Ausgabe 
17.11.1908 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 271 Zweites Blatt

158. Jahrgang

Dienstag 17. November 1908

Erscheint täglich mit Aufnahme bet Sonntag*.

DieGtthener ZamtliendlStter" werden dem #tinjeiflcr* oiermal wöchentlich beigelegt, daS Kretsblatl für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Br üblich« UnwcrsiiälS Buch» und S'emdruckeret.

9L Lange, Gießen.

Redaktion, ErvediNon und Druckerei: Schul- straste 7. Grueöuton und Verlag; 5L Redaktion: 112. Del.-AdruAnzeigerGießen.

Deutsches Neich.

Der Kaiser ist gestern nachmittag von Donaueschingen nach Berlin abgereift

2 i e KaiseryachtD o h e n z o l l e r n" wird gegenwärtig auf der Kaiserlichen Werst zu Kiel Jnstandfttzungsarbiiten unter­zogen. Im Januar soll bic Jacht bereits wieder seesähig sein, da für Februar eine Fahrt ins Mittelmeer in Aussicht ge­nommen )ei.

(5 i n feierlicher Festakt zum 100jährigen Be­stehen der Städteordnung findet am Samstag im Ber­liner Rathaus statt. DerNat.-Ztg." zufolge wird auch der Kaiser voraussichtlich zur Feier erscheinen.

Die Leiche des Grasen Hülsen-Häseler wurde mit dem Zuge, der gestern nachmittag 3 Uhr 40 Min. von Donau­eschingen abging, nach Berlin gebracht: sie ist begleitet von der Witwe und dem Bruder bc3 Verstorbenen. Bei der Abfahrt des Zuges war die fürstlich Fürstenbergscl-e Familie am Bahnhose anwesend. Die Beisetzung erfolgt heute nachmittag um 3 Uhr auf dem Invaliden!irchhose in Berlin.

Im Befinden des Prinzregenten von Bayern trat im Laufe des gestrigen Tages eine leichte Besserung ein; die Schmerzen gingen zurück. Das Allgemeinbefinden ist unverän- dert gut.

Der frühere Justizminister Hermann von Schelling, Mitglied des Herrenhauses und des Staatsrats, ist im 85. Lebensjahre in Berlin gestorben. Hermann von Schelling stand von 1889 bis 1894 an der Spitze des preußischen Suitü Ministeriums. Er war der Sohn des Philosophen.

Aus StaOt und Land.

Gießen, 17. 9ioocmber 1908.

Hoftrauer. 6c. Kgl. Hoh. der Großherzog ha! wegen des Ablebens des Großfürsten Alexis Alexa n- dro witsch von Rußland eine Hoftrauer vom 14. bis einschl. 21. Noo. angeordnet.

Erledigte Stellen. Erledigt sind: Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu QJlanenborn. Die Stellen der Hauptsleueramts- kontrolleure bei den Hauptsteueläintern Gießen und Mainz, sowie die Stelle des BezirkSkaffeassistenten bei der Bezirkskasse Darmstadt I.

** Die diesjährige Dekanatssynode deS evang. Dekanats Gießen findet morgen, Mittwoch, norm. 9f/2 Uhr, in der neuen Kirche zu Leihgestern statt. Hauptgegenstand der Verhandlungen sind die vorzunehinenden Wahlen deS Dekans, seines Stellvertreters und des Dekanatsausschusses, sowie ein Vortrag von Pfarrer Gußmann-Kirchberg über ,die Belebung des Missionssinnes in den Gemeinden."

Gerichtsvollzieher. Ernannt rourben der Ge­richtsvollzieher mit dem Amtssitze in Ulrichstein Karl Lotz zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitz in Alzey, der Ge­richtsvollzieher-Aspirant Joh. Jak. Jockel in Reichelsheim zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Neichelsheim und der Gerichtsvollzieher-Aspirant Wilh. Reuter in Schotten zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Schotten.

" Tierseuchen-Kommission. Die nach Artikel 3 des Gesetzes betr. die Entschädigung für an Milzbrand, Rauschbrand und Schweinerotlauf gefallenen Tiere eingesetzte Kommission hielt heute ihre erste Sitzung ab. Sie ist zusammengesetzt aus dem LandeLökonomicrat M üll e r als Vertreter des Ministeriums, dem Abg. Bähr als Vertreter der Landwirtschaftslainmer und dem Mctzgermeister Dintel- m a n n als Vertreter der Handwerkskammer. Nach ihrer Vereidigung setzte die Kommission die Entschädigung für die an Rotlauf gefallenen Schweine fest.

"Der Evang. Kirchen gesangverein hat feine Herbstaüf fuhrung diesmal zu einer in gottesdienstlicher Form gehaltenen musikalisch-liturgischen Refor- mations-Feier gestaltet, die am Mittwoch, den 18. d. Mts., abends um acht Uhr in der Stadtkirche statlfinden wird. Diirch daS freundliche Entgegenkommen des Evang. KirchenvorstandeS ist es trotzdem ermöglicht, den in­aktiven Mitgliedern Plätze 311 reservieren, worüber daS In­serat nähere Mitteilung bringt. Ter Gottesdienst wird er­öffnet mit dem 42. Psalm in der wunderbar feinen und tiefen Komposition für gemischten Chor und Sopransolo von Felix Mendelssohn, womit auch der Evang. Kirchengesang­verein an seinem Teil der unvergänglichen Dankbarkeit und Verehrung, die auch unsere evangelischen Kirche dem großen Meister verbindet, zu seinem hundertjährigen Geburts­tage Ausdruck verleihen möchte. Den zweiten Teil de§ Gottesdienstes bildet eine von Richard Bartniuß kompo­nierte Reformationsliturgie für gemischten Chor und Bariton­solo. Die Begleitung für beide Kompositionen ist wieder in der bei der Aufführung der Haydn'schenSieben Worte am Kreuz" erprobten und bewährten Weise für Crgel und Flügel arrangiert. Angesichts der gewohnten sorgfältigen Einstudie- rung beider Werke durch Herrn Professor Trautmann darf eine Feier von wirklich erhebender Wirkung erwartet werden.

* Stadttheater. Zwei interessante Aufführungen stehen für die nächste Woche bevor. Am 22. November (Totensonntag) wird dem Charakter deS Tages entsprechend ein durchaus ernstes Stuck zur Aufführung gelangen und zwar Gerhart HauptmannsElga" mit Frl. Achterberg in der Titelrolle. Für Großherzogs Geburtstag am Mittwoch den 25. November wird als Festvorstellung MoretoS klassi­sches Lustspiel ,2onna Diana" vorbereitet. Die Rolle des Don Cesar wird Herr Hermann Leffler vom Hoftheater in Wiesbaden spielen, ein Gast, der noch von seinem Auftreten vor einigen Jahren alsGraf von Charolais" her in bestem Andenken steht.

X Treis a. d. Lda., 16. Nov. Gestern abend fand in der hiesigen Kirche eine in allen Teilen ansprechende Feier von Luthers Geburtstag statt, wobei Pfarrassistent Hanstein-Gießen einen ausgezeichneten formvollendeten Licht- dilder-Bortrag über das Leben Luthers hielt. Dabei wurden zu einzelnen Bildern von Schulern der hiesigen 1. Schulklasse passende Deklamationen aufgesagt, auch wurde die Feier durch exakt eingeübte Chorgesänge des hiesigen Kirchengesangoereins verschönert.

Beuern, 16. Noo. Am vergangenen Samstag ist Lehrer A leit er, der 4 Jahre in unserem Orte taug war, nach seinem neuen WirkungStreise Climbach übergesiedelt. 'Rur ungern sieht man Herrn Aletter aus unsererl'htte scheiden; hat er es doch verstanden, in den menigen Jahren seiner hiesigen Tätigkeit sich nicht nur die Herzen der ihm anvertrautenKleinen" zu erobern, sondern in noch höherem Maße sich die ©nnft und Achtung aller Orts- einwohner zu verschaffen. Am Abend vor seinem Weggange ehrte ihn der Gesangverein ,P 0 l y h y m n i a*, dessen Dirigent er war, durch einen Fackelzug. AbschiedSlieder erklangen; »md nachdem Herr Krämer dem Scheidenden die Anerkenn- ung dea Vereins für seine hohen Verdienste um diesen aus­gesprochen hatte, dankte Herr Aletter in bewegten Worten, versprechend, sein so lieb gewordenes Beuern sobald nicht zu vergeffen.

? Bellersheim, 16. Nov. Tie Erbauung einer Wasserleitung für unseren Ort ist jetzt bcschloffene Sache Die Bohrungen nach Quellwasser in der Nähe des Orts haben ein sehr befriedigendes Resultat gehabt. TaS Wasser, das gut in genügender Menge vorhanden ist, soll durch einen Motor auf eine nahe Höhe gebracht und von dort dein Ort »"geführt werden. Mil den Arbeiten wird im nächsten Jahr zeitig begonnen und noch int selben Jahr dürfte die Leitung dem Betrieb übergeben werden.

Bad-Nauheim, 16. Nov. Nachdem der Kreis- auSschuß daS Gesuch der Stadt betreffend Einleitung ihrer Abwässer tn die U s a nut Rücksicht auf die Schädigung für Friedberg abgelehnt hat, teilt daS Projekt der Regierung wieder in den Vordergrund, wonach die ^Ab­wässer Bad-Nauheims in einem Kanal entlang der Ufa bei Ossenheim in die Wetter geführt werden sollen.

-n. Friedberg, 15. Nov. Ter gestern im Hotel Trapp zu Gunsten des Gustav Adols-Vereins ver­anstaltete WohltätigkeitSabend nahm einen über Er­wart en günstigen Verlauf. Ter große Saal und die an- stoßenden Räume, alles nebst noch sonstigen Vergr'rnstigungcn vom Hotelbesitzer in freundlichstem Entgegenkommen zur Ver­fügung gestellt, waren dicht angefüllt mit Besuchern, die daS fröhliche Treiben und einen zeitweilig sich biS zum Uebcrmut steigernden Humor wohlgefällig vor sich austummeln ließ>n. Verkaufsbuden mit Verläuferinnen und Verkäufern in täuschend nachgeahmten Nationalkostümen, theatralische und musikalische Darbietungen, ein Raritätenkabinet, eine Kinderverlosung (so stands in der Ankündigung und so wars auch) und eine Verlosung sonstiger Gegenstände, alles mit vieler Liebe zur Sache, nut Geist und Humor angeordnet und ausgesührt, trug dazu bei, den Besuchern einen Abend angenehmer Unter- Haltung zu bereiten. Das trug aber auch ferner dazu bei, die Be­sucher und das war der eigentliche Zweck der Hebung darüber aufzuklären, daß sie, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, Alle im schmückenden Besitz der herrlichen Eigenschaft einer wahrhaft fürstlichen Generosität seren. Die Emnahnie ergab eine sehr hohe Summe. Alle Beteiligten werden sich des schönen Abends gern erinnern, mit dem Bewußtsein, mit dem Nützlichen sinnig das Angenehme verknüpft zu haben.

W. Friedberg, lu. Noo. In dem vom Vortrags­verein am letzten Sonntag veranstalteten, bis auf den letzten Platz gefüllten Konzert- und Lieder-Abend spielte mit sicherer Scdynif und sehr temperamentvollem Ausdruck Willy Hutter (Darmstadt) zwei Chopinsche Stücke in Beethovens cis-mott-So- nate. Kammersänger Fahr (Darmstadt) trug eine Anzahl sehr ansprechender Lieder-Kompositionen von Frl. Eta SB i d o ö (Darmstadt' vor, von denen namentlichHeber den Bergen" großen Beifall sand, sowie einige vom anwesenden Komponisten Hans Herrmann, welcher die Begleitung selbst führte, kom­ponierte Lieder, wie u. a. das beliebteDer alte Herr" undDie drei Wanderer". Zu wiederholter lebhaftester Beifallskundge­bung wurden die Zuhörer durch Frl. Thea Fey, die zum ersten Male vor die Rampen trat, veranlaßt. Sie besitzt neben reinster Akzentuation und einer sehr sicheren Technik einen umfangreichen, selbst in den l-öchsten Lagen in gleicher Weise wohltuenden Sopran. Ihre Wiedergabe von E. KretschmersDu bist wie eine lichte Sternennacht", zu der Eta Wickop auf einem S. Bachschen Flügel, dessen Wohltlang und Weichheit ausfiel, den Klavierpart über­nommen hatte, war eine gesangliche Glanzleistung von höchsten Anforderungen an den Stimmfond.

-m. Friedberg, 16. Nov. Ein schönes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wie man es leider heute nur noch selten findet, besteht in der hiesigen Druckerei von Karl Bin­dernagel. Von den dort beschäftigten Leuten sind vier über 40 Jahre ununterbrochen tätig, einer 46, einer 44, und die beiden anderen 42 Jahre. Auch die anderen sind sämtlich weit über 20 Jalwe beschäftigt.

-m. Ober-Wöllstadt, 16. Nov. Zu dem G ä n 1 e b i e b - stahl von voriger Wollte ist mitzuteilen, daß man die Diebe in aller Kürze hinter Schloß und Riegel zu bringen hofft. In der Nacht des Diebstahls drangen sie in ein Gehöft in Okarben ein, wobei sie von dem Eigentümer überrascht wurden. Auf die Frage, was sie hier wollten, erklärten die frechen Diebe, sie hätten sich rrgefabren, sie möchten gerne wissen, wo der Weg nach Friedberg ginge. Vorher hatten die Spitzbuben dem Buchhalter des Mühlenbesitzers K. Vorbach in £ färben sämtliche Hühner abgeschlachtet und gestohlen. Das Pferd der beiden Gauner wurde als ein kleines Fuchspserd erkannt und auch die beiden Diebe können näher befeforieben werden.

-rl. Hartmannsha 1 n, 16. Nov. Wie verlautet, soll eine direkte Telephonverbindung von Birstein nach dem hohen Vogelsberg geplant werden. Die Verbindung soll entweder nach Grebenhain oder nach Hartmannshain geführt werden. Die Frau deS Landwirts H. in Frei en- Stein a u ver- ließ vor kurzem nachts ihr Schlafzimmer ohne Wissen ihrer Angehörigen. Am anderen Tage suchte die Feuerwehr ver­geblich die Verschwundene. 2Jian vermutet, die Frau habe sich ein Leid angetan.

-rl. Merken fr itz, 16. Nov. Nachdem das Konkurs- verfahren gegen den Sägewerksbesitzer von Venroy von dem Amtsgericht Ortenberg eingestellt worden ist, hat er das hiesige Elektrizitätswerk wieder in Betrieb gesetzt. Die Freude war deshalb groß, als die Einwohner vor einigen Tagen ihre eicht. Lampen wieder andrehen konnten.

Aus der Wetterau, 16. Noo. Das Schul­

hauS zu Berstadt wurde gestern nn Beisein des KreiSralS Böckmann und Schulrats Scherer zu Büdingen eingcweiht. Ter stattliche Bau umfaßt zwei Schulsäle und zwei Lchrcr- ivohnungen. Tas alte Bergwerk .Ludwigsh osf- nung" nebst dem dazu gehörigen Gelände ist dieser Tage vom Staat verkauft worden. Käuferin blieb mit 12 000 Mk. die Gemeinde Melbach, in deren Gemarkung das Bergwerk liegt. Tas neue Braunkohlen- und Briketts- werk .LudwigShoffnung" be, WölferShenn, ivelchcS der hessische Staat vor cliva 6 Jahrrn anlegte, erfreut sich fort­gesetzt eines guten Geschäftsganges, die Knndfchaft wird minier zahlieicher. Tie einheimiseben Braunkoylenbriietts verdrängen mehr und mehr die von auswärts bezogenen Koblenpreßstenre. An eine Bell ieböcmschränkung ist nicht zu denken.

R.-B, D u r m stadt, 16. 9too. Tas ErträgniS deS von der GrouHerzogin am Samslag oerannalteten Verka ufs- lagcS ist überaus erfreulich. Es durften nach den vor­läufigen Feststellungen rund 22 000 Mk. 1U verschliß zum besten für arme Lungenkranke und Tuberkulöse un Gr 0 ßherz 0 gtum Hessen verbleiben. Die Wahlen zur Darmstädter Handelskammer haben heule ihr Ende crrcicht. Es wurden seitens der dritten Abteilung, der Delaillisten, die Herren L Fischer, Wilh. Küld, W»lh Kalbfuß und Karl Karb zu Mitgliedern der Handelskammer gewählt.

[] Franken berg, 16. Rov. Wie die Eisenbahndireklion Kaffel milieilt, wird die 3teubaustrecke Frankenberg W l nter berg am 1. Dezember eröffnet. Es ist bannt die letzte Strecke der direllen Verbindung zwischen dem hessischen und dem wesifälijchen Schienenweg ferliggeftellt.

FC. Frankfurt a. M., 16. Noo. Bei einer heute früh vorgenommenen Ra zzia im Hauptbahnhof rouröen 50 Mann auf die Polizeiwache mitgenommen; 26 Mann wurden verhaftet, 24 wieder entlassen. Unter den Ver­hafteten befand sich einer von den vier vor ca. 14 Tagen aus dem Gefängnis in Wehlheiden auSgebrochenen Straf­gefangenen, der noch vier Jahre Zuchthaus abzumachen hat.

X Gelnhausen, 14. Nov Tie Stadtverordneten­versammlung beschloß die Einführung einer Wert zu wachs» neuer, da im städtischen Haushalt, hervorgerufen durch un­günstige Verhältnisse, Aussälle im Gesamtbeträge von 4600 'Mark entstehen, wofür Deckung geschaffen würden muß.

X. Hanau, 16. Nov. Beim Landgrafen von Hessen findet morgen große Hofi agd statt, an der auch der Groß Herzog von Hessen als Gast teilnehmen wird.

Sauslingsjmjorge.

Der erste Bericht der unter der ärztlichen Leitung von Profess''': Dr. Koeppe stehenden Abteilung für Säuglingsfürsorge tkJ Allg. Vereins für Armem- und Krankenpflege ist soeben er» schienen. Er gibt eia anschauliches Bild von der gedeihlichen Entwickelung dieser höchst verdienstvollen Einrichtung, die ent» scyiedenste Förderung verdient. Wir entnehmen dem Bericht fol­gende, für die Allgemeinheit interessante Einzelheiten.

Am 5. Juli 1905 beschloß der Allg. Verein für Armen- und Krankenpflege, eine bcjonbere Abteilung für Säuglingsfürsorge zu bilden und eine Milchküche nebst einem Säuglingsheim zu errichten. Die Sammlung der nötigen Mittel erfolgte bann im -Oktober 1906 durch Frauen der Gießener Bürgerschaft. Das Ergebnis dieser Sammlung war mit 11 631.65 Mk. leider nicht derart, daß man den gesamten Plan hätte verwirklichen können. Man begnügte sich deshalb zunächst mit einer Milchküche, die in dem städtischen Haufe Wetzsteingasse 43 eingerichtet und am 15. Mai 1907 eröffnet wurde.

Neben der Leiterin, Frau Seibert, standen eine Reihe freiwilliger Helferinnen dem jungen Unternehmen zur Seite:

Frl. Bauer, Frau Geheimerat Breidert, Frl. Cramerdlng, Frl. Friedel, Frl. Gisevius, Frl. Groos, Frau Prof. Höhl­baum, Frl. B. Hoffmann, Schwester Julie, Frl. Krüger, Frl. Löhlein, Frau Oberbürgermeister 9Jtecum, Frl. E. Schön, Frl. W. Nagel, Frau Scheyda, Frau Professor Sievers, Frl. Sievers, Frau Rcchnungsrat Witter.

An die Stelle von Frau Seibert trat später eine im Be­trieb erfahrene Schwester, unter deren Leitung ein fester Betrieb zustande kam. Die Anstalt entwickelte sich sehr rasch und sand in den weitesten Kreisen Anklang. Der notwendige Zuschuß konnte durch jährliche Beiträge gedeckt werden.

Am 12. März 1908 entschloß man sich zur Errichtung deS Säuglingsheims, da die Sammlung im Oktober 1906 auch zu seinen Gunsten erfolgt war und der größte Teil des Geldes für Mllchküche und Säuglingsheim, 7100 Mk. sogar nur für ein Säug­lingsheim, gestiftet worden waren. Es wurde mit peinlicher Sparsamkeit eingerichtet und am 15. Mai 1908 unter dem Namen Theresen-Kinderheim eröffnet zu Ehren von Frau Komerzienrat Heyligenstaedt, deren Spende von 5000 Mk. im Verein mit den 1500 Mk. von Landgerichtsdirektor Bücking die Ein^ richtung ermöglichten.

Für die Milchküche ist es Bedingung, daß nur auf ärztliche' Verordnung Milch abgegeben wird. Um aber die für Unbemittelte damit verbundenen iloften zu sparen, wurde in der Kmderpoliklinik von Prof. Dr. K 0 e p p e eine Mütterberatungsstelle eingerichtet, wo täglich von 1112 Uhr unentgeltliche Auskunft und ärzt­licher Rat erteilt wird.

Ter höchste Tagesbedarf der Milchküche betrug 65 Liter Voll­milch. Der höchste Absatz an Einzelportionen war über 500 Fläschchen. T.e höchste Zahl an Kunden wurde mit 120 erreicht.

In Anbetracht der beschränkten Mittel war bei der Errichtung des Säuglingsheims am 12. März 1908 beschlossen worden, zu­nächst nur 6 Bettchen anzuschaffen und erst bei weiterem Bedarf nach und nach die Zahl aus 10 zu erhöhen, dann auch nur gegen Bezahlung Pfleglinge aufzunehmen.

Taut der verfchiedenen ftädtifchen Verwaltungen: Hochbau­amt, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk, die mit großem Eifer und Verständnis die Arbeiten erledigten, konnte alles bis 15. Mai 1908 fertig gestellt werden. In der Annahme, das Heim würde sich nur langsam füllen, war zunächst nur eine Pflegerin, Schwester Ger tritt) Koch, angenommen worden unter der Voraussetzung, daß die Oberin der Milchkück!<!, Schwester Anni Hemelop, im 9totfall mithclfen könnte. In wenigen Wochen waren aber nicht nur die sechs Bettchen belegt, auch mit den sofort nachbestellten vier reichten sie bald nicht mehr aus, und vorübergehend mußten Körbe für die Pfleglinge als Betten eingerichtet werden. Inner­halb sechs Wochen waren alle 10 Bettchen belegt, und bis zum 1. Oktober, also während der ersten 137 Tage, wurden 31 Kinder verpflegt mit 1272 Verpflegungstagen. Für ein so schnelles An­wachsen des Betriebes waren die Anschaffungen nicht berechnet und nicht alle Anmeldungen konnten zur Ausnahme kommen. Aus den Ueberschüssen der wenigen mehr als den Durchschnitts­satz (1.50 Mk.) zahlenden Patienten wurden fünf MdemfttelLtz