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15.10.1908 Zweites Blatt
 
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Rr. 243

Donnerstag 15. Oktober 1908

Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Zur Reichsfinanzreform.

1)03 bei der Neubearbeitung des hessischen Le ichillen daraui keine Rücksicht genommen wurde, unsere höheren Schulen enthalten eine ganze A Lichte, oljue die Klassiker zu kurz kommen zri las

158. Jahrgang

DieSiebener Zamiltenblätter- werden dem »Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, daS Kretsblatl für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Dierandwirtschaftlichen Zett­tragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Verlag der vrühpsch« Universttäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e^zA bl. RedaktioniS^ 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

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illllches Wei

Die Reform der Arbeiterverficherung.

Bei den Verhandlungen der Enquetekommission, die, wie wir t gestern kurz mitteilten, Eirde dieses Dionats im Reichsamt des Innern zusammeutreten wird, soll es sich nicht ollem um die Frage ter Krankenversicherung handeln, sondern auch die übrigen Zweige ter Arbelterversicherung sollen der Erörtenmg unterzogen ivetben. tiinen Anhalt für das Beratungsprogramm, das der Kommission vorgelegt werben soll, bietet eine offiziöse Mitteilung über die '.:iinfte, die auf den einzelnen Fragebogen verzeichnet sind. Taraus io ird ersichtlich, daß bei den Krankenkassen möglichste Beschränkung mjj die Ortskrankenkasse als Bersicheruiigsträger vorgesehen ist und tflB man vor allen Dingen eine Ze>ilralisation Herdeiführen will. 2 abei soll auch eine Neuregelung der Rechte und Pflichten bei sgbfcr Kassenverwaltung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Irr folgen, wohl im Hinblick aus die Verhältnisse, die sich speziell 7 iic größeren Städten herausgebildet haben. Empfohlen wird auch, toit schon vor einiger Zeit in einem Fachblatt des Baugewerbes mitgeteilt, die Einsetzung eines unparteiischen Vorsitzenden, eines |o<. Versicherungsamlmannes, der zur Schasfiing eines Ausgleichs zwischen den widerstreitenden Interessen der Arbeitgeber und Ar- v de-itnchmer eingesetzt werden soll. Neben einer Regelung der Lrcrhältnisse der Kassenbeamten soll noch in eine Erörterung bmrüber eingetreten werden, ob sich die Einführung der Verhältnis- loialjl bei den ^Krankenkassen empfiehlt, um auch den Minderheit^ gauppen eine entsprechende Vertretung zu sichern, ein Standpunkt, beit man nur billigen kann. Was die übrigen Versicherungs- uieigc anlangt, so scheint man einen gemeinsamen lokalen Unter* bcnii, das sog.Versul)erungsamt" zu planen, über denr einOber- i'e:csicherungsamt" als Mittelinstanz steht, während der letztere .'tar5 dem Reichsversicherungsamt zufallen würde. Auch sollen

Deutsches Resch.

Der Kronprinz ivird deninächst in die Geschäfte des Finanzministeriums eingeführt iverdeu.

Aus Posen: Tie Sozialdemokraten haben be­schlossen, sich in diesen: Jahre mit Unterstützung der Polen an den Kommunalwahlen zu beteiligen.

Sei der Reichstags-Ersatzwahl Prenzlau- Angerm ünde erhielt Oberpräsident v o n Winterfeld- Potsdam (Kons.) 10 892, Pastor Schmidt-Massow (Lid.) 2694 und Parteisekretär Otto Wels-Berlin (Soz.) 2892 Stimmen. Die Er­gebnisse von einigen kleineren Orten flehen noch aus.

la rktober^°»l rstellUlle ten n n *

gDnacht werden, die Gedichte seien zu schwer für unsere Bolks- 'tciiler. Versuche werden lehren, daß dies durchaus nicht der Fall ist. Natürlich ist nicht alles geeignet. Aiiffassungskrast und Alter Iber Schüler müssen berücksichtigt werden. Ich behaiidte schon seit ei ngen Jahren solche Gedichte an einer einklassigen Schule mit qulem Ersolge. Es muß dem Lehrer Vergnügen bereiten, neuen 5 loff hier zu finden, anstatt immer ui»d immer wieder zu be- imbeht: Tie alte Waschfrau, Der Sänger, Ter Alpenjäger u. s. w.

l!erbiiig§ ist es für ben Lehrer viel schivieriger, solche Gedichte ui behandeln, weil sie nicht im Lesebuche stehen. Zu bedauern ist, >03 bei der Neubearbeitung des hessischen Lesebuches für Volks- ' Die Lesebücher für

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0.0- 15

W In mgzurordcutl.Gcun- nmlung am Freitag, bi ktobcr, abends 9 Ur des Hotel Eiuborn.

Tagesordnung:

uiitcll. der Wablmäuv fiiil! ifiegiilE

atarrhe (Heiserkeit, ) gegen alle Hals- ndungen, Mandel- 16 gegen Infektions- üifluema, Keuch- Scharlach u. a.

lunack; leichte An- le bakterientötende leugung gegen An- auf Dritte.

löfheken. Acsf&hrllcha bOe., BERLIN SW. 48.

AleLnes FerrSUeton.

Moderne Poesie in der Volksschule. Unter bl.sein Titel veröffentlicht W. Lehr, Rebgeshain, imSchulboten '.it Hessen" einen kleinen Aufsatz, dem mir folgende bemerkens- u-aten Stellen entnehmen:In vielen Unterrichtsfächern begegnen ihr in den letzten Jahren oft recht durchgreistudeu Reformen. Ich u innere hier besonders an das Zeichnen. Im Religionsunterricht iHtben sie hoffentlich bald folgen. Sollten wir nicht endlich ein- ii-nt auch den Stoff für unsere Gedichte einer Neugestaltiiiig nnter- Irichen ? Ich ivill gewiß nicht unsere Dichterheroen Goethe, Schiller it. s. iv, aus der Schule verdrängt wissen, aber unter unseren in.obernen Dichtern finden wir so manchen, dessen ^Gedichte auch in bec Volksschule behandelt werden können. Es mag der Einwand

ganze Anzahl derartiger Ge°

... ...........Iaffen9 Ein besonderes

Büchlein zu beschaffen, ist aus verschiedenen Gründen nicht angängig. J5ir müssen also vorläufig mit der Tatsache rechnen, daß der Schüler fein Buch besitzt, um solche Gedichte zu lesen, sie gedruckt '; ju. sehen und endlich auch zu können. Dadurch entsteht dem Lehrer vi <1 mehr Arbeit, besonders bei großer Schülerzahl oder gar au :itier einklassigen Schule. Aber seien wir nicht so ängstlich und la fien wir die Schüler im Jahre ein oder zwei Gedichte weniger lernen. Sie müssen immer noch genug auswendig lernen. Ta es läiig ist, das Gesicht geschrieben zu sehen, so laße es der Lehrer von der Wandtafel abschrelben. Ich lasse diese Gedichte in der öchule gemeinsam unter meiner Mithilfe memorieren, bevor sie ^geschrieben werden. Dabei kommt in erster Linie die Betonung gut weg." Es wäre wünschenswert, wenn diese gesunden An-

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Dderhrfie»

regungen auf fruchtbaren Boden fielen, beim gerade die Volks- schullehrer sind berufen und geeignet, die Ideen unserer Zeit ins wirkliche Volk zu tragen, und es ist auch ihre Pflicht, an seiner künstlerischen Erziehung nach Krästeii mitzuwirken.

Napoleon III. auf Wilhelmshöhe. Aus dem Nachlaß dies Generals der Infanterie Grafen Monts, der als Gouverneur von Kassel ine Aufgabe hatte, den gefangenen Kaiser Napoleon III. auf Schloß Wilhckmshöhe in seine Obhut zu nehmen, werben demnächst togebudjartige Aufzeichnungen in dem Buche Napoleon III. auf Wilhelmshöhe 1870/71" der Öffentlichkeit übergeben. Das Werk, bas die Großnichte des Generals Tony v. Held herausgibt, crschieint .im Verlage von E. S. Mittler u. Sohn in Berlin, der es uns in freundlicher Weise ermöglicht, heute schon einiges aus dem Inhalt nttt-uteilen. Aufgabe des Grafen Monts war es, einerseits die Bewachung Napoleons wirk- fam zu gestalten, andererseits dem Befehle des Königs Wilhelm nachzutommen, der dahin lautete, dem Kaiser und seinem Ge­folge die möglichste Bewegungsfreiheit zu lassen. Auf s2Cnorbnung des Grafen Bismarck wurde im Schloß Wilhelmshöhe selbst eine Posd- und Telegraphenstation errichtet, die den Gefangenen auch für chiffrierte Telegramme jur Verfügung gestellt blieb. Die Herren waren selber höchst erstaunt über das in sie gesetzte Ver­trauen betreffs ihrer Korrespondenz, hegten aber Argwohn gegen die hochheAige, von Bismarck getroffene und vom König sank­tionierte Maßnahme. Um fcstzustellen, ob ihre Mutmaßungen berechtigt waren, ließen sie sich mehrfach Briefe, die sie zur Be­förderung abgeliefert hatten, kurz vor Abgang des Zuges zurück­geben. Sie schützten bann vor, baß an der Mrresse etwas zu ändern oder dem Inhalte etwas beizufügen sei. Jedesmal hän­digte der Postbeamte das Gewünschte unbeschädigt aus. Die Herren konnten sich auf fciiefe Weise überzeugen, baß ihre Briefe nicht geöffnet und gelesen wurden, wie sie oermutet hatten. Napo­leons Auftreten in der Gefangenschaft bezeichnet Graf Monts als ein von Anfang an ruhiges, gemessenes und würdiges. Keine Ausbrüche von Aerger, Allagen ober Verzweiflung über bas, was über ihn gekommen, macksten sich bemerkbar. Stark hervortretenbe Charakterzüge des Kaisers waren seine wahre Herzensgüte, seine allgemeine Menschenliebe und Gutmütigkeit. Er war ununter­brochen tätig und kannte im Gegensatz zu seiner Umgebung auf Wilhelmshöhe keinen Müßiggang. Vornehmlich beschäftigte er sich mit Ister-arischxn Arbeiten. Der Ka s wohnte auf WilhelM-

bie Kornpetenzgrenzen der einzelnen Instanzen derart festgelegt werden, daß ein Teil von Arbeiten, die jetzt bas Reichsversiche­rungsamt zu erledigen hat, an bie mittlere Instanz, dasOber­versicherungsamt" abgegeben werben, woburch zweifellos eine Bes­chleunigung der Arbeiten eintreten würde: aber auch die Rechte der untersten Instanz sollen ersichtlich aus dem gleichen Grunde ausgedehnt werden, eine Maßnahme, die ebenfalls sehr zu begrüßen wäre, da über die Langsamkeit in der Regelung von Rentenansprüchen in den Kreisen der Versichertest ungemein ge­klagt wirb. Die Konferenz soll sich jeboch nicht mit ben hier festgelegten Punkten begnügen, in bet offiziösen Auslassung wird ausdrücklich hervorgehoben, baß die in dem Fragebogen ange­gebenen Punkte lediglich eine vorläufige Skizze für ben Beratungs­umfang bilben sollen, und daß bie Erörterung weiterer, bie Reform bet Arbeiterversicherung betreffender prinzipieller Fragen keines­wegs abg cf dritten sein soll. Es wäre zu wünsckien, daß die Teilnehmer der Enquete gerade von dieser Erlaubnis möglichst ioeitgebenben Gebrauch machen, um ihren Wünschen in vollem Umfange Ausbruck zu geben, ba dies nur im Interesse einer dringend zu wünschenden und ausreichenden Reform liegen kann.

^politische Tagesschau.

Tie Revision de8 Verner Urheberrechts.

Die zweite internationale Konferenz zur Revision der Berner Urheberrechts-Uebercinkunft in Berlin wurde gestern mit einer Ansprache des Staatssekretärs v. Schön eröffnet, worin es u. a. hieß: Der Boden sei niemals besser wie gerade jetzt für eine internationale Verständigung über das Urheberrecht vorbereitet gerne]en. Den Beweis hierfür liefern schon einerseits die von gewissen Ländern '^ngunften ausländischer Autoren ergriffenen zahlreick>en gesetzgeberischen Maßnahmen, andererseits die Kon­ventionen, die zwischen verschiedenen Staaten über das Urheber­recht abgeschlossen worden seien. Der Staatssekretär zählte solche Maßnahmen und Konventionen auf und hob mit besonderer Genug­tuung den Bestritt Japans, Dänemarks und Schtvedens hervor. Er wandte sich dann der Erläuterung der von der deutschen Regie­rung unter Mitwirkung des internationalen Bureaus in Bern aufgestellten Vorschläge für diese Konferenz zu, bei welcher er dem Berner Bureau für den Eifer und bie unermüdliche Tätigkeit im Dienste der Union seinen wärmsten Dank aussprach und zur Kenntnis brachte, daß, um der Dankbarkeit eine etwas konkretere. Form zu geben, Deutschland einen Antrag auf Gründung einer Pensionskasse für bie hochverdienten Mitglieder des Bureaus unter­bereitet habe. Schließlich drückte der Staatsfekretär die Hoffnung aus, baß die dÜchtverbandsstaaten durch den Bericht ihrer Ver­treter zum Anschluß bewogen werden. Es sei wünschenswert, daß alle Länder bänglich des Schutzes der Werke der Lsteratur und Kunst eine aus einheitlicher Grundlage beruhende Gesetzt gebung einführen. Auf den Vorschlag des spanischen Botschafters Bernabß, der als Doyen der Stonferens auf die Rede des Staats­sekretärs erwiderte und für bie Gastfreunbschaft dankte, wurde Staatsminister v. Studt als Präsident der Konferenz gewählt. Auf v. Studts Vorschlag wurde als Vizepräsident der französ. Botschafter Cambon gewählt. Hierauf erklärte der Präsident die Arbeiten der Konferenz für eröffnet und verlas ein Begrüß­ungsschreiben des Reichskanzlers. Der französische- Botschafter dankte als Vizepräsident namens der Konserenz dem Reichskanzler für die begrüßenden Worte und beantragte, dem Kaiser eine Huldigung der Konferenz »um Ausdruck zu bringen. Alsdann wurde der Entwurf der Geschäftsordnung genehmigt, bie sich eng an diejenige der Pariser Konferenz von 1906 an- schließt. *

Neue drakonische Verfügung gegen die Juden tu Petersburg.

Der kürzlich ergangenen ministeriellen Verfügung, laut der zahlreichen Petersburger Juden lurzerhand das Wohnrecht ent­zogen nnirbe, ist jetzt eine weitere drakonische Ausnahmebestim­mung des Petersburger Stadthauptmanns gefolgt. Diese Ver­ordnung belegt alle diejenigen Juden mit einer Geldstrafe von, 500 Rubeln loder mit drei Monaten Gefängnis, die nach Peters­burg kommen, ohne daselbst daS Wohnrecht erworben zu haben. Zimmervermieter und Hoteliers, die solche Juden bei sich auf- nehmen, haben dieselbe Strafe zu gewärtigen.

wo Hochrufe lauf ben König ausgebracht würben. Unter den Rufen:

Nieder mit Oesterreich, Krieg gegen Oesterreich!"

gingen die Demonstranten auseinanoer, nachdem man noch einen, deutschen Korresponoenten windelweich geschlagen hatte. Zum ersten Male nahmen diesesmal an der Demonstration Offiziere in Uni­form. teil. Die Regierung läßt die Demonstrationen zu, da sie das einzige Mittel sind, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Die König Peter feindlick-o Stimmung ist neuerlich sehr gewachsen. Das Blatt Za Oiacoinu fordert unverhohlen den König auf, zu Gunsten des Thronfolgers abzudanken. Prinz Georg sei durch die blutige Juni-Nacht das Jahres 1902 nicht kompromittiert. Ihm wäre es möglich, die Vcrichwörer von damals aus allen Staatsämtern zu entfernen und er tönnte sehr wohl Beziehungen zu den europäischen Höfen anknüpfcn.

Sechs englische Kreuzer

sind an der Küste Anatoliens gegenüber ter Insel Rhodus ein-, getroffen. Wie aus Jerusalem berichtet wird, fanden dort anti- österreichische Kundgebungen statt. Die österreichische Post wurde geplündert unb zahlreick>e Briefe find vernichtet worden.

hohe in der ersten Etage, anfangs auf der Südseite. Später de-' zog er ben nördlichen Flügel, tu dieser mit Heizvorrichtungest versehen und ^Napoleon ungemein empfindlich gegen Kälte war. Von zwei großen sck-önen Zimmern, die man von dem Treppen­hause aus nacheinander betrat, war das erste ein Bersammlungs-^ saal der Generale, das zweite ein Empfangszimmer des Kaisers und seiner Umgebung. Dann folgte ein einfenstriges kleines Zimmer des Kaisers, das ihm als beständiger Aufenthaltsort und Arbeitskabinett diente. In dein Sl'abinett des Kaisers herrschte in der Regel eine entsetzliche Hitze, die jeder mit Ausnahme Napoleons als sehr unangenehm zu empfinden schien. Hinter dem Arbeitskabinett maren sein geräumiges Schlafzimmer und ein Ankleidezimmer gelegen. Tie Verpflegung des Kaisers und seines Gefolges war ausgezeichnet, das Menu reichhaltig. Das Gabelfrühstück bestand aus zwei bis drei, bas Diner aus vier bis fünf Gängen. Sekt hatte ber Kaiser sich von Anfang an derbeten. Man trank Sherry, roten und weißen Wein. Napo­leon selbst war außerordentlich mäßig in feinen Ansprüchen und gar nicht verwöhnt. Er verglich mehrfach die Tafel seines könig­lichen Gastgebers in Wilhelmshöhe mit der feinen in Paris und Compiögne, und sagte dem Gouverneicr oft, man habe bei ihm nur an Festen so Hut gespeist wie in Wilhelmshöl-e täglich. Nach der Aushebung der Tafel ging man in die beiden Zimmer vor Mipv- leons Arbeitskabinett, wo ter Kaffee und Zigarren gereicht wurden. Der Kaiser unterhielt sich hier mit diesem und jenem, während die Herren Zeitungen zur Hand nahmen oder sich plaudernd in Gruppen verteilten. Der Kaiser verstand es meisterhaft, durch die ihm natürlrche Liebenswürdigkeit dem Beisammensein einen besonderem Reiz zu verleihen. Er rauchte dabei eine Zigarette nach ber anderen und wußte mit kühnem Schwung und seltener Grazie die letzten Enden in den Kamin zu werfen. Oft nahur er auch Karten zur Hand, unb. ohne sich im mindesten in der angefangenen Konversation stören zu lassen, legte er eine Patience Nack- zehn Uhr cs wurde oft and) halb elf verließ er bie Gesellschaft unb begab sich zur Ruhe. Die Kosten der Hof- haltting waren selbftv-crilünblich sehr groß. Ter Mtinig wünschte feinen Gefangenen als Gast behanoelt zu wissen, unb da dieser Wt ein Fürst war, mußte füglich fürstlich für ihn gesorgt werden Einen an)elmlichen ^ctl des Aufwandes hat übrigens König Wil­helm aus Privatmitteln bestritten. J

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Dir lirifir im Grient.

Die Verhandlungen zwischen Iswolsky unb Grey und London scheinen zur gewünschten Verständigung nicht geführt zu haben. Rußland ist in London bezüglich ter Dardanellen auf Unter­handlungen mit der Türkei verwiesen worden. Das ist aber ziemlich hoffnungslos, da die Pforte nicht nachgeben kann. Der Sultan würde dadurch Thron und Leben aufs Spiel setzen. Is­wolsky verläßt London, wie es heißt, tief verstimmt, wenn er auch im eigenen Interesse feinen Mißerfolg zu verbergen sucht. Man erwies ifym in London nahezu königliche Ehren, um ihm ein leichtesNein" sagen zu fönnen. Unter diesen Umständen hat nun auch

der Konferenzgedanke

wieder an Boden verloren. In Konstantinopel meint man, daß bie Orieiitfrage im Wege des diplomatischn Schriftwechsels ge­löst roerben solle unb in St. Petersburg spricht man von der Möglichkeit eines Offensiv Vertrages zwischen ber Türkei und Ruß­land. Wie in St. Petersburg von anderer Seite verlautet, ließen sich die Hauptpunkte des jetzt in London erzielten _ Einverneh­mens in folgendem zusammenfassen: die westeuropäischen Mächte mit Rußland, Frankreich unb Englarrd und aller wahrscheinlick)- feit nach auch mit Deutschland .an der Spitze, werden der Türkei Vorschlägen, bie Unabhängigkeits-Erklärung Bulgariens als vollzogene Tatsache anzuerkennen, ebenso bie Annexion Bosniens und der Herzegowina. Die übrigen Fragen, die sodann die Kon­ferenz beschäftigen roerben, betreffen die kleinen Balkanstaaten, ihre Kompensationen und schließlich auch bie Dardanellenfrage. Rußland wird keine Kvmipensatton fordern. Dieses Programm! werde mit sehr wenigen Aenderungen verwirklicht werden.

Ob diese St. Petersburger Mutmaßungen richtig sind, erscheint sehr fraglich, Wenn, der deutsche Gesandte hat, wie die Kölnisck)e Zeitung" aus Sofia melbet, ber bulgarischen Regie­rung mitgeteilt, baß, solange Bulgarien sich nicht bereit erklärt, seiner, Verpflichtung gegen die Türkei nachzukommen unb

die Orienibahn

wegen ungesetzlicher Beschlagnahuie zurückzugeben, über eine Tages- entschadigung von 13 000 Franks an die Betriebsgesellschaft zu bezal)len, die Frage der Anerkennung ter Unabhängigkeit Bul­gariens nicht erörtert roerben könne. Die bulgarische Regierung Ijat auf diese Vorstellungen Deutschlands hin, nun auch schon ihre Bereitwilligkeit erklärt, alle dokumentarisch festzustellenden Reichsansprüche zu befriebigen. Wie in bulgarischen Regieruugs- kreisen versickert wirb, ist bie Regierung geneigt, die materiellen Forderungen der Bahngesellschaft vollkommen zu befriedigen. Die baldige Lösung ber Frage Dürfte jedoch Daran scheitern, daß zu ihrer Regelung die Zustimmung ber Pforte erforderlich ist, die aber gegenwärtig schwer erreichbar sei.

Im Gegensatz zu diesen friedlicheren Meldungen über die Sage, wird aus Saloniki berichtet, baß

der Krieg unvermeidlich

fei. In Saloniki ist man allgemein überzeugt, baß Bulgarien mit der Absicht -u mgche, auch Mazedonien zu annektieren. Im Vertrauen auf seine eigene augenblickliche Stärke unb auf bie Schwäche &e£ Türkei wird Bulgarien, so glaubt man, sich be­mühen, die Türkei zum Kriege zu zwingen. Die mazedonischen Bulgaren greifen wieder zu ben Waffen und üben täglich, feit der Proklamierung der türkischen Verfassung. Das jungtürkische Ko­mitee gewinnt immer mehr die Ueberzeugung, daß ein Krieg mit Bulgarien unvermeidlich sein wird.

In Belgrad fand gesttrn die angefünbigte neue Demon­stration statt. Gegen 6000 Menschen versammelteii sich vor dem Michaelis-Denkmal. Der Geschichts-Professor Stanojewitsch hielt eine Rede, in der er (bas serbische Volk aufforderte, sich nicht unter­drücken zu lassen. Hieraus zogen die Manifestanten mit vielen Fahnen vor ine englische Gesandtsckiaft und von da zum Konak,

üLeichswegen außer Frage zu bleiben hat. So spitzen sich die Erörterungen über die Beteiligung des Besitzes neuerdings dahin zu, ob eine allgemeine Nachlaßsteuer ober eine all- ichrlich zu enttichtende Dcrmögensftcuer der gangbarere Weg fein wirb. Dabei haben sich auch Zeituntzcn der mittleren und der rechten Parteien zu gunsten ber Nerchsverinögenssteuer ausge­sprochen, wobei sie dahingestellt fein lassen, ob das Reich die Steuer selbst erheben, ober nur gewisse 9tormen für die Er- il;cbung durch die Birndesstaaten festsetzen, ober etwa die Er-

I.Äung von Zuschlägen zur Landesverinögenssterler für Reichs- Zwecke vorschveiben solle. Die verbündeten Regierungen haben D'ieberholt hesttmmt darauf hingewiesen, daß die Vermögenssteuer r.nb deren pluäbau für die Bedürfnisse der einzelnen Bundes­staaten unentbehrlich sei, und daß Eingriffe in die Art ihrer S.ranlagung oder Erhebung von Seitcir des Reiches mit der ckiianziellen Selbständigkeit ter Bundesstaaten unvereinbar wären. ES liegt nicht der mindeste Gpund zu ter Annahme vor, daß irgend nxlcbe Veränderung dieses Standpunktes bei ben Buiitesregie- rungat eingctreten ober zu erwarten ist. Einigen ber neuerlich beigebrachten Vorschläge scheint ber Gedanke zu Grunde zu liegen, I baß bie als Ersatz für die allgemeine Nachlaßsteuer gedachte Neichs- ic.rmögenssteuer unter Umständen von den Bundesstaaten nach i jenem. Ermessen aufzubringen fei. Dies würbe also auf eine UErhöhung bet Matrikularbeiträge hinauskommen. tun ist zuzugeben, baß eine Erhöhung bev Niatrikularbeirräge lorsäckstich wie eine Belastung bes Besitzes wirkt, unb in mäßigen :enzen mag eine solche Erhöhung noch möglich sein. Daß aber Sun so erheblicher Betrag, wie er zum Ersatz für bie allgemeine ~ ' "achlaßsteuer, in ihrem ganzen Betrage oder auch nur zum wesent- 'itijen Teile, er forterlich wäre, in ber Form ber Matrikularbei- | träge auf die Schultern der Bundesstaaten gelegt werten fonnte,

-tjue deren Leistungsfähigkeit zu überlassen, ist völlig ausge- tblossen. Somit steht für bie HcLanziehung des Besitzes neben uer vielleicht iwch möglichen müßigen Erhöhung der Äiatri- riitarbeitDäge bei der Neuregelung ter Reichsfinanzreform eine iititere Form als bie allgemeine Nachlaßfteuer nicht zur Verfügung. Der Gedanke, sie ganz ober teilweise durch eine s| 'lymnögcnvfteuer zu ersetzen, hat keine Aussicht auf Er- vlg." Man sieht, Herr Sybow setzt seine bisherige Taktik ort unb enthüllt das Geheimnis seiner Reichsfinanzreform imm.er titic stückweise.

ber Wichtigkeit der Ty :g wird drtngcod um t , pünlti. Erscheiveucritii Der Vorafand

O.iOe.A-

den 18. Citi verweunar-Rolrhme fibera-Moosetche-^ l-Marburg- »W- :t 816 Uhr uonnitt ne Marburg- 2

Neuett>ings I)at man in der Presse recht eingehend die Aus­sichten einer allgemeinen Nadjta{jftcuer erörtert. Auch bie offiziöse Nordd. Allg. Ztg. tut es jetzt, aUevdings mit einer 1 cwuiideruswerten Vorsicht. Da heißt es:Die Erörterungen, welche bie Probleme der Reichssinanzresorm während ber letzten Wochen in der Oeffentlichkeit gefunden babeu, lassen in erfreu­licher Weise erkennen, daß sich die Ueberzeugung immer mehr 3abn bricht, bie Deckung des vorliegenden Bedarfs könne weder ausschließlich durch eine Besteuerung des Konsums, noch allein iirm eine Besteuerung des Besitzes erfolgen, jonbem sei nur bsirrf) Heranziehung beiter Gruppen von Steuerquellen möglich. '.Luch über die Form ter Heranziehung des Besitzes scheint, wenn r.tan von der äußersten Link-eii abfieht, eine Klärung in der Richtung sich tzu vollziehen, daß die Ei n k o m menst euer von