Ausgabe 
17.7.1908 Erstes Blatt
 
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XI. deutsches Turnfest.

Frankfurt a. M., 16. Juli.

Tas Programm des heutigen Abends, die Hauptprobe der musikalisch-deklamatorischen Festvorführung mit lebenden Bildern hatte eine noch größere Anziehungskraft ausgeübt, als die gestrige Probe des Festkonzertes, lein Platz in der Rieseufesthalle war leer. Tret lebende Bilder wurden vorgeführt.- 1. Jahn, feine Turner und ine deutsche Jugend zum Kampfe gegen die^sran- -.ösischen Unterdrücker aufrusend, die das Brandenburger Tor in Berlin seines stolzen Schmuckes, oer Quadriga, beraubt laben: oas zweite Bild, die Huldigung der deutschen Turner vor der <!-ermania des Niederwalddenkmals, als dem 3innbilDe der in hartem Kampfe errungenen deutschen Einheit, und das dritte und letzte Bild: die Huldigung der deutschen Turner an den .Friedenskaiser Wilhelm den zweiten, dessen Bild zwischen dem Hermannsdenkmal im Teutoburger Walde und der Burg Hohen- zollern erscheint. Die prächtig und malerisch gestellten Bilder riefen begeisterten Beifall hervor und jubelnd stimmte die wrt- gerissene Zuschauermenge nach dem zweiten Bilde die Wacht am Rhein, nach dem letzten Bilde die Nationalhymne an. Um die Bilder gruppieren sich Chöre, gesungen von Turnersängern, und Deklamation von Prologen zu jedem Bilde, die Frankfurts bewährter Dichter, Rektor Georg Lang, schwungvoll gedichtet hat und die von dem Mitgliede des Schauspielhauses Frau Mond­thal wirkungsvoll vorgetragen wurden. Tie einleitende und ver­bindende Lrchesterrnujik ist von dem Direktor des Frankfurter Ltederkranz Tr. Frank L. Limbert komponiert, der auch die Auj- sührung und das aus 120 Musikern .zusammengesetzte Orchester dirigierte. Auf dem Festplatze sanden wieder turnerische Vor­führungen statt, während zwei Kapellen konzertierten: auch hier war der Besuch und das Treiben ein äußerst lebhaftes.

Am Samstag treffen von 7 Uhr morgens an in langer Reihe die Sonderzüge mit den auswärtigen Turnern au dem Hauptbahnhose, in Sachsenhausen und auf dem Lstbahnhofe ein. Die Turner werden von Mitgliedern des Empfangsaus- ichusses begrüßt, mit Musik eine Strecke begleitet und dannZmrch Turnführer in ihre Quartiere geleitet. 53 Schulen und Turn­hallen sind zu Massenguartieren eingerichtet, in denen die Fey- teilnehmer nach Turnkreisen untergebracht werden; besonoers feierlich wird sich die Ankunft des Nürnberger Sonderzuges ge­stalten, der am Samstag nachmittag 2 Uhr 54 Min. auf dem Ostbahnhofe einläuft. Die Nürnberger bringen das Sanner der deutschen Turnerschaft mit, um cs der Stadt Frankfurt zu übergeben. Tie Begrüßung der Nürnberger erfolgt durch Justizrat Fritz Meyer. Tann wird das Bundesbanner, mit Musik und 12 Borreitern, geleitet von sämtlichen Fahnen der Frankfurter Turnerschaft, nach dem Römer gebracht, wo es in die Obhut der alten Kaiserstadt genommen und von wo es abends nach der Festhalle gebracht werden wird.

Aus Stafct und Land.

Gießen, 17. Juli 1908.

Die Wahlen zu den Gemeindevertretungen unserer vier evangelischen Kirchengeuieinden verliefen gestern unter etwas regerer, aber doch immer noch recht ungenügender Beteiligung der Wähler. Unter anderem hatte der Evang. Arbeiterverein in dankenswerter Weife feine Mitglieder zur Wahl mobil gemacht und sogar eigene Wahl­zettel aufgestellt. Er blieb damit zwar in der Minorität, jedoch enthielten die von anderer Seite ausgegebenen Wahl- zettel zum Teil die von dem Arbeiterverein empfohlenen Kan­didaten. 91eu wurden gewählt in der M att h ä uSgemeinde: Garteninspektor Nehnelt, Faktor Hermann Elle, Kauf­mann Phil. Gan 8, Stadtverord. Wilh. Löb er, Schlosser- meister Ludwig Köhlinger; in der Markusgemeinde: Wäschereibesitzer Ludwig Alb ach, Oberbahnassistent Ludivig Börner, Kaufmann Edg. Borrmann, Ratsdiener Göbel, Stadtverord. Troß, Kaufmann Phil. Wagner, Straßen- >vart Weller; in der Lu kasgememdc: Sparkasscnkontrollcur Haas, Bergwerksrepräsentant Marx, Professor Lucius, Ingenieur Oskar Klose, Unio.-Nentamtmann Weimer, Prof. D. Eck; in der IohanneSgemeinde: Eisendrehcr Karl Müller II., Fabrikant Karl MalkomesiuS.

** Dritter Hessischer und Nassauischer Theologischer Fericnkursus. Dieser theologische Ferienlurius für Pfarrer und Religiouslehrer aus dem Großhcrzogtiim Hessen und den preußischen konsistorial- bczirkcu Kassel, Wiesbaden und Frankfurt hat sich im lirch- lichcn Leben der beteiligten Gebiete schnell eingebürgert. Nachdem der erste Kursus 1904 in Frankfurt, der ziveite 1906 in Marburg stattgesunden hat, soll der dritte in diesem Jahre in Gießen gehalten werdeii. Sein Zustandekommen schien anfänglich in Frage gestellt, da die zuerst in Aussicht genommenen Bortrageitdcn teils absagtcn, teils durch Be­rufung an entferntere Universitäten verhindert wurden. Um so dankenswerter ist, daß die Gießener Theologische Fa­kultät sich bereit erklärte, die Referenten zu stellen. Es werden, wie sich dies aufs beste bewährt hat, drei Lehrgänge zu je 4 Stunden mit anschließenden Diskussionen abgehalten werden, und zwar werden vortragen Professor D. Gunkel über Probleme der Psalmen, Professor D. Eck über die historische Persönlichkeit, Vorfragen der Ehristologie, Geh. Kirchenrat Prof. D. Krüger über Werden und Wachsen des modernen UltramontaniSmus. Ter Kursus wird vor­aussichtlich am Montag, 19. Ok.obcr, mittags beginnen und am Mittwoch, 21. Oktober, mittags schließen.

L an d w irt s ch a ftSk a m m e r - S 1 e n c r. Nach dem Hanplvoranschlag der Landwirtschastskammer, der vom Minis­terium deö Innern die Genehmigung erhalten wird pro 1908 ein Satz von zwei Pfennig auf 100 Mark Vermögen als Umlage erhoben und ist als Ziel der 1. August d. I. be­stimmt. Diese Steuer haben mir die Landwirte zu tragen.

* * Aus dem Bureau des Stadttheaters. Auf die Aufführung vonW a l ze r t ra u m" am näch­sten Dienstag sei nochmals hingewiesen. Die Aufführung der Novität hat sowohl im kurthealer in Bad-Nauheim, wie jüngst bei einem Gastspiel in Marburg geradezu jubeln­den Beifall ausgelöst und eine Reihe der Hauptnnmmern nmrbcn da capo verlangt. Ausstattung und Zusammen­spiel lucrbcn von allen Besprechungen sehr gelobt. Bemerkt sei außerdem, daß sämtliche ersten Kräfte in Haup.parlien beschäftigt sind, so daß eine in jeder Beziehung genußreiche Vorstellung verbürgt werden kann.

Im Kolosseum beherrschen seit gestern Gebhardts Tegernseer daL Feld. Es ziehen ja viele Gebirgssänger- Gescllschaften in Deutschland herum, aber nur sehr wenige stehen auf einer so hohen Stufe, wie diese Tegernseer. Sie bieten echten Volksgesang, aber veredelt durch die künstlerische Auffassung, die sie den einzelnen Darbietungen zuteil werden lassen. Ihr Programm ist recht vielseitig; es umfaßt ge­mischten und Damenchorgesang, Einzelgesänge, humoristische Vorträge und selbstverständlich Tänze. TaS Schuhplattler- paar Defregger Annerl und Franz HoSp ist sehr gut und die ganze Anmut und derbreatislischc Anschaulichkeit dieses -Volkstanzes dec Aelpler kommt durch sie in vollendeter Weife zur Geltung. Der Chor verfügt ebenfalls über sehr gute Kräfte, insbesondere der Mädchenchor, der seiner Bezeichnung als ,Tegernseer Nachtigallen* alle Ehre macht. Die

Solistin, 'S Lieser! vom Tegernsee hat eine prächtige und sehr kräftige Stimme, die sie geschickt onzuwenden weiß, und der Humorist der Truppe, ,ber Dachauer Sepp*, gibt einen so damischen Lacki ab, daß jedermann seine helle Freude an ihm haben wird. Dazu kommt eine prächtige alpine Dekoration, die namentlich in dem charakteristischen Schlußbild »Ein Abend am Tegernsee* großartig wirkt. Allen Freunden unverfälschten alpinen Volkstums kann der Besuch der Veranstaltung warm empfohlen werden. Ter artistische Teil des Programms wird durch die Brüder Edison vertreten, die in ihrem zweimaligen Auftreten wahre Bravourstücke von Gewandtheit, Kraft und tollkühnem Wage­mut bieten.

JubiläumS-Schützenfest. Wie vom Schützen­oer e i n Gießen mitgeteut wird, sind die Vorarbeiten für das Jubiläums-Schützenfest nahezu abgeschlossen. Am Sams­tag, 1. August, wird in Steins Garten em großes Fest­bankett statt finden, zu dem an sämtliche hiesige gesellige, Turner-, Gesang-, Krieger- und Sportvereine Einladungen ergangen sind. Ein großer Teil der Eingeladenen hat schon zugesagt. In dankenswerter Weise haben sich der Bauersche Gefangverein und der Männerturnverein bereit erklärt, durch GesangSvorträge und turnerische Aufführungen daS Feftbankelt verherrlichen zu Helsen. Einladungen werden auch an die Spitzen der Behörden, des Militärs und der Universität er­gehen. Die Festordnung ivird den Gästen und Mitbürgern eine Fülle schöner Vergnügungen bieten. Als Festplatz ist das Schützenhaus und seine Umgebung vorgesehen. Ein um­fangreicher Juxplatz wird allen Wünschen von Jung und Alt gerecht werden. Die Eintrittspreise betragen für ein­maligen Zutritt 30 Pfennig, für Dauerkarten, die jedoch nur im Vorverkäufe bei Ang. Hdbinger, Seltersweg und Heinrich Noll, MäuSbnrg, 311 haben sind, 50 Pfennig. Tie Preise sind absichtlich so niedrig gehalten, um der gesamten Gießener Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, an dem Feste teilzu­nehmen.

Kaufmännischer Verein. In den oberen Sälen des Vereinshauses fand gestern abend ein Konzert der obcrbayr. Sänger- und Tänzer-Gesellschaft Blank auS Tölz statt. Die Damen und Herren der Ge­sellschaft verfügen über ausgezeichnete Stimmittel und brachten ihre Lieder und Chöre in korrektester Weise zum Vortrag. Die Alt-Soli von Frau Blank, deren prächtige sonore Stimme auch in größerem Rahmen gewiß Beachtung finden würde, verdienen spez. Lob, wie auch das Baß-Solo des Herrn Leo lebhaften Beifall fand. Den Schluß bildete ein Schuhplattler, der, flott getanzt, in seiner urwüchsigen Art entzückte. Leider war infolge der ungünstigen Witterung der Besuch nur schwach. Um nun sämtlichen Mitgliedern des Vereins Gelegenheit zu geben, sich an den wirklich guten Leistungen der .Tölzer" zu erfreuen, wird daS Konzert voraus­sichtlich Ende nächster Woche im Vereinsgarten wiederholt, und es wäre zu wünschen, daß die guten Darbietungen das ver­diente größere Interesse finden würden.

3um Frankfurter Turnfest. Die Turner des TurngaueS Hessen stellen sich zum Festzug am Sonntag vormittag 10 Uhr am Wendelsweg in Sachsenhausen (unweit des Lokalbahnhofs), HauS Nr. 2, auf. Zu den gestern mitgeteilten Musterriegen aus dem Gan Heffen kommt noch eine Riege des Turnvereins Treis a. d. Lumda. AuS Turnvereinskreisen wird uns geschrieben: Der Turn­verein Gießen 1846 wird in recht stattlicher Zahl beim Deutschen Turnfest oertreten sein, jedenfalls auch im Festzuge. Gerade die Mitglieder des Turnvereins, der stets im Gau und Kreis eine führende Rolle spielte, dürften diese Gelegenheit zur Festigung naher turnerischer FrenndeSbande benutzen. Hiervon ausgehend wurde beschlossen, eine Musikkapelle in Stärke von 20 Mann mitziinehmen, die die Festteilnehmcr nach der Bahn bringen, in Frankfurt zum Standquartier (Essighaus) und alsdann auch im Festzug be­gleiten wird. Außer an den gestern erwähnten turnerischen Veranstaltungen, wird sich der Verein auch am Wettschwimmen beteiligen.

* * Bon der Mainzer Direktion. An Stelle des in den Ruhestand versetzten Obirbaurats Schneider von der Eisenbahnbirektioii in Mainz ist der Geh. Baurat Schö­be rth (früher in Gießen» zum Oberbaurat ernannt worben.

X Leihgcste rn, 16. Juli. Ter GesangvereinLie­be r k r a u z", ber bis jetzt sechs Preise errungen hat, feiert nächstes Jahr sein 50 j ä h r i g c s I u b e l f e st, verbunden mit großen nationalen Gesangswettstreit. Die Vorbereitungen dazu finb im vollen Gange.

(a.) Reiskirchen, 16. Juli. Heute mittag ging ein hier durchreiseuber H a n b w e r ks b u r s ch e in die Woh­nung eines Arbeiters und erbrach den klciberschrank. Kin­der, die ihn sahen, schlugen Lärm, so baß er verhaftet und nach Gießen ins Gefängnis verbracht werben konnte.

+ Hattenrod, 16. Juli. Vergangenen Sonntag feierte der K r i e g e r v e r e i n sein 25 j ä h r i g e s Stif- t u n g s f e st. Es nahm, vom herrlichsten Wetter begünstigt, einen schönen Verlauf. Nahezu 30 Vereine marschierten in dem sich nachmittags durch unser Dorf nach dem F-estplap benregenben Festzug. Die Nachfeier am Montag wahrte bis tief in die Nacht. Seite heute ist unser Dorf an bas öffentliche Fernsprechnetz angeschlossen; die Fern­sprechstelle befindet sich bei Bürgermeister Rock.

-m. Friedberg, 17. Juli. (Tel.) Gestern wurde hier ein junger Mensch namens Krauthaus aus Erfurt Der- haftet, der versucht haben soll, sich in den Buchhandlungen von Bindentagel in Bad-9Lauheim und hier eine größere Kollektion besserer Merke zu erschwindeln. Er hatte in beiden Städten Wohnungen ein und durch den Umstand, daß beide Geschäfte von ihm teilweise dieselben Bücherbestellungen er­hielten, wurde man auf den Schwindel aufmerksam.

? Aus ber Wetterau, 16. Juli. Gegenwärtig ist die H i m b c e r e r n t e in vollem Gang. Sie ist dieses Jahr besonders gut ausgefallen. Die Stauden sind dicht mit schönen großen Früchten bchangeti. Täglich iverden große Mengen nach Hause getragen, um sie zu Gelee ober Saft zu verwerten. Leider wird beim Eiufammelu der Früchte namentlich durch Jtinocr in den Heegen, jungen Fichten- beständen, wo die Himbeere am besten gedeiht und die Früchte am schönsten find, vielfach Schaden anßerichtet. Wenn auck überall Tafeln mit ber Aufschrift:Hecge betreten verboten" angebracht sind, so wird bies doch in biefer Zeit wenig beachtet. Tie Forstbeamten müssen eben einmal ein Auge zubrücken, benn tye süßen Früchte finb boch zu ver­lockend und ein Verdienst für viele Leute.

R. B. Dar m stadt, 16. Juli. In ber heutigen Sitzung ber Stadtverordneten wurde ein sehr bemerkens­

werter Antrag Henrich und Genossen angenommen, der dahin gebt, die Bürgermeisterei möge einen Wettbewerb ausschreiben zur Erlangung von Unterlagen, auf Grund bereit ein neuer Bebauungsplan von Tarrn ft abt unter Berücksichtigung ber großen neuerlichen Verändern», gen, besonders ber Bahnhossanlagen hervorgerufenen Ver­schiebungen in den wirtschaftlichen und industriellen Ver- hältnissen ber Stadt, angefertigt werden kann. Ferner möge eine Kommission gebildet werden aus technisch und sozial­politisch erfahrenen Mitgliedern, die alle Bange suche im Hinblick auf die neuen Grundlagen vor lieberweisnng an die Stadtverordnetenversammlung zu prüfen hat.

h. W 0 rmS, 16. Juli. Zum Patronendiebstahl wird noch mitgeteilt: Nachdem der Tienstknecht Appenhaus am Sonntag früh ein Geständnis abgelegt und den Waffen­händler Schuler in Ludwigshafen als seinen Haupt, abnehmer bezeichnet hatte, verständigte man sofort die Ludwigshafener Kriminalpolizei, welche am Sonntag früh 5 eben auS WonnS angekommene Kisten scharfer Patronen beschlagnahmte. Weitere Recherchen im Keller führten zur Beschlagnahme von insgesamt 3000 scharfer Patronen. Weiter fand die Polizei 2000 scharfe Armee-Revolver« Patronen, Platzpatronen, soivie Geivehrpatronen Modell 1871, welche daS Wormser Regiment ebenfalls vermißte. Schuler hat die Patronen, die, loie die Militärverwaltung bekannt gibt, auf 90 Mk. zu stehen kommen, zu 50 Mk. baß Tausend gekauft. Nach seiner Vernehmung reifte Schuler ab, wohin ist unbekannt. Er hat die Patronen inS Ausland iveitei verkauft. Schuler ist vor zwei Jahren in emc ähnliche Militärgeschichte verivickelt gewesen, doch konnte ihm damals nichts nachgewiesen werden. Außerdem soll der Polizei auch daS vor einiger Zeit beim 117. Infanterie-Regiment ab­handen gekommene Gewehr Modell 1898, für deffen Auf­findung 100 Mk. Belohnung ausgesetzt waren, bei der Haus­suchung m die Hände gefallen sein.

* Kleine Mittel' n . u > 5 Hessen und den N a ch b a r sl a a t e n. Im Walde bei Bodenrod wurde eine m ä 11 n 11 d) e Leiche ge'undcn. Ter Tole soll ein vor vierzehn Tagen aus der Zellenslrafanstalt Butzbad) cniroidjener Gefangener fein. In Heidesheim schlug der Blitz ui die Arbeitsrauine der Mafchmen-Fabrik. eänulidjc Arbeuer, etwa 80 an der Zahl, wurden betäubt und zu Boden gcivoven, kamen aber ohne Ber- letzung davon.

Der Eulenburg-prozeh in der Lharitee. xv.

Berlin, 16. Juli.

Fürst Eulenburg wurde heute in seinem Bett .iad> dem Konscrenzfaalc der Eharits transportiert. Ter Fürst sah un­gemein leidend aus. Ter Vorsitzende eröffnete die heutige Sitzung in Anwesenheit der Vertreter der Presse.

Berichterstatter Thiele ersucht im Hinblick daraus, daß zwei. Journalisten a.s Zeugen vernommen werben, wodurch das Prin­zip des Ausschlusses der Ocffentlichkeit durch- b r 0 d) e n fei, ihn auch als Berichterstatter für sämtliche Berliner Zeitungen ruzulassen. Da der Oberstaatsanwalt und die Vertei­digung hiergegen nich.s cinwenden, beschließt ber Oft» richtshos die Zulassung des Thiele. Ter Vorsitzende teilt mit, daß ihm bekannt gcivord.'ii sei, daß gestern aus dem Korridor Zänkereien zwischen den Zeugen stattaesundcn haben. Er er- sucht ganz besonders den Hoffd-auspieler Arndt, die anderen Zeugen in Ruhe zn lassen und sid) taktvoll zu benehmen.

Für etwaige Beratungen der Geschworenen wird Generalarzt Tr. Scheibe fein Tirektionszimmer überlassen Medizinalrut Tr. Hoffmann glaubt für die nächsten Tage eine günstige Prvg» nvse stellen zu können, wenn heute nicht zu lange vcrhandM werden wird. »

Geheimrat Schacht bittet, ihn möglichst svsort -u ver­nehmen, da er in der Gesandtschaft in München unentbehrlich sei. Er beschwert sich über Preß-Angriffe.

Ter Vorsitzende erwidert, er werde bemüht fein, ihn so schnell als möglich zu vernehmen, heute werde sich dies aber nicht durchsührcn lassen. Bczüglid) ber Preßanansse könne er nichts unternehmen. Er und aud) aobere Prozeßbeteiligte wur­den in ber Presse fast täglich angegriffen.

Es wurde zunächst ber Cbcraru der Charite, Privatdozent Steyrer, aufgerufen. Tiefer bekundet, daß im Befinden Eulenburgs eine ganz bedeutende Besserung ei» getreten sei. Auch sei er geistig völlig intakt. Ein Transport nach Moabit erscheini vorläufig noch nicht möglich.

Hieraus werden die beiden Schössen im Münchener Stadele- Prozeß Eichcnschien und Linninger als Zeugen über den Eindruck vernommen, den sie von Riedel und Ernst hatten. Beide erklären, daß die Zeugen ihnen glaubwürdig erschienen seien. Sic glauben nicht, daß Ernst bestochen worden sei, ebenfo* wenig, daß er Komödie gespielt habe.

Bei der Vernehmung der beiden Schöffen fragte Oberstaats­anwalt Isenbicl aus eine von Justizrat Wronker ausgr- worsene Frage, warum der Fürst den Zeugen Riedel und Ernst im Münchener Prozeß nicht gegenübergestellt worden sei, den Angetlagten, ob er in diesem Falle wirklich einen Verkehr mit den beiden Zeugen bestritten haben würde.

Eulenburg bejaht dies, wenn auch Ernst sofort hätte verhaftet werden müssen.

Präsident: Kein Mensck) sei so schlecht, daß er einen Meineid leiste, nur um seinem Wohltäter zu sd)aden, ferner, wenn Eulenburgs Behauptungen zuträfen, müßte letzterer rein wie ein Engel, Ernst schwarz wie der Teufel sein.

Ter Angeklagte: Tie Aussagen des Ernst seien für ihn ein psycholögisd>es Rätsel. Er habe gewiß seine Fehler, ferne besten EigensdZauen seien aber immer ^rcue und enthusiastische Freundschaft und seine wohltätige Gesinnung gewesen. Leider habe die Welt alles in Gemeinh.'it und Schmutz verkehrt. Er könne jedem nur raten, egoistisch zu sein bis in b.e Knochen. Tem Ernst sei 1 ebenfalls solange zugeredet worden, bis er eine falsche Aussage machte, ivorauj er nicht mehr zurück konnte. Fedensalls l-abe Ernst namentlich infolge der Androhung mit de» ^uchthause so auSgesagl. Wenn er in einem Briese an Ernst gc- ichcieben habe, es sei letzt alles verjährt, so könne et nickst sagen, wie sich dieser Ausdruck in den Brief hi n e i n g e sch l i chen ljabe. Es sei fdjon lange her und damals fei er noch kränker gewesen als jetzt.

Die Verteidiger d.s Angeklagten glauben aus dem Her­gang bei der Vernehmung Ernsts in München herleiten W können, daß auf ihn nachdrücklich in der Richtung seiner schlietz- lichcn Auslage ein gewirkt motben sei, insbesondere durch Justizrat Bernstein, der ihm mit Zucksthaus gedroht habe.

Fusriirat Bernstein erbat das Wort zur Feüslellung des Wortlauts seiner damaligen Aeußerung zu Ernst.

Der Gerichtshof beschloß, als Zeugen den Gerbermeister 9tüder aus München zu laden, der wegen Sittlichkeitsverbrechens drei 23od>cn Halt verurteilt, in zweiter Instanz jedoch seiner­zeit deswegen srcigesprochen worden mar, weil der damalige Zeuge Riedel unglaubwürdig sei, ferner den Gastwirt Lang- München, der ebenfalls einmal von Riedel beschuldigt worden war.

Em großer Ten der Sitzung wurde Dura» Die Vernehmungen des Angeklagten über seine Bezi l ungen zu Hofrat Kistler aus- gefüllt, für den Eulenburg in auvjeb.Unter Wnje durch die Beför­derung vom einsachcn Soldat zum ©ofrat aeforgt und den er in einem bei xilticr Vorgefundenen, sozusagen den letzten Willen darstellenden Brief an den Kaiser warm der Fürsorge des Kaisers empfiehl:, iväbrenb von der fürstlichen F«' milie in diesem Brief nur mit ivenigen Zeilen die Rede ist, beit er ferner tum Testamentsvollstrecker eingesetzt hat.

Ter Angeklagte erklärt, daß er mit Kistler durch den Dichter Ernst v. Wildcndruch bekannt wurde, ber ihm diesen