bülow mit ernster Stimme die bedeutsamen Worte erwiderte:Ich habe keinen anderen Gedanken, als dem deutschen Volke gegenüber meine Pflicht zu tun." Der Bekannte erwiderte, er hoffe, man werde in wenigen Stunden rufen können: Hoch Reichskanzler Fürst Bülow! Der Reichskanzler drückte ihm lächelnd die Hand und bemerkte, man wisse nicht, wie es ausgehen werde. Fürst Vülow, der sehr ernst und blaß aussah, be­stieg den Salonwagen und traf um 10.58 Uhr in Wildpark ein. Er wurde sofort im Neuen Palais vom Kaiser emp­fangen. Der Vortrag dauerte etwa 13/< Stunden. Um 12.56 Uhr trat der Reichskanzler die Rückreise nach Berlin an.

Eine offizielle Mitteilung der Regierung im Reichs­anzeiger über das Ergebnis der Unterredung lautet fol­gendermaßen: In der heute dem Reichskanzler gewährten Audienz hörte der Kaiser einen mehrstündigen Vortrag des Fürsten von Bülow. Der Reichskanzler schilderte die im Anschluß an die Veröffentlichung desDaily Telegraph" int deutschen Volle hervorgetretene Stimmung und ihre Ursachen; er erläuterte ferner die Haltung, die er in den Verhandlungen des Reichstags über die Interpellationen eingenommen hatte. Der Kaiser nahm die Darlegungen und Erklärungen des.Reichskanzlers mit großem Ernste entgegen und gab feinen Willen dahin kund: Unbeirrt durch die von ihm als ungerecht empfundenen Uebertreibungen der öffentlichen Kritik, erblicke er seine vornehmste Kaiser­liche Ausgabe darin, die Stetigkeit der Politik des Reichs unter Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlich­keiten zu sichern. Demgemäß billigte der Kaiser die Aus­führungen des Reichskanzlers im Reichstage und versicherte den Fürsten von Bülow seines fortdauer»iden Vertrauens. Weiter berichtet die9L A. Z.": Der Reichskanzler Fürst von Bülow hat alsbald nach |einer Rückkehr von Potsdam das preußische Staatsministerium zu einer vertraulichen Besprechung zusammenberufen, in der er über das Ergebnis

Nr. 272 Erstes Blatt 158. Jahrgang Mittwoch 18. November 1908

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Yernwrech. AmchliiNer iUerant wörtlich

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ssässs" General-Anzeiger für Oberhessen

Snnoym, von Anzeige» V 4 l I »r. Uand und,Gencius-

bis Do^mrnagTToüb NotallonrdNlS uttb Verlag dervrMschen Univ.'vuch' und Zteindruckerel R. Lange. Redaktion. Expedition und vruckerei: rchnlstratze r. LÜze.aenteü^ H""vsL

ganz ohne Bücher, und er war darum froh, als ihm der Pfarrer Tolsfoi ein begeisterter 'änbauger aller uahienoen Leibesübüiigem. des Bergkirchleins seine italienische Bibel borgte. Napoleon las -----k "" '*"'**u

darin, und je nach seiner Stimmung untersttich er gewisse Stellen, die Eindruck auf ihn machten. So zum Beispiel:Meine Seele ist betrübt; wachet mit mir ..."Nehmet auf euch mein Joch" usw. (als Mahnung an seine Getreuen, ihn in der 9lot nicht zu verlassen?). Es scheint, daß aus Bastia bessere Nach­richten kamen, denn der Kaiser unterstteicht die Stelle:Fürchtet euch nicht, denn ich habe viel Volkes mit mir" und schließlich als Ausdruck seiner Vendetta-Wünsche:Mein Blut komme auf euer Haupt". Der letzte untersttichene Passus ist:Gott ist für mich, wer ist wider mich?" Die Lektüre l)ört mit dem Bries Pauli an die Römer auf. Nur ein großes lateinisches N mit der Kaiserkrone darüber erinnert an den großen Korsen.

Tolstoö'Ä.neLooten. In einer soeben erschienenen neuen Tolstoi-Biographie des Engländers Aylmer Maude werden eine Reibe kleiner Emzclzüge aus der Kindheit und den Mannesjabren Tolstois erzählt, die einen besonderen Reiz gewinnen, weil in ihnen die Persönlichkeit des späteren großen Dichters ungezwungen menschlich sich spiegelt und die von leich.er Heiterkeit verklärten kleinen Geschehnisse des Alltags das herbe Bild des strengen Dogmatikers und Moralisten menschlich beleben. Die Phantasie des kleinen Zknaben kreiste eine Zeitlang mit naivem Eifer um