Nr. 140
Der Siebener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich StetzenerFamilienblätter; zweimalwöchentl.ttreir- blatt für den «reis Gietzen (Dlenstag und Freitags; zweimal monatL Land- wtrtichaflltche Settfragen
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Erstes Blatt 158. Jahrgang
Mittwoch 17. Juni 1908
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen^
Rotaflons&rwl und Verlag der vrMschen Univ.-Si-ch- und Steindruckerei. R. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schlckstraße 7.
Bezugspreis: monatlich7LPs.,vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2.—viertel- jährl. auSfchl. Bcstctlg. ZeilenpreiS: lokck. IbPf^ auswärts 20 Pfennig.
Verantwortlich für den politischen Teil: E. Anderson; f. Feuilleton und .Vermischtes* P. Witiko; für .Stadt u. Land- und „Gerichtssaal": E. Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhanse.
Gestern haben in Preußen die endgültigen Wahlen zum Ab- geordnetenhause stattgefunden, und es liegen bereits sämtliche Wahlresultate vor. Die Konservativen, das Zentrum und die Freisinnigen kehren auf Kosten der Freikonservativen und Nationalliberalen verstärkt in daS Abgeordnetenhaus zurück. Nur in einem Wahlkreise (Berlin 12) hat noch Stichwahl stattzufinden. Die neu gewählten Abgeordneten verteilen sich wie folgt auf die einzelnen Parteien: Konservative 152 (bisher 144), Freikonservative 59 (64), Nationalliberale 64 (76), Zentrum 105 (96), freisinnige Volkspartei 28 (24), freisinnige Vereinigung 8 (9), Polen 15 (13), Sozialdemokraten 6 (0). Dänen 2 (2) Wilde 3. — In Berlin-Moabit ist Stichwahl zwischen der freisinnigen Volkspartei und den Sozialdemokraten erforderlich. Die Konservativen gewinnen von den Freisinnigen die Mandate in Danzig, von den Nationalliberalen die in Goslar, Rothenburg, Jerichow, Bersenbrück und Duderstadt sowie von den Antisemiten Kassel-Land; verloren haben sie Memel, Erfurt, Wetzlar und Essen an die Nationalliberalen sowie Pleß an das Zentrum. Tie Freikonservativen haben den Polen den Gnesener Kreis, den Antisemiten Hersfeld abgenommen, ferner den Nationalliberalen Hannover-Land, Verden und Dannenberg. — Die Nationalliberalen verlieren außer den genannten Mandaten Linden, Hirschberg, Tarnowitz, Beuthen, Flensburg. Das Zentrum gewinnt u. a. die neuen Mandate von Essen, Dortmund-Land und Kattowitz, ferner Tarnowitz und Beuthen. — Tie freisinnige Volkspartei erhält die beiden neuen Wahlkreise Charlottenburg und Rix- dorf und hat in Flensburg über die Nationalliberalcn gesiegt. Ferner hat sie die Mandate in Bielefeld, Barnim und Hirschberg erobert. Tie freisinnige Vereinigung verliert zwei Mandate in Tanzig und gewinnt Altona von den Freikonscrvativen. Die Sozialdemokraten haben, wie bereits nach den Urwahlen feststand, sechs Sitze erkämpft. Gewählt sind in Berlin Borgmann, Heimann, Hirsch, Ströbel und Tr. Liebknecht, ferner in Linden Lcinert. — Nicht wiedergewählt sind von bisherigen Abgeordneten u. a. die Konservativen, Jakobskötter, von Staudh und Bodelschwingh, die Freikonservativen, Bänsch, Schmidtlein und von Christen, von den Nationalliberalen, Paasche und Horn, von der freisinnigen Volkspartei Goldschmidt und Schulz, von der freisinnigen Vereinigung Münsterberg, vom Zentrum Graf Strachwitz und die beiden Antisemiten Werner und Lattmann. — Wiedergewählt sind u. a.: Von den Konservativen: von Bieberstein, Graf Kanitz, von Kröcher, von Normann, von Oldenburg; von den Freikonscrvativen:, Dr. Arendt; vom Zentrum: Cahensly, Diettrich, Fritzen-Rees, Herold, Hitze, Porsch, Strom- beck, Trimborn; von den Nationalliberalen: Bartling, Beumer, Hilpck, Hobrecht und Schiffer; von der freisinnigen Volkspartei Eickhoff, Fischbeck, Kopsch, Müllcr-Sagau, Schmidt-Elberfeld, Träger, Dr. Wiemer; von der freisinnigen Vereinigung Pachnicke; vom Bund der Landwirte Dr. Hahn.
In den Wahlkreisen, die uns hiev besonders interessieren, gestalteten sich die Wahlen folgendermaßen:
Wetzlar: vom Rath (ntl.) neugcw. gegen dm bisherigen Inhaber des Mandats, Stackmann (kons.). Obertaunus- Fr a n k f u r t a. M. L a n d. Der bisherige Abgeordnete v. Bülow (ntl.) erhielt in engerer Wahl 141 St., der sozialdemokratische Kandidat 95 St. v. Bülow ist also gewählt. Bei der Wahl 1903 waren die Sozialdemokraten noch gar nicht in Betracht gekomnicn. Rintele. v. Ditfurth (kons.) wg. Kirchha in-Fran kcn- berg. Riesch (fk.) wg. Biedenkopf, v. Hcimburg (kons.) wg. Dill kreis Oberwcsterwald. Dr. Lohnrann (ntl.) ncugew. gegen den Kandidaten des Bundes der Landwirte. Es chwc g e- Schmalkalden. Dr. Windlandt (ntl.) mit 157 St- neugcw.
(Siebener Stadttheater.
Erstes Operetten^Ga st spiel des Großh. Kur- Theaters Bad-Nauheim.
Die lustige Witwe.
Operette in 3 Akten von Viktor Leon und Leo Stein. Musik von Franz Lehär.
Wer kennt sie nicht, die lustige Witwe; wer hat sie nicht schon wiederholt gesehen und sich von den süßen Weisen der Lehärschen Musik gefangen nehmen lassen? Da hilft aller Spott nichts, diese Musik hat uns alle behext. Wir mögen das Viljalied bis zum Ueberdruß gesungen und das Reiterlied bis zum Wahnsinnigwerden vom Phonographen oder der Drehorgel gehört haben, eine Aufführung der lustigen Witwe lockt uns immer wieder an. Es wäre eine lohnende Untersuchung, einmal sestzustellen, worin denn im Grunde genommen der wundersame Zauber dieser Operette besteht und weshalb gerade diesem Stück ein Bühnenerfolg beschieden gewesen ist, der alles Frühere in den Schatten stellt. Das Geheimnis der Bühnenwirkung, über das schon unzählige .Häupter gegrübelt, ließe sich vielleicht an der lustigen Witwe am besten studieren und man erführe dann, wie man es machen muß, um ein berühmter und erfolgreicher Bühnenschriftsteller und Komponist zu werden. Dichtkunst und Poeterei würden alsdann wieder zu einem lohnenden Erwerbszweige. Die Perspektive ist doch verlockend genug, drum auf, ihr dichtenden, komponierenden, singenden, malenden Männer und Frauen, aus, löst das tiefe Geheimnis des Erfolges!
Tie lustige Witwe ist natürlich auch m Gießen schon ZU wiederholten Malen gegeben worden, und die Aufführung hatte auch gestern wieder bei gut besetztem Hause einen sehr guten Erfolg. Einzelnes war geradezu hervorragend, so z. B. die von der Kapelle unseres Gießener Infanterie- Regiments gespielte und von Herrn Weinack dirigierte Ouvertüre. Ferner die Regiekunst Bruno Schlegels, sie schuf namentlich im 2. und 3. Akte eine Reihe sehr hübscher Bühnenbilder, und die Ballettmeisterin Lina Oldmt machte sich um das Arrangement der Tänze wohl verdient. Gespielt wurde mit gutem Humor und auch die Chöre waren mit Lust und Eifer bei der Sache. Einen höchst originellen Kanzlisten Njegus stellte Rudolf Much auf die Bühne. Schon sein bloßes Aussehen entfesselte Heiterkeit. Sehr drollig wirkte es, wie er sich die langherabhängenden Schnurrbartspitzen strich und wie er in seiner ganzen Haltung das Orientalisch-Unterwürfige, mit dem Dummdreisten
an Stelle des bisherigen Abg. v. Christen (fk.). Der Wahlbezirk wurde von den Liberalen mit wenigen Stimmen Mehrheit erobert. Kassel Land-Witzenhausen, v. Stockhausen (kons.) neugew. Marburg, v. Negelein (kons.) mit 130 St. wg. Reisfert (ntl.) erhielt 39 und Schücking (Bgg.) 22. St. Schlüchtern-Gelnhausen. Meyenschein (kons.) wg. Hanau. Jung- henn (ntl.) mit 168 St. wg. in engerer Wahl. Untcrlahn- kreis. Tr. Hehdwciller (ntl.) wg. Homberg-Ziegenhain, v. Baumbach (kons.) wg. W e st e r b u r g - U n t e r w e st e r w a l d- Dr. Dahlem (Ztr.) wg. mit 208 St- Lohmann (ntl.) erhielt 29 und Vetters (sd.) 4 St. Melsu ng e n Fritzla r. Gleim (ntl.) wg. Fulda. Rhiel (Zir.) neugcw- an Stelle von Tr. Spahn, der als Reick-stagsabgcordneter das Toppelmandat abgelchnt hat.
Kassel 2 ^Hofgeismar-Wolfhagen). Gewählt v. Pappenheim mit 158 Stimmen.
Kassel 3 (Kassel Stadt). Gewählt Schröder (Natl.) mit 372 Stimmen.
Kassel 6 (Rothenburg-Hersfeld). Türcke (kons.) mit 136 Stimmen gewählt. Werner (D. Rfpt.) erhielt 108 Stimmen.
Wiesbaden 2 (Frankfurt Stadt). Gewählt Funck mit 653 Stimmen und Flesch mit 651 Stimmen. (Beide Freis. Volkspartei.) Die beiden Sozialdemokraten vereinigten 556 Stimmen auf sich; Landenburg (Natl.) 3 Stimmen.
Wiesbaden 5 (Limburg). Gewählt Cahensly (Ztr.) mit 184 Stimmen.
Wiesbaden 6 (Oberlahnkreis-Usingen). Gewählt Dr. Beckmann (kons.).
Wiesbaden 8 (Wiesbaden Land, Höchst). Gewählt ist Wolff (Natl.) mit 282 Stimmen. Hühnlein (Ztr.) erhielt 77, Dittmann (Soz.) 68, Dienstbach (Frs.) 18 Stimmen.
Wiesbaden 9 (Wiesbaden Stadt). Wiedergewählt wurde Bartling (Natl.) mit 310 Stimmen.
Zollpolitische Differenzen mit der Schweiz.
In der Schweiz ist inan schon seit längerer Zeit mit der Wirkung des deutsch-schweizerischen Handelstarifvertrages sehr unzufrieden. Ist doch die Ausfuhr nach Deutschland im Jahre 1907 ohne alle erkennbare Ursache von 216,8 auf 210,8 Millionen Mark herabgesunken; während sich im nämlichen Jahre die deutsche Einfuhr nach der Schweiz von 373,6 auf 446,5 Millionen Mark gehoben hat. Den Grund für diese letztere Tatsache glaubte man darin gefunden zu haben, daß Deutschland jetzt die Schweiz mit deutschem Weizenmehl überschwemme. Diese Anpahme lag einigermaßen nahe. Während Deutschland noch im ersten Vierteljahr 1906 an der gesamten vierteljährlichen Mehl- einftthr nach der Schweiz, die 58 834 Doppelzentner betrug, nur mit 4907 Doppelzentner beteiligt war, führte es im ersten Vierteljahr 1907 von e iner Gesamteinfuhr von 81642 Doppelzentnern schon 43 230 Doppelzentner, also mehr als die Hülste ein. Man kann daher begreifen, daß die Schweizer Müller beim Bundesrat Stein und Bein klagten, es werde ihnen, besonders von Deutschland, das Brot aus der Tasche genommen. Wenn sie aber behaupteten, daß die deutsche Mehleinsuhr nach der Schweiz nur deshalb so gestiegen sei, weil die deutsche Regierung ihren Mehlexporteuren Ausfuhrprämien gewähre, so daß sie die schweizerischen Mehlprodukte unterbieten könnten, so zeigten sic damit, daß sie die Sachlage völlig verkannten. Nicht die deutschen „Ausfuhrprämien", von denen nachher noch die Rede sein wird, sind der Grund für die enorme Steigerung der deutschen Mehleinfuhr nach der Schweiz, sondern lediglich die technische Rückständigkeit der Schweizer Mühlen,
verband. Ein würdiges Seitenstück hierzu war der ponte- vedrinische Gesandte Bruno Schlegels. Wie Much, so verstand es auch Schlegel, seine Rolle humorvoll auszugestalten.
Das Hauptinteresse des Abends konzentrierte sich jedoch auf die Glawari von Fränzi Groß köpf aus Frankfurt am Main. Glänzende Stimmittel, hervorragende Dar- stellungstünst, lebhaftes, lebensvolles Spiel und geschmackvolle Kostüme kennzeichneten sie. Fränzi Großkops vermied die allzu große Viljasentimentalität; ihre Hanna Glawari war schon recht pariserisch. Wie sie im Unmute mit ihren kleinen Füßchen aufstampste, wie sie die Händchen ballte, den Mund zornig verzog, das wirkte aber doch wiederum so natürlich, daß man keinen Augenblick das wilde Waldmägdelein vergaß.
Einen ausgezeichneten Partner hatte die Hanna Glawari in dem Danilo des Kgl. sächs. Kammersängers Bruno Hildebrandt. Sein Spiel war ungezwungen, sein Gesang bei seinen prächtigen Stimmitteln sympathisch. Als Valeneienne gefiel Gabriele Klerwieu vom Stadttheater in Halle, namentlich im Pavillon-Duett und im Schlußakte. —n.
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— Aus Bad-Nauhcim wird uns geschrieben: Der Gesangverein „Frohsinn" hatte, neben der Kurkapelle, am Sonntag zum ersten Male auf der Äurtcrassc unter Leitung seines Dirigenten Bechtholsheimer den gesanglichen Teil des Programmes übernommen. Die Frische des Vortrages, die klar betonte Aussprache und das harmonische Einfügen jedes Einzelnen ohne persönliche Solistengelüste in die Gesamtheit des Chores waren sichtbare Zeichen bienenfleißigsten Studiums und verständnisvollen Eingehens auf die künstlerischen Ideen des Dirigenten. Dies kam namentlich zum Ausdruck in dem meisterhaften Vortrage des Kunstgesanges „Zigeunerleben" in der wundervollen Kom- pofition des Wiesbadener Vkusikdirektors Zerlett. Jedes Lied stand fest auf seinem Don und sämtliche Leistungen, sowohl im Volks- wie im Kunstgesange, standen auf künstlerischer Höhe. Das Publikum folgte den Darbietungen mit größter Anteilnahme und dankte für alle Lieder durch lebhaften Applaus. Das Vorgehen des Kurdirektors bei her künstlerischen Auswahl der Ter- rassen-Unterhaltungen — das Gute liegt so nahe — auch einheimischen Kräften das Wort erteilt zu haben, verdient vollste Anerkennung.
Ein Go c t He-Schil l c rd e nkma l in Amerika. In Gegenwart einer großen Festversammlung wurde int Washingtonpark zu Milwaukee daS Goethe-Schillerdenkmal cuthüllt. Bürgermeister Rose nahm das Denkmal als Geschenk des Deutschtums namens der StM entgegen.
die ein minderwertiges, dem deutschen Fabrikat untergeordnetes Mehl liefern.
Da es sich aber um eine wirkliche Notlage der Schweizer Müllerei handelt, fühlte sich der Bundesrat in Bern doch veranlaßt, in Berlin vorstellig zu werden. Cs wurde infolgedessen eine Zollkonferenz nach Zürich einbernfen, die von den Delegierten der beiden Vertragsstaaten beschickt war, aber resultatlos verlief. Insbesondere hatten die deutschen Delegierten auf ihrem Standpunkt beharrt, daß die Zollvergütung, die die deutsche Regierung ihren Exporteuren in Höhe von 5.80 Mk. pro Doppelzentner gewähre, schon deshalb keine Ausfuhrprämie für Mehl darstellen könnte, weil diese Vergütung nur eine Rückvergütung des in Deutschland bestehenden Einfuhrzolles auf Weizen bedeute, wie sie bei dem Transitverkehr des ans dem Weizen hergestellten Mehlproduktes allgemein gebräuchlich sei. Sie gaben den Vertretern der Schweiz auch weiter zu bedenken, daß cs doch nicht Schuld der deutschen Regierung sei, wenn infolge technischer Neuerungen das deutsche Mütlereigewerbe jetzt aus 160 Kilogramm Weizen 100 Kilogramm Mehl, aber erstklassiges, produziere, wahrend die Schweizer Müllerei 100 Kilogramm minderwertiges Mehl aus 125 Kilogramm Weizen herstelle, und wenn infolgedessen die deutschen Zollvergütungen für 100 Kilogramm Mehl von 6.88 Mk. auf 8.80 Mk. gestiegen seien, die deutsche Müllerei mithin in der Lage sei, der Schweiz nicht nur eine bessere Qualität, .sondern auch ein um 2 Mk. billigeres Mehl zu liefern, als die einheimischen Mühlen. Die Schweizer Delegierten dagegen vertraten die Ansicht, daß es sich bei den deutschen Zollvergütungen doch um indirekte Ausfuhrprämien handle, und stellten sich auch auf den Standpunkt des Müllereisyndikats, daß Deutschland in eine Erhöhung des Einfuhrzolles auf Mehl in Höhe von 2 Mk. willigen möchte. Nur so könne die Preisspannung zwischen deutschem und einheimischem.Mehl beseitigt werden, und überdies sei das deutsche Mehl infolge seiner Qualität ja noch immer vor dem schweizerischen im Vorteil.
Deutschland hat dieses Ansinnen vorläufig abgelviescn und die Schweiz daran erinnert, daß sie die Bindung des Mehlzolles (mit 2y» Franken pro Doppelzentner) im Handelsvertrag von 1902 erst annahm, nachdem sie das deutsche Mühlenregulativ, die Emfuhrscheinordnung und die beiden Zolltarife geprüft und daraufhin ausdrücklich anerkannt hatte, daß die deutsche Berechnung der Zollrückvergütung für die Müller keine Prämien bedeute. Dazu kommt, daß dieses System der Zollrückvergütnng im Verhältnis des Ausbeutesatzes von 160 :100 bereits seit dem Jahre 1900 besteht, ohne daß bisher die Schweiz etwas daran auszn- fetzen fand. So handelt es sich bei dem Zollkonflikt mit der Schweiz keineswegs um einen Bruch des Handelsvertrages von deutscher Seite, wie das die Schweizer Müller zu behaupten belieben, und die deutsche Regierung wird alles tun, um die Sachlage zu klären und zu beweisen, daß sie im Recht ist. Sie hat daher jetzt der Schweiz das Anerbieten gemacht, die ganze Materie einem Schiedsgericht zu unterbreiten, und der Schweizer Bundesrat hat diesen Ausweg gestern gutgeheißen und will mit Vorschlägen an die deutsche Regierung herantreten, die geeignet sein sollen, eine sachgemäße und beschleunigte Lösung herbeizuführen. Man wird ja nun diese Vorschläge abwarten müssen. Jedenfalls würde die einseitige Erhöhung des Zolls für die Mehleinfuhr seitens der Schweiz einen flagranten Bruch des Handelsvertrages bedeuten, den Deutschland nur mit einer Erhöhung der Zollrückvergütungen nm ebenfalls 2 Mk. pro Doppelzentner, wenn nicht mit einem Zollkrieg beantworten würde. Durch ersteres Verfahren würde der Schweiz der durch die Zollerhöhung erstrebte Vorteil für ihre Müllerei genommen, und was den zweiten Fall anbelangt, so würde sie von einem Zollkrieg mit Deutschland nur Schaden haben. Ihre Einfuhr nach Deutschland beträgt noch immer 210.8 Millionen Mark, so daß Deutschland, wenn es auch mit einer Schädigung seiner eigenen Ausfuhr rechnen müßte, hier sehr wohl in der Lage wäre, Repressalien zu üben, die für ein Land, wie die Schweiz schwer ins Gewicht fallen würden.
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Telegraphisch meldet man uns unter dem 16. ds. au3 Bern: Der kürzlich im Nationalrat gestellte Antrag auf Einführung eines Getreidemonopols ist dahin abgeändert worden, daß der Bundesrat so rasch wie möglich darüber Bericht erstatten soll, ob nicht die Bundesverfassung im Sinne der Einführung eines Bundesmonopols für den Handel mit Getreide und Mehl zu revidieren sei.
Deutsches Reich.
Todesfälle. Der Reichstagsabgeordnetc und Altcrs-Präii- bent Ulrich von Winterfeldt-Mcnkin ist gestern früh 2>/2 Uhr auf seinem Gute Menkin bei Löcknitz gestorben. Er gehörte dem Reichstage seit 1890 au. — In Kiel ist der frühere Landeshauptmann von Schleswig-Holstein von Graba gestorben.
Die philosophische Fakultät der Universität Berlin bereitet in der Angelegenheit der Berufung des Professors Bernhard eine Eingabe an das Kultusministerium vor.
Eulenburg. Nach einer Blättermeldung ist der Termin in der Schwurgerichtsocrhandlung gegen Fürst Eulenburg wegen Meineides und Verleitung zum Meineid auf den 2 9. Juni anberaumt.
Kongreß für gewerblichen Rechtsschutz. Der bis zum 20. Juni in Leipzig tagende Kongreß für gewerblichen Rechtsschutz, veranstaltet vom Deutschen Verein für den Schutz des Gewerblichen Eigentums, wurde unter Mitwirkung der Handelsammer Leipzig geftern morgen in Gegenwart zahlreicher Vertreter des Staats, der Rechtspflege, der Wissensck)aft und der Praxis im Großen Festsaal des Zentraltheaters eröffnet. Nach verschiedenen Ansprachen begannen die Verhandlungen über das Thema: „Die Gerechtigkeit in Sachen des gewerblichen Rechtsschutzes", für welche vier Sitzungen in Aussicht genommen sind. Als erster Redner sprach. Justizrat Dr. Wildhagen, nach ihm Justizrat Dr, Kütz-Berlin.


