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Nr. 12
Mittwoch, 15. Januar 1908
158. Jahrgang
Erscheint tügNch mit Ausnahme des TonnlagS.
Die „©kfcener Samiltenblätter“ werden dem ,91naetfler* viermal wöchentlich beigelegt, daS „Krdsblatt ffil den Kreti Lietzen" zweimal wöchentlich. Der «fififildft Landwirt' erscheint monatlich emmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
8totahon8bnj(f und Vertag bei Br üblichen UniverfuLlS • B>,ch» ernt 6ttmDrudeceie 8t 8 a o g e, Vtetzen.
Redaktion. TxvediNon and Druckerei t Schul» strotz» ? Qcrpeömon and Verlag e-SK dl» Redaktton-.e-E llL. rel.«Adr^An»eiaertS»etzen.
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fiandes die daS unseren besseren meinen werden.
Staatssekretär deS Innern von Dethmann-Hollweg: Bereits bei der ersten Lesung des Etats habe ich Gelegenheit gehabt, die Ursachen der gegenwärtigen Schwierigkeiten umered Geldmärkte kurz zu erörtern. Wie ich darzulegen versucht habe, hat der an- dauernde Aufschwung des wirtschaftlichen Lebens "i Deutschland auch Einfluß auf die Gestaltung unserer Geldverbalinche hab.n muffen. Die an Zahl und Umfang gewachsenen industriellen und kommerziellen Unternehmungen haben eine weit über Die ö11* nabmc der Bevölkcrungszifser hinaus gesteigerte Intensität d.s wirtschaftlichen Betriebes bewirkt. Es hat sich eine außerordentliche Nachfrage nach Kavital gezeigt, deren Befriedigung zu einer außerordentlichen Erhöhung des Lcihpre.ses für Geld geführt hat. Durch die Gestaltung de? internationalen Marktes waren unter. Kredit- und Debetbeziebungen in hohem Maste auch '".unsren heimischen Verhältniffcn berührt. Wenn gestern der Reichsbank, diskont um 1 Proz. herabgesetzt worden ist, ,o war das möglich, weil die noch am Jahresschlüsse andauernde starke Spannung des Status der Reichsbank in den ersten 7 Tagen des laufenden Monats merklich nachgelaffen und weil die internationale Dpan- nung eine derartige Abschwächung erfahren batte, daß London. Wien und Paris ganz kürzlich eine Ermäßigung ihrer Bankraten vornehmen konnten. Daß dieser Moment gerade gestern, also am Vorabende der heutigen Interpellation, eintreten wurde, hat nre- mand vorauSgesehcn (Heiterkeit), und die Annahme, als habe der Reichskanzler, auf denEintritt derartigerVerhaltniffe spekulierend gebeten, die Interpellation erst heute beantworten zu sollen, ib durchaus irrtümlich. Der Grund dafür liegt auf ganz anderen Gebieten; einen der Gründe bat sa Graf Kanitz schon treffend benannt. Wenn der deutsche Volkskörper den von außen und innen herantretenden Strömungen gegenüber standgehalten hat. und wenn er trotz der Anforderungen, denen er sich gegenüber sah und auch fetzt noch gegenüber sieht, zu keinerlei gung Veranlassung gibt, wenn im Gegenteil das deutsche Wirt- scbaftSlcben in seiner Gesamtheit beute als gesund zu bezeiwnen ist, so haben zweifellos die Grundlagen unseres Münz, und Bank- spstems wesentlich zu dieser Entfaltung und Gesunderhaltung beigetragen. (Zustimmung links.) ES gereicht mir zu bc anderer Befriedigung, dies grabe in dem gegenwärtigen Augenblick fett- stellen zu können, in dem der langjährige bewahrte Präsident der Reichsbank von seinem verantwortungsvollen Posten zurnckgetreten ist (lebhafter Beifall), und ich danke dem Abg. Grafen Kanitz für die warmen und freien Worte der Anerkennung, die auch er dem Reichsbonkpräsidenten Koch gewidmet hat. Diese Anerkennung unseres Münzsvstems hindert aber nickt, in eine Erörterung darüber einzutreten, ob bei voller Aufrecktcrhaltung der Goldwährung etwa nack der einen oder anderen Richtung hin beffernde Maßnahmen ergriffen werden können. Zu einer Erörterung m diesem Rahmen soll die für die nächsten Monate in Aussicht genommene und von nur bereits angekündigte Vernehmung von Sachverstan- bigen Gelegenheit bieten. (Beifall.) ES wirb aber nickt her Zweck bieser Untersuchung sein, Maßnahmen, über beren Zweckmäßigkeit unb Ausgestaltung schon gegenwärtig Klarheit besteht, in bas Unbestimmte hinauSzusckieben. Die Reichsverwaltung wird es sich vielmehr angelegen sein laffen, biejenigen Reformen, beren Durckführung von weiteren Korbebingungen unb Aufklärungen nicht mehr abhängig ist, möglichst bald ins Werk zu setzen. (2?b« Hafter Beifall.) Dadurch wird es möglich sein, den Umfang der Enquete einzuengen. Eine Novelle zum Munzgesetz. die dem Bundesrat demnächst zugehen wird, um sie, wenn möglich, noch im Laufe der gegenwärtigen Session zu verabschieden, ist bereits vorbereitet. Diese wird hoffentlich die Ermächtigung zu einer den gesteigerten Bedürfnissen und der Zunahme der Bevölkerung nach, gehenden Erhöhung der Silbermünzen erhalten. (Lebhafter Bei- fall rechts.) Daß eine Erhöhung des Betrages, zu dem Silber- münzen anzunehmen sind, mit der Goldwährung, also mit der vollen Wahrung des Charakters der Silbermunze als Scheide- münze, sehr wohl zu vereinbaren ist, zeigt daS Beispiel der unS benachbarten Goldwährungsländer. (Sehr richtig I) ES steht deshalb zur Erwägung, ob innerhalb der von diesen Landern inne, gehaltenen Grenze eine Erhöhung de r Za h l kraft des Silbers, wie sie bei uns von vielen Seiten gewünscht wird, durchgeführt werden kann.
Im Bankwesen wird die Vernehmung der Sachverständigen wichtige Fragen zu berühren haben. Ob im Zusammenhänge mit der BerlänaerunL des ReiLsbankprivilegs über den L Januar 1911
hinaus eine Erhöhung ihres Grundkapitals und eine dem vermehr, ten Geldumlauf und der BevölkerungSzunahme entsprechende Er. Höhung des steuerfreien Notenkontingents der Reichsbank vorzunehmen ift. wird Gegenstand der Untersuchung werden. Ich hoffe, daß sich hierüber unschwer eine Verständigung erzielen lassen wird. Das Gleiche gilt von einer Erweiterung der Befugniffe der Reichs- bank zur Ausgabe der Keinen Banknoten nach Maßgabe des Ker. kehrsbedürfnisseS, für eine Verstärkung der ständigen ^nslosen Sckntzanweisungen auf Re'chSbankglrokonto und für eine Erwette. rung und Vertiefung deS AbrechnungS. unb UeberweisungSverkehrs. Tie Verabschiedung M Dem Reichstage bereits zugegangenen Ent- wurfs zu einem Scheckgesetz wird Gelegenheit geben, dem Ankauf inländischer Sch'ckS durch die ReickSbank näherzutreten. Aber auch für die Bespreckwng allgemeiner Fragen, wie für die Forderung deS Goldbezuges aus dem DuSlande, für die Verstärkung des Gold, schatzes der ReickSbank ans den inlänbisäien Papieren unb im Zusammenhänge hiermit für die Goldprämienfrage wirb die Enquete Raum bieten. (Lebhafter Beifall.) Ferner werden die fragen der Begebung von Sckatzanweisungen durch bas Reich in iterbin* düng mit der Verstärkung der Betriebsmittel der ReichShauptkaffe und endlich die Frage des Depositenwesens Gegenstand der Er. örtcrung fein können. vf t .
Ich habe mir erlaubt, den Rahmen der angekündigten Enquete kurz zu skizzieren. Weitere Darlegungen zu dem vorliegenden Gegenstände darf ich dem Präsidenten deS Reicksbankdirektoriums vorbehalten. Meinerseits halte ick mich für berechtigt, nochmals besonders hervorzuheben, daß die Durchführung des von mir um. lckriebenen Planes die Fundamente unserer Münz- unb Bankverfassung nicht nur erhalten, sondern kräftigen solle und bah sie da. mit zur weiteren Entwicklung unseres wirtschaftlichen Lebens sor. dernd beitrage. (Lebhafter Beifall.)
Auf Antrag bes Abg. v. Normann wird allseitig die Besprechung dieser Antwort deS Staatssekretärs beschlossen.
Abg. Dr. Weber (natl ): Im 9?amen meiner politischen Freunde habe ich zu erklären, daß auch wir dem scheidenden.Rends- baukpräiidenten Kock, den wir bedauern infolge Familienrücksichten nicht in unserer Mitte zu sehen, unsere vollste Anerkennur^ für seine Dienste auSsprecken möchten. (Beifall.) Es tst ein Wider, spruck in sich, wenn Gras Kanitz die Geldkrisis auf internationale Zustande zurückführt unb gleichzeitg den deutschen Geldmarkt mir einer silbernen Mauer umgeben möchte. Von einer schnüren wirt, sckastlichen Krisis im Deutschen Reicke kann man doch heute meist sprechen. Durch den ungeheuren Aufschwung unseres Volkes und wir eben zu den hohen Bankdiskontsätzen gekommen, die selbttver- ständlick sckwer auf unserem Volke lasten. Amerika bat tm vorigen Jahre auch schon einmal fein Geld von unserem Markte Zurücks, zogen, worunter wir jetzt noch zu leiden haben. Die Verhältnisse unserer Handlung?. und Zahlungsbilanz hängen zweifelt^ mit Der hohen Gestaltung des ReichsbankdiSkonts zusammen Frankreich ist im Gegensatz zu Deutschland in der Lage, die vom Ausland be» xogenen Waren durch Waren auf der anderen Seite wieder auszu- gleuchen, während das Deutschland insbesondere Amerika gegenüber nickt tun kann. Tr. Arendt hat wieder eine Rede über die ®o(ö. prämienpolitif der Bank von Frankreich ankundigen lassen Ich möchte ihn bitten, sich bas zu ersparen. Das paßt eben nicht auf unsere Verhältniffe. Deutschland hat einen ganz enormen .luf. ickwung genommen, den wir seit Jahren bei unseren franzonscken Nackbarn vermiffen. (Widerspruch des Abg. Dr. Arendt.) Das läßt sich mit Zahlen Nachweisen. Deutschland ist ein ungeheuer aufstrebendes Land, bad zeigt sich in Industrie unb panbel. Aus- gäbe ber Negierung ist es daher, darüber nachzudenken, tn welcher Weise Die Ausfuhr durch starke Einfuhr auszugleicken ist. Die Frage der Handelspolitik ist viel wicktiger, als alle an Deren Pallia- tivmittel, die zur Beseitigung der Geldnot genannt werben, -je Goldwährung ist nicht an ber Höhe des Diskonts sckulb, schuld daran ist die industrielle Entwicklung. Die Einrichtung ber Noten, steuer ber Reichsbank hat sich nach den Ziffern der letzten xSaqre überlebt. Die Notensteuer ist im Jahre 1906 nur 17mal ergeben worden. Eine solche Einrichtung ist reformbedürftig Gegen die Verstaatlichung der ReickSbank erheben sich mancherlei, Bedenken. Eine Kapitalserhöhung der Reichsbank wird neue Umlaufmittel ihr nicht zuführen. „ .
Die Erhöhung deS Stammkapitals hat auf den Banksatz höchstens eine heraufdränaende Wirkung. Bis zum 1. ^annat 1901 betrug bei 120 Millionen Stammkapital der Durckicknitts- diskont 4,14 Prozent, am 1. Januar 1905 bei 150 Millionen 4,36 unb jetzt bei 180 Millionen 4,99 Prozent. Die Erhöhung bes Kapitals übt also keine milbernbe Wirkung auf den Banksatz aus. Unsere Gelbprobuktion hat sich seit bem Jahre 1892 verdoppelt. Deutschland verfügt über 4Vl Milliarden Mark an Gold. Von diesem Golde ist gerade in Deutschland am allermeisten im Verkehr, nämlich 8286 Millionen Mark. Deutschland steht also in dieser Beziehung bester da als irgend em anderes Land. Man sucht bem Mangel an Bargelb durch Ein- führung des Scheckverkehrs abzuhelfen, besonberS bes Postscheck- Verkehrs. Das wirb nickt leickt sein, aber das beutsche Volk wird sich allmählich an den Scheck gewöhnen. Herr von Kanitz hat bie Einziehung des Talers beflogt, ber ein alt e 5 Lieb- haberstück bes deutschen Volkes ist. Es wirb sich aber Daran ; geroobnen müssen, mit anberen Silbermünzen vorlieb zu nehmen. Die Zahlkraft beS Silbers von 20 auf 1000 Mk. zu erhoben, wäre sehr bebenklich. 1000 Mk. Silber wiegen 10 Pfund. Herr Arend müßte also, wenn er eine solche Summe in Empfang neh- ■ men wollte, immer einen Dienstmann mit sich nehmen. (Heiterkeit.) Auch der Erhöhung ber Kopfquote von 15 auf 25 Mk. können wir nicht zustimmen, da fein Bebürfnis dazu borhcgt, , denn wir können immer noch 100 Millionen an Silber, Nicket . und Kupfergelb auSprägen, ohne eine Erhöhung ber Kopsquoti 1 vornehmen zu müssen. Wir können ja aber einmal einen 'Ber* 1 such mit einer Erhöhung um 3 ober 5 Mk. macken. Zwingt man , aber bas Publikum, Silber zu nehmen, so wirb man schließlich • dazu kommen, bei Hypothekenforberungen die 1 Goldklausel aufzunehmen. Die Reicksbank sollte sich des 1 Giroverkehrs ber kleinen Leute wehr annehmen. WaS in Ena. . lanb unb Amerika möglich ist, muß auch in Deutschland durch- 1 geführt werben können.
Der verhältnismäßig niedrige Kursstand unterer Reicksan. , leihen ist sehr lebhaft zu bedauern. Es wird doch niemand leugnen, . daß ber deutsche Kredit genau so gut ist, wie der französiscke unb ■ der englische. Und trotzdem bet große Unterschied in dem Stande ■ der Anleihen Tas Defizit unserer Reichsfinanzen wirkt belastend : auf den hohen Diskontsatz ein. (Sehr richtig! links.) Dem Tcut- : icben Reiche müßte ein Betriebsfonds zur Verfügung stehen, dem 1 gleich die Ueberschüste ans dem Ankaufspreise und dem Verkaufs, i preise des Silbers, wie auch die kleinen Ueberschüste des einzelnen > Etats überwiesen werden können, damit wir unseren Bedarf nicht immer durch Anleihen an der Börse zu decken brauchen. DaS 1 klingt ja einstweilen noch komisch (heitere Zustimmung rechts), aber wenn Sie diese Anleihenpolitik fortsehen, werden Sie niemals zu einem ruhigen DanldiStontsatz kommen können. (Beifall links.)
Deutscher Reichstag.
79. Sitzung. Dienstag, 14. Januar.
Am Tische des DunbeSratS: v. Vethmann.Hollweg, Dernburg, Haven st ein, Wermuth, Twele.
Präsibent Graf Stolberg eröffnet bie Sitzung um 1 Uhr 15 Min. und erklärt, er werbe die beiden neuen sozialdemokratischen Wahlrechtöinterpellationen auf eine der nächsten TageS- ordnungen setzen. Die Verlesung der Interpellationen wird mit Gelächter aufgenommen.
Der Bankdiskont.
Auf der Tagesordnung steht zunächst bie Interpellation des Abg. Grafen v. Kanitz:
Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um den Un- Äuträglid)feiten zu begegnen, welche sich auS der jetzigen Höhe des Bankdiskonts ergeben?
Abg. Graf v. Kanitz (kons.) begründet die Interpellation: Am 22. November haben wir sie eingebracht, heute am 14. wird sie beantwortet, gestern am 13. Januar ist der Diskont herabgesetzt. (Heiterkeit.) Aber bie Butter ist uns bock nicht vom Brot genommen, bie Interpellation ist nicht gegenstanbSlos geworben. Der Geldmarkt ist noch steif genug, unb 6% Proz. Diskont steht noch weil über dem Durchschnitt. Die KrisiS hat, wenn sie auch ihren Höhepunkt hoffentlich schon überschritten haben wirb, doch genug Cpfer gefordert. Ich will gern anerkennen, bah ber in diesen Tagen stattgehabte Wechsel im Präsibium bcS Neichsbank- direktoriums ein triftiger Grund war, bie Beantwortung ber Interpellation aufzuschieben. Ich halte eS für meine Pflicht, bem scheidenden NeichSbankpräsidenten Koch einige anerkennende Worte zu widmen unb ihm für daS zu banken, WaS er in feiner verantwortungsvollen Stellung geleistet hat. (Lebh. Beifall.) Ick habe ihn in mehrjähriger gemeinsamer Arbeit kennen unb hocksckätzen gelernt, unb wenn ich auch in einzelnen Fragen, wie in ber Wäh- rungsfrage, mir seinen Stanbpunkt nicht ganz aneignen konnte, so weiß ich boch, baß er mit seiner ungewöhnlichen Arbeitskraft, mit seinem feinen Verstänbnis für bie Bedürfnisse von Handel unb Jnbustrie, seiner bedeutsamen Aufgabe in vollem Maße gerecht geworden ist. Dieses Verdienst soll ihm unvergeffen bleiben. (Lebhafter Beifall.)
Beim Bankdiskont hat uns weniger seine absolute Höhe als die begleitenden Umstände beunruhigt. Der jetzige hohe Satz ist deswegen bedrohlich, weil ihm ein internationaler Charakter anhaftet, die in allen Ländern der Welt fast gleichzeitig hervor- getretene Geldknappheit. Hand in Hand mit dieser Krisis gehen die Anzeichen eines beginnenden Rückschlags auf bie Jnbustrie. Diesmal ist feine Ueberproduktion bie Ursache, fonbern mangelnbe Aufnahmefähigkeit des Marktes. Die Bautätigkeit wird gehemmt, die Eisenindustrie hat mit einer empfindlichen Abnahme der Nachfrage zu rechnen, wodurch wieder Arbeiterentlaffungen notwendig werden. So wird allein in Berlin die Zahl der oeschäftigungs- losen gelernten Industriearbeiter auf 25 000 geschätzt. Nur das Kohlenspndikat trägt den Kopf noch hoch und diktiert von Jahr zu Jahr eine Erhöhung feiner Preise (Hört! Hört!), unbekümmert um die hochgradige Verstimmung, die seine bisherige Preispolitik hervorgerufen hat. Was hat bei dieser Krisis die Aufhebung des Umsatzstempels geholfen? Ich möchte bei dieser Gelegenheit bitten, daß uns recht bald wieder ein Gesetz vorgelegt werde, welches diese Befreiung wieder aufhebt. (Hört! Hörtl) Wir werden leider gezwungen werden, wieder zu einem vier- prozentigen Anleihethpus überzugehen, was eine erhebliche Verschlechterung unserer Finanzlage bedeuten würde.
Wir haben eine so große Kalamität durchzumachen, wie wir sie noch nie gehabt haben. JnS Auge springt die Verteuerung des Wechselkredits. Im Jahre 1905 stellte sich der Ertrag der Wechselstempelsteuer auf 13 994 000, das entspricht einem Weckselumlaui von 25 1 89 Millionen Mark. Im Jahre 1897 belief sich diese Stempeleinnahme auf 14 418 000 Ml, was einem Wechselumlaus von 25 952 Millionen Mark entspricht. Wir sehen also, welche Rolle Der Wechselkredit in unserem Geschäftsleben spielt, und in welchem Maße die schaffende Arbeit belastet wird, wenn der ZinS. fuß um ein oder ein paar Prozent hinaufgeht. Man hat vor Iah. resfrist schon vorausgesehen, daß ein Rückgang in ber Konjunk. tur eintreten würde, aber eine so schwere KrisiS, wie wir sie tm Oktober und November zu überwinden hatten, hat niemand erwartet. Der Stoß, der den deutschen Geldmarkt so erschütterte, ist bekanntlich von Amerika gekommen. Die wahnsinnigen Kurs, stürze in Amerika haben eine gewaltige Geldentziehung bei uns zur Folge gehabt. Wie war sie möglich? Da verweise ich auf unsere ungünstige Handelsbilanz: für 500 bis 600 Millionen führen wir aus Amerika mehr ein als dorthin auS, unb wenn wir auch 200 Millionen bavon Englanb gegenüber zu gute haben, so bleibt bock ein riesiges Saldo zu unseren ungunsten gegenüber Amerika, neck verstärkt durch bie kolossalen Beträge, die unsere Versiche. rungsgesellsckafren für St. Franeiseo ohne recktliche Verpslich. rung infolge ihrer Anständigkeit sich zu zahlen bereit erklärt haben. Jetzt braucht Amerika Geld, diel Geld, und wir müffen deswegen »inen hohen Diskont haben I
Was kann nun geschehen, um die Wiederkehr solcher Krisen zu verhindern? Da richte ich Ihren Blick auf Frankreich, daS von ber Krisis so gut wie gar nicht berührt ist, jetzt monarelang mitten unter alle den hohen Diskontsätzen seinen Diskont auf 4 Proz. gehalten hat und jetzt auf 3% Proz. herunter gegangen ist. Außerdem ist sein ©olbbeftanb nahezu fünfmal so groß als der unserer Reichsbank, 2700 Millionen gegen 497 Millionen nach dem letzten Jahresbericht der Reichsbank. Ich bitte bei der Gelegenheit, den Goldbestand in Zukunft auch in den Wochen- , berichten erkennbar zu machen. Die monetären Einrichtungen Frankreichs sind also deshalb wohl einiger Beachtung wert. Herr ffoch hat sie gleichfalls zu würdigen gewußt, wenn er auch gegen ihre llebertragung auf Deutschland Bedenken hatte. Jedenfalls war es eine segensreiche Maßregel nicht, als wir vor 34 Jahren zur reinen Goldwährung übergingen. (Beifall rechts, Lachen links.) Und hätte unser damaliger leitender Staatsmann alle Konsequenzen voraudsehen können, so hätten wir die reine Gold. Währung ganz bestimmt nickt bekommen. (Beifall unb Lacken.) Die Sistierung ber Talerverkäufe war ja ber Beginn der Einsicht. Die ganze Krise ist nur ein Kampf um bas Gold, und nm diese Krisis zu mildern, um der Reichsbank bie Möglichkeit zu geben, ihren Goldbestand zu schützen, ohne die Diskontschraube immer an. ziehen zu müffen, sollen wir ihr ein befferes Mittel an die Hand geben: ihr die Befugnis verleihen, ihre Zahlungen in größerem Umfanoe a(S bi-h-r in Silber zu hüten. Die Mn,, »on Fran,, reich löst ihre Noten in Silber ein, ohne von ihrer Zahlungskraft etivas eingebüßt zu haben, und Frankreich prosperiert dabei und fein Wohlstand wachst rascher als der unsere.
Nach Rücksprache mit dem Abg. Arendt id&, baß eine Erhöhung des SilberzahlungssccheS von 20 auf 1000 Mk. genüaen
wird Die Neichsbank wirb dann in ber Lage sein, ihre Noten tn Silber auSzuzahlen. (Lachen links.) Durch bie Einziehung der Taler hat man bie Neichsbank eines ihrer besten Kursmittel be. raubt. Sie bienten als Zahlungsmittel, wenn bas Gold tm Auslände war. Wir brauchen eine erhebliche Vermehrung ber Reichs- filberguote. Mit Befriebigimg habe ich wahrgenommen, baß für eine solche Vermehrung Neigung vorhanden ist. Auch Herr Paasche hat sich für eine Erhöhung der Kopfquote auf 20 Mk. ausgesprochen. Ich möchte bis auf 25 Mark gehen. Wenn wir unseren Silberum. lauf vermehren, so bedeutet bas noch lange keine Doppelwährung. ES ist auck keine agrarische Forberung. denn auch in industriellen Kreisen sieht man ein, daß es so nicht weiter geht, und auch in ber „Kölnischen Zeitung" werden unsere monetären Verhältniffe für die KrisiS verantwortlich gemacht. Wir brauchen mehr Zahlungsmittel, und weil das Gold nicht auSreicht, muß daS Silber zu Hufe genommen werden. Eine Vermehrung unserer Zahlungsmunzen ist auch dringend notwendig für bie Gefahr eines Krieges. Einen kunfttgen Krieg werden wir auch mit Silber führen können, ja, wir werden ihn mit Silber führen müffen, weil wir kein Gold haben. Meine Vorschläge gehen nickt auf eine Nachahmung der franko neben i<cr. hättniffe hinaus. Wir bleiben immer noch ein beträchtliches -tuet hinter Frankreich zurück, wir wollen nur eine teilweise Wiederherstellung ber Zahlkraft deS Silbers. Die bekannten Vorschläge deS SSerrn Heiligenstadt, der im wesentlichen bie Betriebsmittel der Reichsbank unb bie ©iroanlage vermehren will, erscheinen nur nickt ausreichend, wenn wieder emmal eine Krise, wie die heutige, über den europäischen Markt kommt. Wenn er aber die Neichsbank da durch erleichtern will, daß sie nicht mehr wie bislier vorn Re,cke in Kredit in Anspruch genommen wird, wenn bet ®erf-’br mil Lckatzanweisungen aufhören soll, bann ist bad ganz meine Mei. nung Wenn bie Särntzanweisungen verschwinden sollen, dann mutz der Neichskaffe ein Betriebsfonds zur Verfügung gestellt tverbetv Auf daß Sckeckaeseh, an dessen Ausarbeitung Herr flaempf wohl einen hervorragenden Anteil haben dürfte, will ich nickt weiter ein. gehen, dagegen habe ich mit Befriedigung begrüßt, daß eine Enquete über unser Bankwesen im Gange ist.
Die Gesetzgebimg bars vor meinen Plänen nicht zurücksckrecken, cS stehen zu wichtige Interessen hier aus dem Spiel Wir können unb dürfen es nickt zi'laffen, bah zur Sicherung unseres Goldbe- ber Zinsfuß auf eine unerträgliche Hohe getrieben wird, ganze Land in Mitleidenschaft zieht. Wir muffen um Goldschatz eine silberne Mauer errichten. DaS wird ihm Schutz gewähren als ein Papierwall. Stimmen Sie Vorschlägen freundlich zu. bann wird gute Arbeit geleistet (Lebhafter Beifall rechts.)


