Samstag 18. Juli 1908
Nr. 167
Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».
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158. Jahrgang
Die ..Gießener ZamilienblStter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kretsblott ffli den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. Die ..randwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Der Zweck der ganzen Denkschrift ist, wie zum Schluffe bemerkt sei, nur der, die Grundzüge klar darzulegen und nachzuweisen, auf welchem Wege eine Erreichung des Zieles möglich ist, eine genügende Fürsorge für die Privatangestellten zu erreichen. Es ist nun Sache der Interessenten, sich dazu zu äußern, in welchem Umfange das geschehen soll und welche Aufwendungen dafür gemacht werden können.
der Gießener Verein dem Friedberger Kanzcrtvcrein, neulich am gleichen Ort zu hören Gelegenheit hatten, an Zahl und Auswahl seiner Kräfte überlegen. '
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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UniversitätS - Buch- und Eielndruckerei.
ÖL Lange, Gießen.
Redaktion. Expedition und $ ruderet: Schul- ftrafee 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: ^^l 1^. Tel.-Adr^AnzcigerGießen.
heben, da ihre Stellung an der Universität Lausanne unhaltbar geworden sei.
D i e L a g e i n M a z e d o n i e n hat sich, trotzdem Osman Pascha das Kommando in Monastir übernommen hat, verschlimmert. Das jungtürkische Komitee in Resna gewinnt immer mehr Anhänger, das Programm der Jungtürken wird von der Bevölkerung mit Enthusiasmus ausgenommen. Falls die Pforte mit Gewalt Vorgehen sollte, dürsten schwere Zusammenstöße nicht ausbleiben.
Die portugiesische Zioilliste. Die portugie- ische Kammer hat mit 82 gegen 14 Stimmen den Artikel 5 ,cS Gesetzes betr. die Zivilliste genehmigt. Hierauf wurde das ganze Budget angenommen.
Zur Lage in Marokko. Aus Fez wird gemeldet, daß die Haupl-Chorfas von Onezzan Fez verlassen haben. Gerüchtweise verlautet, daß die Haupt-Chorfan beabsichtige, Muley Hasid aufzugeben und sich zu den Truppen Abdul Asis zu begeben. Aus Ondscha wird berichtet, daß eine Typhus-Epidemie in dem Lager unter den Truppen herrscht. Die Kranken werden in daS Spital von Lalla Marnia gebracht. Umfassende Maßregeln zur Bekämpfung der Epidemie sind bereits getroffen worden.
Erkrankung des Kaisers von China. Der Kaiser ist feit mehreren Tagen krank. Bisher ist cs nicht gelungen, oas Wesen der Krankheit genau festzustellen, da man im Palast von der ärztlichen Kunst des Westens nichts wissen will. Die vorliegenden Berichte bezeichnen die Krankheit als Dysentherie. Gestern war das Befinden des Kaisers besser. Die Kaiserin beauftragte die Gouverneure in der Provinz, Aerzte nach Peking zu schicken.
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Siehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesten
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In der für den russischr-orthodoxen Kultus heraerichteten R c i n- hardskirche fanden inzwischen auch die ersten Gottesdienste statt.
Auf dem Stadthaus zog man am Freitag den 3. Juli die Bilanz des verflossenen Jahres. Zunächst erfolgte die Mitteilung, daß daS Ureisamt die Stadttasse revidiert uns in anerkennenswerter Ordnung gesunden habe. Wenn wir keine Ehristenmenschmi wären, würden wir uns bei dieser Gelegenheit gewiß einen phari- säerl)aften Seitenblick auf die Zöllner und Sünder an anderen Orten nicht versagt haben. Tann wurden die Rechnungen für 1906,07 geprüft vom städtischen Elektrizitätswerk, Gaswerk, Waiscr- lverk, Kranken^us, von der Bürgerschule und der Stadt. Beim Gaswerk wurden 781 Mk., bei der Stadt 7513 Mk. als uneinbringlich niedergeschlagen. Tas Wasserwerk ergab einen Ueber- schuß von 80,66 Mk. Reich sind also wir Nauheimer durch unsere kommunalen Unternehmungen bis jefct noch nicht geworden. Das Gaswerk hat durck) das staatliche Elektrizitätswerk eine starte Konkurrenz bekommen. Man rechnet aber auf den zunehmenden Lichtdurft der Zeit, der begierig aus beiden Qreellen schöpfen werde. Am Gaswerk haben, wie cs scheint, in der letzten Zeit unerquickliche persönliche Verhältnisse geherrscht, die sich zum Stadtgespräch auswuchsen. Infolgedessen Ijar zum 1. Juli der Tirektor, zum 15. September auch der Gas- meister gekündigt. Hoffentlich bringt die Zukunft ein l)armo- ni'chcres Zusammenarbeiten. Was die Bürgerschule betrifst, so verdient das ihr von Seiten der Stadtverordneten entgegengebrachte Verständnis alles Lob. Das neue Gebäude, das nächste Ostern bezogen werden soll, wird nickt nur praktisch, sondern auch reichlich und vornehm ausgeftattet. Das wird der Leistungsfähigkeit der Anstalt wie der Arbeitssreudigkeit der Lehrer merkbar zu gute kommen und so darf man wohl hoffen, daß diese Bildungsstätte der Stadt einmal zur Ehre wie zum Segen gereichen werde.
Es wurde ferner noch die versuchsweise Pflasterung einiger Straßenübergängc mit Schlackensteinen beschlossen, wozu 2200 Mk. zu bewilligen waren. Es gilt eine Probe über Dauerhaftigkeit und Schalldämpfung dieser Art von Belag, der sich in anderen Städten schon bewährt haben soll.
Leider ist nun auch der alte Krieg int Frieden zwischen der Stadt und dem Staat, den man seit der Kohlen säurewcrk- Affäre für lange glücklich beigelegt wähnte, wieder einmal aus- aebrochen. Bisher haben die Nauheimer Bürger nämlich anstandslos von einigen Rockten Gebvauch gemacht, die ihnen nun plötzlich von Seiten des Staates Gestritten werden. Es handelt sich um die Benutzung des Parkrveaes am Fuß der Terrasse einlang und um das Waiserholen am Ludwigsbrunnen. Das gesunde, leicht kohlensaure Wasser des letzteren ist uns • Nauheimern als
Ausland.
Deutschland und die Brüsseler Ausstel- lung. Wie das belgische Blatt „Soir" mitteilt, hat der belgische Minister des Auswärtigen die amtliche Mitteilung von der Beteiligung Deutschlands an der Brüsseler Ausstellung im Jahre 1910 erhalten. Es ist dies das erste Mal, daß Deutschland sich amtlich, an einer belgischen Ausstellung beteiligt.
A m t s e n t s e tz u n g zweier Professoren. Der Staatsrat des KantonS Waadt hat beschlossen, die Professoren Kuhleubeck und van Bleuten ihres Amtes zu ent
sprachen. Vorbnc!« Klasse«hohem 8^ für Matuntatö- a
Mgspriislmgen.
oese, Oberlehrer Li.
Goetbcitt.Sü—> es SauerkrM ,e LahGuck „es GkünkM emgettoffcll ® l S»M
b) im Falle der Erreichung des 65. Lebensjahres beziehungsweise nach vollendeter Wartezeit eine Alterspension;
c) im Falle des Todes eine Hinterbliebenenfürsorge.
II. Weibliche Privatangestellte erhalten nach Erfüllung einer Wartezeit von 120 Beitragsmonaten dieselben Kassen- leistungen wie die männlichen Angestellten: außerdem ist aber noch vorgesehen, daß bereits nach Erfüllung einer Wartezeit von 60 Beitragsmonaten:
a) im Falle eingetretener Erwerbsunfähigkeit (Berufsinvalidität) eine feste Jnoalidenpension,
b) im Falle deS Todes entweder Waisenpension oder Rückzahlung der geleisteten Pflichtbeiträge gewährt werden soll.
Die I n v a l i d e n p e n s i o n setzt sich aus einem Grund- betrage und aus Steigerungen zusammen. Der Grundbetrag ist stets i,4 des Wertes der ersten 120 Monatsbeiträge, die Steigerung beträgt ferner Vs des Wertes der über die 120 Monatsbeiträgc weiter bis zum Eintritt des Vcrsichc- rungsfalles entrichteten Monatsbeiträge. Die feste Jnva- lidenpension, die in gewissen Fällen an weibliche Privat- angestellte gezahlt werden soll, ist gleich einem Viertel der ersten 60 Monatsbeiträge. Die Witwenpension beträgt Vs, die Pension an Halbwaisen an Doppelwaisen 2/15 der Pensionen, auf die der verstorbene Ernährer Anspruch gehabt hätte, falls er zur Zeit seines Todes erwerbsunfähig gewesen wäre.
Ausscheidende Mitglieder können entweder durch Fortzahlung der vollen Beiträge ihre Anwartschaft aus die Leistungen der Anstalten aufrechtcrhalten oder nach zurückgelegter Wartezeit ihren Anspruch in eine beitragsfreie Versicherung umwandeln lassen, wofür dann eine jährliche An- crrennungsgebühr zu zahlen ist. Sie fönitcn aber auch, falls sie mindestens 60 Monatsbeiträge geleistek"haben, die Rückzahlung ihres selbstgeleisteten Pflichtbeitrages verlangen, wozu noch eine mäßige Verzinsung treten soll.
Der Beitrag, den die Denkschrift für diese Leistungen in Betracht zieht, beträgt für männliche und weibliche Angestellte 8 Prozent des durchschnittlichen Gehaltes derjenigen Klasse, in der ihre Gehälter eingeordnet sind. Solcher Klassen sind 10 in Aussicht genommen; die unteren stimmen mit denen der Invalidenversicherung überein, die oberste umfaßt alle Gehälter über 5000 Mark. Es ist in der Denkschrift ersichtlich gemacht, welcher Teil von diesen Beiträgen erforderlich ist, um für die einzelnen in Erwägung gezogenen Leistungen ausreichende Deckung zu haben. Sollten daher Bedenken bestehen, den kraft gesetzlichen Zwanges zu erhebenden Beitrag so hoch zu bemessen, so lassen sich entsprechende Minderungen der Beiträge und Leistungen leicht berechnen und ausführen.
»täten.
Line neue Denkschrift der privaiangestellten.
Dem Reichstag ist eine neue vom Hauptausschuß der Trivatangestellten ausgearbeitete Denkschrift über die Pen- s wnsversorgung . der Privatangestellten zugegangen. 'In i dieser Denkschrift werden zunächst die verschiedenen Vor-
I hläge zur Durchführung der Pensionsversicherung der Pri- ; natangestellten geprüft und dann die Einwände gegen die ikechnungsgrundlagen der früheren Denkschrift vom 14. März
। 11907 entkräftet. Ein weiterer Abschnitt bringt neue Berechnungen über die Belastung nach Maßgabe der veränder- r?n Grundlagen und über die Mehrkosten, die erwachsen : lerden, falls innerhalb der vorgesehenen zehnjährigen Wartezeit gewisse Leistungen gewährt werden sollen. Ten Wünschen der Privaiangestellten auf Einführung der Zerufsinvalidität und auf Gewährung einer Alters-
i reute mit Beginn des 66. Lebensjahres läßt sich nach der Denkschrift durch Erweiterung des Jnvalidenversicherungs- esetzes nicht Rechnung tragen. Eine Befreiung der Angestellten von der reichsgesetzlichen Invalidenversicherung nd die Errichtung einer besonderen Versicherungsanstalt n deren Stelle, die erweiterte Leistungen mit einem ange- lesseneu Reichszuschusse gewähren soll, kann aus sozialen mb finanziellen Gründen ebenfalls nicht gutgeheißen wer- en. Die Versicherung der Privatangestellten soll vielmehr rad) den Vorschlägen der Denkschrift alsZusatzversiche- mn g zur reichsgesetzlichen Invalidenversicherung, und zwar ebenfalls als Pflichtversicherung, durchgeführt wer- cen. Es würden also nebeneinander und in gesonderter Durchführung durch zwei getrennte, selbständige Organi- ttionen bei reichsgesetzlicher Invalidität (§ 5 Abs. 4 des Üwalidenversicherungsgesetzes) sowie bei Berufsinvalioität 'Pensionen gezahlt werden. Berufsinvalidität wäre dann onzunehmen, wenn der Versicherte, dessen Invalidität fest- bestellt wurde, nicht mehr als die Hälfte dessen zu ver- iicnen imstande ist, was ein körperlich und geistig gesunder Privatangestellter von ähnlicher Ausbildung oder gleich- vvertigen Kenntnissen und Fähigkeiten in einer durch die
j i leue Versicherung erfaßten Berufsstellung (als Privatange- I s lellter) zu verdienen vermag. Neben den Beiträgen zur
i cstehenden Invalidenversicherung würden nach der Tenk- hrift also künftig noch die Beiträge zur Privatangestellten-
i ersicherung zur Erhebung gelangen, wofür natürlich die Deistungen beider Einrichtungen, wenn der Versicherungs- - Kl nach Maßgabe der in Betracht kommenden Bestim- i mngen cintritt, nebeneinander gewährt würden.
In die neue Pflichtversicherung sollen alle Personen, hie über 16 Jahre alt sind, ausgenommen werden, sofern i ie bei Einführung der neuen Bersick-erungspflicht das 60. Le- wmsjahr noch nicht überschritten haben. Dabei sollen Ein-
* kommen über den Höchstsatz von 5000 Mark nur l»is zu dieser Grenze in die Versicherung einbezogen inerden. Zur Durchführung der Versicherung wird eine
eichsversicherungSanstalt für Privatange- itelltein Vorschlag gebracht, die eine ähnliche Organisaiion e chalten soll, wie die Versicherungsanstalten der Jnvaliden- »crsicherung. Dieser Reichsanstalt sind die von den Arbeitgebern und Angestellten zu gleichen Teilen za tragenden Beiträge zuzuführen, was durch Reichsbankgirokonto oder mittels des Postüberweifungs- und Scheckverkehrs geschehen rann. Die Zahlungen (Pensionen usw.) der Anstalt an i»ie Rentenempfänger vermittelt die Post. Außerdem wird ieie Anstalt selbst auch in geeigneten Fällen das Heilver- s a h r e n zu übernehmen haben.
Die Leistungen der A n st a l t aus der Versicherung | sollen nach der Denkschrift nun die folgenden sein:
L Männliche Privatangestellte erhalten nach Erfüllung einer Wartezeit von 120 Beitragsmonaten:
a) im Falle eingetretener Erwerbsunfähigkeit (Berufsinvalidität) eine Jnvalidenpension;
Bad-Nauheimer Brief.
VIII.
Ten Höhepunkt der bisherigen Kur-Veranstaltungen bildete hus großartige Feuerwerk am Teich (23. Juni). Auch wer ssch an den Feuerwerkseffekten vor der Terrasse einigermaßen satt gesehen hat, wird von einem Feuerwerk am Teich immer wieder •reu gepackt werden: So viel landsck>astliche Schönheiten plötzlich in ein vergoldetes Flammenmeer getaucht zu sehen, im Wasser hie blitzenden Spiegelbilder der bunten Leuchtkörper, das ist ein malerisches Bild. Und nachher, im Gegensatz zu all dem Lärmen unb Leuchten, wenn sich die Tausende von Menschen verlaufen l aben, wieder die stille, bunfic Einsamkeit. Der Schwan, magisch beleuchtet vorhin über den Teich ruderte, sitzt nun n.ieder ruhig unter dem überhängenden Gebüsch des Ufers. Ta i.t auch das von einem Drahtgeflecht geschützte Nest, wo bas Weibchen brütet, indes bas Männchen in geringer Entfernung regungslos auf dem Wasserspiegel liegend, Wache hält. Lauschend drehen sich die langen, lveißen Hälse dem Beschauer zu, der vorsichtig bard) bas auseinandergebogene Geäst hiirdurch das Familienidyll beobachtet.
Seljr dankenswert ist bas sichtliche Bestreben der Kurdirektion, aiiich die Einwohner Bad Nauheims selbst aktiv in das Babeleben mit einzubeziehen, wie es durch das Doppelkonzert der p u r k a p e l l e und unseres Gesangvereins „F r o h) t n n' , am 14. Juni) der J-all war. Das wirkt sehr anregend aus die l7mnstbetäligung unserer Bürger und vermittelt andererseits un- s wen Kurgästen, zumal den ausländischen, einige Kenntnis von unserer heimischen Sangeskunst und Gemütsart. Und die Lecst- iingeii des „Frohsinn" (Dirigent Lehrer Bech t o l s he im e r) ttaren derart, daß wir uns einer solchen Vermittelung wahrlich nicht zu sck-ämen brauchten.
Auch bei dem von der Kurdircktwn veranstalteten internatw- tmein Lawn-Tennistonrnier waren Bad-Naul-eimer betei- L-.gt, in doppelter Weise: Mitglieder unserer oberen Geiellichastkreise als Mitspieler und unsere Geschäftsleute Ixidurch, daß an Swlle be- siimmter Preise Gutscheine ausgegeben wurden, die auf Nauheimer Geschäfte lautend, dem glücklichen Gewinner die Befriedigung ging spezieller Wünsche gestatteten. .,
Am 21. Juni wurde die Erinnerung an die Einweihung unsrer schönen Tankeskirche gefeiert. Wie notig ihre Errichtung bei dem Anschivellen unseres Kurbetriebes war zeigt die Menge, die allsonntäglich den weihevollen Raum lullt. Der .sonst so vielfach fpürbare Rückgang des Kirchenbcsuä)es ist bei uns kaum zu merken. Die leidende Menschheit, die hier Drost lcktb Hilfe sucht, ist gern bereit, sich neben den irdischen veck- cueflen auch den überirdischen zuzuivcnden. .
Tas Feftkonherl, das der ® icB.cn er Klrchenge- Pang verein gewissermaßeii als ein Gescheit an dw hiesige Gemeinde barbot, fand alle Anerkennung. Wie es scheint, ist
mehr ansreunden. Will uns ber Staat nun vielleicht wieder zu größerer Genügsamkeit erziehen? Andere als deranige edle ALotioe sind doch bei ihm — zumal nach unserem Entgegenkommen in der Kohlensäurcwerkfrage! — kaum anzunehmen, denn bas Wasser, das wir nicht holen, wäre- ja doch für niemanden ein Gewinn, sondern liefe einfach fort. So erscheint es in der Tat als eine höchst überflüssige HerauSsorderung der mit Steuern bis zum Uebermaß belasteten Naul^eimer Bürgersck-aft seitens des Staates, so kleinlich an alten Gewohnheitsrechten abhandeln zu wollen. Es soll nun nötigenfalls der Weg der Klage beschritten werden, nm die Rechte ber Nauheimer grundbuchlich fixieren zu können.
Aus den Aufgaben unb Kämpfen der Gegenwart heraus ist der Blick in die Vergangenheit zurück unterhaltend nicht nur, sondern ermutigend und behehrend zugleich. Bad-Nauheims Geschichte wird in der nächsten Zeit auch eine genauere Durch- sorschuna erleben. Es hat sich bei uns der frühere Züricher Privatdozent Dr. Alfred Martin als Arzt niedergelassen, der durch sein schönes Werk „Deutsches Babewesen in vergangenen Tagen" schon weiteren Kreisen bekannt ist. Einige Veröfsentlichungen in einem hiesigen Blatte zeigen, daß er seine historischen Studien über unsere Quellen fortzusetzen denkt. Ich selbst Ijabe kürzlich) von ber Bürgermeisterei die Schlüssel zu unserem kleinen Ge- meindearchiv erhalten und denke daraus, wenn es erst geordnet sein wirb, auch) manches Interessante erzählen zu können.
So fielen mir aus ber kurhessischm Zeit Vcrorbnungen des Landgrafen Wilhelm VIII. in die Hand, die unter Mißbrauch) der gnädigsten landesväterlichen Siebendarien die Aushebung der jungen Leute verfügen, welche an England zur Verwendung gegen die Unabhängigkeitskämpser in Amerika verkauft werben sollten. Tas war vor wenig mehr als einem Jahrhundert. Und jetzt, am 4. Juli, werden eben jene Unabhängigkcilskämpfer in Aad- Nauheim durch die großartigsten Veranstaltungen, mehrfache Konzerte, Terrassen- unb Parkbeleuchtung u. a. gefeiert. Die Enkel derer, die ernst tapfer, wenn auch nur gezwungen, gegen die Amerikaner gesechten haben, lassen heute stolz selbst das Sternenbanner der Vereinigten Staaten von ihren Häusern wehen. Unb int Kursaal tanzen Albions Söhne mit den Amerikanerinnen beit friedlichsten Reigen zu Ehren dieses Tages, der einstigen blutigen Feindschaft auch kaum twch gedenkend. Das ist der Wandel der Zeiten, zum Glück kein fchlechter! Dr. Strecker,
— Eine Nachricht von Sven Hebin! Wie das schwedische Ministerium des Aeußeren in Erfahrung gebracht hat, soll Sven Hebin im November an bie Behörden in Kaschmir geschrieben haben, es sei möglich, daß er seinen Kurs nach Peking nehme, anstatt nach Indien zurückzukchren.
Das XI. deutsche Turnfest in Zranfturt.
„Volksfeste müssen das gesellschaftliche Leben veredeln, höhere Genüsse geben, als zu denen der Mensch sonst gewöhnlich seine Zuflucht nimmt — weil er nicht bessere kennt."
Wenn dieser Ausspruch Friedrich Ludwig Jahns auf irgendwelche Feste angewendet werden kann, so sind es vor allem die Feste, oie sich aus Jahns ureigener Schöpfung, dem deutschen Turnen, herausgebildct haben. Sie sind zu Volksfesten im besten Sinne des Wortes geworden, denn sie werden nicht nur für das Volk, sondern auch durch das Volk begangen. Turnfeste sind vor allem Feste der Arbeit, sie sind für die große Schar, die in der Förderung des deutschen Turnfestes eine felbstgewählte Lebensaufgabe erblicken, große Prüfungen, ob sie in ihrer nationalen Aufgabe Fortschritte gemacht haben. Den Mittelpunkt der Feste bildet das Turnen und alles andere, was sie verschönt, ist lediglich schmückendes Beiwerk, aber nicht Selbstzweck. Tie Feste der deutschen Turnerschaft vor altem heben sich in dieser strengen und dock) irisch-fröhlichen Art hervor, sie sind ein Gradmesser für. den Stand der Leibesübungen und der Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes geworden, wie es in gleicher Weise,wenn auch naturgemäß in kleineren Verhältnissen, die Feste des schweizerischen Turnvereins für das stammverwandte Nachbarvolk geworden find. Dazu kommt ihre vaterländische Bedeutung. Aus ihnen versammeln sich die Vertreter aller deutschen Stämme und der im Auslande lebenden Deutschen, so weit die deutsche Zunge klingt, um Zeugnis abzulegen von der unverwüstlichen Kraft des deutschen Volkstums und die unerschütterliche Zusammengehörigkeit aller deutschen Volksgenossen vor aller Welt zu bekunden.
Fünszigtausend Männer aller Berufstände versammelst sich in diesen Tagen in der alten deutschen Kaiserstadt, um zum elften Male das.gesamtdeutsche Fest zu begehen, an ihrer Spitze der Mann, ber in ber deutschen Turnerichaft von ihrem Anbeginn an, also fast ein halbes Jahrhundert durch, an führender Stelle stand, Dr. Ferdinand Götz aus Leipzig. 1860 nat der jetzt 82jährige rüstige Greis, ber in seiner fast jugendlich frischen Art ein lebenbes Beispiel für ben gefunb-
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