Ausgabe 
18.2.1908 Zweites Blatt
 
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Hverden. Mittwoch, Den 26. Februar, vormittags 9.30 Uhr bis 10.15 Uhr, spricht Regierungsrat Dr. L. Hiltner, Direk­tor der Kgl. Bayr. agrikultur-botanischen Anstalt, München, über die wichtigeren, insbesondere die von Saatknollen, ausgehenden Krankheiten der Kartoffeln und ihre Bekämpfung, und dann von 10.30 Uhr bis 11.15 Uhr derselbe Referent über einige besonders wichtige, mit dem Saatgut verschlepvbare Krankhei- jten der Kulturpflanzen und ihre Verhütung. Von 11.30 Uhr bis 12.15 Uhr Vortrag von Professor Dr. L. Pohle-Frank­furt a. 9JL über die Ursachten der billigeren Gctrciveproduktion Amerikas. Nachmittags 3 Uhr Diskussion. Die Bekanntgabe der Vorträge der anderen Tage wird noch, erfolgen. Um auch den minderbemittelten Landwirten den Besuch der lehrreichen und anregenden, leicht verständlichen Vorttäge zu ermöglichen, wurde, wie die Korrespondenz der Landwirtschaftskammer |üt das Großherzogtum Hessen schreibt, der Preis für Dauerkarten, welel^-e zu dem Besuche sämtlicher Vorträge und Tiskufiwns- nachurittage berechtigten, nur auf 3 Ml. (statt wie bisher 5 Mk.), der Preis für Tageskarten auf 1 Mk. (statt wie bisher 2 Mk.) festgesetzt. Infolge der billigen Eintrittspreise ist auch, wie aus den schon eingegangenm Bestellungen auf Dauer­karten hcrvorgeht, ein sehr zahlreicher Besuch zu erwarten. Bestellungen auf Dauerkarten für sämtliche Vorttäge zum Preise von 3 Mk. sind an die Landwirtschaftskammer für das Groß- herzogtum Hessen, Darmstadt, Rheinsttaste 34, I zu richten, wo auch d^r Stundenplan erhältlich ist. Tie Tageskarten zum Preise von 1 Mk. werden an den betreffenden Tagen an der Kasse im Städttschen Saalbau, Riedeselstraße 40, abgegeben.

** Aus bent Bureau de.s Stadttheaters. Durch günstige Umstände ist es der Direktion möglich ge­worden, in sämtlichen Abonnemcntsvorstellungen der nächsten Woche ein interessantes neues Stück und einen interessanten Gast zu bringen. Fräulein Angelina Gur- litt, die die Rolle der Ethel nt des Dänen Esman Lust­spielVater und Sohn" in Berlin kreiert hat, wird in den Abonnementsvorstellungen des 25., 26. und 28. im genannten Stück und in genannter Rolle hier gastieren. Wegen der Vorbereitungen zu dieser Aufführung muß die Premiere von Lilienfeinsg r o ß e m T a g", die auf Frei­tag angesetzt war, verschoben werden. Es findet dafür am Freitag eine Aufführung von K ö n i g L e a r im Abonne­ment statt.

** Jm'Kolvsseum war gestern Programmwechsel. Das neue Ensemble ist entschieden eines der besten, die im Kolosseum seit seinem Bestehen zu sehen waren, und hat nur den einen Fehler, daß es zu lang und zu reichhaltig ist. Wenn trotzdem das gestern überaus zahlreich erschienene Publikum bis nach Mitternacht den Vorgängen auf der Bühne mit unvermindertem Interesse zusah, so spricht das am besten für die Güte des Gebotenen. Eröffnet wurde der Reigen der Darbietungen durch allerliebste Atipoden- spiele von O Kito, worauf die Vortragssoubrette Lona Eriks die Anwesenden mit ihrem Gesang erfreute und dafür lebhaften Beifall fand. Zwei amerikanische Exzentriks machten unter großem Jubel dem Publikum sehr komischen faulen Zauber vor, worauf das Damen-Tanz-Quartett der C l i q u o t s seine Künste zum Besten gab. Fünf reizende, schick kostümierte junge Mädchen erschienen singend und tanzend auf der Bühne und nahmen sofort das Interesse der Zuschauer in Anspruch. <Äe tanzten lebendig und mit großer Grazie und boten in einigen Gruppenstellungen auch beachtenswerte gymnasttsche Kraftleistungen. Tie mysteriösen Liliputaner" Dora und Jean Marow boten auf ihrem Miniaturtheater allerlei köstliche dramatisch ausgestattete Gesangsvorträge, u. a. eine köstliche Parodie auf die Lorelei und beit Rattenfänger von Hameln, bei bem Zahlreiche bressierte weiße Mäuse mitwirkten. Der Humorist Paul Backer ist ein recht guter Charakterdarsteller, der in seiner Vorttagsart etwas an Otto Reutter erinnert. Er sang mit guter Charakteristik und flottem Vortrage pointenreiche Lieber und Couplets und mußte sich immer wieder zu neuen Vorträgen verstehen. Dabei waren seine Vorttäge durchaus einwandfrei, der wahre Humorist hat das eben nicht nötig, den fehlenden Witz durch Zoten zu ersetzen. The-J amamo tto's führen dann sicher und gewandt eine Anzahl der bekannten japanischen Zauber­kunststücke vor. Eine Original-Verwandlungssezene der Clevers zeigte deut Publikum dann eine Großstadtszene, die trotz dem heiklen Thema nicht abstoßend wirkte. Dabei kam dem Künstlerpaar der Umstand zugute, daß es wirklich singen konnte. Den Schluß der Vorstellung bildeten dann die internationalen Damen -Ring kämpfe, zu denen sichelns jetzt 12 Damen eingefunden haben. Mle deutschen Stämme und einige fremde Nationen sind ver­treten. Wenn man sich erst einmal an den Gedanken ge­wöhnt hat, Damen auch auf diesem Sportgebiet sich öffent­lich betätigen zu sehen, gewinnt man den Ringkämpfen bald Geschmack ab. Die Damen ringen mit großer Leiden­schaft und Gewandtheit, und der Anblick, den die dezent und sehr zweckentsprechend kostümierten kämpfenden Ama­zonen bieten, ist ästhetisch einwandfrei. Gerungen wurde griechisch-römisch, die Kämpfe spielten sich meist im Knieon und Liegen ab und werden, trotzdem die Teilnehmerinnen eigenttich nicht deutschwächeren" Geschlecht zuzuzähleu sind, mehr durch Gewandtheit als durch Kraft entschieden.

Das gestrige Ringen nahm folgenden Verlaut: Frl. Berg- Berlin rang gegen Frl. B o st o w s k y, CftpreiiBen. Ter Kampf, der äußerst lebhait im Stande, sowie am Boden geführt wurde, endete mir dem Siege der Ostpreußin in 16 Minuten 7 Sek. durch £xüb Nelson am Boden. Im Kampfe von Frl. Richter, Schlesien, gegen Frl. Knorr, Rheinland, siegle erstere mit großer lieber- legenheit in 5 Minuten 2 Sek. durch Halb Nelson mit Armdurchzug am Boden. Der Kampf Frl. H a n t o n (Elsaß) gegen Fräulein Siuranky (Ungarn), bet dem man die ganzen'Phasen der griechisch-römischen Rttigkunst beivundern konnte, fiel zu (Sunften der Elsässierin aus durch Toppel-Schulterschwung aus dem Stand ch 5 Min. 7 Sek.

"Int Bannkreis des Vesuvs befinden wir uns, wenn wir diese Woche dem Kaiserpanorama einen Besuch ab- slatten. Wir sehen Neapel, die reichste und belebteste Stadt Italiens, mit seinen prachtvollen öffentlichen Plätzen, Kirchen und Straßen, die dem Beschauer einen interessanten Einblick in das Leben und Treiben dieser amphitheatralisch am Meer­busen gelegenen Stadt gewähren, wir sehen den rauchenden Vesuv, deffen Besteigung der Reisenden durch eine Zahnrad­bahn erleichtert wird und denken beim Anblick in nächster Nahe aufgenonnnenen Ausbrüche an die furchtbaren Ler- wüstungen, die dieser Vulkan erst vor einiger Zeit ivieder verursacht hat. Nach einer Wanderung durch das aus der Llsche des Vesuvs ausgegrabene Pompeji begrüßen wir das schöne Sorrent mit seinen herrlichen LaudschastLszenerien und enden schließlich auf Capri, wo wir neben den interessanten Partien der beiden Städte Capri und Anna-Capri auch die Villa Krupp und die berühmte blaue Grotte kennen lernen. Wir

können den Besuch des Panoramas jedem Naturfreund nur empfehlen. , .

** Technischer Verein. Am Donnerstag abenb gi/2 Uhr wirb Jitg. Patentanwalt D. W. Reutlinger- Frankfurt a. M., eine Autorität auf bem Gebiete bes Feuer­wehrwesens, über Feuerschutz unb Fe uerwehr im 20. Jahrhunbert sprechen. Das Interesse an diesem Thema wirb burch die Darstellung eines so dazu berufenen unb interessanten Rebners wie Herrn Reutlinger sehr gehoben werben. Der Technik itrnb bem Feuerwehrwesen nahestehenbe Personen sind zu bem Vorttag eingeladen.

"Roheit. In der Nacht auf Montag wurden in der Marburger Straße in vier verschiedenen Vorgärten an sämtlichen Zierbäum chen die Kronen ab geschnitten. Die Tat geschah um 2 Uhr und zwar von einem erwachsenen Manne. Nach den polizeilichen Feststellungen scheint es sich um einen Racheakt zu handeln. Die Geschädigten haben dem, der Anhaltspunkte geben kann, die zur Feststellung des Täters führen, eine Belohnung von 20 Mk. zugefichert.

+ Klein-Linden, 17. Febr. Am Samstagabend feierte im SaaleZur deutschen Eiche" der älteste hiesige GesangvereinEintracht" sein 43. Stiftungsfest bei Gesangsvorttägen, Konzert und theatralischen Vorführun­gen. In einer Ansprache hob Stangent Lehrer Keil die Bedeutung der Männerchöre für die Pflege des Volksliedes, die Pflege der eintaWiebe und des Waterlandsliedes hervor; sein Hoch galt dem deutschen Männergesang und dem Vater­land. Sieben Mitglieder, die bereits über 25 Jahre dem Verein angehörten, erhielten Ehrentafeln, die der Vorsitzende Ludwig Jung überreichte. Die also Geehrten sind: Weiß­binder W. Jung, Kohlenhändler W. Jung, Landwirt PH. Jung, Fuhrmann PH. Jung, Joh. Volk, PH. Volk und Metzger Wilhelm Weller. Eine Nachfeier schloß sich am Sonntag nachmittag in der Wirtschaft von Rinn an das Stiftungs­fest. Einen wohlgelungenen Maskenball hielt der Gabelsberger Stenographen verein am Sonn­tag in derDeutschen Eiche" ab, der bei Tanz und Konzert einen schönen Verlauf nahm.

x Allendorf a. Lda., 16. Febr. Der Geflügel­züchterverein Allen dorf und Umgebung hielt heute bei Mitglied Ranft hier seine erste diesjährige Versammlung ab, die gut besucht war. Der Verein hat unter dem Vorsitz seines sehr rührigen Vorsitzenden Bahnmeister Hilz hier an hiesigen und auswärtigen Mitgliedern sehr zugenommen. Nach Erledigung einiger geschäftlichen Mitteilungen und der Austeilung der neuen Vereinssatzungen hielt der Vor­sitzende einen eingehenden und lehrreichen Vorttag Über Behandlung und Pflege des Geflügels. In der sich an den Vortrag anschließenden Besprechung wurden von verschiedenen Mitgliedern aus der eigenen Erfahrung zu dem vorliegenden Thema noch einige praktische Rat­schläge gegeben. Auf Antrag wurde beschlossen, Brut­eier von rassereinen Hühnern an Nichtmitglieder bes Vereins nicht unter 15 Pfg. das Stück abzugeben; auch fand der Antrag des Vorsitzenden, den Verein dem Oberhessischen Geflügelzüchterverein anzuschließen, einstimmig Annahme.

8 Lich, 16. Febr. Heute versammelten sich hier im neuen Gebäude dec landwirtschaftlichen Winter­schule die früheren Schüler dieser Schule, um die neuen Räume und die neuen Einrichtungen zu befichtigen. Die Lehrer der Schule führten Lichtbilder vor, die infolge der bequemen Einrichtung rasch veranstaltet werden können und den Unterricht anschaulich und interessant machen. Im An­schluß daran erfolgte die Errichtung eines Vereins der früheren Schüler der landwirtschaftlichen Winterschule, dem sämtliche Anwesende alsbald beitratcn. Die früheren Schüler zeigten sich besonders erfreut über die Mitteilung, daß die von ihnen seinerzeit unter Mitwirkung der Lehrer selbst angefertigten Lehrmittel aus der Lehrmittelausstellung dec Deutschen Land­wirtschafts-Gesellschaft zu Eisenach mit einem zweiten Preise ausgezeichnet wurden.

= Trais-Horloff, 18. Febr. Heute nacht wurde auf der GrubeF ri c d r i ch" e i n g e b r o ch e n. Es wurde ein größerer, der Krankenkasse gehörender Geldbetrag ge­stohlen, der in einem Holzkästchen anfbewahrt war. Man vermutet, daß der Dieb in den Reihen der auswärtigen Arbeiter zu suchen ist, die gestern in der Stärke von 60 Mann hier eintrafen. Die Untersuchung ist im Gange.

(-) Friedberg, 17. Febr. Gestern nachmittag starb hier einer der ältesten hessischen Lehrer, der Oberlehrer i. P. Nikolaus Bitsch im 83. Lebensjahre. Der Verstor­bene war vor seiner Pensionierung Oberlehrer an der hiesigen Stadtschule.

-th. Ober - Ohmen, 15. Febr. Bei der Neu- Verpachtung unserer Jagd blieb Peter Herzing von Fechenheim mit 710 Mk. Jahrespacht Höchstbietender. Pachter Jung in Steinfurth, welcher unsere Jagd bisher gepachtet hatte, zahlte dafür jährlich 550 Mk.

H. Helpershain, 17. Febr. Mit dem Neubau unserer Kirche nach den Plänen und unter der Leitung der Großh. Kreisbauinspektion, Baurat Diehm zu Gießen, wttd demnächst begonnen werden, nachdem die Rohbau­arbeiten definitiv vergeben sind. Um die sehr arme Vogels­berger Gemeinde bei ihrem Kttchbau zu unterstützen, hat auch das Großh. Kreisamt Gießen in dankenswerter Weise dem Kirchbauverein eine Hauskollekte bewilligt. Gegen­wärtig bereist der Kollekteur den Kreis Gießen und wird im Laufe dieser Woche auch in der Stadt Gießen tollet* tieren. Möge er vor allem da willige Herzen und offene Hände finden. Die Gemeinde verdient nicht nur wegen ihrer Armut, sondern auch wegen ihrer Kirchlichkeit jede Unter­stützung.

rl Ruppertenrod, 17. Febr. Das Steigen der Jagdpachtpreise machte sich auch bei der heute hier vor­genommenen Verpachtung der hiesigen Gemeindejagd be­merkbar. Die Jagd wurde in drei Teilen verpachtet und in Summa wurden 520 Mk. erzielt gegen 356 Mk. der früheren Verpachtung.

X Aus der Rabenau, 17. Febr. Die Burg Norde ck in dem gleichnamigen Dorfe, die geschichtlich be­reits im 11. Jahrhundert genannt wird, soll auf Veranlassung der Frau Fähndrich, geb. Freiin von Nordeck zur Rabenau, wieder neurestauriert werden.

Q Gonterskirchen, 17. Febr. Entgegen den Jagd­verpachtungen an anderen Orten wurde bei dec am Samstag abgehattenen Jag dv erpa chtu n g ein um ein Drittel niedrigerer Preis (von 1500 Mk. auf 1000 Mk.) erzielt. Pächter sind Forstmeister Andrö und Oberförster König er ans Laubach.

R.B. Darmstadt, 17. Febr. Zwischen der Block- tation Tanne und dem Südbahnhof wurde gestern abend 8 Uhr der Kanonier Greven st ädt vom 25. Artillerie-Regt. von einem Main-Neckar-Bahnzug überfahren und voll» ständig zermalmt. Ob ein Unglücksfall oder Selbstmord vor­liegt ist noch unbestimmt.,

VerrirLschSes.

* Die Friedberg-Affäre in Berlin hat ein neues Opfer gefordert: Kriminalkommissar Waldemar Müller hat sein Abschiedsgesuch eingereicht. In einer Zuschrift an dieB. Z. a. M." sagt er darüber:Ich habe oeben den Herrn Polizeipräsidenten von Berlin um meine Ent- assung aus dem Staatsdienste unter Uebersendnng eines schrift­lichen Gesuches gebeten. Die Gründe liegen in der unüberwind­lichen Pflichtenkollision zwischen Disziplin und sachlicher Ver­antwortung. Seit Jahren habe ich versucht, einen Ausgleich zwischen diesen Pflichten zu finden. Ich habe gekämpft und gekämpft. Um aber schließlich in diesem nutzlosen Kampfe nicht meine, besten Kräfte zu vernichten, schreit eine Stimme jetzt in mir auf:Löse dich endlich aus diesen unerträglichen Fesseln und mache dich frei." Tas Pflichtgefühl als Beamter trifft .mit dem Verantwortungsgefühl zusammen, um die Ermittelungen in der Ftiedberg-Affäre zu Ende zu führen. Die anstrengenden letzten Tage und Nächte haben jedoch in keiner Weise meine körperliche und geistige Kraft geschwächt. Ich fühle mich außer­ordentlich glücklich und von Arbeitsfreudigkeit beseelt. Ob die die Festnahme Friedbergs heute oder morgen erfolgt, muß zurück- tteten, wenn es sich darum handelt, dem deutschen Volte zu dienen!" Nach Ermittelungen des B. B. C. hat Müller sein Wschiedsgesuch eingereicht, weil er die Fesseln des Tienstes abschütteln und sich ganz der dramatischen Schrift- ft e l l e r e i widmen will, der er unter dem Namen Müller-Eber­hardt schon jetzt in feinen Abußestnnden oblag. In nächster Zeit wird sein Drama:Lokomotivführer Klausen" im Fried­rich Wilhelmstädtischen Schauspielerhause zu Berlin in Szene gchen. Tie Arbeiten in der Friedberg-Sache haben den ner­vösen Beamten sehr mitgenommen, so daß er jetzt die Flucht in die Oesfentlichkeit antteten zu sollen glaubte. Nach dem W. T. B. wurde Müller auf sein Abschiedsgesuch vorläufig beur­laubt. Sein Verhalten war schon, wie das offiziöse Bureau hinzufügt, am Samstag aufgefallen. Müllers Stelle in der Friedberg-Affäre ist Kriminalkommissar Fischer getreten. Eine der ersten Amtshandlungen, welche der Untersuchungs­richter in der Friedberg-Affäre vorgenommen hat, war, dem Herold" zufolge, die Haftentlassung des Rechtsan- walts Caro. Dieser war auf Veranlassung Müllers dem Untersuchungsgefängnis zugeführt worden wegen Fluchtverdachts und Zeugen-Kolission. Bride Gründe scheint der Richter nicht für stichhaltig erachtet zu haberr. Auch die unter dem Verdacht der Kuppelei und Erpressung verhafteten Fran S^cheybal nebst Tochter sind ohne Stellung einer Kaution ent­lassen worden. Man beurteilt in Berlin Müllers Temission ganz anders, als er selber vorgibt. Man schreibt uns: Tie Doppeltätigkeit Müllers als Kriminalist und Li- terta scheinen viel zu seinem Zusammenbruch beige- ttagen zu haben. Die Friedberg-Affäre würde ihn wohl noch nicht ruiniert haben, hätte der schlaue Bohn den ehrgeizigen Beamten nicht überlistet. Bohn wäre schwerlich entkommen, wenn er nicht den Trick verübt hätte, nach dein Verschwinden Friedbergs selbst zu Müller zu gehen uird ihm Friedberg als Betrüger zu beminäieren und sich selbst als den Geschädigten hinzuftellen. Müller ist verheiratet, aber kinderlos. Seine Gattin huldigt ebenfalls schöngeistigen Neigungen. Zu beklagen sind Müllers hochbetagte Eltern. Sein Vater, der Geh. Baurat Müller, feierte am Sonntag seinen 75. Gebuttstag. Der Sohn sandte ihm Glückwünsche, entschuldigte aber sein Fernbleiben mit Ueberbürdung durch Berufspflichten. Die Berliner Krimi­nalpolizei ließ an alle Polizeibehörden Deutschlands eine De­pesche folgenden Inhalts abgeben: a) Bohn trug noch am 12. ds. Mts. in Köln folgende Schmucksachen: 1. Kavalieruhr­kette mit goldenen und silbernen schmalen Gliedern. Tie Kette war durch ein Westenknopfloch gezogen und hing in zwei Bogen über der Brust. In der linken Westentasche trug Bohn seine goldene Uhr. 2. Drei bis vier Ringe, jeder mit mehreren Steinen. Ein Ring davon nur mit Brillanten. Bohn besaß noch eine Schlipsnadel mit einem ausfallend großen Brillanten, der von kleineren umgeben war. Zwei Brillaut- hemdenknöpfe. Goldene viereckige Manschettenknörne: fester mv- berner Knopf mit Rubin und einem Brillanten. Ib) Klara Em­merich trug noch in Köln 1. ovale Ohrringe, mit blauem Saphir, ringsherum Heine Brillanten. 2. Schmaler, mattzise­lierter Goldreifring in Fragezeichenform mit einem Brillanten und einem Rubin. 3. Mattgoldener Verlobungsring. 4. Drei Haarkämme mit weißen Steinen. 5. Um den Hals eine lange, mattgolde Uhrkette. Außerdem besaß sie sechs bis acht ver­schiedene Ringe mit Brillanten und farbigen Steinen: eine doppelkapselige, goldene Tamenuhr mit Brillanten, desgl. eine mattgold gehämmerte Uhr. Klara Emmerich trug ein Asttachan- ober Samt-Jackett, schwarz mit bunten Posamenten am Kragen unb Aermeln, kürze Tackle. Mächttgen, schwarzen Sttaußfedem- hut, 6 bis 8 Federn über den Rand herunterhängend, unb aufrecht stehende weiße Reiherfebern. Schwarzseidene Bluse, dunk­ler 3iock mit Seidenstteifen. Sck>warze Schnürstiefel. Elegante Batistwäsche mit Spitzen. Bohn hatte große, doppelkapselige goldene Repelieruhr, auf bereit Außenseite der Spruch stand: Wo ich geh' unb steh', schlägt mir die Stunde." Eine Heine, doppelkapselige Uhr mit Blumenmuster. Signalement Bohn: 16. 1. 81 Berlin geboren, etwa 1.75 groß, schlank, schwarzes, glatt gescheiteltes Haar, glänzend, kleinen, schwarzen Schnurr­bart, blasse Gesichtsfarbe, weißer Selbstbinder. Klara Emmerich, 21 Jahre alt, schlank, blond, grau-blaue Augen, gute Zähne. Brillantenhändler, Juweliere, Pfandleihen benachrichtigen unb Drahtnachricht Neustädtische Kirchstraße 3. Waldemar Müller, Kriminalkommissar.

Gctrerve-Ärochenbcricht

der Preisberichtsstelle des Deutschen Landwirtschaftsrats vom 11. bis 17. Februar 1908.

Tie rückläufige Preisbewegung auf den Getteidemärkten hat in der Berichtswoche weitere energische Fortschritte gemacht. Wäh­rend der letzten zwei Geschäfistage ist zwar eilte gewisse Beruhigung eingetreten, unb die Preise haben sich wieder leicht erholt; ob aber bamtt der Tiefpunkt überschritten unb eine entscheidende Aenderung der Marktlage bereits zu erhoffen ist, läßt sich um so schwerer sagen, als das Verttauen zu den bestehenden Wert­verhältnissen durch die letzten Vorgänge ernstlich erschüttett wurde. Tas geht am besten daraus hervor, daß selbst zu den stark reduzierten Preisen nur wenig Neigung zu neuen Unter­nehmungen vorhanden war. Allerdings sind es zurzeit die starken Abladungen von Nord- und Südamerika, welche die Käufer zu vorsichttgem Eingreifen veranlassen. Es fragt sich nur, wie lange Nordamerika seine Ausfuhr in der bisherigen Weise fort* setzen kann. Unter dem allgemeinen Druck leidet naturgemäß auch das Geschäft auf den deutschen Märkten sehr empfindlich. Versuche, die Kauflust durch Preiszugeständnisse anzuregen, hatten angesichts fortgesetzter Rückgänge auf den Terminmärkten keines- Wegs den erwünschten Erfolg. Weizen ist infolge seiner Ab­hängigkeit vom Weltmartte an die Preisbewegung des Aus­landes gebunden unb dementsprechend ziemlich empfindlich int Werte herabgedrückt worden. Aber auch Roggen wurde diesmal stärker in Mitleidenschaft gezogen, die Schwierigkeit des Ab­satzes aber noch durch den Umstand verschärft, daß vielfach abfallende Qualitäten zum Verlauf gestellt wurden. Im all­gemeinen erweist sich das inländische Llngebot weniger drückend als die geringe Aufnahincsähigkeit des Konsums, ttotzdem die Versorgung desselben meist nicht allzu reichlich ist. Tie unerfreu­liche Sage des Hafermarktes wird durch das Fehlen jeglichen Absatzes nach dem Auslande nur noch erhöht, denn der inlän­dische Bedarf stellt aitbaucrnb äußerst geringe Ansprüche; nahezu völlig vernachlässigt bleibt das reichliche Angebot von gerillgen