Ausgabe 
16.6.1908 Drittes Blatt
 
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*£ic Döberitzer Daiserrcde. Der Berliner Korrespow- dent desPetit Parisien" erinnert daran, daß er eine ähnliche Aeußerung des Kaisers, wie die in Döberitz schon am 3. Juni berichtet habe, ohne daß sie große Aufmerksamkeit erregte. Tas sei begreiflich, da die Acußerung rein militärischer Natur sei und keine Anspielung auf irgend ein Ereignis entfalte. Tie Be­merkung hätte auch viel mehr den Charakter einer Aussprache.^ Der Korrespondent fügt hinzu, er wisse aus bester Quelle, daß der Kaiser nicht daran denke, seine Reise nach Norwegen aufzuschieben ?der gav aufzugcbcn._________________________________

Ausland.

Professor Wahr in u n d hat, ivie in parlamentarischen Kreisen verlautet, eine Berufung an die P r a g e r Universität erhalten und bereits angeito in nt c n.

Ein Telegramm aus Reval. Informierte Kreise in Rom bestätigen, daß der König von Eiigland und der Zar von Reval aus ein Telegramm an den König von Italien ge­richtet haben.

Das englische U 111 e r l) a u § hat die zweite Lesurig des Alterspensionsgesetzes angenommen. Der Ab- Änderungsantrag Cox zugimsteii des Beitragssystems ivurde mit 117 gegen 29 Stimmen abgelehnt.

DieReichsdu ,na hat die Vorlage des Wegebauministeriums betreffend deil Bail deS z w e i t e n Stranges der sibirische n Bahn, desseii Kostenanschlag 127 Aiillionen Rubel beträgt, an- g en o mm e n.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 17. Juni 1908.

** Für die Sitzung der Stadtverordneten­versammlung am Donnerstag, 18. Juni, nachm. 4 Uhr, ist folgende Tagesordnung aufgestellt worden: 1. Aus­losung von Schuldverschreibungen. 2. Mitteilungen. 3. Bau­gesuch der Witwe Thörner für Ludwigstraße 40. 4. Desgl. des Jakob Horn für die Steinstraße, o. Desgl. der Eisen­bahn-Verwaltung für die Frankfurter Straße. 6. Desgl. des E. H. Müller für die Goethestraße. 7. Desgl. des Louis Müller für den Schiffenberger Weg (Einfriedigungj. 8. Fir­menschild des Wilhelm Ziegenhein, Frankfurter Straße 72. 9. Schaukasten des Photographen <Lchuchard, Tiezstraße. 10. Befestigung der Bürgersteige in der Plockstraße. 11. Be­festigung der Grabenstraße. 12. Desgl. in der Marburger Straße. 13. Ankauf eines Grundstücks für die Verlegung der Wismarer Kreisstraße. 14. Einziehung eines Weges bei der Thromschen Fabrik. 13. Vergebung von Arbeiten. 16. Tie Gießener B i e h m ä r k t e; hier: Eingabe des Viehhändlerverbands. 17. Aufstellung der Wohnwagen des Max Walldorf. 18. Verlegung des Iuxp 1 atzes nach O 2 w a l d s g a r t e n. 19. Benutzung der Friedhosskäpelle auf dem Friedhof am Nahrungsberg. 20. Ueberlassung einer Turnhalle an die Sanitätskolonne. 21. Desgl. an den evang. Jünglingsverein. 22. Miete für die Turnhalle des Turn Vereins. 23. Uebsrlassung einer Klasse in der Sberrealschule an den Kaufmännischen Verein für weibliche Angestellte. 24. Voranschlag der Oberrealschule und des Realghmuasiums für 1909. 25. Waldwirtschaftsplan für 1909. 26. Anlage eines Holzabfuhrweges in Abteilung III. 27. Festsetzung der Elettrizitätszähler miete. 28. Stiftung des Kanzleirats Wilhelm Dcmuth. 29. Gesuch des Ludwig tstein Häuser, Neuenbüue, um Erlaubnis zum Branntweinverkauf über die Straße. 30. Gesuch der Karl Euler Witwe um .Erteilung der Erlaubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb für Schützenftraße 15. 31. Desgl. des Jakob Nolt für Linden­gasse 2. 32. Desgl. des Johann Earle für Neuenweg 28. 33. Desgl. des Ernst Gemmer für Kaiser-Allee 117. 34. Desgl. des Wilhelm Valentin für An der Hardt 12. 35. Desgl. der Wilhelm Graf Witwe für Aliccstraße 20. 36. Desgl. des Ludwig Schneider für Kaiser-Allee 17. 37. Desgl. des Ml- selm Flamme für Neuenweg 5.

** Hessische Landesausstellung. Der Bezirks­oerband Gießen im Landesgeiverbeverein hatte in seiner letzten Sitzung beschlossen, seine Mitglieder zum Besuche der Landesausstellung für freie und angewandte Kunst zu Darm­stadt anzuregen. Wie wir hären, wird der gememsame Aus­flug an einem der nächsten Sonntage stattfinden. Ten ein- felnen Vereinen geht noch nähere Mitteilung zu.

* DieTypograp hin Gießen", der hiesige Orts- Verein des deutschen Buchdruckerverbandes, hält am nächsten Samstag und Sonntag fein vierzigjähriges Stiftungs­fest ab. Die Feier besteht aus einem Herren-Kommers am Samstag abend im Saale des Gewcrkschaftshauses, Früh­schoppen am Sonntag vormittag im Gewerkschaftshaus und einer Festfeier im Restaurant Philosophenwald am Sonntag nachmittag mit anschließendem Jestball. Aus Anlaß des Festes hat der Verein ein geschmackvolles Festbüchlein heraus- zegeben, das u. a. eine Geschichte der Vereinigung enthält.

** Der Schlitzcr 'Streit. Es ging in diesen Tagen da? Gerücht, Abg. Dr. Osann habe seine Interpella ti on wegen des Schlitzer Falles zurückgezogen. Man bittet uns festzustellen, daß dies nicht der Fall ist, sondern daß man die Erledigung dieser Interpellation noch vor dem Schluß des Landtages erwartet. Das wäre um so ange­brachter, wenn sich folgende Nachrichten bewahrheiten sollten, die derKl. Pr." von Schlitz geschrieben werden:

Dieser Tage trug sich folgender Fall zu: Einige Salz- schlirfer Badegäste gingen in Begleitung zweier Schlitzer Bürger spazicreii und kamen auch an das Schloßgartentor, das weit ansstand, wahrscheinlich, weil ein Wagen durchgesahren war. Das schöne SchildVerbotener Eingang" hatte man so lange abgehängt. Tie Badegäste, in der .Hoffnung, in dem Garten etwas Apartes sehen zu können, faßten Mut und gingen hinein, auch die beiden Schlitzer schlossen sich an. Und wirklich gab es etwas Apartes. Der Graf erschien in Person und rief den Spaziergängern zu, sofort seinen Park zu verlassen. Als dies bei den ungebetenen Gästen nicht rasch genug zu gehen schien, rief er nach dem Schloß:Man soll die Sjunbe loslafsen!" Tie Badegäste hatten sich mit Stöcken und Schir­men gegen die Köter zu ivehren, die beiden Schlitzer machten sich eiligst ans dem Staube. Ein zweiter Fall erregt die Gemüter aber mehr. Ein seit 39 Jahren in Diensten des Grafen stehender Beamter, K a m m e r s e k r e t ä r I e n s ch , ist plötzlich seines Dienstes enthoben worden. Die Ursache soll mit der Jagdgeschichte Zusammenhängen. Dem Grafen seien anonyme Briefe zugegangen, als deren Urheber, nach Urteil von Schreib- sachverständigen, Jensch in Betracht komme. Jensch erklärt, daß er nie in feinem Lesben einen anonymen Brief geschrieben habe, und wird den Schutz der Gerichte in Anspruch nehmen. Jeder, der den ehrlichen Charakter Jenschs kennt, glaubt nicht an so etwas. Ja, wenn Herr Jensch ein unbedachtes Wort gesagt haben sollte, das wäre schon eher zu glauben; denn es ist sicher, daß nicht alle Beamten auf dem Standpunkte des Grafen stehen. Einem im Dienst ergrauten Beamten auf bloße Ver­dachtsmomente hin einen solchen Schimpf zuzufügen, das ist für Die Bürger, die Herrn Jensch schätzen, loie eine ihnen angetane Kränkung. Bei der nächsten Gemeinderatswahl wird die Bürger­schaft Jensch zum Mitglied wählen. Im übrigen ist die Streit­frage noch beim allen. Die Abfindungssumme ist und bleibt bezahlt, und die öffentliche Jagdverpachtung loirb wahrscheinlich nächster Tage ausgeschrieben werden. Vcag)geben wird der G.e- zrreiyderaL auf keinen Fall.

** Im Kolosseum war gestern Programmwechfel, Grund genug, um-das Publikum sehr zahlreich in das be­liebte Vergnügungslokal zu locken. Auch ohne den Haupt­anziehungspunkt, die Tamen-Riugkampfkonkurrcnz, ist das Programm sehr sehenswert. Eröffnet lvird es durch eine Vorführung der Tonisellis (ein Herr und eine Dame), die an den römischen Ringen gewandt, sicher und elegant arbeiteten. Dann kam eine fesche Kostüm-Soubrette, Frl. Irma Niedlich, macht ihrem Warnen alle Ehre. Sie singt ihre pikanten Liedchen mit hübscher Stimme und sehr deutlicher Aussprache. Herr Korbay, ein noch jugend­licher Eharakterkomiker, bot einige recht hübsche sein poin­tierte Sachen, die er sehr ausdrucksvoll vortrug. Unge­trübte Heiterkeit erregten zwei originelle Exzentrik-Akro­baten, die Burlingtons. Sie brachten eine Fülle hübscher Kunststücke, die durch ihre komische Einkleidung doppelt hübsch wirkten. Ein reizendes vierblättriges Klee­blatt ist das Damengesangsquartett F e l s e n h o r st., die in schickem Kostüm mit Eifer und Grazie tanzten und sangen. Senhors und M a d e l ai ne boten zum Schluß des Ar­tistenprogramms einen abwechslungsreichen und schwierigen euqilibristischen und akrobatischen Akt, der dem Publikum außerordentlich gut gefiel. Mittlerweile war es 10 Uhr geworden und es begann die 2. internationale Damen- R i n g k a m p s t o n k u r r e n z um den Preis von 3000 Mk. Nachdem die vorjährige Konturrenz einen so guten Verlauf genommen hatte, war es von vornherein klar, daß auch diesmal wieder sich großes Interesse für die sport­liche Veranstaltung zeigen würde. Ties ist am gestrigen Abend in großem Umfang in Erfüllung gegangen. Es gab drei interessante Kämpfe, die sämtlich zur Entscheidung führten. Das Ringen erfolgt nach den Regeln des griechisch- römischen RingrninpfS und bei aller Leidenschaft, mit der die Amazonen sich bekämpften, wirkte es in allen Stadien dezent und keineswegs abstoßend. Tie Kämpfe gestalteten sich teilweise so heftig, daß die Schiedsrichter mehreremale die Flucht ergreifen mußten und einmal sogar an Stelle der Ringerinnen mit dem Boden Bekanntschaft machten. Das Publikum verfolgte die einzelnen Kämpfe mit großer Spannung und nahm an ihnen lebhaften Anteil, was sich namentlico durch erregte Proteste gegen unerlaubte Griffe äußerte. Frl. tz a a g - Stuttgart si.gte über Frl. Muranky- llngarn in 15 Min. durch Hüftenschwung. Als zweites Paar rangen Frl. P h i l i p Pi - Aachen gegen Frl. Knorr-Rhein- land. Siegerin blieb mit großer Ueberlegenheit Frl. Phi- ltppi-Aachen in 7 Min. Yo Set. durch Hüftenschwung mit Untergriff von der Seite. Das letzte Ringen, Frl. Nelson- London gegen Frl. H a n l o n - Berlin verlief sehr stürmisch, die Engländerin Frl. Nelson ging scharf vor und erlaubte sich verschiedentlich verbotener Griffe, mußte aber nach 161/2 Min. der starekn Berlinerin Frl. Hanlon durch Armdurchzug am Boden unterliegen.

Schlägereien. In der M a v b u r g e v Straße ge­rieten gestern abend vier Arbeiter in einen Streit und cs gab gegenseitig blutige Köpfe. Tie herbeigehotten Schutzmänner stifteten Ruhe rind erhoben gegen die 'Jtanfhiitigeii Anzeige. Auch am Neue »1 w e g kam es zwischen zivet Tagtöhnern zu einem Kampfe, wobei der Unterlegene voir feinem Gegner arg mit Fußtritten an den Kopf 2C. bedacht wurde.

Klein-Linden, 17. Juni. Pfarrassistent für Klein-Linden tumbe Predigtamtskandidat Z i in in ermann aus Darmstadt ernannt. Die Ordination findet am zweiten Sonntag nach Trinitatis in der hiesigen Kirche statt.

Friedberg, 15. Juni. Am 20. Juni besteht die hiesige Zuckerfabrik 26 Jahre; aus diesem Anlässe findet im Hotel Trapp ein Festessen der "Aktionäre statt. Für die Arbeiter der Fabrik ist ein Vergnügen in SteinhäußerS Felsenkeller in Aussicht genommen.

Laubach, 16. Juni. Das diesjährige Ausschuß- fest war von herrlichem Wetter begünstigt, daher der Besuch von'auswärts, namentlich von Gießen, Hungen und Grüu- berg waren viel erschienen, die sich schon am Vormittag den prächtigen Zug betrachteten. Glücklicher Hammelsgewinner ivar Uhrmacher Enders, die erste Gabe erhielt Gerichts- schreibergehilfe Becker.

H. Bad-Salzhausen, 14. Juni. Der Fremden­verkehr steigert sich fortwährend. Auf Pfingsten hatten sich hier tausende ein Stelldichein gegeben. Ein solcher Fremden­strom war vordem im Bad-Salzhausen noch nie gesehen worden. Besonders stark war Gießen, Frankfurt a. M., Offen­bach und Hanau vertreten. Radfahrer wählten mit Vorliebe die leicht fahrbaren Touren in den idyllisch gelegenen Bade­ort. Der überreiche Mairegen hatte die Frühsaison un­günstig beeinflußt. Auch die späte Fertigstellung der Bade- farten für Minderbemittelte (Jahreseinkommen bis 2500 Mk. 60 Pfg., bis 1000 Mk. 30 Pfg. und bis 600 Mk. 20 Pfg.) mußte auf die Bäderabgabe emwirken. Hoffentlich wird diese Begünstigung jetzt tüchtig ausgenutzt.

sd. Darmstadt, 16. Juni. Einen schauerlichen L e i ch e u - fund machte gestern der Forstwart 3)lei)er von Eberstadt m. der Nähe der Marienhöhe. Er entdeckte einen auffallenden Geruch und sand einige Schritte abjctld vom Wege eine stark m Verwesung übergegangene männliche Leiche. Eine Waffe ober ein Messer wurde bisher nicht gefunden. Tie^Feststellungen ergaben, daß an der rechten Stirnseite die S ch ä d e l d e ck e eingedrückt ist. Nach einer spateren Meldung ist der Tote als der 19 Jahre alte Sohn einer hiesigen Witwe erkannt worden, der auswärts studierte und die Osterferien bet seiner Mutter verbrachte. Er wird seit jener Zeit vermißt. Lius einem bei der Leiche gefundenen Brief geht hervor, daß Selbstmord vorliegt.

w. Wetzlar, 16. Juni. Dem Aufruf an die ehe­maligen Angehörigen des Kaiserin Augusta-Re­giments (früher in Koblenz) zwecks Teilnahme an dem im Jahre 1910 stattsindenden 50 jährigen Regiments - Ju- biläum ivar lebhaft entsprochen worden. Trotz der am vorigen Sonntag in Waldgirmes, Steindorf, Klein - Alten- städten usw. angesetzten Festlichkeiten war die Versammlung imRömischen Kaiser" sehr stark besucht. Vier Veteranen, die im Gründungsjahr des Regiments den Waffenrock der Augustaner getragen hatten: Jakob-Katzenfurt, Lautz-Garben- Heun, Schmidt - Aßlar und Schneider - Werdorf waren er­schienen und auch zwei Ritter des Eisernen Kreuzes hatten sich eingefunden: Boch - Niederbiel und Stammel - Dorlar. Kreisausschußsekretär Wieser legte in kurzen Worten den Zweck der Versammlung dar und auf seine Anregung wurde die Begründung einer Reisekasse beschlossen und dieserhalb ein Vorstand gewählt.

A Groß-Rechtenbach, 15. Juni. Eine stattliche Sängerschar, die Gesangvereine desHüttenberger Sängerbundes" war am gestrigen Sonntag im Garten der Gastwirtschaft Schinidt ztir Generalprobe zusammen- gekommen. Unter Leitung des jüngst erwählten Chormeisters, Lehrer Rau-Reiskirchen, tarnen die Gesänge vortrefflich zum I Vortrag. Hatte doch Herr Rau die Mühe nicht gescheut,

jeden einzelnen Verciit 511 besuchen und dessen Leistungen zu prüfen. Neu einzuüben waren für diesmal .Brüder reicht die Hand zum Blinde" von Mozart undSie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein" von Becker. Daneben brachte jeder Verein noch ein selbst erwähltes Lied zum Vor­trag. Das diesjährige dritte Bundcsfest wird Sonntag, 28. Juni, in Hochelheim gefeiert.

d. Frankfurt a. M., 16. Juni. Der preußisch« Eisenbahnminister hat soeben den Felten & Guillaunie-Lah- meyer-Werken in Frankfurt a. M. die Genehmigung für die Vorarbeiten ztim Bau einer elektrischen Schnell, bahn Frankfurt Wiesbaden erteilt. Diese Bahn dürfte die erste elektrische Vollbahn in Deutschland werden. Sie wird 30 Kilometer lang sein und die Züge werden die Strecke in etwa 15 Minuten zurücklegen. Da gegenwärtig die Schnellzüge 45 Minuten Fahrzeit zwischen beiden Stationen haben, so bedeutet das eine wesentliche Verbesserung. Die Bahn wird so geführt, daß sie möglichst Anschlußzüge der Eisenbahn in nächster Nähe erreicht. Sie wird deshalb voraussichtlich nicht allzuweit vom Frankfurter Hauptbahnhof enden und voraussichtlich durch die Stadt selbst als Unter- grundbahn geführt, da die Stadtgemeinde Frankfurt das Recht des elektrischen Bahiibetriebes auf den Straßen der Stadt für sich allein in Einspruch nimmt. Die Baukosten werden mit 10 Millionen Mark angegeben, die Rentabilität gilt mit Rücksicht auf das stetige Anwachsen der Städte Frankfurt und Wiesbaden als gesichert, lieber die Kon­zessionsdauer ist eine Entscheidung nicht getroffen, man darf aber annehmeri, daß die Regierung die Konzessionsdauer so sehr als möglich beschränken tvird, denn sie ist nicht geneigt, elektrischeit Vollbahnen so unbeschränkte Konzessionen zu geben, wie irgend einer elektrischen Kleinbahn. Der Unternehmerin kommt es dagegen auf eine möglichst ausgedehnte Konzession an. Man darf gespannt fein, in welcher Weise eine Einigung über diesen Punkt erzielt wird, der für die Schaffung weiterer Schnellbahnen in Deutschland, die ja die Eisenbahn- verivaltung prinzipiell den Privatunternehmern überläßt, von weittragender Bedeutung sein wird.

fc. Frankfurt a. M., 16. Juni. Der 32jährige Weißbinder Georg Friedel aus Lorbach siel gestern von einem Neubau am Hessenplatz in Bockenheim in die Tiefe und verletzte sich an der Wirbelsäiile lebensgefährlich.

Schwurgericht.

th. Gießen, 16. Juni. Körperverletzung mit tötlichem Erfolg.

Heute verhandelte das Schwurgericht gegen den bisher un­bestraften 21 Jahre alten Maurergefellen Hch. Birkenstock von Ober-Gleen. Tie Anklage mürbe vom Staatsanwalt Dr. Brill vertreten. Verteidiger war Rechtsanwalt Dr. Stahl. Es waren elf Zeugen und als medizinischer Sachverständiger der Kreisarzt Dr. Wengler-Alsfeld zu hören. Der Angeklagte war der ihm zur Last gelegten Straftat im vollen Um­fang geständig. Er war nach seiner Aussage am 27. März abends um 10 Uhr aus der Spinnstube mit noch zwei Alters­genossen fortgegangen. In der Spinnstube sei alles ruhig her­gegangen, er habe auch keinen Alkohol genossen. Nach einem! Gang durchs Torf kamen die drei in die Obcrgasfe. Dott standen mehreke Burschen, unter diesen Joh. Jakobi. Birkenstock und dessen Kameraden blieben in der Obergasse gegenüber den An­deren ohne jede Absicht stehen. Ta äußerte Jakobi:Ihr Lauskrämer macht, das; ihr nach Hause kommt." Jakobi sei dann auf ihn zugekommen, habe ihm aber nichts gemacht, Birkenstock will darüber in Zorn geraten sein und gefragt haben, ob Jakobi ihn mit dem Lauskrämer meine, was dieser bejahte. Hierauf sei Jakobi aus der Gasse weggegangen, kurze Zeit nad)* her aber wieder zurückgekehrt und direkt auf ihn zugekommcn. Er will darauf das Messer gezogen und den verhängnisvollenj Stich getan haben, mit dem er den Gegner eine schwere Verletzung an der Brust beibrachte. Birkenstock, der ein großer, kräftiger Mensch ist, zeigt vor den Geschworenen, Ivie er mit dem Messer einen wuchtigen Stoß von oben nach unten getan fat.~ Jako tu brach gleich darauf zusammen, wurde in das Hans seiner Schwester getragen und verstarb kaum 10 Minuten später. Ter Ange­klagte begab sich nach der Tat nach Haus und legte sich ins Bett, aber noch in derselben Nacht wurde er in Hast genommen. Aus Vorhalt des Vorsitzenden erklärte der Angeklagte, er sehe cm, daß er nicht nötig hatte, gegen Jakobi das Messer zu ge­brauchen, er Müsse im Zorn zu dem Werkzeug gegriffen haben. Tie Beweisaufnahme, die sich sehr einsach gestaltete, bestätigte die Anklage und unterstützte die Bekundungen des Angeklagten fast in allen Punkten. .

Ten Geschworenen wird die Schnldsrage wegen Körperver­letzung mit tödlichem Erfolg und die nach mildernden Umständen vorgeiegt.

Staatsanwalt Dr. Brill tritt für Bejahung der Schuld- irage ein. Tie Frage, ob mildernde Umstände vorliegen, stelle er in das Ermessen der Geschworenen. Der Verteidiger Dr. Stahl tritt warm dasür ein, seinem Klienten mildernde Umstände zu gewähren. Dessen Jugend, Unbestraftheit, Geständnis und auf­richtige Rene über die Tat feien dazu angetan, daß man .die Mildernngsfrage bejahen müsse.

Ter Wahrsprnch der Geschworenen, der von dem Obmann, Stadtverordneten Haubach-Gießen, verkündet wurde, lautete auf Körperverletzung mit tödlichem Erfolg unter Zubilligung mu- dernder Umstände, woraus der Gerichtshof Urteil dahin ergehen ließ, daß der Angeklagte mit zweiIahren s e ch s M 0 n a t e n Gefängnis zu bestrafen sei, worauf 10 Wochen ber er* lettenen Untersuchungshaft als verbüßt anzurechnen sind.. Ter Angeklagte erkannte die Rechtskraft des Urteils sofort an.

Vermischtes.

* Heber bad neue Zeppelinsche Luftschiff erfährt berSchwöb. Merkur": Gegenüber ixen früheren Luftschiffen weist das neu zu erprobende hauptsächlich nur in der Größe und in der Ausstattung Unterschiede auf. Die Gondeln haben die für lange Reisen erforderliche Größe: sie enthalten insbesondere die zum Schichtwechsel der Bedienungsmannschaften nötigen Ausenthalts- räume. Außerdem fuhrt von den Gondeln durch den Ballonkörper hindurch ein Ausgang zu einer oben befindlichen Plattform zum Zweck astronomischer Orlsbestimmungen während der Nachtfahrt. Das Luftschiff wird durch die Menge des Mitgeführten Gases und der Belastung in der Lusr gerade noch schwebend erhalten, fr'datz es sich von sich aus weder aufzusteigen noch niederzusinken strebt. Ter Auf- und Abstieg wird wie die Seitensteuerung je durch ent- fprechende Stenersläckjen bewirkt. Nach den neuesten Meldun^n soll der erste Anfstteg erst am nächsten Freitag stattfinden. Ter preußisck>e KriegsMinister v. Einem, der tu Lindan Quartier be­zogen hat, bat am 15. d. Mts. mit dem Grafen Zeppelin die Luftschisfhalle besichtigt.

Kleine Tageschronik.

Im September v. I. waren zwei Pariser namens Guffat und Beernardt in ^Begleitung eines Führers nach dem nördltchen Gebiet von Canada aufgebrochen, um dort zu tagen; jeitbem waren alle drei verschwunden. Nunmehr wurden die Ueberreste der beiden aufgefunden und aus verschiedeneit Feststellungen schemt hervorzugehen, daß sie infolge von Entbehrungen gestorben fmd, nachdem sie ihren Führer verspeist hatten!!

Die zehnjährige Tochter des Altlllers Haider au» Brieg (Schles.) wurde unweit der Stadt von einem Manne 11 ber lall en, durch Messerstiche schwer verletzt und verge­waltigt. Das Kind erlag seinen Verletzungen. Der Vtörder^.