Ausgabe 
15.1.1908 Erstes Blatt
 
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öS«»Xz IVIWBIV* MIIJVIUVI- s-vLL tew General-Anzeiger für Oberhesfen bs Bna^mt von Anzeigen » » u. Land" undGerichls-

W£ ^J£m5taCJtYou^ Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'scheir llnis.'vuch- und Stewdruüerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7. H?DeL

Giefzener Seadttheater.

Der Andere.

Don Paul Lindau.

Vor 15 Jahren erregte Lindaus seitdem fast altent» halben vergessenes SchauspielDer Andere" ziemliche Sensation. Ich war damals in Berlin und ich erinnere mich, daß dort sogar der inzwischen verstorbene P s y ch i a - teer Pros. Mendelin einem von vielen Bildungsbeflissenen besuchtenPublicum" Veranlassung nahm, über die Manier, Lnantheitserscheinungen zum Gegenstände dramatischer Schöpfungen zu machen und vornehmlich über diese Lin- dausche Komödie sich zu äußern.

Lindau, der dilettantische Kriminalpsychologe, der mit seiner Amateurverteidigung des Rechtsanwalts Hau und bec öffentlich erhobenen Anklage gegen Frl. Olga Molitor rot neuerdings wieder von sich ungewöhnlich viel ;eenen machte, hat, soviel ich weiß, dieses Stück seinerzeit 'röter englischen Novelle nachgestaltet und, in seiner Weise, germanisiert". Ein Mann in angesehener amtlicher Stellung, dazu berufen, die Staatsgewalt rechtlich zu ver­traten, rechtfertigt tagsüber seinen makellosen Ruf, zeigt sich )on ernster Auffassung seines Berufes, von Sittlichkeit und Lnldung. Sobald es aber Nacht wird, geht mit ihm eine ganz cbreckliche Veränderung vor. Sein Gesicht verzerrt sich, e-in Ausdruck wird wild, sein Gang fdjeu, sein Blick lauernd, mz und gut, der Staats anwalt, verwandelt sich in -i nen Einbrecher! Gegen morgen kommt er zurück, Mft ein und erwacht ohne eine Erinnerung an das, was nachts passierte . . . Man stelle sichs vor: der Mann ist eine 2«ppclnatur; die eine ist gut, die andere böse . . .

Prof. Mendel untersuchte in jener Vorlesung, ob eine M)e Zweiseelentheorie reale Bedeutung gewinnen, ob in >en Tat neben der rechtschaffenen eine zweite, verbrecherische Seele existieren könne, die beide in ihren Handlungen < :H(f) abzulösen vermöchten; ob es neben dem Ein?» einen »Anderen" geben könne. Es versteht sich von selbst, welche tol>e Bedeutung der Nachweis einer solchen Tatsache nicht nu für unsere wissenschaftliche Auffassung vom Selbst- Isetvußtscin, sondern auch für die praktische Ausführung des ttrafrechtes hätte. Man dürfte den Einen nicht eiusperrep, ßvenn esder Andere" getan hätte. Mendel wies aber ^adj, daß die. Beobachtungen, D.te #un Leweije lut die

Die heutige Nummer umsaht 10 Seiten.

Stimmungsbild aus dem Reichstage.

Berlin, 14. Januar. Der Bankdiskont.

Regieren heißt vorausjeyen. Es mutete wunderlich an, oils der Staatssekretär eifrig versichert-, die Regierung Hube natürlich nicht vorau.sgesehen, daß grade einen Tag vur dem für Die Beanttvortung der Interpellation des Urafen Kanitz angcsctztcn. Termin d"r Bankdiskont h"rab- d^setzt werden würde. Er faul) ein verständnisv-lles Wcheln bei den Abgeordneten. Mit große- Spannung nahm nnan feine Ankündigung einer Münznorelle entgegen und feine Acußeruug des Beifalls oder Mißfallens begleitete d ie erwartete Erklärung, daß die verbündeten Regierungen c n der bewährten Goldwährung festz-uhalten gedächten. Mer das Hauptinteresse galt heute nicht den Ausführungen d cs Herrn v. Bethmann-Hollweg. Neben ihm hatte Herr Hmvenstein Platz genommen, der vcr drei Tagen sein n cues Amt als Präsident der Reichsbank ^getreten hat, unL ian Hintergründe sah man als Kommissar des Bundesrats ihm Präsidenten der Preußenkasse, Herrn H e i l i g e n s a d t, dessen bekannte Vorschläge in der Aussprache vielfach er» lwahnt wurden.

Gras Kanitz hat sich von dem Schwächeanfall, den er vuw Weihnachten auf der Rednertribüne erlitt, crsrculicher- woeise wieder vollständig erholt und konnte feine Inter­pellation selbst begründen. Es nahm sich wie eine Re­vanche für die sympathischen Worte aus, die ihm damals h-crr Kämpf wiomete, als er seine heutige Rede begann mit einer warmen Anerkennung der Tätigkeit des aus dem Ä mte geschiedenen Präsidenten der gieichsbank Dr. Kvch, 0L*n er so häufig in seiner Amtsführung als seinen Gegner rökämpft hatte, eine Anerkennung, in der verschwiegen aer Verzicht auf alte bimetallistrsche Hoffnungen zu finden ü> ar. Es i'lang wie eine wehmutsvolle Erinnerung an je ne Zeit, in der man noch vor der vollendeten Tatsache bec Goldwährung staild und sich nicht damit begnügen mußte, m den Goldschatz eine silberne Mauer errichten zu wollen, lyrnf Kanitz und Dr. Arendt haben ihre Referate über diese i-efte des Bimetallismus anscheinend verteilt: Die Be­ll üigung der Freizügigkeit des Goldes bleibt dem srei- ; silservativcn Gegner der Goldwährung Vorbehalten, den Alexander Mcyer einmal im Gegensatz zu Herrn v. Kardorff, iec Sonne am Horizont der Wäyruugsjragc, das kleine Lrcht genannt hat, das die Währungsnacht erhelle. Gras taiij machte die anderen aus den Erörterungen der Presse bekannten Vorschläge; er forderte die Erhöhung der Kopf- quote an Scheidemünze und die Verstärkung.der Zahlkrast baö Silbers durch Erhöhung des zurzeit auf 20 Mk. fest- gchetzten Silberzahlungssatzes. Man sah im Geiste ihn mit (e inem Freunde Dr. Arendt darüber beraten, wieviel sie fjbrbei Vorschlägen wollten, und man konnte sich Herrn 2 l Arendt lebyast vorstellen, wie er ihm den Rat gab, Don 20 Mk. gleich auf 1000 Mk. zu gehen, da man ihnen ei ne 9tull doch obstreichen werde.

Die Rede des Grasen Kanitz gab dem neuen Wortführer bsc nationalliberalen Partei in Bank- und Börsenfragen, hem sächsijchcn Bankoirektor Web er, einen willkommenen! Untergrund für den Nachweis, daß die von dem ehemaligen |

Vizepräsidenten des Reichstags, dem früheren Abg. Büsings geführte Bonkpolitik sKner Fraktion eL-:e Aenderung ebenso-! wenig erfahren hat, wie die Goldwährungspotttik der Reichsbant' durch den Wechsel in der Leitung dieser Anstalt. Nach chm nahm der neue Neichsbankprüs ident das Wort. Man kannte chn bereits aus dem preußischen Ab­geordnetenhause, wo er, ehe er die Nachfolge des Herrn v. Zedlitz als Präsident der Seehandlung angetreten, vielfach Gelegenl-eit gehabt hatte, den Finanzminister zu vertreten. Es war bedauerlich, daß sein schwack)cs Organ auch bei der besseren Akustik des Reichshauses sich nicht geltend zu machen vernwchte, wo es galt, die Ansichten des neuen Mannes kennen zu lernen. Auch bei Dr. Kvch hatte erst das Stcrw- gramm Auskunft geben können über die Einzelheiten seiner Sieben; aber die dialogisierende Art, in der er, unterstützt von den Bimetallisten der Rechten, zu sprechen pflegte, ließ zwveilen einen Schluß ziehen auf oen wesentlichsten Inhalt feiner Rede. Heute mußte man bei Herrn Haven,:e:n erst das Echo der folgenden Siede abwarten, denn jeine Ih^stündigen Ausführungen tour den mit achtungsvollem Schweigen an- gehört. Zlber Herr Kämpf auf der einen Seite, Herr Gamp auf der anderen ließen erlernten, daß, abgesehen von klei­neren Fragen, über die, wie der freisinnige Rediter zugab, sich auch von feinem Standpunkte aus reuen laste, bie alte Währungspolitik eine Aenderung niajt er jähren toerde. Von der Währungsjrage führte Herr K.ämpf die Diskus,ton au, das größere Gebiet der allgemeinen Wtrtjcha,tspottAk, uttd der jchar,e Wwerspruch, der dem lebha,ten BetjaU seiner Freunde enuü)erte, wtro in den Redet: der Rechtet: uno des Zetnrun^ morgen voraussichtlich fernen weiteret: Ausdruck , it:den.

$timmu"g$bilö aus dem preu^. Abgeorvnetcnhause.

Bert tu, 14. Januar.

Sang,am ebbt die Etatsdebatte ab. Nach dem tvvhwrrechnetctt Florctiswß des Frhn. v. Zed.itz, nach dcrn temperameickvoUett Att- grsts "btd natiünalliberalen Dr. Frird^org gegen Herrn v. Rhein- uaben, die »er erste Etatstag gebrao/t, hatte man sich für Heun eine scl-arfe Kanonade der beiden freisinnigen Sprecher gegen den im liberalen Lager unbeliebteften Minister versprochen. Und nvan cr^oartete von den beiden schon geftern auf dec Rednerliste vergemerkten Worlsührcrs des Landtags- und Reichstagstreistutts, von Wtentcr jinb Pachnicke, eine interessante Replik auf die Wahlrechrse: kferung der blegüerung. Nicht zuletzt »ah man auch dem Zemmmsiebner mit einiger Spaunwtg entgegen. Aber es gab feine Sensation : Das Zentrum satwtc ixn greisen Herold in die Sa-rattLcn. Er ist teui Stürmer mck> Dränger, und er ivar für das Zentrum, das auf eine drausgangerciche Taktik zur Zeit nicht Den geringsten Wert legt, der rechte Mann. Ne- gierungsfreundlich, a.s Verteidiger des Ftnanzminuters gegen­über den Abgg. ZedlM und Friedberg, führte er sich ein, von Zeit zu Zeit selbstverständlich die tcaDitionelle Oppojitionssauu ots nut demokratischem Oele gesalbten Zentrums ze.geno. Eine venchamte Emp.eotung des Zentrums als Regierungspartei gegen» über dem unigeverdigen Liberal.smus das war der Grundtou iemer Reoe. Und au, der Ministerbauk war sick-erlich Der Finanz- Minister nicht Der emzige, dem diese Eta.skcit.k Behagen bereitete. Öerc Wiemer sagte: Er halte eine Menge P sei le im Köa^r, auch, wie nicht anoers zu erwarten, gegen den Vaiec Der Block­politik. Aber Die meisten galten aua} dem I-inanzgewaltigen, Der bei diesen Angriffen fast so nervös wurde wte Tags zuvor, I ats Herr Tr. Frieoberg ihnt d.e Quittung lüc feine Brusuerung jer Nationalliberalen im Dezember er leckte. Nicht nur, daß

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Existenz einer solchen doppelten Persönlichkeit je herange- zogen wurden (vielleicht hörte auch dieser oder jener un­serer Leser einmal etwas von der Näherin von Ferida oder von dem Marinesoldaten von Rochefort, der angeblich sechs verschiedene Persönlichkeiten besaß, von denen keine von der anderen etwas wußte) lediglich auf epileptoide Geistes- trankhcit zurückzufuhren seien, bei denen oft die Persönlich­keit einen anderen Charakter annimmt, das Selbstbewußt- scin verändert erscheint. Lindau aber zeigt einen sonst gcistesstarken, in einem schweren und verantwortungs­vollen Amte tätigen Mann, der zwischendurch ein anderer, ein Verbrecher wird. Das ist, nach Prof. M., ein Unding, weil bei solchen Kranken der ganze Habitus sich höchst ausfällig ändert, die Schärfe des Urteils und der Einbil­dungskraft abnehmen, zum mindesten aber den Dämmer­zuständen, in denen, um mit Lindau banal zu reden,der Andere" die Oberhand hat, eine erheblich tiefergehende geistige Ermattung folgt.

Doch ich muß betonen, daß Pros. Mendel vor 15 Jahren so dozierte. Ob die Psychiatrie heute noch den gleichen Standpunkt einnimmt, weiß ich nicht. Vielleicht nimmt einer der hiesigen Psychiater jetzt ^Veranlassung, an dieser Stelle sich dazu zu äußern.

Vor wenigen Jahren schrieb Herrn. Bahr ein auf ähn­lichen pathologischen Voraussetzungen basierendes Sck)au- spielDie Andere", in dem er einer Künstlerin zwei Seelen gab, eine keusch empfindende und eine brutal sinn­liche. Das Stück war als Bühnendichtung weniger wirk­sam, pathologisch jedenfalls noch angreifbarer.

Die neueste Literaturforschung behauptet, daß der un­glückliche englische Dichter Oskar Wilde (dessenFloren- tinische Tragödie" Direktor Steingötter demnächst zur Auf­führung zu bringen gedenkt) an einer Art vor: Epilepsie gelitten habe, in deren Paroxismus er die abscheulichsten Taten begangen habe, ähnlich denen seiner berühmten Ro­manfigur Dorian Gray, und daß er beim Wiedererlangen des seelischen Gleichgewichtes ganz und gar nichts davon gewußt habe. Er habe, so erzählt sein Biograph Sherard (Das Leben Oskar Wildes, 2 Bde., Wiener Verlag, 1908), nach jeder Krise würdevolle ^eiterfeit und Ruhe bewahrt; die Freunde des unentwegt eleganten Dichters hätten kein Wort von den schweren gegen ihn erhobenen Anklagen geglaubt, pga,r. [tiM Latte, «M Sbergrd,

Dr. Wicmcr sich oic Kritik ixs inaiivmaliberaicn Redners an der Etatsl"chnik und Finanzpolitik des öertn aus dem Kastanien- waldchen völlig zu eigen nrachte, er fügte auch aus Eigenem genug hinzu, was das niiniftrrccitc WvyMi.udcn des Herrn v. Rhein- haben schmälern mußte. Aber endlech fand auch der Fnanzm.nister vor dc:n streitbaren Widersack)cr Ruhe: Tr. Wiemer ließ von ihm ab, um mit dem preußischen Ministerpräsidenten abzurechnen. Fürst Bülow bekam msgeu ferner Wahlrechiserkmrung eine scharfe uno w -kungsrolle Zurcchtwelsung zu hören. Und mit ihm die Parte', um deretwillen er die WahlcechLwrdcrungen des Frei- f.nns ignoriert, die Rechte. Jnd-es trotz dieser schaden Kontroverse mit Dem Ministcrpräsidenten erklärte Dr. Wiemer doch, der Frei­sinn werde selbstverständlich unter dauernder Geckeudmachung jeui-er Wahlrechtssorderung aus nationalen Gründen die Blockpolitik im Reichstage weiter m 11 m a d) e it Sirre Crckärung, die namentlich die Narönalckaeralen mit lebhastem Beifall, das Zentrum^ mit ironga-er Heiterkeit begleitete. Zwei Minist-r, Herr v. Rheinbaben und Herr Beseler, ant-> ivorteten Dem freisinnigen Redrrer trotz seiner Angriffe der- bmolich, ja beinahe sreuudschastlich-gemütlich. .Herr P a ch n i ck e, der für die Freisinnige Vereinigung zum Wort gemeldet war, verzichtete angesichts der vorgerückten Stunde; er kommt am Mitt­woch Lthin. Noch eine kurze Rede De5 Polen StYche 1, mit eie-» gi|d)cm Pathos Die Polenvorlage kritisierend dann war auch Der zweite Lag der Etatsdebatte vorüber. Und vertrauensvoll sah das H ms dem Dritten und letzten Tage entgegen.

Die WahlrechttvöNage.

N. B. Darmstadt, 14. Jan. Die Gesetzgekungs- ausschüsse beider Ständekammern h.elten heute nachmittag unter Vorsitz des Ausfchußpräsidenten der ersten Kammer, Fürsten zu Leiningen, eine weitere gemein­same Besprechung über die Drei Verfassungsartil'el in der Wahlrechtsvorlage ab, an welcher als Vertreter der Regierung Staatsministcr Ewald, Geh. Staatsrat Krug von Nioda, Ministerialrat Lorbachcr unb Oberregie­rungsrat Weber teilnahmen. Ter Ausschuß der ersten Kammer hatte in seiner Sitzung am Montag nachmittag die vorn Ausschuß der zweiten Kammer über die Ver- fassungsartirel gemachten Vorjchläge emgehend beraten und oabei eine Anzahl weiterer PunAe resp. Abänderungsvor­schläge ausgestellt; diese Vorschläge wurden in der heutigen Sitzung von den Ausschußmitglieo-rn der zweiten Kammer entgegengenommen und sollen in einer für Freitag, den 24. Januar anberaumten besonderen Sitzung des Ausschusses beraten werden, nachdem zuvor auch die verschichenen Frak­tionen der Kammer ihre Meinung Dir über zum Ausdruck gebracht haben. Alsdann Dürften o;e Ausschüße beider Kam­mern zu einer weiteren gemeinschaftlichen Sitzung zusammenberufen werden. Mit Bezug auf eine in verschiedenen Blatt cm in gesperrter Scyrist ver­breitete Meldung, daß der Ausschuß der ersten Kammer die vom Ausschuß der zweiten Kammer vorgeschlagenen Abänderungsanrräge abgelehnt unb beschlossen Hape,an der Regierungsvorlage im Prinzip seftzuyalten" (woran bann noch bie Bemerkung geknüpft wird, daßdarnach" die gemeinsame Sitzung beider Ausschüsseresultatlos ver­lausen" dürfte, werden wir von autoritativer Seite zu der Erklärung ersucht, daß diese Darstellung in keiner Weise der Wahrheit entsprecht. (Trotz dieser autoritativen Erklä­rung scheint das Schicksal der Wahlrechtsvorlage besiegelt zu fein und zwar durch die Schuld der ersten Kämmer, DerenAbänderungsvorschläge" auf eine Erweiterung ihrer

bis zum Tage seiner Verhaftung nicht die geringste Ahnung, daß etwas bei ihm nicht recht fei".

Das alles scheint zugunsten der von Lindau in seinem Stücke ausgestellten pathologischen Hypothesen zu sprechen. Doch ist hierbei sehr wesentliches nicht zu übersehen: Wilde war sowohl von väterlicher wie von mütterlicher Seite erblich belastet, war übermäßiger Schwelgerei ber­füllen, sah zu der Zeit, da er am stärksten an epileptoiden" Zuständen gelitten haben soll, aufgedunsen aus;aus feinem Gesicht war die durchgeistigte Schönheit gewichen", sagt Sherard. Lir'.dausHeld" Dagegen zog sich sein Doppel­wesen durch einen bloßen Sturz vom Pferde zu. Das isi's, was die Psychiatrie wohl heute wie einst als eine zu solchen Zuständen wohl kaum führende Prämisse ansieht.

Darüber mag inbefc die Wissenschaft entscheiden. Jeden- falls bleibt das Stück auch trotz .Sherlock Holmes" unb BernsteinsDieb* äußerst interessant, nicht nur für Mediziner und Juristeii, sondern auch für das große Publikum, das, neben allem übrigen, nach den großen Berliner Prozeßen auch gern das Abbild eines Berliner Staatsanwalres vor sich sieht. Und Lindau hat das Stück samt der notwendigen breiten Exposition so spannend zu gestalten gewußt, daß der lebhafteste Beifall nicht auSbleiben konnte.

Die Nolle des Staatsanwalts lag bet uns gestern in den Händen Bakoss, der zugleich umsichtig und geschmack­voll die Negte führte. Es war ein starker Erfolg, der ihm als Dar steiler beschieden war. Ein minder scharf denkender Schauspieler durfte hier leicht zu Ucbertreibungcn neigen. Bakoi Dagegen wirkte mit rein künstlerischen Mitteln, ohne mimisch peinlich wirkenden unschönen Fa^benauftrag. Er hielt sich in den Grenzen voller Glaubwürdigkeit und schuf ein scharf umrissenes, stark und echt wirkendes Charakterbild. Man sah in ihm einen hochgradig nervösen rastlosen Kopfarbeiter, einen schwer Leidenden, und dann einen Dumpfem Somnam­bulismus Verfallenden, einenAnderen", gleichsam noch schwereren Kranken. Die Verwandlung aus dem Emen in den Anderen ging vor sich in einer Weise, von der man an- nehmen möchte, als hatte Bakof seine Studien dazu in der psychiatrischen Klinik gemacht. Der schleppende Gang war der des Epileptikers. Jedenfalls gewann der Laie den Ein­druck eines pathologisch durchaus lebensmöglichen fürchterlichen Vorganges. Tie Gestikulation war dabei sparsam und natür­lich, klar und klug vorgedacht. Mit scharfem Verstände war^