Samstag 17. Oktober 1908
158. Jahrgang
Nr. 245
Zweites Blatt
Erschein! tö-ttch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Karnilienb'.iMer- werden dem .Anzeiger" oiermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für bcn Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit* fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Rotationsdruck und Verlag der Grühpschea UniversilätS - Buch- und Tteindruckerei.
ÖL Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion:e-^II2. TeL-Adr^AnzeigerGießen.
Maßgebende Wiener Kreise stehen dem Kongreßvorschlage zurückhaltend, doch nicht gegnerisch, gegenüber. Von territorialen ^Kompensationen an Serbien und Montenegro kann nach der Aus- sassling hiesiger politischer Kreise keine Rede sein. Punkt 7 des jMngreßvorschlags betrisst vielmehr die Realisierung der Donau- Adriabahn durch Trassenführung über Mitrowitza nach Montenegro, wozu natürlich in erster Reihe die Zustimmung der Türkei nötig wäre. •
Ein Artikel der „Köln. Ztg." kommentiert bic in einer Mel- Lung der „Agence Havas" angegebenen Programmpunkte für die geplante Konferenz und bemerkt u. a. dazu: Das Wichtigste eii dem Programm ist dasjenige, was es lischt ent- 1) ä 11. Es ist zunächst festzustellen, daß kein Wort von einer Zierlichen Verbürgung des Besitzstandes der Türkei sich findet. Darin liegt nach unjerer Ansicht ein großer Fehler. Man konnte annehmen, daß Großbritannien dafür sorgen werde, daß in das Programm irgendeine Garantie des türkischen Besitzstandes aup genommen würde. Das geschah nicht, und diese Lücke wird»in der Türkei sicherlich sehr unangenehm empfunden werden, dagegen ist es ein Gewinn, daß die Dardanellenfrage aus der Erörterung ausgeschaltet ist. Damit verschwindet ein Punkt, um
der sich dann offen an die Spitze der kriegerischen Bewegung stellen werde.
Die Boykottagitation gegen die österreichischen und bulgarischen Waren
wird in Konstantinopel und in der Provinz durch Wort und Schrift eifrigst fortgesetzt, nur wird infolge der Befehle seitens der Pforte und des Komitees die Anwenduiig von Gemalt vermieden. Derzeit verweigern in beinahe allen europäisch- und asiatlsckx-türkischcn Häsen die türkischen Arbeiter und Bootsleute die Ausladung der Lloyddampfcr. Die geschädigten Kaufleute, die große Verluste erleiden, erheben bei den Behörden und bei dem Komitee Protest und verlangen vergebens die Ausladung der Dampfer. Der Dampfer „Achilles" des österreichisä-en Lloyds ist in Port Said angekommen und berichtet, daß der aufgebrachte Pöbel von Beirut die Mannschaft mit Revolvern und Messern bedrohte, um die Landung der österreichischen Post zu verhindern. Der „Achilles" geht nach Alexandria, uni die Ladung und die österreichische Post einem anderen Schiffe zu übergeben.
B a g d a d war gestern der Schauplatz von Unruhen. In der Mohamend Moschee hatten sich Muselmanen, Christen und Inden versammelt behufs Einigung über ein Programm. Die Vioschce war früher nie von Andersgläubigen betreten worden. Ehe iwd) die Beratungen beginnen konnten, wurden im Innern der Mofchee die Christen und Juden angegriffen, wobei zahlreiche Verletzungen vorkamcn. Hierauf plünderten Araber einen Teil des Geschäfis- viertels. Der Basar in Bagdad ist seit gestern gesperrt.
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Der russische Minister des Aeußern, Iswolsky, begab sich gestern vormittag nach Paris. Der russische Botschafter Graf Benckendorsf, das Personal der Botschaft und der Vertreter Sir Edward Greifs gaben ihm das Geleit zum Bahnhöfe.
rrrssiand.
Die Minister F i c v l e r und Pradek haben infolge der Auslösung des böhmischen Landtages ihre De- mission eingcreicht. . .
Der Heeresaus schuß der ungarischen Delegation nahm das Oroinarium und das Ertraordinarium des Heeres unverändert an.
Der B o t s cha s t e r v. T s ch i r s ch k Y ist gestern abait> in Budapest eingetroffen und vom Kaiser Franz Josefs in besonderer Audienz empfangen worden. Der Botschafter überreichte ein eigenhändiges Schreiben des deutschen Kaisers. r. ,
Der Internat. A rb eiter versrcherungs- Koiigreß in Rom wurde gestern geschlossen. Der nächste Kongreß findet in Amsterdam statt.
Aus Lissabon wird gemeldet, daß in der portugiesischen Stadt Azambuja anläßlich der städtischen Wahlen politischeUnruhen ausbrucheir. Die Monarchisten und Republikaner gerieten in Streit und Militär mußte herbergerufen werden, um die Ruhe wieder herzustellen. Dabei wurden 5 Personen getötet, 23 schwer und 40 leicht verwundet. t
Wegen Beteiligung an der E r m o r d u n g des früheren Dumaabgeordneten Herzen stein, wurde der Angeklagte Polownjew vom Schwurgericht zu 6 Jahren Zuch^ Haus verurteilt. .
Zur revolutionären Bewegung in Perfren. Nachdem Ain ed Dauleh mit seinem Detachement uner»' wartet geflohen ist, haben die Revolutionäre und der Pöbels die dem Schah gehörigen Gebäude, in denen Ain ed Dauleh bis zur Flucht gewohnt hat, demoliert.
ranLtagrwahlbeioegung.
Wahlbezirk Gießen-Stadt.
Der Freisinnige Verein beschäftigte sich in seiner gestrigen gut besuchten Hauptversammlung mit der Landtagswahl. Der Vorsitzende Justizrat Metz führte aus, es habe von Anfang an keinem Zweifel unterliegen können, daß auch dieses Jahr wieder Geh. Justizrat Dr. Gutfleisch als Kandidat für die Landragswahl aufgestellt werden sollte. Bereits im November sei bei dem nationalliberalen Parteivorstand angefragt worden, ob sie die Kandidatur Dr. Gutfleisch gemeinsam mit der freisinnigen Partei aufstellen wolle. Der nationalliberale Vorstand, sagte zu, daß er diese gemeinsame Kandidatur ihrer Ende September statt-' findenden Mitgliederversammlung im befürwortenden Sinne unterbreiten wolle. In einer späteren Mitteilung des Freisinnigen Vereins sei vorgeschlagen worden, wiederum gemeinsame Wahlmänner aufzustellen. Inzwischen sei die Unterstützung Dr. Gui- fleisch nach einem Bries von der nationalliberalen,Parteileitung von der Voraussetzung abhängig gemacht worden, daß die Mainzer Freisinnigen von hier aus um die Unterstützung Dr. Pagenstechers angegangen werden sollten. In einem Bries des national- liberalen Parteivorfitzenden an Geh. Justizrat Dr. Gutfleisch wurde dies sogar als Bedingung für die Untersttitzung des freisinnigen Kandidaten gestellt. Eine Unterstützung der Kandidatur Pagen- stecher sei nach der politischen Konstellation iu Hessen völlig ausgeschlossen gewesen, und schon deshalb nicht möglich, weil in Mainz eine Kandidatur Pagenstecher überhaupt nicht vorhanden sei, sondern nur zwei gemeinsame Kandidaten der Nationalliberalen und des Zentrums. Aus eine nochmalige Anfrage, ob die Nationalliberalen die Kandidatur Dr. Gutfleischs bedingungslos unterstützen, und eine gemeinsame gleichmäßig zusammengestellte Wahl- männerliste aufstellen wollten, kam dann am Donnerstag die Antwort, daß es der nationalliberalen Partei mit Rücksicht auf das Verhalten der freisinnigen Partei in Hessen unmöglich sei, die Kandidatur der freisinnigen Partei rückhaltlos zu unterstützen. Die Erörterung darüber, ob es von der nationalliberalen Partei von ihrem Standpunkt aus politisch klug gewesen sei, so vorzugehen, könne heute unterbleiben; es gelte jetzt, selbständig und mit Energie für den fteifinnigen Kandidaten einzutreten, damic ihm ein möglichst einmütiges Vertrauensvotum der Bürgerschaft zutefl werde. Uebrigens seien nicht alle nationalliberalen Partei- angehörigen mit dem Befchluß ihrer Mitgliederversammlung einverstanden, von Professor Dr. Biermann sei bereits ein Schreiben in diesem Sinne eingegangen, in dem zugleich gebeten wurde, bei der Aufstellung der Wahlmännerliste für Dr. Gutfleisch die Universität nicht zu vergessen, ihre Angehörigen würden jederzeit für den Ehrendottor der Ludovieiana eintreten. (Lebh. Bravorufe.)
In der Diskussion ergriff Beigeordneter Georgi das Wort, um zunächst einen Rückblick auf die politische Entwickelung des Reichstagswahlkreises zu werfen. Bis 1880 sei der Wahlkreis stets durch den Freikonservativen von Rabenau vertreten gewesen. Dann sei es infolge der Begründung des Vereins der Fortschrittspartei gelungen, Dr. Gutfleisch zu wählen. 1884 und 1887 siegte der Nationalliberale Buderus und 1890 wieder Dr. Gut- fleisch, trotzdem er im Wahlkreis nicht agitierte. Er wurde in Friedberg und Gießen gewählt und entschied sich auf Drängen der Berliner Parteileitung für Friedberg. Bei der Nachwahl ging das Mandat mit wenigen Stimmen an den Antisemiten Pickenbach verloren. 1893 siegte Köhler, ebenso 1898, trotzdem in letzterem.Jahr die beiden liberalen Parteien e; ien gemeinsamen Kandidaten aufgestellt hatten. 1903 gelang es dann, durch die
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger fir Sderhesfe«
rttsZnes jsnMeton.
— Erinnerungsmunzeder Landesausstellung. Die Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst erläßt soeben eine Aufforderung zum Wettbewerb zu Entwürfen für eine Erinnerungsmünze. Sie soll allen an der Ausstellung beteiligten Ausstellern zur Erinnerung überreicht werden. Die '.lusführungsgröße soll 25 qcm im Quadrat nicht überschreiten, die Form der Medaille bleibt sreigestellt. Für den besten Entwurf wird ein Preis von 500 Mk. verliehen. Das Preisgericht besteht aus Minister des Innern Dr. Braun, Prof. Habich, Prof. Hölscher, Prof. Dr. Müller und Prof. Schar- vogel. Die Entwürfe sind bis 1. Dezember einzureichen.
— Ein Olbrich-Museum. Anläßlich der gegenwärtig im Ernst-Ludwig-Ausstellungshaus stattfindenden Olbrich- Ausstellung wird an zuständiger Stelle lebhaft der Gedame der Errichtung eines ständigen Olbrich-Museums erwogen. Eine große rheinische Stadt (Jedenfalls ist es Köln. D. Red.), die die Ausstellung später auch in ihren Maliern dem kunstsinnigen Publikum zugänglich machen wird, geht auch mit der Absicht um, ein Olbrickj-Museum zu errichten. Gs sind aber, wie wir hören, bereits Schritte eingeleitet worden, die wertvolle Olbrich-Sammlung für die Stadt Darmstadt dauernd zu erhalten. Das schöne Wohnhaus Pros. Olbrichs auf der Künstlerkolonie soll nach dem Wunsche des Verewigten dauernd in unveränderter Weise erhalten bleiben und wird voraussichtlich später zur Unterbringung des Olbrich-Museums verwendet toerben. — Wie wir weiter hören, werden die größeren Arbeiten, die Professor Olbrich im Rheinland unvoll enoe t h lnter - lassen mußte, von einem seiner Schüler, Herrn Richard "Schm iot aus Gießen, fertiggestellt. Herr Richard Schmidt gehörte hier zu den Schülern des Verstorbenen und, kam dann als hehrer an die Kunstgewerbefchule in Mainz und später in gleicher Eigenschaft nach Hamburg. , _ _.
— Ein Katalog der Bücherei Goethes. Die Neuordnung des Inventars im Goethe-Nationalmuseum zu Weimar schreitet rüstig fort. Insbesondere sind die Vorarbeiten zu einem Kataloge der Bücherei des Dichters, dessen Llusgabe ProMor Dr. E. Schüddekopf (Weimar) unternommen hat, beinahe zu Enoe geführt. In der Brbleothek sind die europäischen Literaturen, Geschichte und Reisen, Archäologie und Kunstgeschichte, aber auch Naturwissenschaft, besonders CptiE und Botanik, reich vertreten. Daaeaen fehlt, was man wohl hauptsächlich vermißt, größtenteils die zeitgenössisckie Literatur des 18. Jahrhunderts, nach Ansicht Schüddekopfs wahrscheinlich deshalb, weil Goethe und- Schiller sich an einer Auktion der weimarifckien Bibliothek im ^zahre 1 < Jy mit einer großen Zahl ihrer Bücher beteiligt haben. er Katalog in([ sich zu einer Grsamtübersicht über die Quellen gestatten, aus denen Goethe i'civ.c universelle Bildung schöpfte. Denn für chn ivaren seine Bücher, wie seine übrigen Sammlungen, rein
totes Kapital; an seiner Bibliothek hastet ein Stück seiner geistigen Entwicklung. Daher wird es die Hauptaufgabe eines Verzeichnisses seiner Bücherschätze sein müssen, alle die feinen Faden zu verfolgen, die von diesem zu seinen Schriften hinüberspielen. Diesen Grundsätzen entsprechend wird der zu druckende Katalog alle in den Büchern befindlichen handschriftlichen Eintragungen Goethes verzeichnen. Auch alle handschriftlichen Dedikaiionen, die sich in den Goethe dargebrachten Werken finden, sollen nut» verzeichnet werden. Um aber zugleich eine Übersicht über die oesarnte sonstige Lektüre zu gewinnen, und -amtt einer Untersuchung über Goethes Quellen vorzuarbeiten, sollen dem Katalog mehrere Beilagen zugesügt werden, so z. B. em Verzeichnis der von Goethe aus den Bibliotheken in Weimar, Jena und Götttngen entlehnten Bücher und die von ihm selbst in die erwähnte Auktion der Weimarer Bibliothek gegebenen Bücher, soweit sie noch als solche nachweisbar sind. , ...., _ .
— „S e N j a l i o u s n o v 11 a t. In einem oberheßiichen Land- städtcheil kündigte kürzlich die „Thealerdireltion" eine Aussührnug folgendermaßen an: . . , ,
Herrliches Schauspiel! SenfationSnovitat!
Der S t r o in.
Alles Nähere die Zettel.
Wie tief ist die .hochwohllöbliche Direktion" in die Bedeutung des Halbe'schen Schauspieles eingedrungen. Wie großzügig und bedeutend klingt das: „Seiisationsnovitäl". Es ist nicht einzufehen, warum Mar Halbe fern Sclwiifpiel nicht jo genannt hat. Hoffentlich bekommt er jetzt em Einsehen und gibt feinen zukuickligen Werken die richtige Ärtbezeichmmg. Es macht sich doch auch vor- uehmer, so ein nettes, schönes Fremdwort. Und warum wären ivir denn Deutsche, wenn wir keine Fremdwörter brauchen ivollten!
— Deutsche Studierende in Amerika. An der Harvard-Universität zu Cambridge U.S. A. ist vom beginnenden Wintersemester ab eine Einrichtung getroffen, die für die Forderung d?S deutsch-amerikanischen geistigen Austausches erhebliche Bedeutung zu gewinnen verspricht. Die Korporation der Universität hat sich nämlich vom 1. September d. I. auf zehn ^ahre bereit eMärt, eine Anzahl fortgeschrittener deutscher Studierenden, bis zu fünf im Jahre, die vom preußischen Unterrichts nnniltenum empfohlen werden, in allen Abteilungen cer Universität von den regelmäßigen Unterrichtsgebühren zu befreien. Da diese Gebühren je nach den UniverMtsabteilungen 600 bis 800 Mark jährlich betragen, so darf darin eine Ivesentliche Erleichterung des Studiums an her Harvard-Universität insbesondere für solche Studierende erblickt werden, die sich einem tieferen Studium auf einem einzelnen speziellen Gebiet widmen wollen.
— Kleine Chronik u :■ K u Jt u n d Wissenschaft. Max Bayrhammer, der bekannte Charakterdarsteller des Frankfurter Schanfpielhauses unb Rezitator, beabsichtigt, wie uns aus Frankfurt geschrieben wird, sich im September kommenden Jahres von der Bühne zurückzuziehen.
Tie Lage in Bulgarien
Nachrichten aus Sofia zufolge, herrscht in Bulgarien seit den letzten 24 Sttinden große militärisch e 4. ät i g f e 11. Infolgedessen sandte die Pforce nach dem letzten Minister rat an ihre Vertreter bei den Mächten eine Zirkularnote, worin die Aufmerksamkeit der Mächte auf die Lage in Bulgarien gelenkt und neuerdings auf die friedfertigen Absicksten der Türkei hmgewie,en wird. In dev Note wird "weiter mitgeteilt, wenn Bulgarien in feiner verletzenden Haltung bet Türkei gegenüber der harre, so werde sich die Türkei mit Bebauern gezwungen flehen, Vorsichtsmaßregeln zu treffen; sie lehne bann jede Verantwortlichkeit für den Fall eines Konfliktes ab.
Serbien und Montenegro.
Die serbische Dkuptschina bewilligte gestern einen Kredit von IG Millionen für militärische Rüstungen; dagegen stimmte bloß der sozialöemviratische Deputierte Karlero- vie.
Die österreichische Polizei beschlagnahmte in .bcm Grenzorte Ortavae ein Manifest, das der Fürst von Montenegro an die bosnisch-herzegowinische Bevölkerung gerichtet hat.
Der serbische Minister des Aeußern, Milawanowttsch, begibt sich heute nach Berlin, um mit Iswolsky zusammenzutreffen. Außer denl Minister des Äeußerii werden von einzelnen Parteiführern geführte Deflationen sich in die Residenzen der Sig- natarniächte bt-5 Berliner Vertrages begeben, um für die Interessen des serbischen Volkes bei den Großmächten einzutreten.
Bon maßsebender serbischer Seite wird die Blättermeldung, König Peter beabsichtige a b z u d a n k e n, als jeder Begründung entehrend bozeichnei. Wie verlautet, wird aber die Hofhaltung und die Nalivnalbank nach Kragujewatz verlegt werden. Immer stärker tritt trotz der Dementts das Gerüu/t auf, daß König Peter zugunsten des .Kronprinzen Platz machen werde,
Die Krifis im ©rknt.
Der englisch-russische Programmenttvurs für eine Balkan-Kon- serenz wird mit sehr gemilchten Gefühlen ausgenommen. In Aonstantinoepl t>at er sogar große Erregung hervorgerusen. Die Regierungsblätter erklären, anstatt einer Konferenz würde nunmehr die türkische Armee die A.ntwort auf die Tagesfragen geben. Die Pforte lat eine in diesem Sinne gehaltene Zirkulardepesck)e an die Mächte cbgcfanbt. Da Demonstrationen für den Krieg ftattsinden, würben die Sicherheitsmaß«geln durch die Truppen verschärft. Das Organ des Grvßwesiers „Jeni Gazeta" sagt, daß die Türkei bas Konferenzprvgranim, das nur aus die bosnischen und bulgarischen Fragen zu beschränken sei, selbst diktieren müsse. DaS Organ des jungtürl'ischen Komitees „Schurai Uinnel" ist derselben Anschauung und fügt hinzu, andernfalls würde die Türkei nicht lellnehmen, da ein erweitertes Programm die Teilung der Türkei bedeuten würde. F-üv die Annexion Bosniens müsse Oesterreick)- Ungran auf (otie Postämter und einige Kapitulationsrechte verzichtens lit> von der türkischen Staatsschiil'd einen Anteil für Bosnien übernehulen. — Angesichts dieser Stimmung hat die Pariser Pepesa/e über daS Konsercnzprogramm einen bestürzenden Eindruck gemacht.
Da8 Konfereuzprogramm und die Machte.
Der Pariser „Temps" tadelt es scharf, daß das in London aufgestellte LwnfereuAivogramm noch vor der Ucbermittelung an die Diplomatie durch eine Indiskretion an die Oeffentlichkeit gelangt sei. Diese Veröffentlichung sei mehr, als eine Inkorrektheit, sie sei ein Fehler. Wenn, wie es walwscheinlich ist, Säuberungen vorgenommen werden sollten, bann würden diese für den einen die Bedeutung eines Erfolges unb für die anderen die einer Schlappe erhalten. Das sei nicht danach angetan, um das Einvernehmen zu beschleunigen. Das Blatt schreibt weiter, d aß Oesterveick^-Ungarn oie Veröffentlichung des Londoner Programm- entwnrses als ein nicht sehe angenehmes Vorgehen betrachte. Den Artikel 7 des Programmes (Serbien zu gewährende Vorteile) werde Oesterreich-Ungam nicht annehnicn. Wohl sei Oesterreich- Ungarn erkenntlich dafür, daß der Aiinistcc Pichon die Abänderung oex ursprünglichen Fassung dieses Artikels (Grenzberichtigungen zugunsten Serbiens "unb Ääontenegros auf Kosten des dem Sandschak Nowibazar benachbarten Gevietes von Bosnien und der Herzegowina) veranlaßt habe; aber Oesterreich könne auch die zweite Fafsung, wenngleich sie unbestimmter laute, nicht <innefrmcn. Der türkische Botschafter sprach sich mehreren Verichtersbattem gegenüber über den Programmentwurf aus und fagte unter anderem, daß die Türkei den vielleicht auf ihre Kosten Serbien zu gcwätzrenbeu Vorteilen nicht zusttmmeri könnte. Die 'Lardancllenfragc sei eine europäische und er könne fick» nicht umstellen, lvie sie direkt zioischen Rußland unb der Türkei verhandelt werden solle. Der serbische Gesandte erklärte, er tonne sich über das Programm in amtlick>er Weise nicht äußern, xiber die Belgrader Kundgebungen gegen die Annexion Bosniens zeigten deutlich, wie das Progranim in Serbien ausgenommen joerben würde. Der griechische Gesandte erklärte einem Mitarbeiter des „Temps, baßer von dem Artikel 4 des Programmentwurfes betreffend Kreta sehr befriedigt sei, und betont, daß ccl n Griechenland wie in Kreta eine gute Ausnahme; finden
den folgenschwere Zwistigkeiten hätten entstehen müssen. Ein anderer Pimtt des Programms ist die Verpflichtung Bulgariens, die Türkei sinanziell zu entschädigen. Es hanbett sich habet in erster Linie um den oftrumelischen Tribut. Dann geht das Blatt auf die anderen einzelnen Programmpunkte näher ein und bemerkt weiter: Eine bedeutende Rotte muß natürlich der Versuch spielen, der Türkei Genugtuung zu verschaffen. II. a. soll ihr die Aushebung jener Artikel des Berliner Vertrags, die die Verbesserung des Loses der Christen in der europäischen Türkei, wie der Armenier, bezweckten, in Wirttichkeit aber durch die Möglichkeit einer steten Einmischung der Mächte in innere türk. Angelegenheiten eine Quelle dauernder Unruhen geworden ist, nwrallsch-politische Ent)d?äbigungen bringen. Wenn ihre Absclwf- sung von dem Erlaß besriedigender Reglements abhängig gemacht wird, ist dadurch die Gefahr von Verwickelungen nahegerückt. Wir können uns nicht Vörstetten, wie sich die neuen befriedigenden Reglements von den in der Türkei zu Recht bestehenden Vorschriften unterscheiden sollen. Sie sind vorhanden, und wenn sie nicht ganz ausgeführt sind, so liegt die Sckmld gar nicht allein bei der Pforte. Eine bedingungslose Mchafstrng der Artikel wäre besser gewesen. Was die ©onbererftärungen über die Aushebung der Kapitulationen und der fremden Postämter in Aussicht stellen, ist ^ttunftSmusik. So kann man im allgemeinen von dem ganzen Programm nur sagen, daß es ein Verlegenheitsgeschöpf ist. Die großen Erwartungen, die man daran geknüpft hat, besonders in der Türkei, iverden nicht erfüllt.
TeutschlandS Haltung
zn den Londoner Abmachungen steht noch nicht fest. Die franzöfisthe Regierung hat zwar dem deutschen Geschäftsträger in Parts über den Inhalt des in London vereinbarten Programms einer Baliankonferenz Mitteilung gemacht, der amtliche Text wird aber den Regierungen der Signatarmächte erst demnächst zugestellt. Wre dem „Lok.-Anz." an zuständiger Stelle mitgeteilt wird, wird Deutschland die Stellungnahme der hierbei am meisten interessierten Kabinette von Wien imb Konstantinopel abwarten, ehe es mit seiner Meinung über die einzelnen Punkte des Programnts hervortritt. Auch dürste die weitere Haltung der deutschen Re- gierung sich erst nach den demnächst zu erwartenden Besprechungen mit dem russischen Minister Iswolsky entscheiden. So viel aus den bisherigen Meldungen zu erseheii ist, hat man sich tu London prinzipiell darüber geeinigt, den kleineren Valkanstaaten gerotf j e Kompensationen zu gewähren, die aber in fernem tifollc auf Kosten der Türkei erfolgen sollen. Die Frage, von welcher Seite diese übernommen werden sollen, ist aber einjtweilen noch als offenstehend anzusehen, so daß auch hierüber noch eine Verständigung herbeizuführen wäre.


