Ausgabe 
17.11.1908 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Erstes Blatt

Dienstag 17. November 1908

158. Jahrgang

VezugSpret 1: monatlich 75 IM., otertel- täljrhd) 'PJL 2.20; durch Abhole- «x Zweigstellen monatlich 65 Ul., durch die Post Pik. 2. oienel- |äbrL ausfchl. Beiiellg. Zerlenoreis: lokal 16 ausioans 20 i<tenniq, verantwortlich für Öen pohtdchen leit, füi .Feuilleton* und , V{ermi|d)tes* Ernst zhibetlon für .Stabt u. Uanö" und(Äeridn»-

Ine oormsttaqs"l!!'uh" Rotatiotts&rud UN- Verlag -er vrnhl'schen Untv.-Vuch- und 5tein-ruckeret R. Lange. Re-attton. Lxpe-ttton UN- VruScrsI: Zchulstra^e r. ^,'Ijeigentest^ H" BeL

Nr. 271

Der «leyener Bnjflget edcheim täglich, anher Sonntag- - Beilagen: viel mal wöchentlich OletzenerLamillendläNer, troeunül roochentl.Kitts» latt fürben Kreis Kietzen (Dienstag und Freitag), zweimal monatl Land» eirtfd}aftHd)e Setifrageo ßecnipted) Anlchlüsfe: für ölt iHebafiion 112, Verlag u. Expedition 61 tlbtefk tfit Depclchenr «nzcigcr Wtcyetu

Annahme von Anzeige»

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

3n ernster Stunde.

Am lyeutiffen,Dienstag wirö der Kaiser sich rrn Berliner Schlosse vom Reichskanzler Vortrag halten lassen, über die letzten grohen Ereignisse, die ba3 deutscl-e Volk im tiefsten Innern erschüttert holten. W,il)rcno Zeitungen vom Range bei Schcrlpresse die Otfsentlichkeit glauben machen Ivollcn, daß diese Unterredung zwischen Kaiser «und Kanzler ui schönster Harmonie verlaufen werde, lyörl man auch Preßstimmen, die die Lage als außerordeiit- lich ernst hinstellen. Wie dieB. Z." von sehr gut informierter Seile erführt, joll Fürst Bülow insbesondere tief verstimmt da­rüber sein, das; er bis gestern ohne jede Antwort auf die De­peschen geblieben ist, die er dem Kaiser über die Reichslagssitzung nach Donaueschingen gesandt hat. Ter Kanzler sei letzt f e st e n t s ch l o s s e n , wie seine Freunde versichern, dem Kaiser rückhaltlos über die Stimmung des Landes, des Bun­desrates und des preußischen Slaatsministeriumö Aufklärung zu geben. Er will vom Malier bestimmte Garantien und die Ein­willigung zu iljrer Veröffentlichung erlangen. Wenn der Kaiser diesem Verlangen nicht uachgeben sollte, so wird der Fürst noch in der Unterredung feine Demission geben. Es heisst, daß hervorragende Bundesfürsten bereits Schritte ein- gclcitct haben, um beim Kaiser im Sinne eines ferneren Bleibens des Fürsten Bülow <zu intervenieren. Die Neue Freie Presse meldet jedoch aus Nom, daß in der Villa Malta, dem Besitz des Fürsten Bülow, in Eile Vorbereitungen für eine Ankunft des Fürsten und seiner Gemahlin getroffen werden. Man schliesst daraus, das; der Fürst ernstlich an seinen Rücktritt denkt.

Was an allen diesen Meldungen wahres ist, läßt sich zur Stunde nwhrlich nicht kontrollieren, aber wir werden es ja in Kürze erfahren. Aus alle Fälle ist die Lage ernst, ernster als je seit der Begründung des deutschen Reicljes. Recht treffend schildert die Vossisä-e Zeitung die gegenwärtige Situation foL> gendermasten:

Am Donnerstag soll im Reichstag die erste Lesung der ReichSsitmnzvefvrm beginnen. Es ist kaum zu erwarten, daß die Volksvertretung in diese Verhandlung eintreten wird, wenn in­zwischen der leitende Staatsmann sein Entlassungsgesuch einge- reiclst hat und die ganze Entwicklung der inneren Politik in Frage gestellt ist. Rian kann einem neuen Reichskanzler nicht zu­muten, einfach die Erbschaft seines Vorgängers anzutreten, ohne die Einzelheiten geprüft zu haben. Es wäre daljer nur natür­lich, da st einstweilen die Finanzreform vertagt würde. Auch wird kein Parlament sonderliche Neigung verspüren, sich über Mar- trifularbeiträge und Elektrizitätssteuer und dergleichen mehr zu unterhalten, wenn es nicht weiß, mit wem eigentlich man sich unterhalten soll. Ist doch nach dem Ernst der Lage zu ge­wärtigen, bau sich, wenn die allseitig geäußerten Wünsche nicht erfüllt werden, der Rücktritt des Reichskanzlers unb Miuister-- präsidentt.l das Entlassungsgesuch der übrigen Minister und der Staatssekretäre nach sich zieht. Tas Abgeordnetenhaus tritt am Freitag zusammen. Nimmt die Krisis einen ungünstigen Verlaust so werden sich voraussichtlich) Reichstag wie Landtag zunächst mit beit Zuständen in der Regierung, nicht mit anderweiten Vor­lagen bescl'äjtigen wollen.' So stehen wir denn vor einer Ent­scheidung, wie es seit der Gründung des Deutschen Reiches keine von gleicher Wichtigkeit gegeben hat. Wenn hier unb da mit der Möglichkeit gerechnet wird, daß der Reichstag infolge ber jüngsten Debatten aufgelöst wird, so ist diese Ausfasiilng ohne Zweifel unzutreffend. Es wird wohl kaum einen Staatsmann geben, ber die verfassungsrechtlicl/e Verantwortung für einen solckicn Schritt übernehmen möchte. Wie die Wahlen ausfallen müstten, welcher Zuwachs an Stimmen im gegenwärtigen Augenblick der Sozialdenrokratie sicher wäre, lästt sich unschwer voraussagen. Aber zur Auflösung des Reichstages bedarf eS nicht nur des Willens bei Käst eis, sondern auch der Zustimmung deS Bundes­rats. Und daß diese Zustimmung erteilt würde, ist nichts we­niger als ausgemach,. Schon durch einen solchen Antrag an den Bundesrat könnte bas Reich einer Kraftprobe ausgesetzt wer­den, die von unübersehbarer Tragwette wäre. Doch es ist müßig.

heute über den Ausgang der Krisis Vermutungen anzustellen, wenn morgen die Ereignisse spreckion sollen. In ganz Deutsch land unb über dessen Grenzen hinaus sieht man mit Spannung der Auss Prack*! des Kanzlers mit dem Kaiser entgegen. ES handelt sich dabei um mehr als die Frage, ob Fürst Bülow noch weiter im Amt bleibt oder proeul negvtiiS nach der Villa Malta aus dem Monte Pincio übersiedelt."

politische Cagesjcbau*

Ter Zwischenfall von Ca ablanca.

Von französischer Seite wird nun eine genaue Darstellung des deutsch-französischen Zwischenfalls von Casablanca gegeben. Der ,,Matin" veröffentlicht den Text des Berichts des Pottzei- tommissars Dorde über die Angelegenheit ber Deserteure in (Saia* blanca. Der Bericht kommt zu folgenben Schlußfolgerungen: Aus verschiedenen Stücken bes Dossiers geht hervor, daß ber deutsck-e Konsulatsbeamte Just sich in bas Haus begab, in bem sich die Deserteure befanden, daß sich der Dragoman Maens ebenfalls in dieses Haus begeben hat, baß ein schweizerischer Deserteur burch einen eingeborenen Käwassen dess.lben Konsulats zum deutschen Lttmsulat geiüljrt wurde, daß Maens bie Deser­teure bei )id) empfangen und ihnen Mittel -um Entweichen ver- idxxift hat, daß Konsul Lüd-eritz -ugibt, Deierteure zu decken. Außer­dem wird festgcstellt, daß Just einen Unteroffizier der Fremden­legion tätlich angegriffen, daß er ferner zwei französisckje Ma- troicn angegriffen l/ut, von denen einer zur Erde gefallen ist, daß der eingeborene Kawasse Gewalttätigkeiten begangen Hal, die erst auf horten, als er gebunden war, daß der Paisiecsck-ein des beutfchen Konsuls sich nur an bie Deutschen richtete, unb endlich, baß Just niemals in irgendeiner Weise von französischen Matrosen geschlagen worden ist, die sich doch im Recht besunden hätten, wenn |ie die Gewalttätigkeiten erwidert hätten. Diese französische Darstellung weicht nicht unbeträchtlich von der beul» scheu ab.

Der deutsche Kaiser und die Buren.

Ans Rcwhork werben berTimes" neue Mitteilungen über bie Haltung des brutschen Kaisers und ber beutschen Regierung währenb des Krieges zwisck)en England und den Buren gemacht. Diese Mitteilungen stammen von Buren, die feit dem Ende des sübafrikanisck)cn Feldzuges in den Vereinigten Staaten leben. Die englischen Milttärbel/örden hätten keine passenden Landlarten von Südafrika besessen. Man erfuhr von diesem Mangel in Berlin, unb der deutsche Kaiser ordnete an, daß bie deutschen General­stabskarten von Sübasrika den Engländern zur Verfügung gestellt werben sollten. Anderseits wirb eine Mitteilung des Burengenerals Viljoen aus Newyork bekannt, wonach bie Buren bestimmte Versicherungen betreffs deutscher Unter­stützung erhalten haben sollen. General Viljoen, der jetzt in Texas lebt, erklärt, der deutsche Kaiser habe dem Präsidenten Krüger mitteilcn lassen, Deutschland werde niemals zugeben, daß England die Transvaal-Republik annektiere. Ferner wurde dem Präsidenten Krüger versichert, Deutschland, Frankreich und Ruß­land würden intervenieren, sobald erst die Engländer einige Nieder­lagen erlitten haben würden. Die Meldungen können unmöglich wahr sein, unb wir geben sie nur roieber, wett wir hoffen, sie in den nächsten Tagen dementieren zu können.

Ta8 bOfahtige Priesterjnbiläum des PapsteS.

In Rom haben am 16. November unter der Teilnahme der gesamten katholischen Welt bie Feierlichkeiten aus Anlaß des 50- jäbrigen VrieftevjubdänmS des PapsteS Plus X. ihren Ansaiig ge­nommen. Ti- Souveräne unb Negierungen, unter anderen auch der deutsche Kaiser, haben zu biefeu Feierlichkeiten Sondergefanbt- fchaften nach Rom gesandt. Ter Zeitpunkt ber Feier fällt mit dem eigentlichen Jubiläiimsdatum nicht zufammeil, er ist aber gewählt worden aus praktischen Gründen und weil gerade der 16. Noo. un Leben des Papstes eine besondere Rolle spielt. Am 18. Sept. d. I. waren es 50 Jahre her, daß der Diakon Sorto, der Sohn eines

ein'achen Bauers aus Riefe zum Piiester geweiht wurde. Viiemanb ahnte damals, daß dieser beicheidene junge Alaun beremft berufen sein würde, bie höchste Würde m der katholischen Kirche zu be­kleiden. Am 10. November war es, als Sarlo später zum Bischo' geweiht wurde, an einem 16. November erhielt er das Exequatur ber itaheniid)en Regierung. 'Ulan weiß wohl nocch bau beim Tobe Leos XIII. eigentlich Niemaitd an bie Wahl SanoS zum Papste gedacht haue, lliampolla galt allgemein als Noch'olgec Leos XIII. Ta legte Oesterreich bekanntlich gegen eine etwaige Wahl RarnpollaS cm Beto em, unb im Rarbmalfollegimn trat hierauf ber Wunsch zu Tage, sich auf eine farblose Kandidatur zu einigen, und jo wurde Joseph Sorto am 4. August 1903 nut 50 von 62 Stimmen zum Papit gewählt. Au diese Wahl ist von einigen Seiten eine übertriebene Hoffnung geknüpft worden; man wußte, daß der Patriarch Sarto von Venedig nut der italienischen Regierung auf denkbar bestem Fuße gestanden hatte, und viel be­sprochen wurde auch eine Aeußerung des neuen Papstes, daß er sein UebeS Venedig doch noch einmal wieder zu sehen hoffe. Fünf Jahre sind seiideiu verflossen, und Papst Pius X. lebt auch heute »och wie seine beiden Vorgänger aus dem Stillste Petris als frei- ivilliger Gefangener nn Vautan. Zu einem Friedensschlüsse mit dem italienischen Staate ist es nicht gekommen und wird es wohl auch nicht kommen, denn die Süaöitiouen des Vatikans sind and) heute noch mächtiger als vielleickst der Wille des Papstes. An manchen segensreichen Dlefotinm hat es Papst Pitts X. nicht fehlen lassen, doch beuessen sie mehr das innere Leben der katholischen Kirche. Am bekanntesteu ist noch das Auftreten des Vapues gegen den Modernismus, jene geistige Bewegung, die auch die Kirche am modernen Leben und seinen Errungenjchasten auf geistigem Gebiete teilneljmen lassen wollte.

3um Tode des Grasen Hulfen-Haeseler.

Ter so jal) au« dem Leben geschiedene Ehei des 'UlilitärfaBinett4 Graf Dietrich o. Hülsen-Haeseler Hal em Alter von 56 Jahren erreicht. Er wurde am 13. Februar 1852 als Sohn des General- inieudauten der köiitglichen Schaufpiele Botho o. Hülsen und der Gräfin Helene v. Haeseler geboren. Als Leutnant im Kaiser Alexander-Garde-Grenadier-Regunent Nr. 1 nahm er am Feldzuge gegen Frankreich teil unb wurde mit bem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Besuch der Krieesakademte kam er zum Großen Generalstab. Im Jahre 1889 wurde er diensttuender Flügeladjutaiit des Kaisers lind einige Jahre später Mttuärattachd m Wien. 1897 wurde er Kommandeur deS Garbe-Füsilier-Regl- menls. Schon 1894 halte er den Grafentitel mit bem Zusatz Haeseler et halten. 1899 wurde Grcst Hülsen zum Generalmajor unb General ä la suite des Kaisers befördert, in den (Seneralliab versetzt unb zum Ehef des Stabes ber Garde ernannt, erhielt aber schon nach wenigen Monaten die 2. Garde-Jn'anterle-Brigade und wurde zwei Jahre später Ehef des 'MilttärkabrneltS und Vortragender Geueraladjinant als Rach olger des zum Gouverneur von Berlin ernannten (tieneralobcrueu v. Hahuke: Diese überaus verantwort­liche Stellung hat er bis jetzt bekleidet. Es lagen ihm ob die Be­arbeitung ber gesamten Personalien beS Oifizierkorps, ber Offizier- Ersatz-Angelegeuheiten, bie tommandogerichtllchen unb die ehren- gerichtlichen Angelegenheiten. Graf Hülsen >var feit dem 24. No­vember 1892 nut ber am 20. Februar 1875 geborenen Freim Hildegard von Loticadon verheiratet. Aus der Ehe ftainmen vier cölpie unb eine Tochter. Schon vor einigen Jahren hatte Graf Haeseler nach einer starken Entfettungskur unb größeren Anstreng­ungen während einer Truppenschau in Metz einen Schlaganfall gehabt, dessen Wiederholung er jetzt erlegen ist.

2lu$lan&.

Bei bet gestrigen Jubiläumsfeier in ber Peters- kirche zu Rom hielt ber Papst, nachdem er den Altar bestiegen hatte, mit Unterstützung der anwesenden ^hohen Geisttichkett ein feierliches Hochamt au; er erteilte zum Schluß allen Anwesen- den seinen Segen, hierauf setzte sich der 'Zug wieder langsam in Bewegung, und der Papst kehrte, wie er gekommen war, in

(Siebener ^iaOtttyeater*

Der eingebildete Kranke.

Lustspiel von M o l i ö r e.

Das einmalige Gastspiel der französischen Gesellschaft des Mr. o u b a u d , das die rührige Leitung deS Stadttheaters uns gestern dankenswerter Weise vermittelte, war naturgemäß nicht dazu berufen, ein volles .Haus zu machen. Die Erschienenen aber folgten mit lebhaftem Anteil den Vorgängen auf der Bühne und bejubelten die alte Satvre aus die ärztliche Kunst und die Krankheitstollen mit stürmischer Heiterkeit, die sich nicht gerade selten auch bei offener Buhne geltend machte. Rein darstellerisch war bie Vorstellung denn auch ganz dazu angetan, volle künst­lerische Befriedigung zu gewähren; aber das zeitgeschi chtlickje Wesen verschwand fast ebenso wie das reineMilieu" hinter der an sich flotten und sicheren Tarftellungsweise. Es mag sein, daß bieiC Ausstellungen durck die verschiedene Volksart bedingt sind, aber nach bcu.iujem Geschmack und nach deutschem Empfmoen gehören, um nur eins von vielen Beispielen zu erwähnen, keine Frackkorfetten in ein Stück Moliöres, denn das paßt nicht in die Zett, da man nock) Allongeperrücken und Klttestt'ümpie trug. Diese Beanstandung mag unwesentlich sein ober wenigstens erscheinen, dochwer's nicht J'ühlt, ber wird es nie erjagen". Und schon, oder auch nur hübsch aber da kommt wohl wieder die Volksart in Frage.

Gespielt wurde, wie ich schon erwähnte, im allgemeinen sehr gut. Besonders PhillippiDamorös als Argan war lobens­wert. Nächstihm nennen wir Mary Brunel, Martha Gra- vil, Marguerite Noch, Volny, Perret Terval, W 6 b e r und schließlich noch die kleine Walter, die ihre Rolle sehr geschickt ausiührre und den stärksten Beifall von allen erntete.

Karl Neurath. «

Ein unbekanntes Gedicht Byrons ist in New- Dor k entdeckt toorden. In einem alten Buche wurde das Manu­skript eines bisher unbekannten, sehr langen Gedichtes Lord Byrons entdeckt. Das Gedichä istLiebe" betitelt und wunde in einem Buche gefnnöett, das aus bem 9Nachlasse der in England sehr be­kannten Lady Hartbury stammt. Tas Äiauuskript ist vorzüglich erlitten und ist ohne Zweifel e ch t.

Ein seltsamer Grund. Im Salzburger Stadttheater mußte kurzticki eine Premiere aus einem Grunde, der gewiß ber Komik nicht entbehrt, unterbleiben. Die Erstaufführung des englischen LustspielesDer kleine Landprediger" sollte stattfinden und die Stunde des Beginnes der Vorstellung war sck-on abge­laufen, da wurde das Puolikum zum Naa>hauicgehen eingelnbcn, wett die Souffleuse auf dem Wege -um Theater das Souff­lier b u ch v er l o r e n hatte und bem Direktor entgegen der sonst gebräuchlichen und kovhl unerläßlichen Vorsicht kein zwettes Buch -un Verfügung stanix

Das Rollen Verzeichnis als Lebensretter. Eine arnüfanle Gtenz-Episobe schildert Aloys Wohlmuth in feinen bei Georg Müller in München erschienenen ,Reifeszeuen": In schwarzer Nacht kam ich in Brod, ber rnigarüch-bosnnchen Grenz- Nation, an. Sieben bem Billelschalter, beim Schein einer trübselig brennenben Petroleumlampe staub em Alaun mit einer Amtsmutze unb verlangte bie Pässe ab. Mir gab es einen Riß! Ich hatte keinen, unb in biesem traurigen Nest warten, bis er mir von München nachgeschickt wirb schauerlich! Verzweiflung macht kühn unb erfinderisch J Hatte es nicht auf der ganzen weiten Stiecke in Ungarn geheißen ganz so wie nnRevisor' von Gogol ,wer ba schmiert, ber fährt" ?! Gewohnheitsmäßig trage ich inm auf meinen Ferienreifen bas Wochenrepertoire ber nächsten Saison bei mir. Ans bem Repertoire steht etwas von Stgl." Darauf beute ich nun, eine ernste Miene aufletzenb, mii dem Finger. Ter Grenzgewaliige will schwierig werben, aber in demselben Moment suhlt er auch schon in derselben Hand, bie ben Amtssiempel hält, meinen Guldenzettel. Lho, bas ist freilich etivas anderes! er grunzt ein respektvollesAh", welches entweder bemKgl." auf dem Repertoire ober dem ,K. K." auf bem Gulden­zettel galt, hebt ben Stempelitock unb bang! ber Doppel­adler jaust nieder an'sWeiße Rößl". Tabei enischulbigte sich noch der Grenzehrenmani'.:Verzeihung, Herr, aber anständige Lane müssen hier laibeii unter Gesindel." Unb so gmgs bann luftig weiter. In Seiajewo, in Aiostar, überall bang, aufs fgl. bayerische Repertoireitück.

Ein türkisches National-THeater in Kon­stantinopel. Mehrere hervorragende Mitglieder der jung- türkischen Partei haben den Beschluß gefaßt, in der Hauptstadt des Ottomanisck-en Reick>cs ein großes Natwnal-Theater nad) euro- tüifdjen Muster -u errichten. Der Sultan hat zu diesem Projekt seine Zustimmung auch, bereits gegeben. Diese Neueinrichtung bedeutet eine überraschende Wandlung des türlischeu Geistes. Tic Schauspielkunst war bisher unter dec türkischen Bevölkerung so gut wie gar nicht vertreten. Erstens einmal ist ihre Ausübung nicht san; mit den heiligen Gesetzen des Korans in Einklang zu bringen und zweitens halten Frauen ja doch auf der Bichnc nie mitwirken dürfen, da dies für äußerst unschicklich) gegolten hätte, es sei denn, baß die Schauspielerrnnen sich nur verschleiert auf den Brettern ergangen hatten. Das Mtional-Thearer soll 200u Personen fassen, soll mit allem europäischen Mrmfort ausgerüstet, jedoch in orientalischem Stil erbaut werden. Es wird in der kratze der Aia Sophia, der größten Mosck-ee Konstantinopels er­richtet werden und wiro Sckrauspiel und Oper umfassen.

Die Milton-Dreihundertjahrfeier. In Lon­don rüstet man sich, den drcihundertsten GevurtStag des großen Dichters dcS Verlorenen Paradieses zu oegehen, und das Programm der Festlichkeiten wird bereits verkündet. Am Vorabend des Fest­tages, am 8. Dezember, tritt die britische Akademie zu einer Sondersitzung zusammen, in der Dr. A. W. Ward über Miltons

lieben und Wcrt ibcec^n wird, ^aran |G;iußc ncy cm Vortrag von Stt Frederick Bridge über denComos" und die dazu gehöriget Ptusik, die dabei öom Chor der Westmrnster-Abtei illustriert wird. Vorher wird eure Würdigung Miltons verlesen, die George Mere­dith verfaßt hat. Am 9. Dezember wird ein besonderer Gedächtnis­gottesdienst in Lkr St. Mary-le-Bow-Kirche abgehatten, in der der Bischof von Riiwn die Predigt halten wird. Am Abend gibt der Bürgermeister ein großes Bankett. Am 10. Dezember veranstaltet die britische Atademie eine Generalversammlung, bei der eine Anzahl unveröffentlichter Schriften über Mttlon bekannt gegeben Wirch. Für die Gäste der Akademie findet dann am . Dezember im Theater im B-urlington-Äarlen unter der Leitung von William Poel eine Aufführung vonSamson Agonistes^ statt. Tas Britische Museum veranstaltet eine Sonderausstellung! von interessanten Handschriften Miltons.

Das kostbarstc Buch, das je gedruckt worden ist, dürfte der großeKatalog der Miniaturen-sammlung im Besitz von I. P i erpo n t Mo r aa n, in seinem Auftrage von G. C. Williamfon zufammengestellt und privatim gedruckt," fein, der jetzt nach langer Vorbereitung fertig geworden ist. Das erste Exemplar hat Pierpont Viorgan an Pr.isident Roosevelt als Ge- sckienk gesandt, ein Mettes Exemplar hat die Königin Viktoria und ein drittes die Kongreß-Bibliothek in Washington erhalten. Das Werl umfaßt drei B^itde in Riesenformat; cs ist auf lostvatcm Velin gedruckt, tu nd zwar nur in zwanzig Exemplaren, die nicht in den vandel gelangen. Die drei Baaide find prachwvll in weißem Leder mit Silberbeschlag gebunden. Der Katalog enthält vor allem die mit vollendeter Technik hergesteltten bieproduktionen der kostbaren Vliniaturen, deren Sammlung von jeher eine be- ionbete Liebhaberei Pier Pont Dlorgans gewesen ist, für die er keine Lasten gescheut hat. Es heißt, datz die einzig dastehende Sammlung einen Aufwand von wenigstens einer Million Dollar erfordert l/tbe. Sie enchält eine Gculerie der hervorragendsten L'ch'önheiteil aus zwei Jahrl)underten, von den berühmtesten Mtz- niaturkünstlern ihrer Zeit gemalt. Der Edelstein der Sammlung ist ein Miniaturoilo der Maria Stuart von einem unbekannten Alaler, das einst Karl I. von England gehörte und von ihm so hock) geschätzt wurde, daß er seine Initialen darauf setzte. Außer­dem ist von dem Lkünstler das Alter der Königin mit 23 Jahren auf dem Porträt angegeben.

Kleine Chronik aus Kunst unb Wissenschaft. An Stelle bes scheibenben Hofkapellmeisters Göhler in Karls­ruhe tritt am 1. Tez. 1909 HoikapeUmeiiter Leopold Reichwein aus Alaimheim als elfter Kapellmeister des Hon Heater. Mnn- nerial-Direktor Dr. '2)1 a r q u a r b t m Stuttgart ist zum Vor­stand der wissenfchaittichen Sammlungen bes Staates ernannt worben. Ter Herausgeber berLibre Parole", Eduard Trum out, bewirbt sich um ben burch ben Tob Saidoiis erle­digten Sitz in ber 21 c a b 6 m t e Frau^aif e.