Nr. 137
Die .,-iehener ZamUienblätler- werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Lett« fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e=^ 6L Redaktion: Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Zweites Blatt 158. Jahrgang Samstag 13. Juni 1908
«ttäetal täglich mit Ausnahme des Sonntag«, ? A < Xk X Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schsn
B ZMU ä/KlzO L Kg M/fh flyJr Universitäts-Buch, und Steindrnckerei.
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General-Anzeiger für Gberheffen
politische Lagesschan.
Die Berufung des Professors Bernhard nach Berlin.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt gegenüber einer Mitteilung der „Münchener Neuesten Nachrichten" über die Berufung dcS Professors Bernhard-Kiel an die Berliner Universität: Es entspricht zunächst nicht den Tatsachen, daß an der Berliner Universität eine neue ordentliche Professur aus Mitteln des Dispositionsfonds begründet sei. Bernhard ist vielmehr unter Ernennung zum persönlichen Ordi- narills ein verfügbares etatsmäßiges Extraordinariat über- tragen worden. Nichtig ist, daß die philosophische Fakultät vorher nicht zur Sache gehört worden ist. Nach den be- stehenden BestimulMlgen war dies auch nicht erforderlich; dennoch würde der Kultusminister, der auf den fachkundigen Beirat der Fakultäten den größten Wert legt, sich auch im vorliegenden Falle mit ihnen ins Benehinen gesetzt haben. DieS sei aber in den» Zeitraum von 24 Stunden nicht möglich geivesen, worin die Entscheidung erfolgen nuifete. Falsch ist weiterhin die Behauptung, Bernhard habe das Ordinariat lediglich erhalten, um vornehmlich seinen Polenstudien obzuliegen. Der Genannte ist berufen worden, um das gesäurte Gebiet der Staatswissenschaften in Vorlesungen und seminaristischen Uebungen zu vertreten. Schließlich sei erwähnt, daß der Minister vor der amtlichen Mitteilung der Versetzung Bernhards den beteiligten Fachordinarien eingehend die Gründe zur Versetzung Bernhards ohne vorherige Anhörung der Fakultät darlegte.
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Zur Lage in Persien.
Tie seit einigen Tagen in der Moschee und in unmittelbarer Nähe des Parlamentsgebäudes versammelte bewaffnete Menge ist gestern auf über 10 000 Köpfe angewachsen, denn der entscheidende Schlag gegen den Schah sollte fallen. Tie Kosakenbrigade hielt die Arsenale und Zeughäuser besetzt, da deren Plünderung geplant war. Ter Schah sandte am Vormittag ein Schreiben an das Parlament und verlangte die Räumung binnen einiger Stunden, widrigenfalls er mit Gewalt Vorgehen würde. Gegen 3 Uhr räumte denn auch die Menge vor den anrückenden Kosaken den Platz. Der Schah verlangte ferner die Auslieferung von acht Hauptführern, unter denen sich mehrere Deputierte befanden. Da das Verlangen aber abschlägig beschieden wnrde, .kenn man nicht von einem Siege der Schah-Partei sprechen. Jedenfalls hat die Erbitterung im Volte nicht nachgelassen. Gegenwärtig sind alle Ratgeber um den Schah versammelt. Das persische Telegraphenamt verweigert die Annahme aller Telegramme nach Täbris. Augenblicklich herrscht vollkommene Ruhe, die jedoch, wie man glaubt, nur einige Tage anhalten wird. Der „Köln. Ztg." inirb aus Teheran^vom 12. Juni telegraphiert: Tie Provinzen wollen ben Schah absetzen, lieber 500 bewaffnete Mitglieber der geheimen Gesellschaft hielten die Gegend des Parlamentes zwei Tage besetzt. Der Schah ließ sie auffordern, wegzugehen und sandte Kosaken hin, worauf sie sich zurückzogen. Das Ansehen des Schahs wächst.
Deutsches Reich.
Der allgemeine Fürsorge-Erziehungstag findet vom 7.—10. Juli in Straßburg i. E. statt. Aeußcrst wichtige Themata, welche nicht blos die Behörden, die Anstalten und die Berufsarbeiter der Fürsorge-Erziehung, sondern die weitesten Volkskreise angehen, sollen dort verhandelt werden.
Das Geschlecht derer v. Haustein. Nach dem „Neichsanzciger" verlieh der Kaiser dem Geschlechte derer von Han st ein anläßlich dcs 600jährigen Besitzstandes an der Burg Hanstein das Präsentationsrecht für das Herrenhaus.
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Bad-Rauhciincr Brief.
VII.
Wenn ick die Fülle der Eindrücke, mit denen uns das immer sicher aufblühende Kurlebcn bestürmt, zu ordnen suche, so sind Wohl an erster Stelle die musikalischen zu erwähnen. Es ist merkwürdig, wie streng kritisch im allgemeinen unsere Zeit musikalischen Darbietungen gegenüber ist, wie viel an ernster und großer Kunst auf diesem Gebiete gewürdigt und gefordert wird. Tie übrigen Künste haben es heutzutage beim großen Publikum entschieden nicht so gut. So ist auch in unserem Badeort das, was an Musik geboten wird, allen andern Anregungen gegenüber vorherrschend. Ter Kammermusikabend vom 25. Mai brachte als Neuheit eine Serenade für elf Instrumente.von Bernhard Selles, Lehrer am Hochschen Konservatorium in Frankfurt a. M. Neben manche Schönheiten sucht sie stellenweise zu sehr das Originelle. Am letzten Sonntage des Mai fand ein Symphoniekonzert statt, bei welchem die f-moll Symphonie Nr. 4 von Tschaikowsky ganz besonders fleißig cinstudiert war. Fräulein Marie Ges el- schap (Berlin) zeigte sich technisch auch den größten Schwierigkeiten gewachsen, die Lißt dem Pianisten zumutet. Elitekonzerte und Solistenabcnde stachen aus der ReiA der üblichen Terrasfen- konzerte hervor. In einer Friedberger Zeitung wurde an unserer Kurkapelte kürzlich sehr herbe Kritik geübt, die aber sachlich wett übers Ziel hinausschoß. Terselbe Trompeter, der da wegen eines übergeschlagenen Tones für völlig unfähig hingestellt wurde, hielt in der Tschaikowsky-Symphouie die besonders hervorklingenden Partien seines Instrumentes ganz vortrefflich. Die Besetzung der Geigen ist gegen voriges Jahr, wo mehrere der Ktmstler un Laufe der Saison austraten, vollzähliger. Ein Künstler, totere» Kaufmann war, läßt sich freilich so leicht nicht erietzen. Latz aber Kaufmann nicht für alle Zeit mit der zweiten stelle des hiesigen Kurorchestcrs sich begnügen würde, war wohl voraus- zuseheu. Bon Winderste'n selbst roitb aber doch wohl niemand bestreiten, daß er seinen Posten tüchtig und mit Energie hier ausfüllt. Ohne das würde er «ich gewißmicht jahrelang in neben Den Gewandhauskonzerten gehalten haben, -tafe man deren Maßstab auf feine Kräfte natürlich nicht übertragen kann, bedarf aber wohl keiner Entschuldigung. Wir sollen auch nicht hoffen, daß die an und für sich schon unsichere Munke^xistenz dadurch noch unsicherer würde, daß sie jeder ungünstigen Kritik oder jeder einzelnen Entgleisung sofort geopfert werden müßte.
Außer der Kurkapelle wirkte hier am 24. Mai noch der Friedberger Musikverein, der sich zumteil auch aus Nauheimer Mitglieder zusammensetzt. Er führte m der ^.ankes- kirchc, deren vorzügliche Akustik daber recht zur Gelwng kam, das Oratorium Paulus auf, das großartige Werk'des erst 2 tZayre alten Felix Mendelssohn. Hinter dem Tamenchor traten die Herrenstimmen etwas, zurück, Ms, Solisten roajß 2r w .st, Kjstnrps
Deutsch-belgisches Literatura b ko mm en. Die Ratifikationsurkunden zu der am 16. Oktober 1907 in Brüssel unterzeichneten Uebereinkunft zwischen Deutschland und Belgien betreffend den Schutz an den Werken der Literatur und Kunst, sowie Photographien wurden in Brüssel ausgewechselt.
Der neue amerikanische Botschafter in Berlin Dr. Hill ist in Berlin cingctroffcn.
Der „Reichs anzeig er" veröffentlicht die neue M aß- und Gewichtsordnung vom 30. Mai 1908.
Graf Hohenau. Eine Berliner Korrespondenz will von zuverlässiger Seite erfahren haben, daß der Kaiser den ihm vorgelegten Spruch des Ehrengerichts gegen den Grafen Wilhelm Hohenau bestätigt habe. Der Spruch bcS Sonder-Ehrengerichts, dessen Vorsitzender der General von Löwenfeld war, lautete, wie s. Zt. gemeldet, auf Entfernung aus dem Heere, die schärfste in Betracht tommende Strafe, die den Verlust von Titel und Uniform nach sich zieht.
Die Beratungen der Konfereiiz wegen Reformen im Krankenkassenwesen sind gestern im Reichsamt des Innern zu Ende geführt worden. Von verschiedenen Seiten wurden formulierte Vorschläge für Einsetzung von Schiedsgerichten und Einigungskommissionen vorgelegt, die der Staatssekretär von Bethmann-Holwcg als schätzbares Material entgegennahm. Daraus wurde die Konferenz geschlossen.
Zlsssland.
D e u t s ch l a n d und China. „New-Pork-Harald" berichtet aus Shanghai, daß Deutschland seinen Einfluß in Peking geltend mache, um China gegen die französischen Forderungen aufzureizen. Die Forderungen Frankreichs werden als lächerlich übertrieben hoch für die verübten Untaten dargestellt.
Annexion von Panama. In Neiv-Pork bricht sich die Ueberzeugmig Bahn, daß Präsidelit Roosevelt die bevorstehenden Wahlen i n P a n a m a dazii beiiutzen iverde, um die Republik zii annektieren. Tafts Brief an den Präsidenten von Panama, ivo- itacl) die Bundesregierung bei etwa vorkommendem Wahlbetruge einschreiten werde, ist mir dahin zu deuten, daß Roosevelt Vorwände für eine Intervention sucht.
rroloniaLpost.
liniere westafrikcmijche Kolonie Togo ist von neuem von der P e st heimgesucht worden. Bor vier Wochen erst glaubte man auf Griind amtlicher Ermittelungen der deutschen und fremden Behörden an der Goldküste annehmen zu dürfen, daß an dem ganzen Küstenstrich am Nordrande des Golfes von (binnen die Seuche erloschen sei. Diese Annahme hat sich als unrichtig eriuieicn und es ist daher vom Gouverneur Grasen Zech von Neuem die Quarantäne über die Häfen von Deutsch-Togo verhängt worden.
Der Vanermvagen aus der Chaussee.
Das „Berl. Tagebl." bringt in einer feiner letzten Nummern unter in Strich Schilderungen von einer Automobilfahrt Berlin—Wiesbaden aus der Feder von Edmund Edel. Man liest da:
Ich schweige und schaue. Ich schaue auf die blaue Ferne oder auf den kleinen schwarzen Punkt da vorn auf dem Weg. Kaum daß ich mir über sein Wesensdaseitl eine Vorstellung gemacht, springt der Punkt, zu einem Bauern- wagen geworden, geängstigt an die Seite. Hüls — hüh! Der Chauffeur bremst ein wenig und pfeift beruhigend dem zitternden Gaul zu.
Ich schweige, und mein Nachbar macht eine konvulsivische Bewegung. Er „stoppt". Aus dem Wagen rechts liegt er in\t stieren Augen und erhascht die Kilometersteine. Er sieht feine Landschaft, ihm ist der blaue Plaienmorgen, der Blütenschmuck, der zitternde, Hekuba und „Wurscht", ersucht mit Pein die weißen, kleinen Steine, die zwischen dem jungen Grün am Wege stehen: 31,5 — 31,6 — 31,7 .... Knips! 403/i Sekunden — 85 Kilometer Geschwindigkeit. Hallo, Chauffeur, das war eine gute Fahrt. Aber man
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fett (Sopran», Herr Ko hma N u (Tenor), Herr M aller (Baß), Fran Prätor ins (Alt?. Die Kurkapclle begleitete mit verständnisvoller Zurückhaltung. Ter Dirigent, llsinger, verdient für seine Arbeit und für sein Können alles Lob. Die Kirche war trotz des teueren Preises bis auf wenige Plähe besetzt.
Im Theater gelangten Lustspiele dcs üblichen Kalibers, Cyprienne, Panne und ähnliches zur Aufführung. Tas Spiel der Mitwirtenden findet stets dankbarste Anerkennung. Ein erfreulicher Gedanke ist es, daß neben dieser leichter Ware von Zeit zu Zeit auch an einem sogenannten literarischen Abend bedeutendere Stücke dargestellt werden sollen. Der gute Erfolg dcs Bernstein- schen Stückes „Ter Dieb" hatte dazu ermutigt. So folgte am 3. Juni „D e r Andere" von Lindau.
Tie bildende Kunst hak an der Haird des hessischen Kunstvereins int Badehaus V eine Zuflucht gefunden, i Aquarelle, Zeichnungen und Plastik sind dort ausgestellt, über die ich gelegentlich Näheres zu erzählen mir Vorbehalte.
Von sonstigen geistigen Anregungen ist der Vortrag dcs Weltreisenden v. Hesse Wartung über Marokko zu nennen. Er plaudert als angenehmer Unterhalter in vorwiegend humoristischem Ton. An geographisch-interessantem Material bot er wenig. Tie sarkastische Schilderung marokkanischer Hofpolüik und Jntriguenwirlschaft bildete den Hauptinhalt. Erst am Schlüsse tret die Bedeutung Marvkks als Einganstor der einzigen noch internationalen Saharastraße zum Tsadsee hervor. Tte leider nicht sehr deutlichen Lichtbilder zeigten auch mehr die Leute als das Land.
Ter Bildungsverein besuchte, freilich wegen dcs schlechten Wetters unter sehr geringer Beteiligung die Frankfurter Heimarbeitausftellung. Es waren sozialpolitisch recht wertvolle Eindrücke, die wir von da heimbrachten: > Tie auffallende Ausdehnung der Heimarbeit in unserem kulturell hoch stellenden Wirtschaftsgebiet, die außerordentlich verschiedenen Arbeits- und Lohnverhältnisse, die Unterschiede zwischen Frauen- und Männer- arbeit, zwischen „gelernter u. ungelernter" Arbeit, zwischen organisierter und Nichtorganisierter Arbeiterschaft!
Eine bedeutende geistige Arbeitsleistung, von der freilich die breite Oeffentlichkeit sehr wenig erfuhr, leisteten auch die 122 Vertreter der chemischen Wissenschaft, die an unserm gastfreundlichen Badeorte drei Tage lang über Nahrungsmittelchemie, über Milch und Honig und ähnliche Dinge konferierten.
Erwähnen wir nun noch die Reunions und Lampionbeleuchtungen auf der Terrasse, so haben wir die Runde durch alles, was offiziell zur Unterhaltung der Kurgäste getan wird, vollendet.
Aus dem Gewoge des Badelebens traten zwei Ereignisse besonders hervor: ein ersreuliches und ein trauriges. Das erstere war die Auszeichnung eines Badegastes, der die Wirkung unseres Kürortes so hoch schätzt, daß er chn nun schon setz 20 Jahren
muß noch mehr herausholen. „Herausholen!" Aber das Bauerngesährt oder die geschlossene Eisenbahnschranke oder die Kuh, die immer noch feinen Kcmsalncxus zu dem stinkenden und zischenden Eisentier hat, stören den Manu mit der Stoppuhr, dessen Ehrgeiz darin besteht, durch Deutschlands gesegnete Fluren Rekord „gestoppt" zu babeui,.....
Also so sieht die Welt aus vom Standpunkte eines „Rekordstoppers" und seines witzelnden Fahrgastes. Tas sind ja recht nette Bekenntnisse von Automobilistenseelen: ein Bauerngesährt wird auf der Chaussee sichtbar, der Führer reißt's auf die Seite, vielleicht drängt das Pferd auch von selbst weit fort von dem sausenden Automobil, der Chauffeur „bremst ein wenig" (welche Gnade!), der Gaul steht zitternd, weiter geht'S, nur weiter, mit 85 Kilometer Geschwindigkeit. Andere Leute — zufällig verteilen sie sich auf alle Parteien, von den Freisinnigen bis zil den Konservativen — bemühen sich, die Menschenrechte der Leute zu schützen, die die Chaussee noch zu etwas anderem als zum Automobilrenneit zu verwenden wissen; Herr Edel und das Feuilleton des „Bert. Tageblattes" weiß von dem allen nichts. Man schaut von dem Automobilsitz hochmütig auf das Pack der übrigen Menschen. Man ist ja Herrenmensch, Privilegierter, lieber dem Strich mag im selben Blatte gegen sporenklirrende Junker und privilegierte Stände gedonnert, die „Demokratie" mag in möglichst schreiender Weise gepredigt werden, unter dem Strich zeigt man, wie man als Herrenmensch „durch Deutschlands gesegnete Fluren" rast. Was da sonst vielleicht noch herumkriecht, kommt nicht in Betracht. Geht's gut, bann geht's eben gut, geht's schlecht, macht's auch nichts! Was will überhaupt der Bauer mit seinem Gefährt auf der Chaussee. Wahrscheinlich hat er Geschäfte gehabt. Ach was, die Chaussee gehört in erster Linie denen, die zum Vergnügen fahren. Und wenn der Bauer durchaus fahren will, kann er sich ja auch ein Automobil anschaffen. Das kostet bloß Geld, unb wer kein Geld hat, hat so wie so nicht mitzureden. Es wäre ja noch schöner, wenn man auch auf einen armen Bauer und sein zitterndes Pferd Rücksicht nehmen sollte! — Nun, wir wollen zur Entschuldigung des Verfassers anuehmeu, daß er aus dem Kilometerrausche, der ja auch Menschen, die sonst nicht bösartig sind, ergreifen mag, noch nicht wieder zur ^Nüchternheit errvacht war, als er seine Eindrücke niederschrieb. Für das Blatt, das sie aufnahm, wissen wir freilich keine Entschuldigung.
Ans StaSt itnfc Land.
Gießen, 13. Juni 1906.
** Landtags schluß. Tie Erste Kammer wird nunmehr, nachdem die verschiedenen Ausschüsse'den größten Teil der spruchreifen Gegenstände vorbereitet haben, kommenden Mittwoch, 17. Juni, vorm. 10 Uhr, zu einer mindestens zwei Tage dauernden Plenartagung zusammen- treten. Ta auch die Zweite Kammer von nächsten Dienstag ab die spruchreifen Gegenstände der Tagesordnung erledigen kann und am Freitag Gelegenheit hat, etwaige mit der Ersten Kammer entstehende Dissense zu beraten, ist es als wahrscheinlich zu betrachten, daß der La n d t ag s sch lu ß am nächsten Samstag durch den Großherzog stattfinden wird.
** Eine Sitzung des Provinzial-Ausschusses findet am Samstag, 20. ds. Mts., vormittags 9 Uhr, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Reklamation gegen die Gemeinderatswahl zu Wölfersheim. 2. Der Zustand der Ortsstraße zu Unterfd)mitten. 3. Enteignung von Gelände zur Erweiterung des Bahnhofes H i r z e n h a i it.
** Hess. Landeslehrerverein. Die diesjährige ordentliche Vertreter-Versammlung des Hessischen Landes-Lehr cr Vereins und Hallptversammlung des Vereins prov. angestellter Lehrer zur gegenseitigen Unterstützung in Krankheitsfällen soll Dienstag, 25. Aug., morgens 10 Uhr, zu Darmstadt im Kaisersaal abgehalten werden.
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treulich aus sucht. Das gute Zeugnis, das für unsere Badeverwaltung darin liegt und umso schwerer wiegt, als der betreffende Herr ein „heller" Sachse ist, wurde durch Ueberreichung eines prächtigen Blumenarrangements quittiert. Das traurige Ereignis war der Tod des Höchstkommandierenden der dänischen Armee, Exzellenz Kähncl. Sinnig war die Ehrung, die der Kurdirektor Freiherr von Starck dem Toten zuteil werden ließ: die dänische Fahne, die aus Anlaß des Geburtstages des dänischen König» auf dem Kurhause wehte, wurde heruntergeholt und, in sie ein- gehüllt die Leiche nach der Leichenhalle übcrftihrt.
Am 3. Juni wurde das prachtvolle Badehaus X in Gebrauch genommen. Ist damit dem Dienst der Leibespflege eine neue Stätte eröffnet, so wird nun auch für die Seelen unserer russisch- tatholifchen Gäste die Pflegestätte bald bereitet fein. Die Glocken ihrer Kirche sind aus Rußland eingetroffen.
Viel von sich reden machte hier ein Vergleich u n i e r cd. Badelebens mit d e m Homburger, den Tr. Hugo Ganz in der Franks. Ztg. gezogen hatte: Nauheim verdanke fein, rascheres Einporblühen der slaalllchen Verwaltung und der größeren Zahl der bürgerlichen Besucher. Tie Nauheimer „Ackerbürger" müßten aber für die Ausgaben des Badeortes noch mehr Verständnis gewinnen. Tas klingt so,, als ob die alteingesessenen Nauheimer nicht berechnen könnten, ivas sie dem Badebelrieb verdanken und als ob sie cs an der nötigen Opferwilligkeit fehlen ließen. Ein Blick nui unseren Stenerzettel genügt, um das zu widerlegen. Auch sind die Sienzugezogencn durchaus nicht alle die Fortschrittlichen und Weitschauenden. Es ist gar mancher dabei, der seine Rul- turmaßstäbe nuS weltferner Heimat mitgebracht hat. Ter „Gartenstadtgedanke", den Tr. Ganz ausgreist, ist in letzter Zeit gerade aus der Bürgerschaft heraus verfochten rvorden. Nicht deren Schuld war es, daß er in praktischen Fälleil ohne Wirkung blieb. Und noch viel leichter ließe sich unser Sürgermnt zu freudiger Mitarbeit an den großen Ausgaben des Badeortes heran- ziehelr, wenn es nicht so stark feudale Kreise gäbe, die eine gegenseitige Fühlungnahme sehr erschweren. Als Vorsitzender des Bildungsvereins, als Kandidat der Freisinnigen, als Gegner unsrer exklusiven Orthodoxie ivüßle ich manch Liedlein davon zu fingen. Tas wäre eine eiltscheideilde Weitsichtigkeit, wenn man jeder tüchtigen Arbeitskraft verständitisvoll entgegenkäme, ohne vorher immer erst ängstlich nach dem poliltschen und religiösen Glaubensbekenntnis zu fragen! Tas ist der Plmkt, wo der Umschwung vom Heinen Landort zum modernen Wellbad vor allem vollzogen werden müßte! Jur Gange ist er zum Glück schon.
Ein schöner Gedanke des Ganz'schen Artikels ist der, in unserem Park die hoheitsvolle Gestalt der K a i s e r i »l E l i s a b e t h v o n^ O e st e r r e i ch au verewigen. Bor dem grünen Hintergrund einer der herrlichen Baumgruppen die weiße Marmorfigur, das würde em liebliches Schmuckstück fein. Tas schlichte, schöne Denkmals


