Ausgabe 
14.11.1908 Erstes Blatt
 
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schlecht, das da von den Plätzen der Bennigsen, I reich wohl sehr bald wieder der bekannte § 14 in Tätigkeit Mndthorst und Miquel sprach, sondern es war treten ____s;.

Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.

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Vezug-pret-: monatlich 75A.,mer1el- jährlich Mk. S.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 W.; durch die Post Mk.2. vienel- läbrl ausjchl. Leilellg. ZeilenpreiS: lokal lbPt. auswärts 2V Mennig, verantwortlich für den politischen iztl, für »Feuilleton^ und

Aus Stadt und Land.

Gießen, 14. 'Jiooember 1908.

* Verbesserung der hessischen Beamten- g eh älter. Der Anz/ berichtet: Wie m Land-

lagSabgeordnetenkreisen verlautet, beabsichtigt die hessische Ne­gierung, im Jahre 1910 eine Vorlage über die Erhöhung der hessischen Beamtengehälter einzubrmgcn. In diesem Jahre sollen nämlich im ganzen Großherzogtum die Grundbuchs- anlegungen, die seither in jedem Etatsjahr etwa eine Million jJlart erforderten, beendet sein, so daß die dadurch wegfallenden Beträge zur Erhöhung der Beamtengehälter verwendet werden können, ohne daß eine Erhöhung der Eintommensteuer erfor­derlich wird. Die beiden in Hessen bestehenden Votksschul- lchrcroereine werden gleichzeitig mit der Vorlage den Antrag auf Einreihung der VolksschuUehrer ins Beamtenbesoldungs­gesetz stellen, damit die regelmäßig bei Erhöhung der Beamten­gehälter einsetzenden Petitionen der Lehrer wegfallen. Falls sich die Negierung diesem Ersuchen der Lehrer gegenüber ab­lehnend verhält, soll von der Zweiten Ständekammer nur dann in die Beratung der Beamtenbesoldungsvorlage ein» getreten werden, wenn gleichzeitig eine Erhöhung der Lehrec- gehälter erfolgt.

** Kunstverein. Nach einer Ausstellung von drei Wochen Dauer hat diese Woche ein vollständiger Wechsel der Gemälde stattgefunden. Außer einer Kollektion Oelgemälde und Originalradierungen von Oskar und Cäcilie Graf- München und zwei Gemälde von Richard Kaiser-München ist eine weitere Anzahl sehr beachtenswerte Gemälde aus­gestellt. Gleichzeitig sei darauf hmgewiesen, daß die gegen- wärtige Ausstellung nur kurze Zeit verbleiben kann, da für die Dezember-Ausstellung schon mehrere Kollektionen angc» meldet sind.

Unbestellbare Postsendungen. Bei der Ober- Postdireklion in Tarinstadt lagern folgenbe Sendungen, deren Ab-

ftreibe die Plätze der Möbel, die Eingänge und Ausgänge ganz genau an; er stellt bis ins Kleinste die Einzelheiten jedes Bühnenbildes fest. Dann wirft er sich mit Leiden­schaft, ja mit Wut auf die Einstudierung der Statisten. Zwanzigmal läßt er sic dieselbe Szene aufsühren, zwanzig- mal schreit er sie voller Entsetzen an:Fühlen Sie doch, daß Sie nicht bloß Statisten, daß Sie Künstler sein müssen! Sie haben zwar nicl)ts zu spreck)en, aber in Ihnen muß sich das lvider.piegeln, tvas die anderen sprechen." Nie ist er ganz zufrieden, aber er bejchcidet sich,wenns nur im Großen und Ganzen klappt". Proben folgen auf Proben, sie dauern nicht selten bis um drei oder vier Uhr morgens, doch allmäh­lich rundet sich die Aufführung, alles greift ineinander und Luft und Leden erfüllt die Darstellung.Er ist von einer kribbeligen Nervosität, aber dabei geduldig", so hat ihn Sarah Bernhardt geschildert.Er versteift sich nicht eigen­sinnig aus jedes Wort seiner Prosa, sondern unterwirft fie bereitwillig Streichungen und Veränderungen. Dabei hat er das Auge überall. Keine Einzelheit, selbst die unschein­barste nid)t, erscl)eiut ihm gleichgültig. Er setzt sich auf die Möbel, er sieht selbst nach, ob sich die Türen gut offnen und schließen lassen, wählt die Stoffe aus und stellt die Bühnen­bilder, sodaß sie auch in der hintersten Reihe des Parketts noch einen klaren und überzeugeirden Eindruck machen; er steigt oben aus die Galerie herauf, um sich zu versichern, daß man auch auf demOlymp" alles deutlich hört, er weint und lacht, maclst alte Rollen vor, er durchlebt sie alle selbst, ja er stirbt in ihnen, ganz erfüllt von der Wirkung des Theaters, die in allen seinen Sinnen lebt und ihn nrie in einem Rausch dura-driugt: so spielt er auf einer einzigen Probe sein ganzes Stück drei-- oder viermal durch. Er ist sehr frostig. Auf die Probe kommt er, ganz eingewickelt in Pelze und Tücher. Er gibt einem Theateroiener seinen Mantel. Kaum hat er sich yingesetzt, so schwört er, es ziehe furchtbar und es sei schrecklich kalt, und verlangt seinen Mantel wieder. Kaum ist ihm während der ersten Szenen warm geworben, so zieht er iyn w.eder aus und dies Spiel wiederholt }) noch oster, wlchrerw er garnicht daraus achtet und nur Sinnjür seine Arbeit hat." Als Sardou im Theater de la Porte-^iut-Martin die Proben zu seinem Drama

Thermidor"" leitete, war er fast ununterbrochen im Theater. Aber schlafen Sie denn garnicht?"", fragte ihn eines Tages Coquelm. Sardou zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche. Sehen Sie, seit vierzehn Tagen habe ich 26 Stunden Schlaf notiert, die ich mir noch schuldig bin. Jeht muß ich ja immer um sieben Uhr aufstehen, auch wenn ich mich erst um fünf Uhr früh hinlege. Sind erst die Proben vorbei, dann gehe ich einfach dreizehn Tage lang statt um zwölf Uhr, wie sonst, um zehn Uhr ins Bett, und so hole ich die fehlenden Stunden Schlaf wieder ein."

Heber einen lustigen Krieg ums hohe C, den sie selbst verursacht hat, berichtet der Opernreferent derKöln. Ztg.": Letzthin wurde im Kölner Opernhaus Der Troubadour"" gegeben. Wer, wie ich, 22 Jahre hin­durch über Opern berichtet, geht nicht in den Troubadour. Eine Not lag nicht vor, ich blieb zu Hause. Aber mein Vertreter wachte. Herr Batz sagte ab, und Herr Pauli rettete durch schnelles Einspringen als Maurico die Vor­stellung. Mein Vertreter spendete in seiner Kritik dem Schlagiertigen Wo2e hohen Lobes, ließ aber auch einfließen, dieser habe das hohe6nichtgesungen. Andere Leute behaupteten, er habe es doch gesungen. Einem Tenoristen, der das hohe C gesungen hat, es abstreiten, heißt, ihm seinen Fürftenrang rauben, ihn in seinen Bezügen schmälern, seine Existenz abgraben. Der Fall spaltete ganz Köln in zwei Lager. In einem der vornehmsten Hotels stülpte in der Hitze der Erörterung ein Gast dem andern den Kaviarbotlich nebst Eis und Zitronen auf das unbehaarte Haupt. In der Elektrischen entschuldigte ein Menschenfreund meinen Ver­treter mit einem Lhrenleiden. Ein Arzt, Spezialist für Ohrenkrankheiten, meinte, solche Krankheiten schärften ge­rade das musikalische Gehör, aber auch Homer habe bis­weilen geschlafen. Ich telephonierte an das Theater:Bitte sofort eimoand,rei testzustellen, ob Herr Pauli das hohe 0 gesungen hat oder nicht.'" Nach einer Weile kam die Ant­wort:Aber natürlich hat er es gesungen." Tas entschied. Mit dem Seufzer: Mein armer Vertreter! berichtigte ich ihn. Kaum hatte die Berichtigung die Leferwelt erreicht als ein Eilbrief meines Vertreters eintraf: Die Berichti­gung sei eine Fälschung, denn ein hohes B sei niemals ein

Von allen diesen politischen Wirren wird die Aufmerk­samkeit durch ein großes Grubenunglück in Westfalen ein wenig abgelenkt. Ein grauenvoller Tod hat im tiefen Schachte etwa zweihundert Bergleute ereilt. Man hatte wohl gedacht, daß die schrecklichen Grubenlatasirophen der letzten Jahre endlich ein Mittel würden finden lassen, um solcher'. Unglückssällen vorzubeugen oder ihre Folgen doch wenigstens zu mildern, aber es scheint, daß der erfin­dungsreiche Menfchengeist bis jetzt doch noch immer solchen Katastrophen ohnmächtig gegenüber steht. An mitfühlenden Herzen feylt es auch in diesem Unglücke nicht. Allenthalben zeigt sich aufrichtige Teilnahme, und es ist auch schon eine Sammlung für die Hinterbliebenen der verunglückten Berg­leute in die Wege geleitet worden. Besonders angenehm berührt es, daß auch Frankreich seine menschliche Teilnahme bekundet hat. Vor nicht allzu langer Zeit waren es deutsche Bergleute, die mit Gefahr des eigenen Lebens in den Todes- schacht von Cvurrieres hinabsuhren, um ihren verunglückten französischen Kameraden zu helfen, jetzt ist es Frankreich insbesondere, daS den deutschen Kameraden seine Teilnahme bekundet. Zu helfen gibt es ja leider nichts mehr; die Hoffnung, noch einen Bergmann lebend ans Tageslicht zu bringen, ist geschwunden. Wenn es hier einen Trost gibt, so ist es nur der, daß großes menschliches Unglück die Menschen einander wieder nahe bringt, die der Haß der Nassen, der Parteien und der Stände sonst auseinander­getrieben hat. Das Ge.ühl der Menschlichkeit verwischt alle anderen Unterschiede. £ A.

genommen hat." »

Nicht gegen die Regierung allein, die uns so furchtbar vor dem Auslände bloßgestellt hat, richtet sich jetzt der Zorn des deutschen Volkes, sondern auch gegen den jetzigen Reichstag, der sich nicht einmal zu der vorgeschlagenen Lldresse aufzuschwingen vermocht hat, aus kleinlichster Frakironspvlitil. Sollte man es glauben, daß der Reichstag sich in einer für das ganze Reich so furchtbar ernsten und bedeutungsvollen Frage nicht einmal äußerlich zu einigen vermag.

Wenn eine Anzahl sonst doch recht ernsthafter Blätter jetzt Befriedigung über den AuSgang dieser Debatten äußern und in den schönen Aorten schon feste Zukunjtsbürgschaften feiten, so weiß man nicht recht, was man zu dieser gedanken- lo|cn Schönfärberei sagen soll. Wem die Zukunst unseres Vaterlandes am Herzen liegt, den überkommt eine bittere Hoffnungslosigkeit.

Au dem gleichen Tage, da im Reichstage über die heu­tigen unerfreulichen Zustände int Deutschen Reiche geklagt wurde, sah der Kaiser in Donaueschingen gedankenvoll dem Fluge des Zeppelinschen Lustschi,fes zu, dem sich zum ersten Niale auch der deutsche Kronprinz anvertraut hatte. Der Kaiser unten aus der Erde, der zukünftige Träger der Krone hoch oben im freien, frohen Luftmeere, in stolzem Fluge über alle Kleinheiten und Häßlichkeiten des Lebens. Wer Freude am Dichten und Träumen hat, mag das Bild noch weiter auSmalen und eine tiefe Symbolik des Gegen­wärtigen und Zukünftigen darin sehen. Der Kaiser war, wie es heißt, von dem Zeppelinschen Luftschiffe begeistert, erklärte den Grafen für den berühmtesten Deutschen des zwanzigsten Jahrhunderts und hing ibm unter tiefster Rührung aller Anwesenden den höchsten preußischen Orden um.

Wer gönnntc dem gräflichen Erfinder diese Auszeichnung nicht, aber wichtigeres beschäftigt in diesem Augenblicke die Gemüter als Die;er Vorfall. Man fraat sich nicht ohne Besorgnis, ob der Kaiser inmitten seiner Zerstreuungen denn auch Zeit und Gelegenheit gesunden hat, sich über die Reichs tagsdebatten und über die Stimmung der Bevölkerung ge­nügend zu orientieren. In Verbindung mit dieser Frage l)eißt es aufs neue, daß Reichskanzler Fürst Bülow nicht länger im Amte bleiben werde. Trojtreicher erscheint unsere gegenwärtige politische Sage auch hierdurch keineswegs. Ist die Casablanea -Frage nun auch durch das gegenteilige Entgegenkommen Deutschlands und Frankreichs in eine ruhigere Bahn gelenkt, jo daß von dieser Seite aus offenbar keine größeren Schwierigkeiten mehr zu erwarten sind, so ist die allgemeine politische Lage doch nach wie vor unsicher. Tie Balkanirage scheint sich in den letzten Tagen wiederum verschlimmert zu haben. Allerdings haben nun England, Frankreich und Rußland in Belgrad aujs neue beruhigend einzuwirken ver«ucht, aber ob das viel Helsen wird, erscheint nicht ganz sicher.

9Ucht ganz unbedenklich bei der augenblicklichen Situation auf dem Balkan ist die M ini ste r kr i s is in Oesterreich. Das Kabinett Beck hatte wegen der be- iannten Vorgänge in Böhmen demissionieren müssen, da es ihm nicht gelang, den aufs neue entbrannten Nationali­tätenkampf zu unterdrücken. Dem zum drachsolger Becks ausersehenen Bienerth aber wird es nicht ganz leicht ge­macht, einen befriedigenden Ausweg aus der gegenwärtigen Krisis zu finden. Unter diesen Umständen wird in Oester-

Meine» HerrMeto«.

Aus Ka s s e 1 wird uns geschrieben: Eine interessante Shakespeare-Aufführung bot am letzten Samstag das Kasseler Hoftheater, indem cs versuchte,Der Widerspenstigen Zähmung"" in der Aufmachung Shakespeare-Bühne"" zu geben. Das Experiment, das der Initiative des Oberregisseurs Ludwig Hertzer ent­sprang, war in der Tat von Erfolg begleitet und fand beim Publikum beifällige Ausnahme. Um die Illusion eines Theaters vor 300 Jahren zu schaffen, hatte man die drei­teilige Shakespeare-Bühne, bestehend aus Vorder- und Hinterbühne, sowie der im Hintergründe befindlichen er­höhten Loge aufgebaut; ferner hatte man, von der Annahme ausgel/end, daß die damaligen wcltbedentenden Bretter meist in Wirtshausyöfe eingejügt waren, die Bühne mit Häuser- Wänden umgeben; links hatte man eine Oeffnung in freie Gegend angenommen; von hier aus kamen nach dem Vor­spiel die Schauspieler mit ihrem Requisitenwagen her- gezogen, um dann mit ihren Künsten aufzu warten. Man halte sich also bemüht, möglichst genau die Shakespeare- Bühne darzustellen; ebenso verfuhr man bei dem Szenen­wechsel durchaus nach Shacespearischem Muster und be­gnügte sich mit den aus Mvbeln, Teppichen und Ersatzstücken bestehenden primitiven Mitteln. Die Zufchauer spendeten der Ausführung des in der Schlegel-Tieckfchen Uebersetzung gegebenen Werkes lebhaften Beifall. Es wäre indessen ver­fehlt, daraus zu entnehmen, daß ein heutiges Publikum ohne weiteres auf die modernen Ausstattungskünste verzichten könnte.

Sardou auf der Probe. Das Geheimnis der Dühneuerfolge, die Sardou immer wieder errungen, liegt nicht nur iii dem geschickten dramatischen Ausbau feiner Stücke, sondern in der außerordentlich feinen szenischen Durcharbeitung, die der Autor jeder Pariser Auf Führung seiner Dramen zuteil werden ließ. Auf den 'proben entfaltet sich, so beschriev ihn ein Beobachter, feine ganze Begabung, seine ganze Meisterschaft der Jnizenierung und Beherrschung aller mirijamen Mittel. Von ihm geht alles Leben und alle Bewegung aus. Vor dem Begrün der Probe Aiichnet er mit

fein großes Ges , .

Eugen Richter, Windthorst

auch hier nur einGeschlechtvonEpigonen,das viel­leicht schon allzulange auf die Schule gegangen ist, in die der Wille des dritten Kaisers und die von ihm gewahrte un­natürliche Auffassung der monarchischen Rechte die Seelen

Nr. 268 Erstes Blatt 138. Jahrgang Samstag 14. November 1808

De, eitßtriet Bnjetyn Äyeero A etldjein) täglich, außer

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füi di. Redaktion 112.

General-Anzeiger für Gberheffen GBL xu ALUMNE Rotaflottsbntf und Verlag der yrühsfchen Univ.-Vuch. und Zteindruckerei K Lange. Redaktion. Expedition und Drudereh §chu!llratze r. !uIIzeiqenteck^'H"L^ck.

politische Wochenschau.

Gießen, 14. Nov.

Man hat sich int Deutschen Reiche offenbar allzulange Wit politischem Kleinkram befaßt und dabei alles Augenmaß für große Politik verloren. Parteipolitik ward nachgerade oas Einzige, was man unter Politik verstand. Mit Recht konnte Gras Reventlow neulich hier in Gießen in einer Versammlung den Mangel wirklick-er politischer Blldung beklagen, und die Aeußerung eines nationalen Wgevrdneten, die er zur Illustrierung dieser Behauptung ansührte, hat etwas Episches an sich, ^erlangen Sie doch nicht,"" so sagte dieser tüchtige Abaeordnete, daß wir uns mit aus­wärtiger Politik beschäftigen. Wir sitzen schon den ganzen Tag im Reichstage, wollen die Wünsche der Wähler berück­sichtigen uni) uns auch Berlin ein wenig aujehen." Bei solchen Anschauungen steht mau großen, wichtigen Fragen der auswärtigen Politik verständnislos gegenüber, und eine große Frage, wie die jetzt im Reichstage behandelte, findet nur ein kleines Geschlecht, untauglich, etwas Großes groß anzufassen. Man hat ja im Laufe der letzten Jahrzehnte das Hoffen auf alles Große verlernt. Im Schatten des toten Bismarck will nichts rechtes mehr gedeihen. Aber einen solchen Ausgang der zweitägigen De­batten des deutschen Reichstages über die unheilvolle Verössentlichung hat doch wohl niemand erwartet. Was haben uns diese endlos langen Reden der letzten ^vei Tage gebracht? Mamhes hübsche und passende Wort mid manche schöne Versprechung, aber doch immer nur Worte und nichts als Worte. Die festen Bürgschaften für die Zukunft fehlen, und die Nation muß sich nach wie vor mit schönen Zukunftshoffnungen abspeisen lassen.

Die Regierung hat wieder einmal, wie schon so oft in Fragen der auswärtigen Politik versagt, aber leider auch der Reichstag. Diese betrübende Erkenntnis hat uns der zweite Tag der Debatte endgültig bestätigt. Es fehlte viel­fach am nötigen Ernste. Das geißelt der nationalliberale Hann. Cour." mit svlgeuden treffenden Worten:Nicht allein der Schmerz darüber, baß eine öffentliche Mi klage gegen den deutschen Kaiser notweiidig geworden war, er- ichütterte jeden national und monarchisch empfindenden Menschen; nein: ein heiliger Zorn ergriff ihn zugleich, wenn er sehen mußte, wie wenig sich der Reichstag dem großen Augenblick gewachsen zeigte. Traurig, wie auch heute der deutsche Reichstag nicht aus Volksverrretern, son- oern aus Parteioertretem bestand, wie sie sich gegenseitig besehdeten und höhnten; wie sie bei den ernstesten Stellen lachten, wie sie hinausliefen, als der freisinnige Redner sprach, wie sic nach des Kanzlers Antwort noch iveiter verhandelten", wie sie klein waren in Worten und Taten loahrhaflig: auch wenn der Kaiser heute neben dem Ches des Generalstabes in der Hosloge hätte sitzen können, wir würden nicht zu hofsen wagen, daß diese Verhandlung ihn von Grund auf um gestimmt hätte. Manche ernste und gute Bemerkung würde ihn wohl zum Nachdenken ver­anlaßt, manches sehr kräftige Wort ihn in Harnisch ge­bracht haben, aber die feste Ueverzeugung, daß hier der ein­mütige Wille des Volkes spreche: So geht es unter feinen Umständen weiter die hätte'fich ihm kaum auf gedrängt. ES war einer der tragischsten Momente des TageS, als der Reichskanzler in dem bitter resignierten Ton, der durch seine ganze Rede ging, der äußersten Linken sagte: Ihr scheint gar nicht zu aynen, wie ernst der Augeiwlick ist."" Und ähnlich äußern sich auch andere nationale Blätter, wie bei,pielsweise dieLeipz. Reuest. Nachr.":Es war