Ausgabe 
15.1.1908 Zweites Blatt
 
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politische Tagestzeha«.

Ueber die Enteiguuugsvorlage im preutz. Abgeordnetenhause ift gestern ein neues Kompromiß zustandegekommem Der Vergleichsvorschlag geht dahin, daß die räumliche Beschränkung auf bestimmte Bezirke fallen gelassen wird. Die Summe blieb dieselbe. Dagegen wurde ein Maximum an Fläche in der Höhe von 70 000 Hektar fortgesetzt, über das die Regierung nicht hinausgehen darf. Ge­blieben ist die Bedingung, daß der Ankauf zur Sicherung bestehender Ansiedlungen notwendig ist und der Stärkung des Deutschtums dient.

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Die neuen Steuerpläne.

DieKöln. Ztg." meldet aus Berlin: Die 97achricht verschiedener Blätter, daß dieser Tage die Finanzminister der Bundesstaaten in Berlin zur Beratung einer neuen Steuervorlage Zusammentreffen würden, ist in dieser Form unrichtig. Es. handelt sich nicht um eine eigentliche Ministerkonferenz, sondern lediglich um die ordnungs­mäßigen Beratungen der Bundesrats-Aus­schüsse, wozu der und jener Minister in eigener Person erscheint, und zwar besonders aus Süddeutschland, da dessen Reservatrechte in Frage kommen. Das Schatzamt hält an seinen Steuerplänen fest, deren Grundzüge bekannt sind, nämlich Spiritus und Zigarrenbanderole. Nachrichten, die über Einzelheiten dieser Frage durch die Blätter gehen, sind wertlos, da solche einzelnen Dinge durch die noch nicht ab­geschlossene Beratung fortgesetzt abg:ändert werden iönnen. An eine Vertagung dieser Forderungen denkt oie Regie- rung nicht, da sie nicht weiß, woher sie ohne neue

Steuern die Mittel zur Aufbesserung der Gehälter und zur Deckung des Fehlbetrags im Reichshaushnlt nehmen soll.

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Die zweijährige Dienstzeit in der Kavallerie.

Bei der Besprechung des Zentrumsantrages in der Budgetkommission, den Reichskanzler zu ersuchen, eine Denkschrift über d i e Einführung der zwei­jährigen Dien st zeit bei der Kavallerie und reitenden Artillerie vorzulegen, führte der Kriegs­minister aus, er glaube nicht, daß die Frage in nächster Zeit im Sinne der Antragsteller zu lösen sei. Die Erfah­rungen in Frankreich verlockten nicht zur Nachahmung. Der militärische Geist in der Kavallerie sei ganz vorzüg­lich. Der Antrag Noske, der die Miliz hier anstrebt, sei ganz unmöglich, weil die Miliz überall da versagt habe, wo sie bestanden habe, außerdem würde sie teurer werden, als unsere Armee; das beweise England und die Schweiz.

Deutsches Reich.

Leipzig, 15. Jam Neun von insgesamt 12 000 Per­sonen besuchte sozialdemokratische Volksversammlungen nahmen eine Protestresolution gegen den Reichsvereinsgesetzentwurf an, die vom Agita­tions-Komitee dem Reichstage übermittelt werden soll.

München, 15. Jan. In Sachen der Betriebs­mittel-Gemein s cha f t der deutschen Eisen­bahnen ist int Laufe des Jahres die Einführung eines erweiterten gegenseitigen Benutzungsrechtes der Betriebs­mittel zu erwarten. Demnächst schon werden durch- la ui ende r t t e m b e r g i s ch e uni) bahrtsche Bahnpo itwageneingeführt, um das Umladen der Posten auf den Uebergangsstationen zir vermeidem

Er mutz offen ausgesprochen werden, daß die Anleihepolitft des Deutschen Reiches in dieser Beziehung in der Welt geradezu einzig dasteht. Wenn, wie in der letzten Zeit, sich die Finanzminister einzelner Bundesstaaten gegen die eine oder die andere Steuer cmSsprechen, dann leidet die Allgemeinheit mehr darunter, als wenn vielleicht der eine oder andere Bundesstaat durch diese, oder jene Steuer etwas beeinträchtigt wird. (Sehr richtig! links.) Jedenfalls hängt das Llbflauen der Hochkonjunktur nicht mit der Höhe unseres Bankdiskonts zusammen. (Widerspruch reckts.) Möge es der Kommission gelingen, auf dem einen oder anderen Dege durch gesetzgeberische Maßnahmen die künstliche Steigerung des Bankdiskonts zu verhindern. An und für sich ist jedoch ein hoher Bankdiskont auch ein Zeichen der Ges-ndheit der betreffenden Nation. (Lachen rechts.) Ich befinde mich da in der angenehmen Gesellschaft eines wohl auch von der Rechten anerkannten Sachver. ständigen, dem französischen Nationalökonomen Beaulieu, der es als eine Absurdität hingestellt hat, daß Frankreich sich stets an einen so niedrigen Wechselsatz *on 3 und 4 Prozent gehalten hat. (Leb­hafter Beifall links.)

Reich^bankpräsident Havcnstciu: Ich will nicht vor Sie hin- treten, ohne meinem verehrten Amtsvorgänaer, der durch sein ein Menschenalter langes Schaffen für die Reichsbank sich die größten Verdienste erworben hat, meinen Dank auszusvrecken. Ja, habe mein neues Amt erst vor drei Tagen angetreten und mochte mir erst ein endgültiges Urteil darüber bilden, wie sich der Reichs­tag die Ausgestaltung der Reichsbank denkt. . Ich bitte deshalb auch jetzt um etwas Nachsicht, wenn ich mich im wesentlichen auf allgemeine Ausführungen beschränke, lieber meine Anschauungen über die wirtschaftlichen Verhältnisse unseres Geldmarktes und die ton der Reichsbank bisher geführte Politik bin ich Ihnen volle Offenheit schuldig, denn nur bei gegenseitiger Offenheit kann man ehrlich eine Strecke Weges gemeinsam marschieren. Ich bin selbst bereit, vorurteilsfrei alle die Mittel und SSege zu prüfen, die uns Sorgeschlagen werden. Ich teile vollkommen die Ueberzeugung, Saß ein Zinssatz, wie er sich im Laufe der letzten Jahre entwickelt hat, für Deutschland tatsächlich eine schwere Belastung darstellt. (Lebhafte Zustimmung.) Ich freue mich, daß bei dieser Debatte die Goldwährung gan^ aussebeidet, wie ja auch heute der über­zeugteste Bimetallist diese Frage aus dem Streite des Tages wenigstens ausscheidet.

Was nun die Gründe unserer Geldverteuerung anlangt, so teile ich, wie ich offen bekennen muß, nicht die Meinung, die von vielen Seiten ausgestellt ist und die auch aus der Interpellation des Grafen Kanitz hervorgeht, daß die ganze Diskontfrage wesent­lich und insbesondere in der Gegenwart eine Frage des Geld­umlaufs darstellt, und daß der hohe Diskont vor allem durch den Notenumlauf hervorgerufen wird. Ich glaube nicht, daß eine Ver­ringerung des Notenumlaufs zu einer Herabsetzung des Diskonts führen muß, glaube auch nicht, daß die wirtschaftlichen Verhält­nisse in Frankreich dieselben sind wie bei uns. In dieser Frage nehme ich einen durchaus entgegengesetzten Standpunkt ein. Nickst Die Politik einer Notenbank schafft den Diskont, sondern er wird wesentlich durch die wirtschaftlichen Verhältnisse eines Landes be­stimmt, er ist das Eraekmis der Volkswirtschaft, des Geldmarktes. Die Geldteuerung und der hohe Bankdiskont existieren doch nicht erst feit Oktober vorigen Jahres, sie machen sich schon seit längerer Zeit geltend. Der Hobe Bankdiskont ist, abgesehen von der ameri­kanischen Krise, wesentlich nicht eine Frage des Geldes, sondern des Geldes und des Kredits. Das folgt schon daraus, daß der Zinsfuß ganz genau parallel steigt und fällt mit dem Auf und Nieder unseres Wirtschaftslebens. Die beste Hochkonjunktur hat ein Steigen des Zinsfußes in allen Kulturländern zur Folge ge­habt. Daß er nicht überall die gleiche Höhe hatte, liegt an der verschiedenen Intensität der wirtschaftlichen Entwicklung.

Der Reichsbankpräsident spricht, in seinen Einzelausführun­gen leider nur den nächstsitzenden Abgeordneten verständlich, über die gewaltige Anspannung des Kredits bei der Hoch­konjunktur der letzten Jahre. Sie ist bereits hart an die Grenze deS Gesunden gegangen. Ein Maßhalten ist not­wendig, der Kreditanspruch ist weit über die verfügbaren Ka- vitalien hinausgegangen. Es mußte den Preis des Kapitals, den Zinsfuß des Landes rettungslos und fortgesetzt steigern; und nun noch die Ansprüche des Auslandes. Bei einer solchen all­gemeinen Anspannung kann eine Zentralnotenbank den Zinsfuß nicht künstlich niedrig halten ohne schwere wirtschaftliche Stö­rungen. Unser Wirtschaftsleben ist gesund und hat sich im großen und ganzen von Uebervroduktion und Ueber. spekulation freigehalten. Das bürgt dafür, daß wir auch bei einem weiteren Rückgang der Verhältnisse vor einer ernsten Krisis bewahrt bleiben. Wir stehen heute wesentlich günstiger da, als nach früheren Perioden der Hochkonjunktur. Es ist des­halb umso bedauerlicher, datz im Auslande in neuerer Zeit un­sere wirtschaftlichen Verhältnisse mit Mitztrauen geschildert wer­den, das ganz unberechtigt ist. Wenn wir nun aber allmählich wieder zu dem früheren niederen Zinssätze gelangen sollen, so liegt das nicht bei der Reichsbank, sondern es ist nur möglich, durch überzeugtes Zusammenwirken aller Kreise; Vorsicht, Matz­halten, Einschränken und Sparsamkeit ist absolut geboten. Das trifft, gleichmäßig zu für alle großen Erwerbskreise bet Neu- rnvestierungen, für die Politik unserer großen Banken; das gilt aber auch für die Einschränkung der Ansprüche an den Geldmarkt von unseren großen öffentlichen Korporationen, Reich, Staat und Gemeinden. (Hört! Hört!) Das Reich und der Staat müssen ja das absolut Unerläßliche, was Regierung und Parla­mente beschließen, beschaffen. Aber gerade die Kommunen, große und kleine, können in einer solchen Zeit außerordentlich wohltäig wirken, wenn sie ihre großen Neuanlagen auf das be­schränken, was heute absolut notwendig ist, und das andere auf die Zeiten hinausschieben, wo neue Kräfte und neues Kapital vorhanden sind. Der Reichsbankpräsident legt dar, weshalb es Frankreich bei seinen besonderen Verhältnissen, dem größeren Kapitalreichtum, der dortigen wirtschaftlichen Entwicklung, dem Stagnieren der Bevölkerung, ihrer weit größeren Sparsamkeit, die unsere Bevölkerung sich zum Muster nehmen könnte, mög­lich ist, den niedrigen Diskont zu halten und darüber hinaus

größere Kapitalien bereit zu halten für das GeldbedurftnS des Auslandes. Deutschland hat weniger Kapitalien als die Nach­frage. Obgleich in Frank:ei h der Gebrauch des Wechsels viel weiter verbreitet ist als bei uns, bis in bte kleinsten Sretje hineingeht, und obgleich der Wechselumsatz in Frankreich bis in die letzte Periode Der Hochkonjunktur auch absolut ein grofterer war als in Deutschland, hat Deutschland in den letzten Jahren den Vorsprung nicht nur vollständig eingeholt, fo^bern den französischen Wechselumlauf bereits überstiegen. Der Neichsbmik- präsident erhält, als er seine Ausführungen schließt, schwachen Beifall auf der rechten, aber auch vereinzelten Beifall auf der linken Seite des Hauses. , , , . w

Abg. Kacmpf (frei'. Vp.): Graf Kanitz hat ferne Ausfuhrun. gen mit einem wesentlichen Bestandteil von Bimetallismus durch­setzt. Er bestreitet dies. Was ist cs aber anders als das Wiederaufleben des Bimetallismus, wenn verlangt wird, daß jedermann verpflichtet fein foll, bis zu 1000 Mark Silber in Zahlung zu nehmen. (Sehr richtig! links.) Demgegenüber ist cs sehr erfreulich, daß sowohl der Staatssekretär des Innern als auch der neue Direktor des Reichsbankdirektoriums besonders be. tont haben, daß sie t:e Goldwährung aufrecht erhalten wollen. >ch freue mich um so mehr, als damit nur die Fortsetzung der Politik getrieben wird, die vom früheren Reichsbankpräsidenten Koch geführt worden ist. Das unvergleichliche Verdienst dielcs Mannes liegt darin, daß er dem Sturm der Bimetallisten gegen­über die Goldwährung als den wertvollsten Schatz des deutschen Volkes gehütet hat, und gerade hierfür sagen wir ihm den aller­höchsten und tiefsten Dank. (Lebhafter Beifall bei den Frei­sinnigen.) Ich kann nur dem zustimmen, was Graf Kanitz über den niedrigen Kursstand der deutschen Staatspapiere gesagt hat. Es wäre erwünschter, wenn unsere dreivrozentigen Papiere an­statt auf 83 auf 100 ständen. Aber daß wir deswegen in Sack und Asche einhergehen müßten und uns zu schämen hätten, daß dies des Deutschen Reichs nicht würdig fei, das kann ich nicht zugeben. Der Kurs der deutschen Staatspapiere ist nichts weiter als der Ausdruck des Standes unserer Volkswirtschaft. (Sehr richtig! links.) In der Mitte des vorigen Jahrhunderts haben 3y>bro?entipe preußische Schuldverschreibungen auf 103 und 104 gestanden. Dann kam die Zeit des großen industriellen Auf. sck'wungs durch den Eisenbahnbau. Ta gingen die Kurse der Staatspapiere in raschem Tempo herunter. Eine ähnliche Ent­wicklung machen wir auch heute durch.

Ich kann mit dem Ei'enbahnbau anS der Mitte des vorigen Jahrbunderts nur vergleichen die jetzige Zeit, wo die Elektrizität ungefähr ebenso große Festlegungen von Kapitalien herbeiführt. Wenn Sie die Entwickelung der Elektrizität nicht beiseite schieben wollen, wenn Sie die Segnungen dieser Entwickelung für das deutsche Volk haben wollen, dann müssen Sie sich auch die Gegen­seite der Medaille gefallen lassen, eben den niedrigen Stand der Staatspapiere.

Die gewaltige Krise ist von Amerika gekommen, also auS dem Lande des berühmten Bimetallismus, wo trotzdem eine der grausamsten Krisen über das Land hereingebrochen ist (Sehr richtig! links», die der amerikanische Bimetallismus nicht hat hindern können. Die Krise hängt überhaupt nicht mit der Währung zusammen. Nach der Ansicht des Grafen Kanitz sollen die jetzigen unglücklichen Verhältnisse lediglich durch den Kampf um das Gold herein- gebrochen fein. Daß die Krisis von Amerika herübergekommen ist, ist nicht zu bestreiten. Wir haben diesen Vorstoß in einem Augen­blick zu fühlen gehabt, wo in unserer Industrie eine Ueberproduktion und Neberlpekulation ftattgefunben hat, wodurch wieder die Knapp­heit des Geldes hervortrat. Man kann ruhig behaupten, daß das deutsche Geldwesen gerade gegenüber diesem amerikanischen Ansturm sich in einer wunderbaren Weife behauptet und eine Wider st andsfähigkeit bewiesen hat, die man rühmen und bewundern sollte, anstatt daraus nun einen © t r i tf für unsere Währungsverhältnisse zu drehen. (Lebhafte Zustimmung, bei den Freisinnigen.)

Selbstverständlich ist Graf Kanitz auch auf das gelobte Land Frankreich übergegangen. Um die Prämienpolitik der Bank von Frankreich hat er sich aber gedrückt. Das ist schade, denn toäie er näher darauf eingegangen, könnte man ihm leichter die Unbrauchbarkeit dieses Systems nachweisen. Die Prämienpolitik dieser Bank hat nämlich feit dem Jahre 1896 überhaupt zu existieren aufgehört und das grabe Gegenteil davon ist jetzt ein» getreten. WaS bedeutet denn eine Prämie auf Gold? Sie bedeutet nichts weiter, als daß der Gläubiger, der Gold zu fordern hat, sein Gold nickt bekommt oder nur mit den größten Schwierigkeiten. Die Bank von Frankreich hat heute die Nutzlosigkeit und Schädlich­keit dieser Maßregel eingesehen.

Man hat dann auf die Zahlungs- und Handlungsbilanz Bin» gewiesen. Auch da unterscheiden wir uns sehr von Frankreich. Wir sind häufiger als Frankreich gezwungen, Zahlungen in Gold an das Ausland zu leisten, weil wir eben andere Mittel nicht haben. Wer aber in der Lage eines Schuldners ist, der Gold zu bezahlen hat, der muß seinen Kredit hüten. Deutschland darf an seinem Goldkredit nicht rütteln lassen, wenn damit nicht unserer Volkswirtsckaft ein unermeßlicher Schaden zugefügt werden soll. (Lebhafte Zustimmung bei den Freisinnigen.)

Die Frage der Ausprägung einer größeren Menge von Silber- mnnzen ist gar nicht eine Frage der Bankpolitik, sondern des Verkehrs. Wenn derVerkehr ein dauerndes Bedürfnis nach einer größeren Menge Scheidemünzen hat, so habe ich gar nichts dagegen einzuwenden, daß Silber in höherem Maße ausgeprägt wird. Nur der Verkehr darf dabei in Betracht kommen, nicht etwa der Wunsch, mehr Zirkulationsmittel in die Bevölkerung zu bringen, noch viel weniger der, einen Münzgewinn zu macken (Zustimmung bei den Freisinnigen), um dadurch den Finanzen des Reiches auf» znhelfen. Das wäre das Verkehrteste, was man tun könnte. (Beifall bei den Freisinnigen.)

Wenn Sie mehr Silber ausprägen wollen, bann müssen Sie es doch im Auslaube kaufen und mit Golb bezahlen. (Sehr richtig! links.) Wenn es bann in Zirkulation bleibt, bann hat bas Reich auf bem Papier wohl einen Nutzen. Wenn es aber ba ein Bedürfnis nicht vorliegt zurürkgebracht wird, bann muß

die RelchSbank es wieder mit Gold einlosen. Das ist eine Pumpwirtichaft ohne Basis. (Beifall links.) Graf Kanitz will die Zahlkraft des Silbers von 20 auf 1000 erhöben. Wer bann eine Banknote einlölen will, muß tatsächlich einen Tienstmann mitnehmen. Jeder wird aber die Fünfmarkstücke wieder los werben wollen, und so ist eine Verschlechterung der Währung die Folge. Das ist kein versteckter, sondern ein ganz offener Bimetallismus.

Wie nun Abhilfe schaffen? Ein hoher Diskont ist ein Nebel« stand, aber die bisher gemachten Vorschläge werden ihn nickt be­seitigen. Eine Erhöhung des Kapitals der Reicksbank ist ein Tröpfen auf den heißen Stein. Ueber die Forderung, das Kon­tingent der steuerfreien Noten zu verändern, kann man sich ver­ständigen. Von größter Wichtigkeit ist die Frage des Scheck­verkehrs. Ich bedauere, daß der Postsckeckocrkehr immer nock auf sich warten läßt Man will die ländlichen Gcnossen- schaften schonen. Sie sollten soviel Patriotismus haben und sich nicht gegen den Postscheckverkehr sträuben, der auch ihnen Nutzen bringen muß. Wir können nicht bei dem vorsintflutlichen Zahlungssystem bleiben, das wir noch jetzt in Deutschland haben. Das ist ein barbarisches System, bas noch an die Zeiten erinnert, als man noch das Tauichsystem hatte. Der neue Neichsbankpläsibeiit hat zur S p a t f a m t eit, zum

Maßhalten ermahnt. Aber kein Ressort im Reiche will sich etwas abknapsen lassen. (Sehr richtig! links.)

Ehe nicht bei Militär und Marine gespart wirb, kommen

wir nicht zu einer vernünftigen Finanzpolitik im Reiche.

Ich bin auf bas äußerste erstaunt über bas Vorgehen bes preußischen Finanzministers. Nock im vorigen Jahre nahmen wenigstens Preußen und bas Reick ihre Anleihen gemeinsam ans. Nun kommt auf einmal Preußen dem Reiche zuvor unbrnacktihinKonkurrenz. Dadurch luirb die finanzielle Situation bes Reiches unb ber anderen Bundesstaaten ein wenig geschädigt. Ueberall tauchen Anleihen auf. Preußen nimmt soviel Geld, w'e es kriegen kann, das Reich will 300 bis 400 Millionen, Vaden, Württemberg, Hamburg, alle kommen mit Anleihen Bei einer so planlosen Emissionswirtscka t können doch die Kurse nichtsteigen. (Sehr richtig! links.) Wir können feine vernünftige Finanzpolitik haben, wenn wir keine andere Wirt­schaftspolitik haben. (Beifall links.) Da liegt der Hund be­graben. (Heiterkeit.) Was ist in den letzten 30 Jahren geschehen? Alles ist verteuert worden, und nun nock ber hohe Diskont! Niemand hat nun etwas von ber gesamten Verteuerung ber Lebensbebürfnisse, von ber gesamten Wirtschaftspolitik mit Ausnahme einiger weniger. (Lebh. Bestall bei ben Freis., Wider­spruch rechts.) Nun hätte doch wenigstens etwas geschehen müssen, Handel und Industrie zu erleichtern, aber was ist geschahen? Das Porto ist erhöht worden, der Eisenbahnverkehr verteuert, das telephonieren soll jetzt verteuert werden kurz, wo nur etwas vom Verkehr zu holen ist, ba wird es ihm auierlegt, ba wird ber Verkehr erschwert unb baburch Hanbel unb Jnbustrie erschwert, bas zu leisten, was im Interesse ber Gesamtheit nötig ist. (Zustimmung links.) Dr. Arendt hat ja zu meiner Freude in Köln von ber Notwendigkeit eines größeren Exports gesprochen. (Hort, hört! links.) Ja, das ist es eben, aber durch die Handelsverträge haben Sie bas er­schwert. Forberuitgen an bas Auslanb sind aber das einzige dauernde Mittel, um Gold in bas Inland hereinzuziehen. (Zustimmung links.) Ein anderes Mittel gibt es nicht, unb wenn Sie Ihre Taschen umbrehen. Sorgen Sie für Export nach dem Ausland, ändern Sie die Wirtschaftspolitik, eher wird es nicht besser. (Lebhafter Beifall links, Lachen rechts.)

Abg. Äamp (Rp.): In England, dem Musterland des Frei« Handels, finden Sie dieselben Geldverhältnisse wie bei uns. Tie Verzollung der Rohstoffe hat eine ganz minimale Bedeutung. Die Herren auf der Linken unterschätzen offenbar die drückende Be» lastung unseres Wirtschaftslebens durch ben hohen Diskont. Ein Fehler unserer Reichsbankverwaltung ist es, daß die Leiter der Reichsbankstellen in der Provinz Tantiemen bekommen. Man sollte sie nur auf festes Gehalt stellen, denn sonst werden sie, wenn sie ein absolut sicheres Geschäft mad^en können, auch zu einer Zeit, wo die Verhältnisse ber Reichsbank kritisch sind, eBer dazu geneigt fein. Daß die Golddecke der Reichsbank ungenügend ist, darüber besteht doch Einigkeit. Man sollte eine Goldzählung veranstalten, allzu schwierig kann das nicht sein.

Hier wird immer über die bestehenden Verhältnisse gc. schimpft. Wir haben aber doch die geltenden Gesetze gemacht. Seien Sie doch ehrlich und bessern Sie sich. (Heiterkeit.) Gewiß ist die größte Sparsamkeft geboten. Aber die Kommunen lernen ja das Geldausgeben nur vom Staate. Der Herr Finanzminister in Preußen sollte nicht bloß schöne Reden halten, sondern der Sache auf den Grund gehen. Auch für nutzlose Wasserstraßen sollte man nicht große Mittel aufwenden. Herr Kaempf hätte bas vielleicht besser sagen können, er hat's wohl nur vergessen. (Heiterkeit.) Der Bankpräsident irrt sich, tetnn er die Kalamität in der Hauptsache in der amerikanischen Krisis sieht; ich habe schon lange vor dieser auf die drohende Kalamität hingewiesen. Herr v. Dechend hat seinerzeft erklärt, die Reichsbank sei keine Pumpstation; wer kann es aber dem Wechsel ansehen, ob es ein Kredit- oder Warenwechsel ist? Es müßte doch geprüft werden, wie der Kredit des Landes besser befriedigt werden kann.

Amerika ist noch lange nicht am Ende seines Geldbedütff« nisses angelangt; seine Bahnen sollen so miserabel gebaut sein, daß eine Milliarde Dollars erforderlich ist, sie in einen leistungs­fähigen Zustand zu bringen. Auf die Dauer ist aber auch ein Diskont von 6 Prozent nicht erträglich. Unsere ganze Währung bricht zusammen in dem Augenblick, in dem ba§ Publikum von seinem Recht, sich jeden Betrag über 20 Mark in Golb zahlen zu lassen, Gebrauch macht. Videant consules, die Lage ist ernster als Sie glauben. (Beifall rechts.)

Mittwoch 1 Uhr: Fortsetzung. Dann Ostmarken- unb Knapp, schaftsinterpellation.

Schluß 6% Uhr.

Telefonische Kursberichte

des Giessener Anzeigers, mitgeteilt von der Bank fllr Handel und Industrie. Giessen.

Frankfurter Börse. 15. Januar. 1.15 Uhr.

3%0/0 Reichsanleihe . . 93.70 do. . . 82 45

3^0/0 Konsols .... 93 90 3% do 82.60

Hessen 92 35 3J^°/0 Oberhessen . . . 92.00 1 % Oesterr Goldrente. 97 80 4Ve % Oesterr. Silberrente 98.70 4% Ungar. Guldrente . . 93 70 4% Italien. Rente . . . 103.50 3% Portugiesen Serie I 63.30 3% Portugiesen HJ 63 95 4^°/o russ.Staatsanl. 1905 94 55 Wo japan Staatsanleihe 88.50 Couv.Türken von 1903 94.80

Türkeniuse 143 80 4% Griech. Monopol-Aul. . 50 00 i % äussere Argentinier . 85.40 3°/0 Mexikaner .... 62.50 4>su/o Chinesen .... 95.60

Aktien:

Bochum Guss 200.90

Buderus E. W

Tendenz: stilL

Elektriz. Lahmeyer . . . 125.00 Elektriz. Schuckert . . . 106 40 Escbweiler Bergwerk . . 210 00 Gelsenkirchen Bergwerk 189.00 Hamburg-Amerik Paket*. 120.00 Harpener Bergwerk. . . 201.25 Laurah iltte 219.56 Nordd Lloyd . . . . 108.00

Ober fehles. Eisen-Industrie 10135 Berliner Hai.delsges. . . 157.50 Darmstädter Bank . . . 127.70 Den csche Bank .... 231 70 Deutsch-Asiat Bank . , 135.75 Diskonto-Kommandit. . . 172.00 Dresdner Bank .... 13890 Kreditaktien 200.40 Baltimore- und Ohio-

Eiseutahu 90.10

Gotthard bahn

Lombard. Eisenbahn . . 28 00 Uesterr. Staatsuaün . . . 144.70 Pnnce-Henri-Eisenbahu . 1^0,00

berliner Börse, 15 Januar. Anfangskurse.

Canada E. B 158.70 Darmstädter Bank . . .. - Deutsche Bank .... 231 90 Dortmunder-Union C. . . 63.20 Dresdner Bank . . . 139.20

Tendenz ungleich mässig.

Harpener Bergwerk. . . 20160

Laura hütte .-ombarden E. B. ... 28.10

Nordd. Lloyd 108.40

l ürkenlose 144.20